Hießener Jamilienbtäüer. Belletristisches Beiblatt ?um Gießener Anzeiger. M. 42. Dienstag den 10. April. 1888. «S-WtS Ate verlorene Wtöel. Original-Roman in 3 Bänden »en vr. Carl Hartm ann-Plön. (Fortsetzung.) Um 8 Uhr Abends fuhr eine Equipage nach der anderen den Schlangenberg hinauf, denen am Haupt» portale geschmückte Damen und Herren im Frack und in glänzenden Uniformen entstiegen. Der Bahn» zug hatte eine Menge Gäste aus der Stadt gebracht, unter diesen die Mitglieder des Gesangvereins, eine ebensolche Anzahl war aus Holzendorf und von den umliegenden Gütern gekommen. Unter den Equipagen, die vor das Schloß rollten, war auch die vsn Fichtenberg, in welcher Fel-x von Stolzenberg sich befand. Er war erst vor einer Stunde von Berlin zuröckgekehrt, wo er das lästige Geschäft zu seiner Zufriedenheit absolvirt hatte, und nachdem er auf das Sorgfältigste Toilette gemacht, fuhr er in der behaglichsten Stimmung nach der Schlangenburg. Dort erwartete ihn eine liebe Braut, der Geheimrath Wolter hatte seine Einwilligung gegeben, geben müssen, der Nebenbuhler war beseitig?, als Erbe des Generals und als Erbe des Geheimraths brauchte er sich keinen Wunsch mehr zu ver- sagen, war fehlte ihm noch an einem vollkommenen Glück? Die Reihe der prachtvoll decorirten, mit den Pflanzen der Treibhäuser geschmückten Zimmer waren feenhaft beleuchtet, die Geladenen bewegten sich in allen Räumen und nahmen den Thee, den die silber- betreßten Diener servirten. Zm Rittersaal befand sich Alexandra, das Geburtstagskind. Niemand hatte sie in der letzten Zeit in so strahlender Laune gesehen wie heute. Neben ihr stand Frau Rohderi- berg, und sobald eine Pause im Gratuliren eingetreten war, unterhielt sie sich mit dieser sehr angelegentlich. Und dennoch blickte sie bisweilen mit einem geheimen Grauen nach der Eingangsthür, denn sie wußte, daß noch etwas ganz Besonderes geschehen sollte, und wenn ihr auch nicht die näheren Umstände bekannt waren, so konnte sie doch die Hauptsache aus Andeutungen des Generals errathcn, der sie gebeten, Felix so unbefangen wie möglich zu empfangen. Herr von Tramm - Weißenburg, der auf eine halbe Stunde nach Fichtenberg zurückgekehrt war, um sich in seine mit unzähligen Orden geschmückte Generals-Uniform zu werfen, stand, den künstlichen Arm wie immer zwischen die geöffneten Knöpfe feines Waffenrockes gesteckt, am Eingänge des Saales, von wo er den größten Theil der übrigen Zimmer überblicken konnte. Sein Gesicht, das in der letzten Zeit einen bedeutend milderen und freundlicheren Ausdruck angenommen hatte, sah jrtzt wieder finster und strenge aus, seine Brauen waren dicht zusammengezogen. Neben ihm stand ein älterer Stabsofficier, mit dem er sich über Einzelheiten des französischen Feldzuges unterhielt. Frieda und Siegfried waren nirgends zu sehen, ebensowenig Marquardt und Eifrieda. Felix von Stolzenberg hatte etwas lange Toilette gemacht und war daher einer der letzten, die die Burg betraten. Mit einem siegesbewußten Blick schritt er durch die Sääle, vor einigen Damen sich im Gehen leicht verbeugend, und einzelne Osficiere, die er schon früher in Holzendorf kennen gelernt, begrüßend. Am Eingang des Rittersaales traf er seinen Onkel, er reichte dem General die Hand und sagte: „Guten Abend, Onkel — ich höre mit Verwunderung in Fichtenberg, daß Du in dieser Nacht auf der Schlangenburg logirt und den ganzen heutigen Tag hier geblieben bist." „Der Geheimrath und seine Gemahlin machten mir gestern Abend einen Besuch, hauptsächlich, um sich den schwarzen See bei Mondscheinbeleuchtung einmal anzusehen, außerdem aber noch um einige — Familienangelegenheiten zu besprechen." Und etwas leiser fügte er hinzu: „Da ward ich, der jetzige Verwandte, dringend eingeladen, sie zu begleiten und die Nrcht hier zu bleiben." „Ah, ich verstehe", entgegnete Felix lächelnd und ging weiter in den Saal hinein. Mit raschen Schritten näherte er sich der Frau Geheimrath und Alexandras Hand an seine Lippen führend, sagte er: „Gnädige Frau, gestatten Sie mir, Ihnen den herzlichsten Glückwunsch zu Ihrem Geburtstage zu sagen, an dem heutigen Tage feiere auch ich einen Geburtstag, den Geburtstag meines Glücks, der ewig in meiner Erinnerung bleiben wird." „Auch ich, Herr von Stolzenberg, werde diesen Tag nie vergessen." „Sie sind, wie ich annehme, in das Geheimniß dieses Abends von Ihrem Herrn Gemahl eingeweiht?" „Von ihm und von Sr. Excellenz." „Ich konnte es dem Onkel ansehen, daß er Alles weiß." „Er weiß Alles." 170 läge dagegen um so schärfer abhebt. Ich bitte Sie. Platz zu nehmen, meine Zerren!" Die Ojficiere sahen sich gegenseitig verwundert ött. Waren sie auch überrascht und war es nament« lich auch den jüngeren Anfangs wenig angenehm, aus der' Gesellschaft fortgerufen zu werden zu einer so ernsten Sache, für die sie nicht sogleich die rich- tig«! Stimmung hatten, so fanden sie sich doch sehr bald in die Situation hinein. Der General nahm auf einem Stuhl an der Mitte des Tisches Platz, die Uebrigen setzten sich um den Tisch herum. Kaum hatten sich Alle niedergelassen, als die Thür etwas rasch aufgeriffen wurde und FWx von Stolzenberg über die Schwelle trat. „Lieber Onkel", rief er lachend aus, „nun wird mir klar, worum Du mich in dieses stillverschwiegene Zimmer citirt hast! Es ist wie geschaffen zu einer gemüihlrchen Kneiperei, aber ich fürchte, daß die Frau Geheimräthin den jüngeren Herren hier keine lange Ruhe gewähren wird." „Sie ist es schon." „O, dies Wort macht auch mich glücklich." Daß er auch Frau Rohdenberg hier sah, war ihm unangenehm, da war wohl auch ihr Enkel nicht weit." „Run, meinetwegen", dachte er, „mag er sich ärgern über meinen Triumph." Er verbeugte sich vor Alexandra und ging zu Wolter, der mitten im Saal unter dem Kronleuchter stand und von dem gerade einige Herren, die ihn begrüßt hakten, zurücktraten. „Ich danke Ihnen, Herr Geheimrath", sagte er zu ihm, „daß Sie meinen Wünschen so freundlich entgegengekommen find und sogar schon mit meinem Onkel üb r die Angelegenheit conferirt haben, ich gebe Ihnen noch einmal die Versicherung, daß ich das Geheimniß, welches ich mit Ihnen theile, innig bewahren werde. Wann gedenken Sie bk Verlobung Ihrer Tochter zu proclamiren?" „Ich denke während des Soupers." „Das ist jedenfalls der geeignetste Zeitpunkt. Dis Herrschaften werden Augen machen, es hat wohl Niemand eine Ahnung davon, daß ich der glückliche Bräutigam bin?" „Niemand, das kann ich beschwören!" Seit kurzer Zeit ging ein Diener von einem Osficier zu dem andern, urd nachdem er denselben einige Worte zugeflüsterk, verließ der Betreffende sofort seinen Platz und begab sich in ein Cabinet, dessen Fenster hell erleuchtet waren. In demselben befand sich nicht weit entfernt von der Wand ein langer Tisch, der mit einer grünen Decke behangen war und um den herum Stühle standen. Der Gemral empfing hier die nach einander kommenden Officlere und als sie alle versammelt waren, sagte er: „Kameraden, ich bitte Sie zunächst um Entschul- digung, daß ich Sie für kurze Zeit der Gesellschaft entziehe und in den Frohsinn dieses Festes den Miß, ton einer tragischen Katastrophe werfe; aber das, was ich vorhabe, erleidet keinen Aufschub, denn es handelt sich darum, die Ehre eines verleumdeten Kameraden wieder herzustellen und einen Schuldigen zu richten. Für jede qualvolle Stunde, die ein unschuldig Verurtheilter unter der öffentlichen Schande lebt, ist die Welt verantwortlich, sobald sie von seiner Unschuld weiß. Kameraden, ich habe Sie hierhergerufen zu einer Art von Ehrengericht, und wenn Sie den Gegenstand der Verhandlungen erfahren haben, so werden Sie mir Recht geben, daß ich nicht gezögert, und daß ich die mir gegebene G-legenheit I benutze, wo an einem so glänzenden Hintergrunds ! der Triumph sich nur um so strahlender, die Nieder- * „Aber wo ist denn das gnädige Fräulein? Meine ° Augen haben sie schon überall vergebens gesucht." i „Ach", sagte Alexandra, „ein kleines Toiletten- l Malheur, sie wird hoffentlich bald erscheinen." „Ich erwarte ihr Erscheinen mit Sehnsucht und darf wohl die Hoffnung aussprechrn, daß sie sehr ä glücklich wird." „Du irrst", erwiderte der General, „ich habe die Herren gebeten, mit mir eine Sache von hoher Bedeutung hier zu verhandeln." „Ich sehe hier nur Uniformen", sagte Felix, i „diese Sache scheint einen rein militärischen Charak- | ter zu haben und ich nehme an, da ich schon vor i ^nger Zeit aus dem activen Dienst geschieden bin, daß sie mir fern liegt. Daher möchte ich Dich bit- en, Onkel, mich wieder zurückziehen zu dürfen, weil ich im Saale gewisse Verpflichtungen zu erfüllen habe und man mich jetzt schon vermissen wird." „Es wird Dich jedenfalls sehr interesstren, den Verhandlungen beizuwohnen, w.-shalb ich Dich dringend bitte, hier zu bleiben." „Wenn Du es so dringend wünschst, Onkel, ist es ja selbstverständlich, daß ich bleibe!" „Ich möchte Dich ersuchen", fuhr der General fort, „die Thür zu schließen und mir den Schlüssel zu reichen, ich möchte während meiner Rede jede Möglichkeit einet Störung ausgeschlossen wissen." „Die Geschichte scheint ja sehr feierlich werden zu wollen", versetzte Felix und that, was ihm ge- heißen war; und während er dem General die Schlüssel reichte, sagte er: „Dein Gesicht hat in diesem Augenblick einen Ausdruck, Onkel, so finster und strenge und erbarmungslos gerecht, wie ich es in früheren Tagen mehrfach gesehen, als Du noch der chronisch berufene Präsident aller Ehrengerichte warst I" Alle Stühle waren von den Osficieren besetzt, es war keiner mehr für Felix übrig, er achtete nicht weiter darauf. In der Mitte des Zimmers stehend, spielte er nachlässig mit seinem Pincenez. „Auch jetzt", fügte er hinzu, „hat es ja fast den Anschein, als wenn hier ein Ehrengericht versammelt wäre." „Es könnte auch wohl etwas dem Aehnliches ein", erwiderte der General. „Ja, meine Herren, fuhr er mit lauterer Stimme fort, vom Stuhle sich erhebend und den kräftigen, noch ungebeugten Körper 171 militärisch stramm aufrichtend, „mit Ihrer Erlaub, niß werde ich auch heute das Präsidium übernehmen, da» sich von dem eines Ehrengericht» nur dadurch unterscheidet, daß ich der Ankläger bin, und ich Sie bitte, die Richter sein zu wollen!" „Was mag denn da passirt sein?" dachte Felix, „ich habe keine Idee! E« muß ihm ja etwas ganz Besonderes in seinen militärischen Kopf gefahren sein, sonst würde er nicht so viel Wesens daraus machen." „Bevor ich zu dem Kern der Sache komme, Habs ich Ihnen, weine Kameraden, noch ein Geständniß zu machen", setzte der Genera! seine Rebe fort. „Als ich noch activer Soldat war, stand ich in dem Ruf, die strengste Disckplin zu üben, die unbedingteste Subordination zu fordern und dabei, wie mein Reffe sich auszudrücken beliebte, erbarmungslos gerecht zu sein. Daß ich diese Anforderungen vielleicht etwa» allzu sehr auf die Spitze trieb, werden Sie psychologisch erklärlich finden, wenn ich Ihnen sage, daß ich al» junger Offieier mich einmal selbst gegen die Dirciplin vergangen habe. Und weil ich es einmal gethan und es tief bereute, auch nur dies eine Mal gegen die gesetzlichen Vorschriften gehandelt zu haben, so ward ich gegen mich selbst ei« unerbittlich strenger Richter und was ich gegen mich selbst war, wurde ich auch gegen Andere. War ich in jugendlicher Schwärmerei verbrochen, ist die That- fache, daß ich mich ohne die Erlaubniß meiner Vorgesetzten vermählte." „Wie, Onkel", rief Fevx überrascht aus, „Du bist überhaupt jemals verheirathet gewesen? Das ist ja ganz etwas Neues! So bist Du wohl von Deiner Frau geschieden?" „Meine Frau starb nach einem Jahre und allen meinen Kameraden ist meine Ehe ein Geheimniß geblieben. Dies mußte ich vorausschicken und ich bitte Sie jetzt um Ihre fernere Aufmerksamkeit: Vor etwa 20 Jahren wurde ein junger Lieutenant der Infanterie beim Würfelspiel ertappt, mit falschen Würfeln zu spielen, derselbe nannte sich Thalheim. Neun Osficiere, die es gesehen, darunter mein Neffe, Herr von Stolzenberg, waren Kläger und Zeugen, der überführte Fälscher wurde vor ein Ehrengericht gestellt und ich wurde zum Präser deffelben gewählt." „Wo will er nur hinaus?" sprach Felix leise für sich. „Der Fall schien klar und einfach; obgleich der Angeklagte betheuerte, nicht zu wissen, wie die falschen Würfel in seinen Besitz gelangt, so hatten neun Kameraden ihn damit spielen sehen, ich selbst stellte den Antrag, ihn als ehrlos aus dem Officiersstande zu stoßen und mein Antrag wurde angenommen; noch denselben Abend verließ Thalheim die Stadt. Aber meine Herren", fuhr der General mit bewegter Stimme fort, „mein Herz hat dabei geblutet, nie« male ist es mir schwerer geworden, erbarmungslos gerecht zu fei», denn er, den ich verurtheilts, war mein eigenes Sohn." Ein Ruf der Verwunderung erscholl au» Aller Munde und Felix rief erschrocken: „Wie, Thalheim Dein Sohn?" Aber im nächsten Augenblick war er hierüber schon wieder beruhigt, denn hatte auch der Sohn des Generals dir nächsten Anrechte an die Erbschaft, so war er ja mit der Tochter des Sohnes verlobt. „Weil meine Ehe ein Geheimniß bleiben mußte, so mußte es auch die Existenz eines Sohnes, und erst gestern hat mein Sohn erfahren, wer sein Vater ist, gestern erst haben Vater und Sohn sich zum ersten Mal in den Armen gelegen. Daß mein Sohn unschuldig verurtheilt war, das ging aus einem zurück- gelassenen Brief zur. Evidenz hervor, aber gestern war auch der große Tag, wo endlich seine Unschuld an den Tag gekommen und wo wir erfahren, baß ein Schurke seine eigenen falschen Würfe! mit denen meines Sohnes vertauscht hat. Für seine verlorene Ehre hat der Himmel ihn glänzend entschädigt, mit Gütern gesegnet und ist er aus Afrika vor zehn Jahren zurückgekehrt, Seine Majestät hat ihn aus« gezeichnet, es ist der heutige Gastgeber, der Geheim» rath Wolter!" Die Ueberraschung der anwesenden Osficiere war eine große und allgemeine. „Und nun frage ich Sie, Kameraden", sprach der General mit erhobener Stimme, „was verdient derjenige, der einem jungen braven Osficier sein höchstes Gut, seine Ehre geraubt, der ihn in eine fremde Welt hinausgestoßen, der einen Vater zwang, den eigenen Sohn zu verurtheilen, der diesem Vater zwanzig freudlose und reuevolle Jahre breitet hat, ich frage Sie, meine Herren, was verdient ein solcher Schurke?" (Schluß folgt.) Gin Actien-Nntemehmm. Dem Schwedischen nacherzählt von Albert Kamecke. (Schluß.) „Das. war nun nicht gerade sehr ermunternd", fuhr Walter in seinem Bericht fort, „aber ich beschloß doch, einen Versuch zu machen, und behaupte, daß den Damen ein Kaval er und Redner, wie ich ja einer bin, stets gefällt. Allerdings, ihre riesige Figur, die selbst einem Siegfried keine Schande gemacht hätte, machte mich beben. Doch trotzdem wagte ich mich an sie heran und noch an demselben Nachmittags lernte ich sie bei Gelegenheit eines Tanzes kennen. Sie tanzte famos, erzählte und plauderte, als ob wir uns schon wer weiß wie lange kannten, kurz, sie war das liebenswürdigste Weib, welches ich je gesehen habe." „Wie alt war sie denn eigentlich?" fragte einer der Freunde, „vielleicht d’un certain age?" — „Ich weiß es nicht genau; vierundzwanzig Jahre sagt |ie selbst, doch hätte ich sie ebenso gut für achtzehn, dreißig, ja auch vierzig Jahre halten können; sie schien eben gar kein Alter zu haben. — Wir wurden bald so Vertraut, baß sie mich einlud, am Abend mit ihr eine Segelfahrt zu machen. Ich war natürlich damit einverstanden und brachte ihr des Abends einen Blumenstrauß mit, welchen sie dankend annahm. Es waren treffliche Partien, die wir heute und die folgenden Tage gemeinschaftlich machten. Da bei Marstrand keine Skären sind, so ist das W-fler dort zum Segeln ganz prächtig, und wenn die Wellen gar zu hoch gingen, dann wickelte sich meine schöne Begleiterin fest in ihr Wachstuch und zog gan ur- genirt in meiner Gegenwart lange Gamaschen an, damit ihre schönen Füße nicht allzu naß von dem Seewaffer würden. Ich sag' Euch, es war ein göt- ltches Weib, und noch heute denk' ich mit Wonne an jene Tage!" „Nun, das ist all' recht gutr', meinte Andreas, „aber komm' nur endlich zur Hauptsache, wie weit gedieh er mit der Hochzeit?" »Ach, die Hochzeit", seufzte Walter, „es wär' so schön gewesen I — Bei unser» Bootfahrten und Vergnügungen verrann der Sommer bald. Endlich ful mir ein, weswegen ich denn eigentlich in Marstrand sei und ich beschloß, endlich meine Brautwerbung anzubringen. Am nächsten Tage kletterten wir Beide in den Felsen herum und, da wir so ganz allein und von Niemand gesehen waren, faßte ich mir ein Herz und bat sie, sich einen Augenblick neben mir nieder- zulaffen, da ich ihr etwas Wichtiges zu sagen hätte. Ich erzählte ihr von unserm Heirathsplan, daß mich das Loos getroffen hätte und ich sie nun zu meiner Frau machen wolle." „Nun",, warf der Docent ein, „da hat sie Dich wohl tüchtig ausgelacht?" „Nein, das nicht; sie nahm vielmehr meine beiden Hände in dis ihren und sagte, daß sie mich wohl leiben möge, aber doch nicht heirathen könne. Das dachte ich mir wohl, gab ich ihr traurig zur Antwort, und da umarmte sie mich und küßte mich, daß ich gar nicht wußte, wie mir geschah. Dann sorderte sie mich auf, sie nach Hause zu begleiten. Wir brachen auf und unterwegs mußte ich ihr noch einmal genau unser Actim Unternehmen auseinander- sktzen. „Wie groß war denn das Actien-Crpital?" fragte sie, Ich sagte es ihr. — „Nur zweitausend Kronen? Bei Gott, die ganze Idee ist das Zehnfache werth; ich werde Ihnen ebenfalls zweitausend Kronen leihen, doch unter der Bedingung, daß noch einer von Ihnen den nächsten Sommer nach Marstrand kommt, und hier Brautschau hält", so sagte sie zum Schluß zu mir." „Und nahmst Du dies Anerbieten an?" „Gewiß." „Das ist recht, doch wer von uns wird denn noch auf Reifen gehn?" „Das soll wieder das Loo» entscheiden. Wenn es noch ein paar Mal so geht, werden wir bald Alls auf anderer Leute Kosten vergnügt leben und Brautschau halten können. Hoch lebe unser Actien- Unternehmen!" Aer Werth des Turnens. Der Werth, welchen die Pflege von Leibesübungen und Turnen in körperlicher Hinsicht bietet, rst so vielfach bekannt, daß es hierüber wohl kaum einer weiteren Erörterung bedarf. Weniger gewürdigt wird jedoch noch der geistige und sittliche Einfluß, den ein Turnverein, der seine Aufgabe richtig erfaßt, auf seine Mitglieder ausübt. Strenge Ordnungsliebe, freiwilliges Fügen unter gegebene Befehle wird vor allem auf einem Turnplätze verlangt. Zwei Dinge, deren Erlernung dem Menschen allüberall nutzenbringend sein kann, denn — „Ordnung ist das halbe Leben" sagt ein altes Spnchtwort, und sich als Einzelner fügen unter gegebene Gesetze, um dadurch ein starkes Ganze herzu- stelleu, dieses Bewußtsein sollte heut zu Tage in jedem Manne recht tief wurzeln. Dann fördert aber weiter das Turnen selbst die Gedächtnißfchärfe in einem Maße, wie es keine sonstige Leibesübung vermag. Wie künstlich werden oft verschiedene Hebungen verbunden, wie muß eine Hebung durchdacht und erläutert werden, ehe es ans praktische Erlernen geht; dieses alles bedarf des Denkvermögens im höchsten Grade, und ist darum vorab für die Jugend von großem Vortheil, denn em Denkender ist auch ei« brauchbarer Mensch in jeder Lebenslage. Ein fernerer Werth für das innere Lebens des Turnens liegt in dem Hmstande, daß die Jugend mit dem Alter, sei es auf dem Turnplätze, sei es bei Turnfahrten oder Festen, häufig in Berührung kommt. Gegensätze, die sich berühren, gleichen sich aus. Wenn die Jugend im Verkehr mit älteren Leuten sich eines gesetzteren Wesens befleißigt, so wird hmgegen der ältere Mann in den Stunden, welche er mit jugendfrischen Turngenoffen verbringt, gern den Ernst des Lebens vergeffen und mit der Jugend wieder jung werden. Ein ernstes Ziel, in heiteren Stunden angestrebt, dieses Bild stellt sich uns nach dieser Richtung in der Turnerei dar. „Jugend muß sich austoben", heißt es oft im Bolks- munde. Gut, — fendet die Jugend auf den Turnplatz ! Hier mag sie ihre Kräfte erproben und stählen, hier mag sie gehorchen und denken lernen und sich Vertrauen auf das eigene Können erwerben, welches ein offenes und freies Auftreten, fern von jeder Dreistigkeit, verleiht. Möge der hohe Werth, den unsere deutsche Turnerei auch in der dargelegten Richtung bietet, allgemeine Anerkennung und dadurch die Sache selbst immer mehr Freunde und Förderer finden, damit sie mit der Zeit werde, was sie sein soll, — ein körperliches und geistiges Erziehungsmittel unserer Nation. Redaction: A. Ache y da. — Druck und Verlag der Brühl'schon Druckerei (Fr. Ehr. Pi et-sch) in Gießen.