Eüeßener AmiüenbWter. Belletristisches Beiblatt ;um Gießener Anzeiger. Donnerstag, b$n 8. November. Nr. 132. 1888. die Geschichte des neuen Rüdershaufen'schen Dramas stunde entgegengesehen, wo die verknöcherte Selbst- Im Kaufe Immendors. Original-Roman von Emilie Heinrichs. gcraihenes Herz um des Hauses Ehre willen bezwungen hast, das rechne ich Dir als ein Opfer an, weshalb ich den Schau- von Dir fordere, den bedingungslosen Schwur, Schwester Ulrike, den Namen Jmmendorf für keinen bürgerlichen einzutauschen, sondern zu leben und zu sterben, wie die Ehre des Hauses es fordert. Ich würde nach meinem Tode Di- erscheinen und Dein G-wissm wie ein Alp be- lasten", setzte sie mit unnatürlich kreischender Stimme hinzu, wobei ihre Züge sich furchtbar verzerrten. ,GottI Gott! welche Qual!" dachte die gemarterte Ulrike, während sie Alle« auf tot» die Erregte, deren schwacher Lebensfaden augenblicklich zu zer- mitthstlts. „Dcrwegen bin ich, bevor Tante Irmgard eins Ahnung meiner Ankunft hatte, geflüchtet, um bei Ihnen Schutz zu finden vor dem Schicksal, zu welchem die Herzlos? mich ausersehm", schloß sie mit versagender Stimm«, nur mit Mühe die Thränen reißen drohte, zu beruhigen. Endlich, nachdem sie das Schwerste gelobt, war es ihr gelungen. Die Kranke flüsterte müde den Namen „Hedwiga" und schloß die Augen zu einem i Tage zu einer kranke» Freundin nach einem benach- s barten Gute gereist, und die Last somit ganz klar, i wie der Major im Stillen dachte, da er bereit« durch l den Arzt auf eine Katastrophe im Jmmendotflschen - Hause vorbereitet war. Hedw'ga blickte ihn theilnehmend an. „Sie wird diesen Trumpf vergessen^ ürer den Baron Lerchenheim hatte mittlerweile seinen Auf- ■ trag aurgericht t und Hedwiga dem Schutze des Trllkawp'schen Hauses überg-bcn. I zurückhaltend. r* — ' (Fortsetzung.) I Hause vorbereitet war. Nein Schwester — e» ist die Wahrheit", \ Der Baon hatte stch rasch wieder empfohlen, flüsterte Irmgard, von diesem Gedanken ganz befrie- worauf H-dwiga den beiden vertrauten Freunden, bißt, weite-, „daß Du aber Dein auf einen Abweg vor welchen sie kein Gch-imniß zu hüten> brauchte, " 'v ? - ft*-.. ...irr-— c. vx». hoA SflÜhor&nrtinPtr imAfrl SDTOHltlö leichten Schlummer. , \ Ulrike blickte, die Hände im Schooß gefaltet, mit t überströmenden Augen auf sie hin. Nun war das - letzte Opfer g-bracht, der T-aum von Erdenglück für immer zu Eade. Ihr edles Herz kämpfte gegen> die < Bitterkeit, welche wie Gift durch die Adem schlich j und so natürlich, so menschlich erschien. Der treue Tellkamp schien sie vorwurfsvoll und finster anzu- - blick.n, er hatte ein Recht dazu, — aber Hrdwiga M^' sich'widersetzen wird", sprach der Major, schwer sollte der schnöden Selbstsucht nicht geopfert, dem : Qt&tnenb D liebes Kind, Sie ahnen es nicht, mit Moloch der Standes - Bomrtheile nicht geschlachtet f$On s^t Jahren dieser Sterb> werden. stunde entgeg-ngssehen, wo die vecknöcherie Selbst- Mit diesem Entschluß rang sich ihre stark- Seele ^ren letzten Trumpf noch ausspielen konnte.", frei, — sich geräuschlos erhebend, verließ sie das Hedwiga blickte ihn theilnehmend an. Ammer, um d-r Pflegerin ihren Platz wieder ein- „Sie wird diesen Trump? vergessen üoer den »uräumen, sich in txr Einsamkeit zu sammeln, und „habenen Gedanken einer glänzenden Verbindung das Gleichgewicht der Seele zurück zu erhalten. mtt dem Namen Rüdershausen", bemerkte sie seuf- t zend. „O, daß mein Bruder Ulrch auch gerade 261 krank werden mußte." „Dein Bruder ist krank? ‘ fragte Magda erscyreckt. Ja, Kind, ein Fieber hat ihn gepackt, doch droht keine Gefahr dabei. Nur reisen durfte er nicht, zu« =mpnn8"R7«i» ««”** Me, wat ta »mm»! ' Der Major und Magda hatten regungslos zugehört. Nun schlang lchters den Arm um ihren Hals und küßte sie zärtlich. „Der Onk-l beschützt Dich, Du Liebel" sprach i sie tröstend, „wie kann die Tante Irmgard so rück- ; stchtrlos über Dich verfügen?" j „Es sicht ihr gleich", rief der Maio', sich heftig \ erhebend, und mehrere Male das Ztmmcr durch- ° schreitend. „War's doch stets ihre höchste Wonne, l Glück zu zerstören und Herzen zu brechen. Nein, ' das darf ihr am Schluß ihres Lebens nicht auch - noch gelingen. — Was sagt Ihre Tante Ulrike dazu?" setzte er zögernd hinzu. I Hedwiga zuckte die Achseln. l „Könnte sie durch ihren Tod mich reiten, sie i thäte es sicherlich. UebrigenS rieth st? zu meiner ? schleunigsten Entfernung." „Wenigstens eine deine Hoffnung,^daß sie du«- 530 „Allerdings, feine Gegenwart wäre mir äußerst erwünscht aewesen", rief Tellkamp. „@r hätte diesem Rüdershausen einen Besuch machen müssen, um sich den Burschen genau anzusehen, was ich allerdings such wohl thun könnte —" „Ach, Onkel, mit welchem Rechte?" fragte Magda kopfschüttelnd. „Freilich, freilich, mit welchem Rechteerwiderte der Major melancholisch, „bist verständiger als Dein alter, kopfloser Oikel, kleine Magda! — Weder Egon noch ich haben das geringste Recht zur Ein« Mischung, nur Ulrich allein als Haupt der Familie wäre dazu berechtigt. Und nun muß diesen Unheilstiftern noch das besondere Glück zur Seite stehen, daß der Einzige, den sie zu fürchten haben, durch Krankheit fernegehalten, nichts von dieser Katastrophe erfährt. O, man möchte an der Gerechtigkeit verzweifeln!" „Der gute Major mußte einsehen, daß weder Murren noch Verzweifeln die Katastrophe zu hindern vermochte, wenn nicht, wie eine geheime Hoffnung, gegen welche sein edler Sinn vergebens arckämpste, ihm fortwährend zuraunte, eine höhere Hand der verderblichen Selbstsucht ein rasches Ziel fetzte. Es bedurfte nicht viel, wie der alte Hausarzt ihm mit- gethsilt, um den jähen Tod der langsam Dahinsterbenden herbeizuführen. Das wäre dann allerdings die rascheste und einfachste Lösung des unerquicklichen Dramas. Vor allen Dingen blieb Hedwiga einstweilen in seinem Hause, also fern von dem Schauplatz der Katastrophe, welche ohne sie, als die Hauptperson, nicht inscenirt werden konnte. Mittlerweile hatten sich in der Residenz andere Dinge zugetragen, welche den kranken Ulrich zu einem raschen Entschluffe trieben. Als der Zug mit Hedwiga abgefahren war, kehrte Egon zu dem Freund zurück, den er in einer hochgradigen Unruhe traf. „Ich halt's im Bett nicht mehr aus", rief er dem Eintretendeu entgegen, „die Angst und Unruhe erdrückt mich. Ich muß handeln, Freund Egon, um das Fieber los zu werden. Komm, .Bruderherz, hilf mir!" Egon schüttelte den Kopf, that ihm aber doch den Willen und half ihm aufstehen und sich ankleiden, wobei er sich über die Energie de» Kranken im Stillen wunderte. „Jetzt ein Glas Wein, vom besten, Bruder, um die Fieberschwäche abzuschütteln und dann auf nach X." „Aber, Ulrich, ohne die Erlaubniß der Arztes —" „Ach was", unterbrach ihn der Kranke lachend, „die Aerzte machen uns erst recht krank mit ihren Mixturen, — ich will gesund sein und siehe, ich bin’»! Wann geht ein Zug nach X.?" Egon schlug das Coursbuch auf und blickte dann nach seiner Uhr. „In einer halben Stunde kommt ein Expreßzug, der nur zwei Minuten hier und bei X. anhält. Ich denke aber erst den Arzt zu rufen, kann die Ver* antwortung in der That nicht übernehmen, bester Ulrich!" „Nichts da, ich befinde mich ganz brillant", versetzte Ulrich, „noch ein Glas Wein, Egon, er hat eine famose Wirkung. — So, mein Gelubtester, ich dirpensire Dich von jeglicher Verantwortung, — bah, de» Menschen Wille ist sein Himmelreich, ich fühle es, daß daheim jetzt mein Platz ist, fühl's an der tödtlichen Unruhe meines Herzens, da Tante Ulrike noch schließlich einen Opfer-Altar errichten würde, um sich abschlachtm zu lasten, wenn ihre Tyrannin es mit dem letzten Achemzuge verlangte." Er ließ sich unter diesen hastig hervorsprudelnden Worten in einen warmen Pelzmantel einhüllrn, sich eine Pelzmütze über die Ohren ziehen, in weiche Shawls einwickeln und dann die Treppe hinabge- leiten, wo bereits eine Droschke, welche Egon rasch hatte holen lasten, ihrer harrte. Letzterer besaß noch die Ueberlegung, beim Schloß halten zu lasten, um durch den Hofmarschall ihre plötzliche, nothwendige Abreise dem Fürsten zu melden und dann ging'» rasch nach dem Bahnhof, wo die Ankunft des Expreßzuges bereits fignalisirt war. Während Egon die Billets nahm, schritt Ulrich auf dem Perron langsam hin und her, ohne einen Mann zu bemerken, der ebenfalls den Zug benutzen wollte und ihn mit sichtlichem Jnterefle unausgesetzt beobachtete. Plötzlich, wie von einem raschen Impuls getrieben, trat derselbe auf Ulrich zu, grüßte sehr höflich und fragte: „Ich habe doch die Ehre, den Herrn Baron von Jmmendorf vor mir zu sehen?" Ulrich blickte ihn scharf an, griff an seine Mütze und nickte kurz, offenbar, um jede weitere Unterhaltung von vornherein abzuschneiden. „Gönnen Sie mir einige Worte unter vier Augen Herr Baron!" bat der Fremde, welcher im Ganzen einen höchst anständigen Eindruck machte. „Es muß Sie jedenfalls interessiren, da meine Mittheilung einen gewisten John Walter, welcher in X. auf ge- heimnißvolle Weise verwundet worden, betrifft." Ulrich zuckte unwillkürlich zusammen und wurde noch um einen Schatten bleicher, als er war. „Was geht das mich an?" gab er mit unsicherer Stimme zurück. „Ich wollte Ihnen mittheilen, fuhr der Fremde unbeirrt fort, „daß ich Detektiv bin, den sauberen Vogel, der aus dem Gefängniß der Residenz entsprungen ist, bis nach Oesterreich verfolgt, ihn dort entdeckt und erfahren habe, daß er der Neffe des jüngst verstorbenen Grafen Rüdershausen ist und sich aller Wahrscheinlichkeit nach, soweit ich seiner Spur in der neuen Metamorphose al» Universal-Erbe seines Onkels gefolgt bin, augenblicklich in X befindet." In diesem Augenblick erschien Egon mit den Billets und da der Zug ebenfalls heranbrauste, so war selbstverständlich keine Zeit mehr zur Fortsetzung der Unterhaltung, welche gerade jetzt für Ulrich eine höchst intereffante Wendung genommen hatte. 581 Kalender. (Nachdruck verboten.) „ES ist ein groß Ergötzen Eich in den Geist der Zeiten zu versetzen." Die Zeit ist wieder einmal da, in welcher die Verleger die Kalender für das kommende Jahr versenden. Ihre Zahl ist Legion, ihre Beschaffenheit und Art, ihre Ausstattung, ihr Preis und Format sind so verschiedenartig wie nur möglich. Da giebt „Dieser Herr wird das Coupö mit uns thrilen", sagte letzterer, als der Zug hielt, „kommen Sie rasch, meine Herren I" Egon warf einen halb verwunderten, halb miß- tranischen Blick auf den Deteciiv, welcher kein anderer al» unser alter Bekannter Thorsen war, und folgte kopfschüttelnd dem voranschreitendrn Ulrich, welcher einige Worte mit dem Schaffner sprach und dann in ein leeres Coupö stieg. Nachdem Egon und der Detectiv ihm gefolgt, brauste der Zug davon. „So, wir sind ganz unter uns geblieben", 6e* gann Ulrich jetzt, sich ermüdet in einen Winkel zu- rücklehnend. Liebster Egon, sei so gut, und laß Dir von jenem Herrn eine seltsame Geschichte erzählen. Bitte, mein Herr Detektiv", sagte er zu dem ihm gegenübersitzenden Thorsen, „mein Freund hier genießt mein unumschränktes Vertrauen, erzählen Sie ihm, was Sie mir vorhin mitgetheilt." Egon setzte sich etwas zögernd neben Thorsen, da das Wort „Detektiv" ihn sehr stutzig machte und blickte denselben erwartungsvoll an. Thorsen lächelte ironisch, warf einen vvck auf Ulrich, welcher die Augen geschloffen hatte und sehr leidend schien. „Herr v. Jmmendors ist krank?" fragte er leise. „Ja", nickte Egon, sich besorgt zu dem Freunde wendend. „Siehst Du, nun haben wir'», rief er erschreckt, „dar Fieber kehrt zurück, ich hätte ei unter keiner Bedingung leiden sollen." Ulrich öffnete die Augen und meinte lächelnd, er fühle sich nur matt, ein wenig Schlaf werde ihm gut thun. Egon tastete an seinem Pelz herum und zog triuwphirend ein Medicinfläschchen hervor. „Da» steckte ich zur Borstcht in die Tasche", sagte er mit Genugthuung, „komm', lieber Ulrich, nimm einige Tropfen, Du weißt, sie sind gut. Trink' nur ein wenig davon au» dem Fläschchen." Ulrich trank und schlief sofort ein. „Er ist noch so sehr schwach und leidend, ich hält' e» nicht dulden sollen", seufzte Egon, die Gegenwart de« Fremden ganz vergeffend. „Freilich", sagte Thorien, „man steht'S ihm an, doch wird seine Gegenwart in der Vaterstadt jetzt vielleicht die wohlthätigste Krisis für ihn werden." Egon maß den Sprecher mit einem stolzen Blick. „Ach, Sie wollten mir eine Mittheilung machen", sagte er kalt, „betrifft dieselbe meinen Freund?" „Ja, Herr Doktor I — ich bin allerdings nur ein Detektiv, doch bitte ich, nicht zu gering von meinem Stande zu denken, da derselbe da» wichtige Bindeglied zwischen dem Gesetz und dem Verbrecher, also gleichsam den Kitt der gesellschaftlichen Ordnung bildet. Ich diene dem Gesetz mit Leib und Seele und habe e« mir zunächst jetzt zur Aufgabe gemacht, den geheimnißvollen Mordanfall im kleinen Gehölz zu X> nach ollen Seiten hin auszuklären, um den eigentlichen Schuldigen zu entdecken." „Ah", machte Egon etwas erregt, „warm Sie vielleicht jener Beamte, welcher meinen Onkel Tell. kamp und mich —" „An der Jmmendorf'schen Gartenpforte verhaften wollte", lächelte Thorsen, sich verbeugend, „leider, Herr Doktor, jener Attentäter war ich, obwohl ich meiner Sache durchaus sicher, alle Vorkehrungen getroffen Hatte, um meinen Vogel zu fangen. Die Unachtsamkeit meiner Leute und der Nebel vereitelten den Fang, war mich jetzt mit stiller Freude erfüllt. — Darf ich fortfahren, Herr Doktor?" „Nur zu, Sie sind wenigsten» von einer verblüffenden Offenheit." „Weil diefe jetzt geboten ist", lachte der Detektiv leise, „man hat in solchen Sachen seine gewiffen Combinationen und einen besonder« feinen Fühler." , Welche nur gar zu häufig in die Irre und auf falsche Spuren leiten", warf Egon finster hin. „Manchmal freilich, weil man eben nicht allwissend ist", gab Thorsen achselzuckend zu. „Nun, lassen wir da«, Herr Doktor I — Ich verfolgte hier eine sehr fichere Spur, bei welcher die Combination mich nicht im Stiche gelassen, da ich den Gegner de« verwundeten John Walter, wie der Fremde au« dem kleinen Gehölz sich nannte, bereit« gepackt hatte und ihn später auch in seiner wahren Gestalt er- kannte, weil ich einfach zu combiniren verstand." „Fahren Sie fort", sprach Egon ruhig, al» Thorsen ihn mit einer gewissen Herausforderung anbltckte. . , , „Ja, ich kenne den Herrn und hielt ihn für den Attentäter —" „Auch jetzt noch?" fragte Egon. „Nein, jetzt nicht mehr; — ich suchte mich dem Verwandten im Hospital zu nähem, wa« mir auch gelang, ich beobachtete ihn und bildete mir ein ziemlich sicheres Urtheil über ihn au« feinen Fieberreden, woraus ich schloß —" „Ah, Sie eombinirten auch dort?" unterbrach ihn Egon spöttisch. „Allerdings that ich da«, weil da« Fieber ein hochgradiger Rausch, ein Delirium ist, und der Trunkene stets die Wahrheit verräth. Ich schloß aus seinen Reden, daß er seinen Gegner beraubt und überhaupt Manche« auf dem Kerbholz haben mußte, das machte mich nachdenklich. Al» er ganz hergestellt war, erhielt ich den Auftrag, ihn nach der Residenz zu bringen und in’» dortige Gefängniß abzuliesern. Er entsprang dort, und ich fetzte meine Ehre darauf, ihn wieder einzufangen." (Fortsetzung folgt ) 682 ? gtciqctia'n; U, Scheyds, — Druck und Verlag der Ärühl'scheu Druckerei (Fr. Shr, Pieljch) in Gicheu. Volksaberglaube von der nüchternen gebildeten Welt des achtzehnten Jahrhunderts nicht mehr recht verdaut wurde und in dem gelehrten Bücherwesen nirgends mehr die Freistatt fand, da verbarg er sich zu allerletzt noch in den grauen Löschpapierblättern der Volkskalender. Aus demselben Grunde, saus welchem weise Frauen zu Ariovist's Zeit den Germanen geboten, daß sie nicht vor Neumond die Schlacht beginnen sollten, gebot vor hundert Jahren Magister Gaug, der Kalenderschreiber, den deutschen Bauern, daß sie vor Neumond beileibe nicht purgiren und arzneien möchten, denn das wachsende Licht bringt Fülle und Gesundheit, das abnehmende Zerstörung und Untergang. In den alten Kalendern, die ein ganzes System solcher „Erwählungen" durchführen, werden die positiven Geschäfte, wie Säen, Pflanzen und dergl. überhaupt in die Zeit des wachsenden, die es große und kleine, einfache und prachtvoll ausge- ' stattete, theure und billige, allgemeine Volks- und Hof-, : Fach- und wissenschaftliche, „konservative" und „libe- i rale" und wer weiß was sonst noch für Kalender! । Noch heute sind sie eine Macht, gerade so wie in ■ früherer Zeiten; noch jetzt ist wie ehemals nicht selten ; neben Bibel und Gesangbuch der Kalender das einzige gedruckte Buch, welches Viele in die Hände bekommen. Von jeher ist es geradezu eine Kulturquelle gewesen und bis auf den heutigen Tag geblieben, was auch keineswegs verkannt, sondern besonders wieder in neuester Zeit ins Auge gefaßt worden ist. Verschiedene Volksbildungs-Vereine geben jährlich ihren Kalender heraus und suchen ihn durch seinen Inhalt wieder zu seinem alten Rechte zu verhelfen, ihn zum Werkzeug der Volksbildung zu machen. Ob dies wirklich immer auf richtigem Wege versucht wird, ob es zum wirklichen Ziele führt, bleibe dahingestellt; außer Frage steht es aber, daß es möglich ist. Und darum sind auch unsere heutigen Kalender von kulturgeschichtlichem Interesse gerade so wie in früheren Zeiten. Werfen wir einmal einen Blick auf die Volkskalender des vorigen Jahrhunderts! Damals verdienten sie diesen ihren Namen noch im vollsten Sinne des Wortes, denn sie waren getreue Spiegel der damaligen Volksbildung und Volkssitte, in der Regel wirkliche historische Volksbücher. Freilich bildeten die alten Kalendermacher meist die Hefe der damals schreibenden Welt, was viel sagen will, allein sie waren trotzdem ebenso einflußreich wie unsere besten heutigen Volksschriftsteller. W. H. Riehl, der bekannte Kulturhistoriker, hat vor dreißig Jahren hierüber eine hochinteressante Abhandlung veröffentlicht. Noch in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, so sagt er, war der Kalendermacher eine geheimnißvolle, magische Person, ein halber Hexenmacher; ja, man kann sagen, diese Leute, die in ihrer Mehrheit eine Körperschaft von miserablen literarischen Gesindel bildeten, sind die letzten „Seher" des deutschen Volkes gewesen. Drum sagt der Bauer heute noch, wenn einer träumend und sinnend dreinscheint: man meint, „er mache Kalender." Als der poesiereiche uralte negativen, wie Holzfällen, Haarschneiden rc., in die des abnehmenden Mondes verlegt. Hier finden sich die letzten Neminiscenzen von Astrologie, Wahrsagung und Zeichendeuterei und das dabei obwaltende Gemisch von System und Willkür, von alter mystischer Ueberlieferung und neuer nationalistischer Kritik macht die Kalender des achtzehnten Jahrhunderts als Urkundenbücher des absterbenden Volksabcrglaubens besonders interessant. So weit Riehl. Durchgehends wiederkehrend in den Kalendern vom Anfang bis Ende des vorigen Säkulums ist die Aderlaßtafel, die merkwürdig lange ihren Platz darin, selbst noch im neunzehnten Jahrhundert behauptet hat. Es erklärt sich dies daraus, daß es im sechszehnten und siebzehnten Jahrhundert ein ganz allgemeiner Brauch war, vor Krankheiten durch regelmäßigen Aderlaß Schutz zu suchen. Hierfür gaben nun die Aderlaßtabellen bestimmte Vorschriften; in dem 1721 bei Johann Michael Funk in Erfurt erschienenen „Verbesserten Immerwährenden Haus- haltungs-, Reise-, und Haus-Kalender . . . zum Druck befördert vom Turanophilo" heißt es beim Januar: Im Januar scheut die Medicin, Und laßt kein Blut, das ist mein Sinn; Halt euch fein warm, gebraucht auch frey; Erwärmend Kraut und Specerey; Weil sie des Schleimes Zehrung seyn. Trinkt nun auch bitter Bier und Wein, Von Calmus, Alant, Wermuth-Saft, Von Lorbeern, es ist Magen-Kraft, Beweget auch hierbei den Leib, Ein Arbeit sey der Zeit-Vertreib. Ein solches thut dem Leibe gut, Macht grad Gelenk und frisches Blut. Für den Februar lautet dagegen die Vorschrift: Sei in dem Hornung warm bekleidt, Purgier, bad, schwitz, nun ist es Zeit! Trink Aland, Wermuth-Bier und Wein Es wird Dir nun sehr dienlich seyn. Scheu nun die Luft, bleib gern zu Hauß, Sonst schlägt es gern zur Krankheit aus. Spiß um und grab, beschneid den Baum, Und putze Deines GartensMaum. Und für den März: Ein Jeder fäuber nun sein Blut, Purgier und bad, es ist sehr gut. Die jungen Kräuter nehmt in acht, Sie haben nun die größte Macht, Der Ingwer, Pfeffer unb Salbey, Kalbs-, Hühner-Fleisch sind Artzeney, Auch sind die frischen Eyer gut, Sie nähr- und mehren nun das^Blut, Enthalt dich auch von Lieh uM Wein, Es wird dir alles dienlich seyn. Brau nun gut Bier, mein lieber Brauer, Es ist gesund und wird nicht sauer. Ein Mertz fein treug, April fein naß, Der füllt den Korn-Sack und das Faß. (Schluß folgt.) Nr. 11 „2B Spur, als Uni seligen wieherst Ego den schl Sie da, „Di das Mi zu sehsi „Pi mein H ihn in geirrt h wegs, t welchen Welt gl großen lassen, Erbe ar im Ste welcher hat sttz> Vogelw namen, Erbgrch von ihr als der Herrsch, mich ar den Zu bereits „W Ecregm „N< hin ein Eg, Angst l Was n dort? ■ dörfisch letzte t langen Ec