6) ich en er Jamilienbkätler. Belletristisches Beiblatt zum Gießener Anzeiger. Dienstag dm 7. August. Nr. 92. 1888. Der Alle des Kaufes. Roman von Hermine Frankenstein. (Fortsetzung.) Lowder's Augen glühten vor unheimlichem Glanz und leuchteten wild aus seinem bleichen Gesichte hervor. Ec fühlte sich gedemülhigt und war zornig, daß da« Mädchen Zeuge seines Verbrechens gewesen, daß sie seine Schlechtigkeit gesehen und so viel von seinem wirklichen Charakter wußte. „Du warst es also, die Sir Arthur gestern Abend auf meine Spur brachte", murmel! e er. „Hat Dir mein Vater heute Morgen mein Geständniß — meine Reue mitgetheilt?" „Er hat mir gar nichts mitgetheilt, als daß Du das Geld genommen hast, um eine Spielschuld zu bezahlen." „Es ist so", sagte Lowder, den Kopf senkend. „Ich habe meinem Vater gestern Abend Alles gesagt. Und er hat mir ganz verziehen. Die ganze Geschichte war nur eine knabenhafte Thorhett." „Ich bedaure, daß ich die Angelegenheit nicht in diesem Lichte betrachten kann", entgegnete Blanche kalt. „Hast Du kein Erbarmen, Blanche? Siehst Du nicht, wie schrecklich ich leide in dem Bewußtsein, meine Verirrung vor Dir blosgelegt zu sehen?" rief Lowder leidenschaftlich. „Ich spielte in Neapel. Ich war einem Manne dort zweitausend Pfund schuldig. Er kam gestern nach Tresstlmn-Hof und beschimpfte mich, weil ich ihm das Geld noch nicht gegeben hatte. Mein Vater betrachtet das Spiel als ein Verbrechen und ich wünschte, mein Unrecht vor seinen Augen zu verbergen. Ich wußte nicht, wie ich in so kurzer Zett so viel Geld aufbringen sollte. Da erfuhr ich, daß eben die Summe, die ich brauchte, in der Kaffe liege und zum Ankauf eines Geschenkes für mich bestimmt sei. Ich habe die Sache nicht als einen Raub betrachtet. Ich rnrhalf mir zu dem, was ohnedies einst mein werden sollte —" „Und bezeichnetest Purmton oder Poxter oder sonst einen der Diener als den Dieb", sagte Blanche mit bitterem Hohne. „Blanche, Du treibst mich vollends zut Verzweif- lung. Es ist meine erste Verirrung — ich will sie auch meine letzte sein laffen. Willst Du mir den Weg zum Rechte so schwer machen? Ich habe meine Schuld anerkannt. Wenn Leiden eine Verirrung entsühnen können, dann habe ich wahrlich für die meinige gebüßt. Du. die Du nie gelogen, nie auch nur ein Haar breit von dem Pfade des Rechten abgewichen bist, kannst meine Schwäche weder b - greifen, noch bemitleiden. Du kannst sie nicht verzechen!" Er stand vor ihr inmitten des Feldes, am Uferrand, ein Blld der tiefsten Verzweiflung. Seine verzerrten Züge, fein gesenkter Kopf, seine krampfhaft geballten Hände verriethen einen Schmerz, der nicht ganz erheuchelt war. Ec war auch in der That von einer tödtlichen Angst ergriffen, daß dieses reine, hochstnnige Mädchen ihn ganz von sich stoßen werde. Und niemals, bis zu diesem Augeblicke, hatte er gefühlt, wie leidenschaftlich und grenzenlos er sie liebte. Kein Gedanke an Hefter — die arme, sanfte, hingebende Hefter — kam in dieser Krisis seines Lebens in seine verlorene Seele. Sein Flehen drang dem jungen Mädchen zu Herzen. Ihre schönen Züge veränderten sich und ein mitleidsvoller Ausdruck trat in ihre großen, grauen Augen. „Ich bedauere Dich, Guy", sagte sie. „Ich will durchaus nicht grausam an Dir handeln. Wenn Du aufrichtig bereuest, habe ich keine bösen Worte mehr für Dich." „Ich bereue — ich bin ganz zerknirscht!" rief der Eindringling mit bebender, mit kaum vernehmbarer Stimme. Die warmherzige, gutmüthige Blanche trat näher auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Er führte sie an seine Lippen. So standen sie einige Minuten am Uferrand und schauten in dar träge dahtnfließende Wasser. Die Gedanken des Mädchens waren traurig, die des Mannes lrtumphirend. Rach einer Weile gingen sie schweigend weiter. Blanche zitterte, trotzdem sie so warm gekleidet und der Tag für die Jahreszeit ungewöhnlich mild war. Zu dem einförmig grauen Himmel emporschauend, schien es ihr, als ob ihr einst so Helles, heiteres Leben jetzt auch diese düstere Färbung angenommen hätte. „Du stehst ermüdet aus, Blanche", sagte Lowder. „Setze Dich hier auf die Stufen , um auszuruhsn. Ich möchte Dich so gern sagen hören, daß Du mir verzeihst — daß Da nicht aufgehört hast, mich zu lieben." Blanche stieg die Treppe hinauf und setzte sich auf die oberste Stufe. Lowder stand vor ihr auf dem Boden, ein Bild des Schmerzes und der Reue. „Ich habe Richt« zu verzeihen, Guy", sagte das Mädchen ernst. „Du hast nicht gegen mich gesündigt, sondern gegen Deinen edlen Vater"! 8?Ö „Er hat mir verziehen. Da Du sagst, Du hast Mir nichts zu verzeihen, Blanche, so laß mich hören, daß Du mich liebst!" Er schaute mit leidenschaftlicher Innigkeit zu ihr auf. Aber das liebliche Gesicht umwölkte sich, die ernsten Augen schauten trübe und traurig und die schönen, rothen Sippen zuckten in unendlichem Schmerze. „Guy", sagte sie sanft, „ich kann die Worte nicht sprechen, die Du hören willst." „Diese — fluchwürdige Geschichte hat mir also Deine Liebe gekostet?" fragte er wild. „Guy, ich weiß gar nicht, ob ich Dich je geliebt habe", sagte das Mädchen in sanftem, mitleidsvollem Tone. „Ich will ganz offen und rückhaltslos mit Dir sprechen. Als ich Deine Briefe an Sir Arthur las, als ich die Geschichten von Deinem Muthe, Deiner Ehrenhaftigkeit, Wahrhaftigkeit und Selbstverleugnung hörte, hielt ich Dich für einen hochsinnigrn und ritterlichen Mann, für einen ungewöhnlichen Menschen — kurz, für einen wahren Romanhelden. Und als Du nach Hause kamst und Dich mit allen eingebildeten Eigenschaften meines Jdeal-Guy's umgabst, erröthete ich, wenn Du zu mir sprachst, war ich von Deiner Zuvorkommenheit und Beachtung geschmeichelt, und ich glaubte Dich zu lieben. Aber in derselben Stunde, als Du mich um meine Hand batest, wurde ich mir eines eisigen Gefühles von Enttäuschung bewußt. Meine Glückseligkeit war nicht so, wie ich sie erwartet hatte; eine unbestimmte Unzufriedenheit bemächtigte sich meiner." „Du bist wirklich schmeichelhaft!" sagte Lowder bitter. „Ich rede die Wahrheit. Zuweilen war ich seit unserer Verlobung nahe daran, mich glücklich zu fühlen; aber innerlich fühlte ich mich nie so recht befriedigt. Ich entdeckte nur vor einigen Tagen, Guy, daß ich Dich nicht so liebe, wie eine Gattin lieben sollte. Die Wahrheit hat sich mir langsam nach und nach aufgedrängt, aber endlich kenne ich mein Herz genau." „Und Du willst mich nun zurückstoben I" rief Lowder mit wilder Stimme aus. „Du kannst vielleicht eine glänzendere Partie machen. Ich bin kein fehlerloser Romanheld, und der Jrrthum, den ich begangen habe, soll mich nun für immer von dem Pfade btt Tugend aurfchließen. Die willst eine romantische Grille zwischen uns treten lassen. Du könntest mein Schutzengel, mein besseres Selbst, meine Führerin und Erlöserin fein, aber Du entscheidest Dich, mich kalt bei Seite zu stoßen und vorüber zu gehen." „O Guy, es ist nicht dieses Fehlers halber, daß ich aushörte, Dich zu lieben. Ich habe Dich in Wahrheit nie geliebt." „Und soll Dein Versprechen nichts gelten? Gestern Abend sagte mir mein Vater, daß er fürchte, Du werdest wünschen, die Hrirath wegen dieser Angelegenheit aus ein Jahr zu verschieben. Er sagte, Du seiest die Tochter seines verstorbenen Freundes und pr müße Dich beschützen, was immer es auch ihn und mich kosten möge. Ich sagte ihm, wie sehr ich Deines liebevollen Einflusses und Deiner Führung bedurfte. Er erwiderte, daß er es wiffe, daß es aber wenige Frauen gebe, die sich für einen Anderen opfern würden. Er wollte Dich fragen, ob Du die Hochzeit nicht lieber verschieben wolltest, fügte jedoch hinzu, daß es sein geheimes Beten und Hoffen sei, daß Du zu mir stehen und Dich entscheiden werdest, Dein Versprechen einzuhalten. Er sagte, daß mein einziger Jrrthum mir seine Liebe nicht rauben würde und daß er bete, Blanche möge mir treu und standhaft bleiben." Das Gesicht des Mädchens wurde noch bleicher. „Hat er das wirklich gesagt?" fragte sie in schmerzlichem Tone. — „Ja. Er sagte, daß sein sehnlichster Wunsch sei, Dich seine Tochter zu nennen, er würde der glücklichste Mensch der Welt fein, Zeuge unserer Verbindung zu sein. Er sagte, daß er über meine Zukunft, mein moralisches Wohl und meinen Ruf beruhigt wäre, wenn Du meine Gattin werden wolltest. Und dennoch", fügte er hinzu, „würde er Dir lieber zu einem Aufschübe der Hochzeit rathen, weil er feine Pflicht gegen fein verwaistes Mündel ganz getreu erfüllen wollte." Diese wahrscheinlich klingende Lüge fand bei Blanche vollkommen Glauben. Sie begrub ihr Gesicht in ihren kleinen, weißen Händen, dann sagte sie mit schwankender Stimme: „Guy, ich wollte Dich eben bitten, der bereits angeführten Gründe halber unsere Verlobung aufzu- lösen. Aber ich habe meinen Entschluß geändert. Sir Arthur's Wünsche sind mir heilig. Ich weiß, daß ein Sohn von ihm nie wirklich schlecht sein kann. Ich liebe Dich wohl jetzt noch nicht, aber die Liebe wird mit der Zeit schon kommen. Und — und ich schätze Sir Arthur so hoch, daß ich mich freudig opfern würde, um seine Wünsche zu befriedigen : Ich will Dich im Februar an dem bestimmten Tage heirathen." „Und wenn mein Vater in Dich dringt, zu warten?" „Werde ich es ihn nicht merken kaffen, daß ich feine geheimen Hoffnungen kenne. Ich will mein Dir gegebenes Versprechen halten. Und jetzt, Guy, laß uns nach Hause gehen. Es ist ungewöhnlich kalt an diesem Morgen." Lowder half ihr mit vor Freude glühendem Gesichte von der Treppe herunter und sie kehrten in das Schloß zurück. Sir Arthur begegnete ihnen in der Halle, und lud Blanche ein, in die Bibliothek zu kommen. Lowder begab sich im Vertrauen auf seinen Sieg, nach dem Salon, um den Ausgang der Unterredung abzuwarten. Sir Arthur schloß die Blbliothekthür und führte feine junge Mündel zu einem Sitze neben dem Kamin. Ec rückte sich einen Stuhl zu dem ihrigen hin und sagte: „Hat Guy über die unglückselige Geschichte mit Dir gesprochen?" „ sti „Za, Sir Arthur. Er sagte mir, wie sehr er bereue. Er weiß jetzt, daß ich Zeuge seiner Thal war." „Ich habe darüber nachgedacht, Blanche, daß Deine Hochzeit lieber für ein Jahr oder zwei hinaus- geschoben werden sollte. Guy hat sich seltsam verändert. Er ist Deiner nicht würdig.'« „Es ist doch viel Gutes in ihm — muß es sein? Vielleicht ist es mein Einfluß, desien er be> darf. Ich danke Dir, bester Onkol, sür Deine Sorgfalt um mein Glück, aber ich kann in einen Auf- schub der Hochzeit nicht willigen." „Lafie Dir Zeit, um diesen Entschluß zu überlegen, Blanche.«« „Ich bedarf keiner Zeit mehr dazu. Ich habe mich entschieden««, sagte das Mädchen müde. „Quäle mich nicht, indem Du in mich dringst, meinen Ent- schluß wieder zu überlegen." „Ich muß ihn an dem bestimmten Tage heirathen!" „Du liebst ihn trotz alledem, Blanche?" Das Mädchen erröthete tief. In diesem Erröthen las Sir Arthur die Antwort. „Welch' ein Geheimntß die Liebe ist!«' murmelte der Baronet heiser. „In Kummer, in Schmach und Jammer bleibt sie treu und standhaft! Gott segne Dich, mein Kind, für diese edle Hingebung an meinen Sohn!«« Er legte seine Hand segnend auf ihre blanden Zöpfe; dann wandte er sich mit schmerlicher Miene von ihr. Das Mädchen stand auf und wankte blindlings zur Thüre — ihre Hände suchten zitternd die Klinke und öffneten sie. Sie ging in die Halle hinaus, floh auf ihr Zimmer hinauf und schloß sich daselbst ein. Dann fiel sie auf die Kniee und schluchzte verzweifelt. „Es ist ein Opfer — ein schreckliches Opfer. Ich liebe Guy nicht. O, ich bin blind gewesen. End. lich bin ich M Wahrheit erwacht, ich bin mit Guy verlobt und ich liebe Sir Arthur. Er ist es, der mein Ideal verwirklicht — den ich allein liebe! Und um seinetwillen will ich Guy heirathen!" Sie begrub ihr Gesicht in die Sophak ssen und schluchzte bitterlich vor Schmerz. Zweiundvierzigstes Kapitel. Der Erfolg des Wundarztes. Und wie erging es inzwischen dem armen Guy Tressilian? - Die Operation, welche der große Londoner Wundarzt an unserem Helden vollzogen hatte, war von der höchsten Gefahr begleitet gewesen. Die größte Kunst und Geschicklichkeit Sir Windham Winn's war erforderlich gewesen und es hatte Augenblicke gegeben, wo Tressilian's Leben an einem Faden hing und wo es schien, daß der geringfügigste Umstand seinen Tod herbciführen könne. Es hatte sogar einen Augenblick gegeben, wo Sir Windham in seiner Arbeit inne hielt, denn er glaubte, daß der schwache Lebenrsunke, der unter seiner Berührung wie eine zu Ende brennende Kerze geflackert hatte, gänzlich erloschen sei. Aber als sich die breite Brust wieder schwach hob, begann der Wundarzt auf's Neue mit seinen Bemühungen, und den Erfolg derselben hatte er Olla selbst mitgetheilt. Das Mädchen konnte das Gelingen der Operation kaum faffen. Sie hatte geglaubt, daß Trefft- lian sterbe und wurde jetzt versichert, daß er leben und in den vollen Besitz feiner Geisteskräfte gelangen werde. Diese Freude schien ihr zu groß-, um sie glauben zu können. „Es scheint ein Wunder zu sein", murmelte sie. „O, Sir Windham, er wird Euch selbst dafür danken, daß Ihr sein Leben und seinen Verstand gerettet habt — ich kann keine Worte finden, um e» zu thun.«« „Mein Triumph ist eine hinlängliche Belohnung", erklärte Sir Windham lächelnd. „Aber, Fräulein Olla, war ist Euch dieser Mann?" „Nichür, Sir Windham. Ich kannte ihn gar nicht, so lange er noch bei Verstand war. Ich habe mich nur aus Mitleid seiner angenommen —«« „Und dar Mitleid ist der Liebe verwandt, sagt das Sprichwort", unterbrach sie der Wundarzt. „Er ist ein schöner junger Mann. Gebt auf E-rer Herz Acht, Fräulein Olla; nun, Ihr braucht nicht so zu erröthen, mein Kind — ich wollte Euch nicht beleidigen. Wollt Ihr nicht heretnkommen und unfern Patienten ansehen?'« Olla willigte ein und schüttelte den Schnee ab, der an ihren Kleidern hing. Dann folgte sie Str Windham in dar Krankenzimmer. Ein matte« Dämmerlicht herrschte in dem Gemach. Aber die Gestalt in dem Beile war deutlich sichtbar. Olla näherte sich dem Lager und blickte in das aus den Kiffen liegende Gesicht. Es war weiß wie das Linnen, worauf es lag, und die Züge traten so scharf hervor, als ob sie aus Stein gchaue.r wären. Es sah > u« wie das Gesicht eines Todten — so weiß, so starr, so regungslos. Die Augenlider waren geschloffen, die Lippen halb geöffnet und dis Brust hob sich kaum me.klich in schwachen, leisen Athemzügen. „Dieses Leben steht sich fast wie der Tod an", murmelte Olla. (Fortsetzung folgt.) Militärische Verwendung des Kik- rades. (Nachdruck verboten.) In dem nicht amtlichen Teil des „Militär-Wochenblattes" werden über die Verwendung de« Eilrades in der Armee Gedanken eines Offiziers erörtert. Derselbe erklärt sich gegen die Anwendung des Dreirades und befürwortet ausschließlich die Verwendung des Zweirades. Wir lassen im folgenden den Verfasser selbst reden, 872 Derselbe^ schreibt: 1. Das Dreirad bedürfe einer gewissen Anstrengung, dasselbe zu fahren, namentlich bei schlechten Wegen; 2. das Dreirad ist nur auf breiten Straßen, nicht aber auf Feld- oder Fußwegen zu gebrauchen; 3. bereiten selbst geringe Bodenerhebungen dem Fahrer die größten Schwierigkeiten; 4. ist die Fahrgeschwindigkeit eine sehr geringe und kommt kaum dem Trabe eines mittelmäßigen Pferdes gleich; 5. hat das Dreirad den großen Nachtheil, daß es namentlich beim Kurvenfahren leichter nach der Seite umkippt als das Zweirad; 6. fällt das Dreirad, so wird gewöhnlich ein Rad derartig unbrauchbar, daß es einer großen Reparatur bedarf. Der Vortheil des raschen Erlernens wird zum Theil dadurch aufgehoben, daß beim Fahren ein falsches Sicherheitsgefühl hervorgerusen wird, der Fahrer aufhört, vorsichtig zu sein und dadurch zu Fall kommt. Jeder, der ein Dreirad sieht, meint daraus fahren zu können. So lange die Straße eben und glatt ist, geht es auch, bei der geringsten Unebenheit aber fängt es zu hapern an und beim ersten Rinnstein fällt der Neuling ohne vorherige Warnung, sicher um. Gegen die Nachtheile des Dreirades kommen die Vortheile des Zweirades in Betracht: 1. Kann man der größeren Leichtigkeit und Schnelligkeit halber weitere Strecken zurücklegen. 2. Ist das Zweirad auf allen Wegen und bei jedem Wetter zu gebrauchen. 3. Fällt man schließlich mit dem Zweirad, so sind gewöhnlich keine oder doch nur geringe Schäden daran. 4. Zeigt die Statistik der Unfälle beim Eilradfahren, daß mit dem Zweirad verhältnißmäßig weniger Unfälle vorkommen als mit dem Dreirad. Zur Einführung in das Heer würde sich meiner Ansicht nach das Safety-Zweirad mit Kastor-Körnersteuerung am besten eignen. Das Safety ist eine neue Erfindung und wurde Anfang vorigen Jahres sehr beliebt. In der letzten Zeit hat es vielfache Verbesserungen erhalten. Die Vortheile vor den übrigen Zweirädern sind die, daß ein Sturz vornüber, infolge des weit hinten sitzenden Sattels, fast unmöglich wird. Man kann mit ihm Absätze von 20—30 Ctm. herunterfahren. 5. Kann durch eine einfache Vorrichtung der Sattel höher oder tiefer gestellt werden, mithin dasselbe Rad von zwei ganz verschieden großen Personen benutzt werden. Was die Verwendbarkeit des Zweirades in der Armee betrifft, so halte ich es geeignet für folgende militärische Dienstzweige. a) Im Festungsdienst könnten die Meldereiter auf den Forts durch Radfahrer mit Vortheil ersetzt werden. Nach der Felddienstordnung legt der Reiter bei abwechselnd Trab und Schritt den Kilometer in 6, bei Trab in 4 Minuten zurück. Der Radfahrer braucht auf nicht zu weite Entfernung (10—15 Kilometer) für den Kilometer 2J/2 Minuten, würde also in den meisten Fälleu schneller am Bestimmungsort sein; dazu kommt, daß der Reiter bei Nacht kaum scharfen Trab oder Galopp reiten kann; der Radfahrer aber bei Nacht, da er nicht viel auszuweichen braucht, eher schneller fährt. Glatteis oder scharfer Frost, die das Reiten unmöglich machen, hindern den Radfahrer nicht, da ihn der Gummireif vor dem Ausgleiten schützt. Tiefer Sand oder Schnee allein hindern das Radfahren. b) Bei dem Vorpostendienst können durch richtige Verwendung der Radfahrer die Abkommandierungen der Kavallerie auf ein Minimum beschränkt uud letztere hierdurch wesentlich entlastet werden. Bei Ueber- mittelung von Befehlen wird auf Strecken, auf denen der Feldtelegraph noch nicht eingerichtet, nach der Felddienst-Ordnung Relais derartig aufgestellt , daß bei kurzen Strecken von 10 zu 10 Kilometer einzelne Reiter, bei größeren Entfernungen aber schon Abthei- lungen von 1 Unteroffizier mit 6—10 Mann in größeren Abständen den- Dienst versehen müssen. Nach meiner Ansicht würde das Relais, durch Radfahrer gestellt, ebenso sicher, schneller und mit weniger Kosten verbunden sein. Der Kavallerist kann die Strecke von 10 Kilometer bei Galopp und Trab in etwa 30 Minuten zurücklegen. Dieselbe Schnelligkeit kann der Radfahrer auf einer Strecke von 30—40 Kilometer ohne Unterbrechung aushalten. Betragen bei Relaisposten auf weitere Entfernungen die Abstände 15—20 Kilometer, so wird ein Radfahrer bei derselben Schnelligkeit so viel leisten wie zwei Relaisposten, wobei noch zu bemerken ist, daß ein kräftiger Radfahrer dieselbe Leistung dreimal an einem Tage ohne Anstrengung bewirken kann. Es ist dies nicht etwa Theorie, denn ich habe selbst, ohne gerade körperlich stark zu sein, Pfingsten vor zwei Jahren von Mittags 12—3 Uhr die Strecke von über 56 Kilometer, um ein Versprechen halten zu können, zu dem Wohnort eines beurlaubten Kameraden in der Mittagshitze zurückgelegt. Zu dem Rückweg am Abend brauchten wir, da unsere Laternen infolge eines Unfalls (wie früher bei hohen Rädern) zerbrochen waren, in der Dunkelheit vier Stunden. Als Sohn eines Artillerie-Offiziers habe ich früher viel geritten, kenne daher auch die Kunst aus Erfahrung und behaupte, mit bedeutend weniger Anstrengung und in kürzerer Zeit 150 Kilometer auf dem Rade, als 100 auf ein und demselben Pferde zurücklegen zu können. Wir hatten bei einer Fahrt einen starken Hund bei uns, den wir nach etwa 30 Kilometer bei einem Bauer zurücklassen mußten, weil der Hund nicht mehr weiter konnte, und doch hält ein Hund mehr aus als ein Pferd. Wenn der Kavallerist auch auf 5 Kilometer einen Vorsprung von 1 Kilometer gewinnt, bei 20 Kilometer ist er um 4 Kilometer geschlagen. — Zum Rekognoszieren wird sich das Rad nur in sehr seltenen Fällen, vielleicht da, wo Glatteis das Reiten unmöglich macht, verwenden lasten. c) Bei der Feldpost würden Radfahrer ebenfalls mit Nutzen zu erwerten sein. Kann doch ein Radfahrer bis zu 20 kg, also etwa 3000 gewöhnliche Briefe, ohne viel davon beschwert zu sein, mit aufs Rad nehmen. Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.