ßnchener Jamilienbläüer. Belletristisches Beiblatt ;um Gießener Anzeiger. ! !,»»«!>>!»»"»»»»«"'> ITH» rar—inrwiw—w——i>—m— - . JITIHI« i i limtmn || r uw. mi mi n ■ nrr n m«~ii um—m . a.i jiii nr r ■ im i 11111---------t ~~~ni~r'iri——ir Mx. 66. Donnerstag dm 7. Juni. 1888. Aer Zröe des Kaufes. Roman von Hermine Frankenstein. (Fortsetzung.) „Er ist sonderbar", sagte Lowder mit einem Ausdruck, als bemühte er sich nachzudenken. „Ich habe den Namen gehört — ich meine, ich weiß ihn! Wenn wir zu Hause wären, könnte ich Dir ihn gleich sagen", und er dachte an das kleine Notizbuch, das er indeß jetzt nicht zu öffnen wagte. „Ich könnte mich boxt leichter erinnern, als hier", fügte er ausklärend hinzu. „Es ist seltsam, daß mir der Name entfallen ist." „Du kannst Dich doch wenigstens an den Namen der jungen Dame erinnern, die dort in dem bezeichneten Hause lebt?" fragte Sir Arthur. „Sie ruderte mit Dir einmal auf diesem Flusse, wie Du weißt, und das Boot stürzte um. Du hast ihr das Leben gerettet, fast mit der Gefahr Deiner eigenen und trugst eine Narbe an Deinem Arm davon, die Dich noch heute an dieses Abenteuer erinnern muß. Jetzt erinnerst Du Dich doch gewiß?" „Gewiß", stammelte Lowder, der nicht wußte, was er erwidern sollte und unruhig seinen Arm bewegte. Sir Arthur wartete ängstlich auf eine Antwort. Lowder zermarterte sein Gedächtniß abermals um den fehlenden Namen. Ec wußte die Geschichte dieser Rettung, denn Guy hatte sie ihm erzählt und der Name ihrer Heldin schwebte ihm fast auf der Zunge. Seltsamer Weise fiel er ihm jedoch nicht rin. Endlich bog er sich verzweifelt vorwärts gegen Blanche und flüsterte: „Den Namen! den Namen! Helft mir, Blanche!" Ihn bemitleidend, antwortete dar Mädchen flüsternd: „Egrrton, Oberst Egerton." Der Betrüger athmrte freier auf. Bei diesem Namen war sein Gedächtniß wieder erwacht. Er hatte ihn wiederholt in Guy'» Tagebuch bemerkt und antwortete jetzt vertraulich: „Wie konnte ich nur den Namen von Leuten, die ich einst so gut kannte, so vergessen? Diese» Haus gehört dem Oberst Egerton, Vater. Seine beiden Söhne Fred und Will waren al» Knaben meine Freunde. Seine Tochter Mary ist mit der Narbe an meinem Arm verknüpft. Sowohl der Baronet als Manche lächelten in befriedigter Zustimmung. „Dein Erinnerungs-Vermögen wird sich hier rasch verbessern", sagte Sir Arthur. „Wir dürfen nicht : vergessen, mein lieber Guy, daß Du erst kürzlich eine \ so schreckliche Gehirnerschütterung erlitten hast. In ? wenigen Wochen, mein Junge, wirst Du hoffentlich । so weit gesund sein, um mit Deinen alten Freunden l und Bekannten zu verkehren." Der junge Mann dankte dem Baronet für diese ! freundliche Rücksichtnahme und willigte gern in seine i Vorschläge. „Komm, Onkel", sagte Blanche, „wir dürfen nicht so lange an dem Flusse verweilen. Gehen wir in den Garten. Erinnert Ihr Euch, Guy, des alten Gärtners Luke?" „Ob ich mich erinnere", sagte Lowder lachend. „Er steht in meinem Gedächtnisse an der Seite der guten Frau Goß. Ich werde mich freuen, den Alten wieder zu sehen." Blanche hüpfte leichtfüßig wie eine Gazelle voraus. Lowder schaute ihr bewundernd und entzückt nach. „Wie schön sie ist!" sagte er. Der Baronet murmelte eine bejahende Antwort, § Lowder schaute neugierig in sein abgewandtes Ge« | ficht; er verstand die Bewegung des Baronets sehr l gut und triumphirte, weil der ersehnte Preis in seiner Gewalt war und für immer außer dem Bereich Sir Arthur'« sein mußte. In diesem Augenblicke schaute der alte Gärtner von seiner Arbeit auf und wandte der Gruppe sein altes, von Runzeln durchfurchtes Gesicht zu. Lowder stieß einen Ruf aus — „Ei, düs ist ja der alte Luke selbst", rief er aus. „Er hat sich aber nicht im Geringsten verändert, seit ich ihn das letzte Mal sah." Blanche lachte hell auf und Sir Arthur schauke ihn zufrieden und erleichtert an. „Mein lieber Guy ', sagte er; „diese Schwäche Deines Gedächtnisses ist völlig launenhaft. Sie wird Dir keine ernstlichen Unannehmlichkeiten bereiten. Nach einigen Tagen der Ruhe, von mir und Blanche behütet, wirst Du wieder der Alte sein. Aber der alte Luke schaut Dich forschend an und wartet auf eine Begrüßung, da er der älteste Diener auf dem Gute ist und Du immer sein Liebling warst." Aller Verlegenheit nun ledig, trat Lowder auf dm alten Gärtner, der ihn unverwandt anstarrte, zu, und hielt ihm seine weiße parfümirte Hand mit erheuchelter Offenheit entgegen. „Wie geht'« Euch, alter Luke?" sagte er in ge» müthlichem Tone. „Ich habe soeben gesagt, daß Ihr Euch gar nicht verändert habt, seit ich fyttging." Der alte Luke nahm die dargebotene H»nd, nachdem 266 er stch die feinige an den Kleidern abgsrieben halte, dann schaute er erregt in das Geficht des vermeintlichen Erben von Trefsilian-Hof. Er war ein sehr alter Mann, drssen Arbeitstage wohl längst vorüber waren. Zur Zeit von Sir Arthur's Großvater war er Obergärtner in Tressi- lian-Hof gewesen und hatte auf seinem Platze aus- geharrt, trotzdem die Jahre gekommen waren und ihm das Arbeiten nach und nach zur Unmöglichkeit gemacht hatten. Sir Arthur hatte schon längst einen jungen Mann angestellt, der die eigentliche Garten« aufsicht führte; aber der alte Luke war dem Namen nach Obergärtner. Denn Sir Arthur war zu zart« fühlend, um den alten Mann, für den die Heber« zeugung seiner Entbehrlichkeit der härteste Schlag gewesen wäre, ganz zu penfioniren. Mit trüben Augen schaute der Alte in das Helle, ruhige Gesicht, das zu ihm herab lächelte. „Aber Ihr habt Euch verändert, Master Guy", sagte er mit zitternder Stimme. „Ihr habt Euch sehr verändert! Ihr seid also mein schöner, heiterer Guy — mein edler, offenherziger Knabe ? Es scheint säst unmöglich!" „Ihr vergeßt, daß Jahre, Krankheit und Reisen einen Menschen verändern, Luke, sagte Sir Arthur freundlich. „Mein Sohn ging als Knabe fort, er kommt als Mann zurück. Aber er ist noch derselbe, Guy. Ihr werdet finden, daß er noch dasselbe Herz hat." „Ich hoffe es — ich hoffe es!" murmelte der alte Luks, während ein Schatten von Traurigkeit sein Gesicht überflog, als er unverwondt zu dem Eindringling emporschaute. „Es ist alles Recht, Sir Arthur. Aber bis zu diesem Augenblicke habe ich ■ es nicht geahnt, daß ich meinen Knaben verloren habe. Statt des Knaben ist ein Mann zurück- gekommen." „Den Ihr hoffentlich ebenso lieb haben werdet, als den jungen Guy", sagte Lowder. „Ich kann nicht meine ältesten Freunde verlieren und Euch am wenigsten." Er sprach mit scheinbarer Aufrichtigkeit, welche ihm die Herzen Sir Arthur's und Blanche's noch mehr gewann. Rach einer kürzeren weiteren Unterredung mit dem Gärtner wanderten Sir Arthur, Blanche und Lowder weiter; und der Letztere gra- tulirte sich innerlich über die Geistesgegenwart, mit der er sich aus einer gefährlichen Verlegenheit geholfen hatte. „Ich muß mehr auf meiner Hut fein", dachte er. „Und muß dieses ungestüme, freie offenherzige Wesen aufgeben. Im Anfangs kann ich nicht vorsichtig genug sein. Es kann Abgründe geben, wo ich sie am wenigsten vermuthe." Inzwischen hatte der Gärtner seine Hacke aufgehoben und sich darauf stützend, schaute er dem jungen Manne mit verwirrter und sehr bekümmerter Miene nach. „Und das ist also Master Guy?" murmelte er. „Wo sind seine lachenden, blauen Augen, sein fröhlich heiteres Lächeln, seine feine, hellklingende Stimme? Wie stolz Sir Arthur auf ihn zu sein scheint! Was für schüchterne, liebliche und einnehmende Blicke Fräulein Blanche ihm zuwirft. Ich glaube, Master Guy und Blanche werden noch ein Paar werden. Und doch! Und doch! Es ist etwas Falsches in seinem Lächeln und sogar in seiner Stimme. Ich bin ein alter Mann und habe es gelernt, Gesichter zu erkennen. Und von allen Gesichtern, in denen ich gelesen habe, ist dies das schönste und falscheste. Armer Sir Arthur. Es steht ihm ein großer Kummer bevor." Fünfzehntes Kapitel. In vie Enge getrieben. Eine Stunde war vergangen — eine lange qualvolle Stunde für das schmerzlich bewegte Mädchen und noch immer war weder Krigger, noch der fiel» Narrische Kutscher nach der Villa zurückgekehrt. Olla hatte ihren Platz an dem Fenster eingenommen» ihre ängstlich blickenden Augen starrten auf jenen Punkt, an dem sie Guy Tressilian verschwinden gesehen, ihre zarte Gestalt durchflog ein leises Beben. „Was werden diese Unmenschen mit dem Unglücklichen angefangen haben", begann das Mädchen mit vibrirender Stimme. „Vielleicht sind sie hart und grausam mit ihm umgegangen." „Beruhigt Euch, mein süßes Lieb — sie haben ihm nichts zu Leide gethan", entgegnete die Amme. „O, ich weiß, daß sie zu Allem im Stande sind", bemerkte Olla ungestüm, öffnete das Fenster und trat auf den Balkon hinaus. Herr Gower, welcher in Abwesenheit Kriggrr's den Wachtposten eingenommen, erhob stch bei Olla'« Erscheinen und begann, indem er gegen die Dame eine höfliche Verbeugung machte: s„Nun, mein Fräulein, habt Ihr Euch entschlossen, auf meine Pläne einzugehen und wünscht Ihr vielleicht meinen Besuch?" „Wagen Sie nicht bis zu mir zu dringen — Ihrs Handlungsweise hat Sie in Ihrem wahren Lichte gezeigt — ich habe genug von Euch gesehen, Herr Deverevx Gower. Wo ist Popkey?" Der treue Diener trat aus dem Schatten eine» Baumes hervor — allzeit dem Befehle seiner jungen Herrin gewärtig. „Geht augenblicklich nach der Hütte der Frau Vicini und seht nach, wie sich der Unglückliche befindet und wie man ihn auf dem Transporte dahin behandelte. Zaudert nicht, geht sofort." „Ich kann Euch die Beruhigung geben", begann Herr Gower wieder, nachdem der Diener sich entfernt, „daß Euer Schützling wohl geborgen sich wieder in Frau Vicini'« Händen befindet — Krigger wird e« nicht wagen, ihm nur ein Haar zu krümmen. Alle» was ich wünsche, ist nur, daß sich der Irrsinnige nie wieder in meinem Hause zeigt." „Nachdem er Eure Gastfreundschaft kennen gelernt, wird er kaum wieder kommen" entgegnete Olla. Sie wandte sich um und ging wieder in’« Zimmer zurück. (Forts, folgt.) 267 Me perfekle Köchin. Humoreske von Anna vom Strande. t Fortsetzung.) Ein flüchtiges Lächeln glitt über Arthur's schöne, männliche Züge, das reizte mich so, daß ich mir vor« nahm, entsetzlich herrschsüchtig zu werden. Als Arthur am andern Morgen zum Dienst ging, faßte ich einen energischen Entschluß, stärkte mich durch etwas Ungarwein, klingelte und setzte mich auf's Sopha. Lesstng erschien. „Martha soll kommen." Sie trat ein, in der Hand das ominöse Aurgave- buch, welches ich gestern im Verdruß auf meinem Zimmer liegen ließ. „Martha", sagte ich so ruhig als möglich, „ich muß durchaus verlangen, daß Du keine Einkäufe ohne meinen ausdrücklichen Befehl machst, von jetzt an bezahle ich nur das, was ich Dir auftragen werde zu kaufen." „Ich bekomme noch 104 Mark für Auslagen", sagte Martha schnippisch. „G:eb mir Dein Buch, ich werde nachrechnen." „Was befehlen gnädige Frau heute zu Mittag?" „Es ist schlimm genug, aber wir müssen aufge- wärmten Braten essen, er hält sich bei dem warmen Wetter nicht!" „Herr Lieutenant kann doch nicht zwei Tage hin« tereinander dasselbe essen, ich kann ja heute Tauben holen." „Nein, heute ist kein Markt, da stnd sie zu theuer, auch darf der Braten nicht verderben." „Ach, der kann kalt verbraucht werben." „Ich will aber heute kein Fleisch kaufen", sagte ich sehr entschieden. „Herr Lieutenant kssen nicht gern Kalbsbraten, sagten gnädige Frau gestern." , Da» hilft nun nichts, wir wollen Salat dazu nehmen und Eierklöße in die Suppe." „Blumenkohl zum Gemüse?" „Nein, der ist jetzt noch zu theuer, wir brauchen gar kein Gemüse." „Ohne Gemüse geht es nicht, das gehört sich so, gnädige Fraü!" „Ich will aber nicht und verbiete Dir durchaus, etwas ohne meinen ausdrücklichen Auftrag zu kaufen, oder wenn Besuch hier ist, für denselben etwa» zu besorgen, ich werde schon sagen, wa» ich haben will." „Gnädige Frau sind noch sehr jung, ich habe lange Erfahrung, weiß, war sich in anständigen Häusern gehört und muß meine Schuldigkeit thun. Die gnädige Frau Mama haben mir befohlen, recht sparsam in Silent zu sein, und die junge gnädige Frau weiß doch noch nicht recht Bescheid." Ich war empört — aber was sollte ich sagen! „Jetzt hole Salat, ich werde das Buch nach» rechnen." Martha ging, ich rechnete rwd rechnete, aber ei wollte nicht stimmen, es waren 6 Mark wehr herausgerechnet, ich war ganz heiß dabei geworden. O Mama, warum hast Du mir diese Perfekte auf« gepackt? _ , Als ich in die Küche ging, Martha das Buch vorzurechnen, putzt; sie zwei schöne, große Blumenkohlköpfe; entrüstet stelle ich sie zur Rede, worauf sie zunächst nur mit einem Lächeln antwortet. Am liebsten hätte ich die beiden Köpfe würhend zum Fenster hinausgeworfen, das verlockend in unmittelbarer Nähe offen stand, aber ich erinnerte mich noch zur rechten Zeit, daß ich mir dieser Person gegenüber nichts vergeben durste, und sie würde die im Zorn vollbrachte Heldenthat wahrscheinlich als Kinderei verlacht haben, dem durfte ich mich nicht aussetzen. „Der Blumenkohl bleibt bis morgen", sagte ich sehr entschieden, „hier ist Dein Buch, ich habe es nochmals nachgerechnet, es stimmt nicht, 6 Mark sind zu viel angeschriebsn." „Da müssen sich gnädige Frau geirrt haben, oder Sie kennen die doppelte Buchführung nicht, ich bekomme 104 Mark und die muß ich mir fordern." „Doppelt; Buchführung", rief ich, starr vor Erstaunen. Aber Martha verließ einfach die Küch', ging t« den Keller, wo Lessing herumhantirte und ich unmöglich folgen konnte. Ich ergriff da» Buch und rannte in'« Zimmer. „Das halte ich nicht aus!" Arthur kam heute früher, als ich ihn erwartet hatte, und klagte über Kopfweh. Ich konnte ihn unmöglich gleich wieder mit meiner entsetzlichen Perfekten behelligen, er fragte auch gar nicht nach meinen Erlebnissen und Heldenthaten, wie ich le'.se gehofft, sondern zog mich zu sich auf's Sopha und legte sei en Kopf müde zurück. So saßen wir, bis Lessing eintrat, um zu melden, daß angerichüt sei, mir führ ein Schreck turch die Glieder, aber Arthur, der geschlafen hatte, rief fröhlich: „Zu Tisch!" Er gab Suppe mit Eierklößen, wie ich bestimmt, dann der Blumenkohl mit Krebsen, und später den Braten mit Salat, wa» sollte ich machen, das Mittagessen schnurrte wie ein einmal aufgezogenes Rad ab. Arthur aß trotz seines Kopfschmerzes mit gutem Appetit, sah m'ch nur einmal prüfend an und sagte dann, er wolle sich schlafen legen. Wüthend lief ich in die Küche und sagte ohne Weiteres: „Martha, wenn Du nicht gehorchen willst, suche Dir einen andern Dienst." „O, den kann ich jeden Tag bekommen, meins frühere Gräfin ist gestern vom Ausland zurückgekehrt und wird mich gleich wieder nehmen, da wird nicht geknausert." „Gut, so gehe, ich bin es zufrieden, aber erst wasche die Küche auf." (Schluß folgt.) 268 Oorn „Heöetöuch des Heufeks." Das Kartenspielen wird im deutschen Volke seit langer Zeit in allen Ständen und Schichten betrieben, aber wohl nur die wenigsten Kartenspieler dürften über Geschichte und Entwickelung des Kartenspieles, über die ursprüngliche Bedeutung der einzelnen Blätter u. s. w. unterrichtet sein. Gewiß giebt es unter unseren geneigten Lesern so manchen Verehrer des edlen Scates oder des gemüthlicheu Schafkopfes oder auch des einfachen Sechsundfechszig und wie die Kartenspiele sonst noch heißen mögen und eine kleine Plauderei über Entstehung und Entwickelung des Kartenspieles wird ihm da vielleicht nicht unwillkommen sein. — Bereits die Chinesen besaßen schon sehr frühzeitig eine Karte, die sich in ihren Grundzügen bei den bezopften Söhnen des „himmlischen Reiches der Mitte" bis heutigen Tages erhalten hat, doch kann diese chinesische Karte für uns nicht in Betracht kommen. Die unter den civilisirten Völkern des Occidents gebräuchliche Karte, die in ihren Hauptformen in die Tarok- und in die Vierfarbenkarte zerfällt, stammt anscheinend aus Italien, doch läßt sich dies nicht mit absoluter Sicherheit behaupten. Es giebt indessen altitalienische Karten, die sogenannten Trappolakarten, welche aus dem 14. Jahrhundert stammen und diese mag man immerhin als die ältesten der europäischen Karten bezeichnen. Die Bilder dieser Trappolakarten stellen den Papst, den Kaiser und vier Monarchien vor, welche gegen einander streiten und aus den die Monarchien repräsentiren- den Bildern sind offenbar die vier Farben — Treff, Pique, Coeur, Carrean in der französischen, Eichel, Grün, Roth, Schellen in der deutschen Karte — entstanden. Man kann hie und da wohl auch der Behauptung begegnen, die Karten seien in Frankreich von einem Höfling erfunden worden, um den wahnsinnigen König Karl VI. zu erfreuen, welche Behauptung sich indessen durch geschichtliche Documente widerlegen läßt, denen zufolge das Kartenspiel im letzten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts aus Italien nach Frankreich eingeführt worden ist. Allerdings mag dies zunächst zu dem Zweck geschehen sein, den unglücklichen geistesumnachteten König Karl VI. (gest. 1422) zu beschäftigen und aufzuheitern, jedenfalls werden aber die Karten gar bald auch dem Hofe von Paris und schließlich dem ganzen französischen Volke zur Unterhaltung und Zerstreuung gedient haben. In Frankreich wurden denn auch die Karten zuerst vervollkommnet und zwar durch die Anregung des Malers Jacques Grin- gonneur, welcher unter Karl VII., dem Sohne und Nachfolger Karls des Wahnsinnigen, lebte. Zu dieser Zeit entstand die 52blüttrige Whistkarte, wie sie noch heute neben der 32blättrigen deutschen Karte verbreitet ist; die vier Damenbilder stellten ursprünglich Agnes Sorel, die Geliebte Karls VII., Maria von Anjou, die Gemahlin des Königs, Jeanne d'Arc, die Jungfrau von Orleans, und Elisabeth von der Pfalz, eine, gelinde gesagt, sehr galante Dame der damaligen Zeit dar. Ebenso bezogen sich die übrigen Bilder meist auf hervorragende Persönlichkeiten der damaligen Zeit; der Pique-König z. B. bedeutete König Karl VII. selbst, die vier „Buben" oder wie sie im französischen heute noch heißen, „Balets", stellten ebenfalls historische Persönlichkeiten dar, Ogier, Lanzelot, La Hire und Hector von Galard. Ganz unabhängig von der französischen Karte entwickelte sich die deutsche Karte, was schon daraus erhellt, daß das Kartenspiel in Deutschland schon weit früher bekannt war, als in Frankreich, denn bereits im Jahre 1321 verbot ein Bischof von Würzburg seinen Geistlichen die Unterhaltung mit dem Kartenspiel. Doch wirkte auch bei der Entwickelung der deutschen Karte das italienische Vorbild nach, so daß es schon damals in der deutschen Karte ebenfalls „Könige" und „Ober" und „Unter" gab; die „Däuser" scheinen erst später hinzugetreten zu sein. Die Bezeichnung „Wenzel", welche in vielen Gegenden für „Unter" gebraucht wird, trug früher nur der Eichel-Ober und im Schafkopfspiel heißt ja heute noch der Eichel-Ober, der hier die vornehmste Bilder-Karte ist, der „Wenzel". Beim Auftauchen des Scatspiels ging diese Benennung auf die vier Unter über und sei zu Nutz und Frommen der Scatspieler erwähnt, daß der Name Wenzel von Sanct Wenzeslaus stammt. Im Schafkopf hat man ferner eine „Baste", woraus schließlich „Pastor" wurde und worunter bekanntlich der Grüne-Ober verstanden wird. Baste oder Bastian aber ist einfach die Abkürzung von Sebastian und der Heilige dieses Namens wurde in den früheren Karten eben durch den Grünen- Ober repräsentirt. Die Bedeutung der Figuren auf den deutschen Bilderkarten läßt sich heute nur noch schwer nachweisen und ist man da mehr oder weniger auf Vermuthun- gen angewiesen; wahrscheinlich sollte z. B. der Bär auf dem Eichel-Daus des Reiches Kraft versinnbildlichen, während man in den vier Obern vielleicht Repräsentanten der Fürsten, in den Untern Vertreter der Reichsstände zu erblicken hat. Die Bekleidung der Figuren auf den deutschen Spielkarten deutet auf das 14. Jahrhundert hin und hat sich in dieser Form bis heute erhalten. Die ältesten Spielkarten wurden gemalt, oft unter Aufwand großer Kunstfertigkeit; im 15. Jahrhundert stach man sie in Kupfer, benutzte jedoch vor Allem den Holzschnitt zu ihrer Vervielfältigung und diese Kartenindustrie blühte namentlich in Ulm, Augsburg und Nürnberg. Die Nürnberger Kartenniacher bezeichneten bis zum Jahre 1518 ihr Fabrikat mit einem aufrecht stehenden Kreuz (4~), wofür dann der Magistrat, jedenfalls aus religiösen Gründen, ein x zu setzen befahl, das sich auch jetzt noch bei bestimmten Blättern der meisten deutschen Spielkarten vorfin- det, gewöhnlich bei der Rothsieben. RsLsttivn! A, Hcheyda, — Druck und Bkrlsg der Brüh loschen Druckest Er, Ehr, Pietsch) in Gießen.