Widerstands nbe Gifts be« Schlangenbisse en vor. Ich östschen Zeit- lemer eigenen , sodaß mir irrhalten sei Hießener Jamiüenblälier. Belletristisches Beiblatt?um Gießener Anzeiger. 16 Dienstag dm 7. Februar. 1888. tu Kreuzotter n. Es war iuthlich stark Die Schlange s gefaßt und chi; Casimir Nacht durchs Schlange in iffelte lüstern mit heftigen dem glatten Hoß er piötz- auf sie zu. mschsn einer rnz behaglich hen fuhr die t sie konnte, ) ihm. Er ibin zwischen gerollt, und >tten in das ahr sie mit sir aber ließ Die Otter der in ihrer , als immer agen, selbst- iden. Etma von feiten von feiten tin geführt erichtet, daß lstrengungm md Wunden >er Igel sich Vorderende ib es richtig in Hals der die Hintere, gen. >eim Kampf ines inner» uch nimmt, Universalerläßt; das :gen, grade i und derbe geht. ln Ztg.) Ate vertorene Wiöel. Original-Roman in 3 Bänden von Dr. Carl Hartm ann-Plön. (Fortsetzung). Aber ich war doch frei und vor Roth gesichert; ich zog nach Berlin, ich konnte wieder Menschen sehen, mich mit vernünftigen Menschen unterhalten, mich an der Kunst erfreuen, mehr verlangte ich nicht, ich war glücklich. Ich hatte meinen verstorbenen Gatten nie geliebt, ich habe überhaupt nie geliebt, ich glaube, ich bin zur Liebe nicht fveranlagt: wohl habe ich mehrmals für einen Mann, der mir geistig imponirte, ein lebhaftes Jntereffe empfunden, aber es blieb bei dem Jntereffe, zu einer wirklichen Liebe stieg es nicht empor. Aber bin ich sicher, daß sie nicht noch einmal mein Herz ergreifen wird? Sie, Herr Gkhkimrath haben mir eine verlockende Perspective gezeigt; was ich Ihnen neulich ganz zufällig als die stillen Wünsche meiner Seele nannte: ein glänzendes Haus zu machen, schöne Feste zu geben, Künstler und Gelehrte um mich zu versammeln, jungen Talenten ein weiblicher Mäcen zu weroen, Sie wollen sie wahr machen — und der in meinem Innern noch weit regere Wunsch, bet Ihrem Kmde bleiben zu können, soll sich ebenfalls erfüllen — Sie fordern mich zu einem Freundschaftsbund für’s Leben auf, Sie wollen keine Liebe, die ich auch Nlchl zu geben im Stande wäre, und die Sie ebenfalls nicht geben können, — ja, das sind Aner- drerungen, dre man thöricht fein würde, nicht anzunehmen, wenn hrer nicht eine Möglichkeit vorhanden wäre, dre, wenn sie eintreten sollte, selbst unser eng gefchlvffenee FreundschaftSbündniß, ja, die Alles in Frage stellen könnte!" „Was meinen Sie, gnädige Frau?" „Ich bin weit entfernt, anzunehmen, daß es geschieht, aber wenn dennoch? Ich bin noch jung genug, ich kenne mein Herz selbst nicht, ich weiß nicht, was ihm wtdersahren kann, aber was dann, wenn er so spät noch sich regen, wenn es für einen Anderen erglühen sollte, wenn e» von seiner ersten Liebe getroffen wird, ich sage, was dann, Herr Ge- hetmrath?" „Dann", erwiderte Wolter, und wiederum zitterte seine Stimme, „dann werde ich nicht zögern, das Freundschastrdand, das uns verbindet, mit eigener Hand zu trennen und Ihnen Ihre Freiheit zurück- zugchen." „O nein, — dahin wird es nie kommen, und ? wenn es dahin käme, ich würde er wohl nie an- l nehmen, aber ich habe so viel von der furchtbaren i Gewalt der Liebe gehört, daher mußte ich es zur Sprache bringen, weil ich heute noch nicht weiß, ob ich dann die Kraft haben werde, ste zu unterdrücken! Und dann noch Eins muß ich erwähnen. Es giebt auch eine Eifersucht der Freundschaft — ich habe die Eifersucht in ihrer brutalsten Form kennen gelernt, ich habe ein Grauen selbst vor der mildesten Form — nie, Herr Geheimrath, werde ich meiner Ehre etwas vergeben und nie den leisesten Schatten auf die Ehre Ihres Namens werfen, aber wenn man mir ein wenig den Hof macht, und ich Habs die Erfahrung gemacht, daß man es leicht thut — wenn es geschieht und ich bin höflich und freundlich gegen Männer, die es gegen mich find, so darf es Sie nicht verstimmen, und Sie dürfen mcht schmollen und sich gekränkt fühlen; — ich habe für ein freundliches Wort, für einen freundlichen Blick die peinvollsten Augenblicke erlebt! Ich achte Sie hoch, Herr Geheimrath, ich wüßte nicht, daß ich je einen anderen Mann höher geachtet hätte; wer mir ein Freund ist, dem bin ich eine treue Freundin wieder. Wohlan denn, ich habe nun Alles gesagt, was ich auf dem Herzen hatte, und wenn es Sie hiernach nicht gereut, mir das Anerbieten gemacht zu haben, so nehme ich Ihr Anerbieten an!" „Nie wird es mich gereuen, nehmen Sie meinen Dank, meinen heißesten Dank!" rief Wolter mit lauter Stimme. Alexandra erhob sich, und ihm die Rechte reichend, sagte ste: „Hier haben Sie meine Hand, nun find wir — Verlobte." Wolter ergriff die fchmale, weiße Hand, führte sie ehrfurchtsvoll an feine Lippen, hielt sie noch einen Augenblick in der feinen und gab ste dann mit einem leisen Seufzer wieder frei. Wie gern hätte er das schöne Weib an die Brust und feine Lippen auf ihren Mund gedrückt, aber er wagte es nicht. „Und nun, mein Freund", nahm Alexandra wieder das Wort; „möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen: Wir wollen den bösen Zungen auch nicht die kleinste Handhabe reichen und müssen daher dar Ende des Trauerjahres abwarten, bis wir unseren neu geschlossenen Bund durch einen Priester sanctioniren. Bis dahin kehre ich nach Berlin zurück, Ste folgen im Spätsommer mir nach, den Act brr Trauung machen wir in aller Stille ab, und wenn wir hierher wieder zurückgekehrt sind, empfehlen wir uns den Bekannten durch Karten als eisen. 62 Neuvermählte. Frieda braucht von der ganzen Sachs vorläufig nichts zu erfahren, und wenn es Ihnen Recht ist, nehme ich sie dis dahin mit nach Berlin und Ihnen steht es frei, Ihre Tochter dann und wann zu besuchen. Wie denken Sie über diesen Vorschlag?" „Ich sehe ein, daß dies das Richtigste ist, so einsam ich mich auch bis dahin in dem leeren Hause fühlen werde." „Dafür soll Sie, wie ich hoffe, ein belebter und anregender Winker entschädigen, denn ich weiß, daß Sie die Geselligkeit lieben, und wir wollen uns gemeinschaftlich Mühe geben, unser Haus zu einem gesuchten zu machen. Dort steht Frieda auf dem Balkon, so ist sie also schon aus dem Institut zu- rückgekebrt — sie sucht offenbar uns mit ihren Blicken im Garten, ich will zu ihr gehen und sie fragen, ob sie Last hat, mich zu begleiten und unter dem Siegel der Verschwiegenheit werde ich ihr an« verirauen, daß ich zum Herbst wiederkomme, nur soll sie noch nicht wiflen, in welcher Eigenschaft es geschieht." Alexandra reichte dem Geheimrath noch einmal die Hand und sagte: „Möge denn der Himmel unser« Bund segnen'! * worauf sie sich aus dem Pavillon entfernte. „Das walte Gott!" kam es leise über Wolter's Lippen. Er sah dem schönen Weibe, das, die herrliche Figur hoch ausgrrichtet, wie eine Fürstin auf dem braunen Kieswege der Villa zuschritt, lange schweigend nach; als Alexandra durch die Garten« ihür verschwunden war, strich er sich mit der Hand über die Augen und sprach halblaut vor sich hi«: „Verlobt — ein Freundschaftrbund und keine Liebe? Werde ich die Tantalusqualen ertragen können, nicht verdursten vor ungestillter Sehnsucht, den Becher der Freude nur einmal an meine Lippen zu führen? Und wenn ich wüßte, daß das Gift unerfüllter Wünsche langsam und sicher mich verzehren würde, ich würde sie dennoch zurückhalten, denn nur sie sehen, ihre Nähe empfinden ist schon ein Glück; und müßte ich sie entbehren, so würde es dunkle Nacht um mich werden 1 Und ist denn jede Hoffnung entschwunden, kann nicht Freundschaft in Liebe übergehen, wenn auch nicht bald, wenn auch erst nach Jahren? Ja, ich will diese Hoffnung hegen und sie soll mich trösten, wenn ich verlangend die Arme ausstrecke und nur die leere Luft erhasche!" Er schwieg mehrere Minuten, dann sprach er mit leiser Stimme, und doch dabei sich umsehend, als wenn ihn Jemand hören könnte: „Darf ich ihr verschweigen, was auf dem tiefen Grande meiner Seels verborgen liegt und wovon kein Sterblicher eine Ahnung hat? Ist es denn nicht meine Pflicht, bevor die Kirche uns verbindet, ihr da? Grheimniß meines Lebens zu nennen? Und wenn es auch so wohl verwahrt ist, daß nach menschlicher Berechnung es nie an’s Licht des Tages treten wird, kann nicht ein tückischer Zufall das sicherste Calcal umfloßen? Doch nein! es ist ja gar nicht möglich! Der ich war, der ist auf dem Meere gs« storben, wer kann nsir beweisen, daß ich nicht der sei, der ich bin? Und wird sie mir glauben, kann ich sie zwingen mir zu glauben, wenn ich ihr einen entsetzlichen Roman erzähle, in welchem der Held ebenfalls keinen Glauben fand? Ha! der Hauch nur eines Zweifels könnte mir den Verstand rauben! — Sie soll es nie erfahren I Ich habe noch nie gezittert, ich fühle in mir Ruhe und Sicherheit, ich muß die einzige Lüge meines Lebens bis zu Eads führen und darf cs nicht wagen, sie zu beunruhigen und durch mein Vertrauen ein Glück auf'« Spiel zu setzen, das ich erst soeben errungen! Mein Herr und Gott, du hast mir reichlichen Ersatz gegeben für das, was du mir genommen, schütze mich in dem, was ich mir neu erworben!" Langsamen Schrittes verließ er den Pavillon und betrat gleich darauf das große Gartenzimmer der Villa, wo Frieda ihm mit glückstrahlendem Gesicht entgegeneilte und ihm erzählte, daß Tante Alexandra übermorgen nach Berlin reisen wolle, daß sie, wenn der Papa es erlaube, die Tante begleiten dürfe, und daß dieselbe, w-nn sie wiederkämen, vielleicht bei ihnen bleiben würde für immer." „Kannst Du Dich denn von hier so lange trennen?" sagte Wolter. „Ich weiß, daß Du uns schon bald in Berlin besuchen wirst, da wird mir die Trennung von Dir schon leichter. Erlaubst Du es denn, Papa?" „Wenn Tante Alexandra Dich mitnehmen will, da kann ich ja gar nicht Nein sagen." „Dank, besten Dank, lieber Papa!" rief Frieda hocherfreut aus. „Ich will auch Alles, was ich sehe und erlebe, in mein Tagebuch schreiben, und das darfst Du später gerne lesen!" Sie flog wieder davon, um der Tante zu sagen, daß der Papa ihr die Erlaubniß gegeben. Am zweiten Tage darnach reiften Alexandra und Frieda ob, Wolter fuhr in der ersten Zett alle vierzehn Tage, später jeden Sonntag nach Berlin — als das Jahr zu Ende gehen wollte, fand in aller Stille die Vermählung statt. Siebentes Kapitel. Reichlich zwei Jahre waren Wolter und Alexandra jetzt vermählt. Etwa vierzehn Tage später, als Siegfried Rohdenberg von der Frau Geheimrath Wolter ausgefordert worden war, die Direktion ihres Gesangvereins zu übernehmen, befand sich deren Gemahl auf der Fabrik, wohin er fast täglich jeden Morgen gegen zehn Uhr hinausfuhr und von wo er erst zum Diner zurückkehrte, das für gewöhnlich um sechs Uhr stattfand. Das ursprünglich sehr elegant eingerichtete Wohnhaus seines Vorgängers war größtentheils zu Lagerräumen eingerichtet worden, ausgenommen ein Theil des Parte res, in welches man die verschiedenen Csmptoire verlegt hatte. 68 Gleich rechts vom Flur war Wolter's Privat« comptoir. Es war dies ein großes, sehr hübsch ein« gerichtetes Zimmer, das durch nichts Anderes, als durch einen Schreibtisch, der sich in einem runden Ausbau besand, auf diese Bezeichnung Anspruch machen konnte. Von diesem Ausbau vermochte er sowohl den größten Thetl der Fabrikanlagen zu übersehen, als auch Alles wahr zu nehmen, was von der Chaussee aus durch dis große Gitterpforts den inner« Hofraum betrat. Es war gegen zwölf Uhr Mittags. Der Geheimrath Wolter saß zurückgelehnt auf einem weiten Lehnstuhl, der vor seinem Schreibtisch stand und hatte in diesem Augenblick die Augen geschlossen. Seine Hände waren gefaltet und um die Mundwinkel lag ein wehmüthiger Zug. Auf dem Schreibtisch lagen verschiedene Papiere, neben denselben stand ein kleiner, eiserner Kasten, dessen Deckel geöffnet war. Nach einigen Minuten schlug Wolter die Augen auf, er erhob sich mit einem hörbaren Seufzer und begann jetzt im Zimmer langsam auf und ab zu wandern. „Ich hätte nicht geglaubt", sprach er halblaut vor sich hin, „daß die Serlenlast, die ich mir aufge« bürdet, so schwer zu tragen sei! Wie konnte ich vor- aursetzen, daß in meiner vierzigjährigen Brust, als wäre ich ein Knabe von achtzehn Jahren, eine Liebe, dis ich für immer beherrschen zu können glau'te, zu einer Leidenschaft emporflammen würde, durch die ich bedroht werde, über kurz ober lang den letzten Rest meiner Kraft, meiner Selbstbeherrschung einzubüßen! Noch, ja noch bin ich im Stande, die lodernden Ge« fühle meines Innern hinter einer ruhigen Maske zu verbergen, noch ahnt Niemand den Sturm, der mein Herz durchrast I Aber wie lange wird es währen, daß ein Tag kommen wird, wo ich unterliege, unterliegen muß, wo meine zitternden Nerven, wenn ich keine Erhörung finde, zerreißen und mein Geist in die Nacht des Wahnsinns versinkt I" „Erhörung?" fuhr er mit einem kurzen Auflachen fort, „daran jetzt noch zu glauben, darauf jetzt noch zu hoffen, an dieses schwankende Rohr der bloßen Möglichkeit sich anzuklammern — das ist schon der Anfang von Wahnsinn, und dennoch kann ich mich von dem Wahn nicht losreißen, daß sich noch ein« mal ein wärmere« Gefühl, das Gefühl der Liebe, für mich entwickeln wird I Ich würde tief unglücklich werden, wenn ich diesen Wahn aufgeben müßte. Mein thörichtes Herz flüstert mir zu, daß noch nicht alle Hoffnung verloren ist, und meine Vernunft ruft mit lauter Stimme, es ist unmöglich I Und sie hat wohl Recht I Kann das schöne Weib einen Mann lieben, dessen Gesicht so häßlich, so entstellt ist, wie da» meine? Hat sie es in dem Brief an die Tante nicht mit klaren Worten gesagt, al» ich ihr meine Hand antrug, um einen Freundschaftsbund für'» Leben zu gründen? O, wenn ich gewußt hätte, welche Qualen ein solcher Freundschaftsbund über ein menschliches Herz ausgießen kann, da» heiß und mit jedem Tage heißer liebt, ich würde die» Bündniß nicht gefordert haben, denn damals hätte ich die Kraft gehabt, meine Gefühle zu unterdrücken, und die Ruhs wäre auch wohl allmählig in mein Herz zurückgekehrt, aber jetzt, nachdem ich sie fast zwei Jahre lang täglich gesehen, täglich in ihrer beglückenden Nähe geweilt, nachdem ich dis herrlichen Eigenschaften ihres Charakters nur noch gründlicher kennen gelernt, jetzt habe ich diese Kraft nicht mehr l" Er unterbrach sich ging, zu seinem Lehnstuhl zurück, ließ sich mechanisch wieder aus demselbm nieder» starrte längere Zeit in Gedark n verloren vor sich hin und brach dann wieder in laute Worte aus: „Wie ost habe ich schon den Entschluß gefaßt, wenn ich allein mit ihr war und wir wie zwei gute, Freunde vertraulich mit einander plauderten, ihre Hand zu ergreifen, sie an die Brust zu ziehen und einen Kuß auf die schwellenden Lippen zu drücken, aber in dem Moment, wo ich zur Ausführung schreiten wollte, da ertönten ganz laut in meinem Innern die Worte: „Ich schätze ihn hoch, aber lieben kann ich ihn nicht, fein Weib könnte ich niemals werden", und zaghaft zog ich mich wieder in mich selbst zurück." (Fortsetzung folgt.) Kaiser Mkyekm am Imster. Unter diesem Titel schildert Karl Euler in der „Voss. Ztg." diejenige Erscheinung de» heutigen Berliner Lebens, welche späteren Geschlechtern wahrscheinlich al» die charakteristischste und voltsthüm- lichste au» der Regierung de» Kaiser» Wilhelm erscheinen wird. „Wenn aber der Kaiser wieder in Berlin weilt, in seinem bescheidenen Daheim Unter dcn Linden, dann vollzieht sich jeden Tag eine Huldigung, so wunderbar, so eigenartig, daß unsere Enkel, die nur vom Hörensagen davon wissen, nur davon gelesen haben, es kaum werden begreifen können. Dee t Kunst hat allerdings mit Griffel und Pinsel solche j ©eenen festzuhaltrn versucht. Aber was vermögen \ diese Darstellungen gegenüber der selbsterlrbtcn Wirk- ) lichkeit? Es ist hergebrachte Sitte, daß der Truppentheil, welcher die große Hauptwache um 1 Uhr des Mittag» bezieht, mit voller Regimentsmusik aufmarschtrt; j es wird dabei der Weg an dem Kaiserlichen Palais \ vorbeigenommen. Der Kaiser, wenn er in Berlin > anwesend ist, pflegt dann die Arbeit ober eine von ! ihm gerabe ertheilte Audienz auf kurze Zeit zu unter« I brechen, um an da» Fenster zu treten und nach den strammen Schritte» Vorbeimarschirenden hinzusehen, - bi» sie vorübergezogen find. Die gerade des Weges ’ Kommenden gingen entblößten Haupte» vorüber oder M • blirben stehen, so lange der Kaiser sichtbar war; es erklangen wohl auch vereinzelte Hochrufe. Aus diesen mehr zufälligen Beweisen der Verehrung hat sich nun in den letzten Jahren eine wahrhaft großartige alltägliche patriotische Kundgebung herausge- stallet, die jeden Theilnehmenderr auf's Tiefste ergreift. Hunderte, ja an schönen Tagen und besonders des Sonntags Tausende, erfüllen, wie noch eben erst am Neujahrstage, den Platz um das Denk- mal Friedrich's des Großen. Mil Mühe halten Schutzleute zu Fuß und zu Pferd die Straßen für die Wagen und für die erwarteten Wachmannschaften frei. Es ist freilich schwer und erfordert viel Geduld bei dm Schutzleuten. Ost entwickeln sich förmliche Wechselgespräche zwischen ihnen und dem Publikum die zu Fuß mahnend, die berittenen mit den wohlgeschulten Pserden die Vordrängenden vorsichtig aber unwiderstehlich zurück weisend. Und das geschieht nicht etwa wie bei anderen Gelegenheiten laut, lärmend, johlend, von brüllendem Gelächter be« glittet. Denn das gehört auch zu dem Wunder- baren: das hier versammelte Publikum und sein V-ryalren. Alle Schichten der Boölkerung, alle Stände, alle Volks- und Altersklaffen sicht man hier vertreten. Man erkennt und begrüßt den hochgestellten Beamten, man schüttelt dem Kollegen die Hand, nickt einem Bekannten zu, lüftet den Hut vor einer Dame, mit der man in Gesellschaft zusammen- gek mmen ist, führt selbst vielleicht seine Frau, seine Tochter am Arm. Bürger, Handwerker, Arbeiter finden sich ein, wenn es geht, mit Weib und Kind. Ossiciere, Soldaten, Kadetten sind erschienen, Schulkinder mit ihren Buckelmapp-n, Dienstmädchen, am Arm den Marklkorb, wenn es gerade die Zeit gestattet. Dazwischen auch niederes Volk, echte Summier. Droschken und Eqripagen fahren auf der Uni« versträtssette die Straße langsam auf und ab, um zur rechten Zeit an für die Jnsaffen günstiger Stelle zu halten. Aber nicht allein Berliner Publikum ist zur Stelle, auch Auswärtige haben sich eingefunden. Manche hat eben erst die Bahn herbeigeführt. Zu Wagen und Fuß eilen sie nun herbri, oft noch die Reisetasche in der Hand, wohl auch außer Athem, weil ste ja nicht zu spät kommen wollen. Denn nicht Wenige hat hauptsächlich das Verlangen und der Wunsch, den Kaiser zu sehen und zu begrüßen, zur Fahrt, oft von weit her, veranlaßt. E n kundiges Ohr vermag leicht den Ostpreußen, den vom Niederrhein, den Schlesier, den Sachsen, den Westfalen zu unterscheiden. Ob der Kaiser auch ganz wohl ist, ob er sich sehen lassen, am Fenster erscheinen wird, hött man die Fragen durcheinanderschwirren. Das wäre doch schade, wenn man die Fahrt nach Berlin umsonst gemacht hätte. Giebt bann der Berliner beruhigende, zuversichtliche Ant- wort, so athmen sie freudig auf. Und dieses so gemischte Publikum v-rhätt sich musterhaft ruhig. Man vernimmt keinen Lärm, hört kein lautes freches Wort, keine schlechten Witze, keine unpassenden Redensarten. Auch dis Vorlautesten find verstummt; auch sie wollen den Kaiser nicht stören, auch sie beugen sich unwillkürlich vor der Majestät des Alters und der Würde. Nur haben sie sich in dis vorderen Reihen gedrängt, während °die Bescheideneren sich mehr zu- iückhaltrn nach der Seite der Universität hin. denn auch von da hat man den vollen Blick nach den Kaiserlichen Fenstern und ist wohl auch mit einem Operngucker versehen. So bewegt man sich, so steht man in gespannter Erwartung. Da vernimmt man in dec Ferne Musikklänge; es kommen gleichzeitig eilendrn Schrittes von allen Seiten noch Nachzügler herbei. Die Musik nähert sich, sie spielt die Melodie des s„Heil Dir im Siegerkranz" oder „Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben". Jeder faßt Posto, den Blick unverwandt nach des Kaisers Arbeitszimmer gerichtet. Nun hat die Musik das Palais erreicht — der Kaiser tritt an's Fenster. Sein Waffenrock ist aufgeknöpft, die weiße Weste, der Orden pour le merite ist sichtbar. Sofort sind die Köpfe entblößt. Zunächst aber gilt des Kaisers Aufmerksamkeit den vorbeimarschirenden Soldaten. Dann gleitet der Blick über die Menge, ein unbeschreiblich freundliches Lächeln verklärt das ehrwürdige Angesicht. Und laut erbraust der Hochruf; die Hüte, Mützen, Taschentücher werden geschwenkt, die Eltern heben die Kinder in die Höhe, daß sie den Kaiser sehen können. Dieser verneigt sich nach rechts und links; fichtlich erfreut blickt er auf die Jubelnden herab, er winkt dankend mit der Hand, und nun hemmt keine Schranks mehr die Menge; sie fluthet über den Fahrdamm, die Schutzleute weichen zurück, bis unter die Fenster eiten die Jubelnden, Zurufenden. Wiederholt winkt der Kaiser — langsam zieht er sich in den Hintergrund des Zimmer» zurück. Oft erhebt sich auch der Gesang des Nattonalliedes aus der Menge. Alle stimmen mit ein. E» ist besonders der Ausdruck der Freude, wenn der Kaiser nach längerem Unwohlsein zum ersten Male wieder am Fenster erscheint, der Theilnahme an bedeutungsvollen Ereignissen, sowohl freudige«, als ernsten und trüben, die dem Kaiser nahe gingen. Am 2. December, also bald nach ihrer Rückkehr von Koblenz, und am letzten Novembertage war die Kaiserin in der Mittagsstunde im Arbeitszimmer des Gemayls; der Kaiser entfernte den Fenst«rvor- setzer, so daß auch die Kaiserin dem Volke sichtbar wurde. Und auch ihr galten die bis zur höchsten Begeisterung gesteigerten Zurufe. So wird Kaiser Wilhelm alltäglich die Huldigung seines Volkes zu Theil, eine Huldigung, die, wie ste frei und freiwillig aus dem Herzen strömt, so auch herzlich und gern entgegengenommen wird. Möge es noch lange so bUiben und möge auch der Tag nicht fern sein, an dem auch des ritterlichen Sohnes Heldengestalt in voller, wiedererlangter Gesundheit an dieser Huldigung theilnehmen kann." Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.