Hießener Jamtkienblätler. Belletristisches Beiblatt ptm Gießener Anzeiger. Nr. 3. Samstsg^m^Januäri ”|gg^ Die verkorene Wr§el. Original-Roman in 3 Bänden von Dr. Carl Hartmann-Plön. (Fortsetzung). Der Präsident und sämmtliche zwölf Richter erhoben sich von ihren Sitzen und Ersterer sagte, ohne daß seine Stimme im Geringsten von Mitgefühl gezittert hätte: „Das Ehrengericht hält Ihre Schuld für bewiesen und ist der Ansicht, daß Sie hiernach nicht mehr würdig sind, dem Osficiersstande anzugehören. Es hat das einstimmige Urtheil gefällt, daß Sie als ehrlos aus demselben auszuschließen seien- Das Resultat der heutigen Ehrengerichts sitzung wirb Sr. I Majestät unterbreitet werden." Ein kurzer Aufschrei entfuhr Thaiheim's Brust, sein Körper knickte zusammen, Lrichenblässe bedeckte S sein Gesicht und er wäre zu Boden gesunken, wenn nicht zwei seiner Ankläger herbeigesprungen wären, S die ihn unter den Arm nahmen und hinausführten, | wo sie einer Ordonnanz den Auftrag gaben, eine I Droschke zu besorgen. Nachdem die beiden Osficiere, die dem Unglück- l lichen Beistand geleistet, in den Saal zurückgekehrt l waren, fand zwischen den Ehrengerichtsmitgltedern ! und den neun Klägern noch eine kurze Konferenz statt, worauf der Obrist Tramm sich entfernte, aber es hätte nicht viel gefehlt, so wäre auch er auf dem i Flur zusammengebrochen, und nur Mit äußerster ; Willenskraft gelang es ihm, ohne zu wanken, in < seine Wohnung zurückzukehren. Kaum eine Stunde war vergangen, seitdem Thalheim das Haus verlassen, und wiederum saß er in seiner Sophaecke, matt, kraftlos, zum Tode in seinem ! Innern zerrisien und verwundet. Wie lange er so ; dagesessen, apathisch, fast ohne zu denken, wußte er : selbst nicht. Er batte die Augen geschlossen und erst nach langer Zeit stellten sich wieder logische Gedanken 1 ein, die von nun an immer mehr sich häuften, an- sangs noch regellos durcheinander fuhren, bis schließ- I lrch aus dies;m Gewirr ein einziger bestimmter Ge- - danke sich in den Vordergrund schob und eine klare, ’ umgrenzte Gestalt annahm. Das Gesicht röthete sich wieder, ein Entschluß i war gefaßt, Thalheim stand mit einer raschen Br- l wegung auf und schritt zu seinem Kleiderschrank, | aus dessen Tiefe er einen Kasten hervorholte, in ’ welchem sich ein sechsläufiger Revolver befand. Der Revolver war nicht geladen, aber drr Kasten enthielt außer Letzterem eine Anzahl Patronen. Ohne zu zittern, lud er das tödtliche Geschoß, legte dasselbe auf den Tisch und setzte sich an seinen Schreibtisch, wo er auf einen Briefbogen folgende Worte schrieb: „Das Ehrengericht hat mich heute für ehrlos erklärt, aber ein Mann von Ehre, der ich immer noch bin» kann mit einem Schandfleck, auch wenn er ihm unverdient aagehestet ist, nicht weiter leben, daher werfe ich ein Leben von mir, das teilten Werth mehr für mich hat. Angesichts des nahen Todes, angesichts der Ueberzeugung, daß ich schon in der nächsten Stunde vor einem höheren Richter stehen werbe, der mir nimmermehr eine letzte Lüge verzeihen würde, schwöre ich, daß ich an dem Verbrechen, dessen man mich geziehen, unschuldig bin. Ich verzeihe meinen Richtern, die mich verurtheilt haben, weil ich einsehe, daß sie nicht anders ur- theilen konnten, da es mir nicht möglich war, einen Beweis meiner Unschuld zu erbringen. Möge Gott mir die Thal vergeben, dis meine Ehrs von mir fordert, und mögen meine ehemaligen Kameraden, dis ich nie wissentlich verletzt und hintergangen, mir ein freundliches Andenken bewahren. Franz Thalheim." Dieses Papier heftete er mit einer Stecknadel an das Bücherbord, welches sich über seinem Schreibtisch befand, damit dasselbe den später Eintretmden sogleich in die Augen fallen möge. Hierauf t'.at er an den Tisch und ergriff den Revolver. In diesem Augenblick klopfte es laut an die Thür. Erschrocken legte er die Waffe wieder auf den Tisch und bedeckte sie mit einem Taschentuch, das er rasch hervorgezogen hatte. Erst, nachdem zum zweiten Male geklopft wurde, rief er Herein. Die Thür öffnete sich und über die Schwelle trat ein Mann von etwa scchszig Jahren. Derselbe trug die grüne Uniform der Zollbeamten, und nach, dem er die Thür geschlossen, warf er einen bekümmerten Blick auf den vor ihm stehenden jungen Manu und schien vor innerer Erregung keinen Laut von sich geben zu können. Es war Thalheim's Vormund, bei dem er bis zum Eintritt in die Kadetten« stalt aufgewachsen und erzogen war. „Du bist es, Onkel?" sagte Franz. Der alte Mann schien sich erst fassen zu müssen, ehe er eine Antwort finden konnte. Erst nach mehreren Sekunden erwiderte er: 10 „Ja, ich bin es, und wundere mich nur, daß ich nicht einen Zerknirschten und Reumüthigen an treffe, sondern daß ich in Deinem Gesicht einen Ausdruck —" .»So weißt Du es schon, Onkel? O, bann weiß es ja schon die ganz? Welt!" „Ich weiß Alles, und mein Weg zu Dir hat den Grund, daß die ganze Welt es nicht erfahre." „Wie soll ich das verstehen?" Der Vormund antwortete nicht sogleich, sondern schlug di? Hände zusammen und rief mit schmerzlicher Stimme: „Franz, wie konntest Du Dich so vergcffen. Haben meine Frau und ich Dich nicht in der Religion erzogen? Hast Du in unserem Hause ein solches Beispiel vor Augen gehabt? Habe ich Dich nicht ge- lehrt, was Ehre und Sitte sei? Haben sie denn in der Kadetienanstült Dein ursprünglich gutes und reines Herz vergiftet? Von mir hast Du es nicht gelernt, auf unrechtmäßige Weise sich etwas anzueignen, ich wasche meine Hände in Unschuld!" „So glaubst auch Du daran, Onkel?" „Muß ich nicht?" „Ja, Du mußt es, wie es Alle, Alle müffen! Aber von Dir, Onkel, kann ich fordern, daß Du mir Glauben schenkst. Wie auch der Schem gegen mich spricht, ich bin dennoch unschuldig! Wenn ich es Dir heilig versichere, glaubst Du es auch dann nicht?" 'Ich glaube an Gott, einen anderen Glauben habe ich nicht." „O, das ist hart!" Nach einer Pause sagte der Vormund: „Ich möchte Dich fragen, was Du zunächst zu thun gedenkst, da Du hier doch nicht bleiben kannst.'- „Was ich zu thun gedenke? Kannst Du noch fragen, Onkel?" In diesem Augenblicke fielen die Augen des Vormunds auf das Taschentuch, das die Form des darunter liegenden Revolvers nicht undeutlich verrieth. Der alte Mann trat innerlich erschrocken an den Tisch, warf das Tuch zurück und die Waffe ergreifend, sagte er: „Das also wolltest Du thun?" „Bleibt mir eine andere Wahl?" „Ich fürchtete so etwas, und deshalb habe ich mich beeilt, hierherzukommen." „Um mich zu verhindern, meinen Entschluß aus- zuführen? Siebt es denn noch einen anderen Ausweg als diesen?" „Es giebt noch einen." „Für mich nicht! Wer für seine Unschuld kein? Beweise tiefer« kann, der ist schuldig, schuldig in den Augen der ganzen Menschheit, und das ist gleich- bedeiüend mit der wirklichen Schuld. Mit dem un- vertilgbaren Mal aber der Schande auf der Stirn kann kein Mann von Ehre weiterlsben!" Der Vo: mund Halts j.tz! auch den an das Büch r- bord gesteckten Zettel gesehen, und ssogleich dessen Bedeutung ahnend, schritt er rasch an den Schreibtisch und riß das Papier herunter. Mit zitternden Händen las er, was Franz darauf geschrieben, und als er zu Ende war, rannen zwei Thränen über seine Wangen. „Ist es denn möglich", rief er aus, „kann ich wieder an Dich glauben? Ja, Du hast Recht, ange- sichts des Todes lügt man nicht! Kannst Du mir verzeihen, daß ich zwnselte? O, mit diesem Zettel eile ich wieder zurück, und wenn sie ihn gelesen und ich ihnen erzähle, was ich hier gesehen und gehört, so werden auch sie wieder Alle an Dich glauben." Darnit wandte er sich nach der Thür. „Um Gottesmillen, Onkel, wohin willst Du?" „Zu den Officisren, dis noch alle versammelt sind!" „Um keinen Preis der Welt! Glaubst Du wirklich sie zu überzeugen? Nimmermehr! Wer mir das Verbrechen der Fälschung zutraut, der wird auch nicht anstehen, das, was ich auf den Zettel ge- schrieben und was Du sonst von mir berichten wirst, für wohl eingMtelen Humbug und berechnete Komödie zu halten." Der Vormund trat von der Thür, deren Griff er schon erfaßt hatte, wieder zurück und das Haupt senkend, sagte er: „Du magst wohl Recht haben! — Ich habe Dir noch immer nicht mitgetheilt, Franz", sagte er nach einer Pause, „warum ich Dich ausgesucht. Ich komme im Auftrage der Osfic.ere." „Wie? Der Osficiere?" „Der kommandirende General ist diesen Mittag von seiner Reife zurückgekehrt. Man sah sich veranlaßt, ihm sofort zu melden, war vorg-fallen war. Er war darüber aufs Aeußerste erregt und hat sogleich sämmtliche Osficiere der Garnison zu sich in fein Haus kommen lassen. Er empfindet dm Schimpf, den ein Einzelner auf sich geladen, als wenn der ganze hier anwesende Osficierstand ihn erlitten. Ec fürchtet nun, daß wenn die Angelegenheit höheren Orts gemeldet und ein Kriegsgericht berufen wird, welches Dir allerdings dann in ganz anderer Werfe den Prozeß machen müßte, die Geschichte allgemein bekannt werden würde, und das will er mit allen Mitteln zu verhindern suchen. Er hat allen Osficieren das Ehrenwort abgenommen, weder einem Civilisten noch auswärtigen Osficieren gegenüber das Geringste von dem Geschehniß zu verrathen, doch will er, nicht um Deinetwillen, sondern um seiner selbst und der anderen Osficiere willen, derm allgemeiner Ruf von diesem Vorkomm- niß ohne Frage mittangirt werden würde, davon absehen, die Sache weiter zu verfolgen, wenn Du die von ihm gestellten Bedingungen erfüllst. Das Urtheil des Ehrengerichts bleibt moralisch stehen, wenngleich es faktisch aufgehoben wird, Dir aber schreibt er vor, Folgendes auszuführen: Du reichst sofort ein Eatlassungsgesuch aus dem Dienst ein, unter dem Vorgebe», ein Verwandter in Amerika habe Dich zu sich gerufen. Dein Regimentschef er- theilt Dir einen vorläufigen Urlaub von vier Wochen. Noch heute reist Du von hier ab nach Hamburg, wo Du das nächste Schiff besteigst, das nach Amerika fährt. Solltest Du je zurückkehren, so hast Du den Ort zu vermeiden, an welchem gerade Dein Regiment stationirt ist." „Und woher weißt Du denn dies Alles, da doch den Officieren das Ehrenwort abgenommen wurde, zu schweigen?" fragte Franz. „Man hat mich gerufen und auch mir das Ehrenwort abgenommen. Da doch kein Officier zu dem in Ach! Gethanenen gehen konnte, um mit ihm zu verhandeln, so wußte man sich keinen andern Rath, als Deinen Vormund ins Vertrauen zu ziehen. Sprich, Franz, willst Du dis Bedingungen erfüllen ?" „Ich kann nicht, Onkel! Mein Weg, den ich zu machen habe, ist mir vorgeschrieben. Das Uttheil des Ehrengerichts bleibt moralisch stehen, so bleibt auch das Brandmal stehen, ich bin geächtet — unter der Schande kann ich nicht athmen!" (Fortsetzung folgt.) Gin Apostet des Vegetarianismus. Von A. S. (Nachdruck verboten.) Ein Trauerfall in der Familie hatte mich nach jahrelanger ununterbrochener Tätigkeit für einige Tage von meinem Posten frei gemacht. Ich bestieg in Frankfurt a. M. das Dampfroß, um gen Berlin zu fahren. Der ungelegene Zeitpunkt (es war Ausgang des Monats) in Verbindung mit meiner angeborenen Sparsamkeit veranlaßten mich die dritte Wagenkaffe zu benutzen. Das Coupo, welches ich in der schönen Mainstadt bestieg, war leer. Nach und nach wurde es auf den Bahnhöfen, die wir paffirten, lebhafter und schließlich erhielt auch ich, nachdem mein Coups, das augenscheinlich für weite Touren bestimmt war (wenigstens von Frankfurt aus) lange verschont geblieben, Reisegesellschaft. Zwei junge Leute stiegen ein, die bald in lebhafter Unterhaltung begriffen waren. Der eine war ein blutjunger Reisender, der mit großen Erwartungen hinauszog, um vermuthlich recht kleinlaut zu seinem Chef heimzukehren; der andere war ein Beamter, welcher von den Dreißigen auch noch ein recht nettes Stück entfernt sein mochte. Die beiden Reisege- fährten waren zwar gesprächig und guter Dinge, dabei aber ruhig und bescheiden, was ich um so wohlthuender empfand, als mich der Beweggrund zu meiner Reise recht trübe stimmte. Wir drei Jnsossm des Coupo's waren mehr denn eine Stunde ruhig weitsrgefahren, als die Lokomotive wiede um ertönte und der Zug brausend in H. einfuhr. Die Coupäthür wurde hastig geöffnet und herein stieg ein stattlicher Herr mit schwarzem Voll- bart. Zwei Handkoffer wurden ihm nachzetragem Ec nahm nicht sofort Platz, sondern sah erwartungsvoll zum Wagenfenster hinaus. Endlich schien die Erwartete — es war ein Dienstmädchen — zu kommen. „Hier, hier", rief er und winkte mit der Hand. Athemlos kam das Mädchen herangestürzt und reichte unferm neuen Reisegefährten eine gefüllte Düte hinauf. „Was kostet es?" fragte dieser. „Sieben- zig Pfennige" erwiderte das Mädchen. „Sie find wohl nicht gescheidt", replicirte der Vollbärtige, „wie kann das siebenzig Pfennige kosten!" — Der Zug begann sich in Bewegung zu fetzen. „Geben Sie mir mein Geld, es kostet so viel" rief das Dienstmädchen und lief neben dem Zug her. Der Herr suchte in seinem Portemonnaie und warf endlich, nachdem das Mädchen seinen Dauerlauf bereits aufgegeben hatte, das Geld zum Wagenfenster hinaus. Ob es die siebenzig Pfennige gefunden hat, weiß ich nicht. Mit dieser kleinen Scene führte sich der vierte Jnsaffe unseres Wagens ein. Nachdem er Platz genommen und uns keck und lustig angesehen hatte, öffnete er die ihm von dem Mädchen gereichte Düte und brachte schmunzelnd einen Haufen Backwerk zum Vorschein. Dann begann er tapfer zu kauen. Als wir den bärtigen Freund von Conditorwaare erstaunt ansahen, lächelte er vergnügt und sagte zu uns gewendet: „ich bin Vegetarianer meine Herren; auf der Reise kann man nicht viel machen, da muß unsereins sehen, wie er seinen Hunger möglichst anständig und mit möglichst viel Abwechselung stillt." Wir lachten zu dieser überraschenden Erklärung seiner Liebhaberei für Backwerk. Ich konnte die Bemerkung nicht 'unterdrücken, daß sein Aussehen seine Worte freilich nicht bestätige. „Und doch ist es so" erwiderte unserer Vegetarianer und schilderte dann mit einer solchen Eloquenz die Vorzüge des Vegetarianismus, daß wir geradezu „paff" waren. „Eßt nur Fleisch" donnerte er uns an, „und Ihr seid auch bald für die Würmer. Gott, sind die Menschen noch unverständig! Wissen Sie denn nicht, daß durch den Fleißgenuß die meisten Krankheiten heraufbeschworen werden? Denkt doch nur an Moses und sein Verbot des Genusses des Schweinefleisches. Unsere Zeit nennt sich stolz die fortgeschrittene, sie sollte aber die rückwärts schreitende heißen, denn was man vor tausend und mehr Jahren ffchon als gesundheitsschädlich verbot, wird heute als gesundheitfördernd empfohlen. Es ist unglaublich! Meinen Sie denn, meine Herren, Moses hätte den Genuß des Schweinefleisches wegen etwas Anderem, als bett Trichinen verboten? Der hatte erkannt, daß der Mensch kein Fleisch genießen darf, wenn er gesund und von Krankheiten verschont bleiben will." Dabei griff er zu einem seiner Koffer, schloß flugs auf und holte eine Handvoll Broschüren über den Vegetarianismus hervor, die er freigebig vertheilte. „Ra, meinte ich, Sie sehen aber nicht wie ein 12 Pflsnzenefsir aus; man sollte eher glauben, Sie essen ordentlich Fleisch und tränken nicht übel Wein dazu.' „Hahaha" lachte er, „da kann man sih-n, wie die Menschen sich irren. Seit drei Jahren schon esie ich kein Atom Fleisch und trinke weder Wein noch Bier, obschon btr Genuß von Wein nicht unter» fegt ist — und bin seitdem so gesund wie ein Fisch im Wasser." „Was trinken Sie denn?" fragte ich. „Wasser, nichts als Wasser" erwiderte er schnell. siJch bin Reisender und muß als solcher recht oft an der fable d’höte mitspeisen. Ich thue dies, indem ich Zahle, aber ich genieße nichts, was den Grundsätzen der Vegetarianer entgegen wäre. Esse respcctive zahle ich nicht mein Couvert, so könnte man tückischerweise sagen, ich sei Vegetarianer aus Sparsamkeit, jetzt aber spucke ich den Großmäulern auf den Zopf und schwimme oben." Als ich immer noch ungläubig den Kops schüttelte, auf die Völker hinwies, die sich fast ausschließlich von Fleischkost nähren und dabü gesund und von großer Muskelstärke sind, auch die Fleischer, die bekanntermaßen selten hager und krank sind, als scharfes Geschütz ins Treffen führte, wurde unser Vegetarianer ordentlich wild, griff zu seinem zweiten Koffer und holte .abermals eine Menge Schriften über den Vegetarianismus hervor, welche er mit gleich verschwenderischer Hand vertheilte. „Hier", rief er; „hier können Sie Urtheile von Männern der Wissenschaft sehen. Selbst Virchow Hai sich zu Gunsten des Vegetarianismus ausgesprochen und anerkannt, daß die Zähne des Menschen gar nicht auf den Genuß von Fleisch hindeuten. Fleischfreffsn ist Sache der Raubthiere, welche haarscharfe spitze Zähne haben, der Mensch hingegen soll Pflanzen essen, sein ganzer Organismus, insbesondere seine Kauwerkzeuge weisen mit zwingender Deutlichkeit darauf hin. Da hört jeder Zweifel auf. Ver- suchts doch, Ihr Ungläubigen I Den Stab über etwas brechen ist sehr leicht. Erst probiren, dann urtheilen. Eßt. nur ein halbes Jahr kein Fleisch und Ihr werdet gesünder sein, denn je zuvor; dankerfüllt werdet Ihr an diese Begegnung zurückdenken." Dann griff er zum dritten Mal in den Koffer und reichte uns einen Küchenzettel für Vegetarianer, der wirklich gar nicht so uneben aussah. Wir waren ob dieser Begeisterung eines Menschen für eine Sache, gepaart mit ungewöhnlicher Beredsamkeit, ganz verblüfft und Niemand von uns erwiderte noch etwas. Wir vertieften uns in dis uns überreichten Schriften und schwiegen. Die Lokomotiopfeife ertönte abermals. Der Zug hielt in F., unser Vegetarianer war am Ziel. Ec erhob sich, nickle uns, freundlichlachend, Lebewöhl zu, indem er zum Abschied bemerkte: „treten Ste dem Verein in Frankfurt a. M. bei, meine Herren, ich habe erst vorgestern dort einem Essen der Vegetari- i aner ungewohnt und neuerdings erfahren, wie sehr ; gut man ohne Fleisch leben kann. Es war vorzüg- ! stch und dann — ist es auch billig." Drmit ging er lächelnd von dannen. Wir drei fetzten di^Reisr noch ein Stückchen gemeinsam fort, dann stieg auch ich, an meinem Ziele angekommrn, aus. Der Schwärmer für Pflanzenkost kam mir erst aus dem Gedächtniß, als ich mich im Kreise meiner Angehörigen befand.-- Drei Tage später trat ich die Rückreise an. Auf derselben wollte ich einem alten Freund einen Besuch abstatten. Zu diesem Behu'e unterbrach ich meine Tour in B. Um mich ein wenig von dem Staub der Reise zu säubern, lenkte ich meine Schritte zunächst dem mir bekannten Hotel „zur Krone" zu, dem besten des kleinen Städtchens. Ich betrete das Gastzimmer und bleibe über» rascht stehen — am Tische sitzt unser Vegetarianer vor einem Riesenbeefsteak und einer Flasche Rüdesheimer. Durch meinen Eintritt aufmerksam geworden, hatte er aufgeblickt und mich ebenfalls sofort wieder- erkannt: „Freut mich herzlich Sie wieder zu treffen" ri-f er mir lustig entgegen; „Sie sind wohl erstaunt mich Fleisch essen und Wein trinken zu sehen, wie?" „Allerdings erwiderte ich, näher tretend." „Ja, mein Lieber" meinte der seltsame Apostel des Vegetarianismus, „ich arbeite nach Kräften für den Vegetarianismus; ich will fünf, sechs und noch mehr Reden an einem Tag zu seiner Verbreitung halten und freue mich auch, wenn ich' Jemanden dazu bekehre, nur soll man von mir nicht verlangen, daß ich kein Fleisch esse und keinen Wein trinke. Wenn ich kein Beefsteak und keinen Traubensaft haben soll, dann hat das Leben keinen Reiz mehr für mich. — Ich mache es wie unser Pastor, wenn er von den Fasttagen predigt. Der anempfiehlt auch seinen frommen Schafen mit ernster Miene, kein Fleisch zu essen, dabei sitzt er selbst sich aber Abends seelenvergnügt vor einen mchrpsündigen saftigen Kalbsbraten. Als er dabei einst von einem frommen lastenden Pfarrkind über- rafcht wurde, soll er ruhig bemerkt haben: „da ich keine Fische bekommen konnte, habe ich ein Kalb genommen." „Sehen Sie, so mache ich es auch. Da ich nicht immer Wasser bekommen kann, trinke ich halt Wein und da auch Obst für mich recht oft schwieriger S« erhalten ist als Fleisch, bleibe ich bei meinem schönen saftigen Beefsteak. Und so gut wie der Herr Pastor trotz seines Kalbfleisches ein frommer Mann bleibt, bin ich trotz Wein und Beefsteak ein guter Vegetarianer. An guten Ermahnungen lasse ich es gewiß auch nicht fehlen und mehr kann ein braver Christ am Ende nicht thun." „Habe ich nicht recht?" Ich lachte und stieß mit ihm an auf die „fleisch, essenden Vegetarianer." Nedaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.