Hießener Jamilienblätter. Belletristisches Beiblatt;um Gießener Anzeiger. Nr. 144. Donnerstag, dm 6. Dezember 1888. Aunket! Erzählung von Friedrich Friedrich. (Fortsetzung.) Erstaunt nahm Prell die Tasche zur Hand. „Dies ist zum wenigsten ein Zeichen, das auf die rechte Spur führen kann", fügte er hinzu. „Ist dies des Ermordeten Brieftasche?" fragte er. „Sie ist es. Hier strht fein Name. Ich habe feinen Vater rufen taffen, er war hier, — er hat sie gesehen — in dieser Tasche hat sein Sohn an dem Tage das Geld getragen." Prell öffnete sie und blickte hinein. „Sie ist leer", sprach er. „Natürlich! Der Mörder hat den Inhalt heraus« genommen und hat sie dann von sich geworfen." „Wo ist dieselbe gesunden?" „Im Walde, im Gebüsch, in der Nähe des För- sterhauses", entgegnete der Richter. „In der Nähe de» Försterhauses?" — wieder« holte Prell. „Ja!" „Wo Hellmann wohnt?" fragte Prell weiter. „Dort. Was haben Sie, Doktor? Es fällt Ihnen irgend etwas auf. Was ist es?" „Nichts — nichts!" gab Prell zur Antwort. „Doch — Sie verschweigen mir etwas", bemerkte Pintu«. „Weil es nur ein Gedanke ist, der in mir auf« steigt, ein Verdacht — für den ich keine hinlänglichen Beweise habe. Es ist nichts." A „Sprechen Sie — sprechen Sie", drängte der Richter. „Auf wen haben Sie Verdacht?" Prell zögene. „Sprechen Sie", wiederholte der Richter noch einmal. — „Und wenn mein Verdacht nun unbegründet ist?" warf der Arzt ein. „Ich möchte Niemand in Gefahr — in Untersuchung und Unannehmlichkeiten bringen." „Doktor — hier handelt e» sich um die Entdeckung eine» Verbrechens. Seien Sie ohne Sorge — ich werde einen Unschuldigen von einem Schuldigen zu unterscheiden wiffen. Auf wem haftet Ihr Verdacht?" „Auf dem, in dessen Nähe die Brieftasche gefunden ist!" „Auf Hellmann — auf dem Förster?" Prill nickte bejahend mit dem Kopfe. „Unmöglich — unmöglich!" rief Pintu». „Ich halte ihn einer solchen That nicht für fähig." „Einer Raubmorde» nicht", bemerkte Prell. „Wenn er die That aber nun au» einem andern Grunde begangen hätte, wenn er den Tobten nur beraubt hätte, um seiner That eben den Charakter de» Raubmorde» aufzudrücken?" „Ich verstehe Sie nicht!" „Er liebt Paula — er war eifersüchtig auf Berger", sprach Prell. „Er hatte einen Streit mit ihm an jenem Ballabende — er drohte —" er erzählte den ganzen Vorgang jene» Abend». Der Richter schwieg, aufgeregt schritt er im Zimmer auf und ab. Er mußte sich erst an diesen Gedanken gewöhnen. Ec kannte den Förster. — „Sie meinen, daß e» eine That der Eifersucht und Rache gewesen fei?" fragte er endlich, vor Prell stehen bleibend. „Halten Sie da» für unmöglich?" warf der Doktor ein. „Der Förster ist leidenschaftlich, sehr jähzornig!" „Allerdings — allerdings!" sprach Pintur. „Und ich sagte Ihnen bei der Untersuchung des Tobten", fuhr Prell fort, „daß eine sichere Hand die Kugel abgeschoffen haben müsse. Sie war auf dar Herz gerichtet — die Jäger sind gewöhnt, das Herzblut des Wildes auf das Korn zu nehmen — doch halt — halt! meine Phantasie führt mich zu weit I" „Nein, sprechen Sie!" rief der Richter, bei dem der Verdacht bereits festen Boden gewonnen hatte. „Sie geben mir Anknüpfungspunkte, von denen ich keine Ahnung hatte." „Und wenn sie nun falsch sind?" warf Prell ein. „So werde ich sie nicht weiter verfolgen", versicherte Pintu». „Aber ich muß mich erst davon Überzeugen. Sie sagen, daß die Jäger die Gewohnheit haben, ihr Wild in da» Herz zu schießen?" „Das ist so!" bestätigte Prell. „Und Hellmann ist ein guter Schütze", fuhr der Richter fort. „Doktor, wenn Sie Recht hätten! Wenn e» nur eine That der Rache und der Eifersucht wäre! Wenn die Beraubung nur deshalb geschehen wäre, um eben den Verdacht der Rache von ihm abzuwenden I — Aber ist derjenige, der solche That im Zorn, in der Aufregung der Eifersucht vollbringt, fähig, eine solche überlegte Vorsicht daran zu knüpten? Sollte er die Ruhe dazu gehabt haben?" Prell zuckte mit den Achseln. „Ich weiß er nicht", sprach er. „Aber sollte nicht die Rothwendigkeit - die Angst hinterher auch 578 einen Gedanken der Vorsicht an die Hand geben können?" „Gut!" rief der Criminalrichter entschloflen. „Ich werde meine Untersuchung nach dem Allen einrichten. Ich habe die Kugel noch. Hat Hellmann sie abge« schoflen, so wird sie auch in seine Büchse paffen, oder zum Wenigsten mit den Kugeln seiner Büchse ein gleiches Gewicht haben." „Sie wollen doch nicht direct den Förster s in Untersuchung ziehen?" warf Prell ein. „Doch dtreci", versicherte der Richter. „Ist er schuldig, so wird er im Augenblick der Ueberraschung seine Schuld am wenigsten zu verbergen im Stande sein!" „Seien Sie vorsichtig", mahnte Prell. „Sie haben den Verdacht erst durch die Briefrasche in mir hervorgerufen, sagen Sie nicht, daß ich ihn gegen Sie ausgesprochen habe — ich bitte Sie darum." „Ich werde es nicht thun", versprach der Richter. „Rur wenn es Ihrer Zeugenaussage in Betreff jenes Streites auf dem Balle bedarf, kann ich Sie nicht übergehen." „Da werde ich der Wahrheit gemäß aussagen", sprach Prell. „Ich war ja nicht der einzige An» wesende dabei." Der Doktor wandte sich der Thüre zu, um fortzugehen. Noch einmal kehrte er zurück. „Gehen Sie nicht so schnell gegen Hellmann vor", bat er. „Versetzen Sie sich in seine Lage — wenn Sir ihn in Untersuchung ziehen und er ist unschuldig. Es bleibt in den Augen der Menschen ein Fleck auf ihm haften, den Sie nie wieder abwaschen können. Ich möchte ihn nicht tn's Unglück bringen." „Seien Sie ohne Sorge", versicherte der Richter. „Alles, was ich gegen ihn unternehme, werde ich nur nach reiflicher Ueberlegung thun." Prell ging. Pintus war wieder allein. H Noch einmal ging er ruhig prüfend im Geiste alle dis Punkte durch, auf welche Prell ihn aufmerksam ge nacht hatte. Er vergegenwärtigte sich des Försters Vergangenheit und seinen Charakter. Hellmann war wild, leidenschaftlich. Schon mehr als einmal hatte er sich durch feinen Jähzorn zu Unbesonnenheiten hinreißen laffen. Ec wußte, daß Hellmann Paula liebte und die ganze Macht der Eifersucht brachte er mit in Anschlag. Wo endete diese Macht? Wohin hatte sie nicht schon sonst ruhige und besonnene Gemüther geführt I Was war cs anders als eine Art Wahnsinn. Und Hellmann war obenein durch Berger beleidigt — er hatte ihm gedroht. Es war nicht nöthig, daß die Thal — das Verbrechen ein vorher überlegtes war, dessen hielt er Hellmann nicht für fähig. Aber konnte er nicht mit Berger an dem Abends im Walde zufällig zusammengrtroffen sein? War es nicht leicht deckbar, daß er nach den Vorausgängen mit ihm in Streit gerathen war? Vielleicht hatte Berger eine neue Beleidigung ihm gesagt — Zorn, Eifersucht hatten ihn erfaßt, seiner Sinne nicht mächtig, hatte er die Büchse von der Schulter geriffen, hatte sie angelegt auf den ihm Verhaßten, ein Druck seine« Fingers und das Verbrechen war geschehen, ohne daß er es gewollt hatte. Seine sicher geübte Hand hatte selbst in diesem Augenblicke der höchsten Aufregung nicht gefehlt, nur zu sicher hatte sie das Rohr gerichtet — des Feindes Herz war durchbohrt. Dir Jäger sind ja gewöhnt, auf da« Herzblatt des Wildes zu schießen. Eine entsetzliche Gewöhnung. Vielleicht hatte der Förster nach vollbrachter That einen Augenblick erschreckt, erstarrt dagestanden, dann war er geflohen. Aber Angst hatte ihn erfaßt. Er war ja kein Geheimniß, daß er mit Berger verfeindet war, daß er mit ihm Streit gehabt hatte. Auf wen anders konnte der Verdacht fallen, als auf ihn, wenn der Ermordete gefunden wurde? Der Gedanke, daß er diesen Verdacht abzuwenden suchen müffe, war in ihm entstanden. Er war zum Orte seine« Verbrechens zurückgekehrt. In Hast hatte er dem Tobten alle Gegenstände von Werth abgenommen — nicht um sich damit zu bereichern, sondern um der That einen andern Charakter aufzuprägen, den Verdacht auf ganz andere Spuren zu lenken. Wer konnte vermuthen, daß er Berger getödtet habe, um ihn zu berauben? Mit gesteigerter Hast war er jetzt geflohen. Die betretenen Wege hatte er vermieden, um Niemand zu begegnen. Quer durch da» Holz war er geeilt — ihm war ja jeder Schritt im Walde bekannt. In der Nähe feiner Wohnung hatte er die Brieftasche geöffnet, den Inhalt herauagenommen und die Tasche von sich geworfen — sie konnte ja am ersten zur Verrätherin werden. Er glaubte, vorsichtig zu handeln und beging eine Thorheit — das war ja die Macht, die unheimliche, gewaltige Macht des Verbrechens, welche sich selbst verrieth. So versuchte der Richter in Gedanken sich die That zu erklären, den Hergang zu verdeutlichen. Er fand nichts Unmögliches, nichts Unwahrscheinliches darin. Er fiel ihm ein, daß er Hsllmrun feit jenem Tage nicht gesehen habe und doch pflegte er jeden Abend in die Stadt zu kommen. Sollte sein Gewissen ihn zurückgehalten haben? Immer fester und fester setzte sich die Ueber- zeuguug in ihm fest, daß Hellmann die That begangen habe, und er war entschlossen, ohne Umschweife ihn in Untersuchung zu ziehen. War er unschuldige so konnte e» ihm nicht schwer werden, seine Unschuld zu beweisen. Der Poltzeikommiffäc Köcbec trat in's Zimmer. Es war eine kaum mittelgroße Gestalt. Die Gesichtsfarbe war bleich, da» Gesicht war fast ohne Ausdruck — es war, al» ob sämmiliche Muskeln desselben erschlafft wären. Die Lippen bedeckte ein kleiner dunkler Bart. Nur au» den Augen sprach ein feuriger Leben, eine feste Entschlossenheit. Diesen Augen war ein scharfer, schneller Blick eigenthümlich. Mit einem einzigen flüchtigen Ueberblick schienen sie Alle» erforscht zu haben. Niemand hätte dem E.uzetretenen angesehen, daß 579 er Polizeikommifsär war; sein Aeußerc« schien so wenig der Aufgabe eines solchen Mannes zu entsprechen, und doch war Körber einer der tüchtigsten und brauchbarsten Polizetbeamten. Er war noch jung, und mochte kaum 28 Jahre zählen, dennoch bekleidete er den Posten eines Kommiffärs. Seine Fähigkeiten allein hatten seine schnelle Beförderung hervorgerufen. Zu den schwersten Aufgaben wurde er verwendet, uns er war gewöhnt, daß er sie löste. Er besaß einen Scharfblick, eine Willensstärke und Ausdauer, die zuletzt jedes Ziel, welches er sich gesteckt hatte, erreichten. Ja seiner inneren Unruhe, mit der er seinen Beruf erfüllte, lag sogleich etwas Verzehrendes. Deshalb erschien sein Körper so erschlafft, so krankhaft. Hatte er einmal einen Ent« schluß gefaßt, so fragte er nach keiner Schwierigkeit und dachte ebenso wenig daran, sich zu schonen. — Auch die Erforschung de» Mörders des jungen Berger war ihm vorzugsweise anheimgestellt, und seit dem Tage, wo das Verbrechen bekannt geworden war, hatte er sich noch keine Ruhe gegönnt- Er hatte Reisen deshalb gemacht, war fast Tag und Nacht auf den Beinen gewesen und hatte all' seinen Scharfsinn zusammengenommen — e» war Alles erfolglos geblieben. Diese Erfolglosigkeit peinigte ihn, ließ ihm keine Ruhe. Er war erschöpft und dennoch raffte er sich stets von Neuem wieder auf, sobald ein neuer Gedanke, eine neue Vermuthung in ihm auftauchte. Ermüdet warf er sich auf einen Stuhl, als er Pintu» begrübt hatte. „Meine Beine tragen mich kaum noch", sprach er. „Noch einen solchen Mord — und es ist um mich geschehen — es ist zu Ende mit mir — er hetzt mich zu Tode. Bei dieser Sache hat mein Verstand sein Ende erreicht." „Ich habe nicht» unversucht, unerforscht gelaffen. Wahrhaftig, Herr Richter» ich glaube an die ganze Geschichte nicht! Berger ist gar nicht erschaffen und ist auch nicht beraubt. Ec hat nichts weiter bei sich geführt, als den kleinen Schlüffel, ist auf dem Wegs nach Alldorf gestolpert und hat hat sich da» Loch in das Heiz gefallen. So wird er sein, und Sie müffen mir zugestehen, daß ein Mensch an einem solchen Loche sterben kann, ohne daß er erschossen wird. Und deshalb wird Unsereiner umhergehetzt! Nicht eine Stunde habe ich seit gestern Mittag Ruhe gehabt, nicht einen Augenblick gesessen. Ich war einem Menschen auf der Spur — er schien mir verdächtig, und dennoch konnte ich ihn nicht finden. Heute treffe ich ihn endlich, und e» ist ein ganz ehrlicher Setfenhändler. — Mich bringt diese Mordgeschichte noch um da» Leben. Aber wie gesagt, glauben Sie mir, Berger hat sich das Loch ln's Herz gefallen — das ist Alles!" Lächelnd hatte der Richter ihm zngehört. Er kannte ihn ja. Mochte et noch so erschöpft fein, der Humor verließ ihn nie ganz. „Und wie ist die Kugel in seine Brust gekom. men?" warf er lächelnd ein. „Die Kugel — die Kugel!" ries Körber. „Sie haben Recht — die Kugel — ich hatte nicht daran gedacht. Ich werde mit einem Mediciner sprechen und ihn fragen, ob er sie nicht in früheren Zeiten verschluckt haben kann. Wr-halb sollte das nicht der Fall sein, — ich habe ja in meinem Leben schon viel mehr verschlucken müssen, als solche elende Kugel! Herr Criminalrichter, lassen S e mir den Trost, daß die ganze Geschichte so zugegangen ist, wie ich Ihnen sage! Ich verzichte auf die zehntausend Thaler Entdeckungslohn!" — „Ich kann Ihnen den Trost nicht lassen", erwi- beite Pintu». „Der Ermordete hat doch einige Gegenstände bei sich geführt. Sehen Sie hier — die Brieftasche ist bereit» gefunden." „Sie ist es — sie ist er!" rief er, die Brief- tasche hastig in die Hand nehmend und prüfend betrachtend. „Sie ist es wahrhaftig! Woher haben Sie dieselbe? Durch wen? Sprechen Sie doch! Ich laufe seit Wochen darnach umher, und habe nichts gefunden! Sprechen Sie!" Der Richter zögerte absichtlich. Ihn amüsirte die Ungeduld des Kommissärs. „Sie sagen ja immer, das Gericht wäre tobt ohne die Hilfe der Polizei, wenn es etwas Schwieriges zu erforschen gäbe", warf er ein. „Nun sehen Sie, daß doch noch einige» Leben in uns steckt." - „Habe ich da« wirklich gesagt?" rief Körber. „Ich nehme er zurück, jeder Wort — noch mehr — ja sogar Aller, war ich noch nicht gesagt habe — nur sprechen Sie! Woher haben Sie die Brieftasche?" Ungeduldig, erwartungsvoll stand er da. Sein Ange war ans da« G-stcht des Richters gerichtet. Der Richter thsilte ihm All-s mit, auch seinen Verdacht gegen den Förster. „Sie irren", rief Körber. „Hellmann hat nicht» damit zn schaffen — ich kenne ihn zu genau!" Pintu» entwickelte all' die Gründe, welche den Verdacht in ihm hervorgerufen hatten. „Und dennoch ist er unschuldig", versicherte der i Kommissär, „mag die» Alles auch scheinbar gegen ihn sprechen." „Und womit wollen Sie seine Unschuld beweisen ?" warf Pintus ein. Körber befand sich in sichtbarer Aufregung. „Ich kann es nicht beweisen", sprach er, „aber meine feste Urberzeugung sagt e» mir. Ich kenne ihn feit Jahren." ,, , u Der Criminalrichter zuckte leichthin mit den Achseln. .. „Ich kenne ihn auch", erwiderte er. „Ich weiß, daß er leicht erregbar und jähzornig ist, und können Sie im Vorau« die Grenze bestimmen, bi« wie weit der Jähzorn und die Macht der Eifersucht gehen? Ist Hellmann unschuldig, so wird sich die« ja am besten durch die Untersuchung ergeben." „Dieser Verdacht kommt nicht von Ihnen, er ist nicht in Ihnen entstanden!" rief der Kommissär. „Wer hat Ihnen von dem Streite mit Berger an j dem Ballabende erzählt? Auch ich weiß darum — 580 ich weiß, daß Hellmann da» Mädchen liebt, daß er eifersüchtig war auf Berger, und dennoch hat er mit dem Tode desselben nicht» zu schossen." „Ich kann Ihnen nicht angeben, durch wen ich e» weiß", entgegnete der Richter. „Er waren ja mehrere Zeugen dabei." Körber schwieg. Er kämpfte mit seiner Aufregung. (Fortsetzung folgt.) Km Taugenichts. Die Geschichte eines Künstlers. Von K ar l N eum ann-S tr ela. (Nachdruck verboten.) Viktualienhandlung von Sello's Erben! so stand es 1759 an einem Hause in Anklam über der Thür. „Da sind wir," sagte Meister Seifensieder auf der Gasse vor dieser Thür, „und jetzt den Kopf hoch, mein Sohn! Alles lernt sich, an Alles gewöhnt man sich, nur frisch drauf los!" Aber der Knabe, Daniel Berger, dem der Meister die Firma zeigte, senkte den Kopf nur noch tiefer und seufzte laut auf. „Du weinst doch nicht gar? Junge, schäme Dich! Als wir Deinen Vater, meinen lieben Nachbar begruben, da war das Weinen angebracht. — Jetzt aber vorwärts, immer Courage, Du bist schon fünfzehn und mußt in's Leben hinein. Maler möchtest Du werden, weit Dir Dein Vater, der leidlich zeichnen konnte, das Zeichnen beigebracht? Narrheit, sage ich Dir, die Kunst bringt nichts ein, und Deine Mutter denkt ebenso.....Frau Sello kann einen Lehrling gebrauchen, und das ist gut. Wir haben's abgemacht, jetzt hin zu ihr, und Deine Mutter hat zugestimmt. Maler werden — raus aus dem Kopf! Kaufmann werden — rein in den Kops! Es ist ein flottes Geschäft, wo Du was lernen kannst, und hältst Du Dich brav, wer weiß, was geschieht? Mariechen, die einzige Tochter, wird groß und größer, und vielleicht kriegst Du einst die und das Geschäft dazu..... So, Junge, das wollte ich Dir vor dem Haufe noch einmal sagen. Man gewöhnt sich an Alles, nur frisch drauf los. Jetzt rein zur Sello, mach' ihr Dein Kompliment, versprich ihr gutes Betragen und Fleiß." Wie ein Pfeil bohrten sich diese Worte in Daniels Herz. Vor der Ladenthür schrack er wie vor einem Gespenste zurück. Ein Taumel ergriff ihn, ein Schrei entfließ seiner Brust, aber leise, unhörbar, und der Seifensieder merkte nichts .... Düten drehen, Zucker und Kaffee wiegen, Rosinen lesen und Heringe verpacken ? Wie beseelte ihn der Wunsch, sich der Kunst, zu weihen! Den Stift wollte er führen, Studien entwerfen, Menschen, Blumen und Thiere zeichnen. Daß auch der Vater ihm sterben mußte! Wenn er am Abend nach Hause kam, war es ihm immer die liebste Erholung gewesen, den Sohn zu unterrichten. Ob der eingewilligt hätte, daß Daniel die Kunst zum Beruf erwählte? Der Gedanke, ein Maler zu werden, erfüllte ihm die ganze Seele und Frau Sello's Laden mußte ihm ein Gräuel fein. Doch der Mutter und feinem Vormund, dem Seifensieder, war zu gehorchen. Die Ladenthür wurde geöffnet, der Nachbar schob ihn hinein, und die Prin- zipalin, die eben Salzheringe sortirte, bot ihm die nasse Hand. Ein Schauer überlief ihn, doch wurde ihm bald ein wenig leichter, als das niedliche Marie- chen aus der Stube kam, um den neuen Hausgenossen zu betrachten. Frau Sello führte ein strenges Regiment. Wie es einem echten und rechten Lehrling gebührte, mußte Daniel schon früh am Morgen den Laden kehren, dann hinter dem Tische die Käufer erwarten und inzwischen Tonnen und Wannen schenern, Gefäße und Flaschen spülen. Daß er nicht die freundlichste Miene machte, versteht sich von selbst. Was wußte aber die Prinzipalin von dem Leide, das sich schwerer und schwerer ihm auf die Seele legte! Dieses Haus war ihm ein Gefängniß, dieses Dasein eine Marter. Des Nachts im Traume sah er sich glücklich, den Stift in der Hand, über das Skizzenbuch gebeugt, vom Vater gelobt, getadelt, ermuntert. Doch dann das Erwachen und wenn Madame zur Arbeit rief, dann sah er sich wieder als ein Sklave an die Kette geschmiedet. Häufig sprach der Seifensieder vor, zuweilen auch die Mutter. Das wird sich schon Alles geben, hieß es dann, wenn ihnen Frau Sello klagte, daß Daniel Gesichter schnitt, als ob er ihren ganzen Essig getrunken hätte. Doch diese Falten und Schatten auf feiner Stirne und diese Schwermuth in feinen Augen schwand nur dann, wenn er unbewachte Momente fand, um irgend ein Stückchen Papier und ein Blei zu ergreifen. Machte nicht die Prinzipalin zuweilen nach der Mahlzeit ein Schläfchen? Neben ihrem Lehnstuhl, das Strickzeug in den Händen, saß gewöhnlich Marie und der Lehrling war im Laden allein. Dann flog ein Lächeln über sein Gesicht, er nahm das erste beste Blatt und zeichnete aus der Erinnerung, was er daheim im Skizzenbuche hatte. (Fortsetzung folgt.) Vermischtes. Zu einem jungen Chirurgen, welcher in seine Stammkneipe tritt, bemerkt ein Kollege: „Du siehst ja ordentlich stolz aus! Was ist Dir denn Besonderes begegnet?" „Ich wurde heut in der Frühe zu einem Handwerker gerufen, an welchem gleich drei schwierige Operationen zu machen waren. Da hab' ich denn ein paar Stunden tüchtig gearbeitet." „Hat er auch bezahlt?" — „Ja .... mit seinem Leben!" VomKasernenhofe. Unteroffizier: „Lemicke, wenn Sie Ihren langen Hals noch mal so meterartig rausrecken, bann telegraphire ich sofort an Hageubeck, ob er keine Giraffe koofen will!" Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.