Cwßener AamrkienvWer. Belletristisches Beiblatt zum Gießener Anzeiger. «r. 78. Donnerstag tun 5. Juli. 1888. Der Gröe des Kaufes. Roman von Hermine Frankenstein. (Fortsetzung.) Siebenundzwanzigster Kapitel. Eine Gebirgsfestung. Die Gefangenen hatten schon mehrere Meilen zurückgelegt, als endlich die Räuber in einer kleinen Schlucht hielten, durch welche ein Bivgstrom sich brausend entlang wälzte und in welcher die Felswände starr zum Himmel emporragtrn. Es war Mittag vorüber und die Sonnenstrahlen waren aus der Tiefe, die sie nur spärlich beleuchtet | hallen, bereits mrschwundcn. Dis Luft war feucht - und kühl und von einem fahlen Dämmerlicht erfüllt. - Der Platz erschien wie eine Gruft. „Genarro, laß den beiden Dienern dir Augen verbinden", befahl der rothe Carmlli. Einer der Räuber nahm aus einer Tasche eine Menge rother Tücher. Er ritt auf Popley zu, welcher hilflos und gebunden natürlich keinen Wider- stand leisten konnte und band ein dickes Tuch über Poplcy'r Augen. Frau Popl y wurde auch verbunden und dann ritt Genarro auf Olla zu, welche ihr Pferd anhielt und ihn mit ihren großen, dunklen Augen trotzig anschaule. „Untersteht Euch nicht, mich anzurühren", rief sie stolz. „Zurück, Genarro!" schrie der Räuberhauptmann. „Rührt die Dame nicht an." Genarro, ein finster aussehender Räuber, zog sich langsam zurück und näherte sich dann Tresstlian. „Ihr braucht auch ihm nicht die Augen zu ver« binden", sagte der Räuberhauptmann, „er ist ein hilflos Blödsinniger. Und überdies ist es zweifelhaft, ob er das Versteck je wieder verläßt." Der rothe Carvelli gab das Signal, den Marsch aufzurehmen und sie ritten wieder durch die Schlucht entlang zu einem schmalen Seircnwege, in welchen sie einlenkten. Als sie ihren Weg daselbst etwa eine halbe Meile fortgesetzt hatten, blieben die Räuber stehen und schickten sich an, von ihren Pferden zu steigen. Sie waren offenbar an dem Ziel ihrer Re se an gelangt. Der Räubcrhauptmann trug um den Hals eine Seidel schi ur, an welcher ein kleines, silbernes Pfeif- | ich chen hing. Dieser Pfeifchen brachte er an seine ‘ Lippen und ließ einen langen, lauten und schrillen * Pfiff ertö en. Ein gleicher Pfiff tönte als Erwiderung. „Alles ist gut", sagte der rothe Carvelli, aus dem Sattel springend; „wir wollen weiter gehen." „Ich danke Euch iür Eure gute Meinung", sagte Olla kühl. „Und fitzt, wenn Ihr voraus gehen wollt, wollen wir in Eure Räuberhöhle eindringen. Gebt mir Eure Hand, Jasper", fügte ste hinzu, sich an Trefsilian wendend, der herauf gekommen war. Carvelli trat in die Oeffnung ein, Olla und dir Banditen kamen mit den Gefangenen hinterdrein. Dieser Eingang war nur einige Fuß lang und sührie tn ein finsterer, felsiges Vorhaus, in welchem eine brennende Lamps hing. Ein Mann in der malerischen Banditentracht stand dort als Schild- wache. Er war es, der auf den schrillen Pfiff seines Führers geantwortet hatte. ! „Hattet Ihr Glück, Hauptmann?" fragte der Wachestehende. „ . „Sehr viell Erinnert Ihr Euch, daß ich je keinen Erfolg hatte?" fragte der Führer. Der Anführer durchschritt dar Vorhaus, öffnete eine Thür, die in der Felsenwand angebracht war und ging in ein tieferes Zimmer hinein. Dies war die Haupthöhle in dem Schlupfwinkel der Räuber. Seine Begleiter stiegen alle ab und halfen den Gefangenen von len Pferden. Genarro führte tie Pferde weiter in den Hohlweg hinauf und entschwand Olla's Blicken bald hinter einem vorlp ringenden Felsen. „Kommt", sagte Carvelli, Olla'r Hand ergreifend. „Hier diesen Weg." Er führte sie zu der steilen Wand und Olla merkte jetzt, daß Stufen in derselben angebracht waren. Der Räuberhar pimann erkletterte den Felsen, Olla, folgte ihm und hinter ihr kam der arme Guy i Tresstlian, die übrigen Räuber und die Popley's. Etwa zwanzig Fuß hoch über dem Bodm der Schlucht sprang von der geraden Steinwand ein Felsen hervor, der eine Lnffimng zeigte. Diese Oeff- nung schien den Eingang zu einer Höhle zu bilden, die sich tief in dar Innere der Berge erstreckte. Carvelli stieg bis zu der Oeffnung hinauf, verschwand hinter dem Felsenvorsprung und blieb stehen, bis Olla bei ihm arg-langt war. „Jtztzt gebt mir Eure Hand", sagte er. „Ich danke Euch, nein", sagte Olla. „Ihr könnt voraus gehen und ich will Euch folgen, aber will Eure Hand nicht berühren I" , Ihr seid wahrhaftig eine kleine Hexe", b.merkle 314 der Räubkrhouptmann. „Aber Ihr gesollt mir. Ich habe die schwachherzigen Frauenzimmer nie leiden können; mir gefällt nur ein unabhängiges Geschöpf." Es war ein langes, hohes Gemach, von unrsge!' mäßiger Form, mit schiefen Wänden und einer um gleichen Decke. Es war von einem Dutzend Laternen beleuchtet, die an schweren Ketten von der Felsendecke herabhingen; ein großes Feuer brannte an einer Seitenwand der Zimmers und verbreitete eine wohl« thuende Wärme. In der Höhle befanden sich etwa fünfzehn Männer, die alle dieselbe malerische Tracht trugen, wie die Räuber, welche Olla gefangen genommen hatten. Eine seltsamere Gesellschaft als diese wäre wohl schwer zu finden gewesen. Auf jedem schwarzbraunen Gesichte der Anwesenden lag der Stempel der Ver» worfenheit. Jedes Augrnpaar hatte den ruhelosen, verwegenen Ausdruck, weicher ihre Stillung verrieth. Sie lagerten herum, mit verschiedenen Arbeiten beschäftigt; aber Alle hielten inne und schauten auf, als der Hauptmann, gefolgt von den Gefangenen und seinen Leuten, eintrat. Im nächsten Augenblicke tönte ein Gesumme von vielen Stimmen durch die große Höhle. „Wer ist sie — wer ist sie?" war der Schrei, der über alle Fragen hinaus erklang, al« die Räuber die zarte, anmuthsvolle Gestalt der Hauptgefangenen erblickten. „Eine Fürstin? Eine große Dame?" Olla zog sich vor dem Geräusch und Getümmel zurück, Trefsilian fest bei der Hand haltend, und bc« trachtete die Gruppen mit kalten, furchtlosen Blicken. Der Räuberhavptmann schien die Aufregung, welche diese wunderbare Schönheit bei seiner Bande heroorrief, nicht zu billigen. Das Mädchen war ein Preis, den er für sich allein besitzen wollte und er war eifersüchtig auf jeden bewundernden Blick, den man ihr spendete. „Laßt das Mädchen ollein", sagte er. „Sie ist ermüdet. „Gebt mir eine Laterne, ich will die Gefangenen in ihre Zellen führen." Eine Laterne wurde ihm gebracht und nachdem er Olla befohlen hatte, ihm zu folgen, schritt er durch die ganze Höhle und führte sie durch einen nebenan liegenden Gang. Die Gefangene folgte, Tressilian's Hand noch immer festhaltend. Die beiden Popley's, denen man die Tücher von den Augen genommen hatte, als sie in die Höhle eingetreten waren, folgten ebenfalls schweigend. Dieser zweite, innere Gang war kurz und führte in ein fast kreisrundes Zimmer, wo Koffer und Ballen aufgespeichert waren, welche alle aus Carvelli's jahrelangen Räuberzügen stammten. die in den Eckm aufgehäuften Stöße von Decken und Kle durgsstücken in Etwas beseitigt. Das Meublement bestand tndeß nur aus einem Tische und zwei Stühlen. „Mehr kann ich nicht thun für Euch, Signorina", sagte Carvelli, „machen Sie sich mit Ihrem neuen Wohnort bekannt und suchen Sie sich es möglichst bequem zu machen — nach dem Speisen werde ich Sie wieder besuchen." Carvelli verbeugte sich vor Olla und verschwand, die kleine Eingangrthüre hinter sich in's Schloß werfend und den schweren Riegel vorschiebend. Frau Popley eilte nun auf ihre kühne junge Herrin zu, kniete vor ihr nieder, umfaßte die zarte Gestalt mit beiden Armen und rief unter heftigem Schluchten: „Welch ein Schicksal soll Euch noch beschieden werden, meine theure Olla. Einem Bösewicht glaubten wir entflohen zu fein — einem Ungeheuer sind mit in die Hände gefallen." Olla beugte sich zu ihrer Pflegemutter nieder und die weichen Arme um den Nacken der alten Frau schlingend, erwiderte sie: „Noch dürfen wir nicht verzweifeln, mein liebes, gutes Mütterchen, noch iü über uns Gott, der Gott der Gerechtigkeit und der Vergeltung, der Vater der Verlaffenen und Waisen, der Behüter der Unschu'« digen und Betrogenen, zu ihm müffen wir aufblicken, auf ihn müffen wir vertrauen, seinem Schutz müffen wir uns empfehlen und er — ohne dessen Willen kein Vogel vom Dache fällt — er wird auch uns nicht verlassen und uns aus diesem Dunkel wieder zum Lichte führen. Wir wollen deshalb nicht verzagen, wir wollen unfern Muth zusammenraffen, wir müssen unserm Gegner mit Stolz und Ruhe ent» gegmtrelen — so entwaffnen wir ihn am leichtesten." Sie richtete die alte Amme auf, und streichelte ihr liebkosend die Wange. Guy war dieser ganzen Scene mit Verwirrung gefolgt, seine Augen ruhten mit ängstlichem, scheuen Ausdruck auf dem jungen Mädchen und sein tobten* bleiche« Angesicht trug den Stempel höchster Entrüstung. „Nimm Dich Jarper's an", wendete Olla sich nun an Jim, der über die Kühnheit und den Muth seiner jungen Herrin erstaunt, sie mit bewundernden Augen betrachtete, „sorge für ihn, soviel Du vermagst. Die Ergebenheit und Treue, welche Du für mich hast, übertrage nun auf Jasper." Von diesem Zimmer führten mehrere massive Holzthüren in Nebengemächer. Der Räuberhaupt» mann öffnete eine dieser Thüren und winkte Olla einzulreten. E« waren zwei kleine Zimmer, die Olla nun betrat; die Leere und Kahlheit derselben war durch die an dm Wänden befestigten Teppiche und Achtundzwanzigstes Kapitel. Palestro auf Lowder's Spur. Nachdem Lipari die ihm anvertrauten Passagiere der Verabredung gemäß in die Hände des Räubers abgeliefert hatte, schlug er den Rückweg ein, und kam spät Abends mit vollständig erschöpften Pferden vor dem Gasthof „Vesuv" wieder an, woselbst er Palestro und dessen würdige Ehehälfte noch in größter Thätigkeit unter den zechend:», spielenden und lärmenden Gästen vorfand. Der Kutscher machte eine scheinbar zufällige Handbewegung und die Ver- 315 kündeten wußten, daß die kleine Reisegesellschaft wohl । geborgen und aufgehoben in den Händen der gesücch» $ teten Banditen sei. ! Mit dem Schlag elf Uhr schloß Palestro den Gasthof und das verbrecherische Eh'paar zog stch in die Küche zurück, stch gegenseitig beglück wünschend über die gelungene Aussührung der Schandthat. „Die kleine Schönheit ziert nun Guileppe'r Höhle", begann Giuditta mit einem häßlichen Lachen, „die stolze, ehrgeizige Dame nun Genvsstn eines Banditen, ich möchte doch wissen, ob sie nicht den Aufenthalt bei ihrem Vormunde dem der Räuberhöhle vorziehen würde. Sie ist in sichern Händen, — und wir bekommen sicher ein gutes Theil von dem Lösegeld. Sir gehört Guisrppe und uns zu gleichen Thülen, der Blödsinnige gehört uns allein — und ihn wollen wir gehörig rupfen." Ein schwaches Klopfen unterbrach die rebeluftige Frau und nun erschien in dem Rahmen der Thür Lipari, der verrätherische Kutscher, um genauen Bericht abzustatten über die Gefangennahme der Reisenden, den Heldenmuth und die Unerschrockenheit der jungen Dame. Nachdem er von Giuditta einen Theil seiner Belohnung erhalten, machte er sie noch auf die Guiseppe drohende Gefahr aufmerksam, da in Neapel Militär aufgebolen worden, um Streifzüge in die Gebirge zu unternehmen, und den rothen Carvelli aus seiner Höhle zu vertreiben. Lange noch, nachdem der Kutscher sich entfernt, saß das würdige Paar beisammen. „Glaubst Du wirklich, daß der Blödsinnige der Bruder Sir Tresolino's ist?" begann Giuditta mit leiser Stimme. „Gewiß", sagte Palestro. „Sir Tresolino bc- hauptete zwar, daß er nur sein Reisebegleiter sei, aber ich denke anders. Höre einmal meine Gründe. Die beiden Männer sehen sich ähnlich, als ob sie in der That Brüder wären. Dieser Kranke ist der Schönere, der vornehmer Aursehende. Er ist nobel durch und durch, was man auch trotz seiner Krankheit erkennen kann. Und ich habe eine kleine Thal- sache bemerkt. Die Wäsche dieses blödsinnigen Engländers war auffallend fein und elegant, feine Kl-id-r waren vom besten Pariser Schnitt und in seiner ganzen Erscheinung verräth er, daß er an Reichthum gewöhnt ist. Nein, nein, dieser blödsinnige Engländer ist kein gewöhnlicher, bezahlter Reisebegleiter. Ich glaube, daß er der ältere Bruder des Anderen ist." „Ja, kennst du denn nicht das englische Gesetz? Er bestimmt, daß der älteste Sohn Titel, Reichthum und Rang der Bakers erbt, der jüngere Sohn muß arbeiten, um sich den Lebensumerhalt zu erwerben, außer feine Mutter hinterläßt ihm bet ihrem Tode Pcivatvermögen. Nun glaube ich, daß, als dieser blödsinnige Engländer verletzt wurde, sein Bruder nach Hause ging und vorgab, daß er tobt sei und das Erbe desselben antrat. Die Sache ist sehr einfach, Ich würde es ebenso gemacht haben! ' Giuditta's Augen funkelten habgierig. „Ich glaube, Du hast Recht, Jacopo", sagte sie. „Und jetzt, wie wollen wir unsere Goldminen aue- nutzen. Du mußt nach England g-hen!" „Natürlich! Ich muß morgen mit dem Frühzuge abreisen, da am Freitag ein Dampfboot nach Marsülle abgeht. Ich will nach E rgland gehen — nach Glocester — Mylord Sir Trefolino staden, und wenn ich zu Dir zurückkehre, Giuditta, werde ich al« rücket Mann nach Haufe kommen!" „Wie gut ist's, daß Du englisch sprechen kannst", sagte Giuditta. „Du wirst dieses Geschäft prächtig ausführen! Warst Du schon je in England?" „Ich war einmal in London!" „Sei vorsichtig mit dem Engländer, Jacopo", i versetzte Giuditta. „Er ist scharfsinnig; aber sei Du noch scharfsinniger." t m , Das Paar sprach lange zusammen und Palestro s Weg und Vorgehen wurde von Giuditta ganz genau votgezüchmt. Aus ihrer wohlgefüllten Börse wur« i den zwanzig Pfund herausgezählt, um Palestro's ■ Ausgaben auf der Reise zu bestreiten, und dann ver« | tieften sie sich wieder in ein G-sp-äch über ihre - glänzenden Aussichten und machten Pläne, was sie mit dem Vermögen unternehmen würden, da« der Exschreiber au« England mitbringen sollte. Al« der Morgen graute, packte Giuditta etwa« Wäsche und Kleider ein, ließ das Pferd satteln und i noch vor 6 Uhr verließ bet Exschreiber den Gasthof, i um sich nach Neapel zu begeben. Von hier begab er stch mit dem Esenbahnzuge über Rom und Genua ■ noch England. Wir wollen bei den Einzelnheiten I von Palestro'« Reise nicht verweilen und nur be- ! richten, daß er fünf Tage später in Glocester an- ' langte. Es war her Morgen eines für England | und die winterliche Jahreszeit ungemein schönen = Tages. Er ging sogleich zur Poft und fragte den Beamten, welcher die Briefausgabe besorgte: „Könnt Ihr mir die Adreffe eines Sir Tresolino geben, welcher in Glocester wohnt?" „Ich kenne keinen Herrn dieses Namens", unterbrach ihn bet Beamte kurz. Palestro's H-r; erbebte vor Schreck. „Ihr kennt ihn nicht? keuchte er mühsam. „Nein, Herr", und ber Beamte wandte sich von (Fortsetzung folgt.) Z)er Unwiderstehliche. Von Charles Benoit. (Schluß.) Allein dies ist noch Alles nichts gegen sein Billard- spiel; schleudernd, wellenförmig über die Tafel hingegossen , wie der sterbende Fechter, etwas Huckebein, höhnisch blickend, die Finger graziös auf der Queue ausgelegt, stößt er die Kugel und steht jetzt da, die 316 Faust an der Hüfte wie eine mißlungene Merkur- Statue, bescheiden und selbstbewußt, es fehlen ihm nur die Flügel au den feinen Lackstiefeln dazu, schade, daß nicht ganz Europa die kunstvolle Attitüde sehen kann. Er ficht auch (ich schätze ihn hoch, aber Wahrheit über Alles) eigentlich spottschlecht und weshalb soll er es besser verstehen? Braucht er es etwa, -der nie ein Duell hatte, nie eines haben wird, der nie einen Mann beleidigt, der lieber erhaben eine Grobheit einsteckt, und wenn doch, wie es schon geschah, ein Feind ihn fordert, gerade dann seine Seelengröße und die Menschenliebe im vollen Lichte strahlen läßt! Ha! bat nicht er, der Beleidigte, mit zauberischem Lächeln um Vergebung, und die Hand im Gilet, den Finger auf der Lippe, nach einer anbetungswürdigen Verbeugung, hinaus zu schweben scheinbar besiegt, der in Wirklichkeit Sieger! Und so Etwas erfrechen sich die Menschen Feigheit zu nennen? Könnte nicht der erste beste Lümmel unsern Helden treffen? Und wer auf Erden vermöchte je so ein unbeschreibbares Wesen zu ersetzen? Männlichkeit — Muth — lächerlich! Jeder Gänsejunge, jeder Zigeuner kann ihn haben, aber charmant und elegant zu sein, dazu gehört Kavaliersblut! Also — er sicht schlecht, hingegen wie schön, wie göttlich schön führt er nicht die Waffe! So zierlich und rund, wie eine junge Katze, welche mit dem Knäuel spielt! Das weibliche Geschlecht gehört ihm — rettungslos ! Die Großmuth in ihm, welche nie eine Dame nennen wird, lächelt nur tief mysteriös, wenn man von der Tugend dieser oder jener spricht, wollte er, nun er könnte von ihr Geschichten, selbsterlebte Geschichten erzählen, aber wie gesagt, er will absolut nicht, der Zarte, ob er gleich ihrer Liebe so gewiß ist, daß sie kein Mittel hat, ihn des Gegentheils zu überzeugen, begegnet sie ihm freundlich, folgt sie dem süßen Zuge ihres Herzens, ist sie grob — armes Ding, welch' nutzlosen Kampf! — schaut sie ihn an, wie könnte sie anders, wo sie doch immer nur ihn allein sicht — bemerkte sie ihn gar nicht, will sie umsonst, vor aller Welt verbergen, was doch- alle Welt weiß, und sie gerade durch diese Riesenanstren- gung erst recht zeigt! Ihm selbst ist. diese Liebe sremd (seine Wiedersacher behaupten, es läge ihm im Brustkasten statt des Herzens ein Täfelchen mit Etikette-Regeln), duldet aber ihre Anbetung mit freundlicher Herablassung und dennoch spielte ihm einmal der Schelm Cupido den Streich, daß er ein ungewöhnliches Kitzeln und Krabbeln dort empfang, wo bei gewöhnlichen Menschen das Herz pocht. Klug und besorgt, wie immer, befragte er auch seinen Arzt, ob diese seiner ganz unwürdige Schwäche nicht etwa von gestörter Verdauung stamme, aber diese Bewegung verging völlig, als er einst seine quasi Erkorene in der Loge mit dunklen Handschuhen erblickte. Sagt, was ihr wollt, er ist ein Held vom Scheitel bis zur Sohle, wenn auch weder Mars noch Minerva an seiner Wiege standen. Die Männer können ihn nicht ausstehett. — „Sehr natürlich!" sagt er, wiederholt mysteriös lächelnd; er weicht ihnen nach Möglichkeit aus. Noch einmal, noch tausendmal, er hat ganz Recht, zu behaupten, Niemand verstehe seine Größe: er ist eben — unwiderstehlich! Wer mi sch les. Kastanien-Blüthe und -Frucht. Wenn die Kastanien, die Weihnachtsbäume des Frühlings, ihre hohe Kerzenpracht aufstecken, wer denkt in schauender Bewunderung dann wohl daran, daß diese herrlichen Baumkronen außer Freude und Schatten auch Nutzen, wirklichen Nutzen spenden, denn nicht nur die Kastanien des Südens, von welcher die süßmehligen Maronen als beliebte Speise stammen, nein, auch unsere gewöhnliche, wilde deutsche Roßkastanie besitzt ihre eigenen Reize und Vortheile, ganz abgesehen davon, daß sie eine spezielle Freundin der Kinderwelt ist, die diese braune glatte Frucht in der grünen, stacheligen Hülle so gern zum frohen Spiel benützt. Soll sie doch in gar manchen Fällen nutzbar sein für Mensch und Thier! — Besonders als heilkräftiges Mittel gerühmt wird die Vlüthe gegen den bösen Erb- und Allerweltsfeind: Rheumatismus. Gepflückt, in voller, erster Jugendblüthe stehend, schneidet man sie in kleine Stückchen, schüttet diese in eine Flasche, übergießt sie mit 90prozentigem Spiritus, verkorkt die Flasche ordentlich, und setzt sie 2—3 Wochen hindurch am Fenster dem Sonnenschein aus, um schließlich mit dieser also destillirten, abgegossenen Flüssigkeit die leidenden Theile einzureiben. — Auch die braun-glänzenden Früchte sollen ähnliche Wirkung für Bäder zu demselben Zwecke üben, wenn man sie — zerschnitten — mit siedendem Wasser überbrüht, oder in Wasser kocht, und diesen Aufguß in das Bad des Patienten mischt. — Sogar die Industrie hat bereits mit Erfolg der Roßkastanie sich bemächtigt, — man verwendet zuweilen Kastanien wegen des Nährwerthes mit zur Fütterung und Mast des edlen Rindviehs (ebenso wie bei verschiedenen Krankheiten der Rosse und Rinder in Pulverform als Arzneimittel) und wegen ihres Stärkegehalts zur Fabrikation von Stärkemehl. — So wirkt die Tochter Kastanum's, welche ihren Namen nach dieser Stadt Klein-Asien's führt, zu der Menschheit Nutz und Frommen, seit sie gegen Ende des 16. Jahrhunderts zuerst gen Deutschland zog, um dorthin verpflanzt zu werden, und nicht den geringsten Theil ihres Ruhmes darf der Umstaud wohl genannt werden, daß unsere schlichte, wilde Kastanie, pulverisirt als probates Mittel zum Niesen, den berühmten „Schneeberger" bilden hilft, diesen glorreichen Schnupf-Tabak, dessen Priesen und Prieschen schon so unzählige Nasen entzückten. — Wohl bekomm's! — Redaktion: A. Scheyd«. — Druck und Verlag der Brühl'schon Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.