Hichener Jamilienblätler. Belletristisches Beiblatt mm Gießener Anzeiger. Kx. 2" ' ” “ — ■’^©önn^tag"bat^?3ftnuat." Die verlorene Aiöek. Original-Roman in 3 Bänden von Dr. Carl Hartmann-Plön. (Fortsetzung). „Ich bin dazu bereit", erwiderte Herr v. Bolten. „Doch noch Eins", fuhr er fort. „Ein Glück ist er, daß weder der Wirih noch ein Kellner in diesem Augenblick hier anwesend sind. Er muß uns Allen daran liegen, daß von diesem Vorfall, der den ganzen Osficierftand mit Schande bewirft, kein Laut an die Oeffentlichk-it dringt. Ich fordere von Euch da« Ehrenwort, daß Ihr jedem Menschen, selbst sämmtlichen Kameraden gegenüber, dis nicht Zeugen dieses Skandals waren, absoluter Schweigen beobachtet, b.s datz Ehrengericht gesprochen bat." „Wir geben unser Ehrenwort", vernahm man als einstimmige Antwort auf diese Aufforderung. Thalhttm fühlte sich einer Ohnmacht nahe, er vermochte nicht mehr klar zu dritten, wohl hörte er noch Worte, aber er verstand nicht ihren Sinn. Ein Nebel hatte sich vor seine Augen gelegt, und durch diesen Nebel hindurch sah er, wie Herr von Balten seinen Unglückselige-t G roinn zvsammenstrich und an stch nahm und wie hierauf die Kameraden die Säbel umschnallten und ohne ein ferneres Wort das Lokal verließen. Nun war er allein, ganz allein in dem stillen Raume. Jetzt erst konnte er wieder feine Gedanken sammeln. Was war geschehen? Hatte er geträumt ober war es grauenvolle Wirklichkeit, was er soeben erlebt ? Es war Wirklichkeit! Em Frost durchschüttclte ihn, langsam erhob er sich, schritt nach der Wand, wo sein Säbel und seine Dienstmütze hingen, bedeckte mechanisch mit Letzterer das Haupt, schnallte Ersteren um die Hüften und wankte aus der Thür über den erleuchteten Flur bis auf die Straße. Ein kühler Wind und ein feiner Regen berührten erfrischend da« heiße Gesicht. Planlos wanderte er auf dem Trottoir der nur schmalen, menschenleeren, schwach beleuchteten Gaffe dahin. Wie nach einem schweren Schlag aus den Kopf lag es ihm dumpf im Gehirn; indeff n die kalte Nachtluft wirkte bald belebend auf dis erfchüttertrn Nerven, allmählich wurde der wankende Schritt fester, der schlanke, kaum zur vollen Reife entwickelt Körper richt te sich aus seiner Erschlaffung wieder aus, der schmerzhafte Druck über den Augen ward geringer, und damit stellte sich die Fähigkeit ein, das Erlebte folgerichtiger als bisher zu überdenken. । Durch mehrere Straßen ging er, über eine 5 Brücke, einen freien Platz, und stand plötzlich vor der Thür feiner Wohnung. Wie er hierher ge- f kommen, mußte er selbst nicht, mit keinem Gedanken f hatte er an den Weg, den er nehmen müsse, gr« ; dacht; nirgends war er sich dessen bewußt geworden, f wo er sich befand, und nur die Gewohnheit hatte 5 ihn instinctmäßig richtig geführt. Das Haus, in d m er zwei parterre gelegene x Zimmer bewohitr, lag in der Nähe des Flusses, p der die Stadt in zwei Hälst-n thttlte. Er holte l seinen Hausschlüssel hervor und schloß die Thür auf. i Nachdem er da» erste d-.r beiden Z mmer betreten, l erhob stch schlaftrunken von einem Lehnstuhl sein i Bursche. „Bist Du noch wach, Friedrich?" fragte Thal- i heim. „Der Herr Lieutenant hatten mir nicht gesagt, i daß ich Sie nicht zu erwarten brauche", erwiderte i der Bursche. „Es ist spät geworden, gegen meinen Willen, i gch' nur ins Bett, ich bedarf Deiner nicht mehr!" „Sehr wohl." Friedrich zündete eine Petroleumlampe an und 1 entfernte sich. Thalh im warf Säbel und Mütze i auf einen Tisch und ließ sich darauf erschöpft in der l Ecks eines bequemen Sopha's lieber. Die hohen ? Wogen der furchtbar-« Erregung begannen sich ein ? wenig zu ebnen. Jetzt erst war er im Stands, das, was ihm widerfahren, mit der hinreichenden Ruhe ! sich noch einmal vor Augen zu führen und den ; Versuch zu machen, in diesem räthseihaften Dunkel i einen schwachen Schimmer der Erklärung zu ent« 1 decken. Wie war es möglich, daß seine Würfel, die se t f vielen Wochen in btn Taschen seiner Beinkleider i ihren bleibenden Platz gehabt, mit den falschen ver- i tauscht werden konnten, ohne daß er es gemerkt ; hatte? Und auf welche Weise und wann war dies j geschehen? Denn daß er diejenigen, welche mit dem s ihm unbekannten Gcheimniß ihm vor einer Stunde > so verhängnißvoll geworden waren, nicht von An- ; fang an gehabt, wsr feststehend. Seine eigenen hatte rr vor reichlich einem Vierteljahr in einem gewöhnlichen Laden für eine geringe Summe selbst gekauft und an Niemanden, auch nicht für eine ; kurze Zett, verliehen. Sie waren auch etwas dunkler ■ gefärbt gewesen als die falschen, da« wußte er jetzt » nur zu gewiß. Warum nur hatte er beim Beginn des Spiels auf diese Falbenversckiedenhett, die ihm i doch sogleich ausgefallen war, kein Gewicht gelegt? 6 Diese Nachlässigkeit trug ganz allein die Schuld an seinem Unglück! Noch am Abend vorher halte er ohne Frage mit seinen eigenen Würfeln gespielt. War er auch schließlich mit einem ansehnlichen Gewinn nach Hause gegangen, so hatte vorher das Spiel doch die gewöhnliche Physiognomie gehabt, bald hatte der Eine, bald der Andere die höchste Zahl geworfen, heute Abend aber waren seine Würfel von der ersten Minute an nur mit vier, fünf und sechs Augen und nicht ein einziges Mal darunter gefallen. Die Verwechselung mußte also in den letzten vierundzwanzig Stunden geschehen sein! Aber wer hatte fie vollführt, er selbst? Das war gänzlich ausgeschlossen, so mußte e« ein Anderer gethan haben, und hatte dieser es absichtlich oder unabsichtlich gethan? Daß diese Würfel früher im Besitz eines Kameraden gewesen sein sollten, war nach feiner Meinung ebenso sicher ausgeschlossen. Sein Diener, der Morgens seine Kleider reinigte, konnte die Verwechselung auch nicht aus eführt haben, denn seitdem er einmal einen untreuen Burschen gehabt, verschloß er Alles, was er in den Taschen hatte, in seinem Schreibtisch und legte den Schlüssel unter sein Kopfkissen, dar hatte er am Abend vorher ebenso gemacht. Indessen alles Denken, aller Grübeln war umsonst, auf keine der vielen Fragen fand er auch nur eine einzige Antwort, die eine Spur von Wahrscheinlichkeit enthielt. Für einen Augenblick, aber auch nur für die Dauer weniger Sekunden kam ihm ein anderer Bedanke: Seit einiger Zeit gastirte in dieser Stadt die anerkannt berühmteste und gefeiertste Sängerin Deutschlands, Fräulein Elfriede Bach. Dieselbe logirte nicht in einem Hotel, sondern wohnte bei einem Kunstwäeen, dem Baron von Bleiken, der die Künstlerin eingeladrn hatte, für die Dauer ihres Gastspiels in seinem Hause Aufenthalt zu nehmen. Thalhnm, der mit dem einzigen, bei Erstürmung der Düppeler Schanzen gefallenen Sohne des Barons zusammen auf der Kadettenanstalt gewesen und mit ihm innig befreundet war, verkehrte fast täglich in dem Bleiken'schen Hause und wurde von dem Baron, sowie von dessen Gemahlin gleich hoch geschätzt. Hier sah er die schöne Sängerin häufig und zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er für ein weibliches Wefen mehr als sonst. An den Abenden, an welchen die Künstlerin in der Oper nicht» zu thun hatte, war im Hause des Barons meistens große Gesellschaft, wozu immer viele Osficiere, unter diesen auch Stolzenberg, geloben wurden. Bald gewahrte Thalheim mit tiefem Schmerz, daß Elfriede Bach ihm wohl eine liebenswürdige Freundlichkeit bewies, aber offenbar in weit höherem Grade für den bildschönen Dragonerlieutenant von Stolzenberg sich interesstrte, der kein Hehl daraus machte, daß er in die Sängerin bis zum Rasendwerden verliebt sei. War es denkbar, daß er auf dir kleinen Auszeichnungen, deren Thalheim sich von Seiten der Sängerin rühmen konnte, eifersüchtig war, und hatte die Eifersucht ihn getrieben, sich des Kameraden zu entledigen, um freie« Feld zu bekommen? Doch nein, so wie er nur diesen Gedanken gefaßt hatte, so verwarf er ihn auch schon wieder. Mochte Stolzenberg wegen seines hochfahrenden, schroffen Wesens bei seinen Mstoificieren nicht gerade beliebt sein, aber eine Niedrigkeit traute ihm Niemand zu, noch viel weniger einen so abgefeimten Schurkenstreich. Eine solche That zu begehen, war einfach unmöglich, er kam auch gar nicht zum zweiten Mal auf diesen Gedanken zurück. Länger als eine Stunde hatte er in seiner Sophaecke gesessen. Je mehr er über den Vorfall nachdachte, desto wahrscheinlicher schien es ihm, daß das Ehrengericht seinen Worten Glauben schenken und ihn von dem Verdacht de» beabsichtigten Betruges freisprechen würde. Er mißtraute keinem Menschen, er dachte von Keinem schlecht, am wenigsten von seinen Kameraden, und so meinte er, könne man auch von ihm nicht« Schlechtes denken. Nachdem er durch diese sanguinische Annahme sich einigermaßen beruhigt hatte, entkleidete er sich und bestieg sein Lager. Aber den erhofften Schlaf fand er trotzdem nicht, er kam immer wieder mit seinen Gedanken auf da» Räthsel der Würfelverwechselung zurück, und als er endlich, nachdem die Sonne schon geraume Zeit durch die Fenster geschienen, zu der Ueberzeugung gelangt war, daß der Versuch zum Einschlafen ihm doch nicht mehr gelingen würde, verließ er das Bett und kleidete sich an. Sein Bursche, der um acht Uhr ins Zimmer trat, wunderte sich nicht. wenig, daß sein Herr an einem Sonntag Morgen, wo er gewöhnlich bis in den Hellen Vormittag hinein zu schlafen pflegte und erst um zwölf Uhr zum Appell anzutreten brauchte, so früh schon auf den Beinen war. Rasch besorgte er das Frühstück, von dem Thalheim aber nichts genießen konnte, als eine Tasse Kaffee. Um zehn Uhr klopfte es an die Thür. Nachdem der Lieutenant ahnungsvoll „Herein" gerufen hatte, erschien ein dienstthuender Unterofficier, der ihm ein versiegelter Schreiben überreichte. Letzteres enthielt die Aufforderung um zwölf Uhr in der Artillerie- Kaserne vor dem Ehrengericht zu erscheinen. Da« Herz klopfte ihm doch, al» er dies la« und ebenfalls, als er sich eine Viertelstunde vor der gesetzten Frist in seiner besten Uniform auf den Weg machte. Je mehr er sich der Artillerie Kaserne näherte, desto mehr belebte sich sein Muth, desto zuversichtlicher nahm er an, daß man seinen Versicherungen Glauben schenken würde. Als er die Kaserne erreicht und mit dem Glockenschlage zwölf in den Saal berufen wurde, wo da» Ehrengericht versammelt war, trat er fest und sicher über die ■ Schwelle. Das Ehrengericht bestand aus zwölf, aus ver- schiedenen Trupp entheilen gewählten Dfftckrcn und «inem Präsidenten, dem Obristen Tramm, einem Onkel des Herrn von Stolzenberg. Sein finstere», kaltes Gesicht mit den eisernen Zügen eignete ihn besonders dazu, und wen er beim Verhör mit seinen durchbohrenden Augen anschaute, der wagte weder einen Widerspruch, noch viel weniger zu leugnen. Heute fiel Allen auf, wie bleich sein Antlitz, und als Thalheim in den Saal trat, da flüsterten unhörbar feine Lippen den Namen: „Lucius Junius Brutus", und ebenso leise fügte er hinzu: „Gott, gieb mir Kraft, daß ich gerecht richte." Der Präsident hatte in der Mitte eines am Ende des Saal» stehenden langen Tische» seinen Platz, zu beiden Seiten von ihm saßen je sechs der Ehrenrichter. An der Längsseite des Gemachs hatten sich die neun Officiere, die als Kläger hier anwesend waren, aufgestellt, der Beklagte stand in der Mitte de» Saales. Mit markiger, kräftiger Stimme, aber in abgebrochenen Sätzen, wie e» seine Gewohnheit war, sagte der Obrist Tramm: „Sie, Herr Lieutenant Thalheim, sind gestern Abend in flagranti ertappt, mit falschen Würfeln gespielt zu Haven, was haben Sie hierauf zu erwidern?" Anfangs mit etwa» zitternder, befangener, nach und nach aber mit immer festerer Stimme erklärte Thalheim, daß er nicht wisse, wie er in den Besitz der Würfel gekommen, daß er den geheimen Mechanismus derselben nicht gekannt und daß er unschuldig sei. Er habe da» feste Vertrauen, daß ihn Niemand eine» solchen Verbrechens für fähig halte und hoffe auf ein mildes Urtheil der Richter. Als er schwieg, fragte nur noch der Präsident, ob er denn weiter nicht» hinzuzusügen habe, worauf die Kläger und der Beklagte gebeten wurden, sich zurückzuziehen. Erstere entfernten sich durch eine Seitenthür, Letzterer ging in da» Wartezimmer zurück. Nach zehn Minuten schon wurden Alle zurückbeordert. (Fortsetzung folgt.) Mertei Lustiges zu Weujastr. (Schluß.) Obwohl im Lauf der Zeiten und Begebenheiten der gute alte Brauch, sich persönlich zu Neujahr zu beglückwünschen, nach und nach mehr und mehr in eine wahre Sturmfluth von Visiten- und sonstigen Gratulationskarten sich verwandelt hat, (die Sitte der Neujahrs. Enthebungskarten zum Besten der Armen begann in Oesterreich in den zwanziger Jahren), so ist doch immerhin noch genug davon übrig geblieben, um manchen Ortes wahre Hetz- und Treibjagden in schwarzen Frack, Cylinder und womöglich weißer Cravatte zu unternehmen. So in Vlämisch-Belgien wo ein gar lustig Durcheinander, ein wahre» Wettrennen zu Fuß und Wagen durch die Straßen der Städte am Neujahrstag entsteht, das allerdings für den unbethMgten Zuschauer unterhaltener als für den „Mitwirkenden" sein mag! Jeder will Jeden besuchen, und das womöglich am Neujahrstag selberI Dar Andere kann sich Jeder selber denken! — Alles läuft, fährt, wirbelt durcheinander, um seinen Gönnern und Freunden, Verwandten und Bekannten den pflichtschuldigen Gratulationrtribut zu überbringen, wobei man aber wohl thut, schon mit dem ersten Morgengrauen zu beginne», damit man fertig wird. „Ein selig Neujahr!"--„ein glückseliges Neujahr!" ruft Alles einander zu; Süßigkeiten werben überall servirt, und nach alter Sitte kommt es vor, daß man in Antwerpen sich beim Gratulirsn küßt, ohne Unterschied des Alter» und Geschlechtes. — Ehedem war es sogar in belgischen Slädtrn üblich, ,daß reiche und freigebige Leute vor ihren Häusern für alle Passanten offene Tafel am Neujahrstage hielten, besetzt mit feinen Leckereien und Getränken. In Holland — besonder» Friesland liebt man es, die Neujahrsglückwünsche per Schlittschuh abzu» statten! Wenn irgend menschen- d. h. uns möglich, werden die entfernter wohnenden Verwandten und Gefreundeten auf solche Art besucht und beglückwünscht, denn die Friesen, inclusive Friesinnen, find Meister in diesem Sport; sie pflegen während de» Winter« öfter auf Schlittschuhen al« auf eigenen Sohlen zu laufen und bei den stattfindenden Wettrennen auf dem Eise sieht man da» schöne Geschlecht in seiner originellen Nationaltracht so gut und siegreich als die Männer sich beteiligen. Wie in Holland Jung und Alt gerne auf glattem Schlittschuh gratulirt, so kommen in Norwegen und Schweden die Neujahrs-Gratulanten oft meilenweit hoch zu Roß daher, obwohl die» bei Schnee, Wind und Kälte ein sehr zweifelhaftes Vergnügen ist. Diese anstrengende Höflichkeitrpflicht wird aber auch seitens der Wirths gebührend anerkannt durch die freigebigste Bewirrhung I Alles was das Hau» besitzt an Kostbarkeiten, sowohl was Geschirr als was Keller und Küche anbetrifft, wird den Gästen anfgetifcht, und da in Skandinavien fämmtliche Gratulation«- besuche auch womöglich am Neujahrstag abgemacht werden, so ist das ameisenhaste und bienenkorbartige Regen, das Überall herrscht, wohl leicht erklärliche Ebenso erklärlich ist wohl, daß diese Neujahr»- Gastereien oft sehr lustig find, besonders je mehr Strapazen damit verbunden waren, und daß Speis' und Trank dabei dann um so mehr munden. Nicht minder gastlich geht e» zu auf der Insel Helgoland I Das einsame kleine Felseneiland in der Nordsee ist am Neujahrsfeste so.belebt wie sonst an keinem andern Tag zur Winterszeit! Stammgäste fhben freie Zeche im Wirthshau»,^ sogar Fremde 8 werden zuweilen umsonst bcwirthei- Eifrig wandert vom frühen Morgen bis zum späten Abend Einer zum Andern und wünscht Glück, bis die Runde gemacht ist, was beinah' eine Woche in Anspruch nimmt; auch der Armen wird nicht vergessen, sie erhalten irgend eine kleine Gabe und müßte der Beglückwünschte sie sich selber absparen und abdarben. — Nicht minder gewissenhaft ist die Art, in welcher man sich gegenseitig 'gratulirtl Nachdem zuerst mit Gesundheit, Glück und Segen begonnen worden, folgt das Uebrige, je nach Bedarf, wie: „eine junge Frau, ein junger Freier, viel Schellfisch-, viel Verdienst und kein Verlust -- nie aber fehlt der bedeutsame Wunsch: „ein ruhiges HerzI" — Auf diese guten Wünsche erwidert der Andere stets: „Das gebe Gott wiederum so!" worauf der Gratulant bewirth.t oder beschenkt wird. „Komm wieder!" heißt's zum Abschied dann, und: „Ich komme wohl!" lautet die übliche Antwort. Dasjenige Land, in welchem das Neujahr sehr ernst und feierlich begangen wird, ist England, besonders in London. Dort tönt dar Läuten der Glocken spät am Sylvesterübend als einzige öffentliche Freuden Kundgebung, bis des alten Jahres letzte stunde vorbei, und das neue Jahr begonnen hat, und: „Ein glücklich Neujahr!" — „ein frobes neues Jahr!" erschallt cs überall als Glückwunsch, sobald nach altem Brauch dir ersten Glsckeastimmen das alte Jahr aus-, das neue eingdäutet haben. Wohl finden kleinere Einladungen im engeren Kreise statt, doch allgemeine, lärmende Kundgebungen beim Jrhrrswechsel unterbleiben, besonders seit das Beschenken zu Neujahr, das einst in England (wie noch jetzt in Frankreich und Belgien an Stelle von Weihnachten) üblich, größtmtheils — außer hie und da auf dem Lande — anfgehört hat. Erhalten dagegen hat sich in einigen Thülen Englands eine höchst kuriose Art, Neujahrsgeschenke zu erpressen. Es ist dies die lustige alte Sitte, der sogenannten: „Reitstange". Mit einer großen Stange und mit Körben bewaffnet, postiren sich vom frühesten Morgen an Gruppen junger Leute auf Plätzen und Straßen, um ALrs, was zufällig des Weges vorüberwandelt, mit freundlicher Gewalt zu ersuchen, sich entweder auf die Stangs oder in den Korb zu setzen, um sich auf diese ungewöhnliche Weise bis zum nächsten Wirthshaus transportiren ,u lassen, wo ein Sixpenee- Lösegeld den unfreiwilligen Touristen ihre Freiheit wiedergibt. „Und giebst Du nicht willig, so brauch' ich Gewalt!" hieß auch die Loosung jener sogenannten „Bechteli"; weißgekleidete Mädchen und Buben, welche ehedem am Nrvjahrstage mit grellbemalten Papierhüten, nebst Schellen und sonstigem Spektakel in den Dörfern der nördlichen Schweiz umherzogrn, um überall, wo sie Halt machten, einen Schluck Süßwein zu begehren, und Abends in den Straßen die Vorübergehenden in» Wirthshaus zu nöthigen und Wein dort zu jfpendiren, doch ist dieses Vergnügen, das „Bcchteln", bereit fest anno 1529 für den 1. Januar abgeschsfft. Ein anderes Neujahrs-Vergnügen aber hat sich in den franzöfischm Ortschaften der Vogesen und in einigen Dörfern des E-saß noch erhalten: dis Sitte, den Brunnen mit einem „Mai" zu schmücken. Die jungen Mädchen zieren nämlich einen kleinen Tannenoder Stechpalmenbaum hübsch mit Bändern, Eierschalen, und kleinen Figuren, die gewöhnlich einen Banum vorstellen, der seine Frau prügelt, und stecken diesen Mann in der Neujahrsnacht als „Maibaum" auf den Brunner?, ja, es gilt sogar als eine ganz besondere Ehrensache, sich in dessen Schmuck möglichst zu überbieten. Am Neujahrstag wandert dann Alles zu dem Brunnen, ihn zu bewundern, und Abends tanzen die Mädchen dort singend einen Reigen, an welchem das männliche Geschlecht sich nur nach eigens erhaltener Erlaubmß brtheiligen darf. Als schützendes Symbol für dis gütigen Spenderinnen bleibt nun der Baum das ganze Jahr hindurch so stehen. Die sonstigen Neujahrs-Bräuche, Belustigungen und Lustbarkeiten: da« „Ansingen oScr Anspielen" de« neuen Jahres, das über den Stuhl ins neue Jahr springen 2C, in aller Hülle und Fülle aufzuzätzlerr, würde zu weit führen, zum Thnl sind sie auch wohl bekannt, ebenso wie solche Vergnügungen, welche zuweilen für drn Empfänger unterhalt-«der als für den Austheilrnden sind, denn die Empfindungen gegenüber gewissen Neujahrs-Gratulanten, denen man nicht dis Hand, sondern statt dessen etwas in dis Hand drückt, find doch wohl für Manchen sehr gemischt, nicht minder, wie diejerügm beim Anblick gewisser Nrujahrsbriefr, welche zwar keine Glückwünsche, dafür aber unqaittirte Rechnungen enthalten! — Keine Rose ohne Dornen! Erwähnung mögen nur noch einige Hofbräuche finden, darunter vor allem die rn-hc originellen als wohllautenden Gratulationen, welche Friedrich der Große jedcö Neujahr an sein Heer zu richten pflegte. — So hieß es z. B. in dem Armee B fehl vom 31. Dccrmber 1.81: „Ihre M-j üät der König lassen allen Herren DifkieiS zum neuen Jahre gra- tuliren, und die nicht ftnb, wie sie sein sollen, möchten sich bessern", während der Glückwunsch vom 2. Januar 1783 also lautet: „Ihre Majestät der König lassen allen guten O'ficters vielmals zum neuen Jahre gratuliren, und wünschen, daß sich die übrigen so betragen, daß Sie ihnen künftig auch gratuliren können!" — Gegen-Gcaiulationen waren damals in Berlin verbeten; — dagegen war seit dem 1. Januar 1767 am Hof zu Wien der Mujchrstag der größte Galatag de« Jahres. Zum Schlüsse nun sei allen Lesern hiermit noch der schöne Nrujahrtgruß zugcrufm, welchen alter Brauch im vorderen Schwarzwald vorschreibt: „Ich wünsche Euch ein gutes neues Jahr, den gesunden Leib und den heiligen Geist, und Alle«, was Ihr Euch selber wünschen möget!" K. R. Rödactkm: A. Scheyda. M Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen,