Hießmer Jamilienblätler. Belletristisches Beiblattzum Gießener Anzeiger. ' -i-rfn-«———--.——.y—rT?: -.mnriini.r.-.:'.ir-":--T.---wr—n null» mi laiiM» mini ■■ Worte sagen: Mein Vater war, wie Sie wissen, i der Oberpräsident Wallenburg, der in einer Stadt, - wo viel Adel und viel Militär war, sich gezwungen > sah, seiner Stellung gemäß ein großes Haus zu , machen. Ich war fein einziges Kind. Als meine > beiden Eltern, erst meine Mutter und darauf mein : Vater, innerhalb kurzer Zeit gestorben waren, stellte > es sich heraus, daß ich nichts hatte, wovon ich hätte leben können. Mir hatte sich mehrfach dis Gelegen- : heil geboten, mich, was Stellung und Rcichthum - betraf, glänzend zu vermählen, aber ich hatte jedes« - mal mein Herz gefragt und dies hatte stets mit Nein r darauf geantwortet Auch der Major Scharfenberg, t ein Mann allerdings von tadellosen Manieren und f feer reich, aber damals schon über die Vierzig hin» e aus, hatte mir einen Heirathr antrag gemacht, den 3 ich zurückwies, weil ich ihn nicht lieben konnte. Ein « halbes Jahr nach dem Tose meiner Eltern hielt er e zum zweiten Mal um meins Hand ay. Er hatte 8 $ sich von meiner hülflosen Lage diesmal einen !, | günst geren Erfolg versprochen und er hatte recht t! gerechnet. Ich war beinahe zweiundzwanzig Jahre 89 Gin struppiger Kostgänger. Verhältniß zu seinem persönlichen Werth stcht. Auch das ist noch begreiflich, daß z. B. die Italiener den unschuldigen Gecko verfolgen, weil das Thierchen sich durch seine Verwandtschaft mit der im ganzen übel beleumundeten Claffe der Reptilien dem Volk«- glauben als gefährlich darstellt. Wie aber kommen Thiere, deren Harmlosigkeit ganz offen zu Tage liegt, zu der zweifelhaften Ehre, daß die Leute glauben, ihnen einen besondern Haß widmen zu Weigerung, vermachte er mir nur eine Summe, von deren Revenürn ich kaum anständig leben konnte, während seine Güter und übrigen Kapitalien an seine Geschwister übergingen. (Fortsetzung folgt.) Es ist merkwürdig, was für absurde Thierfeind- schäften fich manchmal im Volke ausbilden. Daß man Schlangen, Horrpsten und ähnliches Ungeziefer allgemein und ohne Ansehen der Person todtschlägt, ist sehr erklärlich und berechtigt; man geht da eben von dem Grundsatz aus, daß es beffer ist» zehn Thiere von unerwiesener Schädlichkeit zu vernichten, als ein» am L den zu lasten, welches bei Gelegen« i . „ _ heit einen Schaden anrichten kann, der ganz außer und ihm deswegen feinen Fluch für ewige Zeiten müssen? , Beispiele davon sind nicht feiten. In Griechenland z. B. halten die Menschen sich für verpsu^.et, i jede Eule, die ihnen in die Hände fällt, zu steinigen. - Sie betrachten das als eine Art geselligen Vergnügens. Ich selbst fand einmal ein Dutzend großer Lümmel von athenischen Seminaristen damit beschäftigt, ein armes Käuzchen durch Steinwürfe zu tödten. Ich sprach ihnen meine M.inung, das sei eine Gemeinheit, recht deutlich aus; doch sie hatten aus alle Anreden nur eine Antwort: „Aoer da» ist ja eine Eule!" Damit war für sie jedes Argument abgeschnitten. In manchen Theilen der nördlichen Deutschlands gilt die Spitzmaus für ein geradezu dämonisches Geschöpf, dem auf besonders Weiss der Garaus gemacht werden muß. Und zwar besteh-, die orthodoxe Art, sie zu tödten, darin, daß man sie in das Astloch eines Baumes steckt und dieses m.t einem paffenden Holzpfropf verkeilt. Auch der Jge- gehört zu dieser Elast« der grundlos gehaßten Wesen. Ich selbst habe noch als Knabe dis größeren Ge- nosten im sauerländischen Gebirge behaupten hören, den Igel „müsse" man lebendig pfählen, wo man alt geworden, ich sah mich in die Nothwrndigkeit versetzt, nur um mein Leben zu fristen, eine dienende Stellung als Gesellschasterin oder dergleichen anzu- nehmen, denn meiner Tante, die kaum selbst so viel besaß, um davon leben zu können, durfte ich nicht zur Last fallen, und um diesem entsetzlichen Loose, bei fremden Lmten mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen, 'zu entgehen, nahm ich den Antrag de» Majors an. Aber ich kann Ihnen nicht sagen, welche entsetzlich kummervollen Jahre ich an seiner Seile verlebte. In dm ersten Monaten war es noch erträglich, aber als er sah, daß die jüngeren Oificiere mir ein wenig den Hof machten, viel mit mir tanzten und sich gern mit mir unterhielten, da entbrannte seine Eifersucht, unerquickliche Scrnen folgten und in brutalster Weife verbot er mir, fernerhin weder zu tanzen, noch überhaupt mit den Officieren zu sprechen. Mein Stolz erwachte, i-A erklärte ihm, daß ich mir eine solche Tyrannei nicht gefallen und daß ich mir nicht verbieten lasten würde, an dm erlaubten Freuden Theil zu nehmen. Nach dieser Erklärung qmttirte er urplötzlich seinen Dienst und wir bezogen eines seiner Güter, wo ich ab- geschnitten von allem Verkehr, angewiesen nur aus dm Umgang des alten Geistlichen des Dorfes und besten höchst einfacher Frau, sechs Jahre hindurch ein elendes, geiströdiendes Dasein führte. Mein Gemahl starb an einer Lungenkrankheit, die er sich durch Erkältung während einer Treibjagd zugezogen. Ja, hätte mich der Himmel nicht von ihm erlöst, hätte ich noch länger an seiner Seite ousharren müstm, ich wäre, daß weiß ich bestimmt, zuletzt wahnsinnig geworden! Schon am ersten Tage seiner Krankheit hatte er die Ahnung, daß er sterben würde, und war es Eifersucht, die noch über das Grab hin- ausgtng — genug, er stellte an mich die Forderung, ihm das heilige Versprechen zu geben, mich, wenn er sterben sollte, niemals wieder zu vermählen. Ich schlug es ihm ab und noch selbigen Tages machte er sein Testament; von Rache dictirt über meins ihn finde. , , Dis Praxis ist bei uns wohl mcht so schamm wie die abergläubige Theorie, und dieselben Leute, welche heutzutage noch derartige abgeschmackt lieber- lieferunaen erzählen, betrachten sie doch mehr als ein hergebrachtes „on dit“, denn als praktische R gel; sie lasten den wirklichen Igel, der ihnen begegnet, meist ruhig laufen. Aber merkwürdig bleibt es immerhin, daß solche Uebsrlieferungen überhaupt auftauchen und bestehen können. Bei dem orste^ wähnten Falls der Eule in Griechenland läßt sich der Haß vielleicht als dis Kehrseite der rrüheren Verehrung erklären. Bekanntlich war die Eule ehemals der Vogel der Göttin Athene und als solcher eine Art von heidnischem Heiligthum. Eben deswegen mag man sie, nachdem da» Christenthum ein- geführt war, dämonistrt haben, grade wie unsere deutschen Götter und Sagenheldm von den Mönchen zu teuflischen Wesen gestempelt wurden. Aber spitz- mause und Igel sind niemals hervorragende Lyrere in der deutschen Mythologie gewefin, sodaß kaum zu ersehen ist, wie sie in den ^besonderer Menschheitsfeinde gekommen finv. sollte derselbe vielleicht noch aus vordeutscher, keltischer Zett in den Hexenglauben des Mittelalters hsrübrrragen? Oder hat sich vor grauen Jahren einmal im Dunkeln etn ■ heiliger Mann auf einen lustwandelnden Igel gefe*£ » itnh iRm fetten RsiilA ffti? eminß 60 Mgeyängt? Dis KulturWoriker mögen darüber entscheiden. Ich wallte von Meinem Igel Casimir erzählen und bin unversehens in die Sagengeschichte gerathen. Kehren wir zum Haupistoff zurück. Ich fand ihn eines Abends am Meer, wo er, ein undeutlicher grauer Klumpen, sich langsam »um Wasier hinschob. Was er da wollte, ob er ein Bad zu nehmen beabsichtigte oder ob er wie Victor Hugo'» grausam gekränkter Räuberhauptmann ein Gelübde gethan hatte, seinen Durst mit bitUrin Wässer zu löschen, blieb unklar; es war Abends 11 Uhr und so dunkel, daß ich beim besten Willen sein Treiben nicht näher beobachten konnte. Also nahm ich ihn mit und habe ihn drei Monats lang in einem kleinen Gelaß neben meinem Schlafzimmer beherbergt. Er erwies sich als eine gemüthliche Seele, rumorte Anfangs ziemlich viel bei Nacht, gewöhnte sich das aber mehr und mehr ab, als ihm sein Futter, Milch, Mäuse, Käfer, Fleisch, kleine Reste jeder Art, bei Tage beigebracht wurde. In den ersten drei Wochen rollte er sich sosort ein, wenn ich oder ein anderer Mensch in seine Nähe kam; nachher war er weniger schm und ließ sich sogar ausgestreckt auf der Hand tragen, ohne die Stacheln nach außen zu kehren. Labei war er aber immer auf dem Sprung, sich einzmollen, und oft genug lief über seine Schnauze ein höchst komisches Mienenspiel, welches dadurch zu Stande kam, daß seine Hautmuskeln sich abwechselnd in Bewegung und wieder in Ruhe setzten. Sein Sieb* lingsfutter waren dicke schwarze Käfer, mit unfern Rhirroceroskäfern verwandt, die sich in Südeuropa häufig finden. Mit denen gewann ich feine Hochachtung und trat allmählich in ein vertrauteres Ver- hältniß zu ihm. Bei Tage wurde sein Gelaß geöffnet und er machte mir Besuche, verschwand aber meistens bald wieder, wenn keine materiellen Genüsse zu holen waren. Ein paar Mal entwischte er auch und trieb sich im Hause hemm; das endigte dann gewöhnlich damit, daß Jemand ihn fand, wo er ihn nicht zu finden wünschte; Casimir besaß nämlich in Anbetracht seiner plumpen Gestalt ganz merkwürdig entwickelte Fähigkeit, zu klettern, und er benutzte dieselbe mit Vorliebe um sich an den Plätzen einzu- stellen, wo man ihn am wenigsten brauchen konnte, z. B. im Innern eines Kanonenstiesels, im Cylmser- Hut eines Zimmernachbarn und schließlich auch a f dem Sessel, in den die wohlgenährte Signora, meine Hauswirthin, sich grade setzte; bei der letzten Gelegenheit wäre er beinahe noch nachträglich gepfählt worden. Ich hatte aber anderer mit ihm vor; ich wollte wissen, wie sich ein honneter Igel anstellt, wenn er mit einer giftigen Schlange zu kämpfen hat. Bekanntlich gilt das Thier für gifrf ft. und nach Versuchen von Lenz und andern ist in bei That nicht zu ; bezweifeln, daß er eine ungewöhnliche Widerstands : kraft gegen mineralische, besonders ätzende Gifts be- | sitzt. Üeber sein Verhalten gegen Schlangenbisse - liegen weniger zuverlässige Mltßeilungen vor. Ich | fand nun vor Kurzem in der französischen Zeit- i schrift „Nature" eine Angabe, die mit meiner eigenen Wahrnehmung durchaus übereinstimmt, sodaß mir l wahrscheinlich ist, das geschilderte Verhalten sei g unter den Igeln allgemein. Eines Abends gelang es mir, eine Kreuzotter | von gut zwölf Zoll Länge zu erwischen. Es war I heißer Sommer und das Reptil vermuthlich stark < genug, einen Menschen zu iödten. Die Schlange ‘ | wurde mit Büffelhandschuhen beim Halse gefaßt und \ in einer Schachtel nach Hause gebracht; Casimir f machte als Vorbereitung eins hungrige Nacht durch, \ und am andern Morgen wurde die Schlange in | seiner Gegenwart losgelassen. Er schnüffelte lüstern s hinter ihr drein, und wie sie sich mit heftigen l Windungen, aber doch langsam, auf dem glatten | Fußboden des Zimmers fortbcwegie, schoß er piötz- s lich mit ein paar schnellen Schritten auf sie zu. I Sein Laufen erinnerte mich an das Huschen einer i s Kröte. Bei ihr angrlangt, biß er sie ganz behaglich l in den Schwanz. Mtt wüthendem Fauchen fuhr die | Otter herum, richtete sich auf, so weit sie konnte, E und schlug mit ihren Giftzähner» nach ihm. Er i aber hatte sich den Schwanz seiner Feindin zwischen i | den Zähnen behaltend, schnell zusammengerollt, und die Schlange traf beim Zuschlägen mitten in das ; Stachslgewirr des Igel». Natürlich fuhr sie mit blutendem Maul zurück. Freund Casimir aber ließ nicht los, sondern biß ruhig weiter. Die Otter | wurde wild und immer wilder, wußte aber in ihrer steigenden Wuth nichts anderes zu thun, als immer wieder auf den Stachelknänel lorzuschlagen, selbstverständlich nur zu ihrem eigenen Schaden. Etwa zehn Mmul-m dauerte der Kampf, der von feiten der Schlange mit Zischen und Wüthen, von feiten des Igels mit gemüthrruhigem Srillhalten geführt wurde; dann war die Otter so Übel zugrrichtrt, daß sie nicht mchr schlagen konnte und ihre Anstrengungen aufgab; ihr ganzer Kopf war von Blut und Wunden unkenntlich geworden. Hierauf wickelte der Igel sich langsam auseinander, ging an das Vorderende seiner Feindin heran, beschnüffelte es, fand es richtig vorbereitet und biß mit einem Griff den Hals der Schlange durch. Dann verspeiste er die hintere, größere Hälfte, ließ aber die vordere liegen. Er scheint sonach, daß der Igel beim Kampf mit giftigsten Reptilien die Giftfestigkeit seiner inner« Organismus überhaupt nicht in Anspruch nimmt, sondern sich einfach auf sein angebornes Universal- verthsidigungsmittel, den Stachelpanzer, verläßt; dar muß ihm auch offenbar am nächsten liegen, grade so nahe, wie unfereinem Büffelhandschuhs und derbe i Stiesel, wenn er auf den Schlangenfang geht. (Köln Ztg.) Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gieße».