Hießener Isamilienblätier. Belletristisches Beiblatt zum Gießener Anzeiger. . —■———*im* M1" 1 n™ J **"" J”" ihwimihh ...—..r--—iuiimm in^iiu jj • 91?. 130. Samstag, den 3. November. 1888. Im Kaufe Immendorf. Original-Roman von Emilio Heinrichs. (Fortsetzung.) Ihr umflorter Blick irrte suchend umher; rasch trat Ulrike näher, mährend der Graf sich erhob und zu Füßen de» Bette» sich stellte. „Er gleicht ihm, nicht wahr?" flüsterte Irmgard der Schwester zu. „Latz die Fremden hinaukgehen, nur er bleibt und der Baron." Ulrike trat zum Arzte, um ihm den Wunsch der Kranken mitzutheilen, worauf derselbe sich mit der Pflegerin entfernte. „Soll ich den Inhalt de» Briefes Dir mittheilen, liebe Schwester?" fragte sie dann, zu Irmgard zu« tückkehrend. Diese blickte sie mißtrauisch an, und flüsterte mit Anstrengung: „Der Baron!" Ulrike unterdrückte einen Seufzer, winkte dem alten Herrn und stellte sich, drm Grafen gegenüber, an da» Kopfende de« Bette», besten gestickter Umhang weit zmückgrschlagrn war. D-r Baron erbrach da» Siegel, entfaltete mit sichtlicher Erregung den Brief und la» mit zitternder Stimme: „Meine einzig geliebte Irmgard! — Seit Jahren von Reue und Gewtstenrpcin gefoltert, flehe ich Dich vor meinem Tode, dem ich stündlich ent- gegensehe, an, mir zu verzeihen. Ich sende mit dieser Birte meinen Neffen, den Universal-Erben meiner reichen Güter, zu Dir und hoffe, daß Du versöhnt, ohne Haß und Groll, meiner fortan gedenken wirst. Ich weiß e» nur zu gut, welch' qualvolle» Dasein ich Dir bereitet, weiß, daß Dein Bruder unlängst gestorben ist und eine schöne Tochter zweiter Ehe hinterlaffen hat. Hierauf, theuerste Irmgard! — baue ich meinen Sühne-Plan. Al« ein dem nahen Tode geweihter Mann werbe ich für meinen Neffen, den künftigen Besitzer meines großen Reichthum», Graf Walter von Rüdershausen, um die Hand Deiner Nichte, um in dieser Weise Deiner Familie zu erstatten, was ich einst freventlich derselben geraubt, nämlich Rang und Ansehen vor der WUt, die einzigen Güter, um die e» sich verlohnt, zu l-ben. Du wirst mir diesen Wunsch, die Namen von Jmmendors und von Rüderrhaufen in solcher Weise doch noch zu vereinen, sicherlich gewähren, da dieser Gedm k- mir die letzte Stunde sehr erleichtern wird. Mit dem Benußtsein, durch solche Sühne Deine Vergebung verdienen zu können, scheide ich in ? Frieden au» dieser Welt und segne Dich au» der \ Tiefe meine» Herzens. Walter von Rüdershausen." Der alte Baron hatte bei dieser Vorlesung oft stark schlucken müsten, als ob ihm irgend etwa» die Kehle zuschnüre. Nun legte er da» Schreiben mit zitternder Hand in Irmgard» kalte Rechte und trat, fich mit seinem Taschentuch über die Stirn fahrend, rasch bei Seite, wobei fein Blick Ulrike traf, welche regungslos und bleich auf den verhängnißvollen Brief starrte. Jetzt aber schien sie den Bann gewaltsam von fich abzuschütteln. Einen verächtlichen Blick auf den Grafen, besten Antlitz völlig kalt und theilnahmlo» geblieben war, werfend, beugte sie sich über die Kranke und sagte mit sanfter, aber fester Stimme: „Ich beklage es tief, meine Schwester, daß jener Mann, w-lchrr Dich einst kalt und grausam zu einem I qualvollen Leben verurteilte, noch einmal in seiner Sterbestunde e» versucht, seine verderbliche Hand nach dem Frieden unsere» Hause» aurzustrecken. Qeige jenem Manne dort, daß Du den alten Stolz de» ruhmvollen Geschlechts Dir bewahrt und wohl Vergebung für einen Tobten hast, aber nie und nimmer Gemeinschaft mit einem Rüdershausen haben kannst. Zerreiße diese» Schreibt», das Dir zu- ! muihet, um des Mammons willen das Kind Deine» f Bruder« zu verkaufen und damit eine Todsünde ge- l sühnt zu wähnen." | Die Augen bir Kranken öffneten sich sttztge- j spenstisch weit, noch einmal blitzte das dämonische t Feuer darin auf und die wachsbleichen Hände ballten | sich krampfhaft. Ulrike fuhr erschreckt zurück, einen j angstvollen Blick mit dem verzagt dreinschamnden j Baron wechselnd. „Entfernen Sie sich, Herr Graf!" rief sie diesem ’ gebieterisch zu, „Sie schm, was Sie angerichtet ■ haben. Lieber Baron, rufen Sie den Arzt!" Irmgard hob die Hand und der alte Herr blieb s gebannt stehen. „ | „Ich sterbe noch nicht", sprach sie halblaut mit einer furchtbaren Anstrengung, „ah, da» möchtest Du i hintertreiben, ich sehe, wie Ihr auf meinen Tod hofft." 1 „O, Schwester!" unterbrach Ulrike ftr schmerzlich bewegt. ,, . _ „Ich war stet» die Einzrge, welche über des Hauses unbefleckte Ehre wachte. Gott sei ge om, daß ich vor meinem Ende den alten Glanz noch sehen darf. Der Wunsch des Todtm ist mir heilig, Sie sollen die Hand meiner Nichte haben, G:ar, ich begrüße Sie von dieser Minute an al» ein Mtglich de» Hauses Jmmendors!" 522 Irmgard hatte diese Worte mit dem Aufgebot । ihrer erlöschenden Kräfte halblaut, doch deutlich ge- I nug, um von allen Anwesenden verstanden zu werden, I hervorgrstoßen. „SchwesterI" rief Ulrike außer sich, „Du willst | Hedwiga diesem fremden Manne, den sie nie gesehen - hat, verloben, ohne sie zu fragen?" „Ich will dafür sorgen, daß nach meinem Tode I der Name des freiherrlichen Geschlechts von Immer« j darf nicht durch Mesalliancen geschändet werde", flüsterte die Kranke, „willst Du mich mit Deiner Heftigkeit tödten? — O Gott, wie grausam und selbstsüchtig Du bist, Ulrike!" Der Baron hatte in feiner Angst und Rathlosig« | leit das Zimmer verlassen, um den Arzt und die | barmherzige Schwester zu holen, wofür Ulrike ihn ; mit einem dankbaren Blick belohnte. Ohne Zögern schritt der Arzt an's Bett und i gebot sofort die strengste Ruhe für die Kranke, was f natürlich die Räumung des Zimmers zur Folge hatte, i Der junge Graf Rüdershausen verabschiedete sich ; von Irmgard, welche ihm die eiskalte Hand zum - Kusse überließ, aber kein Wort mehr hervorzubringen ’ vermochte. ; Draußen im Wohnzimmer sprach Ulrike mit vor Erregung zitternder Stimme: „Ich hoffe, mein Herr! $ — daß jene abscheuliche Komödie, welche Ihr tobtet r Oheim noch aus dem Grabe heraus vor feinem j Opfer soeben in Scene gefetzt, stch niemals verwirk- \ lichen werde, ja, ich fordere dies von Ihrer Ehre, i als einen Beweis der Sühne, welche der Tobte in ; schmachvollen Schimpf verwandelt hat. Meine Richte i wird niemals ihre Einwilligung zu diesem Menschen- \ schacher geben." Der Graf zuckte die Achseln, verbeugte sich und \ versetzte kalt: „Ich weiß, daß der Wille Ihrer Schwe- ! ster maßgebend ist in diesem Hause und werde mich i auf das Zeugniß des Herrn Barons nölhigenfalls! stützen müssen, da diese Heirath unter allen Umstän- f den verwirklicht werben muß. Inzwischen empfehle ; ich mich Ihnen, meine Gnädigste! — um heute i Abend die Ehre zu haben, meine Verlobte zu - begrüßen." - Er verbeugte sich auch gegen den Baron, der i alle Fassung verloren zu haben schien, und verließ ; das Zimmer mit dem blastrlesten Gesichte von der s Welt. Draußen empfing ihn der alte Johann, um \ ihn zur Hausthür zu geleiten und gleich darauf hörte man den Wagen fortfahren. \ „Großer Gott!" stöhnte Ulrike, in einen Sessel f niedersinkend, „das fehlte uns noch in zwölfter Stunde. I So mußte dieser verhaßte Name noch Unheil bis 5 zum letzten Athemzuge säen und auch die Herzen der - zweiten Generation brechen. Was wird Hedwiga dazu sagen?" - „Sie wird nein und dreimal nein zu diesem - schmählichen Handel sagen", rief der Baron in edlem ! Unwillen. 5 „Und Irmgards rasche Auflösung herbeiführen", klagte Ulrike händeringend. ,6 „Lieber Gott, das wäre zu schrecklich, und gewiß die nothwendige Folge ihrer so sehr natürlichen Weigerung", seufzte der ölte Herr, rathlos die Hände faltend. „Ja, thsurer Freund! — Sie wissen am besten, wie jeder Widerspruch sie errezen und ihren Tod beschleunigen kann. — Aber, — wenn ich auch mein eigm Glück als Opfer bringen bart, habe ich damit das Recht mit erkauft, von Andern dasselbe zu verlangen? — Mein Gott, mein Gott, — wer hilft mir über diesen neuen Jammer hinweg!" Der Baron hatte die stolze, ruhige Ulrike, deren Selbstbeherrschung ihn stets mit scheuer Bewunderung erfüllt, niemals so fassungslos, fo verzweifelt gesehen. Es bewegte ihn fast zu Thränen, er ergriff ihre Hände, führte sie an feine Lippen und bat sie, auf Gott zu vertrauen, welcher jdenfalls die trostlose Nacht erhellen werde. „Wenn Herr, Ulrich mit der Schwester kommt, wird auch die Kranke sich dem Haupt der Familie beugen müssen, und er wird doch sicherlich kommen." „Ja, das ist auch meine letzte Hoffnung", seufzte Ulrike, stch wieder aufrichtend, „aber nicht wahr, Baron, Sie verlassen mich nicht, bleiben heute hier? Allein ertrüg' ich es nicht, ihre Reden anzuhören." „Ich bleibe hier, meine Gnädige! gewiß", versicherte der alte Herr, „und — mir fällt da auch ein guter Gedanke ein, den ich recht diplomatisch ausnutzen werde. Lassen Sie mich nur machen, liebes Fräulein Ulrike, unsere Kranke vertraut mir vollständig, ich weiß es, und der liebe Gott wird's mir gewiß nicht als Sünde anrechnm, wenn ich unsere theure Irmgard noch in den letzten Augen- blicken ihres leidensvollen Daseins vor einem zweiten schweren Unrecht bewahre." „Sie wollten das bewerkstelligen, bester Freund?" fragte Ulrike mit einem schwachen Lächeln, „nun, ich würde Sie bis an mein Ende segnen. Gott gebe, die beiden Kinder würden durch irgend ein Hinderniß in der Residenz zurückgehalten." In diesem Augenblick öffnete der alte Arzt unangemeldet die Thür und schaute forschend in's Zimmer. „Nun, da sind Sie ja, meine Gnädige, und auch der Herr Baron!" Mit diesen Worten trat er ein und zog die Thür vorsichtig hinter stch in's Schloß. „Eine schöne Aufregung, das muß ich sagen", polterte er, „weshalb hab' ich's gelitten? hä? das wollen Sie doch fragen, meine Herrschaften?" „Ja, Herr Medicinalrath!" versetzte Ulrike, „in Ihrer Hand lag es, großes Unheil zu verhüten." „Na, daran stirbt sie nicht", lächelte der alte Arzt, mit großem Behagen auf seine Schnupftabaksdose klopfend, und dem Baron eine Prise bietend. „Nein, haben den Appetit verloren, Herr Baron? — Unbesorgt, daran stirbt unsere Kranke nicht, im Gegentheil, dieser Besuch kann die Katastrophe noch um einige Wochen hinausschieben. Nicht wahr, mein 523 gnädiges Fr Mein, fie hat eine unerwartete Freuds gehabt?" „In ihrem Sinne allerdings", seufzte Ulrike, „sie w ll unsere Hedwiga mit einem Rüdershausen verheirathen. Sie sind der langjährige Fccund unseres Hauses, lieber Dokior! vor Ihnen haben w r diesen schmählichen Handel nicht zu verheimlichen. Sie wissen am besten, war ein Widerspruch hier bedeutet." Der Medicinalralh trommelte bestürzt auf seiner Dose. „Das hätte ich ahnen sollen", murmelte er, „der Patron wäre sicherlich draußen geblieben. Ist ja aber eine ganze verflixte Geschichte, ein wahrer Hohn des Schicksale", setzte er laut und heftig hinzu, „muß dieser Beelzebub noch am Schluß der Tragödie wie- der Unkraut säen und neuer Elend verbreiten? — Wie ist denn dar gekommen, meine Gnädige?" Ulrike erzählte in kurzen Worten von dem Neber- fall dieses angeblichen Nrffen und dem Inhalt des verhängnißvollen Schreibens. „Der alte Graf ist also lobt?" fragte der Arzt. „Der Neffe sagt er." „Ja, er sagt cs", nahm der Baron jetzt das Wort. „Wer aber bürgt uns für seine Identität? Wer für dis Echtheit des Briefes?" „In der Thal, daran habe ich nicht gedacht", rief U'rike bestürzt, „kann nicht Alles eine wohldurchdachte Lüge fein, um Hedaizas Vermögen zu erhalten?" „Natürlich kann die ganze Geschichte ein durchtriebener Schwindel sein", pflichtete der Medicinol- rath eifrig bei, „Sie haben doch an Ihren Neffen telegraphirt?" „Ec wird mit Hedwiga in einer Stunde hier sein." „Gut, der wird dem Burschen al« Haupt der Familie entgegentreten und ein Machtwort sprechen —" „Woran Irmgard stirbt", fiel Ulrike händeringend ein. „Es wäre ein directer Mord!" Der Arzt schüttelte ungeduldig das graue Haupt. „Gut, gut", sprach er heftig, „opfern Sie immerhin ein blühendes Leben, um einer Sterbenden noch einige Tage ihres selbstsüchtigen, nutzlosen Daseins zu fristen, ich will keinen Antheil daran haben, will nicht helfen, ein neues Opferlamm zu schlachten, wo der Tod immerhin die größte Wohlrhat» eine Gnade Gottes für die Sterbende, welche schon längst keinen Willen mehr hätte besitzen dürfen, und auch für die Lebenden wäre." „Seien Sie nicht ungerecht, Herr Medicinal- rathl" bat der Baron, einen bekümmerten Blick auf Ulrike, die bleich und starr vor sich hin blickte, werf?nb. „Wir Männer verstehen ein selbstloses, aufopferndes Frauenherz niemals ganz zu würdigen, weil wir uns stets vom Egoismus leiten lassen. Unsere theuere Freundin hier, — verzeihen Sie, daß ich Sie so zu nennen wage, meine Gnädige, — hat stets für diese Schwester gelebt und den einzigen Lohn nur in der heiligsten Pflichterfüllung, und der Stimme des Gewissens gefunden. Was wissen wir von einem solchen Dasein, Herr Doktors „Haben recht, haben recht, Herr Baron I" versetzte der alte würdige Arzt gerührt, „nehmen Sie eine Prise, um das Gehirn zu schärfen und einen vernünftigen Plan zu ersinnen, den vermaledeiten Feind aus dem Felde zu schlagen." Der Baron drückte ihm die Hand und nahm wehmüthig lächelnd eins Prise. „Sie verzeihen dem alten Polterer, meine Gnädige, nicht wahr?" „O gewiß, weil Sie nur gar zu sehr im Richt sind, lieber, alter Freund", sprach Ulrike, dem Medi- cmalrath die Hand reichend. „Was aber soll ich thun, um dieser furchtbaren Lage zu entgehen? Ich würde mit meinen Zweifeln und Vorstellungen lei unserer Kranken nichts ansrichten, sondern nur Oel in's Feuer gießen. Von Ihnen nimmt sie ebenso wenig irgend welchen Rath an —" „Weiß, weiß", fiel der Arzt achselzuckend ein, „kenne hinreichend ihre Vorurthetle, ihren Adelstolz, duldet mich nur als unabwendbares Uebel." Er fchnr-pfte heftig mehrere große Prisen und lachte dann leise in sich hinein. „Nun, so schlimm ist sie nicht", entgegnete Ulrike mit leisem Vorwurf, „Irmgard weiß Ihre Verdienste sehr wohl zu würdigen und schenkt Ihnen großer Vertrauen." „Schon gut, es war nicht schlimm gemeint, bleiben wir bei der Sache, meine Gnädige. Da wir beide nicht zu Rathgebern taugen, muß unsere Wahl auf den Baron fallen; ich halte ihn für den Geeig- r elften dazu." ,,'JÄ dachte von vornherein an Sie, lieber Baron l" sagte Ulrike mit einem bittenden Blick. „Du mein Himmel, ich sagte es Ihnen ja bereits vorhin, Fräulein Ulrike!" rief der Baron triumphi- rend. „Bevor der Medieinalrath eintrat, hatte ich den Plan schon gefaßt. Jetzt schläft unsere theure Kranke wohl?" ,Sie wollte schlafen, als ich sie verließ", nickte der Arzt. „Ich glaube jrdoch nicht, daß die Auf. regung sie dazu hat kommen lassen." (Forts, folgt.) Zum Kuöertustage. (3. November.) (Nachdruck verboten.) Der 3. November ist dem heiligen Hubertus, dem Schutzpatron der Jäger, als Gedächtnißtag geweiht. Die Legende erzählt von ihm, er sei ein Sohn des Herzogs Bertram von Guienne gewesen, habe zur Zeit Pipin's von Heristal gelebt und in der Jagd seinen größten Genuß gefunden. Als prevöt de France und Palastmeister Pipin's gab ihm diese Stellung vollauf Gelegenheit, seiner Leidenschaft zu fröhnen, und selbst die Feiertage der Kirche vermochten nicht, ihn davon abzuhalten. So begab sich Hubert auch einstmals am ersten Weihnachtsfesttage in den Wald, lies seine Hunde los und folgte ihnen voller Jagdbegier, als sie, wie es schien, die Fährte eines Wildes angenommen hatten. Aber siehe! 524 —n- da zeigte sich ihm plötzlich ein hochgebauter Hirsch, doch kein gewöhnlicher, denn zwischen seinen Geweihen trug er ein Bild, das Kreuz des Erlösers und eme Stimme rief ihm zu: „Hubert, bekehre bitf) und suche dem Verdammniß zu entgehen!" — und der jagdeifrige Rittersmann folgte diesem warnenden Zurufe, lieh ab von dem Waidwerk, legte seine Würden und Aemter nieder, verschenkte seine Besitzungen, ließ sich von dem später ermordeten und danach heilig gesprochenen Bischof Lambertus von Mastrich in der heiligen Lehre unterrichten, pilgerte nach Rom, ward feines Lehrers Nachfolger, that viele Wunder und starb am 30. Mai 727. Sein Leichnam ward zunächst in der Collegiatkirche von St. Peter zu Lüttich, am dritten November 743 aber am Hochaltar beigesetzt, bis er endlich in dem Benedktinerkloster Aedaine in den Ardennen, deren eigentlicher Apostel St. Hubertus gewesen, seine bleibende Ruhestätte fand. r n , Obwohl also Hubertus in seinem spateren Leben der Jagd entsagte, ja, sie verabscheute, ist er, rote gesagt, doch Schutzpatron der Jäger geworden und geblieben. Noch bis in dieses Jahrhundert hmem wurde sein Gedächtnißtag durch Jagden ,und Umzüge gefeiert, ihm zu Ehren wurden nach seinem Namen benannte Jagdorden gestiftet und mancherlei auf das Jagdwesen bezüglicher Aberglaube ist mit dem Heiligen und seinem Gedenktage verbunden. — „Mit was vor Ceremonien das St. Hubertus- und Jäger-Fest von denen Liebhabern der Jägerei) soll begangen werden," darüber findet sich folgende ergötzliche Vorschrift aus dem Jahre 1743. „Am St. Hubertus- Fest, als dem Fest des allgemeinen Jagdpatrons, soll ein jeder rechtschaffene Jäger sich auf die Jagd begeben, es wäre denn, daß er durch Eis, Kälte oder einen starken Platzregen davon abgehalten würde. Doch sollen die Freunde der Jägerep an diesem solennen Tage keinen um sich leiden, welcher wider tue Jagd- Regeln das Wild muthwilliger Weise verderbet. Wenn nun bei diesem Feste eine Frauens-Person erscheinet und solcher Jagd-Freude mit theilhaftig werden will, so soll sie gestiefelt und gespornt, auch, also gekleidet sepn, daß ihr Habit wenig oder gar nicht von einer Mannskleidung difieriren. Sie soll auch ihr Pferd auff eben die Art wie eine Manns-Perfon reiten, und Alles von ihrem Befehl und Disposition dependiren. Wenn nun einem Jeden seine Verrichtung zugetheilet, soll man in aller Frühe mit den Hunden entweder zu Holtz oder zu Felde ziehen, Nachmittags aber die Falken in die Lufit lassen, damit die Jäger sowohl mit den Hunden als Vögeln ihre Freude haben mögen. Zum Schluß soll man sich sodann in dem nächstbesten Jäger-Hause mit einander lustig machen." — In Belgien und Frankreich geht noch heut jeder Jagdliebhaber am Hubertustage, das Wetter mag noch so schlecht sein, auf die Jagd. Die großen Grundbesitzer versammeln an diesem Tage alle ihre befreundeten Jäger und wenn auf ihren Besitzungen ein zehnender Hirsch, oder ein großer Keiler steht, so wird er bis zu Hubertus aufgespart. Ueberhaupt beginnt dann überall die eigentliche Treibjagd und Beschluß des Festmahls macht allemal ein tüchtiges Jägermal. So lange der verstorbene König Leopold von Belgien zu diesem Tage regelmäßig auf sein Schloß in den Ardennen kam, fand auch stets eine feierliche Messe für die Eröffnung der Jagd in der Kirche des h. Hubertus statt und nachdem schon um drei Uhr Morgens das Signal dazu durch Trompetenschall gegeben worden war, begaben sich alle Anwesenden, Herren und Damen, in die Messe und dann nahm die eigentliche Jagd ihren Anfang. Hubertus-Orden haben u. A. 1445 der Herzog von Jülich und Berg, 1746 der Kurfürst Clemens von Köln, 1702 der Herzog Eberhard Ludwig zu Württemberg gestiftet. Der Kurfürst Friedrich August III. aber erbaute schon 1721 und vergrößerte 1748 das bekannte Schloß Hubertusburg im Amte Mutzschen, in welchem er die glänzendsten Jagd- feste veranstaltete, alljährlich das Fest des h. Hubertus mit großem Prunke feierte und in dessen auch bei der Plünderung des Schloßes im siebenjährigen Kriege erhalten gebliebener Kapelle die Bekehrungsscene des Huberts dreimal dargestellt ist. In Vlämisch-Belgien, werden, wie Frh. von Rems- berg-Düringsfeld mittheilt, am Hubertustags-Morgen kleine Brödchen gebacken, welche „sink Huibrechts- broodje", St. Hubertusbrödchen, heißen und zu Ehren des Heiligen mit einem Jagdhorn verziert sind. Sie sind schwarz, werden in der Kirche geweiht und im Limburgerlande vom Küster verkauft, um nicht nur selbst davon zu essen, sondern sie auch von Hunden, Katzen und anderen Hausthieren freffen zu lassen. Mitunter schickt man auch nur ein gewöhnliches Brod in die Kirche, läßt es weihen und schneidet für jedes Mitglied der Familie und des Gesindes ein Stück ab, das man ißt, nachdem man das Kreuz geschlagen, um sich so das Jahr über vor der Hubertusmut h zu sichern. Aus demselben Grunde trägt man in Köln und anderswo am Tage des h. Hubertus kleine Riemchen weiß gegerbten und mit rother Farbe bespritzten Leders am Knopfloch und Manche haben sie sogar stets bei sich als Schutzmittel gegen tolle Hunde und andere wüthende Thiere, denn der heilige Hubertus, der Patron der Jäger, wird auch als Helfer gegen die Wirkungen des Hundebisses angerufen, wie auch seinen Reliquien große Heilkraft bei der Wasserscheu zngeschrieben werden, weshalb noch bis heutigen Tages zahlreiche Wallfahrten nach seiner, Grabstätte stattfinden, obschon die Gebeine des Heiligen spurlos verschwuflden sind. ' , ,, Wenn der Hubertustag gekontmen ist, dann wird s lebendig in Wald und Feld, dann knallt die Büchse, wird Fuchs und Wildschwein gehetzt, manchem stolzen Hirsch, mancheni feisten Hasen der Garaus gemacht. Nun lautet die Devise: „Es lebe was auf Erden stolzirt im grünen Kleid!" Nedqctiynr A. Schryda. — Druck und Verlag der Brühl'scheuDruckerei Gr. Thr, Pietsch) m Gieße».