Nr. 1. Dienstag den 3. Januar, 1588. i I i i (Unberechtigter Nachdruck wird gerichtlich verfolgt.) In einem großen, nur für Osfic>ere der Garnison reservirten Zimmer eines Restaurarionslocals waren „wenn wir dm Versuch machten- ihm den treulosen Mammon wieder abzuluchfen und das Spie! foccirten? Set es darum, aut, aut! Ich gehe entweder mit der Jnfanterielieutenant Thalheim, ein junger, zwanzigjähriger Officier mit frischen, rothrn Wangen und dunkelblauen Augen, die sich durch einen, wie aus der Tiefe kommenden Bliü in besonderer Weise, aber vortheilhaft aurzelchneten, „wirklich unheimlich! Ich hätte mich heute Abend euch nicht wieder an den Spieltisch gesetzt, wenn Ihr nicht, Stolzenberg, zu mir gesagt, es wäre für mich, der ich in der letzten Zeit stets gewonnen, gewissermaßen Ehren» fache, Euch Gelegenheit zur Revanche zu geben." „Nun ja", versetzte der Dragonerlieutenant, „unter Kameraden gilt doch nicht der Grundsatz, sich gegenseitig bis auf die Haut suszuziehen, sondern der Gewinnende muß sich verpflichtet fühlen, Revanche zu geben." „Darum habe ich ja auch mich heute nicht geweigert." „Ra, nehmt mir nicht Übel, Thalheim, Ihr spielt doch gern, und es hatte ganz den Anschein, als wenn Ihr den Würfelbecher gar nicht früh genug in die Hand bekommen konntet!" „O nein, da täuscht Ihr Euch!" „Es ist ja auch begreiflich, werm man so im Glück sitzt. Aber das ist mir eine nette Revanche! Anstatt daß wir das Verlorene wieder gewinnen, macht Ihr uns heute Abend vollends bankerott! Was meint Ihr, Kameraden", wandte er sich an die rechts und links von ihm sitzenden Mitspieler, I Aie verlorene Miöek. Original-Roman in 3 Bänden von Dr. Carl Hartm ann-Plön. ? Theil des Verlustes mit nach Haufe nehmen. Wir setzen diesmal Jeder zehn Thaler in den pot, seid s Ihr einverstanden?" l Reinerts und von Bülow erklärten sich hierzu l bereit. „Und Ihr, Thalheim?" fragte Stolzenberg. „Ich muß wohl", erwiderte der Gefragte, „da f ich allein der Gewinnende bin, obgleich ich principiell I gegen ein so hohes Spiel bin, das sich wohl reiche l Leute erlauben dürfen, das aber mit unserer monat- - lichen Gags nicht im Einklänge steht." „Gute Lehren und Moralpredigten", sagte « Stolzenberg mit etwas scharfer Stimme, „könntet j Ihr Euch in diesem Augenblick ersparen, Tßalheim!" 1 „Mein Gott, ich wollte Euch ja nicht beleidigen!" von den militärischen Gästen, die allabendlich hier zusammenzukommen pflegten, zehn junge Lieutenants zurückgeblieben, von denen sechs um einen runden Tisch saßen und Domino spielten, indeß die Nebligen an einem kleinen viereckigen Tisch würfelten, und zwar um öaares Geld. Jeder von ihnen benutzte seine eigenen drei Würfel; es wurde auf die einfachste Weise gespielt, wer die meisten Augen warf, hatte den jedesmaligen Einsatz, der von Viertelstunde zu Viertelstunde erhöht worden war, gewonnen. „Ihr habt doch ein unverschämtes Glück, Thal- Heim", sagte, die Worte eigenthümlich betonend, der Dragonerlteutenani von Stolzenberg, ein hochge- wachsener, männlich-schöner, junger Mann von zwei« undzwanzig Jahren, wobei er aus seinen großen, grauen Augen einen seltsam scharfen Blick auf fein Gegenüber warf. „Acht Tage lang gewinnt Ihr unausgesetzt jeden Abend, heute aber muß der Teufel in Eure Würfel gefahren sein, Ihr braucht nur den Becher zu drehen, so liegen wenigstens zwei Sechsen auf dem Tisch, mitunter auch drei, ich habe eine solche Constanz der sechs schwarzen Augen noch nie ___, tJllwVÜVfc „„„ erlebt. Weit mehr als eine Monatsgags ist bereits \ leeren Taschen heim, oder ich will wenigstens einen au» meiner Tasche in die Eure gewandert." $ h.« «u ««a cm-.. „®« ist wahr", bestätigte der Lieutenant Reinerts, der rechts vom Sprecher saß, „eine solche liebevolle Beharrlichkeit der Sechsen zu Gunsten eines Einzigen, während die Andern stets nur höchstens zwei und drei Augen werfen, Habs auch ich noch nicht ge« sehen." Und der links von Herrn von Stolzenberg fitzende Lieutenant von Bülow fügte hinzu: „Thalheim ist ein Neuling, wenigstens auf dem Gebiet, das wir bisweilen nach Mitternacht betreten, wo es sich um blinkendes Metall handelt, sonst rollten seine Würfel nur, wenn ein Anderer ihm den Schoppen Bier bezahlen sollte. Ein Anfänger hat immer Glück, mit wahrer Inbrunst drückt die Dame Fortuna ihn an ihre Brust, aber sie ist ein treu- I „Schon gut! Setzen wir!" lose» Weib, und nur zu bald werdet Ihr die Er- ] Jeder der Spieler zählte zehn Thaler ab, die er sahrung machen, daß sie Euch den Rücken kehrt." - in einen kleinen, von Stolzenberg herumgereichten „Dies Glück ist mir selbst unheimlich", erwiderte Kasten gleiten ließ, der, als Alle eingezahlt hatten, Hießensr IamitienMtle Belletristisches Beiblatt zum Gießener Anzeiger. 2 auf einen kleinen Seitentisch gestellt wurde. Reinert» warf zuerst. „Verdammt!" rief er aus. „Vier, drei, zwei, macht neun; da weiß ich schon im Voraus, daß ich abgethan bin." Nun folgte Herr von Stolzenberg, der langsam die Würfel aus dem Becher herausrollen ließ. „Sapristi!" rief er triumphirend aus. „Sechs- zehn Augen, sechs, sechs und vier, das ist, so lange wir heute knobeln, der erste anständige Wurf. Es hilft wirklich mitunter, wenn man da» Spiel forcirt, und nun wollen wir einmal sehen, Thalheim, ob Ihr auch diesmal mich übertrumpft!" „Erst einmal abwarten, Stolzenberg", sagte Herr von Bülow, „ob ich nicht mehr werfe!" „Blonder Krieger, das möchte ich Euch nicht rathen", erwiderte der Dragonerlieutenant. „Ach, Du lieber Gott!" kam es aus „des blonden Krieges" Munde, nachdem er geworfen, in kläglichem Tone hervor. „Drei Mal eins! Dabei hört denn doch die Gemüihlichkeit auf!" Nun kam Thalßeim an die Reihe. Er streckte die Hand aus und ließ die Würfel aus beträchtlicher Höhe auf den Tisch rollen, daß sie fast über den Rand desselben zur Erde gefallen wären, doch stießen sie nirgends an, der Wurf galt, es waren siebenzehn Augen. „Nein!" rief Herr von Stolzenberg mit scheinbar verhaltener Wuth, „das ist zum Rasendwerden! Wieder die beidm verwünschten Sechsen, die Euch den ganzen Abend nicht verlassen haben, und eine fünf dazu!" „Mir ist das selbst ein Räthsel", sagte Thal- heim, „aber ich kann doch nicht dafür!" Stolzenberg ergriff den Kasten und schüttelte den Inhalt auf dem Tisch aus, daß die Thaler sprangen und klirrten. „Oho!" rief einer der Dominospieler vom andern Tisch herüber. „Bei Euch geht es ja hoch her, der glückliche Gewinner wird sich hoffentlich nicht lumpen lassen und morgen ein Champagnerfrühstück zum Besten geben." „Ich mache nicht mehr mit!" sagte Herr von Bülow, „es nützt ja Alles nichts, diese zehn Thaler ärgern mich schon, verliere ich noch mehr, müßte ich abermals einen Pump anlegen, und wer soll es schließlich bezahlen?" „Eure Tante natürlich", erwiderte Reinerts, „aber Ihr habt Recht, Blonder, es nützt Alles nichts, gegen Thalheim'» Glück kämpfen heute selbst die Götter vergebens, ich spiele auch nicht mehr, laßt uns aufhören!" „Nein!" rief Felix von Stolzenberg mit entschiedener Stimme, „ich höre nicht eher auf, bis ich wenigstens einmal gewonnen." „Nehmt das Geld zurück", sagte Tbalheim, „es ist nicht angenehm, Euch solche Summen abzuge- winnen." m ° ,DaZ sinh Redensarten, Thalheim", entgegnete Kwlz-.Mrg, „M Lis ich nicht glgM, M ich seihst einen noch so hohen Gewinn mit GemÜthsruhe in die Tasche stecken würde, sobald er mir in einem ehrlichen Spiel zugefallen, und überdies von einem Kameraden nehme ich niemals ein Geschenk an." „Ich wollte mich nur damit von Euch loskaufrn, denn ich bin müde und abgespannt und möchte nach Hause gehen." „Noch kommt Ihr nicht fort, Thalheim, und wenn Reinerts und Bülow die Flinte ins Korn werfen, so spiele ich allein — aber ich habe nicht» mehr, und zahle, wenn ich verliere, am ersten bei nächsten Monats auf Ehrenwort." „Wohlan denn", erwiderte Thalhrim refignirt, „und möge Euch dies Mal das Glück günstig sein, ich wünsche es Euch von Herzen!" „Ich beleidige Euch wohl nicht, Thalheim, wenn ich an einen solchen Herzenswunsch absolut nicht glaube." „Das haltet, wie Ihr wollt! Wenn es Euch recht ist, werfe ich diesmal zuerst." „Einverstanden!" Reinerts hatte dis vierzig Thaler in zwei Rollen auf einander gelegt und diese an den übrigen Gewinn Thalheim's geschoben. Der Tisch war wieder frei, und wie das letzte Mal, so ließ der im Glück Sitzende die Würfel au» einer ziemlichen Höhe herabfallen. Zwei derselben lagen und zeigten abermals dis ominöse Sechs, der dritte aber rollte über die Tischecke hinüber zu Boden. „Das gilt nicht, Sie müssen noch ein Mal werfen" sagte Stolzenberg und bückte sich, um den Würfel aufzuheben. , Wo hat der Sakramenter sich verkrochen", hörte man seine Stimme unter dem Tisch, und erst nach mehreren Sekunden erhob er sich wieder. Aber die Blicke starr auf den in der Hand haltenden Würfel gerichtet, zeigte fein Gesicht den Ausdruck des Entsetzens und mit lauter Stimme rief er: „Ha, was ist das?" „War haben Sie? Was giebt es?" hörte man verschiedene Rufe. „Was es giebt?" erwiderte Stolzenberg, wie nach Athem ringend. „Eine fürchterliche Entdeckung! Alle meine Nerven zittern, — dieser Würfel ist falsch!" „Falsch?" ertönte es aus Aller Munde, und zu gleicher Züt erhoben sich sämmtltche O-ficiere, auch die am andern Tische sitzenden Dominospieler. Nur Thalheim blieb sitzen. „Falsch!" fuhr Stolzenberg fort. „Seht her, e» hat sich eine Platte gelöst, der Würfel ist hohl, da drinnen befindet sich ein Mechanismus." Er reichte den Würfel den Nähertretenden hin, der jetzt von einer Hand in die andere wanderte, eigenthümltche Blicke auf Thalheim fielen und Ausrufe laut wurden wie: „Unglaublich! El ist nicht möglich! Es ist gar nicht zu denken!" Stolzenberg hatte unterdeß auch die beiden SsthULN Würfel eWiffett, LeimWe sie 888 gstW Seiten zog ein kleines Messer aus der Tasche und löste ebenfalls eine kleine Piatts. „Auch diese", sagte er, „die fast den ganzen Abend sich in der uns verderblich gewordenen Sechs producirt, enthalten denselben Mechanismus, k-in Wunder daher, daß wir auf den letzten Groschen aurgesogen wurden", und mit dumpfer Stimme fügte er hinzu: „Thalheim, Ihr seid ein Fälscher!' Der junge Mann, dem man diese grauenvolle Beschuldigung ins Gesicht schleuderte, war leichenblaß geworden, sein ganzer Körper erbebte, so daß er nicht die Kraft gewann, sich zu erheben, er wollte versuchen zu spreche«, aber er brachte keinen Laut hervor. Endlich fand er die Sprache wieder und mit zitternden Lippen sagte er: „Kameraden, Ihr könnt im Ernste nicht an' nehmen, daß ich mit Bewußtsein diese falschen Würfel benutzt habe. Ich habe keine Ahnung, auf welche Weise sie in meinen Besitz gelangt sind, das weiß nur Gott allein. Schon als wir uns zum Spiel niedersetzten und ich sie aus meiner Tasche hervorholte, schien es mir, daß sie von hellerer Farbe seien, als diejenigen, die ich bisher beim Spielen gebraucht hatte, aber ich achtete nicht weiter darauf und arglos begann ich damit, mich selbst über die unerhörte Thatsache wundernd, daß sie fast jedes Mal zu meinen Gunsten fielen. Kameraden, ich schwöre Euch bei meiner Ehre —" „Häuft auf Eure Schuld nicht noch einen Meineid", fiel ihm Stolzenberg ins Wort. „Habt Ihr wirklich die Stirn noch zu leugnen, angesichts der Thatsache, daß Ihr auch schon in der letzten Zett unausgesetzt gewonnen und angesichts dieses Haufen Geldes, den Ihr Euch heute durch Euer falsches Spiel erlistet habt?" „O mein Gott!" rief Thalheim händeringend aus^ „wie soll ich Euch beweisen, daß ich unschuldig „Ihr seid überführt!" fuhr der Dragonerlieutenant mit harter Stimme fort, „und Ihr müßt uns sammt und sonders sür completke Schwachköpfe halten, wenn Ihr wähnt, wir könnten diesem gravirenden Corpus delicti gegenüber den üblichen Entschuldigungen eines entlarvten Betrügers Glauben schenken I" „Ueberführt! Entsetzlich! Welcher Schimpf sür das ganze Osficrercorps!" erscholl es von verschiedenen Setten. „Herr von Bolten", wandte sich Stolzenberg an einen der Dominospieler, „Ihr seid der Aeltestr von uns, ich bitte Euch, dieses Geld dort, das uns un» gerechter Weise abgeschwindelt wurde, in Empfang zu nehmen und dem Ehrengericht zu übergeben, das nur allein darüber zu entscheiden hat, was damit geschehen soll." (Fortsetzung folgt.) Allerlei Lustiges zu Weujaßr. Es scheint eine Eigenthümlichkrit der menschlichen Natur zu sein, die Höhr der Heiterkeit meist nach dem Grad des Lärmens zu bemessen, der bei dieser Gelegenheit vollsührt wird. Tobt und tollt, jubelt, singt, schreit und lacht man recht aus Herzens- oder aus Kehlensgrunde, so hat man sich gar oft am besten „amüsirt". So mag es wohl auch kommen, daß selbst solche Tage und Stunden, die eigentlich naturgemäß zur Einsicht in sich selbst einladen sollten, just mit Vorliebe zur Einkehr in — die Wirths« Häuser verwendet werden und daß gerade dann am allermeisten die allgemeine Lustigkeit als Parole und Signal erscheint. Auch der Jahreswechsel vor allen Dingen ist so eine Losung für möglichst große geräuschvolle Heiterkeit! Es ist zwar eigentlich eine recht ernste Sache mit solch einem Wechsel, selbst wenn der Wechsel nicht aus einem gewiffeu ominösen Papierstreisen besteht, doch — ein jeder Wechsel schreckt den Glücklichen, — das mag auch wohl der Grund sein, weshalb kaum zu irgend einer anderen Zeit des ganzen Jahres so allgemein und concentirt, so laut gejubelt wird als gerade in der Nrujahrsnacht. Man singt, man springt, man tanzt, spielt, lacht und trinkt sich über jene geheimnißvolle Grenze fort, und manch ein Bruder Lustig meint ganz ernsthaft: „Das geschehe nur des guten Omens wegen, denn wie man die Neujahrsnacht durchlebe, so geschehe es das ganze Jahr hindurch!" Wunderliche Sitten und Gebräuche knüpfen an Sylvester und an Neujahr sich, — Bräuche, die oftmals fo alt sind, daß kein Mensch so recht eigentlich die Beschaffenheit ihrer He kunst kennt, und manch eine moderne Gewohnheit trägt im Grunde nur ein neues Kleid, dessen zeitgemäßer Zuschnitt ihr ehrwürdiges Mer uns verdeckt. Wohl gießt es ganze Ortschaften, denen ein alter, schöner Brauch stille und ernste Feier des neuen Jahres im engen Kreis der Ihren vorschreibt, doch meist — was wird da nicht Alles getrieben — Scherz gethan, im Ernst gemeint! — am Sylvesterabend und in der Neujahrsnachti Töpfe und Teller an die Mauern geworfen, Fragen an die Zukunft gestellt, geschossen, Blei gegossen, Lichtchen schwimmen oder Flachshaare brennen lassen, abgesehen von sonstigen Unterhaltungen, wie: Schuhe werfen, um Mitternacht auf einen Kreuzweg gehen, um dm Zukünftigen zu erblicken, und was sonst noch Alles an der Tagesordnung ist. Besonders das weibliche Geschlecht ist stark in derlei Unternehmungen, namentlich sobald es gilt, außer „dem" Zukünftigen auch „den" Zukünftigen zu erfahren, wozu gerade die Sylvesternacht, wie der Volksmund behauptet» ganz besonders günstig qualificirt sein soll. Doch auch sonst wird Kurzweil aller Arten und Orten am letzten Tag des alten Jahres und am Beginn des neuen ausgeüöl! So verlangt z° B. eine lustige Sitte, daß wer am 31. December zuletzt in einer Familie aus den Federn sich erhebt, den Spitznamen: „Sylvester", erhält, freundlichst ausgelacht wird und Abends etwa» zum allgemeinen Besten geben muß. — Anderswo hält man das „Sylvester« schlagen" ab, d. h. man versammelt sich Abends im Wirthshause, deffen Gaststube an den Wänden und Fenstern mit grünen Tanrienzweigen hübsch geschmückt ist; — oben an der Decke hängt ein ebensolcher Kranz und in der Ecke zwischen Ofen und Mauer steht eine verlarvte Gestalt: alt, garstig, flachsbe- bartet, welche auf dem Haupt einen Kranz von Mts« pölzweigen trägt und „Sylvester" heißt. Sowie nun Jemand beim Tanzen oder Gehen durch Zufall oder Absicht unter den Kranz an der Decks kommt, flugs springt Sylvester schnell aus seinem Schlupfwinkel hervor und applicirt ihm — oder noch lieber ihr! — einen derben Kuß. Das treibt er nun so bis Mitternacht — dann aber hat sich's amgeküßt für den Sylvester — dann ist sein Reich für dieses Jahr zu Ende. Sowie die zwölfte Stunde naht, ergreift ein jeder Gast einen grünen Tannenzweig, um — sobald es zwölf Uhr schlägt — den Sylvester: das alte Jahr zur Thür hinauszuschlagen. „Der König ist todt — es lebe der König!" | Und daß nun dieser Thronwechsel des Jahres l möglichst lustig und geräuschvoll vor sich gehe, dafür wird nach Möglichkeit gesorgt in allen Tönen und Nuancen. In das ernste Geläute der Glocken mischt sich das Blasen, Singen, Schießen, Peitschenknallen, Prosit-Neujahr. Mfen, das Pereat büm alten Bivat dem neuen Jahre, je nach Orts- und Landessitte. Lieder singend und Serenaden bringend verkündet man — von Haus zu Haus ziehend — in mancher Gegend das neue Jahr, und manche holde Maid würde es für ein gar schlimmes Omen halten, wenn vor ihrem Fenster in der Neujahrsnacht nicht ge- schessen würde, da es Orte giebt, wo den Töchtern Eoa's die Zahl dieser Schüsse zum Barometer für die Höhe der Neigung ihrer Verehrer drent; auch ä bleibt der süße Lohn für solche Liebesbeweise nicht au«, sondern folgt meist denselben auf dem Fuße nach, in Gestalt — einer Flasche Wachholderbrannt- wem, welche gewöhnlich an einem Faden herabge- laffen wird. Anderswo gilt die MitternachtSstunde in der Neujshrsnacht als dis paffendste Zeit, um — Hei- rathsanträge zu machen! Diese Werbung geschieht aber nicht etwa durch Musik, Gesang, eine Liebeserklärung in aller Form durch Verse oder Prosa, auch nicht durch die Blume, sondern höchst sinnig — durch die Weidemuths! — Ein höchst sonderbarer Apparat aus Weidenrohr in Radform garntrt mit Aepfeln, decorirt mit Goldblech! „Wßpelivt" geheißen, wird von dem betreffenden Herrn Brautwerber eigenhändig angefertigt, um — sobald es Zwölf geschlagen — in das Haus, wo die Begehrte weilt, geworfen zu werden. Zur Erhöhung diese» feierlichen We be-Actes wird gewöhnlich auch ein Pistol abgefchossen, außerdem aber kurz und^bündig gerufen: „Hier bringen wir Euch eine Wopelröt, Wollt' Ihr mir was reichen, So müßt' Ihr Euch nicht lange bedenken!" Damit läuft der sonderbare Fleierrmann auf und davon, so schnell ihn seine Füße tragen. Und nun beginnt eine lustige Verfolgung seitens der Haurinsassm! Bekommt man ihn, so wird er im Triumph zurüägerührt, und muß sich zur Strafe für seine Schwerfälligkeit allerlei Spaß und Schabernack als Bewirihung gefallen lassen. Eine andere lustige Sitte auf dem Lande, bei oer viel Spaß getrieben :nmb, ist die: „sich einander das neue Jahr abzugewinnen", d. h. sich gegenseitig mit den Glückwünschen zuvorzukommen. Zu diesem guten Zweck wird nun eine erstaunliche Fülle von raffinirter und stndirter Schlauheit in Scene gesetzt, um die Andern glücklich zu überlisten. — Man schleicht sich an die Bttten, donnert an die Thüren, versteckt sich irgendwo, um die Ahnungslosen dann plötzlich mit der Gratulation zu überfallen; man poftirt sich an die Thür, um sozusagen mit der Thür — respective mit dem Glückwünsche — ins Haus zu fallen, — kurz, man spielt tolle Streiche in allen Ecken und Enden, welche oft noch lange Zeit hindurch die beliebte Unterhaltung bilden, weil man gar so gut sich dabei unterhalten hat. — Zuweilen finden die also abgewonnenen Glückwünsche auch in Bersen statt, denn wa» dir Form dieser Gratulationen anbelangt, so ist dieselbe sehr verschieden, je nach der betreffenden Gegend, je nach den Beziehungen, in welchen die Betreffenden zu einander stehen, t- So wünscht man z. B. einem Mädchen: „Langes Leben, langes Leben» Und all' meine Lieb' daneben!" Andere beglückwünschen sich praktisch-realistischer: „Langes Leben, langes Leben, Und einen Beutel voll Geld daneben!" Die Schwester aber ruft — noch realistischer — dem hoffnungsvollen kleinen Bruder zu: „Langes Leben, langes Leben, Und hübsch viel Schläg' daneben!" Auch kommt die Sitte vor, daß der oder die „Uebsrraschte die Glückwünschmden beschenken muß, zumeist mit einem Kuchengebäck in Radform (wohl um dadurch den Lauf der Zeit und des Jahres an- zudeuten!) das „Neujährchen geheißen, oder man vewirthet den „Sieger" mit Süßigkeiten. — Heber» Haupt ist die Verschiedenartigkeit des Backwerks, das extra für Neujahr zur Augen» und Magenweide dient, eine ganz refpectable; — auch der Gaumen will ja feine Unterhaltung und Abwechslung beim Jahreswechsel haben! (Schluß folgt.) Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.