6-ieHeuer Amilienblätter. Belletristisches Beiblattzum Gießener Anzeiger. 1888. Donnerstag, bm 1. November. Nr. 129. Im Kaufe Immendorf. Original-Roman von Emili« Heinrichs. (Fortsetzung.) Walter von Rüdershausen? — War er es wirklich selber, jener Verräther, der einst den Fluch über diese Schwelle getragen, ein reicher Leben im Jugendglanz vernichtet und unsägliches Weh verschuldet hatte? — Kam er, um Irmgards Verzeihung zu erflehen? War ste berechtigt, zwischen ihn und die Sterbende zu treten? — Ach nein, Ulrike hatte ja niemals an sich selber gedacht, wie sollte die Gute jetzt dazu kommen! — Sie gab dem harrenden Johann den Befehl, den Grafen willkommen zu heißen. „Das gi-bt wieder ein Unglück", murmelte der Alte, „Du allbarmherziger Gott, steh' uns bei, daß der zweite Betrug nicht ärger werde als der erste." Der im Wagen harrende Graf war bereits ungeduldig geworden und fluchte sehr uncavaliermäßig über die alten Hexen. Da kehrte sein Groom mit de; Botschaft zurück, und nach wenigen Augenblicken führte der verblüffte Johann den jungen Herrn in das Wohnzimmer, wo Ulrike mit klopfendem Herzen seiner harrte. Sie trat überrascht zurück, als sie den Gräfin sah und ihres Jrrthums inne wurde. War dieser junge Mann, der jenem Verlobten, ihrer unglücklichen Schwester frappant ähnlich sah, sein Sohn? Eine unheimliche Angst schnürte ihr die Kehle zusammen, daß sie kein Wort hrrvorbringen konnte, und der Graf stch mit einer stillen Verneigung begnüge» mußte. Er sah das braune Freisräulein durch die blitzenden Augengläser an und verbeugte stch tief. „Gnädiges Fräulein!" begann er jetzt ohne Umschweife, „ich habe die Ehre, mich im Namen meines verstorbenen Oheims, des Grafen von und zu Rüdershausen, den Damen des freiherrlichen Hauses von Jmmendorf vorzustellen und dieser Schreiben persönlich in die Hände des Freifräulein Irmgard zu legen." Ulrike, welche ihre volle Fassung wieder erlangt, richtete stch stolz empor. „Ihr Oheim ist tobt, sagen Sie?" „Ja, meine Gnädigste! er ist seiner längst voran- gegangenen Gemahlin vor drei Wochen tn's Grab gefolgt. Da seine Ehe kinderlos geblieben, bin ich, sein einziger Neff« und Erbe, zu dieser heutige» Misston ausersehen worden.". Er hatte einen Brief aus seiner Brusttasche her- vorgezogen und denselben spielend in der Hand gewogen. „Meine Schwester Irmgard ist schwer krank", erwiderte sie nach einer kleinen Pause, „ich darf es ohne ärztliche Erlaubniß nicht g 'statten, daß sie dieses Schreiben empfängt, und muh Sie bitten, auf Ihren Besuch zu verzichten." „Das kann und darf ich nicht, mün gnädiges Fräulein!" sprach der Graf kalt und fest, „es betrifft den letzten Wunsch eines Sterbenden, der nicht heimgehen konnte, ohne den Versuch zu machen, ein schweres Unrecht gut zu machen!" „Ems Todsünde wollen Sle sagen, Herr Gras!" versetzte Ulrike, vor Unwillen errötherd, „dort drinnen liegt das Opfer Ihres Oheims seit 35 Jahren im Sterben, um endlich nach qualvollen Leiden Ruhe zu finden. Regte stch fehl Gewissen, nachdem es so lange geschwiegen, endlich in der Todesstunde, um in der Angst vor dem Gerichts sich mit dem armseligen Brosamen die es Brieses zu retten und den Himmel zu betrügen? Nein, mein Herr Graf, seine Sühne kommt zu spät, — behalten Sie den Brief nnd reisen, wenn Sie einen Funken menschliches Gefühl besitzen, so rasch als möglich in Ihre H-i- mach zurück," , _ Gras Rüdershausen hatte ruhig, ohne eine Miene zu verziehen, diesen Erguß eines edlen Unwillens angehört. Nun zuckte er bedauernd die Schultern und meinte kalt, daß es nicht seins Aufgabe sei, über etwaige Jugendsünden eines Verstorbenen Gericht zu holten, er vielmehr eine versöhnende Mission zu vollbringen habe, welche sicherlich geeignet sei, den verklärenden Schimmer der Freude üoer die letzten Augenblicke eines v'rödeten Daseins zu werfen. Der Gras hatte mit kluger Berechnung Ulrike'S empfindlich- Sette berührt; sie, blickte ihn unruhig an und streckte mechanisch die Hand nach dem Briefe aus. _ , , ,, „Pardon, meine Gnädigste!" weyrte jenes ruhig ab, „meine Ordre lautet ruf persönliche Emhändi- gung dieses Schreibens." Ulrike war noch immer unschlüssig, als der alte Johann den Herrn Baron von Lerchenheim meldete. „Er ist wie immer sehr willkommen", nickte ste mit einer Art Erleichterung und streckte dem alten Herrn, der sofort in'» Zimnur trat, drr Hand zum Gruß entgegen, worauf ste die Herren einander vorstellte. , Während Graf Rüdershausen stch kalt und förmlich verbeugte, fuhr der Baron wie von einem gisti- gen Reptil gebissen, bei der Nennung des gräflichen 518 Namens zurück und starrte bald ihn, bald Ulrike mit einem so entsetzten Gesicht an, daß der Graf sein Augenglas abnahm und ihn mit seinem stechen« den Blick unverschämt musterte. „Der Herr Baron von Lerchenheim ist der älteste I und treueste Freund unseres Hauses", kam Ulrike jetzt dem alten Herrn rasch zur Hülfe, „er hat die Tragödie, deren Havptheld Ihr Onkel war, einst in diesen Räumen mit erlebt, wodurch seine ließet« raschung, Sie hier zu sehen, hinlänglich molivirt sein wird." „Ah, ich verstehe, das ist freilich etwas Anderes", versetzte der Graf, seine Augen wieder mit dem Glase bewaffnend, „der Herr Baron wollen mein Erstaunen ebenfalls entschuldigen, Ihr Entsetzen streifte wirklich an's Komische." „Dieser Herr ist derMffs jenes Grafen Rübers« hausen, welcher sich einst gegen meine Schwester, und damit gegen unsere Familie so schwer verging", fuhr Ulrike rasch fort, „sein Onkel ist tobt, hat aber den Neffen mit der Mission beauftragt, einen Brief, den er vor seinem Tode an sie geschrieben, in die Hände meiner Schwester zu legen. Was meinen Sie dazu, Baron?" „Ich meine, daß unsere theure Kranke davon den augenblicklichen Tod haben könnte", versetzte bet Baron ohne Besinnen. „Was enthält dieser Brief, Herr Graf?" Der Ton des sanften, schüchternen Barons klang so kurz und gebieterisch bei dieser Frage, daß Ulrike ihren Ohren nicht trauen mochte. „Sicherlich nur Gutes", versetzte der Graf ebenso kurz, „Sie werden es mir nicht verargen, wenn ich bei diesen langweiligen Elörterungen die Geduld ver« iieie und alle Folgen auf Ihr Haupt wälze. Ja, meins Herrschaften", fuhr er zornig fort, „Ihre Weigerung ist ebenso grausam, als selbstsüchtig, und Ihr Haß, welcher einer Sterbenden den letzten Trost entzieht, im höchsten Grade unedel." „Wollen Sie die Kranke auf diesen Besuch vor- bereiten» Baron?" fragte Ulrike jetzt mit fester Stimme. „Ich muß es wohl", nickte der alte Herr düster, „dieser junge Herr kennt Sie nicht, meine Gnädige, sm st würde er nicht von Selbstsucht und Grausamkeit reden. Ja, ich gehe, hoffe aber nichts Gutes von dieser Stunde, besser wäre es jedenfalls, den Arzt erst zu befragen. Ah, ah", setzte er aufhor- chrnd hinzu, „ich höre die Hausglocke, vielleicht sendet der Himmel ihn her." In der That war es der Arzt, welcher nach wenigen Augenblicken unangemeldet in's Zimmer trat und kaum von der Botschaft des jungen Grafen vernommen hatte, als er auch sofort den Baron mit sich nahm, um die Kranke vorzubereiten. „Wir werden nichts damit verderben", bemerkte er, voranschreitend, „im Gegentheil, könnte diese Freude ihr das Sterben erleichtern. Wir kennen ihr Gemüth, Herr Baron, es ist so leicht nicht zu erregen." ? Irmgard lag, von einer barmherzigen Schwester bewacht, auf ihrem Lager wie ein starres Tobten- bild. Jetzt öffnete sie die tief eingesunkenen Augen und lächelte dem Baron zu. „Was bringen Sie mir Neues?" flüsterte sie, „ist Hedwigs gekommen?" „Noch nicht, Gnädigste!" erwiderte der Baron, sich zu ihr neigend, während der Arzt leise mit der Pflegerin sprach. „Sie wird sicherlich unterwegs schon sein. Aber wenn Sie mir, Ihrem getreuesten Sclaoen versprechen wollen, sich nicht zu erregen, dann würde ich Sie fragen, ob Sie geneigt wären, und sich stark genug fühlen, einen fremden Besuch zu empfangen, um eine Botschaft entgegen zu nehmen, welche vielleicht,. ich betone das Wort vielleicht, theüre Gnädigste! Ihnen eine Art Genugthuung nach einer gewiffen Sette hin gewähren könnte." Irmgards geistiges Verständniß schien angesichts drr nahen Auflösung noch überraschend klar zu sein. Sie blickte den alten Freund forschend an und flüsterte, da die schwache Brust kein lautes Wort mehr hervorzubringen vermochte. „Wer ist es, reden Sie deutlich, Baron, ich bin nicht schwach." Der alre Herr räusperte sich einige Male, blickte zu dem Arzt hinüber, der zustimmend den Kopf neigte und sagte mit zitternder Stimme: „Es ist ein junger Cavalier aus Oesterreich, der von seinem seit wenigen Wochen in die Ahnengruft hinabge- senkten Oheim die Mission erhalten, Ihnen, Gnädigste, seine letzte irdische Bitte in Gestalt eines Schreibens persönlich einzuhändigen." Ein jähes Roth überlief das leichrnhafte Antlitz der Kranken, die wachrbleichrn Hände zitterten, krampfhaft bewegten sich die blaffen L ppen. Dann schloß sie die Augen und lag eine Weile ganz unbeweglich da, bis sie plötzlich die Augen wieder öffnete und leise sprach: „Er kommt von ihm, — ich will ihn empfangen, seine letzte Bitte erfüllen, was cs auch fei." Der Baron verließ das Zimmer und kehrte mit dem jungen Grafen zurück; auch Ulrike war unbemerkt eingetreten, um die aufregende Scene zu überwachen. Es lag ihr wie ein Alp des Unheils auf der Brust und schnürte ihr die Kehle zu. Der Graf beugte ein Knie vor der Kranken. „Ich danke Ihnen, meine Gnädigste, im Namen eines Tobten für Ihre Güte, mich zu empfangen", begann er, „Sie sehen in mir den Neffen und einzigen Erben des Grafen Walter von Rüdershausen, besten vollständigen Namen ich zu führen die Ehre habe. Mein theurer Oheim konnte nicht sterben, ohne sich mit derjenigen auszusöhnen, der einst fein Herz, seine ganze Liebe gehört und deren Vergebung der einzige Wunsch gewesen, dessen Erfüllung er nie zu erhoffen gewagt. Ich lege diesen letzten Wunsch in Ihre Hände, gnädigstes Freifräulein!" „O, Heuchelei und Komödie sondergleichen!" dachte Ulrike, mit einem unsäglich bitteren Lächeln auf den Grafen blickend, der seine wohleinstudirte Rede glücklich zu Ende gebracht hatte und der 619 Kranken jetzt das mit dem gräflichen Wrppen versiegelte Schreiben überreichte. Irmgard hielt den Brief in der Hand, besah die Aufschrift, dann das Wappen mit der siebenzinkigen Krone, und wieder überflog bas hektische Roth ihr wachsfarbiges Gesicht, da sie beides nur zn wohl kannte. (Fortsetzung folgt.) Asserheikigen und Merseeken. (1. und 2. November.) Bon H- Salcho. (Nachdruck verboten.) "'Na zal'gen Hoog Dag", „ein glücklicher hoher Fest!" so lautet in Vlämingen allenthalben der gegenseitige Glückwunsch am 1. November, htm Tage "AUer Heiligen." Die Zahl derjenigen Personen, welche von der Kirche als Heilige verehrt werden, wurde mit der Zeit eine so große, daß das Gedächtniß eines Jeden nicht mehr einzeln gefeiert werden konnte; die Feier ihrer Geiammtheit ward damals von den Päpsten Gregor III. und IV. 731 bez. 834 auf den 1. Nov mber festgesetzt. Es ist also ein Todtrnfest, ebenso wie das „Aller Seelen" am 2, November, welches in den meisten katholischen Ländern mit großer ■ Pietät b-gangen zu werden pflegt. Schon im abeu Heidenthum ehrte man das Andenken der Abgeschiedenen durch Opfer und F-ste, ein Brauch, der seinen Grund in dem Glauben Ruhet, daß die seligen Geister in der Oberwelt oder in der Unterwelt in einer gewisien allgemeinen Verbindung mit der Erde und den Lebenden standen. Er sand ein Leichenmahl statt, Todtengesänge erschölle-!, Opfer wurden dargebracht, denn alle Jahre am Todestage erschien die Seele wieder an der Grabstätte, um sich an den Gaben zu erquicken, als Schutzgeister der Familie am heiligen Herdfeuer zu weilen. Und eine solche Todtenfeier erfolgte sowohl im einzelnen Haus- halt, in dem drr Hausvater zugleich Priester war, als auch von Seiten der gesammten Gemeinde, in letzterer jedes Jahr drei Tage laug zur Michaelis zeit, wenn Wodan im Herbststurme einherzieht, wenn die Ernte eingebracht ist, wenn die Vegetation abstirbt und die bisher thäiiz geglaubten Geister der Abgeschiedenen in das Innere der Erde sich zurück» begeben. Einem solchen tief eingewurzelten Volksglauben, einer so allgemein üblichen Sitte konnte die christliche Kirche nicht völligen Abbruch thun, sie vermochte ihr nur ein christliches Gepräge zu rerleihen, indem sie an Stelle der Opfer Mahlzeiten für die Armen und Stiftungen zu frommen Zwecken, an die Stelle der Gesänge Fürbitten, Seelenmeffen setzte, welch' letztere wie die heidnischen Opfermahle gewöhnlich als soz. Todten-Vigilien in der Nacht erfolgten. Auf diese Weise bildete die Kirche die private heidnische Todtenfeier — wenngleich sie dieselbe in ihrer ursprünglichm Form nicht ganz zu verdrängen im Stands war, wovon die noch hmte in vielen Ge« senden üblichen „LKchmschmaufs" zeugen — zu eines christlichen um, und ein Gleiches geschah hinsichtlich des allgemeinen heidnischen Todtenfestes. Ein solches fand, wie gesagt, in deutschen Landen um die Michaelirzett statt, und zwar in der Meinweken oder Gemeinwoche, die am Sonntags nach Michaelis begann; aber auch in der Martimzsit scheint von den Germanen ein Herbst-Todtrnfest gefeiert worden zu sein, so daß mit der von der Kirche auf den 2. November angeocdnetrn allgemeinen Todtenfeier, eben dem Feste Aller Seelen, den aus dem Heidsnthum vererbten abendländischen religiösen Gewohnheiten und Bedürfniflen bequem entgegen gekommen ward. Darum wohl mit zum Theil wird in katholischen Landen noch heut' Allerseelen so traulich gefeiert und darum wohl hat auch der Protestantismus, obschon die Reformation von einem Todtenfeste nichts wisien wollte, wegen der aus den Vigilim vielfach hrrvorgegangenen Mißbräuche, später wieder eine allgemeine Todtenfeier als ein Errnnerungsfest an die Verstorbenen eingeführt, in Preußen 1816, im Königreich Sachsen 1840, die freilich später als Allerleelen, bekanntlich am letzten Sonntag des Kirchenjahres stattfindet. Mancherlei Volksbränch« und Volksmrinungen sind mit Allerheiligen und Allerseelen verbunden. In Flandern, in Oesterreich, in Bayern, Böhmen und Tycol werden zu ihnen besondere Bröschen gebacken, welche „Sesleri-Brödchen", „Seelen-Wecker.", „Seelchen" heißen, — und hier wie dort erbitten die Kinder solche Kuchen „für die armen S eien", „für die Seelchen im Fegefeuer." Denn wenn die Kirchengtocker am Abend von Allerheiligen läuten, dann kommen auch die Seelen aus dem Fegefeuer und können, einmal im Jrhr, von ihren Qualm ausruhen, die Erde besuchen, und man büret sich deshalb, in Antwerpen die Thüron und Fevst-r scharf zuzuschlagen, um die Seelen nicht zu verletzen, man füllt die Lrmpe mit Schmalz und Butter in anderen Gegenden, damit sie durch Eiuriben mit dem Fett die Schmerzen der Brondwunden zu lindern vermögen. Auch wurden und werden wieder an anderen Orten die Armen am Allerheiligen-Abend und Allerseelen-Tage mit Brodspenden bedacht, in Schwaben die Kinder von ihren Pathen mit „Seelen- Bretzeln" erfreut, und e'n altes Lied sagt in Bezug hierauf: Der Wintermonat hat das Recht, Daß man viel Seelen-Brätzeln bächt, Und damit als mit raren Sachen Pfl-gt And'ren ein Präsent zu machen. In Nieder-Oesterreich ober, da gehen die heiraths- fähigen Mädchen in der Nacht von Allerheiligen zu Allerseelen auf einen Kreuzweg, harren dort des ersten ihnen entlang kommenden jungen Mannes, befragen ihn nach seinem Taufnamen, küsien ihn schnell und eilen davon: nun wissen sie den Namen des Zukünftigen! Und am Allerseelentage selbst, da sind in katholischen Ländern — in Schwaben und am Rhein, in 520 Nr. 1l Jh' trat Ul zu Füß „E der Sc nur er Uli Kranke Pflege' liebe Z iückkeh Di Anstrei Ui alten an da Hang ■ D fichtliö Strmr Jahre ich D gegens dieser meine versötz denk« volles der u zweite Jrmg ein d mein, Reich Hand Fami selbe, Welt zu v von Weis diese wird Deir Böhmen und Styrol, in Steiermark und Kärnihen rc., _ die Gräber der Verstorbenen auf den Friedhü en aar herrlich mit Kränzen und Blumen geschmückt und dazwischen brennen kleine Lichter, so lange die Todtenmefse gelesen wird und die Prozession zwischen den Gräbern umherzieht. Ein tröstlicher wohl» thuender Anblick, diese wie im Frühlingsschmuck prangenden Grabstätten mit den funkelnden Kerzen, die den Tobten zum Gedächtniß, den Lebenden zur Mahnung leuchten! Graf Mikosz und Miszta, der Zigeuner. Humoreske von Trebor. (Schluß.) Nun ging's zu Tisch. Der Lord reichte der Gräfin, der einzigen zu Tisch zugezogenen Gesellschaftsdame, einer Baronesse Bay, den Arm, — Baron Fehervar hängte sich saus gene in den linken Arm der reizenden Lady, — und ließ sich von dieser zu Tische führen. „Sonderbare Manieren!" flüsterte die Gräfin wieder. „Mocht man so in Csongrader Conntat", sagte Graf Mikosz. t Als aber dann während des Dmers der Herr Baron vom Huhn die Knochen, sie in den Finger haltend, abknapperte, Paprika lothweise verzehrte, laut mit der Zunge schnalzte, sich mit dem Tischtuche den Mund abwischte und dem Tokayer Wein in solchem Uebermaß zusprach, daß die Sache unheimlich wurde, als er dann schließlich zu singen anfing: „Jaj, jaj, jaj, Speck schmeckt gut, ober Kuss von ollergnädigste Fräulein schmeckt noch besser", und dies zu erproben gedachte — da sah sich Graf Mikosz denn doch gezwungen, die Tafel aufzuheben. „Sonderbare Manieren, dieser Baron aus dem Csongrader Comitat!" wiederholten die Damen. Graf Mikosz aber nahm seinen Gast aus einen Augenblick bei Seite und flüsterte ihm zu: „Betyar elendiger, wenn Du Dich nicht wirst anständig betragen, lass' ich Dir morgen vom Hayducken dreißig Wohlgezählte aufmessen!" Das wirkte! Der „Magnat" wurde ruhiger. Es wurde Kaffee herumgereicht. Der Baron konnte nicht umhin, demselben eine tüchtige Dosis Paprika einzuverleiben. — (Was übrigens gar nicht schlecht schmeckt. D. Berf.) Es war in der That ein schöner Mann, dieser Baron. Welch schöne feurige Augen! Weich' schön geschnittenes Profil! Welch männliche, sonnverbrannte Züge! Zähne weiß wie Alabaster. Die kohlrabenschwarzen gelockten Haare, keck frisirt, wenngleich ein wenig widerspenstig sich geberdend! — So saß er da — sein feurig' Auge in wilder Gluth auf Eveline, — dies ätherische Geschöpf, entsprossen den Gefilden des dreieinigen Königreichs — Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen. „Na, schöne Geschichte! Hob' ich mir schöne Suppe eingebrockt mit diesem elendigen Zigainerlüm- mel!" so sagte sich Graf Mikosz. „Wollt' ich mochen — und jetzt wird omende gor noch Ernst daraus. Hob' ich auch viel getrunken gestern, ober elendiger Bandit, Zigainer Piszta hot getrunken noch mehr! Und wos hot er gemacht in Rausch? — Hot er durch Vermittlung von Gesellschaftsdame gemocht Liebeserklärung an Lady Fitzgerald und hot sogar gehabt Frechheit anzuholten um ihre Hand! hh batta teremtete! Was moch ich jetzt? Sie hot geantwortet, doss sie ist nicht obgeneigt, wenn vonseite seiner Familie wird nicht erhoben Widerspruch! Seme Familie, elendige Zigainerbagage, wird natürlich, nicht erheben Widerspruch. Graf Mikosz, wird Dir nix bleiben übrig, als zu sogen der Lady, daß, angeblicher Baron Fehervar ist ein einfacher Zigainer, Piszta Horvath, und dass Graf Mikosz ainzig wollte Bewais liefern, dass Zigainer ist auch ein Mensch." Und so legte denn Graf Mikosz das Gestandniß ab. Die junge Lady aber, weit entfernt, die Sache Übelzunehmen, bekehrte sich zu der Ansicht, dass Zi- gainer auch Menschen seien, und schwur, von ihrem im Sturm eroberten und liebgewordenen Czigany Piszta nicht lassen zu wollen. Ihr Herz, ihr freier Wille, ihre Unabhängigkeit und — Excentruutat — erlaubten ihr es ja, aber dem Grafen Mikosz, der sich den kleinen Scherz gestattet hatte, wurden verschiedene Bedingungen zu erfüllen, als Aufgabe und Strafe gestellt. Denjenigen, welchen er ihr, als „vollendeten Kavalier vom Scheitel bis zum Stiefel- obsotz" vorgestellt hatte, — sollte er ihr auch in zwei Jahren als solchen überliefern, und das führte auch Graf Mikosz aus. Er nahm den Czigainer Piszta auf ein Jahr nach Wien und ein Jahr nach Paris, ließ ihn hier von den ersten Professoren unterrichten, und am 30. März 1881 — zwei Jahre nach dem denkwürdigen Diner — traten „der Gentleman Piszta Horvath Esquire und die honorable Lady Eveune Fitzgerald" behufs Eingehens eines unauflöslichen Bundes, an den Altar der Kirche St. Trinito m Paris und leben heute hochangesehen in der Grap schäft Norfolk als „Aehemann und Aeheweib!" und dos Hot olles Gros Mikosz zu Wäge gebracht! leidenschaftlich gerichtet. — Eveline hatte es nur zu gut bemerkt. ,Y) . „ „Weich' sonderbare Manieren; welch' mgenthum- licher Mensch!" so hatte sie im Verlaufe des Diner wohl die hundert Mal sich zugerufen, und auch letzt wiederholte sie sich es. „Und doch, ■— welch magnetische Wirkung sie auf mich üben, diese Augen — diese Augen, ich habe keine ähnlichen je gesehen — er ist hübsch, dieser ungeschliffene Baron, — mein Gott, — mein Gott, — diese Augen — sie bohren sich förmlich ein in mein Herz! Und wie er sie geküßt hat, meine Hände! so unschicklich! so stürmiA! — Baron Fehervar, ich glaube, ich glaube gar, Du hast mir's angethan!" ' * *