Hichener Isamilienblätter. Belletristisches Seidiatt |um Gießener Anzeiger. Nr. 89 Samstag'den 31. Juli. “ "1886. Saat und Ernte. Roman von Ewald August König. (Fortsetzung.) Ein spöttisches Lächeln glitt über das Antlitz des Amerikaners. „Ich habe von dem Manne gehört", erwiderte er; „fragen Sie nur unfern Wirth; er kennt den rothen Fritz und dessen Vergangenheit ganz genau. Ich fürchte, Sie werden sich enttäuscht finden. Und was der Bursche mit diesem Tobten zu schaffen haben sollte, das —" „Sie werden es erfahren", unterbrach Rommel ihn rasch; „ich habe trotz meiner kurzen Praxis in solchen Dingen schon einen scharfen Blick." „Verzeihen Sie meinen Unglauben, wenn ich mir erlaube, diesen Scharfblick zu bezweifeln", sagte der Oberst lächelnd. „Ich hege sogar die feste Ueberzeugung, daß Ihre Bemühungen und Nachforschungen fruchtlos sein werden." „Und wenn ich nun erfahre, wo Uhr und Ring Salberg'S geblieben sind, so ist das schon Etwas." Der Oberst zog die Stirne in Falten; ein scharfer, herber Zug umspielte seine Mundwinkel. „Geben Sie sich keine Mühe", erwiderte er rauh, „Sie könnten sich dadurch in die unangenehme Lage bringen, eine falsche Spur zu verfolgen. Es ist eine Leidenschaft manches Criminalbeamten, Verbrechen zu wittern —" „Richt doch, Herr Oberst, von solcher Leidenschaft bin ich frei; ich stehe hier auf meinen Schein, ich habe blos ein Amt und keine Meinung. Wenn Sie reden wollten, so würde mir vielleicht manche Mühe erspart; aber darum keine Feindschaft, Sie haben Ihre Gründe und ich muß dieselben achten." „Und wenn ich Ihnen erkläre, daß die Ruhe dieses Tobten nicht gestört werden darf —" „Dann höre ich zwar die Botschaft, allein mir fehlt der Glaube, und eines Mannes Rede ist keines Mannes Rede, wie ein alter Spruch weife besagt." Der Oberst strich mit der Hand über seinen langen Bart und zuckte mit den Achseln, als ob er sagen wolle, er habe nun das ©einige gethan, um nutzlose Nachforschungen zu verhüten. , Wie verlieben Sie Herrn von Görlitz?" fragte er. „Ich danke Ihnen, er befindet sich den Umständen nach wohl. Signora Barlotti läßt es an liebevoller Pflege nicht fehlen — wahrhaftig, ich könnte ihn beneiden um dieses süße Glück," „Und der Landrath?" „Er soll seinen Abschied genommen und seinen Grundbesitz an eine Actiengesellschaft verkauft haben." Der Oberst, der an der Seite seines Freundes langsam dem Ausgange des Friedhofes zuwanderte, blieb sichtbar betroffen stehen. „Was kann ihn dazu veranlaßt haben?" fragte er. „Gründe genug!" erwiderte der Referendar sarkastisch. „Die demüthigende Niederlage, die Julia Barlotti ihm bereitet hat, die Furcht vor dem Feinde, den er sich in dem Hauptmann von Görlitz geschaffen hat, Gewinnsucht, häuslicher Unfriede — da haben Sie eine ganze Menge von Gründen, von denen jeder hinreicht, die Sache zu erklären. Thatsache ist es, daß Herr Ackermann unsere Stadt bereits verlassen hat; man behauptet, er werde sobald nicht zurückkehren, und ich glaube das gerne." „Und seine Frau?" „O, die kommt hierher!" „Unmöglich!" rief der Oberst überrascht. „Sie scherzen wohl?" „Keineswegs! Ich habe das Quartier für die Damen schon im „Weißen Hirsch" bestellt. Der biedere Gastwirth und seine reizende Frau — na, Sie können es sich ja denken, deß freut sich das entmenschte Paar!" „Sie sprechen von mehreren Damen?" sagte der Oberst, tief aufathmend. „Madame Schirmer, Fräulein Ludmilla von Salberg und die Frau Landrath Ackermann jawohl." „Was wollen diese Damen hier?" „Dieses Grab besuchen, wie sie sagen, außerdem will Tante Lina hier auch ihrer Nichte das Ende des Bruders berichten." „Und wann werden sie hier eintreffen?" „Uebermorgen." „Vielleicht wird Sie es befremden, wenn ich Ihnen sage, daß mir diese Nachricht sehr unangenehm ist", erwiderte der Oberst, während sie den Friedhof verließen. „Ich werde mich dadurch gezwungen sehen, das Hotel wieder zu verlassen, nachdem ich es kaum liebgewonnen habe." Der Referendar konnte in der That sein Befremden über diese Erklärung nicht verbergen, es spiegelte sich zu deutlich in dem überraschten Blick, mit dem er seinen Begleiter ansah. „Es ist doch Raum genug im „Weißen Hirsch", sagte er, „und die Damen sind sehr liebenswürdig —" „Ich will Beides zugeben, dennoch muß ich bei meinem Beschluß beharren." „Sie wollen wieder abreisen?" „Das weiß ich noch nicht. Ich möchte nur nicht 854 mit den Damen hier zusammentreffen. Ich war, wie ich Ihnen schon einmal sagte, der beste Freund Salberg's; es wäre mir unangenehm, wenn die Damen, was ich ja nicht verhindern könnte, Fragen an mich richteten, deren Beantwortung ich ablehnen müßte. Solchen Eventualitäten geht man am besten aus dem Wege, und wenn ich d-es jetzt thue, so erwarte ich, daß Sie meinen Wunsch ehren und meine Nähe nicht den Damen verrathen werden." „Ich begreife das noch immer nicht", sagte der Referendar, zweifelnd das Haupt wiegend, „Sie kennen ja Frau Schirmer und deren Nichte —" „Ich kenne auch Madame Ackermann, aber wollen Sie daraus schon den Schluß ziehen, daß mir das Zusammensein mit ihnen angenehm sein müsse?" „Die Damen wissen, daß Sie hier sind." „So sagen Sie ihnen, ich sei wieder abgereist", erwiderte der Oberst ungeduldig. „Wie lange werden sie wohl hier bleiben?" „Nur einige Tage." „Und Sie?" „Das kann ich jetzt noch nicht bestimmen, die Dauer meines Aufenthalts hier hängt von den Resultaten meiner Nachforschung ab." „Sie wollen also nicht meinem Rathe folgen und sich die nutzlose Mühe machen?" „Ich habe nun einmal die Sache unternommen, und das eben ist der Fluch der bösen That, daß sie fortzeugend Böses muß gebären", sagte der Referendar in ernstem, entschiedenem Tone. „Gedenken Sie länger hier zu bleiben?" „Vielleicht!" wich der Oberst einer bestimmten Antwort aus. „Ich fühle mich wohl in dem , Weißen Hirsch" und hoffte hier einige Wochen in ungestörter Ruhe zu verbringen — jetzt muß ich freilich darauf verzichten. Sie gehen wohl in das Gasthaus zurück?" „Ich will zum Ortsschulzen." „Und in den Wald. Heute Abend sehen wir uns im „Weißen Hirsch" wieder." Er winkte grüßend mit der Hand und schlug den Weg ein, der zum Walde führte. Der Referendar blickte ihm lange nach. „Du bist noch nicht der Mann, den Teufel festzuhalten", brummte er ärgerlich. — „Ich möchte nur wissen, weshalb er mich von diesen Nachforschungen zurückhalten will — ihm kann die Sache doch gleichgültig sein! Und weshalb geht er den Damen aus dem Wege? Es könnte ihm doch nur angenehm sein, einige Tage in solcher liebenswürdigen Gesellschaft zu verbringen. Aber was geht es mich an — künftige Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Ich aber habe keine Lust, mir den Kopf darüber zu zerbrechen." Er befand sich auf dem Wege nach Wiesenthal und hatte kaum eine kurze Strecke zurückgelegt, als der Förster grüßend an ihm vorbeischritt. „Bitte, nehmen Sie mich mit", sagte der Referendar rasch, „Hier vollend' ich's, die Gelegenheit ist günstig, Sie sind wohl der Förster hier?" Hellmuth war stehen geblieben, er musterte den jungen Mann mit einem raschen Blick. „Förster Hellmuth", erwiderte er. „Ich wohne in Wiesenthal und vertrete gegenwärtig den erkrankten Oberförster." „Wie lange sind Sie schon hier?" fragte Rommel, nachdem er den Gruß erwidert hatte. „Zwölf Jahre." „Dann kennen Sie jedenfalls den Burschen, der vor einigen Tagen aus Amerika zurückgekehrt ist?" „Den rothen Fritz?" sagte der Förster aufhorchend. „Ich sollte es meinen — hat uns vor seiner Auswanderung Arbeit genug gemacht." „Und er wird sie Ihnen jetzt wieder machen." „Ich bin darauf gefaßt." „Er war wohl ein berüchtigter Wilddieb?" „Er war zu Allem fähig, und ich glaube, daß er es auch heute noch ist", antwortete Hellmuth, während er mit dem Daumen die Asche seiner kurzen Pfeife niederstieß. „Gebessert ist er nicht wiedergekommen, und wenn sie ihn drüben aufgehangen hätten, so wäre der Menschheit ein Dienst damit geleistet worden." „Denn aus Gemeinem ist der Mensch gemacht, und die Gewohnheit nennt er seine Amme", sagte der Referendar. „Wer einmal die Bahn de» Verbrechens betreten hat, der muß sie auch verfolgen bis zu Ende. Erinnern Sie sich noch der Leiche, die man vor zehn Jahren hier im Walde gefunden hat?" Der Förster sah ihn befremdet an und nickte bejahend. „Es ist damals viel darüber gesprochen worden", erwiderte er, „aber nachher hat man's wieder vergessen, und die Wahrheit wird man heute schwerlich noch ermitteln können." „Wurde der rothe Fritz mit dieser Geschichte in Verbindung gebracht?" „Hm — Sie stellen seltsame Fragen an mich, und dabei weiß ich nicht, mit wem ich die Ehre habe." „Ich bin, wie Sie, königlicher Beamter", sagte der Referendar, „und ich darf wohl annehmen, daß Sie kein Freund dieses Verbrechers sind. Sie müssen mich in meinen Bemühungen unterstützen — ich verlange das von Ihnen, und ich glaube, daß Sie gerne bereit dazu sein werden. Der Bursche ist auf dem Wege nach seiner Heimath mit einem abgelaufenen fremden Paß aufgegriffen und mir vorgeführt worden." „Sie sind Polizeibeamter?" „Referendar — und augenblicklich beim Untersuchungsrichter beschäftigt. Wir haben den Kerl mehrmals verhört, aber ihm Nichts beweisen können; den Paß will er hier im Walde gefunden haben." „Wann?" „Vor zehn Jahren." „Und auf welchen Namen lautete er?" „Auf den Namen Franz Krüger." „Das ist merkwürdig. Wenn er noch auf den Namen Salberg gelautet hätte!" 856 „Ganz recht, so hieß der Mann, dessen Leiche damals hier aufgefunden wurde", nickte der Referendar. „Nichtsdestoweniger war es ein echter Paß, und der ursprüngliche Eigenthümer desselben, ein Banquier Franz Krüger, ist derzeit seinen Gläubigern mit einer großen Summe durchgebrannt und seitdem verschollen. Sodann ist die Leiche, die man hier fand, beraubt gewesen." — „Jawohl, man hat nur einige Briefe und Visitenkarten bei ihr gefunden, und das gab schon damals Anlaß zu Gerüchten und Behauptungen, die auf den rothen Fritz ein schlimme» Licht warfen. Aber zu einer gerichtlichen Untersuchung kam es nicht, der Bursche hatte sich einige Tage vorher aus dem Staube gemacht, und man wußte auch nicht, ob und was der Leiche geraubt worden war." „Hegte man damals nicht einen leisen Verdacht, daß der rothe Fritz den Mord begangen haben könne?" forschte der Referendar. „Gewiß, man sprach auch davon, aber es fehlte eben jeder Anhaltspunkt." „Könnte derselbe nicht heute noch gefunden werden?" — Hellmuth schüttelte ungläubig lächelnd das Haupt. „Ich wüßte nicht, wo man ihn suchen sollte", sagte er. „Sind Sie eigens zu diesem Zwecke hier» hergekommen?" „Wenn ich diese Frage offen bejahe, so geschieht es im Vertrauen darauf, daß Sie strenge Verschwiegenheit beobachten werden", erwiderte Rommel ernst. „Sie sind als Beamter dazu verpflichtet." (Fortsetzung folgt.) Wetrogene Wetrüger. Novellette von M. Heim. (Fortsetzung). Viertes Capitel. „Was haben Madame hier so Knittriges in der Tasche?" fragte Käthe, der am nächsten Tage die schwierige Aufgabe zugefallen war, die Kleider ihrer Herrin von den Folgen ihres gestrigen edlen Stolzes zu reinigen. „Es wird das Briefchen fein, das Herrn Egbert gestern entfiel! Gieb her — feine eigene Handschrift, die ich aus seinem Meldungsschreiben an uns kenne." „Aus dem heutigen Zusammentreffen kann leider nichts werden, lieber Nante, da ich mit fürchterlichen Zahnschmerzen behaftet in den Tiefen meines Lehnstuhls wimmere. Grüße Elsa und beklage tief Deine unglückliche Felicia. „Was ist das? Felicia? Und es ist doch feine Handschrift, das will ich beschwören! Felicia? Deine Felicia?" „Als ob er ein Mädchen wäre" sagte Käthe. „Als ob er wäre! Auch die Handschrift ist echt weiblich. Käthe, es passiren zuweilen seltsame Dinge!" „Ja, in den Geschichtsbüchern steht mancherlei", pflichtete Käthe bei. „Warum sollten abenteuerliche Ereigniffe nur in Romanen existiren? Wenn ich mir seine kleinen Hände vergegenwärtige, seine sanfte Stimme —" „Und eine Taille — na, ich glaub' noch dünner als die meinige. Ich dacht' gleich gestern, die könnt' ich mit den Händen umspannen." „Mich wundert nur, daß mein Mann nichts gemerkt hat. Freilich, er hat keinen sonderlichen Scharfblick, der Aermste. — Jedenfalls ist dieser Brief ein wichtiges Dokument, und ich will doch vorläufig wenigstens Fanny in's Geheimniß ziehen. Laß Dir gegen Niemanden sonst etwas merken, Käthe!" — — Natürlich sie ließen sich Beide nichts merken, sie wußten die tiefste, heiligste Verschwiegenheit zu beobachten. Das heißt, wenn Felix nicht ganz allein mit den Gedanken an Fanny beschäftigt gewesen wäre, so ist es möglich, daß ihm das heimliche Flüstern, das Köpfezusammenstecken, die häufigen Anspielungen auf seinen Wuchs, sein feines Gesicht u. s. w. nicht völlig entgangen wären, aber es hätte doch Niemand sagen können, daß Frau Merber und Käthe sein Geheimniß entdeckt hatten. So indessen wandelte er ahnungslos neben dem Abgrunde hin, der neben ihm gähnte. Es gab ohnehin schon Sorgen genug, die sein Herz beschwerten. Nicht allein, daß er die neuliche unangenehme Heimfahrt ganz und gar auf Rechnung des schadenfrohen Ferdinand schob und sich täglich eines ähnlichen Streiches von ihm gewärtig sein mußte; auch die Leistungen der jungen Herren Merber übertrafen Alles, was er sich von ungezogenen Kindern vorgestellt, und wenn eine andere Gelegenheit ausgefochten gewesen wäre, sich in diesem fremden Dorf in die Familie einzuführen, er hätte sich einen Thoren gescholten, daß er sich in diese heikle Lage begeben. Und bei dem allen noch nicht einmal die Genug- thuung, daß Fanny seine Bemühungen anerkenne und billige. Daß sie an und für sich lustigen Streichen nicht abgeneigt war, hatte er schnell genug einsehen können. Verging doch keine Stunde, in der sie nicht durch ihr ausgelassenes Wesen die Tante zur Verzweiflung brachte. Hatte er ihr doch gleich am Tage nach seiner Ankunft helfen müssen, ein langes, überspanntes Gedicht zu machen, mit welchem sie einen besonders reizbaren Redakteur beglückte, indem sie ihm noch schrieb, sie gedenke ihn von nun an allwöchentlich mit einer ähnlichen ober längeren Sendung zu regaliren. Hatte sie ihn doch bestürmt, eine Heirathsannonce in die Zeitung zu rücken, und die einlaufenden Photographien, unter denen sich gewiß einige ihrer guten Freundinnen befinden würden, ihr zu schenken. Dem Unternehmen aber, da« rr ihr zu Ehren gewagt, ließ sie keine Auf- 856 munterung zu Theil werden. Und doch hatte sie sich, als er noch in jener Ballnacht versteckt darauf hingewiesen, keineswegs ablehnend verhalten. Felix mußte annehmen, daß sie es dem Freunde gegenüber ebenso gemacht habe, denn sonst hätte der pfleg- matische Ferdinand sich schwerlich in so viele Unbequemlichkeiten gefunden. Jedenfalls schmeichelte ihr diese eigenthümliche Bewegung und sie verhielt sich Passiv, um abzuwarten, welcher der beiden Anbeter des Preises würdiger sei. Allerdings hatte Felix die günstigere Situation; aber daß ihm des Lebens ungemischte Freude so wenig wie jedem andern Sterblichen zu Theil werde, dafür sorgte Ferdinand. Wie oft fand der elegante Erzieher Ruß in seinem Handtuche, Waffer in seinen Lackstiefeln, eine klebartige Flüssigkeit in seiner Waschschüssel! Als er sich vor Fräulein Fanny einst auf einer Gartenbank niederlassen wollte, sank er plötzlich unfreiwillig zu ihren Füßen, weil die Stützen des Sitzes durchsägt waren, und als er sich ein anderes Mal bückte, um ihr einen Strauß zu pflücken, platzte die eingeschnittene Hose über seinem Kniee. Und für das Alles keine Gelegenheit zur Rache, er mußte denn das Bewußtsein dafür nehmen, daß Ferdinand seiner Rolle gemäß sich zu körperlichen Anstrengungen bequemen mußte, zu denen ihn sonst keine Macht der Welt vermocht hätte. Aber auch Dein Tag sollte kommen, Felix, auch für Dich, Ferdinand, sollte die Stunde des Gerichtes schlagen! Es war an einem heißen Erntetage. Die Dienstleute hielten in der etwas abseits vom Gehöft befindlichen Scheune ihre Mittagsruhe; nur der Kutscher lehnte einsam in der offenen Thür und richtete den finstern Blick über die Felder nach der Gegend hin, wo heute Egbert mit seinen Schülern und Fräulein Fanny einen Spaziergang unternommen hatte. Die herrschaftliche Familie aß später, und sie hatten daher keine Ursache, sich mit der Rückkehr zu beeilen. Es sei denn, daß die drohend am Himmel aufsteigenden Wolken sie dazu bewogen hätten. Aber offenbar hatte man nicht darauf geachtet, denn als die Spaziergänger in der Ferne sichtbar wurden, schien ein tüchtiges Regenbad bereits unvermeidlich und sie entgingen demselben nur, indem sie den Raum bis zur Scheune laufend durchmaßen und athemlos unter das schützende Dach traten, als die Schleusen des Himmels sich eben öffneten. Ferdinand trat ein wenig zur Seite und Fanny nebst dem Erzieher stellten sich neben ihm auf die Schwelle. Das junge Mädchen war bemüht, mit der Spitze ihres Sonnenschirms, den Fluthen, die sich in einer Vertiefung zu ihren Füßen stauten, einen Weg ins Freie zu bahnen, und Felix unterstützte sie bei der nützlichen Arbeit mit seinem Spazierstöckchen. Die vier Jungen standen umher und sahen eifrig zu. „So wogen und wallen auch die Gefühle im eingeengten Menschenherzen", sagte Felix dabei. „Können Sie ihnen nicht die Freiheit oet' schaffen", fragte Fanny kokett. „Ich nicht, aber Sie können es." „Hiermit?" sprach sie unbefangen und richtete die beschmutzte Spitze ihres Schirmstieles gegen seine Brust. „Hiermit!" entgegnete er und fing ihre kleine Hand und hielt sie fest. „Mein Herr, Sir vergessen Ihre Schüler!" rief sie stolz ihm ihre Rechte entziehend. „Geht, Kinder, spielt Versteckens auf dem Heuboden!" befahl der Erzieher. „Ich gehe mit Euch!" sagte Fanny, sich den Knaben anschließend, die diesen Wink nicht unausgeführt lassen wollten. „Die Knechte und Mägde schlafen dort in irgend einem Winkel", sprach jetzt Anton Schulze, sich räuspernd. „Und Sie halten hier Wache?" fragte sie, indem es flüchtig um ihre Lippen zuckte. „Wir werden jene nicht stören." Und behend kletterte sie, mit den Kindern um die Wette, die Leiter empor. Felix hielt sich für berufen, das Vergnügen zu beaufsichtigen, aber Ferdinand legte die schwere Hand auf feine Schulter. „Lassen Sie den Jungen nur ihre Freiheit, Herr Lehrer", sagte er, „und geruhen Sie ein paar Worte mit meiner Wenigkeit zu sprechen." „Es sollen keine angenehmen Worte für Dich sein!" rief Felix, heftig werdend. „Ich danke er- gebenst, daß Du meine Kämme und Bürsten fortgenommen und meine Handschuhe zerschnitten hast, so daß ich bei einem Haar genöthigt gewesen wäre, unfrisirt und mit bloßen Händen auszugehen!" „Bitte, bitte, sehr gern geschehen, soll mir bei nächster Gelegenheit wieder nicht darauf ankommen. — Aber wie ich sehe, armer Junge hast Du in der Gunst unserer Dame noch keine sonderlichen Fortschritte gemacht —" „Feuer I Feuer!" erscholl eine ängstliche Stimme auf dem Heuboden. Die beiden Freunde, die eben im Begriff waren, an einander zu gerathen, ließen sich los und kletterten mit einer „affenartigen Geschwindigkeit" die Leiter hinauf. Oben herrschte eine babylonische Verwirrung. Die Schläfer durch den Schreckensruf aus ihrer Ruhe aufgestört, liefen und schrieen wild durch einander. Einige waren ungläubig und fragten, wo denn jetzt das Feuer Herkommen solle, Einige ragten wie erstarrt mit weitaufgerissenen Augen aus dem Heu, die meisten aber hatten sich mit Heugabeln und Stangen bewaffnet und zeigten sich so bereit, dem Feuer auf den Leib zu rücken. „Zu Hilfe, zu Hilfe!" rief Fannys Stimme tief im Hintergründe, und „zu Hilfe, zu Hilfe!" brüllte dort auch der Chor der vier Brüder. (Schluß folgt.) Kedaetion: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) tu Gieß«.