Hichener Jamilienblätter. BelletriALfches BeMM DM GreßrnK Aqeiger. M. 141 Dienstag den 30. November. 1886. Wis zur letzten Kkippe. Original-Roman von E. Heinrichs. (Fortsetzung). „Freilich, dem Don Carlos bekam es schlecht, daß er daheim blieb und die Flucht zu spät ergreifen wollte. Lasten wir das Weib, es hat seinen Lohn dahin; berichten Sie von Ihren Abenteuem in Californien." Felix strich sich über die Stirn und athmete tief, der Spott und Hohn des Manne», dem er die Rettung seines Lebens dankte, hatte ihn verwundet und gedemükhigt, und doch durfte er stolz das Haupt erheben, weil der unreife Knabe den Kampf mit dem Leben ausgenommen und wie ein Held gestritten und gesiegt harte. Ec unterdrückte deshalb seinen Groll und fuhr nach kurzem Besinnen fort: „Meine deutschen Landsleute hatten nicht zu viel versprochen, wir fanden nicht allein eine reiche Mine, sondern auch inmitten einer geheimen, vielleicht nur von Rothhäuten betretenen Schlucht einen Bach, welcher außerordentliche Ausbeute versprach. — Der Pole Olinski ver- : stand es vortrefflich, uns als die eigentlichen Arbeiter zu überwachen und das Amt des Caisierers ohne Weiteres an sich zu nehmen, während er selber keine Hand zur Arbeit rührte, doch war es mir nicht möglich, meinen verblendeten Landsleuten auch nur ein Fünkchen von jenem Mißtrauen einzuimpfen, welches mich bis zum Ueberschäumen gegen den frechen Tagedieb erfüllte. Ich mußte vielmehr nur zu bald die Wahrnehmung machen, daß er den Spieß gegen mich gewandt und meine Ehre auf eine Weise verdächtigt haben mußte, die mir nur die Wahl ließ, auszascheiden oder den Verleumder zur Rechenschaft zu ziehen. — Meine Mitarbeiter ließen ' nämlich sehr unzweideutige Aeußerungen über mich i fallen, und zogen sich, wo es nur anging, von mir i zurück. Ich machte kurzen Prozeß, ging ihnen direct : auf den "Leib und erfuhr die Wahrheit. Olinski ; war nach Sacramento hinunter, um einen Theil ; unserer reichen Ausbeute bei einem Banquier zu; hinterlegen. — Ich hatte gegen diesen Beschluß j energisch protestirt, was nur ein Hohngelächter her- ; vorgerufen und sah mich ohnmächtig einem Schurken ; und der leichtgläubigen Majorität gegenüber. Daß er mich aus dem Wege haben mußte,- war ganz natürlich, — ich durfte auf Alles gefaßt sein; doch zweifelte ich stark an seiner Rückkehr. — Ich hatte mich., verrechnet, — der schlaue Fuchs kam wieder, weil er die Beute ganz und ungetheilt haben wollte. In Gegenwart meiner Landsleute stellte ich ihn zur Rede; er hatte gesagt, daß ich in meiner Heimath mich an einem Raube betherligt und die Flucht ergriffen habe. — „Run", entgegnete er frech, „ist es etwa Lüge, daß Sie Ihren Vater bestohlen haben und dann heimlich auf und davon gegangen sind? — Ich kannte den alten redlichen Mann, der aus Kummer über den ehrlosen Sohn — —" „Weiter ließ ich ihn nicht kommen. Außer mir vor Zorn stürzte ich mich auf den Schuft, um ihn zu erwürgen; doch griffen zehn Fäuste zugleich nach mir und im nächsten Augenblick fühlte ich einen heftigen Schmerz in der Seite, welcher mich bewußtlos machte. Als ich wieder zu mir gekommen, sah ich einen jungen Mann neben meinem harten Lager knieen; es war der Jüngste von unserer Gesellschaft, der 18jährige Reffe unsers schweigsamsten und fleißigsten Miners. Dieser junge Mann, Vincenz war sein Name, stammte aus den baierischen Gebirgen, nach dem sein ehrliches Herz sich unaufhör« lich zurücksehnte. Er hatte sich heimlich zu mir geschlichen und erzählte mir, daß ich in der Seite verwundet worden sei, und keiner von Allen es gethan haben wolle; daß er aber st-.-ff und fest an die Schuld des Polen glaube, der dolchartige Meffer bei sich führe. — Sein Onkel, der alte Matthes, welcher mich verbunden und für mich gesorgt habe, meinte es ebenfalls, fei aber zu friedliebend und zu schweigsam, um den Olinski anzuklagen. Ich fühlte mich ungemein schwach und ergab mich darein, in diesem Winkel der Welt wie ein Hund zu sterben und verscharrt zu werden. Wundsieber stellte sich ein, welches mir das volle Bewußtsein meiner schrecklichen Lage raubte; ich wußte nichts davon, daß mein junger Freund Vincenz und sein Onkel abwechselnd bei mir wachten und mich pflegten, wofür sie von ihren Kameraden nur Spott und Hohn ernteten und unter Olinskr's Haß zu leiden hatten, wußte es nicht, daß ich diesen beiden braven Menschen mein Leben allein zu danken hatte, da jener Schurke meinen Tod be- schloffen. Als die Fieber endlich von mir wichen, die Wunde heilte und ich zum ersten Male mit Vincenz's Hilfe mich erheben konnte, waren mehrere Wochen verfloffn. Man hatte an diesem Tage einen mächtigen Klumpen Gold gefunden, überhaupt eine so überaus reiche Ernte schon gehabt, daß man sich zu einem lustigen Feiertag entschloß, welcher auf den nächsten Tag festgesetzt wurde. Ich wurde schon gar nicht mehr zu der Gesellschaft mitgezählt, besaß weder Stimme noch irgend em sonstiges Anrecht und 562 schien Allen außer Meinen beiden Freunden nur ein unangenehmer Ballast zu sein. Vincenz erzählte mir von dem Goldklumpen und theilte mir heimlich mit, daß Olinski mit dem vielen Golds wieder nach Sacramento hinunterginge, weil, wie er ihnen vor- gefchwatzt, man hier nicht sicher vor räuberischem Gesindel sei. Der alte Matthes Und Vincenz waren die einzigen, welche ihm mißtrauten, doch hatte der Bursche durch sein glattes Wesen und geistiges Ueber- gewicht eine solche, ich möchte sagen, unheimliche Macht, über die rauhen, schlichten Männer gewonnen, daß jene Beiden es nicht wagten, ihr Mißtrauen laut zu äußern und es ruhig mit ansehen mußten, wie man ihm das unter harter Arbeit erkämpfte Gold, für welches er keine Hand gerührt, übergab, mit dem Auftrage, am nächsten Tage mit Rum und allem nöthigen Zubehör zurückzukehren." „So dumm konnten auch nur Deutsche handeln", warf der Jäger, dem Erzähler einen vollen Becher Wein hinschiebend, verächtlich hin. „Ich geb' es zu", nickte Felix, hastig trinkend, „man trifft besonders in Süddeutschland unter dem Landvolk noch recht viel vertrauensvolle Leichtgläubigkeit und Gutmüihigkeit, — wie die Landsleute es hinlänglich bewiffen. Ich war überzeugt, daß der Olinski diesmal nicht wiederkehren werde und knirschte vor Wuth bei dem Gedanken, noch zu schwach zu sein, um den Schurken, deffen mörderische Hand mich niederstreckte, verfolgen und ihm seine Beute vielleicht abjagen zu können. Nun, um es kurz zu machen, Olinski kam nicht zurück, sie warteten am nächsten Tage vergebens auf seine Wiederkunft und legten sich spät Abends mit der närrischen Ueber- zeugung zum Schlafen nieder, daß ihn irgend ein Hinderniß oder ein Unfall zurückgehalten haben muffe. Es mochte nach Mitternacht sein, der Schlaf floh meine Augen, weil die Gedanken an den verrätherischen Schurken mir keine Ruhe ließen, als ich, durch ein leises Geräusch wie von schleichenden Fußtritten aufmerksam gemacht, mich erschreckt emporrichtete und mit allen Sinnen darnach horchte. — Noch muß ich bemerken, daß die Nacht kalt war und ich mich deshalb mit meinem Bärenfell in eine durch unsere Miner hervorgebrachte Felsenhöhlung zur Ruhe nieder- gestreckt hatte, wodurch ich etwa 200 Schritt von meinen Landsleuten entfernt war, auch herrschte eine ziemliche Dunkelheit, doch nicht so stockfinster, um die Gegenstände, zum Exempel einen Menschen von einem Thier nicht unterscheiden zu können. Ich vernahm deutlich die schleichenden Tritte und strengte meine Sehnerven on, die nächtlichen Besucher zu erkennen. Das Herz klopfte mir wie ein Hammer, als ich eine Anzahl Männer an mir vorüberschleichen sah." „Plötzlich blieben sie vor meiner Höhle stehen und eine Stimme flüsterte: „Dort in gerader Linie steht das Minerzelt, — Ihr könnt sie leicht im Schlaf überwältigen, — macht kurzen Prozeß, das Gold findet Ihr in einer Höhle hinter dem Zelt, — verschonet keinen, damit kein Ankläger sich erhebe, — dieses Revier ist übrigens schon eines kleinen Kampfes werth; — noch eins, laßt mir den Schurken, welcher krank und schwach erscheint, zuerst daran glauben, er vor Allen würde Euch an den Galgen bringen, weil er der Geriebenste ist." — Der Mann, welcher diese Worte halblaut sprach, war Olinski, welcher sich jetzt entfernte, nachdem er, um seinen Raub in Sicherheit genießen zu können, die Mörderbande hierher gebracht hatte- Ich saß wie gelähmt auf meinem Lager, bis das Gesindel sich weiter geschlichen. Da erhob ich mich mit einem festen Entschluß und eilte geräuschlos, mit jedem Schlupfwinkel vertraut, durch einen äußerst gefährlichen Felspfad, um der Bande zuvorzukommen; die Rettung der Unglücklichen hing jetzt an der Secunde. Wie ich vor den Mordgesellen das Zelt erreicht, kann ich nicht sagen, da ich mich in einem Zustand wahnsinniger Aufregung befand, — genug, es gelang mir, die Schläfer durch einen Schuß zu erwecken, was die Räuber auf einen Augenblick stutzig machte und aufhielt. „Zu den Waffen!" rief ich meinen verdutzten Landsleuten zu, — „Olinski hat Euch verrathen und verkauft, — man will Euch wie Schafe avfchlachten!" Ha, ha, wie sie schimpften, die Braven und mich für einen Wahnsinnigen erklärten, bis der nächste Augenblick sie eines Befferen belehrte, als die Mörder mit Revolvern und langen Meffern hereinstürzlm, und eine Kienfacksl jetzt das schauerliche Blutbad erleuchtete. Ich sah nur noch, wie die Unglücklichen hingestreckt wurden, fühlte meinen Arm ergriffen und mich durch eine Oeffnung des Zeltes gewaltsam gezogen, worauf es in Windeseile mit mir bergab ging. Dann schwand plötzlich mein Bewußtsein. Als ich wieder erwachte, befand ich mich in einem guten Bette und in einem anständigen Zimmer; mein erster Blick fiel auf Vincenz, welcher mich gerettet hatte, als fein Onkel von einem Schuß niedergestreckt worden war. Er erzählte mir, daß ein reicher Kaufmann aus Sacramento, welcher des Weges gekommen, sich unserer erbarmte und uns in seinem Wagen mitgenommen, auch für unsere Aufnahme in einem anständigen Gasthofe gesorgt habe. Etwas später kam der wackere Mann selber, um nach uns zu sehen, — er wußte, daß wir Deutsche waren, wurde aber mächtig überrascht, als ich ihm ohne Bedenken meinen Namen und meinen Geburtsort nannte, und auch ich war hoch erfreut, in ihm einen alten Hamburger und noch dazu einen Jugendfreund meines Vaters kennen zu lernen. Er ruhte nun nicht, bis ich in seinem prächtigen Hause wohnte, ich und mein treuer Vincenz, welcher ebenfalls wie ein Freund ausgenommen wurde. Nun, ich war Kaufmann und verstand, wie man zu sagen pflegt, mein Metier, — ich trat als Correspondent in das große, ausgebreitete Geschäft der Firma Datering, während Vincenz als Lehrling placirt wurde. Der Chef des Hauses war unverheirathet und behauptete, auch in Hamburg sowenig wie in der ganzen Welt Verwandte zu besitzen. Was soll ich weiter erzählen, 563 da ich einen sicheren Hasen des Lebens gefunden; ich wurde bald Thsilhaber der Firma und nach einigen Jahren, als mein zweiter Vater starb. Chef und Erbe derselben, während der brave Vincenz mein erster Buchhalter, Procurist und mein Vertreter jetzt ist." „Hm, so ist aus dem Drama doch schließlich ein Lustspiel geworden", lächelte der Jäger geringschätzig, „wahrscheinlich haben Sie sich dann ein musterhaftes Weib genommen und leben im Paradiese. —" »Nein, dagegen bin ich gestählt", versetzte Felix, „Frauenliebe reizt mich nicht, — ich werde niemals heirathen. Was mir jetzt den Wanderstab in die Hand gedrückt, gehört in ein anderes Capitel. Vor Monatsfrist kam Vincenz von San Diego, wo er ein Geschäft zu ordnen hatte, in hoher Aufregung zurück, um mir mitzutheilen, daß er den Verräther Oltnski dort angetroffen, welcher im Begriff gewesen, sich nach Europa einzuschiffen, und kurz vor seiner Abreise wegen Betrugs verhaftet worden sei. Derselbe heiße eigentlich, wie ihm ein früherer Complice des Schurken erzählt, „Alexander Halbrock und sei aus Ostpreußen gebürtig. —" „Wie nannte er sich?" fuhr der Jäger plötzlich wie aus einem Traume empor, — „Alexander Halbrock? — Sagten sie nicht so?" „Freilich, — obwohl mir sein eigentlicher Name ziemlich gleichgültig ist." „Mir nicht — mir nicht —" murmelte der Jäger aufgeregt, „wie sieht er aus, dieser Schurke, der so frech ist, sich Olinski zu nennen und einst den Namen Halbrock geführt haben soll? Beschreiben Sie mir sein Aeußeres." „Er sieht stattlich genug aus, große, elegante Figur, starker Vollbart, stechende graue Augen, ein Gesicht, das man immerhin schön nennen muß und den Frauen stets zu gefallen pflegt, mit einem Wort ein vollendeter Gentleman, da seine vornehmen Manieren in der That nichts zu wünschen übrig laffen." »Ja, ja, er ist's", murmelte der Einsiedler, starr vor sich blickend, „und nun — was weiter?" fuhr er dann plötzlich empor, „hat man ihn schon gehenkt oder ist er frei?" „Hm, ich bestellte, als ich jene Mittheilung em- psing, mein Haus, setzte den Vincenz zum Verwalter ein und eilte nach San Diego, wo ich just ankam, um den ganzen Ort in Aufregung zu sehen über die Flucht eines geriebenen Verbrechers, der Niemand anders war als Mr. Halbrock alias Olinski." »Man hat dem Schurken dabei geholfen", rief der Jäger wild, „hier in Amerika ist Alles möglich." „Anderswo auch", sprach Felix ruhig, „mit Gold läßt jede Thür sich öffnen. So dachte ich ebenfalls und der Zufall stand mir noch an demselben Tage bei, einem entlaufenen Matrosen zu begegnen, der als Goldgräber in den Minen gearbeitet und in Sacramento, als er das gewonnene Gold verspielt hatte, von mir hie und da unterstützt und vor dem Verhungern bewahrt worden war, Genug, dieser Mensch hatte einige Dankbarkeit für mich und gestand mir, daß er dem Olinski zur Flucht verhalfen und ihn auf ein Schiff gebracht habe, welches nach Panama Ladung gehabt. Ich besann mich nicht lange, sondern dampfte sofort hinterdrein, obwohl es nur bis Acapulca ging, wo ich leider viel unnütze Zeit verlor, und end- lich mit einem Segelschiff weiter mußte. In Panama angekommen, war mein Vogel landeinwärts geflogen, wohin konnte Niemand mir sagen, vielleicht nach Cartagena, oder Carracas, um mit dem ersten besten Schiffs nach einem anderen Weltthsil zu entkommen. Ich ging also nach Cartagena, wo ich durch einen Hinterwäldler, der einen ähnlichen Vogel im Urwald gesehen haben wollte, die erste Spur wiederfand. Mit dem Jnstinct des Indianers verfolgte ich dieselbe bis Carracas, wo ein rechter Galgensohn der Wild- niß, eine feige Rothhaut, mir weitere Kunde gab und gegen guten Lohn mein Führer durch den Urwald sein wollte, wo ich meinen Mann sicher treffen werde. Er erzählte mir dann auch von einem Einsiedler, welcher ganz allein in der Wildniß Hause, der böse Geist genannt und wie er glaube, von dem Andern auch wohl aufgesucht werde. Da werdet Ihr'» natürlich finden, daß ich darauf brannte, Euch zu sehen und jenen Andern bei Euch vielleicht zu begrüßen." „Freilich, freilich", nickte der Jäger mit einem grimmigen Lächeln, „wäre er nur zu mir gekommen. — Aber die Rothhaut ließ Euch in der Wildniß im Stich?" „Der Schuft verließ mich ungesehen und ich irrte halboerschmachtet umher, bis das Unwetter mich niederwarf und Ihr mich auffand:t." „Das reine Ungefähr, reden wir nicht weiter davon", rief der Jäger, „nun also, wenn jener Halbrock im Urwald sich wirklich befindet, so soll er uns nicht entgehen. Ich habe mit dem Schurken eine lange Rechnung auszugleichen —" „So kennen Sie ihn persönlich?" unterbrach Felix ihn erregt. „Ja, Jdj kenne ihn", versetzte der Jäger mit dumpfer Stimme, „hoffte niemals wieder ihm zu begegnen, niemals feinen verhaßten Namen zu hören. — Durch Ihr Umherirren im Urwald haben wir kostbare Zeit verloren, — vielleicht handelte der Indianer im Einverständniß mit Ihrem Feind, als er Sie Ihrem Schicksal überließ, wer kann's wissen; die Rothhaut ist durch unsere Civilisation verdorben worden. Meine Geschichte sollen Sie später erfahren, — jetzt müssen wir jede Minute benutzen, um jenes giftige Reptil einzufangen." „Sie wollen mich begleiten? — Wollen in die Welt zurückkehren?" fragte Felix überrascht. „In die Welt zurück?" wiederholte der Einsiedler fast erschreckt, „zu den Menschen, welche schlimmer und gefährlicher sind als die Thiere des Urwaldes? — Und doch, — es muß fein — er lebt, — er hat sich hierher gewagt, ich muß der Viper den Kops zertreten." Er erhob sich, um sich reisefertig zu machen. (Fortsetzung folgt). 864 Mer war der Wäier? Gin» Erzählung aus Amerika. (Fortsetzung.) Ich untersuchte auch noch den Kamin und die Fenster, aber es ist alles in Ordnung! Der Kamin ist innen durch eiserne Querstangen gesichert, die noch fest sind und an den Fenstern sind die Läden noch geschloffen. Wer also hiergewesen ist, ist mir völlig unerklärlich. Was mich aber noch mehr wundert, das ist das Treiben des Unbekannten hier im Zimmer. Dort den Schreibtisch hat er offenbar mit einem scharfen Instrumente aufgebrochen; hier liegen, wie Sie sehen in Gold und Papiergeld für ungefähr 7000 Donars, die aber nur etwas durcheinander geworfen sind; wir haben heute den zweiten des neuen Quartals, jedenfalls hat also Johnson gestern Zinsen eingenommen und der Thäter hat das gewußt oder »ermuthet. Daß die Sache auf das Geld abzirlte und daß der Thäter die Gewohnheiten des Alten kannte, steht für mich fest, denn dieser schaffte seine Einnahme, wie ich höre, regelmäßig sehr bald zum Banquier, aber warum mag nur der nächtliche Thäter da« baare Geld nicht mitgenommen haben, da ihn doch wohl Niemand gestört hat, und, nochmals, wie ist er hereingekommrn? — „Es wäre ja möglich", fuhr der offenbar höchst interefsirte Sprecher fort, „daß er sich Abends beim Dunkelwerden hier hereingeschlichen und versteckt hat, aber wo ist er nachher geblieben? Ich bin in der That gespannt, des Richters Ansicht hierüber zu vernehmen; möglicherweise ist der alte Herr über dem Erbrechen des Schreibtisches ausgemacht und hat um Hilfe rufen wollen und dies hat ihm das Leben gekostet, aber warum nahm der Thäter denn das Geld nicht mit? Mir bleibt; wie gesagt, der Vorfall unerklärlich." Dr- Blind war den Worten seines Collegen mit größter Aufmerksamkeit gefolgt; seine Züge verriethen das höchste Entsetzen und als der Redner geschloffen, machte jener einige Schritte auf das Bett seines Onkels zu, wie um die Leiche nochmals zu betrachten, im selben Augenblicke aber taumelte er und sank ohnmächtig in die Arme des gerade hereintretenden Richters. Die beiden anderen Herren erklärten sich dies sofort mit der Zuneigung des jungen Mannes für den Oheim, dem er feine ganze Existenz zu danken hatte und Dr. Westen beeilte sich, ihn nach Hause zu bringen, wo er sich bald erholte. Schon am folgenden Tage erschien die amtliche Mittheilung, daß Dr. Blind auf die Entdeckung des Thäters eine Belohnung von 1000 Dollars gesetzt habe und die Behörde war fieberhaft thätig, das Verbrechen aufzuhellen. Während aber sonst in ähnlichen Fällen sich alsbald wenigstens einige Verdachtsmomente gegen irgend eine berüchtigte Persönlichkeit ergaben, vergingen diesmal Wochen, ohne daß a»ch nur gegen einen der bekannten Einbrecher begründete Anzeigen sich ergeben hätten. Das Publikum war auf's höchste gespannt, aber auch das Gericht war überrascht, als sich in dem Nachlaß des Verstorbenen, der sonst in allen Dingen so pünktlich gewesen war, nicht das allgemein erwartete Testament zu Gunsten des Neffen, sondern lediglich ein unvollständiger und deshalb auch gesetzlich ungültiger Entwurf fand, wonach der Neffe jährlich bloß 1500 Dollars bekommen sollte, das Kapital aber. verschiedenen Waisenhäusern zugedacht war; jedenfalls war dem alten Herrn aber der Gedanke wieder leid geworden und der Entwurf war liegen geblieben, denn von einem dauernden Zwist zwischen Onkel und Neffen hatte Niemand vernommen. Nach Wochen und Monden erhielt Blind das Vermögen feines Verwandten ausgeantwortet, doch bedachte derselbe jene Waisenhäuser in außerordentlich reichem Maßstrbe, wodurch er während mehrerer Tage der Gegenstand des Stadtgesprächs wurde. Nach Verlauf eines halben Jahres schloß er den längst geplanten Ehebund mit der Tochter eines angesehenen Beamten und begab sich dann zu einem mehrjährigen Aufenthalte mit seiner Gattin nach Europa. Sein dortiger Aufenthalt dauerte mehrere Jahre, selten schrieb er und dann immer in kurzen abgerissenen Daten begleitet von Klag-n über seine wankende Gesundheit. Endlich, es waren mehr als 3 Jahre vergangen, trat er eines Tages unerwartet in das Haus seines Freundes ein. Dr. Westen erschrack förmlich über das solaffe, abgehärmte Aussehen seines Freunder, in dessen finster verschlossenem Wesen er den einstigen lebenslustigen jungen Mann nicht mehr zu erkennen vermochte. Schon aus der ersten Unterredung fühlte er heraus, daß jener den Eindruck des tragischen Todes seines Oheims immer noch nicht überwunden hatte und sehr bald sah er sich genöthigt, Blind den dringenden Rath zu er- theilen, sich nicht wieder am Orte jener dunklen That niederzulassen. Der junge Mann folgte dieser Weisung auch schon nach wenigen Wochen und siedelte nach Philadelphia über. Ein halbes Jahr nachher besuchte ihn dort Dr. Westen auf die Anzeige von her Geburt eines Kindes hin. Er fand ihn aber auch durch dieses frohe Familienereigniß nicht heiterer gestimmt, viel- mehr hatten den offenbar an einer Gemüthskrankheit Leidenden allerlei düstere Ahnungen erfaßt, in denen er fein Kind und seine Gattin der Obsorge seines Freundes empfahl. Wenige Monate später e hielt Westen die Mittheilung von dem erfolgten Ableben seines Freundes, der in letzter Zeit völlig dem Trübsinne anheimgefallen war. Unter den Papieren des Verstorbenen hatte sich auch ein an Westen gerichtetes Schreiben gefunden, welches diesem versiegelt übersandt wurde. (Fortsetzung folgt) Redsctis«: A. Scheyds. — Druck und Verleg der Brühl'schm Druckerei (Fr. Shr. Pietsch) in Gieße«.