Hießener Zkamilienblätter. Belletristischer Beiblatt zum Gießener Akreiger. Nr. 88. Donnerstag den 29 Juli. ' 1886.' miiimw»ii iimii inririmwwnww mm.1 ,a. iiMnMHgMMg>j^MkMJMM5gBMMWBMaMwpgagai Saal und Krnte. Roman von Ewald August König. (Fortsetzung.) „Das verlange ich auch nicht. Ich sage nur, man soll mich in Ruhe laffen und die alten Geschichten überhaupt nicht mehr aufwärmen. Ich werde wieder als Hausirer umherziehen; ein einzelner Mann kann damit immer sein Brod verdienen." „Laßt Euch nur nicht zu oft im Forst blicken", warnte Hellmuth, „ich würde mit Euch verteufelt kurzen Prozeß machen!" „Doch wohl nicht eher, bis Ihr Beweise gegen mich habt! Was sollen alle diese Drohungen? Man könnte damit wohl warten, bis man. mich auf einer unrechten Fährte erwischt hat. Jetzt sind sie grundlos und deshalb lächerlich." »Habt Ihr nicht auch Drohungen gegen meinen Schwiegervater ausgestoßen?" fragte der Wirth. „Wenn's auch nur halbe Worte waren, den Sinn konnte man doch herausfinden! Was ist's mit dem spurlosen Verschwinden der Leiche? Man hat fie da- mals gefunden, und auf unserem Friedhof liegt sie beerdigt. Wenn Ihr noch daran zweifelt, so geht hin und laßt Euch von dem Todtengräber das Grab zeigen." „Man kann Manches glauben und an Vielem zweifeln", erwiderte der rothe Fritz achselzuckend, indem er sich erhob; „was ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe, das lasse ich mir nicht ab- streiten." „So sagt's doch frei heraus, was Ihr gesehen habt!" brauste der Wirth ärgerlich auf. Der Vagabund hatte seinen Hut von der Wand genommen, er knöpfte den Rock zu und schüttelte ablehnend das Haupt. „Später vielleicht", erwiderte er; „ein guter Schütze sorgt immer dafür, daß er noch eine Kugel im Rohr hat, mit der er im Nolhfalle sich vertheidigen kann." Der Förster war ebenfalls von seinem Sitz aufgestanden; ein spöttisches Lächeln umspielte seine schmalen Lippen. „Ich glaube, der wird Ihnen und Ihrer Familie \ mehr zu schaffen machen als mir," sagte er, auf die Thür deutend, hinter der Keller verschwunden war; „er muß irgend Etwas wissen —" | „So soll er mit d r Sprache herausrücken!" ' unterbrach der Wirth ihn barsch; „mein Schwiegervater hat die Geheimnisse eines solchen Subjekts wahrhaftig nicht zu fürchten." „Wer weiß, so ganz unbegründet werden die Andeutungen des Mannes auch nicht sein. Na, wir werden ja sehen! Gute Nacht!" Der Wirth sandte ihm einen zornglühenden Blick nach. Seine Frau trat zu ihm und legte die Hand besänftigend auf seine Schulter. „Laß Dir durch solche alberne Drohungen die gute Laune nicht verderben", sagte sie bittend; „wir Beide sind uns keiner Schuld bewußt, und der Vater ist immer ein Ehrenmann gewesen." 10. Capitel. Ans dem Friedhof. Der Oberst war ein stiller, bescheidener Gast. Er nahm mit Allem vorlieb und hatte für Jeden, der mit ihm in Berührung kam, stets ein freundliches Wort. Während des Tages war er selten zu Hause; er unternahm weite Spaziergänge, von denen er erst in der Abenddämmerung heimkehrte, und hatte er dann mit dem Wirth und seiner jungen Frau ein oder wohl zwei Stündchen verplaudert, so zog er sich in sein Zimmer zurück, um bis tief in die Nacht hinein zu schreiben. Den Gästen, die allabendlich sich einzufinden pflegten, wich er aus; nur mit dem Bruder der Wirthin unterhielt er sich gern, wenn er diesen im Schankzimmer allein antraf, und Hans von Reizenstein schien ebenfalls an dem oft sehr schweigsamen verschlossenen Mann Gefallen zu finden. So waren mehrere Tage verstrichen; der Oberst lenkte heute wieder, wie er es schon am ersten Tage nach seiner Ankunft gethan hatte, seine Schritte zum Friedhof. Das dürre Laub raschelte unter seinen Füßen, und der rauhe Nordost strich mit eisigem Hauch über die Grabhügel, auf denen nur Epheu und Cypressen noch grünten. Vor einem Grabstein dicht vor der Mauer blieb der Oberst stehen. Gedankenvoll ruhte sein Blick auf der Inschrift; sie lautet: „Hier ruht Hermann von Salberg." „Die Todten kehren nimmer zurück", fagte er leise, während er den Hut abnahm und tief auf* seufzend das lange blonde Haar zurückstrich. „Armer, beklagenswerther Mensch, wie glücklich hättest Du werden können, wenn nicht übertriebenes Ehrgefühl — bah, was klage ich! Das Geschick eines Jeden muß sich erfüllen; der Fatalist hat Recht, es ist Thor- heit, seine trostlose Lehre bekämpfen zu wollen." 850 Ein heiseres, dumpfes Lachen entrang sich seinen Lippen; es war das Lachen eines Menschen, der sich der Verzweiflung willenlos in die Arme ge- worfen hat. „Haben Sie den' gekannt, Herr?" fragte eine Stimme hinter ihm. Der Oberst drehte sich um. Vor ihm stand ein kleiner hagerer Greis mit silberweißem Haar und hellen, klugen Augen. „Ich bin der Todtengräber", fuhr er fort; „schon vierzig Jahre hier im Amt, und manche ergreifende Geschichte könnte ich Ihnen erzählen, die mein Spaten zum Schluß gebracht hat." „Ich will's gerne glauben", nickte der Oberst, indeß sein Blick wieder sinnend auf dem Steine ruhte. „Ihr hab also auch diesen Mann begraben?" „Ei gewiß, Herr; es war vor Jahren, und er hätte eigentlich kein ehrliches Grab haben sollen, weil er sich selbst das Leben nahm. Ich hab' immer gesagt, es sei Unsinn, denn was der Mensch auch im Leben gesündigt haben mag, dem Tobten soll man's nicht anrechnen." „Und wer hat ihm das ehrliche Grab verschafft?" „Na, sehen Sie, der Herr war ein Officier, und da haben seine Kameraden sich dreingelegt, und unser Geistlicher hat mdlich nachgegeben. Zwar ist der Herr Pfarrer nicht mitgegangen, um das Grab einzusegnen; aber davon wußte der Tobte Nichts. Haben Sie ihn gekannt?" „Ja, ich war sein Freund!" „Er muß viele Freunde gehabt haben", erwiderte der Greis. „Mancher hat dieses Grab besucht." „Es waren wohl nur Neugierige, — vielleicht Badegäste aus Wiesbaden —" „O, nein; sehen Sie, den Stein hat ihm eine Dame setzen lassen. Sie zahlt mir jedes Jahr eine kleine Summe, damit ich das Grab in Ordnung halte- Jetzt ist freilich Nichts zu machen, aber im Sommer blühen auf diesem Grabe dunkle Rosen und rothe Nelken." „Eine Dame?" fragte der Oberst, ihn erwartungsvoll anblickend. „Jawohl, seine Tante!" „Ach so — nun, das läßt sich ja erklären." „Es sind auch andere Damen hier gewesen. Ec lag noch nicht lange hier in seinem letzten Bett; der Hügel war noch frisch, da fand ich an einem Sommerabend eine junge, wunderbar schöne Frau hier auf den Knieen. Sie weinte und schluchzte, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen und auf einmal rief sie laut seinen Namen. Die war gewiß seine Braut, Herr; gefragt hab' ich sie nicht. Wer an einem Grabe trauert, den soll man nicht mit Fragen belästigen." Starr ruhte der Blick des Obersten auf dem Hagern Antlitz des alten Manner. „Habt Ihr ihren Namen nicht erfahren?" fragte er. „Nein, sie ist noch an demselben Abend wieder abgereist; sie war mit einem Wagen von Wiesbaden . gekommen, und die Leute im Dorf kannten sie nicht, hatten sich auch nicht bei dem Kutscher nach ihr erkundigt. Und es sind erst einige Jahre her, da kam wieder eine Dame von Wiesbaden, eine andere, aber nicht minder schöne Dame; ein verwundeter Officier begleitete sie. Die haben hier lange ge- standen und geplaudert, und nachher nahmen sie eine Rose mit. „Ich wollt'» ihnen nicht wehren; sie hatten mir ein gutes Trinkgeld gegeben und schienen Beide tief ergriffen zu sein." Der Oberst rückte die blaue Brille dichter vor die Augen und ließ den Blick über den Friedhof schweifen. „Wißt Ihr auch nicht, wer diese Beiden waren?" fragte er. „Der Officier redete die Dame an, als sie an mir vorbeischritten; er nannte einen italienischen Namen, ich hab' ihn wieder vergessen. Ja, er trug den linken Arm in der Binde." „Hieß die Dame vielleicht Barlotti? Signora Barloiti?" „Richtig, das war der Name!" nickte der Greis überrascht. „Und war nicht bald nach der Beerdigung ein anderer Herr hier, ein grober stattlicher Mann mit schwarzem Schnurrbart?" fragte der Oberst. „Warten Sie — jawohl, der war hier und zwar noch vor der schönen Dame. Hieß er nicht Feldmann oder Waldmann —" „Ackermann!" „Richtig — Ackermann! Der wollte der beste Freund des Tobten gewesen sein, aber von seiner Freundschaft hab' ich nicht viel bemerkt. Er ließ sich das Grab zeigen und fragte mich, ob ich auch ordentlich Buch über die Begrabenen führe; dann mußte der Ortsvorstand ihm einen Todtenschein ausfertigen, damit, wie er sagte, der Nachlaß seines Freundes geordnet werden könne. Er hat sich nach Allem genau erkundigt, aber von einem Grabstein wollte er nicht« wissen; er lehnte es sogar ab, eine Trauerweide oder ein paar Blumen pflanzen zu lassen." Der Oberst hatte die Lippen fest aufeinander gepreßt, aus jedem Zuge seines bleichen Gesichts sprach mühsam verhaltener Ingrimm. „Jener Mann war sein Freund nicht!" sagte er nach einer langen Pause mit heiserer Stimme. „So meinte auch der Herr Oberförster", erwiderte der Alte lebhaft; aber den werden Sie nicht kennen! Ein braver Herr, er ist oft hier gewesen, jetzt kommt er nicht mehr, Gicht und Alter sind schlimme Gesellen, sie lassen ihr Opfer nicht mehr los." Der Oberst nickte und gab dem redseligen Manne ein Geldstück. Dann bat er ihn durch einen Wink, ihn allein zu lassen. Der Todtengräber entfernte sich. In Sinnen versunken blieb der Oberst vor dem Grabe stehen. Da legte plötzlich eine Hand sich auf seine Schulter. Erschrocken wandte er sich um, vor ihm stand der Referendar. 851 er rn (Fortsetzung folgt.) Mm ist wohl, und uns ist bester!" sagte Rommel, auf den Stein deutend: „Das tst das Loos des Schönen auf der Erdei" - „Wie kommen Sie denn hierher?" fragte der Oberst den Handdruck erwidernd. „Sw erscheinen hier lö plötzlich wie ein Dieb in der Nacht!" „Vor einer halben Stunde bin ich angekommen", erwiderte der Referendar lächelnd. „Im w.ißen Hirsch zeigte man mir den Weg, den Sie kurz vorher eingeschlagen hatten, und da dieser Weg am Friedhof vorbeiführte, so dachte ich mir glerch, daß ich Sie hier finden würde. Hier also stehen wrr vor dem Grabe Salberg's?" „Wie Sie sehen", nickte der Oberst. „Zweifeln Sie auch jetzt noch?" „Ich habe nie an dem Tode dreies unglucklrchen Mannes gezweifelt; nur das dunkle Geheimniß möchte ich kennen, da» unter diesem Rasen ruht." „Genügt e» Ihnen, wenn ich darauf erwidere, daß Hermann von Salberg da» beklagenswerthe Opfer seiner eigenen Ehre wurde?" „Also ein Duell?" „Da» habe ich nicht behauptet!" „Statt das Dunkel zu lichten, machen Sie es immer dichter", sagte der Referendar kopfschüttelnd. „Aber geben Sie Acht, ich erforsche das Geheimniß trotz Alledem. Der Vagabund ist bereits hier ein. getroffen, ich wette Zehn gegen Ein», daß “ jenes Geheimniß verwickelt ist." Betrogene Betrüger. Novellette von M. Heim. (Fortsetzung). Drittes Capitel. Glücklicherweise durchbrach am Nachmittag die Sonne die dunklen Wolkenschichten. Glücklicherweise für Frau Merber, die sich mit ihren beiden jüngsten Kindern, 2 Hutschachteln, 4 Regenschirmen und einem halben Dutzend Umschlagetüchern in dem etwa» engen Cabriolet einrichtete. Nicht glücklicherweise für Herrn Merber, der sich schon geschmeichelt hatte, allein eine gemüthliche Spazierfahrt zu machen, und mit seinem Bekannten in B. einen noch ge» müthlicheren Nachmittag am Spieltisch in einem ge- wisten Gasthofe zu verleben. Glücklicherweise aber wiederum für Anton Schulze, den Kutscher, dem da» Vergnügen ward, Fräulein Fanny, die im knappen Regenmantel und braunen Hütchen allerliebst aussah, in den Wagen zu heben, daß sie ihren Dank so ganz flüchtig und herablastend sagte und nicht ein- mal dabei aufblickte, hieß wohl die Verstellung etwa» sehr weit treiben. Er sah doch so stattlich au» in dem betreßten Rock und der großen Mütze. Er schwang fich so triftig auf seinen Sitz, er hielt vornehm die Zügel! Fanny'» Tante war weniger blind gegen solche Vorzüge. Sie fühlte tief den Vortheil, mit einem Kutscher aus der Refidenz zu fahren. Sich elegant in den Wagen zurücklehnend, ließ ste sich hierbei, nach mancherlei Umständen der Hauptstadt zu fragen, die meisten» die Toilettengeheimniffe der großen Damen betrafen, und über die ihr ein Kammermädchen jedenfalls befferen Aufschluß hätte geben können als ein Kutscher. Aber Anton Schulze besaß die Kunst, nut Grazie zu lügen. Er beschrieb die modernen Costüme bis auf die letzte Rockfalbel und sprach über Hutgarnituren wie ein Mirabeau. Er ließ es an verächtlichen Bemerkrmgen über den „Buttermilchteint" der Stadt- damen nicht fehlen und wußte ganz genau, welchen Ursachen jene ihre zierliche Taille zu danken hatten. Frau Merber fand, noch nie sei ihr der Weg zur Stadt so kurz geworden. Und doch gingen die Räder so tief in dem ver- weichten Wege und die Pferde trotteten fo langsam Schritt für Schritt. Der Kutscher dachte mit Grauen daran, daß sie heute noch denselben Weg zurückmachen sollten. Da war man am Ziel der Reise. Jauchzend stürzten ein halbes Dutzend junger Mädchen heraus und hoben Fanny im Triumph aus dem Wagen. Mit Mühe wurde auch die Frau Merber sammt ihren Toilettengegenständen herausbesördert, nur daß dabei eine große Flasche mit Sahne, die sie unter dem Mantel vor ihrem Manne versteckt gehalten, (denn sie liebte es, bisweilen die leidende Ehefrau zu spielen) hervorfiel und auf dem Steinpflaster zerschlug. Natürlich bekam Herr Merber als der Urheber dieses Malheurs sogleich eine Strafpredigt, und der Unglückliche vollendete noch fein Sündenregister, indem er Ernst fo ungeschickt vom Wagen hob, daß sein Lackstiefel am Tritt hängen blieb und er mit dem weißen Strumpf in den Schmutz patschte, Eugen aber gar nicht seinen Beistand anbot, weshalb dieser genöthigt war, von der höchsten und unbequemsten Stelle herabzuspringen, am Sitz anzuhaken und mit der Stirn zuerst den Boden zu erreichen. Der arme Mann hob ganz ungestört sein schuldbewußtes Antlitz zu dem Kutscher empor. Jetzt fahren Sie nach dem Bahnhofe, um einen Herrn Egbert, den zukünftigen Hauslehrer unserer Kinder abzuholen, der mit dem nächsten Zuge an- kommen muß", sagte er. „Bringen Sie ihn dann sogleich hierher." — Ich weiß, daß der Scharfsinn der Leser längst errathen hat, welche Überraschung Anton Schulze auf dem Bahnhofe haben sollte! Ich weiß, daß sie gar nicht zweifeln, wer der schmächtige, junge Mann war, der dem Coup« entstieg und seinen Koffer zu dem harrenden Fuhrwerk tragen ließ; daß sie sich die langen Gesichter der beiden Freunde selbst ausmalen, die sich so urplötzlich einanver gegenüber sahen. , , , „Felicia, mein Herz", sagte Anton Schulze end- 852 lich gelassen, „habe ich Dir nicht gesagt, Du solltest nicht auf meiner Fährte jagen?" „Don Fernando, Don Fernando!" rief der Andere. „Coustne Elsa nimmt Dich nie wieder zu Gnaden an." Ferdinand antwortete darauf nur, indem er ungeduldig seinem schwächlichen Freunde den Koffer aus der Hand riß und murrend auf den Sitz stellte. ,Wenn Du gehofft hast, in dieser falschen Rolle das Herz des schönen Mädchens zu gewinnen", fuhr Felix heftiger fort, „so sollst Du ein betrogener Betrüger sein, dafür laß mich sorgen." „Dito, dito!" sagte Ferdinand. „Wollen wir emsteigen?" Felix leistete dem Winke Folge, indem er höhnisch hinzufügte: „Wenigstens bietet meine Stellung mehr Vortheile als die Deine, und ich will sie benutzen." Das konnte Ferdinand freilich nicht leugnen. Stand e» doch dem glücklichen Freunde den ganzen Nachmittag frei, sich dem schönen Mädchen angenehm zu machen, hörte er doch mehr als einmal Beider lustiges Lachen in seine Bedientenstube hinüberschallen! Die eine Genugthuung hatte er jedoch: Fanny behandelte den Freund ebensowohl wie ihn streng seinem Jncognito gemäß, wie er bei dem Einsteigen zur Rückfahrt beobachten konnte, und nicht das leiseste Zeichen gab Einem von ihnen die schmeichelhafte Gewißheit, daß er wiedererkannt sei. Langsam waren die Pferde herspaziert, langsam spazierten sie zurück. Es hatte am Nachmittage noch geregnet und was Ferdinand nicht für möglich gehalten, war geschehen: Der Schmutz war noch tiefer geworven. Langsam und langsamer kam man vorwärts und plötzlich — hielt man gänzlich still. Man war stecken geblieben. Ferdinand stieg ab, ergriff die Pferde beim Zügel und versuchte, sie zu ein paar rettenden Schritten zu bewegen. Umsonst! „Gehen Sie zu jenem einzelstehenden Gehöft", rief Herr Merber, welcher ganz richtig ahnte, er werde alsbalv als die Ursache dieser Calamität bezeichnet werden, „es wohnt ein guter Bekannter von mir dort, sagen Sie ihm, ich lasse um Vorspannpferde bitten." Der Pseudo-Kutscher that, wie ihm geheißen. Sein Ritterdienst brachte Beschwerden mit sich, das war nicht zu leugnen. Welche Mühe schon, sich auf dem Hof durch Knechte, Mägde, Hütejungen, denen er jedem einzelm n Bericht von seinen Wünschen abstatten mußte, bis zur Frau des Hauses durchzuschlagen! Sie war etwas schwerhörig, und so hatte er Gelegenheit, fein Anliegen zum elften, zwölften und dreizehnten Male vorzutragen. „Der Herr Gerber will Vorspannpferde", rief sie endlich. „Ei, ein großer Herr, der Herr Gerber! Laß er sein Fell anderswo zu Markte tragen, wir haben für ihn keine Vorspannpferde." Glücklicherweise trat in diesem Augenblick der Besitzer des Hofes ein und Ferdinand wiederholte mit unerschütterlichem Pflegma seine Bitte. „Sagen Sie dem Färber, dem nichtsnutzigen Kerl, .er soll mir lieber die 50 Thaler bezahlen, die ich ihm vorgeschossen habe, nicht noch Gefälligkeiten von mir verlangen", lautete die heftige Antwort, die noch eine lange Fortsetzung erhalten sollte, indeß Ferdinand machte die Thür zu und begab sich in erheiterter Stimmung an die Unglücksstätte zurück. Eine Ahnung sagte ihm, daß auch Felix nicht länger seinen angenehmen Platz, Fauy gegenüber und die zukünftigen Zöglinge jeden auf einem Kniee, behaupten würde. In der That. Kaum hatte er Herrn Merber gemeldet, jener Herr lasse erst um Bezahlung der vorgeschossenen 50 Thaler bitten, als seine Gattin sich mit dem Anstand einer beleidigten Königin erhob und aurrief: „Heimliche Schulden! Bernhard, ich sagte es stets, Du bist ein unmoralischer Mensch. O ich unglückliche, verrathene Frau." Und sie begann, mit Heroismus, vom Wagen herabzuklettern. „aber liebe Tante, so bleibe doch wenigstens hier", bat Fanny. „Was mich betrifft, mich brächte keine Macht der Welt in diesen Schmutz —" „So bleibe!" unterbrach Frau Merber sie kurz. „Kommt Kinder! Herr Egbert, eine Schutzlose bittet um Ihren ritterlichen Beistand!" „Ich stehe ganz zu Ihrem Befehl", sprach Felix seufzend und stieg aus. Dabei fiel ein Stückchen weißes Papier aus den Falten seines Ueberziehers. Frau Merber fing es auf und steckte es zu sich. Der arme Felix nahm die ihm gereichten sechs Nmschlagetücher, zwei Hutschachteln und drei Regenschirme in Empfang (den vierten wollte seine Prinzipalin als Wanderstab benutzen), die Knaben faßten an seine Rocktaschen, und so wanderte die kleine Karawane in den zweiundzwanzigsten Regenschauer dieses Tages hinaus. Sei es nun, daß die heimtückischen Pferde sich mit ihrem Herrn verschworen hatten, Frau Merber durch Aerger in's Grab zu bringen, sei es, daß sie die Erleichterung ihrer Last fühlten — kurz sie zeigten sich plötzlich geneigt, den Mahnungen ihres Kutschers nachzugeben, und sich eine kurze Strecke sortführen zu lassen. So gelangte man vor das einzeln stehende Gehöft, und der Besitzer desselben, der vor die Thür kam, um seinen Schuldner stecken zu sehen, sah seinen besten Freund trübselig fahren. Eine rührende Erkennungs- und Aufklärungsscene folgte, die Vorspannpferde wurden schleunigst geliefert, und man holte mittelst derselben noch Frau Merber ein, welche bereits von ihren Märtyrerideen etwas zurückgekommen war und den vereinigten Bitten ihrer Nichte und des in seiner angeborenen Unschuld wiederhergestellten Gatten nicht widerstehen konnte. —" Ferdinand sah mit Vergnügen, daß, sobald man heimgekehrt roar, Felix sich sogleich sein Zimmer an- weisen ließ und gänzlich darauf verzichtete, diesen Abend noch den Liebenswürdigen gegen Fräulein Fanny zu spielen. (Fortsetzung folgt). Rsbsctian; A. Scheyda. — Druck und »erlag der Brühl'schm Druckerei (Fr, Ehr, Pietsch) in Gießen.