Hießener Jamilienbkätter. KeüetrißisHes Beiblatt rum Gießener Anreißer- Rk. 75.Dunstag den 29. Juni. lg§g; Saat und Ernte. Roman von Ewald August König. (Fortsetzung.) Der Landrath zog die Unterlippe zwischen die Zähne und schleuderte die erloschene Cigarre, die er in der Hand hielt, so heftig auf das Pflaster, als ob er an ihr die in ihm tobende Wuth auslaffen wolle. ,34 begleite Sie eine Strecke", sagte er in dumpfem Tone. Der junge Mann setzte mit einer leichten zustimmenden Verneigung seinen Weg fort; eine geraume Weile schritten die Beiden schweigend neben einander her. Der Landrath schien die Antwort auf die Frage, die ihm auf der Zunge schwebte, zu fürchten; er mochte wohl ahnen, daß sie seine Hoffnungen vernichten würde. „Sie kennen meine Beziehungen zu der Signora", brach er endlich das Schweigen; „Sie werden auch wissen, daß ich vor einer Stunde unter dem Vorwande einer Unpäßlichkeit abgewiesen wurde. Wollen Sie mir nun gefälligst sagen, weshalb dem Herrn Hauptmann eine Auszeichnung zu Theil wurde, die ich mit größerem Recht beanspruchen durfte?" Der Referendar zuckte die Achseln; ein schadenfrohes, etwas boshaftes Lächeln glitt flüchtig über sein Antlitz. „Wie weit Ihre Rechte gehen, weiß ich nicht", erwiderte er; „Signora Barlotti behauptet, Ihnen überhaupt keine Rechte eingeräumt zu haben; keinesfalls sind sie besser oder auch nur so gut, wie die Rechte eines Verlobten." „Was wollen Sie damit sagen?" „Daß Signora Julia Barlotti die Braut des Herrn Hauptmann von Görlitz ist." Der Landrath war stehen geblieben; Haß, Wuth und Rachsucht flammten aus seinen glühenden Augen. Man sah ihm an, wie unsagbar schwer es ihm wurde, seiner Erregung Herr zu bleiben. „Seit wann?" fragte er. „Die Verlobung hat eben stattgefunden." „So Knall und Fall?" höhnte Ackermann. „So viel ich weiß, befindet sich der Hauptmann erst seit einigen Tagen, vielleicht seit gestern, in dieser Stadt —" „Sehr richtig, aber Signora Barlotti hat schon vor mehreren Jahren Freundschaft mit ihm geschlossen", erwiderte der Referendar ruhig. „Weshalb diese Freundschaft nicht schon damals zur Verlobung führte, kann ich Ihnen nicht verrathen, weil ich zu solchen Mittheilungen nicht berechtigt bin." Der Landrath knirschte mit den Zähnen. Die erlittene Niederlage gestaltete sich für ihn immer demüthigender. Cr wußte, daß Herr von Görlitz sein Feind war; er hatte oft genug Beweise von dem Haß dieses Mannes erhalten; um so furchtbarer war es für ihn, daß gerade dieser über ihn triumphiren sollte. „Bah, sie ist auch nur eine Theaterprinzessin!" sagte er nach einer Weile mit schneidendem Hohn. „Ich bin der Einzige nicht, den sie am Narrenseile geführt hat." „Das sind individuelle Ansichten " „Die Sie nicht theilen? Die Trauben sind Ihnen wohl plötzlich zu sauer geworden?" „Ich habe niemals Verlangen nach ihnen getragen!" „Wer's glaubt! Haben Sie in der Armee gedient?" „Ich bin ReservS'Officier." „Um so besser! Darf ich im geeigneten Falle auf Sie zählen?" Der Referendar blickte seinen Begleiter befremdet an. „Sie wollen den Herrn Hauptmann fordern?" fragte er. „Das behaupte ich jetzt noch nicht, aber unter den obwaltenden Umständen wäre es immerhin möglich, daß ich in die Lage käme — " „In diesem Falle Herr Landrath, würden Sie mich auf der Seite des Herrn von Görlitz finden, vorausgesetzt, daß ich gsnölhigt würde, mich für eine der beiden Parteien zu entscheiden. Ich hoffe indessen, daß Sie nach ruhiger Ueberlegung der Sachlage sich in das Unabänderliche finden werden. —" „Ich habe Ihren Rath nicht verlangt", unterbrach Ackermann ihn barsch; „es ist dies eine Privatangelegenheit, die ich nach meinem eigenen Gutdünken erledige; im Uebrigen aber erwarte ich von Ihnen Discretion; Sie werden als Ossicier wissen, daß die Forderungen der Ehre diese Discretion unter allen Umständen gebieten." „Ich verstehe vollkommen", erwiderte der Referendar, „ruf der andern Seite aber berechtigen diese Forderungen mich auch, Sie zu warnen und meine Mißbilligung ohne Rückhalt auszusprechen." Der Landrath griff an den Hut und schritt, 298 ohne ein Wort zu erwidern, von dannen; er mochte wohl fühlen, daß es ihm ganz unmöglich war, den in ihm tobenden Leidenschaften noch länger zu gebieten. 5. Kapitel. In der Dämmerstunde. Die Nachricht von der plötzlichen Verlobung des Herrn von Görlitz hatte an der Tafel der Frau Schirmer begreifliches Aufsehen gemacht, und eben so natürlich war es, daß namentlich die Damen sich in hohem Grade dafür interessirten. Jeder, der nur in dieser Saison das Theater besucht hatte, kannte die blendend schöne Sängerin; Jeder wußte, daß sie von Verehrern umschwärmt war, und daß eine glänzende, ruhmvolle Laufbahn vor ihr lag! Und nun wollte sie auf Glanz und Ruhm verzichten, um fortan an der Seite eines Gatten ein bescheidenes, zurückgezogenes Leben zu führen. „Es läßt sich schwer begreifen", sagte Hertha, als die Damen in der Dämmerstunde dieses ereig- nißvollen Tages plaudernd in der traulichen Wohnstube saßen; „gewöhnt an den rauschenden Beifall der Menge und an die höchsten Triumphe, die eine Künstlerin feiern kann, wird sie in ihrem Alltags, leben eine Lücke empfinden, die selbst die Liebe ihres Gatten nicht ganz auszufüllen vermag." „Dann mag die gediegene Wirklichkeit sie entschädigen, für den Flittertand der Vergangenheit", erwiderte Ludmilla ernst; „wie der Herr Referendar behauptet, soll Herr von Görlitz ein sehr reicher Gutsbesitzer sein, und er wird gewiß Alles aufbieten, der geliebten Gattin für das Opfer zu danken, das sie ihm gebracht hat. Eine Frau aber, die an der Seite eines liebenden und geliebten Mannes nach solchen Nichtigkeiten sich zurücksehnt und nicht freudig auf sie verzichten kann, ist der Liebe nicht werth." Tante Lina nickte zustimmend und hielt den Strickstrumpf näher an's Fenster, um die gefallene Masche wieder aufzuheben. „Mich überrascht es nur, daß das Alles so plötz- lich gekommen ist", sagte sie. „Herr von Görlitz befindet fid). wie er selbst mir erklärte, erst seit drei Tagen in der Stadt." „Der Herr Referendar hat uns ja darüber ge» rügenden Aufschluß gegeben", antwortete Hertha. „Signora Barlotti soll den Hauptmann schon vor Jahren gekannt haben; daß sie aber trotz dieser Liebe sich von Anderen den Hof machen ließ — " „Liebes Kind, ob Alles, was über sie geredet wurde, auf Wahrheit beruht, können wir nicht wisien", unterbrach die Mutter sie; „die Menschen glauben immer nur das Schlimme, und es ist eine unbestrittene Thatsache, daß die bösen Zungen sich vorzugsweise gerne mit den Damen vom Theater beschäftigen." „Aber der Landrath Ackermann —" „Kind, was kümmert das Alles uns! Herr von Görlitz wird gewiß ernst geprüft haben; er scheint mir nicht der Mann zu sein, der es int Punkte der Ehre leicht nimmt, und die Ehre seiner Braut ist nun auch seine eigene Ehre. — Herein!" Die Thüre wurde leise geöffnet, mit dem Hut in der Hand stand der Oberst Johnson auf der Schwelle. „Ich bitte tausendmal um Verzeihung, wenn ich störe", sagte er mit leiser Stimme; „ich wollte nur meine jungen Freunde besuchen, Herrn Maiwind und den Herrn Referendar Rommel." Die Damen hatten sich erhoben; Tante Lina ging ihm entgegen. „Treten Sie näher, wenn ich bitten darf", erwiderte sie in ihrer freundlichen Weise, während ihr treuherziger Blick prüfend auf dem Fremden ruhte; „die beiden Herren sind augenblicklich nicht zu Hause; aber.wenn Sie erwartet werden?" „Das wohl nicht, gnädige Frau. Mein Name ist Johnson, Oberst Johnson. Ich lernte durch einen Zufall die Herren gestern kennen, und Ihr Haus wurde mir so angelegentlich empfohlen, daß ich auch in Bezug hierauf einen Wunsch aussprechen möchte." Tante Lina hatte ihm einen Stuhl angeboten; er rückte ihn etwas zur Seite und nahm Platz. „Ich werde Licht holen", sagte Hertha. „Wenn Sie mir einen recht großen Gefallen erzeigen wollen, dann bitte ich Sie, laffen Sie uns in der Dämmerung weiter plaudern", erwiderte der Oberst rasch, und seine Stimme klang dabei seltsam bewegt; die schwere Augenentzündung, die ich von drüden mitgebracht habe, ist noch immer nicht ganz gehoben." „Und in der Dämmerstunde plaudert es sich am gemüthlichsten", fügte die alte Dame hinzu. „Sie wünschen in meinem Hause zu wohnen, Herr Oberst?" „Das ist allerdings mein Wunsch, aber die Erfüllung deffelben eilt so sehr nicht. Ich werde in den nächsten Tagen eine Reise antreten und erst nach meiner Rückkehr mich entschließen, ob mein Aufenthalt von längerer Dauer sein soll. Wenn Sie mir alsdann erlauben wollen, auf diesen Wunsch zurückzukommen —" „Mit dem größten Vergnügen. Außer den beiden jungen Herren wohnt nur noch der Herr Hauptmann von Görlitz in diesem Hause; er ist gestern erst eingezogen, wird aber voraussichtlich nicht lange bleiben." „Sicher bis zum Frühjahr", sagte Hertha. „Signora Barlotti will ja erst dann von der Bühne abtreten, und bis dahin bleibt ihr Verlobter hier." „Herr von Görlitz ist mit der berühmten Sängerin verlobt?" fragte der Oberst sichtbar überrascht. „Seit heute", erwiderte Tante Lina lächelnd. „Sie kennen also die Dame auch schon?" „Ich hatte gestern Abend im Theater Gelegenheit, ihr schönes Talent zu bewundern. Ohne es zu wollen, vernahm ich dabei manches Urtheil über 299 diese Dame: man sprach dabei auch von einem gewissen Landrath —" „Landrath Ackermann, nicht wahr?" „Ganz recht; aber da mich die Sache nicht interessirte, so habe ich auch nicht sonderlich darauf geachtet." „Ludmilla wandte das Antlitz ab, sie sah die blaue Brille des Obersten fast unverwandt auf sich gerichtet. „Der Herr Referendar sagte mir gestern, Sie seien ein geborenes Fräulein von Salberg", nahm der Oberst wieder das Wort, ohne auf die Bemerkung über den Landrath Etwas zu erwidern. „War mein Freund Hermann von Salberg mit Ihnen verwandt?" „Sie waren mit meinem Neffen befreundet?" fragte Tante Lina rasch. „Wir waren Schulkameraden." „Sie sind also ein Deutscher?" „Ein geborener Deutscher, aber naturalisirter Nordamerikaner", erwiderte der Oberst ruhig; „ich bin schon vor fünfzehn Jahren ausgewandert." „Und Sie haben drüben für die Befreiung der Sclaven gekämpft?" fragte Ludmilla. „Jawohl, mein Fräulein I" „Es war eine edle Aufgabe, Herr Oberst. Jedem, der das Seinige zu ihrer Lösung beitrug, gebührt der Dank jedes human denkenden Menschen." (Fortsetzung folgt.) Die Eroberung der WastiKe. (Rach einer Denkschrift der Besatzung). (Schluß). Eine kleine halbe Stunde später fluthete das Volk aber von Neuem in großen bewaffneten Massen heran und die Rufe: „Wir wollen die Bastille! Nieder milden Truppen!" zeigten, wie sehr erbittert das Volk und wie wenig geneigt es den Rathschlägen de la Nosiöres war. Die Wachen auf den Thürmen erweaten insbesondere den Zorn der Massen. Die Bitten der Besatzung, daß das Volk sich zurückziehen möge, sowie der Hinweis auf die unmittelbare Gefahr, der sich die Angreifer aussetzten, blieb erfolglos. Zwei Männer, deren einer der frühere Soldat und damalige Stellmachergeselle Louis Tourany gewesen, kletterten aus das Dach des Wachthauses an der ersten Brücke. Von dort stiegen sie in den ersten Hof hinab. Im Wacht- Hause suchte Tournay vergebens nach den Schlüsseln und ließ sich hierauf eine Axt von außen reichen, mit deren Hülfe er die Riegel und Schlösser der Eingangsthore zerhieb, während man draußen bemüht war, dieselben gleichzeitig einzuschlagen. Hierauf wurde die Brücke niedergelassen, nicht aber deren Ketten zerhauen, wie der Bericht der Invaliden irrthümlich angiebt. Die Invaliden und Truppen forderten, nachdem die größere Brücke gefallen war, nochmals die Massen ernstlich zum Zurückziehen auf, indem sie sonst Feuer zu geben drohten. Das Volk stürzte aber dessenungeachtet muthig auf die zweite Brücke und gab eine Musketensalve auf die Besatzung ab. Diese, um die Wegnahme der zweiten Brücke zu verhindern, gab nun gleichfalls Feuer, worauf die Angreifer sich unter abermaligem fortgesetztem Schießen vorläufig zurückzogen, ohne einen neuen Angriff auf die zweite Brücke zu machen. Etwa eine Stunde später nahte unter Trommelwirbel abermals eine große Masse Bürger, welcher eine Fahne vorangetragen wurde. Die Fahne blieb mit dem kleinsten Theile ihrer Begleiter im sogenannten Ulmenhofe, während der größere Theil des Volkes bis zum Durchgangshofe vordrang und den Soldaten zuschrie, nicht zu schießen, da eine Deputation vom Stadthause anwesend sei, welche den Gouverneur, den man herauszukommen bäte, sprechen wolle. Herr de Launay und die auf den Thürmen befindlichen Subaltern-Officiere riefen hinab, die Fahne und die Deputaten möchten sich nähern, das Volk aber zurücktreten. Im gleichen Augenblicke kehrte ein Unterofficier der Besatzung, um zu zeigen, daß es nicht deren Absicht sei zu feuern, sein Gewehr mit dem Laufe nach unten und forderte, die Mannschaft auf, seinem Beispiel zu folgen, was auch geschah. Auf vieles Bitten von Seiten der Invaliden machte endlich das Volk Halt und nur die Depu- tirten traten in den Durchgangshof, woselbst sie ohne näher kommen zu wollen, trotz der widerholten Aufforderungen der Subaltern-Officiere, welche ihnen mit ihrem Leben für das ihre zu bürgen erklärten, verweilten. Man rief jenen Deputirten gar zu, man wolle ihnen, falls sie wirklich Abgeordnete der Stadt wären, die Bastille übergeben. Deffenunge- achtet verharrten sie bei ihrem Schweigen und zogen sich bald zurück. De Launay sagte hierauf zu der Besatzung, daß jene Deputirten gar nicht von der Stadt abgesandt seien, vielmehr habe sich das Volk nur der Fahne, bemächtigt um die Besatzung zu überrumpeln. Wenn es wirklich Abgesandte der Stadt gewesen, so hätten sie gewiß, nach den von den Ofsicieren abgegebenen Versicherungen, die Absichten des Stadthauses dem Gouverneur persönlich bekannt gegeben. Nach dem Abzug jener Deputirten, denen das Volk nicht folgte, rüstete sich dieses zum erneuten Angriff der zweiten Brücke. Der Gouverneur besahl der Besatzung auf die anstürmende Masse, welche die bereits in ihrem Besitze befindlichen drei vorderen Höfe, der Bastille, den Ulmen-, Durchgangs- und ersten Hof, füllten, zu feuern. Die ab- gegebene Salve zerstreute die Angreifer zwar, deren mehrere auf dem Platz blieben, bewirkte aber deren Rückzug nicht. Das Volk bemächtigte sich vielmehr, trotz des Feuerns der Besatzung, der Kaserne, deren Thüren mit Aexten eingeschlagen wurden. Eine Stunde später schoben die Belagerer drei mit Stroh beladene Wagen in dm Hof und steckten alsbald das äußere Wachthaus, das Haus des Gouverneurs und die Küchen in Brand. In diesem 300 Augenblicke würbe, nach Angabe des mehrerwähnten Berichtes der Invaliden, der einzige Kartätschenschuß abgefeuert, der während des fünfstündigen Kampfes von der Besatzung der Bastille abgegeben warb. Bisher hatte man sich nur mit Flinten ver- theidigt. Charpentier bestätigt übrigens nach den Aussagen der Invaliden, Schweizer-Soldaten und Schließer, sowie einiger Belagerer, die den Platz nicht verlassen haben, diese Thatsache. Aus der Ferne mag das Feuer aus der Wallbüchse und jenes der Musketen, das von vielen Schießscharten gleichzeitig unterhalten ward, leicht mit Geschützdonner verwechselt worden sein. Der Brand der Gebäude war übrigens den Stürmenden ehernachtheilig als nützlich; er machte die zweite Brücke unnahbar und unangreifbar und wahrte somit den Zugang zum Schlöffe. Der Spezereihändler RooleS und der Officier Elie vom Regiment der „Königin," setzten daher auch alles daran, um die brennenden Wagen zu beseitigen, was Rooles endlich gelang. Hierauf fuhren die Belagerer zwei Kanonen gegen die große Brücke an, doch ward dieselbe vom Geschützfeuer nicht beschädigt. Auch griffen jetzt die Gardes sransaises mit Geschützen in die Belagerung ein. Zwei Unterosficiere der Besatzung, Ferrand und Böquard, bewahrten übrigens Paris vor dem grausigsten Unheil. Als der Gouverneur von den Officieren zur Uebergabe des Schlosses bestürmt ward und selbst einsah, daß er es bei dem Mangel an Lebensmitteln nicht länger zu halten vermöge, ergriff er um 4 Uhr plötzlich eine Lunte, welche neben den im Hofe aufgepflanzten Geschützen brannte und wollte das im Freiheitsthurme befindliche Pulver anzünden. Diese That hätte unfehlbar alle Häuser der Umgebung der Bastille und einen großen Theil des Faubourg-Saint-Antoine zerstört. Die beiden genannten Unterosfieiere zwangen de Launar) mit vorgesetztem Bajonett von seinem Plane abzustehen. Boquard fiel später, nachdem er nach der Oeffnung des Thors eine Hand durch einen Säbelhieb verloren, als Opfer der Volkswuth, er ward aus der Bastille fortgeschleppt und sofort auf dem Grvve- platz gehängt. Der Gouverneur theilte, als er seinen Plan durch jene beiden Unterosficiere vereitelt sah, denselben der Besatzung mit, ihr erklärend, es wäre besser, sich in die Lust zu sprengen, als sich vom Volke, dessen Wuth man unmöglich entrinnen könne, zerreißen zu lassen; unter allen Umständen müsse mau aber auf die Thürme zurück und den Kanrpf sortsetzen. Die Soldaten weigerten Beides, und bestimmten den Gouverneur, einen Tambour zum Rappellschlagen auf die Thürme zu schicken, eine weiße Fahne aufzustecken und zu capituliren. Da keine weiße Fahne vorhanden war, gab der Gouverneur ein weißes Taschentuch her. Die Invaliden Rouf und Roulard bestiegen mit einem Trommler die Thürme, pflanzten-die Fahne auf und machten dreimal unter Trommelschlag die Runde. Ihr Zeichen I ward aber von den Belagerern, die immer weiter feuerten, nicht beachtet. Als nach Aussage des In- validenberichts, dem hierin die Angaben der Angreisenden widersprechen, das Feuer aus der Bastille längst verstummt war, rückten die Belagerer unter ununterbrochenen Salven bis an die Brücke und schrieen: „Laßt die Brücke nieder!" Der Schweizer- Ofsicier, der dort stand, verlangte durch eine Schießscharte freien Abzug mit allen Ehren; ein entschiedenes Nein war die Antwort. Darauf schrieb besagter Officier die Capitulation auf ein Blatt Papier und reichte sie durch die Schießscharte mit dem Bemerken hinaus, daß man sich ergeben und die Waffen strecken wolle, aber nur gegen das Versprechen, daß man die Truppe nicht niedermetzeln werde. Man antwortete ihm darauf mit dem Zuruf: „Laßt die Brücke nieder und es soll euch nichts geschehen!" Auf dies Versprechen übergab der Gouverneur den Schlüssel zur kleinen Brücke, den er in der Tasche trug, dem Korporal Gaiard und dem Unter» officier Pereau, welche das Thor öffneten und die Brücke niederließen. Kaum war aber dies geschehen, so stürzte das Volk in den Hof und warf sich auf die Invaliden, die ihre Waffen längs her Mauer niedergelegt hatten. Die Schweizer, welche Leinwandkittel, (es war Hochsommer) trugen, wurden im Ansang für Gefangene gehalten, und entgingen so dem ersten Anprall des Volkes. Dieses war dermaßen blind vor Wuth, daß es sich in dichten Massen auf die Quartiere der Officicre stürzte, und dort Möbel und Thüren, ja sogar die Fenster zer- trümmerte. Auch feuerten die auf dem Hofe befindlichen Bürger, wie dies Rooles in seiner Denkschrift bestätigt, irrthümlich auf ihre Waffengeführten, und tödteten mehrere derselben, weil sie sie für zur Besatzung gehörige Leute hielten. Die Invaliden wurden, wie ihr Bericht sagt, wie Sclaven an mehreren Stellen der Stadt herumgeführt. Zweiundzwanzig von ihnen gelangten nach dem Stadthause, vor welchem sie zwei von ihren Kameraden gehangen sahen. Die erbitterte Menge hätte Allen ein gleiches Schicksal bereitet, wenn sich nicht die Gardes fransaises für sie verwandt hätten. Man führte sie und elf Schweizer nach der Kaserne Nouvelle France und am nächsten Tage in das Jn- validenhaus. Wie man auch über die Handlungsweise des Gouoerneur's, den die Volksmenge nach der Uebergabe nach dem Stadthaus schleppte, vor welchem ihm die Wüthenden den Kopf abschlugen, denken mag, die Invaliden konnten, selbst die theil- weise Parteilichkeit ihrer Vertheidigungsschrist zugestanden, nicht anders handeln. Wenn sie sich den Befehlen des Gouverneurs widersetzt hätten, so hätten sie die Schweizer Truppen niedergeschoffen. Die anderen Einzeln Heiken, die Sprengung der Kerker der Gefangenen, die zweideutige Rolle, 'welche Fleffelles an diesem Tage spielte, sowie sein rasches gewaltsames Ende, sind hinlänglich bekannt. WeikKtio«: A. Scheyd«. — Druck und Mittag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.