Hießen» Jamilienbläiter. BeUekistisches Beiblatt zuA Gießener Anzeiger. Z7, Samstag den 27. März. 1886. Ale Aakschmünzer. Criminkl-Noman von Gustav Lössel. (Fortsetzung). „O, so rasch stirbt es sich nicht in einem Lande", sprach Riston, „welches nur in einzelnen wenigen Theilen ungesund, im Ganzen aber so voller Hilfsquellen ist, daß man bei einiger Anstrengung und Befähigung darin nicht untergehen kann. Sie meinen, Ihr Bruder habe seinen Namen geändert. Nun ja, die Neigung dazu ist ja bei allen Auswanderern vorhanden; und besonders jüngere Leute neigen dazu in dem Gedanken, einmal als reicher Mann zurückzukehren und unter dem angenommenen Namen Vergeltung üben zu können, für alles empfangene Gute und Böse. Natürlich bleibt Das meistens Illusion, und Jene bereichern nur um einen Namen mehr die Liste der Verschollenen." „Das klingt wie Selbsterfahrenes", sagte Duprat lauernd. „Haben Sie vielleicht einen solchen Fall aus ihrem Freundeskreise zu verzeichnen?" „Ja, von mir selbst", entgegnete Riston. «Auch mein Name ist ein angenommener, und ich folgte damit einem unstillbaren Nachetrieb. Sie suchen einen Bruder, um ihm zu helfen, ihn wieder aufzurichten, wenn er gefallen ist; und ich suche den gleichen . nahen Verwandten, um ihn zu vernichten und aus seiner Höhe herabzustürzen, die er mit Hülfe eines Verbrechens erklommen hat. Leider ist er allem Anscheine nach meiner List zuvorgekommen und hat auch seinen Namen geändert. Ich suche nach ihm vergebens; seine Spur ist mir verloren gegangen. Und so werde ich wohl als — Vagabond enden, indessen er auf seidenen Kissen sich zur Ruhe legt. Daß er verdammt sei!" Man war jetzt beim Champagner angekommen, welcher — aus irgend einem Diebstahl herrührend — kein schlechter war. Riston stürzte sofort mehrere Gläser davon hinunter, und die Wirkung war die gewünschte. Er that seinen Gefühlen keinen Zwang mehr an und sagte, was er dachte. „Sie müssen schwere Kränkungen von Ihrem Bruder erfahren haben." „Kränkungen?" begehrte der Berauschte auf. „Was mehr brauchte er mir gethan zu haben, als daß er mich um mein reiches Erbe betrog und dann das Weite suchte, um mich im Elend verkommen zu lassen. Er ist schuld an meinem Nachlebcn, dessen düsterste Schattenseite noch lange nicht die ist, welche Sie hier sehen. Wäre es bloß die Erbschleicher«, die könnte ich ihm noch verziehen haben, denn Segen kann an jenem Gelbe doch nicht haften. Aber er hat mir noch mehr gethan — weit mehr, als ich zu sagen vermag, Nicht aussprechen darf ich eS; ich müßte es denn hinausschreien in die Welt und — nicht Wein, sondern Gift nehmen, um den wahnsinnigen Schmerz zu betäuben, der bei dem bloßen Erinnern meine Brust durchwühlt. Ach! Ich bin elend, elend, so entsetzlich elend; ein gebrochener Mensch, eine zerstörte Existenz, ein vernichtetes Ich. Aber nicht genug damit. In meiner Brust haust auch ein Dämon, und der heißt Erinnerung. Nun wissen Sie, warum ich keinen höheren Genuß mehr kenne, als den, mich zu betrinken und zu betäuben; warum mein ganzer Lebenszweck nur Rache ist. Freilich wird sie mir wohl niemals werden, so wenig wie mir vollständiges Vergessen werden kann. Und so schleppe ich die Last meines Daseins mit mir dahin von Jahr zu Jahr, von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde. Wundern Sie stch da noch, wenn ich meinem einzigen Bruder fluche, ihn vernichten, an ihm zum Mörder werden möchte, wenn ihn sein Verhängniß mir in den Weg führen sollte. Duprat und der Baron waren diesen Ausführungen mit Aufmerksamkeit und einem stummen Grauen gefolgt. ,,Jch wundere mich nur über Eins", sagte der Erstere jetzt, „daß Sie noch den Muth haben, zu leben, wo Sie sich doch selber sagen, daß es Ihnen nie gelingen wird, Ihren Bruder zu entdecken und zur gerechten Vergeltung zu bringen. Ihr Lebenszweck ist mithin verfehlt, und Vergessen bringt Ihnen wie Sie selber andeuten, nur der Tod. Wozu leben Sie dann noch?" Duprat sandte hiermit seinem Freunde einen verständnißvollen Blick zu, welcher so viel sagte wie: „Man thäte diesem Unglücklichen ja einen Ge- fallen, wenn man seine entsetzlichen Leiden mit einem raschen Ende abkürzte." Und der Baron nickte dazu. „Warum ich noch lebe?" sagte Riston dagegen. Ich habe es mich selbst schon ost gefragt. Und dann immer war cs mir, als wenn eine innere Stimme mir sagte: „Lebe nur, und Du wirst gewißlich ftnden, was Du suchst." Ich glaubte dieser Stimme nie; ich erkläre sie auch heute für eine Lüge. Und ! dennoch gehorsame ich ihr, und dennoch lebe ich wie ! ich kann, weil ich — muß. Aber sprechen wir nicht !- mehr davon; Das ist Nichts für eine so frohr Stunde. Ich habe auch heitere Erinnerungen, und die werden uns besser über den Abend hinhelfen, als solche düsteren Reminiscenzen, die doch nur Andeutungen sind und Ihnen unverständlich. Von Amerika wollten Sie Manches wissen. Nun, füllen Sie die Gläser, und Sie sollen genug hören, um keine Müdigkeit zn empfinden, so lange ich rede." Duprat kam dieser Aufforderung bereitwilligst nach. Ristons Geschichte hatte ihn doch gewaltig angeregt, und seine Neugierde ließ ihn hoffen, daß, wenn Jener erst im Zuge sei, er seine Vorsicht ver- geffen und ihm noch etwas mehr von Dem ver- rathen werde, was er gern wissen wollte. Der Baron secundirte ihm bereitwilligst darin, denn er hoffte, durch Duprat's Mitwirkung sich endlich eines Verbündeten entledigen zu können, der ihm beim Einlenken in ruhigere sicherere Bahnen ver- hängnißvoll werden konnte. Ahnungslos von den tückischen Gedanken beider Männer, erzählte Riston jetzt von seinen Reisen und Wanderungen, welche ihn über einen großen Theil der alten und neuen Welt geführt hatten. Er hatte sich einen schlechten Erzähler genannt, aber seinem Vortrage mangelte doch nicht Lebendigkeit und jene Wahrheit, welche das wahrhaft Feffelnde bei allen Berichten und Erzählungen ist. Währenddeffen näherten sich von der inneren Stadt zwei Männer dem „Fuchsbau", welche ebenfalls in einer sehr bewegten Unterhaltung begriffen waren — Soltmann und sein zu ihm gestoßener Freund Neubert. Sie befanden sich noch in dem belebtesten Stadttheil unweit des Cafs's, in welchem sie zusammengetroffen waren. „Aber nun sagen Sie mir endlich", drängte der Assessor, „was soll ich in dem Teufelsncst da, wo Sie doch wissen, daß der Schwerpunkt meiner kriminalistischen Thätigkeit gerade nach der entgegengesetzten Seite gravitirt. Führen Sie mich in eine Gesellschaft von Cavalieren, und ich will Ihnen als- bald diejenigen bezeichnen, welche eine nähere Bekanntschaft mit mir zu scheuen haben; aber in diesem „Fuchsbau", unter gemeine Räuber und Mörder — ich danke! Und dann werde ich gleich so auffallen, daß sie sich sagen werden, „Der gehört nicht zu uns." „Sollen sie auch", entgegnete Neubert, „sollen sie auch. Es handelt sich da um eine veritable Kümmel- blättchengesellschaft, bei welcher ich — angeblich ein früherer und wegen Kirchenraubs entlassener Küster — als Schlepper fungire. Den „Pfaffen" nennen Sie mich mit einer versteckten Anspielung darauf, daß auch deren Treiben eitel Heuchelei sei. Sie sind ein Fremder hier und mein Opfer. Sie werden gerupft." Der Assessor schüttelte unwillig den Kopf. „Nein, Neubert", sagte er, „so lautet unsere Abmachung nicht. Sie wissen, daß Sie in allen besonderen Fällen auf mich rechnen können; aber wegen einer Bande von Kümmelblättchenspielern lasse ich pfich nicht ausrauben und nicht um meinen Schlaf 146— bringen. Ich glaubte anfangs, daß es sich um den Mord in der Schwedengaffe handle, sonst wäre ich gar nicht mitgegangen." „Und glauben Sie denn", eiferte Neubert, „daß ich Sie sonst belästigt haben würde? Natürlich handelt es sich darum." „Wie, Sie glauben eine Spur gefunden zu haben?" „Wenigstens einen Anhalt, dessen Folgen noch nicht abzusehen sind." „Und dieser ist?" „Theile eine Maskengarderobe, wie man sie in der Mordnacht im Hause des Kommerzienraths gesehen haben könnte." ,,Woher das?" „Aus dem Fluß." „Ein Maskenkostüm aus dem Fluß?" „Zusammengerollt und umschnürt, als wenn es beschwert gewesen und sich losgerissen habe." „Ein Kahnführer brachte es nach dem „Fuchsbau." Ich witterte gleich einen Zusammenhang und steckte meine Rase dazwischen. Leider hinderte der trunkene Kerl mich und jeden Anderen es genauer zu durchsuchen." „Ich sagte, er möge es mir überlassen; ich wolle es ihm abkaufen. Er schlug es mir ab, und ich durfte ihn nicht darum bedrängen. Man betrachtet mich schon mit mißtrauischen Blicken, seitdem mehrfach Verbrechen, bei denen ich mitwirkte, zur Kennt- niß der Polizei gekommen, und ich von Strafe immer frei blieb." „Können Sie mir keinen bestimmten Gegenstand aus der Maskengarderobe bezeichnen?" „Nun, das Ganze ist in einen schwarzen Domino eingehüllt. Ich sah in dem nassen Wirrwarr nur bei der schlechten Beleuchtung aber so Etwas wie eine weiße Pelzgarnitur, schwarze Lackstiefelchen und eine rothe Maske hervorschimmern." Soltmann blieb plötzlich stehen und brachte bä» mit auch seinen Freund zum Stillstand. „Vielleicht ein Polinnenanzug?" rief er. „Das kann es wohl gewesen sein, obwohl ich keine Bürgschaft dafür übernehme." „Eine rothseidene Maske? Woran erinnert mich denn Das — hm — eine rothseidene — ha! Ich hab's." „Was?" Aber seine Frage blieb unbeantwortet. Soltmann suchte hastig und mit einem Scheine von Angst in seinen verschiedenen Taschen. Plötzlich zuckte es blitzartig auf seinem umdüsterten Antlitz. „Nun?" drängte Neubert. „Da — da — da! Was ist Das?" fragte Soltmann erregt. „Ein Stückchen rother Seide", sagte sein Kollege etwas enttäuscht. „Rother Seide? Ha! Wenn es nur das wäre! Aber ein Stück von jener Maske ist es, welche Sie i gesehen — das heißt, kann es sein; und wenn Das stimmt, haben wir einen bedeutenden Schritt vor- s- wärts gsthan." Neubert bat ihn um eine Erklärung, und Solt- mann ertheilte sie ihm. Wir wiffen, wann und wo er das Stückchen rother Seide gefunden. Es war am Morgen der Visitation des Etwold'schen Hauses; es lag am Eingänge zum Wintergarten. „Wie konnten Sie nur einen so wichtigen Umstand so ganz ignoriren", sagte Neubert kopfschüttelnd- „Dieses Stückchen Seide ist ein untrüglicher Finger' zeig." „Aber ein Fingerzeig ins Leere", entgegnete Soltmann. „Er gewinnt erst Bedeutung durch ein Rendezvous, das ich heute Abend belauschte, und ohne welches Ihre Meldung von dem gefundenen Polinnenkostüm keineswegs mich so erregt haben würde, wie sie es gethan." Und während sie nun weiter schritten, erzählte Soltmann seinem Freunde, was er hinter der Zeltwand im Cafe belauscht hatte. Neubert lauschte aufmerksam. „Das ist allerdings ein merkwürdiges Zusammentreffen von Umständen", sagte er. „Ich glaubte es handle sich nur um eine Spur. Aber das ist mehr als das, das ist ein bestimmter Hinweis. Da genügt mir Ihre Beihülfe allein nicht mehr. Jetzt laffe ich den ganzen „Fuchsbau" aufheben, um in den Besitz des unschätzbaren Bündels zu kommen. Freilich wird das einer großen Polizeimacht bedürfen, denn das Nest ist vollgepfropft mit zweideutigem Gesindel." „Gelegenheit zu einer Razzia", sagte Soltmann. „Aber, wo jetzt mitten in der Nacht die Polizeimacht herbekommen?" „Das ist es eben", entgegnete verdrießlich Neubert. „Und wir haben auch keinen Augenblick zu verlieren, wenn wir es nicht erleben wollen, daß Schiffer und Bündel inzwischen verschwinden. Einer aber ist ihm nicht gewachsen, der die ganze Bande hinter sich hat. Wir müssen Beide ihn so lange aufhalten, bis die Polizei kommt." „Polizei!" lachte Soltmann. „Welche?" „Halt! Wächter da drüben!" rief Neubert einen solchen an. Er eilte sogleich über die Straße und ertheilte dem Anderen einen Auftrag an das nächste Polizeirevier-Büreau. „Kommen Sie, Soltmann!" rief er dann diesem zu. „Jetzt einen Wettlauf auf dem Eise!" Mit hochgeschlagenem Rockkragen, den Kopf eingezogen und die Hände in den Taschen, eilten Beide jetzt schweigend über das glatte Straßenpflaster nach dem „Fuchsbau". Es war ein schmutziger, krummwinkliger Stadt- theil, in den sie jetzt einlenkten. Wenn hier der Schnee die Straßen nicht mit seinem Lichte erhellt hätte, die wenigen, trübe brennenden Lampen hätten es sicher nicht gethan. Endlich hatten sie die Penne des Vater Christoph erreicht. Sie kamen zum Stillstand. „Was. das Nest so gefährlich macht", flüsterte Neubert, „das ist sein großer Umfang und der Umstand, daß es mehrere Zugänge hat, die nach verschiedenen Straßen münden. Dazu nun noch die vielen Fenster! Sie können sich denken, wie schwer es ist, hier alle Oeffnungen zu besetzen. Aber nun hinein! Lassen Sie mich vorangehen." Beide Beamte erschienen mit möglichst unbefangenen Mienen in der unterirdischen Verbrecherwelt. Neubert lenkte sofort seine Schritte nach dem Zimmer, wo er den Kahnführrr gelassen. Als er diesen und in der Ecke das Bündel noch sah, athmete er erleichtert auf. Auch Soltmannn, der ihm zum Tische des Schiffers folgte, gewann bei dem Anblick des Letzteren seine Fassung und Zuversicht wieder. Einen tödtlichen Schreck aber bekam Duprat, als er die beiden Herren eintreten und so Platz nehmen sah, daß er, ohne von ihnen gesehen zu werden, das Zimmer nicht verlassen konnte. Er trat seinem Freunde auf den Fuß und befragte ihn mit den Augen, ob er jene Beiden kenne. Der Baron schüttelte verneinend den Kopf. Duprat nahm hierauf sein Notizbuch hervor, schrieb Etwas hinein, riß das betreffende Blatt heraus und schob es dem Baron über den Tisch zu. Dieser las zu seiner großen Beunruhigung das Folgende: „Zwei gewiegte Kriminalbeamten. Wie kommen wir ungesehen hinaus?" Dryden griff in seine Westentasche, um ein Blei' stiftstückchen daraus hervor zu nehmen und unauffällig eine Antwort zu schreiben. Unglücklicherweise fegte er dabei mit dem Ellenbogen das ihm zur Seite liegende Blatt vom Tisch, und da Duprat sich eben wieder zu Riston gewendet hatte und heimlich nach den Beamten hinüber schielte, bemerkte keiner der Drei das Verschwinden des Blattes, bis ein hinter dem Baron sitzender Kerl es diesem mit einem verschmitzten Lächeln wieder überreichte. „Haben ein Blatt verloren", sagte er. Und sich noch weiter über den Tisch hinneigend, raunte er dem erschreckten Duprat zu: „Haben Nichts zu fürchten. Nur sitzen bleiben. Die gehen noch ohne Licht hinaus." Dann zog sich der Andere, ein Mensch mit abstoßend häßlichen Zügen, wieder hinter seinen Tisch zurück. Als Duprat dann nach einem entsetzten Blick auf feinen Freund noch einmal zu ihm hinüber blickte, nickte Jener ihm gemeinvertraulich zu, als wenn sie nun Verbündete wären. Dem Prokuristen war die Gegenwart dieses Menschen momentan fast unheimlicher als die Anwesenheit der Kriminalbeamten. Jene kannte er nur vom Sehen, und wenn es ihm und Dryden jetzt gelang, unbemerkt zu entkommen hatte er von ihnen auch Nichts weiter zu fürchten. Dagegen konnte dieser Verbrecher unter Umständen sehr lästig und sogar gefährlich werden, zumal wenn man ge- 148 nöthigt war, sich noch weiter mit ihm einzulassen. Dar erwog Duprat bei sich, als er ihn noch weiter heimlich beobachtete. Er bekam förmlich Angst vor diesem Menschen. (Fortsetzung folgt.) Amerikanische AerzLe. (Schluß.) „Aber wie ging es mit den Patienten?" „Schon am Abend des ersten Tages kamen zwei, die offenbar an verdorbenem Magen laborirten; ich gebe ihnen eine unzweifelhaft genügende Dosis Rici- nusöl aus meiner „Apotheke", die hier jeder Arzt besitzt und der eine der alsbald Curirten empfahl mich nachher noch recht angelegentlich in seinem Club. Kurz nachher wurde ich zu einer vornehmen Wöchnerin gerufen. Dabei war mir indessen doch nicht ganz geheuer und ich sann auf Ausreden, wie ich an dieser gefährlichen Klippe vorbeikommen konnte, denn meine späteren Studien in Büchern hatte ich noch nicht gemacht. Da der Diener mich sofort mitnehmen sollte, so war kaum eine Entschuldigung möglich und schweren Herzens machte ich mich auf den Weg, um wenigstens noch eine Heb» amme mitzunehmen, aber denken Sie sich das fabelhafte Glück, — wir waren kaum auf der Straße, so meldete ein zweiter Bote, die Patientin sei inzwischen gestorben. Nun eilte ich hin und versicherte, daß ich die Dahingeschiedene ganz gewiß gerettet haben würde, und richtig verbreitete sich schon den nächsten Tag das Gerücht, der Todesfall bei Mister Parker sei nur dadurch gekommen, daß man mich zu spät gerufen habe. Mein Ruf war schon begründet, ohne daß ich eigentlich schon 'was gethan hatte, aber ich vermehrte doch alsbald meine Apotheke, las mehrere Bücher und inserirte fleißig. Jeden Armen kurirte ich gratis mit Purgativen, denn das ist das große Geheimniß der Medicin. Nach einigen Monaten hatte ich eine Praxis, daß ich mir nachträglich mehrere Diplome verschaffen konnte. Aber plötzlich hatte ich Unglück. In mehreren vornehmen Familien starben mir die Patienten unter den Händen weg, einmal riskirte ich eine kleine Operation und da werde ich etwas zu tief geschnitten haben. Ein andermal verschrieb ich einer jungen Miß eine Dosis, von deren Wirkung ich damals noch keine genaue Vorstellung hatte; leider werde ich die Kranke wohl damit vergiftet haben und so passirten mir noch einige Fälle kurz nach einander. Ich war eben schon zu kühn geworden und eines Tages erschienen in den Zeitungen boshafte Inserate,. als sei ich ein großer indianischer Medicinmann. Ein Artikel stellte mich sogar als den Würgengel des neuen Testamentes dar und schon wollte sich der Sheriff für mich interesstren, als ich auf einem Ausfluge die Familie meiner jetzigen Frau kennen lernte, mit der ich sehr rasch vertraut wurde. Mein jetziger Schwiegervater war Pastor, mein Schwager Sargfabrikant, und meine Frau hatte in Philadelphia Mediein studirt. Schoner konnte ich es gar nicht treffen und es war mir sofort klar, daß mein Hell gefunden sei. Möglichst rasch wurde die Hochzeit betrieben und inzwischen siedelte ich hierher über, wo ich nun besonders Magenkrankheiten beseitige und für Verwundungen nicht zu Hause bin, während meine 9ton für Geburtshülfe eine besondere Passion hat. Ich brachte einen ausgezeichneten Rus mit und meine Feinde in Chicago galten als Neider. Ich gedenke jetzt noch eine große Droguerie einzurichten und damit Gott besohlen." Mit diesen Worten schloß meines Landsmannes Lebensgeschichte. Mir selbst war diese Carriöre denn doch zu gewagt, aber seiner Empfehlung verdankte ich bald einen andern Posten und reiste dann ab. Mehrere Jahre lang hörte ich nichts von ihm. Eines Tages führte mich eine Geschäftsreise über Louisville und auf einem Spaziergange durch die Stadt sah ich mit Verwunderung eine Anzahl von Häusern, Bäumen und die Trottoirs mit großen farbigen Zetteln beklebt, worauf zu lesen war: Auf allgemeinen Wunsch sei aus Boston der berühmte Arzt Dr. — gekommen und habe auf dem Markte im Hotel So und so sein Domicil aufgefchlagen, um Lungenleiden, Gallensieber, Schwindsucht, Bandwürmer und alle übrigen Krankheiten zu heilen, welche von den Aerzten schon aufgegeben seien. Auf dem Markte gab es ein förmliches Gewühl von Wagen und Sänften und mit vergnügten Gesichtern schauten 5 oder 6 der bekanntesten Aerzte diesem Treiben zu. Dursten sie ja doch sicher sein, daß nun doch nicht sie selbst die Schuld zu tragen brauchten, wenn man in Kurzem die von ihnen auf- gegebenen Patienten hinaustrug, während es für den freniden Retter schon nach wenigen Tagen Zeit sein maßte, wieder zu verschwinden. Dieser selbst, dem offenbar ein ganzes Rudel Agenten zu Gebote stand, hatte seine Kuren aber auch nicht auf lange Dauer berechnet, denn an seinem Hotel klebte ein, eine ganze Etage hohes Plakat, auf dem ich las: Kommt Ihr Unglücklichen, die Ihr von Pfuschern um Gesundheit und Geld betrogen seid, hier ist Rettung! Kommt selbst oder schickt euer Wasser, woraus ich Eure Leiden ersehen kann, nur einen Dollar für euere Heilung. Werdet Ihr nicht gesund, so bekommt Ihr Euer Gold zurück, aber ich bin der einzige lebende Arzt, der wirklich helfen kann." Zwei Neger in der Thür schleppten die Kranken förmlich ins Haus. Emen Augenblick nachher vernahm ich einen brausenden Jubelruf und auf dem offenen Balkon erblickte ich den Netter der Stadt — meinen Landsmann aus Boston- Zwei Tage nachher mar derselbe wie es hieß, nach Kalifornien abgereist. Wie er zu dieser neuen Praxis gekommen, habe ich nie erfahren, jedenfalls aber war es ihm in Boston ähnlich ergangen wie in Chicago. Dr. Fr. Müller. Itedacti-n: A- Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Aruckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.