Hießener Isamilienblätter. Belletristischer Beiblatt rum Gießener Anreiger. Nr. 74. Samstag den 26. Juni. 1886. Saat und Ernte. Roman von Ewald August König. (Fortsetzung.) „An jenem Tage, an dem Sie zuletzt mich besuchten, erwartete ich das entscheidende Wort von Ihnen — ich wußte, daß Sie es sprechen würden und mein Herz jubelte Ihnen entgegen. Wie sehr hatten Sie mich verkannt, daß Sie glauben konnten, ich würde die Wunde, die Sie im Kampf für das Vaterland erhalten hatten, Ihnen zum Vorwurf machen! — Was galten mir Ruhm und Reichthum gegenüber der Liebe eines edlen Mannes? — Ich war freudig bereit, das Alles hinzugeben, und wenn meine Mutter diese Anschauung nicht theilte, so konnte ich ihr das nicht übel nehmen. Sie ruht nun unter dem Rasen und ich darf ihr das ehrende Zeugniß geben, daß sie eine brave Frau war, die Nichts sehnlicher wünschte, als mich glücklich zu sehen. Und glauben Sie mir, sie hegte keine Antipathie gegen Sie, nur mit Hochachtung sprach Sie von Ihnen, und wenn damals ein böses Wort ihren Lippen entschlüpfte, so mag es im Eifer der Rede geschehen sein, und aus manchen Gründen läßt es sich entschuldigen. Ich war beklommen; ich wußte nicht, wie Sie die Mittheilungen aufnehmen würden, die ich Ihnen machen mußte, und die Entschiedenheit, mit der meine Mutter mich veranlaffen wollte, Ihre Werbung abzulehnen, verwirrte mich noch mehr. Sie glaubten, wir seien vermögend und einer hochangesehenen Familie Italiens entsprossen. Ich hatte Ihnen gesagt, daß der Name Barlotti kein nom de guerre, sondern der wahre Name meines Vaters sei, aber verschwiegen hatte ich dabei, daß mein Vater als armer Gypsfigurenhändler über die Alpen nach Deutschland gekommen war. Er hei- rathete ein deutsches Mädchen, und seinem maßlosen Fleiße gelang es, so viel zu erwerben, daß er selbst ein kleines Geschäft errichten konnte. Ein anderer Italiener, ein alter Musiker, der oft in unser Haus kam, wurde auf meine Stimme aufmerksam, er gab mir den ersten Unterricht, später nahmen sich andere Musikfreunde meiner an; ihnen verdanke ich meine Ausbildung. "Sie wußten das Alles noch nicht, und ich hätte es Ihnen sagen müssen, sobald Sie meine Ep^cheidung forderten — das machte mich verwirrt beklommen; ich fürchtete, meine niedrige Her- würde Sie zurückschrecken. Und jenen Brief rmifte ich Ihnen nicht zeigen, weil wir in ihm an die Zahlung einer drückenden Schuld gemahnt wurden. Hätten Sie nur in jener Stunde das erlösende Wort gesprochen, das den Bann, der auf mir lag, brechen mußte, vielleicht würde Alles sich zum Guten gewendet haben! Aber Sie reisten ab, ohne mir Gründe zu nennen, ohne von mir, wie ich es doch erwarten durfte, Abschied zu nehmen, und Sie werden begreifen, daß mich dies überraschte und erbitterte. Und als ich Sie nun gestern wieder- sah, da drängte es mich, aus Ihrem eigenen Munde zu hören, weshalb Sie mir damals so wehe gethan, mein armes, nur nach Liebe sich sehnendes Herz so tief verwundet hatten. Daß ich dieses Wiedersehen nur deshalb gewünscht habe, um Sie der Schaar meiner Anbeter zuzugesellen, das war wohl nur ein bitterer und unüberlegter Scherz Ihrerseits --ich möchte Sie unter dieser Schaar nicht sehen." Aus den tiefblauen Augen des Hauptmanns leuchtete namenloses Glück; ein leiser, jubelnder Ruf entfuhr seinen Lippen, der starke Mann lag vor ihr auf den Knieen und blickte flehend ihr in das erglühende Antlitz. „Kannst Du jetzt noch mir verzeihen, Julia?" fragte er mit bebender Stimme. Sie schlang ihre Arme um ihn und zog ihn empor an ihr stürmisch pochendes Herz. „Du böser Mann", flüsterte sie, „zweifelst Du noch immer an meiner Liebe? Wie manche böse Stunde wäre uns erspart geblieben, hättest Du niemals diesem Zweifel Raum gegeben! Ich habe Dich seit jenem Tage gesucht. — O! Nun ist Alles gut, nun muß sich Alles, Alles wenden!" Trunken vom Glück, hielten sie sich lange einander umschlungen, bis der Hauptmann sich endlich den Armen der Geliebten sanft entwand. „Denken wir nun nicht mehr an Das, was hinter uns liegt", sagte er, „schauen wir freudig in die Zukunft. Liegt es doch nun in unseren Händen, unser ganzes Leben sonnenhell zu gestalten. Würdest Du mir das Opfer bringen, fortan auf Ruhin nnd Lorbeer zu verzichten?" „Ohne Zögern, Feodor", erwiderte sie lächelnd. „Dir allein ist nun mein Leben gewidmet." „Vielleicht wird Dir das Leben auf meinem Gute einsam und einförmig erscheinen. Besuche in und aus der Nachbarschaft und gelegentliche Reisen würden freilich einige Abwechselungen bringen." — „Ich habe genug, wenn Du nur bei mir bist!" „Und ich werde Dich auf meinen Händen tragen, Julia. Mein ganzes Denken und Trachten soll nur 294 Deinem Glücke gelten. — Du bist noch contraktlich gebunden?" „Bis zum Frühjahr", nickte sie. „Vielleicht kann der Contrakt gelöst werden", sagte er, während er sie mit seinem gesunden Arm umschlungen hielt und ihr mit tiefinnigem Blick in die leuchtenden Augen schaute. „Der Direktor muß ja unter den obwaltenden Verhältnissen Rücksicht nehmen." „Wenn Du das hoffst, kennst Du die Theater« direktoren nicht", unterbrach sie ihn scherzend. „Rücksichten kennen sie nicht, wenn es sich dabei um eine Primadonna handelt, die so leicht nicht ersetzt werden kann. Und daß ich contraktbrüchig werden soll, wirst Du wohl nicht verlangen. Uns würde dies eine große Summe kosten, für die wir bessere Verwendung finden können." „Was thut's, Julia", erwiderte er achselzuckend, „ich bringe dieses Opfer gern." „Aber wozu? — Machen wir unsere Verlobung bekannt, so werden meine Verehrer fortan mir fern bleiben, -- die Braut eines Andern hat für Niemand mehr Interesse." „Und der Landrath?" fragte er, die Brauen leicht zusammenziehend. „Ich würde mir seine ferneren Besuche auch dann verbeten haben, wenn dieses Wiedersehen nicht stattgesunden hätte", erwiderte sie, die Oberlippe trotzig aufwerfend. „Er war mir bisher gleichgiltig, jetzt aber verachte ich ihn wegen seiner Zudringlichkeit und seines unehrenhaften Benehmens gegenüber seiner Gattin. Was ist Das?" Sie hatte das elegante Etui, das auf dem Tische lag, erst jetzt bemerkt. Hastig öffnete sie es; — ihre Wangen erbleichten, als die funkelnden Steine ihr entgegenblitzten. Hastig griff sie nach der silbernen Schelle. Sichtbar bestürzt trat Carlotta im nächsten Augenblick ein. „Wie kommt dieser Schmuck hierher?" fragte Signora Barlotti, die Zofe erwartungsvoll anblickend. „Der Herr Landrath gab mir das Etui. Er bat mich, Ihnen dasselbe einzuhändigen." Julia wechselte mit ihrem Verlobten einen bedeutungsvollen Blick. „Ueberlaß es mir, ihn zurückzuschicken", sagte er leise. Sie nickte bejahend und übergab ihm das Etui, das er in seine Rocktasche steckte. „Ich bin für den Herrn Landrath nicht mehr zu sprechen", befahl sie der Zofe. „Sollte er sich mit dieser einfachen Erklärung nicht begnügen, so magst Du ihm sagen, daß ich die Braut des Herrn Hauptmann Feodor von Görlitz sei." Ueberrascht blickte Carlotta die Beiden an, dann glitt auch über ihr Antlitz ein freudiges Lächeln. „So danke ich dem Himmel, daß Sie endlich den Hafen der Ruhe gefunden haben", sagte sie mit herzlicher Theilnahme, während sie, ihrem natürlichen Gefühle folgend, Beiden die Hand bot; „find Sie, Herr Hauptmann, bitte ich, machen Sie meine schöne Herrin so glücklich, wie sie es um ihrer treuen Liebe willen verdient. Sie werden nie ein Menschenherz finden, das treuer und inniger lieben kann." Diese schlichten und einfachen Worte machten auf Beide einen tiefen Eindruck. Ihre Augen wurden feucht und mit bewegter Stimme dankte er der treuen Dienerin für ihre aufrichtige warme Theilnahme, die ihnen wohlthat. „Der Herr Referendar wartet noch immer", scherzte Carlotta. — „Ich werde ihm nun wohl bedeuten können, daß er zu einer gelegenen Zeit wieder kommen möge." „Rein, nein!" erwiderte Signora Barlotti rasch, sich zu ihrem Verlobten wendend. „Ich glaube, wir sind es diesem treuen Freunde schuldig, ihn an unserer Freude theilnehmen zu lassen." „Ich bin ganz damit einverstanden", nickte er. — „Du kennst ihn freilich länger als ich, aber ich glaube, daß er ein Freund in des Wortes edelster Bedeutung ist." Julia gab der Zofe einen Wink, aber erst nach einer geraumen Weile trat der Referendar ein, und seine ersten Worte verriethen, daß Carlotta ihm die überraschende Neuigkeit bereits mitgetheilt hatte. „Wer ein holdes Weib errungen, mische seinen Jubel ein", sagte er in heiterem Ton, während er die Hand der Signora an seine Lippen zog und darauf dem Hauptmann die Hand schüttelte. „Du hast's erreicht, Oktavio, ich aber sei, gewährt mir die Bitte, in Eurem Bunde der Dritte." „Ist es Ihnen denn ganz unmöglich, vernünftig zu reden", scherzte Signora Barlotti. „Er ist besser als sein Ruf", erwiderte der Hauptmann in demselben Ton, „und ich hoffe, daß er unser treuer Freund bleiben wird." „Wo alles liebt, kann Karl allein nicht hassen, Herr Hauptmann. Eigentlich sollte ich Ihnen zürnen, daß Sie diesen strahlenden Stern uns entführen wollen, — wo finden wir nun Ersatz? Sie freilich werden über diese Frage sich den Kopf nicht zerbrechen, denn was ist ihm Hekuba, was ist er ihr, daß er um sie soll weinen?" „Trösten Sie sich", sagte die Signora, „bis zum Frühjahr bleibe ich, meinen Contrakt breche ich nicht, und bis dahin wird wohl Ersatz gefunden sein." Der Referendar schüttelte wehmüthig das Haupt, und wohl fühlend, daß er hier überflüssig war, schickte er sich an, Abschied zu nehmen. „Sie werden wohl schwerlich.mitgehen?" wandte er sich zu dem Hauptmann. --„Madame Schirmer wartet nicht; wer sich nicht rechtzeitig zur Tafel einfindet, muß nachexerciren —" „Du bleibst heute Mittag bei mir, Feodor", unterbrach Signora Barlotti ihn; „wir habe^uns noch so viel zu erzählen, und heute kann ber' ganz Dir widmen." -af- Ber Hauptmann umschlang ihre Taille* 295 dem Referendar die Hand; ein Lächeln des Glücks umspielte ihre Lippen. „Entschuldigen Sie mich gütigst", sagte er; „Sie werden begreifen, wie gerne ich diesem Wunsche nachkomme. Ich bitte Sie, auch meinen Burschen wissen zu lasten, daß ich erst gegen Abend heim« kommen werde." In gehobener Stimmung verließ der junge Mann das glückliche Paar; er durfte sich sagen, daß die Beiden hauptsächlich seiner Vermittelung, das Glück verdankten. Ihm hatte der Hauptmann kurz vor seinem Besuch bei der Sängerin sein Herz eröffnet, und er hatte ihm zugeredet, offen und ohne Rückhalt die Gründe seiner damaligen plötzlichen Abreise zu berichten; Vertrauen erzeugte Vertrauen, und das Uebrige werde dann ja sich finden. Dem Hause, in welchem die Sängerin wohnte, schräge gegenüber lag eine Weinschenke, und aus dieser Schenke trat der Landrath, als der Referendar eben an ihr vorbeigeschritten war. „Auf ein Wort, Herr Referendar!" rief er ihm nach. Emil Rommel blieb stehen; er erschreck, als er in das todesbleiche, verzerrte Antlitz des sonst so stolzen und ruhigen Mannes blickte. „Wo ist der Hauptmann von Görlitz?" fragte Ackermann mit bebender Stimme. „Er blieb bei der Signora Barlotti", erwiderte der Referendar ruhig. „Sie haben ihn dort eingeführt, Sie —" „Allerdings, Herr Landrath; indeffen geschah dies auf den ausdrücklichen Wunsch der Signora, die gestern Abend den Herrn Hauptmann im Parauet entdeckte." „Er wurde also heute Morgen erwartet?" „Jawohl." (Fortsetzung folgt.) Die Kroöerung der WaMe. (Nach einer Denkschrift der Besatzung). Eines der wichtigsten Ereigniffe der .ersten Zeit der französischen Revolution war unstreitig die Erstürmung der Bastille, welche seit Jahrhunderten und namentlich unter der Herrschaft der drei Ludwige so vielen Opfern der Willkürlichkeit zum Kerker gedient hatte. Den gerechtfertigten Haß, den das Volk gegen dieses Staatsgefängniß genährt hatte, und der an jenem denkwürdigen 14. Juli 1789 in mächtigen Flammen aufschlug, schürte wohl ein einige Jahre zuvor erschienenes Werk „Les memoires sur la Bastille“ von Linguet an. Dieser früher Advokat gewesene, dann als Schriftsteller mit herbem Tadel die Mißbräuche seines Vaterlands, in den außerhalb Frankreich's von ihm herausgegebenen „Annales politiques, civiles et litteraires du dix-huit Tieme sie ole „ bekämpfende Mann, war selbst nahezu zwei Jahre in der Bastille gefangen gehalten worden und hatte sofort nach seiner Freilassuch in ebengenannter Zeitschrift die obenerwähnten „Denkwürdigkeiten über die Bastille" veröffentlicht. Einer in dem letzten Monat in dem rührigen Verlage von Philipp Reclam jun. in Leipzig, in der Universal-Bibliothek, erschienenen Uebersetzung des Linguet'schen Werks von Robert Habs, ward von dem Bearbeiter in umfassenden Ergänzungen und Berichtigungen eine Reihe der wichtigsten Aufschlüsse über jenes Staatsgefängniß, seine Einrichtungen, Verwaltung, Bewohner und seinen endlichen Untergang beigegeben, die den vorzüglichsten Quellenwerken entnommen wurden. Ein Abschnitt „Kurze Geschichte und Beschreibung der Bastille" ward von Habs nach dem bedeutenden Charpentier'schen Werke bearbeitet, und lehnt an diese Bearbeitung nachstehende Entnahme mehrerer weniger bekannter Einzelnheiten über die Eroberung jenes Staatsgefängnifles an. Am 14. Juli 1789 beherbergte die Bastille nur sieben Gefangene, Tavernier, der, ehe er in der Bastille eingekerkert war, zehn Jahre auf den Inseln Sainte-Marguerite gefangen gewesen und dessen Geist bei der Erstürmung der Bastille bereits völlig zerrüttet war, Pujade, la Roche, den Grafen de Solages, de Whyte, la Caurege und Bechade. Diese wurden von drei Schließern bewacht. Wie die 82 Invaliden der Besatzung in einer Denkschrift ausführten, fand man, außer jenen sieben Gefangenen, weder Leichen, noch Angekettete, noch Skelette. Letztere wurden freilich später bei der Demolirung gefunden, und zwar stellt Habs fest, daß es die Ueberreste jener in der Bastille gestorbenen Opfer gewesen, die wegen ihres Glaubens nicht in geweihter Erde bestattet wurden. Wegen der in jenen Juli-Tagen in Paris stets wachsenden Aufregung und namentlich seit dem Auflaufe der in der Vorstadt Saint-Antoine vor dem Hause des Sieur Reveillon stattgefunden, hatte de Launay, der Gouverneur der Bastille, diese in Vertheidigungszu- stand setzen lassen. Auf den Thürmen befanden sich am 14. Juli 1785 fünfzehn Geschütze, welche so aufgestellt waren, daß sie nur einmal abgefeuert werden konnten. Ein neues Laden mußte die Bedienung dem feindlichen Feuer aussetzen, wenn man nicht anders zu dem auf Kriegsschiffen bräuchlichen Verfahren des Zurückziehens der Geschütze während des neuen Ladens greifen wollte. Auf dem großen Hofe der Bastille, dem Eingangsthor gegenüber, standen hingegen drei erst kurz zuvor aus dem Arsenal herbeigeschaffte Vierpfünder, die mit Kärtätschen geladen waren. Außerdem hatte der Gouverneur noch zwölf Wallbüchsen oder Böller (amusettes) aus dem Waffenmagazin nehmen und in das Schloß bringen lassen. Obwohl sechs dieser Wallbüchsen in Stand gesetzt wurden, konnte doch nur eine, welche die einen Theil der Besatzung bildenden Schweizer in einer am Thor der großen Brücke angebrachten Schießscharte aufgestellt hatten, verwendet werden. Dieses einzige Geschütz hat aber hier für sich allein mehr Unglück angerichtet, als alle übrigen Feuerwaffen der Besatzung, Kanonen wie Musketen, zu- sammengenommen. An Geschossen und an Pulver fehlte es nicht; von letzteren waren 250 Fässer, jedes 125 Pfund, vorhanden, welche die Schweizer vom Regiment Salis-Samaden in der Nacht vom 12. bis 13. Juli aus dem Arsenal der Bastille in deren Hof gebracht hatten. Außer dem Geschütze und der Munition hatte der Gouverneur noch am 9. oder 10 Juli sechs Wagenladungen Steine und altes Eisen auf die Thürme schaffen lassen, um da- mit die Zugänge zur Brücke zu vertheidigen, wenn die Munition ausginge, oder wenn die Belagerer so nahe heran kämen, daß das Geschütz gegen sie unwirksam würde. Auch hatte de Launay einige Tage zuvor alle Zugbrücken ausbeffern und alle Geländer entfernen lasten, damit die letzteren nicht nach dem Aufzug der Brücken zum Ueberschreiten der Gräben dienen konnten. Den Gefangenen Tavernier hatte man, um in seinem Zimmer neue Schießscharten anbringen zu können, einige Tage zuvor nach einem anderen Thurme verbracht. Noch schlimmer sah es mit der Proviantirung der Bastille aus. Es fanden sich nur zwei Säcke Mehl und etwas Reis vor. Zwar fehlte es nicht an Holz, wohl aber an einem ordentlichen Backofen. Wegen des Trinkwassers war man fast nur auf die die Bastille umgebenden Kanäle angewiesen. Einer langen Belagerung hätte man sicher nicht widerstehen können. Außer den 82 Invaliden bildeten 32 Schweizer vom Regiment Salis-Samaden unter dem Kommando des Grenadier-Lieutenants Louis de Flüe die Besatzung. Am 12. Juli 1789 des Abends begann die Revolution in Paris. Das Volk schaarte sich in den verschiedenen Vierteln der Hauptstadt zusammen und ein Theil griff zu den Waffen. Am 12. Juli bemächtigte man sich, ohne Furcht vor den auf dem Marsfeld lagernden. Truppen und ungeachtet der Bitten des Gouverneurs, des Herrn de Sombreuil, des Jnvalidenhauses. In dessen Kellern befanden sich, nach Mignet, 80000 Gewehre und viele andere Waffen. Man führte alles im Triumphe fort und pflanzte die vorgefundenen Kanonen am Eingänge der Vorstädte, am Schlöffe der Tuilerieen, auf den Quaies und den Brücken auf, um die Hauptstadt zu schützen und dem stündlich zu erwarteten Angriff kräftig zu begegnen. Die Nachricht, daß die bei Saint-Denis aufgestellten Regimenter im Anmarsch auf Paris seien und daß der Gouverneur der Bastille deren Kanonen auf die Straße Saint-Antoine habe richten laffen, gaben dem Haffe und der Erregung der Menge neue Nahrung. Man beschloß die Bastille zu stürmen und mit dem Rufe: „Nach der Bastille!" zogen die bewaffneten Bürger aus allen Theilen der Stadt gegen das gefürchtete Staatsgefängniß. Die Besatzung deffelben war während des 13. den ganzen Tag im Innern des Schlaffes geblieben, nur 12 Mann waren auf die Thürme zur Beobachtung der Vorgänge außerhalb der Bastille commandirt worden. Dienstag den 14. des Morgens, so fährt der Bericht der Invaliden fort, erschienen um 10 Uhr drei Männer am Gitter der Bastille und sagten dem wachhabenden Soldaten, daß sie Deputirte der Hauptstadt seien und den Gouverneur sprechen wollten. Der Soldat führte jene Herren bis an die kleine Zugbrücke und ließ ihre Ankunft Herrn de Launay melden. Dieser erschien mit den übrigen Officieren des Stabs an der ersten Brücke, welche auf seinen Befehl Herabgelaffen ward. Beim Anblick der ungeheuren Volksmassen, die jenen drei Deputirten folgten, erklärte er jedoch, daß nur diese eintreten dürften, hingegen vier Officiere so lange als Geiseln zum Volke hinausgehen sollten, bis die Deputirten die Bastille wieder verlaffen hätten. Kurz nachdem die Deputirten in den ersten Hof der Bastille geführt worden waren, erschien der gleichfalls von einer Menge Volkes jeglichen Standes ^begleitete Parlamentsrath Thuriot de la Roswre, erster Wähler des Distrikts Saint Louis-de-la-Culture und forderte im Namen des Vaterlandes von de Launay, daß er die auf den Thürmen der Bastille aufgepflanzten Kanonen, die in ganz Paris Besorg- niß erregten, sofort wegnehmen lasse. Der Gouverneur entgegnete, daß dieses nicht in seiner Gewalt läge und daß er die Kanonen nur auf Befehl des Königs herabnehmen lassen könne. De la Rosiöre ersuchte nun den Gouverneur um Erlaubniß, den inneren Hof der Bastille zu betreten, was ihm nur mit Widerstreben und auf Zureden des Majors des Schlosses, Herrn de Losme, zugestanden wurde. Im ersten Jnnenhofe angelangt, forderte de la Rosiäre die Soldaten, die er dort fand, im Namen der Nation auf, die Richtung der Kanonen zu ändern und sich zu ergeben. Hierauf schwuren Officiere und Soldaten, auf persönliche Ermahnung des Gouverneurs, nicht zu schießen und von ihren Waffen keinen Gebrauch zu machen, falls sie nicht angegriffen würden. Hierauf bestieg de la Rosiöre die Thürme, um sich mit eigenen Augen von Allem zu überzeugen, und danach den Bürgern, die ihn geschickt hatten, einen um so wahrheitsgetreueren Bericht über seine Sendung geben zu können. Bei seiner Herabkunft erklärte er mit lauter Stimme vor den Offfcieren und Soldaten, daß er zufrieden sei, daß er dem Volke Bericht erstatten werde und die Hoffnung hege, daß dieses eine Bürgerwache stelle, welche im Verein mit den im Schlosse befindlichen Truppen die Bastille hüten solle. Hierauf verließ er das Schloß und kehrte mit dem Gouverneur de Launay in dessen Haus zurück. Um das unterdessen über das lange Verbleiben seines Deputirten ungeduldig gewordene Volk zu beruhigen, trat dieser an ein Fenster und versicherte, daß er in wenigen Augenblicken draußen sein werde. Kurz darauf verließ er den Hof. (Schluß folgt). Redaktion; A. Schetzda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.