Hießener Isamiüenbläün. Deketristrfches Beidlktt MW Gießener Anzsiger- 1 «KjjraKiK-rjMrww. t*". ,ai*»>iai^n-»«nMHu«uxfcjurrawTKwrccaaB»*a>eBgt*M--agwfcii iCTCTuxTnr ,/n«=mT=C-T»v■fflSWSXJran-»^»--kwv M, 1j. Dienstag den 26. Januar. . 1.886. Km Spiel des Zufalls. Roman in drei Blinden son Ewald August König. (Fortsetzung). „Und wenn Sie rs nun nicht finden?" „Quälen wir uns jetzt nicht mit solchen Zweifeln", bat er, „warten wir ab, was heute Mittag geschehen wird. — Wenn unser Plan mißlingen sollte, so bleibt eben nichts übrig, als daß wir einen andern entwerfen; wir haben wenigstens die Ueberzeugung, daß wir nun die rechte Spur verfolgen. Dars ich eine Frage an Sie richten?" Wieder schlug sie die schönen Augen zu ihm auf. Sie mochte wohl in seinen Zügen einen Ausdruck finden, der ihr sofort die Frage verrieth; erglühend senkte sie die Wimper wieder, ohne eine Antwort zu geben- „Erlassen Sie es mir, nach glatten Worten zu suchen, auf die wir ja Beide keinen Werth legen", fuhr er mit gepreßter Stimme fort, während er ihr näher rückte und seine Hand auf die ihrige legte, „gestatten Sie mir nur, daß ich die einfache Frage an Sie richte, ob Sie meine Gattin werden wollen. Vielleicht wissen Sie es schon, wie innig ich Sie liebe und wie glücklich mich ihr Jawort machen würde; vielleicht darf ich hoffen, daß auch ich Ihnen nicht ganz gleichgültig bin; darauf aber dürfen Sie fest vertrauen, Fränzchen, daß es meines Lebens schönste Aufgabe sein wird, Sie glücklich zu sehen, wenn Sie mir Ihre Hand anvertrauen wollen. Antworten Sie mir offen, ich werde Ihnen auch dann ein treuer und selbstloser Freund bleiben, wenn Sie glauben, mir eine ablehnende Antwort geben zu müffen." Fränzchen hatte, wie es schien, ihre Fassung wiedergefunden, sie war auf die Werbung nicht so ganz unvorbereitet gewesen. „Wäre es nicht besser, wenn Sie diese Liebe bekämpfen und vergessen wollten?" erwiderte sie leise mit bebender Stimme. „Besser?" fragte er befremdet. „Ja, denn ich bin nicht allein völlig mittellos, sondern auch die Schwester eines Mannes, dessen Namen entehrt ist. Glauben Sie ungestraft diesen entehrten Namen . . ." „Wir werden ihm ja die verlorene Ehre wiedergeben", warf er ein. „So hoffen Sie, und ich theile natürlich diese Hoffnung", fuhr sie fort, noch immer mit gesenktem Haupte starr vor sich hinblickend; „aber sie kann scheitern, wie schon so manche Hoffnung gescheitert ist, und dann bleibt die Unehre auf meinem Namen ruhen." „Auf Deinem Namen, Du theures Wesen?" erwiderte er leidenschaftlich. ,,Dich trifft ja keine Schuld, und wenn auch die ganze Welt das Gegen- theil behauptete, ich würde Dich d'rum nicht minder lieben. Werde mein, Geliebte, und wir wollen Allem trotzen, kein Schatten soll durch die Bosheit Anderer auf unser Glück fallen. Wenn Du meine Liebe noch nicht erwiderst, so sage nur das Eine, glaubst Du, mich lieben zu können?" Er hatte seinen Arnr um sie geschlungen, und sie duldete es, und als er sie inniger an sich zog, legte sie das blonde Köpfchen an seine Brust, in der das liebesehnende Herz so stürmisch schlug. „Ob ich es kann?" flüsterte sie, die Augen langsam zu ihm erhebend und eine 'Fülle von Liebe leuchtete aus diesen schönen, thränenfeuchten Augen ihm entgegen. „N.cht dem Mangel, sondern der Ueberfülle von Liebe entsprangen meine Bedenken, denn ich liebe Dich, Du Einziggeliebter, leit der Stunde, in der ich zum ersten Male Dir in's Auge schaute." Sie kam nicht weiter, seine Lippen schlossen ihren rosigen Mund, sie schloß sich eng und innig an ihn, ihre Arme umschlossen seinen Nacken und nur die freudetrunkenen Blicke sprachen noch von heißer, un- sagbarer Liebe. So fand sie dcr Oberst, als er mit der brennenden Pfeife in der Hand wieder eintrat. Bei seinem freudig ausgestoßenen „Schwerenoth!" flogen sie erschreckt auseinander. ,,Ra, na, Fränzchen, wie bald sich doch die Ansichten eines jungen Mädchens ändern können!" sagte er in seiner jovialen Weise, während sie über und über erglühend in seine Arme eilte, als ob sie ihn um Verzeihung bitten wolle. „Ich glaube, es ist noch keine halbe Stunde verstrichen, seit Du mir gelobtest, mich bis an mein seliges Ende pflegen zu wollen." „Dieses Gelübde treu zu erfüllen, ist nun auch meine Pflicht", erwiderte der Doktor ohne Zögern, „wir wollen Ihnen an unserm Herde ein trauliches Heim bereiten, das gelobe auch ich Ihnen auf ! Manneswort." Gütig lächelnd, wie ein zärtlicher Vater, der i seines Kindes höchsten Wunsch erfüllt sieht, küßte ■ der Oberst Fränzchen auf die Stirne, bann fuhr er mit der Hand leicht über ihr blondes Haar. 42 „Es war nur Scherz", sagte er, dem Advokaten beide Hände reichend, „ich finde ja auch auf dem Ulmenhof ein Heim. Gottes Segen über Sie. wenn Sie, wie ich erwarte, dieses theure Kind glücklich machen. Sie haben eine Perle gefunden, lieber Freund, deren unschätzbaren Werth Sie erst später kennen lernen werden.' „Ich weiß den Werth dieser Perle zu schätzen", antwortete der Doctor, den Händedruck des alten Herrn mit warmer Herzlichkeit erwidernd, „und ich glaube mit voller Zuversicht behaupten zu dürfen, daß wir beide glücklich werden." Von seinem Arme wieder umschlungen, blickte Fränzchen dem Verlobten mit einem Lächeln des Glücks in die leuchtenden Augen, der Oberst aber Zog ungestüm an der Glockenschnur. „Ein solches Fest muß mit Gläserklang eingeläutet werden!" sagte er, dem Brautpaare fröhlich zunickend. . , Das breite Gesicht des FlachSkoPf's blickte rns Zimmer. , „ „Eine Flasche Mein!" donnerte der Oberst. „Nischt mehr da, Herr Oberst!" lautete die Antwort. „Nur leere Flaschen und Etiquetts." Die heitere Miene des alten Herrn umwölkte sich, er heftete den Blick fragend auf Fränzchen, in deren Zügen sich eine leise Verlegenheit spiegelte. „Ich meine, Du hättest eine neue Sendung bestellen wollen?" sagte er. „Das ist auch geschehen, lieber Onkel", antwortete sie. „Schwerenoth, und der Wein ist noch nicht gebracht worden?" „Halten zu Gnaden Herr Oberst", erwiderte Konrad, der mit seinem freundlichen Grinsen an der Thür stand, „der Weinhändler ist auch einer von der Schwefelbande, er will vorher —" „Schweig!" rief der alte Herr. „Wenn man Dich ausschickt, kommt immer ein Kameel zurück!" „Zu Befehl, Herr Oberst! Aber Kümmel ist noch im Keller —" „Hinaus!" „Regen Sie sich doch deshalb nicht auf", bat der Doktor, der seiner Heiterkeit nur mit Mühe gebieten konnte, daß sie nicht in helles Gelächter ausbrach, „ich werde ja heute noch einmal hierher kommen, und bringe ich dann eine frohe Nachricht mit —" „Dann sollen hier die Champagnerpropfen knallen'." rief der Oberst. „Na, wir hätten darum doch auch jetzt schon auf eine glückliche Zukunft anstoßen können, und ich würde mir ja auch diese Freude wahrhaftig gar nicht nehmen lassen aber —" „Warten wir damit Herr Oberst, ich habe auch wirklich keine Zeit mehr. Um zwölf Uhr »der doch gleich nachher soll die Sache sich entscheiden, und Sie werden begreifen, daß ich dem Ort der Entscheidung nahe zu sein wünsche, damit ich meiner geliebten Braut unverzüglich die Freudenbotschaft bringen kann," „Schwerenoth, lieber Freund, das ist freilich ein Grund, bett wir gelten taffen müffen!" sagte der Oberst, ihm die Hand reichend. „Also auf baldiger frohes Wiedersehen, inzwischen will ich sorgen, daß der Weinhändler Ordre parirt, die ganze Geschichte ist nur ein Miß»erständniß, das der Esel von Bursche verschuldet hat." Der Doctor hörte die letzten Worte nicht mehr, er nahm von seiner Braut zärtlichen Abschied, und da sie wohl Beide befürchten mochten, daß der alte Herr feine Glossen darüber machen weide, so begleitete Fränzchen ihn hinaus. „Mein Glück wird vollkommen sem, wenn Du mir die Nachricht bringst, daß Gustav seine Ehre und seine Freiheit zurückerhalten wird", sagte sie, mit eine« flehenden Blick ihn anschauend. „Wann darf ich Dich erwarten?" „Gleich nach Tisch", erwiderte er. „Es kann zwei auch drei Uhr werden, ehe wir volle Gewtßhctt haben, und für Dich hat ja diese allein jetzt noch Werth. Aber wenn ich auch im Laufe des Nachmittags vergeblich auf mich warten lassen sollte, verzage deshalb nicht, Geliebte, es ist ja mögltch, daß wir auf Schwierigkeiten stoßen, die wir nicht vorausgesehen haben." , . „Wenn er nur keine unüberwindliche Schwierigkeiten sind 1" „Zweifelst Du noch immer?" scherzte er. „Kannst Du es mir verdenken, Du theurer Mann? Nicht an Dir und Deinem ernsten Willen zweifle ich, das Gelingen eines solchen Planes hängt ja oft nur vom Zufall ab." „Muth, mein Kind, Muth und nur noch kurze Zeit Geduld! Aber nun muß ich wirklich gehen, lebe wohl, auf frohes Wiedersehen!" Er küßte sie noch einmal, dann eilte er Die Treppe hinunter und nachdem er vor dem Hause abermals einen prüfenden Blick auf seine Uhr geworfen hatte, schlug er den kürzesten Weg zum „Schwarzen Adler" ein, wo der Criminalrath mög- licherweise schon auf den Banquier Reichert wartete, der die englischen Banknoten von ihm kaufen wollte. Oben stand Fränzchen am Fenster und blickte ihm mit leuchtenden Augen nach, während der Oberst mit tiefgefurchter Stirne und finster zusammenge- zogenen Brauen auf und nieder wanderte. Endlich blieb der alte Herr stehen, feine Miene wurde wieder heiterer, als sein Blick auf dem fchönen Mädchen ruhte. „Bist Du nun glücklich?" fragte er. „Unaussprechlich glücklich!" erwiderte sie, sich zu ihm umwendend. „Und Du hattest wirklich vor, eines thörichten Voruriheils wegen diesem Glück zu entsagen?" „Za. Ich sah darin kein Voruriheil, ich glaubte, es sei meine Pflicht, und habe auch alle meine Bedenken offen ausgesprochen. Ich konnte nicht wiffen, daß Werner so edel dachte." „Sieh, sieh, Du wußtest also, daß er um Derne Hand «erben wollte?" 43 'reilicE) ein sagte der f baldiger rgen, daß Geschichte Esel von ächt mehr, chied, und ß der alte de, so be- wenn Du seine Ehre sagte sie, . „Wann ,,Es kann Gewißheit jetzt noch des Nach- ssen sollte, ja möglich, wir nicht Schwieriger. Du theurer st en Willen anes hängt noch kurze gehen, lebe ilte er die dem Hause ne Uhr ge- Weg zum alrath mög- ert wartete, Ulfen wollte, und blickte ) der Oberst zusammenge- :te. seine Miene dem schönen e sie, sich zu es thörichten agen?" ich glaubte, e meine Be- nicht wiffen, >t um Deine „Ich ahnte es." . „Schwerenoth, da sieht man die Heuchlerei!" scherzte er. „Und vorhin wurde mir gegenüber be- hau»tet, er sei gar nicht daran zu denken, daß jemals ein Mann dieses arme Mädchen zur Frau begehren werde. Ob ich vielleicht einen solchen Mann kenne? wurde ich mit edler Dreistigkeit gefragt. Ra, na, komm Du mir noch einmal mit solcher Heuchelei!" „Aber, lieber Onkel . . ." „Nur keine Rechtfertigung", fuhr er fort. „Du hast Alles vorausgesehen, Alles gewußt und Alles hinter dem Berge gehalten. Na, warte nur! Wenn Du noch wenigstens für eine Flasche Wein gesorgt hättest. Muß ich mir da von dem flachsköpfigen Kamecl in Gegenwart Deines Verlobten sagen lasien, mein Kredit beim Weinhändler sei alle geworden." „Ich will sogleich zu ihm hingehen . . ." „Nein, ich gehe selbst", fiel er ihr in die Rede. „Ich will ihm einmal zeigen, wo Barthel den Most holt." „Das schlägt in sein Fach", scherzte Fränzchen. „Wo er selbst den Most holt, weiß er bereite, aber daß Barthel ihn holt . . ." „Wo er selbst ihn holt? Schwerenoth, es ist Nicht Alles Most gewesen, was wir als Wein trinken, und er fragt sich, ob mein edler Weinhändler jemals Most gesehen hat. Schockmillionen, wenn der Giftmischer mir den Credit verweigern will — wie sieht'S ans in der Haushaltungskafle?" „Tiefe Ebbe!" „Na, in meiner Privatkasse ist es nicht besser; und doch muß heute noch Wein und Champagner ins Haus!" „Aber weshalb denn Champagner? Zwei oder drei Flaschen Wein werden genügen." „Wenn Dein Bruder wieder frei kommt? Kind, das verstehst Du nicht, und wenn auch kein Groschen in der Tasche ist, lumpen lasse ich mich nicht. Ich gehe zu dem Giftmischer, und sorge Du nur, daß die Suppe nicht versalzen wird — verliebte Köchinnen sollen ja für Salzverschwendung eine besondere Schwäche haben." „Dann nicht mehr, wenn sie erst verlobt sind", lachte Fränzchen. „Nicht?" erwiderte er ebenfalls lachend. „Na, das ist ja ein großer Trost für mich. Aber vergiß meine Warnung darum doch nicht, Kind, die Verlobten sind zerstreut und in der Zerstreuung ist schon manches Unheil angerichtet worden." Damit ging er hinaus und, nachdem er im Burschenzimmer eine kurze Unterredung mit Konrad gepflogen hatte, verließ er das Haus, um den Weinhändler darüber zu unterrichten, wo Barthel den Most holt. Fortsetzung folgt. Mach Hohem Met. gleiteHe »en Moritz Lilie. (Fortsetzung.) Inzwischen hatte draußen ein Unwetter begonnen, wie es in solcher Heftigkeit nur selten auf- tritt. Alle finsteren Mächte des Himmels schienen entfeffelt zu sein, schauerlich heulte der Sturm tu den alten Kastanien vor dem Hause, und der Regen untermischt mit Hagel, schlug mit solcher Gewalt gegen die Fenster, daß jeden Augenblick zu furchten war, sie müßten klirrend zerschellen. Dazwischen rollte unaufhörlich der Donner, leuchteten die Blitze in fahler oder bläulicher Färbung auf, als wollten sie höhnend dem Menschen das Bild der Zerstörung zeigen, das sich in der Natur zu entrollen begann. In der Ferne aber zeigte sich an zwei Stellen ein flackerndes Licht, das größer und größer ward, bis die vom Blitze entzündete verderbliche Lohe hoch emporschlug und ihren grausigen Schein den schwarzen Wolken zurückgab, aus denen sie geboren ward. Angstvoll folgten die im Zimmer Befindlichen dem Aufruhr, in welchem die Natur draußen begriffen zu fein schien. Die Baronin lag mit halbgeschloffenen Augen in den Polstern eines Fauteuils, und bei jedem Donnerschlage bei jedem Aufleuchten der Blitze zuckte sie nervös zusammen, - es war schwer zu sagen, ob dies unwillkürlich geschah oder nur simulirt war, um die Aufmerksamkeit auf ihren eingebildeten Krankheitszustand zu lenken. Ihr Gatte aber saß am Tische und hatte den Kopf in beide Hände gestützt; trotz Blitz und Donner war er sanft entschlummert, der reichlich genossene Wem äußerte seine Wirkung. . e3f , Alfred hatte neben der Frau vom Hause Platz genommen und erschöpfte sich in Aeußemngen des Bedauerns über bereu leidenden Zustand. Auch Liesbeth hatte sich an die Seite der Mutter gefetzt und das Gesangbuch zur Hand genommen; das Toben der Elemente, oi e in der Ferne brennenden Häuser, die armen Wanderer, die vielleicht auf offener Straße von dem Unwetter betroffen wurden, erregten ihr Mitleid, und ihr kindlicher Sinn sandte in dem frommen Siebe, das sie las, eine innige Fürbitte für die von dem Unglück Betroffenen zum Himmel. Plötzlich wurden erst leise, bann deutlicher, Hufschläge hörbar, die von der Straße bis ins Zimmer tönten; gleich darauf erscholl die Hausglocke, mit kräftiger Hand von Jemand in Bewegung gesetzt, der Einlaß begehrte. „Wer könnte das sein, der bei diesem entsetzlichen Wetter zu uns kommt?" fragte Liesbeth, da» Buch zuklappend. , Auch den Hausherrn hatte der Schall der Glocke aus dem Schlafe geweckt, wie abwehrend schaute er einige Augenblicke lang um sich, als müsse er sich besinnen, wo er sich befinde, dann blickte er nach der Thür, wo in diesem Momente ein Diener erschien und Herrn von Brehmer meldete. u Gleich darauf trat der junge Mann ein, verbeugte sich tief vor den Damen, und reichte dem Baron vertraulich die Hand, während er den Lega- tionssekretär durch ein flüchtiges, kühles Kopfnicken begrüßte. „Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, daß ich die Herrschaften noch zu dieser späten Abendstunde störe, aber es ist mir unmöglich, in diesem Unwetter weiter zu kommen» mein Pferd war nicht mehr sortzubringen", sagte er, die Handschuhe ab- ftreifend. „Ich komme von einem Freunde, dem ich längst einen Besuch zugedacht halte, und wurde unterwegs von dem Gewitter überrascht." „Machen Sie keine Umstände, Verehrtefler, und nehmen Sie Platz", versetzte der Baron, offenbar froh, einen neuen Gesellschafter zu haben. „Ein Glas Portwein gefällig? Sie werben durchnäßt sein, da thut etwas Kräftiges gute Dienste." Und ohne eine Antwort abzuwarten, drückte er auf die Klingel und gab dem Lakaien entsprechende Befehle; es schien, als wolle er mehr seinen eigenen Wunsch erfüllen, als dem Gaste eine Stärkung zu- kommen lassen. „Der Regen hat mich allerdings tüchtig betroffen, so daß mein Ueberzieher vollständig durchweicht ist", versicherte Jener, „aber Ihr Domestick wird Sorge tragen, daß er trocknet, und wenn Sie erlauben, bleibe ich so lange bei Ihnen." „Viel zu viel Redensarten unter Bekannten", fiel der Baron rasch ein, „bin kein Freund von Ceremonien. Da, nehmen Sie einen ordentlichen Schluck, nachher gehen wir zu einer anderen Sorte über, roth oder weiß, wie es Ihnen beliebt!" Die Baronin seufzte leise, augenscheinlich, um die Aufmerksamkeit des Gastes auf sich zu lenken, der es in unverzeihlicher Ignoranz unterlassen hatte, sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. „Sie leiden heute besonders schwer, gnädige Frau!" sagte Alfred in auffallend weichem Tone, der das warme Mitgefühl ausdrücken sollte, das er für die vermeintliche Kranke hegte. „Gott sei es geklagt, ich befinde mich sehr unwohl, die Gewitterluft scheint meine Nerven besonders aufzuregen", entgegnete sie mit schwacher Stimme, „aber die Theilnahme, die Sie für meinen Zustand kundgrben, thut mir wirklich recht wohl", fügte sie mit einem giftigen Blick auf Brehmer hinzu. „Rufe mein Kammermädchen, Liesbeth, ich will mich zur Ruhe begeben." Das Mädchen drückte auf den Knopf der elektrischen Klingel, welcher neben dem Sessel der Baronin an der Wand angebracht war. „Du willst Dich zurückziehen, liebe Natalie?" fragte der Baron. „Daran thust Du sehr wohl, Ruhe ist für Dich die beste Medicin." Das Kammermädchen erschien, und von Liesbeth bis zur Thür begleitet, wankte die Frau davon, nachdem sie sich von dem Legationssekretär auffallend freundlich, von Herrn von Brehmer dagegen kalt und förmlich verabschiedet hatte. „Jetzt sind wir unter uns, lieber Freund und dürfen uns auch eine Cigarre gönnen", raunte der Hausherr seinem Gaste zu, indem er abermals die Glocke in Bewegung setzte und durch den Diener das Rauch-Service bringen ließ. Liesbeth war nach dem Weggange ihrer Mutter ans Fenster getreten, und Alfred ihr dahin gefolgt. In halblauter Unterredung sprachen sie von den Tagesneuigkeiten und den Vorkommnissen in den Wiener Gesellschaftskreisen. Das Gewitter hatte sich inzwischen verzogen nur am Horizonte leuchtete es noch dann und wann auf, als könne es sich nur schwer von den eben verlassenen Gefilden trennen. Im Osten aber stieg der Mond herauf und versilberte mit seinem Lichte die am Himmel schwebenden, duftigen Wölkchen und die weite, abwechslungsreiche Landschaft. Die vom Blitze entzündeten Feuerheerde, welche die tiefe Nacht mit ihrem unheimlichen, rothen Lichte erhellt hatten wie Riesenfackeln einer dämonischen Gewalt, waren erloschen, und auf die rauchenden Trümmer schauten sanft wie Engelraugen die Sterne herab. „Es leidet mich nicht mehr im Zimmer, ich muß ein wenig Luft schöpfen", sagte Liesbeth, das leichte Tuch, welches sie vorher abgelegt hatte, wieder um die Schultern schlingend. „Erlauben Sie, daß ich Sie begleite, gnädiges Fräulein!" sagte Alfred, „auch ich finde es hier im Zimmer drückend heiß." Eine wahrhaft balsamische Luft wehte den jungen Leuten entgegen, als sie hinaus auf die Veranda traten; Liesbeth blieb stehen und athmete mit Behagen das herrliche Aroma ein, welches Blatter und Blüthen ausströmten. Die Schwüle war einer angenehm lauen Temperatur gewichen, und die reine Luft wirkte belebend und erfrischend auf Körper und Geist. Eine nach dem Toben der Elemente doppelt wohlthuende Ruhe herrschte in der Natur; nur der leise Gesang eines Nachtvogel» drang aus dem Gebüsch, als wollte er den Frieden verkünden, welchen die Mächte des Himmels nach heißem Kampfe endlich geschlossen hatten. „Lassen Sie uns ein wenig lustwandeln!" bat das junge Mädchen ihren Begleiter. Dieser reichte ihr den Arm. Schweigend schritten sie eine Weile neben einander dahin, Jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Liesbeth schien ganz' in dem Genüsse des herrlichen Abends zu schwelgen, hier und da beugte sie sich zu einer Blume herab, in deren Kelch Thau- perlen, Diamanten gleich, im Mondlichte funkelten; Alfred dagegen suchte vergebens nach einem paffenden Anknüpfungspunkte, um das vorhin durch den Donnerschlag für ihn unterbrochene Gespräch wieder anzuknüpfen. Aber das heitere, unbefangene Geplauder der jungen Mädchens ließ ihn nicht dazu kommen. (F. f.) Ddaetion: A. Schetzdg, Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen,