Hießener Zsamilienblälter Selletristischrs Utibtott mm GWerm A«BZer Nr. 139 Donnerstag Wis zur kehlen Klippe. Original-Roman von E. Heinrichs. (Fortsetzung). „Kennen Sie diesen Herrn?" fragte er den Wirth hastig. „Nee, mein Jungel" lachte Möller, „scheint mir ein spleeniger Engländer zu sein, der sein Geld nicht los werden kann. Hat sich schon damals, als die Geschichte passirte, bei Hannes erkundigt und wollt' es nicht glauben, daß man so'n armen Wurm aus Barmherzigkeit behalten könnte. Na, er haj's ja nun gesehen, als ich sein Geld ausschlug." Henning nickte aufgeregt, er fühlte sich seit der Unterredung mit dem Staatsanwalt bedeutend wichtiger und hatte die Empfindung, al» müsie er in dieser unheimlichen Geschichte noch eine größere Rolle spielen. „Entschuldigen Sie, Herr Möller!" rief er mit einem plötzlichen Entschluß, „ich habe noch eine wichtige Bestellung vergessen." Und hinaus war er wie der Blitz. „Na, das gesteh' ich!" brummte der Wirth erstaunt, „ist der Bengel auch spleenig geworden!" Er ging nach der Küche, um seiner Frau von dem Besuche zu erzählen, während der Hutmacher draußen nach dem Fremden umherspähle und sich selber einen Esel schalt, ihm nicht auf dem Fuße gefolgt zu sein. Nun hatte er das Nachsehen. Nach kurzem Nachdenken trabte er den Weg zum Hause des Staatsanwalts zurück, welcher soeben zum Ausgehen sich rüstete, ihn aber sofort vor sich be- schied. „Na, Henning, ist Ihnen noch was Gescheidtes eingefallen?" fragte er freundlich. „Jawohl, Herr Staatsanwalt, — ich habe soeben den bewußten feinen Herrn von der Bauplanke wiedergesehen." „Der so plötzlich bei Ihnen auftauchte? Wo sahen Sie ihn?" „In der goldenen Traube", wo er sich nach dem Kinde erkundigte." Helmuth schleuderte seinen Rock, den er soeben anziehen wollte, überrascht auf den Teppich und starrte den Hutmacher ungläubig an. „Erzählen Sie, mein Lieber! — die Nachricht wäre ja unbezahlbar." Henning richtete sich stolz auf und brachte seine Mittheilung mit fachgemäßer Kürze und Sicherheit vor. den 25 November. 1886. „Sie haben ihn nicht stehenden Fußes verfolgt?" : fragte der Staatsanwalt erregt. „Möller hielt mich vielleicht eine Minute fest, 1 als ich hinaus kam, war er nirgends mehr zu sehen." „Er wird Sie erkannt und sich sofort unsichtbar ; gemacht haben", nickte Helmuth, „solche Füchse - kennen jeden Schlupfwinkel. — Ich danke Ihnen ! für die Mittheilung, Herr Henning!" setzte er, dem ! jungen Manne die Hand reichend, freundlich hinzu, s „Sie scheinen Geschick zum Criminalbeamten zu haben i und bebaute ich, Ihre Talente nicht ausnutzen zu ■ können. Der Hallunke wird jedenfalls sich aus dem ! Staube machen; wenn Sie Zeit hätten —" „O, Herr Staatsanwalt, dir Geschichte macht : mir Vergnügen, —" rief Henning eifrig, „befehlen ; Sie über mich." „Der nächste Zug geht nach Bremen, — ich - glaube gegen 9 Uhr, —" fuhr Helmuth erfreut ? fort, „Sie hätten also keine Zeit mehr zu verlieren. i Nehmen Sie auf meine Kosten eine Droschke und ! lasien Sie sich nach dem Pariser Bahnhof fahren, ! wo Sie dem dort stationirten Polizeibeamten diesen $ Haftbefehl einhändigen." Er hatte während dieser Worte den betreffenden ! Befehl ausgefertigt. „So, nun rasch, mein Freund! ich selber werde - nachkommen, um der Sache Nachdruck zu geben. - Aus Hamburg entkommt er uns jetzt nicht." Der Hutmacher eilte mit dem Haftbefehl in der ! Tasche fort, fuhr nach dem Pariser Bahnhof und — wartete vergebens auf den feinen Herrn von der „Bauplanke"'; der Zug nach Bremen dampfte gerade ab, als der Staatsanwalt Helmuth erschien, um das Resultat zu erfahren. „Na, lasien Sie den Kopf nicht hängen, Freund ; Henning!" fcherzte er, als er die betrübte Miene t des Hutmachers gewahrte. „Wir wisien ja, daß der > Vogel noch in Hamburg sitzt, werden die Falle ihm I fest genug zumachen." In der 4. Clasie des dahinbrausenden Zuges saß i ein Mann auf einem kleinen Koffer, den breiten l Schirm seiner Mütze tief in die Stirn gezogen und j fortwährend aus einer kurzen Pfeife vor sich hin- > qualmend. Die langen Aermel seines braunen ; Friesrocks bedeckten die Hände, hohe grobe Stiefel ! die Füße, er schien ein Viehhändler oder Landmann : zu sein und gab auf einige an ihn gerichtete Fragen l so kurze Antworten, daß ihn die übrige bunt zu- > fammengewürfelte Gesellschaft bald in Ruhe ließ. Als gegen Mitternacht der Zug in Bremen ein« I lief, verließ auch jener Mann mit seinem Koffer den 584 dumpfen Raum, und wendete sich der Stadt zu. Niemand achtete auf ihn. ; Eine halbe Stunde später hielt eine Droschke ! vor Hillmann's Hotel, der ein eleganter Herr ent- i stieg, welcher zwei Zimmer und ein gutes Souper \ bestellte. Der Staatsanwalt Helmuth und sein schlauer, ; neugieriger Hutmacher würden sich sehr gewundert ] haben, wenn sie diesen vornehm dreinschauenden Gast ! hätten sehen können, welcher soeben bei seinem - Souper saß und sehr aufmerksam die Weinkarte musterte. Zweites Buch. 1. Capitel. Im fernen Westen unter der senkrechten Sonne der Tropen, dort an den Küsten-Cordilleren von f Caracas, wo je nach der Höhe über dem Meere ein ewiger Frühling, Sommer oder Herbst einen unvergänglichen Teppich von Blumen und Gräsern und Farrenkräutern und Ziersträuchern webt, hier, wo der Urwald in immergrüner Pracht, in einer unangetasteten Alleinherrschaft mit seinen überwältigenden Eindrücken, seinen geheimnißvollen Stimmen und lauernden Gefahren die Pfadfinder der Cultur in seine ungebahnte Wildniß lockt, hatte ein Mann sich angesiedelt, dessen wirklichen Namen Niemand kannte und der sich nur als menschenscheuer Sonderling in der ganzen Gegend einer gewissen Berühmtheit erfreute. Seine Blockhütte befand sich in einem herrlichen, üppigen Thale am nördlichen Abhang der Cordilleren, wo dieselben allmälig zum Meere abfallen; es schloß alle lieblichen Reize, alle Erzeugnisse, die ganze Fülle der Tropenerde in seinem Schooße ein. Ein breiter Waldbach goß sein frisches, silberklares Bergquellwasser über den fruchtbaren Boden aus und Alles, — Alles schien auf diesem para- diesischen Erdenfleck, eingehegt von des Urwalds mächtigen Baumriesen, den Menschen zur Heimstätte einzuladen. Einsam hauste der Mann hier schon seit Jahren, Niemand machte ihm die Stätte streitig, da man das finstere Antlitz fürchtete und sich von der Ungeselligkeit des Gottseibeiuns, wie ihn die Menschen nannten, hinlänglich überzeugt hatte. Nur einen einzigen Freund besaß er, das war ein großer, mächtiger Jagdhund, welcher ihn auf Schritt und Tritt begleitete. Zwischen schlanken Palmen stand die einfache Hütte des Einsiedlers; Harz-, Gummi-, Balsam- und Wollenbäume liehen derselben ihr umfangreiches, undurchdringliches Schattendach und baumhohe Bambus- gräser flüsterten im heiteren Spiel der Lüfte mit dem einsamen Bewohner, der fern von dem bunten Treiben der Welt, aber auch fern von menschlicher Bosheit und Tücke sich in der Freiheit glücklich fühlte. Er mochte die Vierzig bereits um einige Jahre überschritten haben. Das volle, dunkle Haar, der starke, ungepflegte, bis auf die breite Brust herabreichende Bart Zeigten hie und da schon silberne Streifen, während die hohe, kräftige Gestalt mit dem schönen Kops, dem edlen, scharfgeschnittenen Antlitz, den schwermüthig düsteren Augen, aus denen unsägliche Menschenverachtung sprach, noch die Spuren einstiger stolzer Schönheit trug. Mitternacht mar vorüber, das heilige Zeichen des Kreuzes dort oben am glänzenden Firmament der Tropen auf- und untergegangen. Auf dem schmalen Pfade, welcher, dem uneingeweihten Auge fast unkennbar, von der Hütte des Einsiedlers in den Urwald hineinlief, schritt dieser, als der Morgen zu tagen begann, von seinem Hunde begleitet, langsam dahin. Seine Kleidung war die denkbar einfachste, hirschlederne Moccasins und Gamaschen, ein Hemd von einfarbiger Baumwolle, durch einen Gürtel zusammengehalten, ein breiter Strohhut, das war Alles; — eine kostbare Jagdflinte, ein Waidmesser mit silbernem Griff bildeten als Gegensatz einen räthselhaften Luxus zu dem Bilde des einfachen Jägers — sie mochten ihm als Erinnerungszeichen einer fernen glücklichen Vergangenheit von unschätzbarem Werthe sein. Immer weiter schritt er in den Urwald hinein, und immer mehr dämmerte der Morgen durch den grauen Schatten herauf. Die ersten Weckrufe wurden laut, eine Stimme nach der anderen erwachte, bis der ganze Chor des Waldes in aufgelösten Harmonien durcheinander lärmte. Der einsame Mann blieb stehen und horchte den Stimmen, die ihm lieb und traut waren wie alte Bekannte. Dort schritt ein Reiher stolz und gravitätisch dem rauschenden Bache zu; der Jäger sah es und rührte sich nicht, obwohl sein Hund verwundert und unruhig mit der Schnauze ihn anstieß. „Wir schießen heute nicht, Brutus!" sprach er, ihn zärtlich liebkosend, „komm', wollen nur unsere Welt begrüßen!" Welch' eine Wunderwelt! Welche Pracht der Schöpfung, wo die Natur wie ein reines, unentweihtes Kinder-Auge zum Ewigen emporschaut. Den Hund zur Seite schritt der Einsiedler durch die wolkigen Laubgänge, um welche sich ein hundertfältiges zartes Blatt- und Blumenleben schlingt. Wie das schimmert und blüht in den prächtigsten Farben, wie es duftet und berauschend die Menschen- fecle in Träume wiegt! Plötzlich, ohne Wind und Wehen, zog ein eigen» thümlichcs Brausen durch den stillen Wald, wie es in den Tropen den nahenden Stürmen und Gewittern voranzugehen pflegt. „Ah, Brutus!" rief der Jäger, „wir sind überrumpelt, jetzt heißt es, rasch ein Unterkommen finden." Der Hund drängte sich ängstlich an seinen Herrn, als plötzlich ein blendender Feuerstrahl hernieder fuhr, dem ein krachender Donnerschlag, welcher den Wald erbeben machte, folgte. Lang und schwer rollte der Donner und tiefe Finsterniß umgab den Jäger, welcher des Hundes Halsband erfaßte und mit 8L5 wunderbarem Spürsinn eins gewisse Richtung ein- schlug, die ihn zu einem moosbewachsenen Stein am Fuße eines gewaltigen Baumriesen führte, wo er sich ruhig niederließ, den Rücken gegen den Stamm festlehnend, den treuen Hund mit beiden Armen umschließend, während die Flinte ein sicher geschütztes Lager hinter dem Stein fand. Jetzt brausten die Stürme gleich entfesielten Geistern der Tiefe einher, mit mächtigen Stößen die verschlungenen Baumkronen auf- und niederwühlend; die Blitze loderten wie ein Feuerbrand durch die schwarze Finsterniß und die Wolken er- gossen ihre Schleusen praffelnd und brüllend auf die ächzenden Bäume herab; — deren Stämme krachend auseinander spalteten, oder mit den Wurzeln aus der Erde gerißen wurden, während der feste Boden, wie eine Schlammfluth auseinander getrieben, Wald- und Felrtrümmer donnernd vor sich hinrollte. Alles Gethier schreckte aus seiner Ruhe; das Angstgeschrei übertönte den Aufruhr der Elemente und aus allen Wipfeln und Gründen brüllte es wie das Echo des Chaos zurück. Ein Augenblick hatte den berauschenden Zauber der Tropennacht in Schrecken und Verderben umgewandelt und der einsame Mensch, welcher inmitten dieses Grausens ohnmächtig am Riesenstamm lehnte, fühlte den heiligen Schauer der Gottheit im pochenden Herzen. Schnell, wie es hereingebrochen, zog das Unwetter vorüber. Roch regnete es aus den zitternden Wipfeln in schweren Tropfen herab, doch schimmerte endlich das wiederkehrende Licht durch die Nacht und rasch erhob sich der Einsiedler, von seinem Hunde freudig umsprungen, um den Morgen zu hegrüßen. Mit einer Art wilden Freude hatte der Mann dem furchtbaren Schauspiel zugeschaut; in diesem Aufruhr der Zerstörung schien er sich in seinem Elemente zu fühlen und ob das Herz auch höher pochte beim Anblick der dämonischen Urkraft, ob die Seele auch des Ewigen Nähe empfinden mochte, so zeigte das kühne Auge doch keine Furcht, es schloß sich nicht vor der feurigen Lohe und dem Odem jener titanischen Mächte, vor welchen der hilflose Mensch als ein winziger Spielball erscheint. Dieser einsame Mann, welcher unzählige Male solches Unwetter erschaute, fürchtete den Tod nicht, er kannte weder Furcht noch Bangen, sondern erblickte in dem wilden Aufruhr der Elemente etwas Erhabenes und Göttliches, wogegen das Menschengetriebe der Welt ihm noch schaaler und verächtlicher erschien. Langsam, mit sicherem Auge wie ein Indianer, erkannte er den schmalen Pfad, welchen seine Axt gebahnt und täglich zu erweitern suchte. Mit seinem klugen Brutus zur Seite durfte er sich überhaupt so ziemlich sicher in diesem zauberischen Labyrinth, das manchem Verirrten den Tod gebracht, vorwärts wagen. Plötzlich schlug der Hund an und durchbrach mit lautem Geheul ein Blüthengewinde. Sein Herr folgte, um dem klugen Thiere Raum zu schaffen, obwohl er nicht gesonnen war, irgend ein Wild zu jagen. „Was giebt's Brutus? — Ah!" Der Jäger blieb wie gebannt stehen, als er seinen Hund erblickte, welcher ein auf dem Erdboden liegendes menschliches Wesen beschnüffelte und dann mit verständnißvollem Blick seinen Herrn anschaute. Er trat zögernd näher, — Menschen liebte er nicht, hatte sie seit langen Jahren geflohen und nur hie und da einem Indianer gestattet, seine Hütte zu betreten, wenn diese Söhne der Wildniß die noth- wendigsten Lebensbedürfniße aus der Stadt ihm verschaffen mußten. Dies aber war ein weißes Antlitz, ein Mann mit blondem verwilderten Haar und Bart, welcher regungslos an dem mächtigen Stamm eines Inga« baumes lag. War er tobt? Unser Einsiedler stieß einen ungeduldigen Seufzer aus, fuhr mit der braunen, sehnigen Faust durch den langen Bart und setzte dann vorsichtig seine Flinte gegen einen Baum, worauf er sich zu dem Regungslosen niederbeugte und fein Ohr an dessen Mund legte. „Den hat der Sturm niedergeworfen, wenn ihn der Blitz nicht vielleicht getödtet", murmelte er verächtlich, „armseliger Geselle! was wagst Du Dich in des Allmächtigen Nähe, wenn sein Hauch Dich schon hinstreckt?" Er zog deßungeachtet eine Flasche hervor und suchte dem Manne etwas Wein einzuflößen, hob ihn dann mit starken Armen empor, um ihn in sitzender Stellung gegen den Baum zu lehnen und begann mit sicherer Gewandtheit die nöthigen Wiederbelebungsversuche, indem er ihm das leichte Oberhemd löste und Brust und Nacken mit Wein wusch und kräftig rieb. Nach einer halben Stunde, als er bereits jede Hoffnung aufgegeben und den Mann mit einem, wie wir zu seiner Schande gestehen müssen, erleichternden Seufzer zu den Tobten werfen wollte, athmete dieser leise auf und öffnete plötzlich die Augen, verwirrt, wie im Traume um sich schauend. (Fortsetzung folgt). Zwei Urkunden. Erzählung aus dem Leben einer Kaisertochter. (Schluß.) Ueber dem Rauschen des Festesjubels, über all' den glückreichen, zuversichtlichen Verheißungen der Umgebung verstummte allmälig wieder die dunkle Ahnung im Gemüthe Maria Theresta's; Feste folgten über Feste, jeden Tag, den die Tochter noch bei ihr weilte, sollte die Freude verschönern und das Herz sehnte sich instinktiv nach Zerstreuung, um nicht an'S Scheiden zu denken. Und doch kam endlich auch der 26. April, der Tag des Abschiedes, dem das Mutter- 556 Herz so beklommen entgegengeschaut. Wieder ist der weite Platz vor der Hofburg dicht gedrängt voll Menschen, aber stumm steht die Menge und blickt wie in wehmuthvoller Theilnahme auf das glanzvolle Haus, aus dem die Tochter jetzt scheiden soll. Auf der Treppe steht die Kaiserin, immer und immer wieder ihr Kind umarmend, das einem so glänzenden und doch so ungewissen Schicksals entgegen gehen soll. Nur zu sehr erinnert sich Maria Theresia der warnenden Stimme wohlmeinender Räthe. Kaum trennen können sich Mutter und Tochter und immer wieder sinkt die Scheidende in die Arme der Mutter, bis sie sich endlich mit einem Blick auf das harrende Gefolge dennoch ermannt und losreißt. — Noch ein kurzer Abschied von den Geschwistern und raffelnd fuhren die Wagen davon, Maria Theresia aber starrte noch lange in dumpfem Brüten auf die Stelle, wo soeben noch ihre geliebte Toni gestanden und als sie sich dann endlich zum Gehen wendete, murmelte sie dumpf: „Das war ein Abschied auf ewig, ich sehe mem Kind nie wieder I"---------- Unter großem Geleite deutscher Landsleute legte die Dauphins die Reise zurück und glanzvoll wurde sie in Straßburg auf französischem Gebiete empfangen. Von der Grenze bis zur Hauptstadt ein einziger Triumphzua; überall bestrebten sich Adel und Priesterschaft, die beiden einzigen herrschenden Stände, die künftige Gebieterin zu feiern. Marie Antoinette war glücklich in ihrer noch halbkindlichen Freude, — sie sah nicht, daß neben allem Jubel das Volk abseits stand; sie ahnte nicht, wie ver- hängnißvoll ihr schon der Mann werden sollte, der sie in Straßburg an der Pforte der Kathedrale begrüßte und der als Kardinal de Rohan später die berüchtigte Halsbandgeschichte in Scene setzen sollte. In Paris schloß Ludwig XV. die Gattin des Enkels freundlich in seine Arme, — und schämte sich nicht, sie desselben Tages noch mit seiner Favorite, der Gräfin Dubarry zusammen speisen zu laffen. Bald sah sie mit offenen Augen in dm Pfuhl des Lasters rings um sich und um so inniger schloß sie sich dafür an ihren jungen gutherzigen Gatten. — Aber nur zu bald stieg schon die erste Wolke empor. Am 30. Mai 1770 ereignete sich bei dem Feuerwerk zu Ehren der Dauphine jenes furchtbare Unglück des Zusammensturzes der Seinebrücke, wobei Hunderte von Menschen ihren Tod fanden und des Volkes Flüche gegen den Hof sich schon lauter, regten; bald begeiferte und verdächtigte man auch die Treue und Sittenstrenge der Dauphine, deren herzliche Natürlichkeit man nicht begriff und als frivol bezeichnete. Ihr Scherz hieß am Hofe schon bald Unanständig« keit, ihre Freundlichkeit war Anlaß zu Verdächtigungen beim Dauphin und als sie zurückhaltender wurde, nannte man sie stolz und hochmüthig. Endlich starb Ludwig XV. Bei der Krönung zu Rheims schnitt die Krone dem jungen Herrscher einen blutigen Streifen in die Stirn; der ganze Hof erbleichteob des Vorzeichens. „Die Krone drückt mich", klagte der König, und Marie Antoinette schrieb nach Wien an ihre Mutter. „Beten Sie für Ihre unglücklichen Kinder!" Und drückender wurde wirklich die Last der Krone von Jahr zu Jahr. Eine Hungersnoth brach herein, das Deficit in den Staatskassen, die Verkommenheit der hohen Beamten, die Halsbandgeschichte trugen sehr dazu bei, den Horizont zu verdüstern; dann traten gegen den Willen des Königs die Notablen zusammen, Mirabeau erschien auf der Tribüne der Nationalversammlung, die Bastille, das Bollwerk des absoluten Königswillens, sank vor dem Willen und Haß des Volkes und die Königin hieß nur noch Madame Veto, oder die Bäckerin, oder die Oesterreicherin. Ihre Mutter, ihr Bruder Joseph, sind gestorben, drohender regen sich die Vorbo en des Umsturzes, die Anzeichen der Revolution. Nur Flucht schien noch Rettung zu bringen vor den Dämonen der Haaptstadt. Aber die Flucht mißlingt im letzten Augenblick, König und Königin werden in VarenncS vom Postmeister verhaftet und von den Nationalgarden nach Paris zurückgeführt. Dort ist nun jede Schranke gefallen, es bildet fich> der Convent und beschließt, den König des Hochverraths anzuklagen; es folgen Gefangenschaft, Kerker und — Tod. Am Morgen den 16. October 1793 bestieg Antoinette den Karren, der str dem Ende entgegenbringen sollte. „Lebt wohl, meine Kinder, ich gehe zu Eurem Vater", so rief sie noch im Scheiden ihren Kindern zu. Ob sie wohl in dem Augenblick des letzten Abschiedes ihres Lebens an den ersten damals in Wien gedacht haben mag?-------— Am 7. April 1770, Abends 6 Uhr, war es, als in der Hofburg zu Wien der Marquis von Durfourt den Verlobungsbrief des Dauphins überreichte, und am 16. October 1793, also nach 23 Jahren, wieder Abends 6 Uhr erschien beim Wohlfahrtsausschüsse zu Paris ein struppiger Mensch, die rothe Jacobiner-Mütze auf dem Kopfe, mit einem Schreiben in der Hand, enthaltend die Rechnung des Todtengräbers Joly, welcher die von dem Revolutions-Tribunal Vermtheilten zu bestatten hatte. Die Rechnung lautete: „Den 16. October. Die Witwe Cape!: Für den Sarg.....6 Livres für die Grube und Arbeiter . 25 „ Darunter stand, nachdem noch eine Reihe anderer Namm aufgeführt waren: 264 Livres erhält Bürger Joly für Mühen und Auslagen aus der Nationalcasse. Jahr II. der Republik Hermann, Präsident. Zwei Schreiben so verschiedener Art, Anfang und Ende der Laufbahn einer deutschen Kaisertochter bezeichnend, deren Grab man nicht einmal mehr kennt!! Dr. Franz Müller. Redaktion: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schon Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.