Hichener Jamilienblätter. Belletristisches Beiblatt zum Gießerm Anzeiger- tiiw — l'i ir' W'llllwr II MfitlM—n—I—aoat—Wil | iflil r li inr.~------ : -T-- Nr« 24. Donnerstag den 25. Februar. 1886. Die Jatschrnünzer. kriminil-Roman von Gustav Siffel. ^(Fortsetzung). „Hat meine Tochter wirklich von dem bloßen Anblick des Ermordeten eine so schwere Erschütterung erlitten?" fragte er. „Von dem Anblick allein — nein, das glaube ich nicht", erwiderte der Arzt. „Es muß diesem Anblick noch eine andere heftigere Gemüthsbewegung vorausgegangen sein." Etwold entfärbte sich. Wie kam Edler zu dieser Aeußerung? „Sie blicken mich ja so an", sagte er gereizt, „als wenn Sie von mir eine Aufklärung über eine solche Gemüthsbewegung erwarteten." „Wenn Sie von einer solchen Kenntniß haben", erwidert« der Arzt, „ist es sogar Ihre Pflicht, mir davon Mittheilung zu machen. Im Interesse der Gesundheit Ihrer Tochter natürlich." Dieser Zusatz war nöthig, denn der forschende Blick und ernste ruhige Ton des Sanitätsraths ärgerten Etwold noch mehr. Er hatte schon eine heftige Erwiderung auf der Zunge, aber er unterdrückte sie. „Ich weiß von keiner voraufgegangenen Gemüthsbewegung Klara's", sagte er. „Solche Feste sind, wie Sie wissen, nicht selten in unserem Hause, so daß auch nicht angenommen werden kann, Klara habe sich nach Mädchenart darüber besonders aufgeregt." „Das könnte auch nur eine freudige Erregung gewesen sein", entgegnete der Arzt, ,und von einer solchen ist hier die Rede nicht. Sie verzeihen eine indiskrete, aber unerläßliche Frage: Ist Fräulein Klara's Herz noch frei? Oder glauben Sie, daß sie ihre Neigung schon auf irgend einen Herrn fixirt hat?" In Etwolds Antlitz flammte e« zornig auf. „Sie fragen sehr sonderbar, Herr Sanitätsrath", sagte er. „Ich möchte mir eine Mittheilung hierüber denn doch vorbehalten." Vs lag ein gewisser Trotz in dieser Antwort, welchen aber der sie begleitende scheue, fast ängstliche Blick Lügen strafte. „Ich frage nur, was ich wissen muß", entgegnete der Arzt mit sanfter Bestimmtheit. „Ein heftiger Streit zwischen öffentlich oder heimlich Liebenden, bösliches Verlassen des Einen durch den Anderen, eine Eifersuchtsseene--das Alles wären Gründe, auf denen man weiter bauen könnte. Allerdings, wenn solche hier nicht vorhanden sind —" Er schwieg und blickte nochmals fragend auf den Kommerzienrath. „Rein, solche sind hier nicht vorhanden", entschied dieser. „Klara ist weder öffentlich noch heimlich verlobt. Ich glaubte, daß Sie als Hausfreund sich eine bessere Meinung von meinem Kinde gebildet hätten. Oder haben Sie sich auch von dem Meinungsstrome der Oeffeutlichkeit erfaffen lassen, welcher gegen meinen häuslichen Frieden und guten Ruf sich richtet, ohne dieselben untergraben zu können? Ich müßte das von einem so langjährigen Besucher meines Hauses sehr bedauern." „Meine persönliche Meinung steht und fällt nicht mit der großen Menge", sagte Edler ernst. „Sie thun mir Unrecht, wenn Sie meinen Worten eine solche Deutung geben. Ich habe keine Andeutung machen wollen, als ob Fräulein Klara nicht überall korrekt handelte. Aber es konnte doch sein, daß die junge Dame liebte — vielleicht unglücklich, hoffnungs- los; und ich glaube kaum, daß sie ihrem Vater dann davon Mittheilung gemacht hätte. Wozu sollte sie sich noch Ihren Zorn zuziehen oder Ihnen Schmerz bereiten?" „Das heißt", fragte Etwold erregt, „Sie geben Ihre Meinung von einer vorhergegangenen heftigen Gemüthsbewegung wieder auf?" „Keineswegs", erwiderte der Arzt. „Die objektiven Symptome laffen keine andere Diagnose zu. Tie heftigere Erschütterung muß vorhergegangen, oder gleichzeitig mit der minderen — der Anblick des Ermordeten — erfolgt sein. Aber davon sprechen wir noch. Schonen Sie aber nicht nur ihr geliebtes Kind; befolgen Sie meinen Rath und schonen Sie auch sich selbst. Ich werde Ihnen vorläufig ein leichtes Beruhigungsmittel verschreiben." Etwold lachte gezwungen. „Ich muß bestens danken", sagte er. „Ich bin nicht krank." „Aber krankhaft erregt", wandte der SamtätS- rath ein. „Auch das nicht", sagte Etwold bestimmt. „Mein fest gegründeter Ruf ist Goit sei Dank über den Zeitungs- und Stadtklatsch erhaben; das erschüttert mich nicht. Ich bin nur um mein Kind ! besorgt, wohl verstanden, um seine Gesundheit; und ; diese Besorgniß wird auch ein Beruhigungsmittel - nicht wegbringen." „Wie Sie meinen" sagte der Arzt leicht verletzt, i ,unter diesen Umständen bleibt mir nichts weiter ; übrig, als mich Ihnen für heute zu empfehlen. Wenn eine Veränderung zum Schlechteren eintreten sollte, lassen Sie mich ungesäumt rufen. Wenn ich nicht zu Hause bin, lasse ich meine Adresse zurück. Ich habe die Ehre!" Der Sanitätsrath ging mit leichtem Gruße hinaus; sein Wagen, der vor der Thür hielt, entführte ihn sofort zu einem anderen Patienten. Etwold trat zum Fenster und schaute dem Da- vonfahrenden gedankenvoll nach. „Eine noch heftigere Gemüthsbcwegung vorher oder gleichzeitig", murmelte er; „da märe ja Solt- manns Ansicht bestätigt und der Ermordete von ihr erkannt oder wiedererkannt — bah! Edler ist ein Narr oder auch nur ein Träger der öffentlichen Meinung. Vielleicht spricht auch der Assessor durch ihn, der gerne etwas wissen möchte, was er von mir direkt nie erfahren wird." Er trat in das Zimmer zurück. Er mochte es bemänteln wie er wollte, die Worte des Arztes hatten ihn doch sehr beunruhigt. Alle Anzeichen wiesen darauf hin, daß Klara diesem schrecklichen Ereigniß nicht so fern stand, als er bei der ersten Erhebung der Anklage ihrer Mitwissenschaft durch Mathies geglaubt hatte. Was sie mit demselben verband, war noch ein Räthsel, das nur ihre Zunge zu lösen vermochte. Er hätte sie gerne schon jetzt darum befragt, aber das drohende Nervenfieber schreckte ihn davor zurück. Er mußte sich gedulden, so schwer ihm das auch ward, und sein Geheimniß in sich verschließen. „Wenn nur Duprat erst wieder zurück wäre", murmelte er, als er wenige Stunden später in seinem Privatkomptoir einige" lausende Briefe durchsah. Er drückte ungeduldig auf eine Tischglocke. Jonas erschien. „Herr Commerzienrath befehlen?" „Leuchtmann soll kommen." Der Diener ging, und gleich darauf erschien der Gerufene. Es war dies ein kleiner alter Herr mit kahlem Schädel und einer ausgeprägten Gesichtsphpsiognomie. „Leuchtmann", sagte der Chef, „ich gab Ihnen vorgestern einen Auftrag. Haben Sie denselben erfüllt?" „Sie meinen das Schreiben an den Herrn Duprat?" „Was sonst könnte ich meinen." „Ich habe es selbst expedirt." „Und warum antwortet Herr Duprat nicht? Warum kommt er nicht?" Leuchtmann zuckte die Achseln. „Es wird wohl seine Richtigkeit damit haben, was Duprat sagt", sprach Etwold ärgerlich. „Freilich Ihr Alter reizt zur Vergeßlichkeit." „Vergeßlichkeit?" staunte Leuchtmann. ,,Hat mir Duprat Vergeßlichkeit vorgeworfen?" Ein tiefer Unwille prägte sich in den Zügen des alten Mannes aus. „Hm" brummte der Chef; „und eine Eigenschaft, welche der Tod jeder regulären Geschäftsführung ist. Sie haben jedenfalls den Brief zu schreiben vergessen. Ich beauftragte Sie damit, weil derselbe vertrauliche Mittheilungen enthielt und weil Sie der Aelteste meines Geschäftspersonals sind. Nun pochen Sie auf den Umstand, daß der Brief nicht kopirt wurde, und behaupten dreist, daß Sie denselben geschrieben, während Sie es doch sicher vergessen haben." „Herr Kommerzienrat!)", erwiderte^ der alte Mann erregt, „Sie erheben da eine Anklage gegen mich, die ich nicht unerwidert lassen kann. Meine langjährige Geschäftsthätigkeit, auf welche ich mit Genugthuung zurückblicke, hat mir wenn auch keine Ehren, so doch stets die volle Zufriedenheit meiner Vorgesetzten eingebracht. Ehrgeizig war ich nie und allen Lügen feind, sonst könnte ich heute vielleicht auch eine andere Stellung bekleiden." „Wollen Sie mir vielleicht damit anzudeuten wagen, daß Herr Duprat seine bevorzugte Stellung verwerflichen Mitteln verdankt?" fuhr Etwold auf. „Ich kann mich nicht enthalten zu sagen", entgegnete Leuchtmann, „daß Herr Duprat lügt, wenn er mich der Vergeßlichkeit beschuldigt. Er kann mir keinen Beweis dafür erbringen, und wenn er kommt, wird er mir den Empfang des von mir geschriebenen Briefes selbst bestätigen müssen." „Sie führen eine kühne Sprache", sagte Etwold grollend. „Was für einen Grund hätte Herr Duprat Ihnen Feind zu fein?" „Er haßt und feindet alles an, was sich nicht sklavisch vor ihm beugt, und wenn Sie meine ganz aufrichtige Meinung haben wollen, Herr Kommerzien- rath, so fürchte ich, daß sein maßloser Ehrgeiz Ihnen —" „Was?" „Noch einmal verhängnißvoll werden wird." „Mir?" Mitleidsvolle Geringschätzung lag in dem Ton dieser Frage. „Ich fürchte es." „Und ich danke Ihnen für Ihre Besorgniß, die ganz überflüssig ist und mich nicht bestimmen kann, anders über die zur Sprache stehende Sache zu denken. Ich will in Ihrem Interesse hoffen, daß Sie Herrn Duprat keine Veranlassung weiter zur Klage geben werden; ich würde mich sonst genöthigt sehen, Sie sofort zu entlassen." Leuchtmann fand auf diese niederschmetternden Worte keine Entgegnung mehr; ein stummes Kopfnicken Etwolds bezeichnete ihm, daß er keine Fortsetzung der Unterhaltung wünsche. Der alte Mann wankte hinaus. Im gleichen Augenblick trat der Bureaudiener Jonas von der nur angelehnt gewesenen Thür zurück. Das stete sauer-süße Lächeln, welches für seine Züge charakteristisch war, hatte jetzt den Ausdruck über- müthigen Spottes. Leuchtmann bemerkte es und warf ihm einen wüthenden Blick zu. „Auch so Einer", knirschte er, „der sich durch Lüge und Verrat!) emporgeschwindelt hat. Und 95 (Nachdruck »erboten.) Eine der merkwürdigsten und von auswärtigen Geschichtsschreibern am stärksten entstellten Episoden aus dem Leben des ersten Napoleon, ist die Geschichte seiner Trennung von der Kaiserin Josephine, seiner ersten Gemahlin. Erst im vorigen Jahre versuchte ein französischer Schriftsteller Jmbert de Saint-Amand in der eben so gründlich als wahr behandelten Monographie: „Die letzten Jahre der Kaiserin Josephine" eine zusammenhängende Schilderung der den wichtigen Staatsact jener Scheidung begleitenden Ereigniste zu geben. Einige Einzelnheiten aus jenem Buche Saint-Jmbert's, die nur wenig bekannt sein dürften, und die ein Helles Licht auf das Familienleben Napoleon's des Ersten werfen, verdienen gewiß auch die Aufmerksamkeit außer-französischer Geschichts- dazn schweigen müssen! Aber wartet nur,-Gesindel! Auch an Euch kommt die Reihe, und dann werden Andere jubiliren." Als Leuchtmann an seinen Platz zurückkehrte, waren die Augen des ganzen Bureaupersonals auf ihn gerichtet; man zweifelte nicht, daß Herr Duprat dem alten Herrn wieder etwas eingebrockt habe. Eine diesbezügliche Frage eines Ueberneugierigen blieb unbeantwortet. Aber man kannte den Herrn Prokuristen schon genügend, um zu wissen, daß alles Böse von ihm kam. , , „Schade um ihn", murmelte Etwold rüdesten gedankenvoll. „Aber Gedankenschwäche — nein, so etwas kann ich unmöglich dulden." (Fortsetzung folgt). Entschiedenheit gewesen, zauderte lange, als cs sich darum handelte, mit jener Fran auf immer zu brechen, welche während vierzehn Jahren so innig mit seinem Geschicke verbunden gewesen und die rn ihm die lebhaftesten Erinnerungen an die Tage seiner Jugend und fernes Ruhmes wachries. So« wohl der Zeitpunkt, in dem die Kaiserin den ver- hängnißvollen Entschluß erfahren mußte, als «re auch die Form, in welcher ihr derselbe nmgetherlt werden sollte, bereiteten Napoleon dre empfindlichsten Verlegenheiten. Der gewaltige Mann, gewohnt Gefahren zu trotzen und alle Hindernisse zu zerbrechen, bebte zum ersten male. Schon seit erner Woche hatte er die Hand einer der Schwestern des Kaisers Alexander I. von Rußland begehrt, und dennoch wagte er es nicht, Josephine jene eben so peinliche als noihwendige Erklärung zu geben, sondern verschob dieselbe von Tag, zu Tag. Therls hoffte er, Josephine würde ihm durch freiwillige Ergebung zuvorkommen; am meisten bestimmte sein Zögern aber wohl die erwartete Ankunft des Sohnes Josephinen's, des Vice-Königs Eugen, von welchem er für Josephmen Trost in so schwieriger Lage erwartete. . . , Die Kaiserin war noch immer eme reizende