Hichener Jamilienblätter. Belletristischer Beiblatt rum Gießener Anzeiger. Nr. 86. Samstag den 24. Juli. ' 1886. Saal und KrnLe. Roman von Ewald August König. (Fortsetzung.) „Was spricht man über seinen Sohn?" fragte er. „Ich bekümmere mich wenig darum und be- gegne dem jungen Herrn selten", erwiderte der Taglöhner, „er soll ein Verschwender sein, spielen und trinken und wenig an sein Amt denken." „Hat er ein Amt?" „Er ist Forst-Eleve, und es heißt, sein Vater habe ihn gezwungen, es zu werden." „Hm, das ist freilich eine schlimme Sache, solcher Zwang thut selten gut. Der Wirth ist wohl noch ein junger Mann?" „Etwas über Dreißig. Dort sehen Sie das Haus, Sie werden augenblicklich keine Gäste darin finden, aber im Sommer ist es immer sehr lebhaft." „Der Oberförster kommt wohl nie hin?" „Seitdem er von der Gicht gelähmt ist, kommt er nicht mehr, und bei dieser Witterung wäre daran nicht zu denken. Wenn Sie ihn besuchen wollen, dann schlagen Sie nur diesen Fußpfad ein, er führt direct zum Försterhause. Der alte Herr ist etwas barsch und kurz angebunden, aber man kann schon mit ihm umgehen, er meint's ehrlich, und wie er spricht, so denkt er auch. Anders ist es freilich mit dem Förster Hellmuth", fuhr der Taglöhner mit gedämpfter Stimme fort, nachdem er einen scheuen Blick hinter sich geworfen hatte, der hat „den Teufel im Leibe, und ich rathe Ihnen, lasten Sie sich nicht mit ihm ein." „So wäre ich also über die Personen und Verhältnisse ziemlich genau unterrichtet!" sagte der Oberst lächelnd. „Oder sind dies die Personen noch nicht alle, mit denen ich in Berührung kommen werde?" „An den übrigen Leuten wird ein so vornehmer Herr wenig Gefallen finden, der Wiesenbauer ist ein Grobian, der Pfarrer ein stiller Herr, der allen Fremden aus dem Wege geht, und mit dem Schul- meister läßt sich auch kein vernünftiges Wort reden, wenn man nicht die Politik auf's Tapet bringt. Hier sind wir am Ziel, es ist kalt, Herr, eine warme Stube —" Der Oberst hörte nicht mehr auf das Geschwätz des redseligen Mannes; er öffnete rasch die Thür de» Schenkzimmers und überschaute mit forschendem Blick die kleine Gesellschaft, die sich in ihm befand. Der wirklich hübschen Wirthin gegenüber saß ein junger Mann mit grüner Joppe, Büchse und Jagdtasche hingen hinter ihm an der Wand; vor den Beiden, ihrem Gespräch zuhörend, stand der Wirth, ein blondhaariger, schon ziemlich bejahrter Mann, besten glattrasirtes Gesicht ein heiteres Temperament bekundete. Der junge Jäger, der sich beim Anblick des Oberst erhob, um dessen Gruß zu erwidern, war grob und schlank; das etwas blasse Antlitz mit den dunklen, blitzenden Augen und dem schwarzen Schnurrbart zeigte unverkennbare Aehnlichkeit mit den feinen Zügen der Wirthin. „Kann ich hier einige Tage logiren?" fragte der Oberst. „Gewiß, mein Herr", erwiderte der Wirth, während er dem Taglöhner die Reisetasche abnahm; „wünschen Sie selbst das Zimmer zu wählen?" „Ich überlaste das Ihnen." „Dann werde ich Ihnen natürlich das schönste geben. Marie, sei so gut und laste Nummer Eins in Ordnung bringen. Bitte, nehmen Sie Platz, mein Herr, ich hoffe, Sie werden sich in meinem Hause behaglich fühlen. Ist es Ihnen angenehm, wenn ich in Ihrem Zimmer einheizsn laste?" „Bei dieser Witterung allerdings", nickte der Oberst, der inzwischen den Gepäckträger abgelohnt hatte. „Geben Sie auch dem Manne hier einen Schoppen Wein für meine Rechnung!" „Ihr geht wohl hinüber in die andere Stube", wandte der Wirth sich zu dem Taglöhner, während er für den Gast einen Stuhl an den Tisch rückte und womit kann ich Ihnen dienen?" „Wenn Sie einen guten Bordeaux haben —" „Eine ganz vorzügliche Sorte." „Dann bitte ich um eine Flasche." Die Wirthin und der Taglöhner hatten sich bereit« entfernt, fitzt verließ auch der Wirth das Zimmer. Der junge Jäger, der inzwischen den Fremden beobachtet hatte, erhob sich wieder. „Hans von Reizenstein", stellte er sich mit einer leichlen Verbeugung vor. Der Oberst nannte ebenfalls seinen Namen und nahm Platz. „Sie sind wohl verwandt mit der Frau Wirthin?" fragte er. „Ich glaube das aus der Aehnlichkeit schließen zu dürfen — " „Sie ist meine Schwester", unterbrach Hans ihn, während er sein Glas wieder füllte, und ein dunkler Schatten glitt dabei über feine Stirne. „Mein Schwager ist sehr wohlhabend und daneben 342 ein ehrenwerther Mann, das gleicht den Standes- unterschied einigermaßen aus." Der Oberst schien die letzte Bemerkung überhört zu haben, oder er wollte ein weiteres Eingehen auf dieses Thema absichtlich vermeiden. „Sie haben in den schönen Wäldern hier gewiß noch viel Wild", sagte er, sein Cigarrenetui öffnend, „ein leidenschaftlicher Jäger könnte Sie um diese Jagdgründe beneiden." „Ja, wem's Vergnügen macht, ein armes, gehetztes Thier aus dem Hinterhalt niederzuschießen!" spottete Hans. „Ich werde nie Gefallen daran finden." „Dann befremdet es mich, daß Sie sich dem Forstfache gewidmet haben!" „Sein Vater wollte es", sagte der Wirth, der eben zurückgekehrt war und jetzt die Flasche entkorkte; „es wäre beffer nicht geschehen. Mein Schwiegervater ist Oberförster und zur Zeit, als ihn die Gicht noch nicht gelähmt hatte, war er ein gewaltiger Nimrod, und was der Vater ist, das soll der Sohn in der Regel werden." „Und nimmt's dann kein gutes Ende, so wird alle Schuld auf den Sohn geworfen", erwiderte Hans erbittert. „Wer kann denn gegen feine eigene Natur? Ich finde nun einmal keine Freude daran, und daß mich das unglücklich machen muß, will Niemand einsehen." „Doch, das sehen wir ein, Hans", entgegnete der Wirth, „aber es ist nun auch zu spät, wieder umzusatteln und eine andere Laufbahn zu wählen; da bleibt also Nichts übrig, als auszuharren und in das Unvermeidliche sich zu fügen!" Die Wirthin trat jetzt auch wieder ein, nahm ihren Strickstrumpf vom Tische und setzte sich damit an'S Fenster. „Ausharren! Sich fügen!" sagte der junge Mann mit wachsender Bitterkeit. „Das ist der einzige Trost, den man mir giebt, aber man bedenkt dabei nicht, welch' langes Leben noch vor mir liegt." „Dem Vater darfst Du keinen Vorwurf machen", erwiderte seine Schwester in sanftem» begütigendem Tone, und ihre dunklen Augen blickten ihn dabei bittend an; „er hat Dein Bestes gewollt, und wenn Du damals energisch auf Deinem Willen bestanden hättest, dann würde er am Ende auch nachgegeben haben I" Hans hatte die Brauen finster zusammengezogen; der herbe Zug, der seine Mundwinkel umgab, trat noch schärfer hervor. „Damals war ich noch ein Knabe", sagte er, „und ein Knabe hat dem Vater gegenüber keinen Willen. Ich wollte Seemann werden, Herr Oberst; mein ganzes Sinnen und Trachten war dahin gerichtet, die Welt zu sehen, fremde Länder und Menschen kennen zu lernen; aber nur einmal habe ich meinem strengen Vater gegenüber diesen Wunsch geäußert, dann that ich es nie wieder. Ich hab'» versucht, dem Fache, dem ich mich widmen sollte, Geschmack abzugewinnen, aber es wollte mir nicht gelingen; so viele Reize es auch für Andere haben mag, ich kann keinen darin entdecken. Und was nutzt es, ob ich das immer und immer wiederhole, geändert wird dadurch doch Nichts." Er trank das Glas hastig aus und füllte es wieder trotz des warnenden, abmahnenden Blickes, den seine Schwester ihm zuwarf. Der Wirth wollte eben eine Antwort geben, als die Thür ziemlich ungestüm geöffnet wurde und der Förster Hellmuth eintrat. Er konnte zwei oder drei Jahre älter sein, als der Wirth; die breite, untersetzte Gestalt mit dem lauernden Blick und dem verschmitzten Gesicht, das din rother, struppiger Bart umrahmte, machte keinen angenehmen Eindruck, und der Oberst bemerkte sofort, daß dieser Mann kein willkommener Gast war. Der Förster mochte das auch wissen, aber er kümmerte sich nicht darum. Er stellte seine Büchse in die Ecke, nickte der Wirthin vertraulich zu und setzte sich ebenfalls an den Tisch, den Oberst nur mit einem flüchtigen Blick musternd. „Einen Schoppen, Kutscher!" befahl er, während sein Blick den jungen College« höhnisch streifte. „Ihnen bläst der Wind wohl draußen zu scharf, Herr von Reizenstein?" Es lag eine beleidigende Geringschätzung in dem Tone, in dem er diese Frage stellte. Dem Forst- Eleven schoß das Blut jäh in die Wangen. „Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten!" erwiderte er, mühsam an sich hallend. Der Förster lachte heiser und fuhr mit seinen Händen durch seinen wüsten Bart. „Ich werde mir wohl erlauben dürfen, mich auch um Ihre Angelegenheiten zu bekümmern", sagte er. „Ich bitte Sie, nicht zu vergessen, daß ich den erkrankten Oberförster vertrete. Wenn ich befehle, müssen Sie Ordre pariren; es sollte mir leid thun, wenn gerade Sie mich zwängen, dem Forstamte unangenehme Meldungen zu machen." „Thun Sie, was Sie nicht lassen können!" „Hans!" sagte die Wirthin bittend. „Wenn ich meine Amtspflicht streng erfüllen wollte, dann wäre längst Etwas erfolgt, was Ihnen unangenehm fein könnte", versetzte der Förster mit scharfer Betonung; „Sie scheinen mit offenen Augen in Ihr Unglück hineinrennen zu wollen." „Laßt es gut sein und haltet Frieden!" sagte der Wirth unwillig, während er die Flasche vor den Förster hinstellte. „Man darf nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, und je nachdem die Dinge liegen, muß man ein Auge zudrücken können." „Das kann man auch nicht immer", erwiderte der Förster, „und fordert man von mir, daß ich meine Pflicht thue, so darf ich das wohl auch von meinen Untergebenen verlangen. Wir werden in der nächsten Zeit Arbeit und Arrger genug bekommen, da muß Jeder von uns stramm auf dem Posten sein, wenn es nicht von oben herunter Nasen regnen soll." „So? Was giebt's denn nun wieder?" fragte der Wirth, indeß Hans die Cigarre anzündete, die der Oberst ihm angeboten. 843 „Der rothe Fritz ist wieder da!'' „Fritz Keller?" „Jawohl", nickte der Förster. „Aber das ist —" „Nicht möglich?" schnitt Hellmuth dem über, raschten Wirth das Wort ab. „Ich hab' ihn mit meinen eigenen Augen gesehen; er sieht noch genau so aus wie früher. Unkraut vergeht nicht; ich hab's immer gesagt, er würde von drüben noch einmal als richtiger Stromer wiederkommen. Jetzt ist er da, und was wir nun zu erwarten haben, weiß Jeder, der ihn srüher gekannt hat." Der Wirth schüttelte noch immer zweifelnd das Haupt. „Das begreife, wer kann!" sagte er. „Der Bursche müßte doch wissen, daß hier kein Weizen mehr für ihn blüht." „Bah, er wird denken, über die alten Geschichten sei Gra» gewachsen; es sind ja zehn Jahre seitdem verstrichen." „Ist es der Wilddieb, der damals auswanderte?" fragte Han«, sich zu seinem Schwager wendend. „Freilich" erwiderte der Wirth; „er ist schon damals bestraft worden, und zur Zeit seiner Auswanderung lag wieder eine Anzeige gegen ihn vor." „Die Sie gemacht haben sollen!" fügte Hellmuth hinzu. „Ich? Das ist —" „So sagte man damals, und ich fürchte, der rothe Fritz hat davon auch Kenntniß erhalten —" „So hat er eine Lüge erfahren! Aber wäre es auch Wahrheit gewesen, der Bursche kann mir darum doch Nichts anhaben!" „Bei der ersten Drohung läßt man ihn verhaften!" sagte Hans geringschätzend. — „Gieb mir noch einen Schoppen, Johann!" „Trink' nicht mehr, Hans", bat seine Schwester. „Warte wenigstens bis zum Nachteffen!" „Noch einen Schoppen, Schwager!" fuhr der junge Mann auf. Der Wirth wechselte mit seiner Frau einen bedeutungsvollen Blick und zuckte die Achseln; dann ging er zum Schenktisch, um den Wein zu holen. „Verhaften! Da» ist leicht gesagt!" nahm der Förster wieder das Wort. „Drohungen allein berechtigen dazu nicht, es müssen Beweise einer strafbaren Handlung vorliegen. Und die alten Geschichten sind nun auch verjährt, man kann darauf nicht mehr zurückkommen. Ja, wenn ihm nachträglich noch da» Verbrechen bewiesen werden könnte, von dem derzeit geredet wurde!" „Unsinn!" erwiderte der Wirth. „Weil der Bursche damals ausgewandert war, wollte man ihm ein Verbrechen aufbürden — " „Gleich nach seiner Auswanderung wurde die Leiche im Walde gefunden, und Sie werden sich er- inner», daß der Arzt erklärte, die Leiche müsse schon acht oder zehn Tage da gelegen haben." „Ganz recht; aber was hatte der rothe Fritz damit zu schaffen?" „Die Leiche war beraubt." „Das kann Niemand mit Sicherheit behaupten'" sagte der Wirth kopfschüttelnd, „und es ist auch da- mal« in keiner Weise erwiesen worden. Der Mann soll selbst sich das Leben genommen haben, und er hieß, er hätte vorher in Wiesbaden Alles verspielt. Daß man bei einem Hazardspieler, der sich erschossen hat, Nicht« findet, kann wahrhaftig nicht befremden. Später ist eine Dame hier gewesen, die mit dem Erschossenen verwandt war; sie hat Alles in Ordnung gesunden und das Gericht nicht weiter mit der Sache behelligt." (Fortsetzung folgt.) Betrogene Betrüger. Novellette von M. Heim. (Nachdruck verboten.) Erstes Capitel. Ein rauschender Galopp war beendigt; die Musik verklang. Mit einem Seufzer der Erleichterung ließen die Musiker ihre Instrumente sinken, und die Herren führten die Damen zu ihren Plätzen, um ebenfalls mit einem Seufzer der Erleichterung in das anstoßende Zimmer zu eilen. Einer derselben, dessen hohe Gestalt mehr zur Fülle als zu übergroßer Zierlichkeit neigte, sank, hier angelangt, sogleich auf einen Stuhl und trocknete sich unter lautem Stöhnen den Schweiß von der Stirn. „Das nennt die Welt Vergnügen!" klagte er dabei. „Zwanzig Grad Wärme zum mindesten und dabei diese Erregung! Laßt sehen." — Er begann an den Fingern aufzuzählen. — „Zwei Walzer, ein Galopp, eine Polka mit Damenwahl — " „Wobei Du jedoch nicht viel incommodirt wurdest", schaltete sein Freund Otto ein. „Uebrigens kannst Du Gott danken, Ferdinand, wenn er Dir etwas Bewegung verschafft, bevor Du Schwenninger in die Hände fällst", bemerkte ein Anderer, Namens Albin. „Ein Rheinländer" zählte Ferdinand fort, ohne sich stören zu lassen, — „dann noch die Polonaise, die ich freilich noch für den vernünftigsten aller Tänze erkläre." — „Weil sie Dein Blut nicht so in Wallung bringt?" fragte Albin. „Nein doch", antwortete ihm Otto, „sahst Du nicht, daß er bei der Polonaise die schönste Dame der Gesellschaft führte?" Ferdinand sagte darauf nur: „Du ahnungsvoller Engel, Du", und lächelte still vor sich hin. „Ist es möglich, Don Fernando!" rief Felix, sein Intimus, sich dicht vor ihn hinstellend, „Euer Herz in neuen Fesseln, wo kaum die alten ganz ohne Euer Zuthun gelöst sind?" Ferdinand schwieg darauf, bis die meisten der Anwesenden sich durch die neu beginnenden Klänge der Musik hatten verlocken lassen, in den Tanzsaal zurückzukehren, Dann erhob er die Augen mit 344 schlauem Blinzeln zu der zierlichen, feinen Gestalt seines Freundes Felix, der schon manches Herzens- geständniß von ihm gehört. Man pflegte die Beiden scherzweise Mann und Frau zu nennen und sah sie fast nie Einen ohne den Andern. Auch jetzt hatte das Schicksal sie Beide dazu verurtheilt, ihre Universitätsferien anstatt zu Hause in einer kleinen Provinzialstadt bei Freunden zuzubringen. Felix hatte wegen einiger beim Vater eingelaufenen nicht ganz unbedeutenden Rechnungen für gut befunden, die Liebenswürdigkeit seiner Angehörigen diesmal nicht zu erproben. Ferdinand aber schwur, das Haus seines Onkels, das er bisher als seine Heimath betrachtet, überhaupt nie mehr zu betreten, sintemal ihn Cousine Elsa, in welche er sterblich verliebt war, selbst darum ersucht und ihm die schmeichelhafte Versicherung gegeben, er sei ihr vollkommen entbehrlich und könne ihr nur dadurch eine Annehmlichkeit erweisen, daß er ihr nie wieder vor die Augen trete. „Nun, heraus damit, Nante, alter Junge", mahnte Felix energisch. Sie ist schöner als Alle, die Du bisher geliebt, wie?" „Felix, mein Sohn, Dein zarter Instinkt hat es errathen. Ich bin weg, rein weg, sag ich Dir. — Ist sie Dir nicht auch aufgefallen?" „Als ich kam, war die Polonaise bereits vorüber. Aber mag sie sein, wie sie will, sie kommt nicht der gleich, was ich diesen Abend entdeckt habe." „Hchel" lachte Ferdinand ungläubig. „Hche!" machte ihm Felix, sich ereifernd, nach. „Kannst Du urtheilen, bevor Du gesehen hast? Bildest Du Dir ein, Du hast allein Augen im Kopfe? Da, erhebe Dich einmal und komm an die Thür, so will ich Dir meine Schöne zeigen, und Du sollst kläglich verstummen.' Ferdinand leerte bedächtig sein Glas und folgte dann dem lebhaften Freunde an die offene Thür des Tanzsaales. „Siehst Du die Dame in Rosa?" fragte Felix, nach ihm zurückgewandt. „Die mit den braunen Locken, die eben —Eine Bewegung Ferdinands ließ ihn verstummen. „Das ist ja meine Angebetete", nickte dieser gemächlich. „Nun beweise mir, daß die Deine ihr gleich kommt!" „Wa--was? Das ist Deine Angebetete?I" fragte Felix verwirrt. Sie tauschten einen langen Blick aus und verstanden sich. „Große Entdeckung von Dir!" höhnte Ferdinand. „Laß Dir rathen, Don Fernando", spottete Felix, „komme mir nicht in mein Gehege. Ich habe bereits mit der Dame die ersten Artigkeiten ausgetauscht, und ich kann Dir versichern, mir ist die Sache völlig ernst." „Mir auch, und darum sei so gut, mir das Feld zu räumen; ich habe sie zuerst gesehen", entgegnete Ferdinand mit hartnäckigem Pflegma. „Ich habe schon Beweise ihrer Liebenswürdigkeit, ich werde noch mehr verlangen, und noch in dieser Nacht werde ich ihr mein Herz zu Füßen legen!'' rief Felix erregt. „Weißt Du schon, wer sie ist?" fragte Ferdinand spöttisch. Statt der Antwort wandte sich Felix an einen der im Zimmer zurückgebliebenen Herren und fragte nach dem Namen der bezeichneten Dame. „Es ist ein Fräulein Merber, die Nichte eines in der Nähe von B. wohnenden Landwirths", erklärte dieser. „Sie hält sich augenblicklich besuch«, weise bei Bekannten in unfern D . . . feld auf und hat mit diesen das Fest besucht." „Also keine Einheimische", sagte Felix. „Daher erklärt es sich auch, daß sie, gewiß die reizendste Erscheinung von Allen, verhältnißmäßig wenig tanzt." „Vielleicht nicht allein daraus", versetzte der Andere. „Fräulein Merber gilt für verlobt oder versprochen. Ich bin ein naher Bekannter ihrer Familie und daher in die Verhältnisse eingeweiht." Felix fand für nöthig, eilends sich dem freundlichen Auskunftgeber bekannt zu machen, und Ferdinand ließ sich nicht von ihm beschämen. Der dritte stellte sich als „Hellmuth, Oeconom" vor, und ließ sich dann bereit finden, auf Felix's Aufforderung noch weitere Nachrichten mitzutheilen. „Sie scheint nicht eben untröstlich über die Ab- Wesenheit ihres Verlobten", wagte Felix hinzuwerfen. „Er ist ber Stiefsohn ihres Onkels, in dessen Hause sie lebt", sagte Hellmuth. „Die beiden waren Spielgefährten und man hatte sie schon als Kinder für einander bestimmt." „Ohne ihr Herz zu befragen?" rief der sangui- Nische Felix. Hellmuth zuckte lächelnd die Achseln. Felix fand diesen Umstand empörend, und Ferdinand murmelte etwas wie „Schurke von Cousin" oder dergleichen.' Hellmuth zuckle wieder die Achsel, ließ den Blick lange sinnend auf Fräulein Merber ruhen und sprach dann: „Die Dame ist freilich sehr schön, in« deß ältere Ansprüche muß man respectiren." Felix war sogleich bemüht, diese philisterhafte Ansicht zu widerlegen, aber mitten im besten Wort- schwall entdeckte er plötzlich, daß der sonst so langsame Ferdinand sich zu Fräulein Merber begeben und sogar schon ein Gespräch mit ihr angeknüpst hatte. Herr Hellmuth kam dadurch um viel schöne Belehrungen, und Ferdinand hatte alsbald den Verdruß, sich von der größeren Gewandtheit seine» Freundes Felix aus dem Felde geschlagen zu seh-n. „Triumphire nicht zu früh!" murmelte er, al» Felix das schöne Mädchen glückstrahlend zum Tanze führte. „Ich gebe es nicht so schnell auf, was ich einmal auf's Korn genommen, und mir scheint, eS dämmert in meinem Kopfe schon ein Plan, der mich trotz Deiner, zarte Felicia, zum Ziele führen soll." (Fortsetzung folgt). Nedaetion: A. Scheyda, — Druck und Betlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Dießen.