Hichener Jamilienblätter. Belletristischer Beiblatt Mw Gießener Anzeiger. Nr. 73. Donnerstag den 24. Juni. 188g; Saat und Krnte. Roman von Ewald August König. (Fortsetzung.) „Verachten Sie ihn immerhin, aber gestatten Sie ihm, sich für Sie zu ruiniren! Er will es ja nicht anders; ihn macht es glücklich, die kostbarsten Geschenke Ihnen zu Füßen legen zu können, und so lange er sich mit einem freundlichen Wort und einem Lächeln begnügt, können Sie dieses Vergnügen ihm gönnen." „Ich werde seine Geschenke nicht mehr annehmen", sagte Signora Barlotti entschlossen, und ein Zornes- blick zuckte dabei aus ihren Augen; „der Comödie muß ein Ende gemacht werden, ich bin das der Rücksicht auf meinen guten Ruf schuldig. Unter allen Männern, die mich umschwärmten, Habe ich nur einen gefunden, den ich achten konnte; nur Einer verschmähte es, mit faden Schmeicheleien und geradezu beleidigenden Zudringlichkeiten um meine Liebe zu werben. Ich verachte sie Alle außer diesem Einen!" „Auch den Herrn Referendar?" fragte Carlotta schelmisch. „Nein, ich will auch ihn ausnehmen; er ist wenigstens eine ehrliche Natur, ihm schenke ich mein volles Vertrauen." „Er ist sehr eingenommen von seinen Kennt- niffen, seinem Urtheil und —" „Ich lernte noch keinen Recensenten kennen, der das nicht gewesen wäre; über diese Schwäche sehe ich hinweg. Der Referendar Rommel hat sich mir gegenüber oftmals als treuer, uneigennütziger Freund bewährt, und darum achte ich ihn." „Und weshalb wollen Sie die Huldigungen zurückweisen, die Andere Ihrer Schönheit und Ihrem seltenen Talent darbringen?" „Weil diese Huldigungen in einer Weise gebracht werden, die meinen guten Ruf gefährden muß. Ich sehe mich genöthigt, den Landrath zu ersuchen — da läutet's schon wieder." Carlotta verließ rasch das Boudoir und sah sich, als sie die Corridorthür öffnete, dem Landrath gegenüber. j Er wollte an ihr vorbeischreiten, sie legte die ! Hand auf seinen Arm und schüttelte ablehnend das Köpfchen. „Signora Barlotti empfängt heute keine Besuche", ' sagte sie in bedauerndem Tone. Befremdet blickte der Landrath sie an; zwischen seinen Brauen zeigte sich eine tiefe Furche. „Gilt diese Weigerung auch mir?" fragte er. „Es thut mir herzlich leid, aber ich muß diese Frage bejahen", erwiderte die Zofe mit leiser, aber fester Stimme. „Signora hat eine unruhige Nacht gehabt und fühlt sich nicht ganz wohl; sie läßt für heute um Entschuldigung bitten." Ackermann hatte das Etui aus seiner Tasche geholt; er übergab cs der Zofe und drückte ihr zugleich ein Goldstück in die Hand. „Ich darf wohl hoffen, daß Signora Barlotti sich heute Abend wieder so wohl fühlen wird, ihren treuesten Freund empfangen zu können", sagte er mit mühsam verhaltenem Groll; „bitte, übergeben Sie ihr dieses Etui, ich werde den Dank mir heute Abend holen." „Was in meinen Kräften liegt, meine Gebieterin Ihrem Wunsche geneigt zu machen, wird gewiß geschehen." „Ich erwarte es, und daß Sie auf meine Dankbarkeit rechnen dürfen, wissen Sie." Verstimmt kehrte der Landrath um. Es war das erste Mal, daß Signora Barlotti seinen Besuch nicht angenommen hatte. Seine Eitelkeit fühlte sich dadurch verletzt. Auf der Treppe begegneten ihm zwei Herren, betroffen blieb er stehen; er hatte den Hauptmann von Görlitz erkannt. Der Hauptmann grüßte kalt, und ohne ein Wort zu verlieren, schritt er an ihm vorbei; auch der Referendar, der ihm folgte, redete den Landrath nicht an. Ackermann blickte den Beiden nach; er wartete lange — sie kehrten nicht zurück. Jetzt konnte es für ihn keinem Zweifel mehr unterliegen, daß die Unpäßlichkeit der Signora nur ein Vorwand gewesen war, um seinen Besuch zurückzuweisen. Knirschend vor Wuth verließ er das Haus; er hatte in dem Augenblick, in dem er den längst ersehnten Sieg zu erringen hoffte, eine de- mürhigende Niederlage erlitten, die alle bösen Leiden« schalten in feinem Innern entfesselte. Carlotta hielt das Etui noch in der Hand, als sie den beiden Herren die Thür öffnete. „Herr Hauptmann von Görlitz?" fragte sie mit einem raschen, prüfenden Blick auf den schlanken Herrn, der mit ernster, fast finsterer Miene vor ihr stand. „Sie werden schon seit einer Stunde erwartet", fuhr sie mit ihrem schelmischen Lächeln fort, als er bejahend nickte; „Sie aber, Herr Referendar, muß ich bitten, in den Salon zu treten und dort einige Minuten zu warten." „Ihre Geduld wird wohl nicht lange auf die Probe gestellt werden, mein junger Freund", wandte der Hauptmann sich zu seinem Begleiter. „Sie wissen ja, wie wenig ich der Dame zu sagen habe." Der Referendar ergriff rasch seine Hand und blickte ihm ernst und voll in die Augen. „Ich beschwöre Sie noch einmal, schenken Sie meinen Worten Glauben, und laffen Sie diesen Augenblick nicht unbenutzt vorübergehen", sagte er bittend, „denn was man der Minute ausgeschlagen, giebt keine Ewigkeit zurück!" Der Hauptmann lächelte gezwungen und trat in das Boudoir. Mit einer höflichen, kalten Verbeugung begrüßte er die schöne Frau, deren Blick er voll fieberhafter Erwartung und Spannung auf sich geheftet sah. „Sie haben befohlen, gnädige Frau, und ich glaubte im Hinblick auf vergangene Zeiten Ihren Wunsch erfüllen zu müssen", sagte er kühl, während er langsam näher trat. Signora Barlotti hatte die Lippen auseinander gepreßt, und im ersten Moment schien es, als ob sie ihm eine trotzige Antwort geben wolle, aber gleich darauf glitt ein schmerzlich wehmüthiger Zug über ihr Antlitz. , „Ich hatte mich der Hoffnung hingegeben, die stimme Ihres eigenen Herzens würde Sie zu mir zurückführen," erwiderte sie mit leisem Vorwurf. „Sind denn jene schönen Tage, die wir in Wiesbaden gemeinsam verlebten, ganz Ihrem Gedächtniß entschwunden?" „Ich roojte, daß ich sie vergeffen könnte!" „Und worauf gründet sich dieser seltsame Wunsch ?" „Sollten Sie die Gründe wirklich nicht kennen?" fragte er in bitterem Tone. „Nein, ich habe über die Gründe Ihrer damaligen, plötzlichen Abreise lange nachgedacht, aber die Lösung dieses Räthsels nicht finden können", sagte sie, und die leise zitternde Stimme deutete auf mühsam bezwungene Erregung. „Wir waren so glücklich, und keine Wolke drohte ihren Schatten auf unseren sonnenhellen Pfad zu werfen. Erinnern Sie sich noch unseres gemeinsamen Ausflugs nach Wiesenthal? Haben Sie die Worte vergessen, die Sie mir dort am Grabe Ihres unglücklichen Freundes sagten?" „Signora, ich erinnere mich noch jedes Wortes, welches zwischen uns gewechselt worden ist", erwiderte er, und auch seine Stimme bebte, „ich habe an die Aufrichtigkeit dieser Worte geglaubt —" „ttnö was konnte Ihnen diesen Glauben rauben?" siel sie ihm leidenschaftlich in die Rede. „Sie wissen es selbst!" „Nein, nein, oder sollte es wirklich meine Weigerung gewesen sein, Ihnen den Brief zu zeigen, den ich an jenem Tage empfing, an dem ich das Wort her Entscheidung von Ihren Lippen erwartete?" Der Hauptmann lehnte sich in seinen Seffe zurück und strich langsam mit der Hand über seine breite, gewölbte Stirne. „Weshalb wecken Sie diese quälenden Erinne- rungen?" fragte er leise. „Sie hätten mir und sich selbst all' das Schmerzliche erlassen sollen — " "34 will Gewißheit haben, mag sie auch noch so schmerzlich für mich sein! Vier Jahre lang hindurch habe ich von Tag zu Tag gehofft, Ihnen wieder zu begegnen und die Lösung jenes mir dunklen Räthsels endlich zu finden; jetzt fordere ich sie von Ihnen, gleichviel, wie sie auch lauten mag!" „Wohlan, ich werde dieser Forderung nach' kommen", erwiderte er, tief aufathmend. „Es ist wahr, ich war damals unsagbar glücklich und dieses Glück danke ich Ihnen. Sie nahmen sich des armen Verwundeten mit rührender Liebe an, und nicht lange währte es, da loderte in meinem Herzen die Gluth der Liebe hell empor. Ich war reich, unabhängig, ich konnte Ihnen mit meiner Hand eine gesicherte glänzende Existenz bieten — aber ich war auch ein Krüppel, und der Gedanke hieran drängte das entscheidende Wort, so oft ich es auch sprechen wollte, immer wieder zurück. Wohl er- mnere ich mich noch unseres Besuchs in Wiesenthal; ich erzählte Ihnen dort die Geschichte meines unglücklichen Freundes, ohne die Namen der übrigen Betheiligten zu nennen. Offen gesagt, ich hoffte bei dieser Gelegenheit, Sie würden mich durch irgend eine Aeußerung ermuthigen, das entscheidende Wort zu sprechen; aber Sie schwiegen und fast schien es mir, als ob Sie die Entscheidung fürchteten. Einige Tage später faßte ich mir ein Herz. Ich ging mit dem Vorsatz zu Ihnen, mir Gewißheit zu verschaffen. klopfte an, Niemand antwortete; ich trat ein. Sie befanden sich mit Ihrer Frau Mutter im Nebenzimmer, die beiden Stuben waren nur durch eine Portiere getrennt. Ich hörte deutlich, daß über mich gesprochen wurde; unwillkürlich blieb ich stehen, Worte, die mich tief verletzten, drangen an mein Ohr. Die alte Dame spottete über mich, sie äußerte die sichere Erwartung, daß Sie Ihre Künstler- ^usbahn verfolgen und Ihre Lorbeeren nicht einem Krüppel opfern würden. So wußte ich denn,^,was ich von dieser Seite zu erwarten hatte — aber zurückziehen konnte ich mich nicht mehr. Mit einem Briefe in der Hand traten Sie ein, und Ihre Befangenheit, Ihre Zurückhaltung und Kälte ließen mich vermuthen, daß die Worte, die ich vernommen hatte, auf einen fruchtbaren Boden g fallen waren. Ich habe Ihnen nie einen Vorwurf daraus gemacht; ich mußte mir sagen, daß jene Bedenken Ihrer Frau Mutter wohl begründet seien, und so schmerzlich es mir auch war, meinen süßesten Hoffnungen entsagen zu sollen, fühlte ich doch, daß es geschehen mußte. Sie werden sich jenes Morgens noch erinnern; ich fragte Sie scherzend, ob Sie einen angenehmen Brief empfangen hätten. Sie erschrocken und suchten vergeblich Ihre Verwirrung mir zu verbergen. Es war wohl eine indiskrete Zumuthung, 291 daß ich Sie bat, mir den Brief zu zeigen; aber auch das sollte nur ein Scherz sein — ich mar ja selbst zu verwirrt, um meine Worte vorher erwägen zu können. Was sollte ich Ihnen sagen, wenn ich mündlich von Ihnen Abschied nehmen wollte? Ich mußte fürchten, daß der indirekten Niederlage eine direkte folgen würde. So beschloß ich, Ihnen nur meine Karte zu senden und noch an demselben Tage abzureisen. Die Gründe dieser schleunigen Abreise lagen ja so nahe, daß es Ihnen nicht schwer fallen konnte, sie zu errathen. Nach einer längeren Reise zog ich mich auf mein Gut in Schlesien zurück, und Ihre Frau Mutier hatte Recht: Ihrer harrte ein glänzenderes Loos, als ich es Ihnen hätte bieten können. Ihr Name ist berühnit geworden, in jeder Stadt ernteten Sie Lorbeeren, und der kurze Traum, an den Sie mich vorhin erinnerten, war rasch vergessen. Weshalb rufen Sie mich nun noch einmal in Ihre Nähe? Ich bin zu stolz — und ich achte mich selbst zu hoch, als daß ich mich der Schaar Ihrer Anbeter zugesellen könnte, und bedürfen Sie eines Freundes, so — —" „Nicht weiter, Herr Hauptmann!" fiel Signora Barlotti ihm mit einer abwehrenden Handbewegung in die Rede, und ihr wogender Busen ließ ihn erkennen, wie gewaltig es in ihrem Innern tobte. „Mag man auch mich bei Ihnen verläumdet haben, ich bin zu stolz, Ihnen gegenüber auch nur ein Wort zu meiner Bertheidigung zu sagen; Sie müssen auch ohne diese Bertheidigung an mich glauben, zumal Sie wissen, wie geringschätzend ich über die Männer denke, die mit faden Schmeicheleien und kostbaren Geschenken Liebe erkaufen wollen." (Fortsetzung folgt.) Wngflen. Erzählung von Th. Hempel. • (Schluß). „Ich bin Ihnen sehr dankbar, daß sie mir einen Theil Ihrer Zeit widmeten", — erwiderte Anna. „Und wenn mir Ihre Dankbarkeit nicht genügte, wenn ich weit höheres Verlangen stellte?" Sie sah ihn fragend au und senkte vor seinen Blicken das Auge zu Boden. „Anna", — fuhr er fort, ,,ich bin ein einsamer Wanderer im Gewühl des Lebens, das fühle ich ost mit bittrem Kummer. Die Eltern verlor ich, als ich die Größe meines Verlustes noch nicht begreifen konnte, Geschwister.und nahe Verwandte besaß ich nie. In einer Pension verlebte ich die erste Jugend, blickte mit thränenden Augen meinen Mitschülern nach, wenn sie in den Ferien jubelnd nach der Heimath eilten. Später, als ich ein Gymnasium besuchte, verlebte ich meine Ferien im Hause meines Vormundes, dort ein Fremder wie j überall. Wenn ich eine Reise unternahm, beneideten mich meine Mitschüler, daß meine Mittel mir gestatteten, die Welt und die reichen Schätze der Natur und Kunst zu sehen. Ach, wie gern hätte ich mit ihnen getauscht, wie gern Alles dahingegeben, wenn ich nur einmal nach einer geliebten Heimath hätte den Schritt lenken dürfen, nur einmal von der Freude des Wiedersehens begrüßt, eine gastliche Schwelle übersteigen können, wenn nur einmal eines Vaters Hand segnend auf mir geruht, einer Mutter Arm liebend mich umschlungen. Folgte ich Einladungen meiner Freunds, sah ich sie solcher Art begrüßt im Vaterhaus, mich dagegen mit höflicher Gastfreundschaft, so erfaßte mich Neid und ich wäre gern wieder hinweggeeilt, mich in meine Einsamkeit zu begraben, mit einem liebebedürftigen Herzen. Meine Wissenschaft feffelt mich, ich fühle den Segen, die Befriedigung, welche es giebt, Wunden zu heilen, ich erkenne vollständig die ernste Verpflichtung des Arztes, mit allen Kräften weiter zu streben, es giebt noch so viel Näthsel zu lösen in unserm Beruf. Und doch füllt er mein Leben nicht aus, mein Herz schlägt so bang und sehnsuchtsvoll, ich sehne mich nach einer Seele, welche ich mein nennen darf, für's Leben. Was ich ersehnte, ich habe es gefunden, nicht draußen im bunten Gewühl des Lebens, nein hieb im Waldesgrün. Anna, nur einmal blickte ich hinein in Deine Augen, da fühlte ich klar, daß ich sie nie, nie mehr vergessen konnte. Wie ein süßer Traum erschien mir das Wiedersehen, nachdem ich gemeint, Du seist mir auf immer entschwunden. Nun muß ich fort, gebieterisch ruft mich die Pflicht an die Leidensstätte meiner Kranken, aber mein Herz bleibt hier. Anna darf ich wiederkommen, darf ich die Hoffnung mit mir nehmen, daß Du Dich entschließen kannst, mir und meinem einsamen Daheim, das zu geben, was ihm bisher das Leben versagte — die Liebe?" Sie schwieg eine Weile, als wüßte sie keine Antwort zu finden, als er aber ihre Hand ergriff, ihren Namen aussprach so bang, so fragend, da erhob sie das Köpfchen, da sah er zwei große Thränen glänzen in ihren Augen, da flüsterte sie ihm zu: ,,Ia, ich will Dein fein für alle Ewigkeit!" „Meine Braut, meine Geliebte!" rief er jubelnd aus und schlang die Arme um sie. „Anna", — erklang vom Garten aus des Forstmeisters Stimme, ihm verbarg das dichte Grün, was in der Laube sich zutrug, daher sprach er weiter: „Der Doktor hält wohl nicht für nöthig, noch einmal nach Deiner Hand zu fehen, ich werde nach der Mühle gehen, ihm unfern Dank zu bringen, da er morgen abreifen wird." Ehe Anna noch zu antworten vermochte, trat der Doktor aus der Laube. „Halten Sie mich für so pflichtvergessen, daß ich ohne Abschied von hier gehe, auch bin ich un- 2§2 KkdactivN! B, Scheid«. — Druck und Verlag her Brühllchm Druckerei (Fr. Ehr, Pietsch) in Gießen. bescheiden genug, mir eine recht große Belohnung von Ihnen zu erbitten." Seine Stimme begann doch ein wenig zu stocken. Er fühlte daß er, der Fremde, sich eine recht kühne Forderung erlaubte, mit bittender Stimme fügte er hinzu: „Ich möchte so gern die Hand, welche ich heilte, für's ganze Leben behalten. Wollen Sie dem Manne, der Ihnen noch ziemlich fremd gegenüber steht, das Glück Ihres Kindes anvertrauen?" „Nun, und was sagt denn mein Töchterchen dazu?" fragte der Forstmeister. Anna trat an des Geliebten Seite und blickte strahlend zu ihm auf, dies war für den Vater Antwort genug. Jetzt erschien auch die Forstmeisterin im Garten, hörte mit Verwundern von des Doktors Bitte um Annas Hand, und dieser trat ihr entgegen und bat mit bewegter Stimme: „Seit ich denken kann, hab' ich nie gewußt, was es heißt, eine Mutter zu besitzen, wollen Sie mir von nun an Mutter sein?" Der Forstmeister mochte wohl schon über Alfred's Verhältnisse unterrichtet worden sein, denn beide Eltern willigten ein, das Bündniß der jungen Leute mit ihrem Segen zu krönen. Im trauten Familienkreis ward unter dem grünen Blätterdach die Verlobung gefeiert. Nur zu schnell verrann die Zeit, der Mittag nahte, als Alfred sich endlich erinnerte, wie unverantwortlich er seine lieben Gastfreunde vernachlässigte. Er erhob sich, um Abschied zu nehmen, als Erich am Eingang der Laube erschien: „Sind das auch Pfingstferien? Nachdem ich eifrig studirt, so daß ich der Erholung dringend bedurfte, besteht sie darin, ewig diesem Flüchtling nachzugehen, welcher mir stets unter den Händen entwischt. Kaum habe ich ihn mit vielem Zureden aus der Hauptstadt entführt, kaum sind wir in den Wald eingetreten, so benutzt er eine kurze Ruhe, die ich mir vergönne, und verschwindet. Ich suche ihn lange und sorgenvoll und glaube schon ihn für immer verloren zu haben, da finde ich ihn endlich, aber wie? Er lehnt an einem Baume, die Augen schwärmerisch nach oben gerichtet, flüstert er, ohne mich zu bemerken: „Sie hat die blauen Augen der Waldkönigin? Er, der an demselben Morgen mir auseinander gesetzt, daß ihm auch das schönste Auge nichts anhaben könne, daß sein Herz noch nie, um eines Mädchens willen, rascher geschlagen. Als es mir endlich gelang, ihm meine Gegenwart bemerklich zu machen, sagt er, noch immer mit ziemlich geistesabwesenden Blick mich ansehend: „Der Zauber des Waldes nahm mich gefangen." Nicht ohne Sorge sah ich ihn täglich auf seinem ernsten Berufswege dem Walde zueilen, doch immer kehrte er glücklich zurück, nur wollte mir, dem Laien, bedünken, daß ein solch ärztlicher Besuch, doch recht viel Zeit in Anspruch nimmt. Heute aber harrte ich vergebens seiner Zurückkunst. Verzeihen Sie mir," — mit diesen Worten wandte er sich an bett Forstmeister und seine Gattin, welche lächelnd seiner lebhaften Schilderung folgten, „meinen Ueberfall, aber was thut man nicht für einen Freund". Jetzt nahm Anna das Wort: „Ich fühlte, daß die Last zu schwer war für Ihre Schultern, lieber Erich, ich Ihre treue Jugend, gefährtin, nahm Ihnen einen Theil davon ab und will Ihnen den Freund behüten helfen." „Und ich", — fiel Alfred ein, — „danke Dir von Herzen, mein Freund, daß Du mich hierher führtest. Hier hab ich sie gefunden, die meines Lebens Stern sein will, in hellen und dunklen Tagen. Sieh hier die Waldeskönigin, in deren Augen ich am Psingstmorgen nur einen kurzen Augenblick schaute, um klar in mir zu suhlen, daß ich sie nie wieder vergesien könnte. Mein Glücksstern ließ mich sie wieder sinken und vor einer Stunde habe ich die beseeligende Gewißheit erhalten, daß sie mein sein will, mein Weib I ‘ Erichs Jubel bei dieser Enthüllung war dem Brautpaar die beste Gewähr, wie innig er Antheil nahm an seinem Glück. Der Sonntag verging den beiden befreundeten Familien in ungetrübtem Beisammensein, deffen Mittelpunkt das glückliche junge Paar war. Als der Abend kam, da hieß es scheiden, aber scheiden auf baldiges frohes Wiedersehen. Als die Freunde den Perron des Bahnhofs betraten, herrschte dort reges Leben, ein Salonwagen ward in den Zug eingeschoben, elegante Damen und Herren gingen auf und ab. Eine vornehme Erscheinung, über alle hervorragend, musterte mit strahlenden Augen stolz die Umstehenden. Erich raunte seinem Freunde ins Ohr: „Dies ist die Fürstin." „Diese? Die Augen sollen bannen und verwunden?" War die in enttäuschtem Tone gegebene Antwort. „Sie halten den Vergleich nicht aus, mit meiner Anna dunklen Sternen I" Einen Augenblick sah der Freund ihn fragend an, dann dachte er still bei sich: „So schön wie meiner Marie Augen giebt's doch keine in der Welt." Als die Freunde sich bei der Ankunst in der Stadt trennten, da sagte Alfred, dem Freund die Hand zum Abschied drückend: „Erich, wie kann ich Dir genug danken, Du gabst die Veranlaffung, daß ich das schönste, das reichste Psingstfest feierte, das, wenn Gott seinen Segen giebt, seine Strahlen über mein ganzes künftiges Leben werfen soll." Ais wieder die Pfingstglocken erklangen, da führte der Doktor zum erstenmal wieder sein Weib der Heimath im grünen Walde zu. Die Eltern freuten sich am Glück des geliebten Kindes und der Forstmeister hielt es nicht für gerathen eine Straf, predigt über Psingstreisen der Aerzte zu halten.