Hiehener Jamilienblätter. Belletristische» Beiblatt rum Gießener Anzeiger. Donnerstag den 22. Juli. 1886? Saat und Ernte. Roman von Ewald August König. (Fortsetzung.) „Sie hat Aehnlichkeit mit der Handschrift eines Manne», der vor Jahren Dein Freund war." Er lachte heiser und schleuderte den Brief mit einer verächtlichen Geberde auf den Schreibtisch. „Ich kenne die Handschrift nicht", erwiderte er achselzuckend, „ebenso wenig verstehe ich den Sinn der Worte. Vielleicht glaubt ein hirnverbrannter Fanatiker, durch solche mysteriöse Mahnungen Proselyten machen zu können. —" „Du versuchst vergeben«, mich zu täuschen", unterbrach Vera ihn mit gehobener Stimme. „Diese Worte rufen eine Erinnerung in Dir wach, die Dir Entsetzen einflößt. Ich irre wohl nicht, wenn ich vermuthe, daß —" „Verschone mich mit Vermuthungen und Schlußfolgerungen, die jeder Begründung entbehren", unterbrach er fie aufbrausend. „Wenn ich Dir sage, daß ich den dunklen Sinn dieser Worte nicht kenne und auch keine Lust habe, ihn zu ergründen, so muß Dir da« genügen." Der Blick Vera»'« folgte ihm unverwandt, wie er mit großen Schritten auf und nieder wanderte und sichtbar sich bemühte, seiner Erregung Herr zu werden. „Ich habe diese Handschrift sofort wieder erkannt", sagte sie mit bebender Stimme, „und in den Worten selbst finde ich die ernste Mahnung an eine dunkle That, deren Enthüllung Du fürchten mußt." „Thorheit, einer solchen That bin ich mir nicht bewußt I" „Sie hängt mit jenem verpfändeten Ehrenwort zusammen, das Hermann von Salberg in den Tod trieb." Er war stehen geblieben, ein höhnischer Zug umspielte seine Mundwinkel. „Und die Handschrift?" fragte er sarkastisch. „Sie gleicht frappant der Handschrift Salberg'»!" „So müßten diese Briefe au» dem Jenseits kommen", spottete er, „denn an der Thatsache, daß Hermann von Salberg unter den Tobten ist, kann in keiner Weise gerüttelt werden." Vera wiegte ungeduldig da» Haupt; ein Blick der Verachtung traf au» ihren dunklen Augen den Gatten. „Ich behaupte nicht, daß es die Handschrift Salberg'« sei", erwiderte fie, -„ich sage nur, sie habe Aehnlichkeit mit ihr. Aber daß jene Worte sich auf den Selbstmord Deines Freundes beziehen, unterliegt für mich jetzt gar keinem Zweifel mehr. Dein Entsetzen hat Dich verrathen." „Wenn Du Unwillen und Zorn Entsetzen nennen willst, so muß ich mir auch das gefallen lassen I Seitdem Du jenen Brief fandest, quälst Du Dich mit thörichten, kindischen Vermuthungen. Und wozu? Das Geschehene kannst Du dadurch nicht ungeschehen machen, Hermann von Salberg ist tobt, und Du solltest endlich einsehen, daß es sich für Dich nicht ziemt, jetzt noch um ihn zu trauern. Triff Deine Vorbereitungen, wir werden in den nächsten Tagen abreisen." „Wohin?" fragte sie, aus ihren Sinnen er- wachend. „Wir werden fortan in der Residenz wohnen." „Dann gestatte mir, mich auf unser Gut zurück- zuziehen." „Weshalb?" erwiderte er barsch. „Soll unser Bruch offenkundig werden?" „Er ist es schon", sagte Vera kalt. „Es wäre nutzlos, den äußern Schein ängstlich wahren zu wollen, Niemand glaubt an ihn; man weiß, daß unsere Ehe niemals glücklich war. Darüber noch Worte zu verlieren, wäre Thorheit, das Thema ist oft genug zwischen uns zur Sprache gekommen, und ich denke, wir haben Beide erkannt, daß wir die Dinge jetzt nicht mehr ändern können, selbst wenn wir es wollten. Du willst in der Residenz die Freuden des Lebens genießen; ich liebe die geräuschvollen Vergnügungen nicht und ziehe ihnen die Einsamkeit und Stille vor, so folge Du Deinem Verlangen und — " „Thorheit!" unterbrach er sie ironisch. „Du wirst mich begleiten. Die Erfüllung Deines Wunsches ist schon deshalb unmöglich, weil ich mein Amt niedergelegt und Auftrag gegeben habe, mein Gut zu verkaufen." Sie blickte ihn starr an — sie schien an die Wahrheit dieser Erklärung nicht glauben zu können. „Du willst das Gut verkaufen?" fragte sie zweifelnd. „Was könnte Dich dazu veranlaffen?" „Gründe brauche ich wohl nicht anzugeben, das Gut ist mein Eigenthum. „Welche Gründe es auch sein mögen", erwiderte ' sie, und in ihren Augen blitzte es dabei zornig auf, I „Du wirst diesen Schritt einst bitter bereuen." I „Ich verlange Deinen Rath nicht", sagte er mit einer ablehnenden Geberde, „in solchen Angelegenheiten muß ich selbst am besten wissen, was ich zu thun und zu lassen habe. Das Gut wird verkauft und wir wohnen fortan in der Residenz. Ich zweifle nicht daran, daß Du unter diesen Umständen mich begleiten wirst." „Darauf kann ich Dir jetzt noch keine Antwort geben; ich werde vorher noch eine andere Reise machen." „Wohin?" „Rach Wiesenthal." „Was willst Du dort?" „Einen bestimmten Zweck hat meine Reise nicht —" „So unterlasse sie, oder schiebe sie wenigstens auf bi» zu einer besseren Jahreszeit", erwiderte er rauh, „der Todte der dort liegt, weiß doch Nichts von Deinem Besuch, und Du schaffst Dir unnütze Aufregungen." „Ich antworte Dir jetzt mit Deinen eigenen Worten, daß ich in solchen Angelegenheiten selbst mein Thun und Lassen bestimmen muß", sagte sie, da» schöne Haupt trotzig erhebend. „Du wirst mich von dieser Reise nicht zurückhalten können." „Wenn Du nicht anders willst — in Gottes Namen! Ich kann Dir nicht wehren, wenn Du Vergnügen daran findest, die Kluft zwischen uns mehr und mehr zu erweitern; nur beschwere Dich später nicht, wenn die Folgen Deinen Wünschen nicht entsprechen." „Ich hege keine Wünsche und auch keine Hoffnungen mehr", erwiderte Vera, ihm den Rücken wendend; „ich glaube nicht mehr an die Möglichkeit, daß noch einmal ein Sonnenstrahl auf meinen Lebenspfad fallen könne." Ackermann zuckte geringschätzend mit den Achseln und zog ungestüm an der Schelle. „Anspannen!" befahl er dem eintretenden Diener, dann nahm er die unterbrochene Wanderung wieder auf. Sein Blick fiel im Vorbeischreiten auf den räthsel- haften Brief, der noch auf dem Schreibtisch lag; er warf ihn ins Feuer. „Ich vermuthe, daß Görlitz mir diesen Possen gespielt hat", sagte er, zornig mit dem Fuß auf- stampfend, „er allein kann jene Worte kennen. Hätte ich ihn nur besser getroffen! Dieses verpfuschte Duell wird seinen Haß gegen mich nur steigern, und der Kluge räumt das Feld." Der Diener meldete, daß der Wagen bereit stehe, Ackermann ergriff hastig seinen Hut und eilte hinaus. Eine halbe Stunde später trat er in das Cabinet des Banquiers. „Haben Sie den Verkauf meines Gutes bereits eingeleitet?" fragte er ungeduldig. „Das Geschäft ist so zu sagen schon abgeschlossen", erwiderte Morgenroth, ihn erwartungsvoll anblickend; „ich hoffe, Sie werden Ihren Auftrag nicht zurück- nehmen wollen." „Im Gegentheil, ich wünsche die Angelegenheit so rasch wie Möglich geordnet zü sehen, da ich schott in den nächsten Tagen die Stadt zu verlassen ge- denke. , Den neugierigen Fragen, weshalb ich mein Amt niedergelegt und meinen Grundbisitz verkauft habe, möchte ich aus dem Wege gehen; Sie werden das begreiflich finden." Der Banquier nickte zustimmend, ein triumphirendes Lächeln glitt über sein rothes Antlitz. „Sie können abreisen, wenn es Ihnen beliebt", sagte er, „ich werde Ihre Interessen wahren, als ob es meine eigenen wären." „Ich möchte vorher die Sache ordnen, kann dies morgen oder übermorgen geschehen?" „Heute noch, wenn Sie es wünschen! Ich werde meinen Notar beauftragen, den Akt auszufertigen, Sie brauchen ihn nur zu unterzeichnen, ich schließe dann persönlich mit dem Consortium das Geschäft ab." „Und wann kann die Zahlung de» Geldes erfolgen?" „In einigen Wochen, sobald die Aktien gezeichnet und die Beträge eingezahlt sind. Sie werden mir ja die Verwaltung dieses.Geldes anvertrauen, fünfzehn bis zwanzig Prozent Zinsen glaube ich Ihnen mit Sicherheit garantiren zu können." „Ich überlasse das Alles Ihnen", sagte der Land- rath, „Sie kaufen also von mir das Gut für zwei- malhunderttausend Thaler und zwar unter den Bedingungen, die ich hier verzeichnet habe. Die Situation»- und Vermessungspläne sammt den übrigen darauf bezüglichen Papieren habe ich Ihnen gestern Abend übersandt „Ich habe sie erhalten", erwiderte Morgenroth, während er das ihm überreichte Papier entfaltete, „und wenn ich in Ihren Bedingungen keine Schwierigkeiten finde, so ist Alles in Ordnung, und der notarielle Akt kann morgen ausgefertigt und vollzogen werden." Er las das Schriftstück sehr aufmerksam, dann nickte er befriedigt. „Gegen diese Bedingungen läßt sich Nichts einwenden", fuhr er fort, „sie sollen gewissenhaft erfüllt werden." r- „Gut, dann lassen Sie morgen den Akt ausfertigen, ich werde übermorgen ihn unterzeichnen", sagte der Landrath, sich erhebend. „Heber die Zahlung und Verwendung des Capitals werden Sie mir später schriftlich berichten, ich muß ohnedies im Laufe de» Winters noch einige Mal hierher kommen, da hier noch Manches zu ordnen ist, was jetzt in der kurzen Zeit nicht Alles erledigt werden kann. Sie lassen mich wohl benachrichtigen, wo und in welcher Stunde der Akt unterzeichnet werden soll?" „Sobald ich mit meinem Notar darüber geredet, erhalten Sie Nachricht." Ackermann nickte zustimmend und verließ da» Cabinet; der Banquier Morgenroth aber rieb mit vergnügtem Schmunzeln seine fleischigen Hände; er hatte sich in dieser Stunde eine neue Goldgrube erschlossen, die ihm reiche Ausbeute in Aussicht stellte. 889 9. Kapitel. Im weißen Hirsch. Das Dorf Wiesenthal liegt nur eine kleine Viertelstunde von der nächsten Eisenbahnstation entfernt. Seine reizende Lage, die dunklen, schattigen Wälder, die es umgeben, und sein vortreffliches Gasthaus machen es in der schönen Jahreszeit zu einem beliebten Wallfahrtsort für die Gäste des nahen Badeorts, und wer je einmal im „Weißen Hirsch" in Wiesenthal eingekehrt ist, der wird sich der Stunden, die er in diesem gastfreundlichen Hause verbracht hat, noch lange mit Vernügen erinnern. Das Gasthaus liegt nicht im Dorfe selbst, sondern zwischen diesem und dem Walde an der Landstraße. Da« große schmucke Haus mit dem großen, schattigen Garten bietet einen überaus freundlichen Anblick, und wohlthuend muß Jeden die Ordnung und Sauberkeit berühren, die in jedem Raume deffelben herrscht. „Sie sind dort so gut aufgehoben wie in Abraham'S Schooß, Herr", sagte der Tagelöhner, den der Oberst auf dem Bahnhofe zum Tragen seiner ziemlich schweren Reisetasche engagirt hatte; „es soll in ganz Wiesbaden keinen so ausgezeichneten Gasthof geben. Es war nicht immer so, Herr; noch vor drei Jahren konnte man den weißen Hirsch nicht loben; der Vater des jetzigen Wirths, der alte Fahne, kümmerte sich nicht sonderlich um die Wirthschaft, er trank mehr, als ihm gut war, und mit seinem Sohne konnte er nicht Frieden halten; daß der Johann ein tüchtiger Mensch sei, wollte er gar nicht einsehen." „Welcher Johann?" fragte der Oberst. „Sein Sohn, der jetzige Wirth, und wissen Sie, woran das lag? Unser Oberförster von Reizenstein hatte eine hübsche Tochter, und der alte Fahne wollte von den Adligen Nichts wissen, er war mit Leib und Seele Republikaner. Der Förster Hellmuth liebte auch die Marie, aber von ihm wollte da» Mädchen Nichts wissen, und ihr Vater hatte gegen den Johann Nichts einzuwenden. Wie nun der alte Fahne tobt war, heirathete der junge des Oberförsters Tochter, und das adelige Fräulein ist eine tüchtige Wirthin geworden. Es war eine lustige Hochzeit, Herr, und außer dem Förster hat Jeder den Beiden das Glück von Herzen gegönnt." Der Oberst schlug den Kragen seines Paletots in die Höhe, ein eisiger Wind fegte über die Fluren. „Und der Oberförster hat's wohl auch nicht he- reut, daß er seine Tochter dem Sohne des Republikaners gab?" fragte er in gleichgiltigem Tone. „Wie sollte er! Der arme Mann hat leider kein angenehmes Alter, da kann's ihm nur lieh fein, daß feine Tochter in der Lage ist, ihn zu pflegen. Ueber seinen Sohn, Herr, reden die Leute nicht viel Gute«, das macht dem Alten auch noch Kummer, und wenn ! er gesund wäre „Wer ist der Kranke? Der Oberförster?" „Ja, er liegt nun schon ein ganzes Jahr an der Gicht darnieder, und die alte Brigitte muß ihn pflegen wie ein kleines Kind." „Die alte Brigitte? Wer ist das?" „Sie führt ihm das Hauswesen, seitdem feine Tochter fort ist, eine arme Wittwe, aber eine treue, brave Seele." „Er wohnt also nicht bei seiner Tochter?" „Nein, er kann den Wald nicht missen, sie haben ihm oft vorgeschlagen, in den weißen Hirsch zu ziehen, aber er will nicht und es läßt sich ja denken, daß ihm nirgend so wohl ist wie in dem Forsthause." Der Oberst drückte den breitkrämpigen Hut tiefer in die Stirne und warf einen langen, prüfenden Blick auf das kleine, freundliche Dorf, das im halben Scheine der sinkenden Winterfonne vor ihm lag. (Fortsetzung folgt.) Die neuen deutschen Postdampfer und der Norddeutsche Lloyd in Bremen. (Schluß). Die Newyorker Fahrt wird zweimal wöchentlich expedirt, am Mittwoch und Sonntag. Auf ihr laufen jene fünf Schnelldampfer, deren Leistungen und deren innere Einrichtungen die Welt mit ihrem Ruf erfüllt haben, wirkliche Palastschiffe, wie sie überhaupt keine andere Compagnie der Erde auf- weisen kann. Dieselben lausen von Bremerhaven über Southampton nach Nework im Sommer in acht Tagen, im Winter in neun Tagen. Vom Beginn der Postdampferfahrten nach Australien und China an kommen zu den fünf Schnelldampfern noch drei neue hinzu, welche gegenwärtig noch im Bau sind und eine noch größere Schnelligkeit entwickeln werden. Was diese Schiffe zu leisten vermögen, geht am Besten daraus hervor, daß z. B. eines von ihnen, die „Werra" im Jahre 1885 nicht weniger als 12 volle Reisen nach Newyork und zurück gemacht hat. Natürlich befördert diese sowie alle anderen Linien des Lloyd, die deutsche, französische, englische und amerikanische Post. Aus der Newyorker Linie betrug die Zahl der Reisen, welche die Lloyd- dampfer im Jahre 1884 gemacht haben, 95. Auf diesen Reisen wurden befördert; 74,130 Passagiere nach Newyork, 26,634 Passagiere von Newyork und an Fracht 99,480 Cubikmeter. Eine zweite Linie des Lloyd geht nach Baltimore. Sie machte im Jahre 1884 die Zahl von 44 Reifen und beförderte 30,322 Personen dorthin, 2867 von Baltimore nach Deutschland. Eine dritte Linie geht nach Galveston, eine vierte nach Süd-Amerika (Bahia, Santos, Montevideo), 840 eine fünfte nach dem La Plata, andere Linien gehen nach England (regelmäßig) u. s. w. Im Ganzen beförderten die Schiffe des Lloyd im Jahre 1884 nicht weniger als 138,999 Personen altem nach Amerika, eine Ziffer, welche von keiner Paffagierlinie der Welt auch nur annähernd erreicht wird. Die Flotte des Norddeutschen Lloyd beträgt gegenwärtig: Seedampfer in Fahrt ... 40 Im Bau.......15 Weser und Schleppdampfer . 14 Im Ganzen Dampfschiffe. . 69 Dazu kommen noch 60 eiserne Lichterfahrzeuge. Die Schnelldampfer haben eine Besatzung von 180 Mann, die übrigen Oceandampfer je 100 bis 110 Mann- Unser Bild wäre aber unvollständig, wenn wir nicht aus die Etablissements des Lloyd in Bremen und Bremerhaven, sowie auf eine Reihe von ausgezeichneten Einrichtungen im Verwaltung«, betriebe Bezug nehmen wollten. Schon wenn man nach Bremerhaven hinein« kommt, macht sich überall die Bedeutung des Norddeutschen Lloyd bemerkbar, auf den Straßen durch die kleidsame Uniform seiner Schiffsleute, an den Häusern durch die Schilder seiner Agenturen und Bureaux, am Hasen selbst aber erhebt sich die eigene Stadt des Lloyd, seine Werkstätten, seine Gttter- speicher, die Wohngebäude der Beamten — und überall zwischen ihnen ragen die mächtigen Kolosse seiner Dampfer, weht die Flagge des Lloyd — Schlüssel und Anker gekreuzt, zusammengehalten von einem Eichenkranze. Der Anker bedeutet die Hoffnung, der Schlüssel soll dem Handel die Thore der fremden Länder aufschließen, der Eichenkranz zeigt die Prinzipien, durch welche dieses Ziel erreicht werden soll, Festigkeit und Treue. Obwohl der Lloyd den Bau der Schiffe nicht selbst betreibt, so werden dieselben doch, wenn sie einmal abgeliefert sind, von keiner fremden Hand mehr berührt. Alle Reparaturen, auch die umfang, reichsten, werden in und durch die Werkstätten des Lloyd ausgeführt, die gesammte Ausrüstung besorgen die Niederlagen und Stores der Compagnie selbst. Etwa in der Mitte des Lloydstadt liegen die prachtvollen Trockendocks, welche zwei Schiffe von der Länge von 460 und 380 Fuß aufnehmen können. Um die Docks herum gruppiren sich die nach dem Brande von 1884 neu aufgeführten, durchaus massiven und selbst mit feuersicheren Fußböden versehenen Werkstätten: die Kesselschmiede, die Kupferschmiede, die Gelbgießerei, Maschinenfabrik, Dreherei, die Tischlereien und Zimmerwerkstätten, die Malereiwerkstätten, die Segelmacherei, die Zinkschmelze, die Maschinengebäude für die Betriebs- und electrischen Maschinen, das Dampswaschhaus, die mächtigen Lagerhäuser für Hölzer, für Schrauben und Wellen, für Kesselrohre, für Tauwerk, für die gesammte innere Ausrüstung der Schiffe vom einfachen Nagel bis zur luxuriösesten Saloneinrichtung; daneben die Wohnhäuser der Beamten, die Gebäude für ankommende und abgehende Passagiere, die Locomobilen- und Montirschuppen und die gewaltigen Dampf- krähne für die Einsetzung von Masten, Kesseln, Wellen und Schrauben. An Beleuchtung kommt ausschließlich nur electrisches Licht zur Verwendung, das Heer der beschäftigten Arbeiter beträgt ungefähr 1200 Personen, das Schiffs- und Maschinenpersonal des Lloyd beträgt gegen 3000 Personen. In Bremen selbst befindet sich das ungeheure Proviantmagazin des Lloyd für seine Schiffe, welche er selbst verproviantirt, sowie die Werkstätten für die Flußdampfer. Wir kommen endlich zu einigen Verwaltungsregeln des Bremer Lloyd, welche in ihrer Rückwirkung auf die Sicherheit und den Comfort der Passagierfahrt einerseits, sowie al« Zeugniß für die vorzügliche Verwaltung der Rhederei von ungemeiner Bedeutung find. Dazu gehört in erster Linie die Seemannskasse des Lloyd. Jeder auf den Schiffen des Lloyd beschäftigte Seemann, mit Einschluß des Kapitäns, der Ofsiciere, Maschinisten und Feuerleute trägt zu dieser. Kasse seinem Gehalt entsprechend bei, der Lloyd selbst zahlt aus eigener Kasse dazu die Hälfte sämmtlicher Beiträge. Der so aufge- sammelte Fond bildet eine Unterstützung«- und Pensionskasse für alle diejenigen, welche eine gewisse Anzahl von Jahren auf den Lloydschiffen thätig gewesen sind. Durch diese Maßregel aber sichert sich der Lloyd ein ausgezeichnetes und absolut zuverlässiges Personal, welche« seinerseits wieder dem Passagier die allerbesten Garantien für di« Sicherheit der Reisen bietet. — Die zweite Einrichtung ist die Vertheilung von Prämien an die untern Verwaltungsbeamten, die Proviantmeister, Oberstewarts, Köche und Stewarts, falls über dieselben während bestimmter Zeit keine einzige Klage Seitens der Passagiere einläuft. Der hierdurch angeregte Wettstreit aller dieser Beamten sichert auch dem ärmsten Zwischendeckspassagier die Aufmerksamkeit, die beste Verpflegung und Bedienung während der Reise. So bildet der Norddeutsche Lloyd ein in sich geschloffene« festes Ganze. Die Nachrichten, welche wir in den vorstehenden Zeilen gegeben haben, sprechen für sich selbst. Sie sollen dem Leser ein absolut wahrheitsgemäßes, treues Bild von der Ausdehnung, von dem Betriebe, von den Vortheilen geben, welche der Lloyd seinen Passagieren bietet; sie sollen die Bedeutung hervorheben, welche die neue deutsch-australische Linie hat und behaupten wird. Möge jeder Deutsche in den Colonien da» Seinige thun, um durch Benutzung der Linie sich selbst und einer großen Unternehmung Vortheil zu bringen. — In kurzer Zeit wird der Bestand der Linie durch sich selbst gesichert sein, werden die Vorzüge der deutschen Verbindung für sich selbst reden, denn da« Gute bricht sich von selbst Bahn. Kedaeüyyr 8. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr, Pietsch) in Gießen.