Hiestener Jamilienblätter. Beilettistisches ZLwlsü MW Gießener ArMer. 1 Donnerstag den 22. April. 1886. Criminal-Roman von Gustav Lössel. (Fortsetzung). Aber die Bestimmtheit ihrer Aussagen und die Thatsache, daß schon Jemand nach M. gereist mar, um ihn zu verhaften, erfüllte ihn doch mit einer quälenden Unruhe, so daß er sich zuletzt fragte, was denn nun werden solle, wenn Hedwig aus dem Theater kam und ihre Aussagen einfach bestätigte. Geld hatte er ja bei sich, aber er konnte doch unmöglich unter seinem wahren Namen irgendwo einkehren, und vielleicht waren schon alle Bahnhöfe mit Vigilanten besetzt, welche ihn bei einer versuchten Abreise festnahmen. j Hätte Eduard gewußt, wo Dryden wohnte, so r hätte er diesen, der ihm zwar persönlich nicht sympathisch war, aufgesucht, um seinen Rath und Beistand zu fordern. Er hatte viel Geld an ihn verloren, und Dryden schien der Mann zu einem guten Rath in schweren Röthen. Aber er kannte seine Wohnung nicht, und in das Cafe, in welchem sie sonst für gewöhnlich zusammentrafen, wagte er sich nicht. Er war dort zu bekannt. Einen Augenblick dachte er an Duvrat. Dann aber wies er den Gedanken seiner Veihülfe mit Verachtung von sich. Plötzlich blieb er, von einer Eingebung erhellt, stehen. „Meine Geldmittel sind schwach", murmelte er. „Sie bringen mich nicht weit, auch wird man mich hier am allerwenigsten vermuthen und suchen. Ich weiß ein Versteck, in dem ich mich ganz sicher wähnen darf, und ich will es sogleich einmal aufsuchen, um mich über seine Zugänglichkeit zu orten» tiren." Er schlug den Rockkragen hoch, zog den Kopf ein und den Hut ins Gesicht und eilte nun in der Richtung seines väterlichen Hauses fort. Nachdem er sich demselben von der Schweden- gaffe genähert und erkannt hatte, daß er von dieser Seite unbemerkt nicht hineindringen könne, da die Vorderthür verschlosien und der Pförtner Frank am Platze war, begab er sich zum Wasier hinunter, von dem er bis zur nächsten Brücke entlang ging. Diese überschritt er, und dann lenkte er auf der anderen Seite seine Schritte nach der am Wasser liegenden Papiermühle. Er spähte vom jenseitigen User und überzeugte sich durch die drüben herrschende Stille, daß ber große Hof verödet war. Das Wetter lud auch nicht zum Verweilen im Freien ein. Weiter hinauf befand sich eine Haltestelle für Boote, welche jetzt ganz verlassen war. Das die Treppe schützende Gitter war verschlossen. Eduard kletterte hinüber und stieg zum Wasser hinab. Die unmittelbar am Ufer liegenden Boote waren angekettet und mit einem Schloß versehen, dagegen waren die ferner liegenden zum Theil nur mit Stricken an die anderen befestigt, und ein solches löste Eduard. Ruder und Steuer waren aus den Booten genommen und in einem Wärterhäuschen eingeschlossen, um jene unlenkbar zu machen. Aber Eduard hatte es nicht weit nach dem Hof seines väterlichen Hauses, und da der Kanal in dieser Zeit gar nicht befahren war, konnte er sich Zeit zum Hinübersetzen lassen. Ihm genügten zwei herausgenommene Sitzbretter zum Rudern. In Zeit von zehn Minuten war er an der Landungstreppe. Er stieg leise und behende die Stufen hinauf zum Hof, wo er sich einen Augenblick beobachtend verhielt. Dann durchschritt er diesen mit aller gebotenen Vorsicht, dabei fleißig nach rechts und links spähend, ob er auch von Niemandem beobachtet werde. Aus den Fenstern der Gesindehalle brach ein heller Schein, sie waren nur mit Gardinen verhangen. Eduard konnte also hier hinein blicken und sich überzeugen, daß alle darin Anwesenden dem süßen Nichtsthun stöhnten, so daß eine Störung von ihnen nicht zu gewärtigen war. Besonderer Vorsicht bedurfte es dagegen, um unbemerkt ins Haus zu gelangen denn die Wendeltreppe, welche Eduard zu benutzen gedachte, mündete in unmittelbare Nähe des Pförtnerhäuschens. Wäre Frank jetzt vor die Thür derselben getreten, so hätte er ihn sehen müssen. Aber auch ihn hielt die behagliche Wärme seines eisernen Ofens im Bannkreis der Manern, und so vernahm er erst das Oeffnen und L-chließen der Thür, als es zur Erkennung des Eintretenden zu spät war. Eduard stieg immer zwei Stufen auf einmal die kleine Treppe hinan und huschte dann wie sein eigener Schatten an den verschlossenen Büreauthüren ! entlang nach dem Wintergarten. Hier war er vorläufig in Sicherheit, aber nicht I auf lange. । Er mußte sich ein besseres Versteck im Hause IW seines Vaters suchen, um darin vor jeder Entdeckung gesichert zu sein. l m „ Wohin er wollte, das war der Keller, welcyer das ganze Haus unterwölbte, aber nur in seinem kleinsten, den Seitenflügel unterwölbenden Theil als Weinlager benutzt wurde. Der große Keller war ganz leer, und war Niemandem der Zutritt zu demselben gestattet. Seine schmutzigen kleinen Fenster waren durch starke Eisenstangen geschützt und auch die einzige hineinführende Thiir zeigte eine Festigkeit, welche geeignet war, jedem Einbruch zu trotzen. Da der Kommerzienrath die Schlüssel zu diesem Keller in seiner ausschließlichen Verwahrung hatte, sie nie an Jemanden abgab und immer nur allein, zumeist spät Nachts, in den Keller hinab stieg, ver- muthete man, daß er dort seine Schätze verborgen halte, von deren Bedeutung man die überschwänglichsten Angaben machte, ohne auch nur Etwas davon gesehen zu haben. Einige meinten, der Kommerzienrath sei ein Geizhals, der dort seiner Leidenschaft, im Golds zu wühlen, fröhns. Genug, es gingen eine ganze Menge Gerüchte von dem Etwold'schen großen Keller unter dem Dienervolk um, und natürlich fehlten auch Diejenigen nicht, welche behaupteten, daß es dort spuke. Man wollte hin und wieder des Nachts ein unheimliches dumpfes Stöhnen vernommen haben, welches aus den Eingeweiden der Erde zu kommen schien, und ein Diener, welcher zufällig einmal dem Kommeqienrath auf solch einer Nachtwandlung begegnete, wußte von dem schrecklichen Eindruck zu berichten, welchen des Herrn verzerrtes Antlitz da auf ihn gemacht hatte. Eduard kannte alle diese Geschichten und neigte der Ansicht zu, daß sein Vater hier wirklich Geld und Geldeswerth in feuerfesten Schränken verborgen halte, denn bis hier hinab konnten die Flammen bei einem etwaigen Brande nicht dringen; eher stürzte das Haus zusammen. Nun wußte Eduard auch noch Etwas, was außer ihm kein Mensch im ganzen Hause wußte; er kannte das Versteck, in welchem sein Vater die großen Kellerschlüflel, die er unmöglich immer mit sich herumtragen konnte, zu verbergen pflegte. Eduard hatte ihn einmal dabei belauscht und sich die Stells gemerkt. Er hatte nie die Absicht gehabt, seinen Vater zu bestehlen, und deshalb >ich auch nie veranlaßt gefühlt, jenes ihm verrathene Geheimniß auszubeuten. Heute lag die Sache anders. Heute brauchte er ein unauffindbares Versteck; und dazu bot sich ihm kein besseres als dieser ängstlich vor jedem fremden Blick gehütete Keller. Nun hatte das noch seine große Schwierigkeit mit dem Erlangen der Schlüssel. Dieselben befanden sich in dem Privalkabinet seines Vaters. Konnte er ungesehen dorthin gelangen? Er mußte es versuchen. Es gab nur diesen einen Weg zum Keller durch das Kabinet seines Vaters. S'.hr zu statten kam jetzt Eduard die schwere Krankheit seiner Schwester, welche das große Haus verödete und mit einer wahren Todtenstille erfüllte. Selten zeigte sich ein Diener, und erhellt waren nur die meist benutzten Gänge und Zimmer. Ehe Eduard den Wintergarten verließ, legte er seine Stiefel ab und ging auf den Socken weiter, jene in der Hand tragend. So gelangte er jenseits des großen Salons und nach Durchschreitung mehrerer verödeten Prachtzimmer und dunklen Korridore nach dem Privatkabinet seines Vaters. Unweit desselben befand sich das Herrn Duprat eingeräumte Zimmer, dessen Thür zur Zeit halb offen stand. Eduard hörte Jemanden dann hm und her gehen; er glaubte den leichten behenden Schritt des Prokuristen zu erkennen. Er trat in ein ebenfalls offen stehendes, aber dunkles Zimmer ein und spähte durch die Portiere nach Duprat's Thür. Er hatte das unbestimmte Gefühl, als wenn jener dieselbe jeden Augenb.ick durchschreiten werde. Und seine Ahnung betrog ihn nicht. Er hatte nicht zu lange zu warten, bis Duprat kam. m r, r Dieser zeigte ein recht vergnügtes Aussehen, als wenn ihm etwas sehr Angenehmes begegnet wäre, trotzdem er seine rechte Hand in einem Verbände trug. Sein Anzug war wie immer tadellos; er war frisirt und verbreitete ein stark duftendes Parfüm um sich her, in jedem Zoll ein eitler Mensch. An der Thür des Privatkabinets des Kommer- zienraths legte er sein Gesicht in ernstere Falten. Er pochte. , „Herein!" ertönte die Stimme des Ehefs von drinnen. Eduard erbebte bei diesem einzigen Laut. Duprat drückte die Klinke nieder und trat ein. „Ach, lassen Sie ein wenig offen, lieber Duprat", sprach der alte Herr. „Es ist so warm hier." Duprat ließ die Thür halb offen. „Ist doch Niemand draußen?" fragte Etwold weiter. Duprat blickte den Gang hinauf und hmab. „Niemand", sagte er dann. Ec verschwand wieder hinter der Portiere. Jetzt sprachen die Beiden drinnen, aber die doppelten Portieren, welche Eduard von jenen trennten, ließen ihn nicht verstehen, was gesprochen wurde. Natürlich hatte dies das allergrößte Interesse für ihn, denn in dem Zimmer, in welchem sie sich befanden, ruhten die Schlüssel zum Keller. Er schlich also näher heran, jetzt die Stiefel in dem dunklen Zimmer zurücklassend. „Es freut mich wirklich, daß Sie schon heute Abend gekommen sind, mein Bester", sagte. der Kommerzienrath eben. „Sie hätten mir keinen größeren Gefallen erweisen können. Mein Herz ist von Kummer beschwert um meinen Sohn. Ich habe mir die Sache hin und her überlegt und finde nun die Aussichten bedeutend ungünstiger, als zu Anfang. Man wird Eduard, wenn auch nicht der 191 Glauben beredet, als wäre fein Sohn em Verbrecher; und die Drohungen Seitens der Polizei thaten das ihrige, um ihn in seines Vaters Augen schuldig zu machen. _ Eduard dachte in diesem Augenblick besser von seinem Vater, wie jener von ihm. Endlich glaubte er die Stunde gekommen, wo er sich noch einmal hervorwagen konnte; und er that dies mir aller gebotenen Vorsicht. Seine Voraussicht hatte ihn nicht getauscht. Spur seiner Anwesenheit zu vernichten. Die Außenthür leise geöffnet, trat Eduard behutsam in das Kabinet. Er schlich, noch immer auf den Socken, nach der Schlafzimmerthür, welche nur durch Portionen verdeckt war. (Forts, folgt.) Falschmünzerei, so doch immerhin der Mitschuld an derselben für verdächtig halten und ihn unter Anklage stellen. Die Karte im Portefeuille inkriminirt ihn, er kann sich nicht reinigen." Eduard lauschte wie ein Träumender. Es war nach Hedwig's Angaben Jemand nach M- gereist, um ihn wegen Mordes zu verhaften; und nun sprach sein Vater von Falschmünzerei, an der er ebenfalls Letheiligt sein sollte. Er griff nach seiner Stirn, er sckämeni^zugleich^'was^er'da*hörte ""Sollte er den | Sowohl sein Vater ^mie auch Duprat hatten sich Worten seines Vater Glauben schenken? Konnte er zeitig zur Ruhe begeben, um am Morgen fruqer annehmen, daß jener irre rede? Fast fühlte er sich bei Wege sein zu können. neriuLt hineinzutreten und zu sagen, daß er sich I Duprat's Thur war geschloffen. Eduard hat sK bSt sei. Aber der Muth ver. dicht zu derselben heran und lauschte am Schlussel- M d°m, -Msi°»d toi). P--IE ging tu B-tt. D-ßM- d» ° er das Beschämende zu tief, daß er sich hier wie er --N feinem Vater »°ra°°s-tz°n. ein Dieb einaeschliLen hatte. ebenfalls geschlossenen Kabinet war Nichts mehr Inzwischen hatten die drinnen das Gespräch vernehmbar; er mußte stch also schor> «‘ *>“**£. fortgesetzt, und hieraus erfuhr nun Eduard, daß hinter liegende Schlafzimmer zurückgezogeni haben. M Vater in der Frühe des nächsten Morgens mit Plötzlich überkam Eduard die ängst' daß Mer einem Kriminalbeamten nach M. reisen wollte, um das Kabinet von innen verr -gelt haben könne, ihn wegen seiner angeblichen Theilhaber chaft an .Dann allerdings durfte er auf dre Erlangung ver L°«uzMschMg W zu °-,u-hm-°. «WM.«*<• <*** Dieser Gedanke empörte ihn dermaßen, daß er wenn sem Vater sie nun nach M. munaym sicki eiligst zurückzoa, sich zuschwörend, daß er einer Der Gedanke war für Eduard sehr deunruyigeno. so schimpflichen Behandlung sich nicht aussetzen wolle. Dennoch wagte er nicht, schon letzt die Klinke nieder Er begab sich nun auf dem ihm bekannten Wege I zu drücken. . mnrbßU nach den Zimmern seiner kranken Schwester. I Fast wäre er von ein tener . Er fand Gelegenheit, sie ebenfalls aus nächster welcher kam, um die letzten Befehle des Kommerzi n Näb- m belauschen, und tiefes Mitleid mit der raths entgegenzunehmen und d.e Lichter auf den hoffnungslos Darniederliegenden ergriff ihn. Wie Corridoren zu löschen. Cr entkam mit knapper Noch gerne hätte er auch hier eintreten und Trost in nach dem bereits einmal betretenen offenen dum.. Trübsal spenden mögen. Aber er war ja ein Ver- Zimmer. Kabinets folgtet, dem man zwei Kapitalverbrechen zur Last , Hier erlauschte er, daß d«e Thür des KMnets loßte- und so zog er sich noch einmal zurück, um in wirklich verschloßen gewesen. Aber aus das4W irgend einem dunklen Winkel Schutz vor einem des Dieners bffnete der KommerMira h, und da Kn-il,erblick ru suchen jener ihn am Morgen weaen 1 oute, ließ er nun pJeder Fuß breit Bodens war ihm hier bekannt; I die Außenthür unverschlossen. Eduards Wun,tz er hatte also Entdeckung für die nächsten Stunden j neigte sich feiner Erfüllung , nicht zu fürchten, und dann durfte er hoffen, schon Der Diener ging, Licht nach dem ande. im Besitz der Niemand zugänglichen Kellerschlüffel I erlosch, und endlich wurde es still int Hause, tu S Da sein Vater am nächsten Morgen ver- Eduard brauchte nun nicht mehr zu lange zu reisen wollte, begab er sich heute gewiß schon frühe | warten, um an die Ausführung seines VoihaNm u 'L^ er'schlkef ablr in dem Kabinet selbst nicht, zu gehen. Er hatte erst noch , einmal s oU :a«jo», »*• Im finsteren Hinbrüten über sein so seltsam war und Alles schlief. Dann aber mußte er noch verwandeltes Schicksal sand er eine grimme Genug- I einmal fort, um mit dem eigenen das fremde Lungbarta, ffmal V nicht finden und ihn nach dem Ankerplatz zurück zu bringen und so lebe auch vcroeb ns suchen würde. Ohne an die recht- Anmpspnbeit tu »ernsten. lichen Folgen dieses Schrittes zu denken, überließ er sich schon jetzt dem Gefühl ruhiger Sicherheit, m welches jenes Bewußtsein ihn wiegte. Er glaubte nicht, daß sein Vater ihn preisgeben würde, wenn er ihn dort unten fand; konnte jener ihn denn für wirklich schuldig halten? Unmöglich! Duprat, der falsche verlogene Mensch, hatte ihn nur zu dem 192 Kstergkocken. Erzählung von E. Kraus. (Schluß.) Wohl standen Feuereimer auf dem Hofe, auch war die städtische Spritze schon zur Stelle, allein die Nahrung für die Flammen war in dem mit Holz angefüllten Zimmerhofe zu ausgiebig — das aufgespeicherte Bauholz war augenscheinlich mit Abfallspänen von allen vier Windrichtungen aus in Brand gesetzt worden. „Rettet meine Tochter!" schrie jetzt auch die ent- 3Kuttcr» „Es ist nicht mehr möglich", antwortete eine Stimme, „die Treppe im Thürmchen brennt lichter- loh" rief eine andere. Und als die Gestalt Mariens wiederum auf dem Balkon, diesmal die Hände angstvoll ringend, erschien, umfing eine wohlthätige Ohnmacht die Sinne der beklagenswerthen Mutter. Jetzt entstand am Flußufer ein Gedränge — zwei kräftige Arme theilten die Menge und ein großer, starker Mann ruft mit Donnerstimme den rathlos durcheinander rennenden Leuten zu: „Alle Leitern her und TaumerkI" Ordnung und Muth brachten diese Worte unter die verwirrte Menge und blitzschnell brachte man das Verlangte. Und mit einer Geschicklichkeit, als habe er nie eine andere Beschäftigung gekannt, band der entschlossene Mann drei Leitern zusammen, schleppte sie, nur wenig von einigen Anderen unterstützt, mit Riesenstärke zu dem brennenden Gebäude, legte sie an den Balkon des Thürmchens und flog die Sprossen der Leiter hinauf. Schon brannte der oberste Stock, das Thürmchen wankte, die athemlos zuschauende Menge schrie zuweilen instinktiv ob der tollkühnen Rettungsthat auf, aber in wenigen Augenblicken erschien auch schon der Retter mit seiner Bürde unter ihnen und trug die von der Angst, der Hitze und dem Rauche betäubte Maria hinaus ans sichere Ufer. Dort legte er sie dem wie geistesabwesend am Ufer sitzenden Vater in die Arme, dem beim Anblick der geretteten Tochter die Lebensgeister wieder zu kommen schienen. Da ging erst ein Murmeln und dann ein Beifallsjauchzen durch die Menge über die That des heldenmüthigen Retters. Aber Niemand kannte ihn, nur einzelne Stimmen riefen: „Der fremde Baumeister, der die neue Brücke bauen soll!" — Aber der fremde Baumeister war schon wieder fort, um mehr zu helfen und zu retten. Marek war jetzt allmälig wieder zu sich gekommen, er sah die geliebte Tochter gerettet vor sich, und während ihm die Thränen über die Wangen rollten, schlug er die Hände vor das Gesicht und seufzte: „Dein Retter war Anton, mein Sohn!" Obwohl nur halb laut gesprochen, waren diese Worte Mareks doch in die Menge gedrungen und in einem brausenden Widerhall erschollen die Rufe: „Der Netter ist Maria's Bruder! Der fremde Baumeister ist Anton Marek, der Vater hat ihn erkannt!" Aber noch hat zwischen Vater und Sohn keine Versöhnung, zwischen Mutter und Sohn, Schwester und Bruder keine Begrüßung stattgefunden. Der fremde Baumeister, welcher thatsächlich Anton Marek ist, und auf den Wunsch des Herrn Priors in die Heimath gekommen war um die kunstvolle Brücke über den breiten Strom zu bauen, achtet der Rufe der Menge nicht und ist nur vollauf beschäftigt, das Löschungswerk zu leiten und zu vollenden. Da bereitete sich inzwischen eine neue eindrucksvolle Scene vor. Vom Hügel herab aus dem nahen Kloster wallen die Dominikaner in weißen Gewändern mit schwarzen Mänteln, der ehrwürdigen Ordenstracht. An ihrer Spitze schreitet der greise hochmürdige Prior, mit feierlichem Antlitz, als wenn er ahnte, daß er berufen sei, jetzt ein Versöhnungswerk zu sanktioniren, aber auch zu rathen und zu helfen, in dem Unglücke, das die Stadtgemeinde betroffen hat. Gleichen Sinnes sind die wohlthätigen Pater Ordensbrüder, welche es angesichts des Brandun- alücks nicht als müßige Zuschauer oben auf ihrer sichern Höhe gelitten hatte. „Der Thurm ist nieder, das Feuer im Verlöschen!" und dieser Verkündigung unmittelbar der mächtige Ton der großen Klosterglocke folgte, die zum Festläuten des morgigen Osterfestes ertönte. Mareks Augen suchten den Sohn und flehend streckte er die Hände gegen ihn aus. Da naht an der Hand des ehrwürdigen Priors der einst beim Klange der Osterglocken verstoßene Sohn Mareks. „Mein Sohn, mein Anton, mein Einziger, Gott ist barmherzig", ruft der tief erschütterte Vater und schließt den Sohn in seine Arme. Und der Prior breitete segnend seine Hände über die Versöhnten und spricht mit einer Stimme, die allen zu Herzen dringt: „Der Herr hat Großes an Euch gethan, er gebe Euch seinen Frieden!" Inzwischen ertönen die Osterglocken von nah und fern, es summt und klingt aus den Thälern und von den Höhen, eine feierliche andächtige Stimmung bemächtigt sich allen Anwesenden und unter dem Hymnus der metallnen Stimmen und den Segensworten des würdigen Oberhirten halten sich Vater und Sohu umschlungen, während am Herzen der selig ausschauenden Mutter Marek zwei liebliche Wesen ruhen; die durch Brudershand gerettete Tochter Maria und Cristenz, die geliebte Gattin des einzigen theuern, endlich heimgekehrten Sohnes. Redsction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Piets.ch) in Gießen.