Hießener ZsamilienbNter. BZAMDsches DMM DU Mße?m AHöigK, Dienstag den 2l. December. 1886J KZ, 150_______ IWff** IlWnir ‘ Bis zur letzten Klippe. Original-Noman von E. Heinrichs. (Fortsetzung). Natalie hatte ruhig, ohne einen Zug ihres klugen energischen Gesichts zu verändern, oder ihn durch ein Wort zu unterbrechen, zugehört, — nur warf sie einen besorgten Blick zu Vera hinüber, welche arglos heiter mit dem alten Herrn fortplauderte und soeben über eine Bemerkung desselben ein leises melodisches Lachen ertönen ließ. - „Sie darf nichts von dieser häßlichen Klatschge- 'Achte erfahren", sprach sie mit gedämpfter Stimme. „Daß es mich nicht weiter berührt, werden Sie überzeugt sein, Herr Reimann! — doch hätte ich dem jungen Hartung eine derartige Gemeinheit nimmer zugetraut." „Er ist schwer genug dafür bestraft worden", warf Reimann entschuldigend ein. „Eine verdiente Strafe, mein Lieber, welche"ich jedem Verleumder und alten Klatschweibe zudictiren möchte, abgesehen von dem tobten Engländer, der lerder auf sein Conto gesetzt wird, was ich um der Gerechtigkeit willen bebaute. Man ersieht aus dieser Geschichte, deren Folgen bereits eine unheilvolle Kelte gebildet, daß man unserm Geschlecht mit Unrecht allein die Klatschsucht beilegt. Wie erbärmlich von einem Manne, ein Mädchen, dem er eine Huldigung vergebens dargebracht, in solcher Weise bloßstellen und verfolgen zu wollen." „Hartung ist ein schwacher Character, der sich von seiner Mutter vollständig leiten läßt", bemerkte Reimann, „er bereut seine elende Handlung voll Scham und Verzweiflung, und konnte ich mich des Mitleids nicht verschließen. Wenn ich auch keine Beweise für meine Behauptung habe, so glaube ich doch, daß dieser Mr. Archibald die Haupttriebfeder der ganzen unheimlichen Begebenheit ist, — da er durch seine Fragen nach Vera's Herkunft ihm zuerst die Geschichte des Findlings entlockte und dann die Wiederholung derselben vor Zeugen veranlaßt hat." „Zugegeben", nickte Natalie nachdenklich, „wenn wir damit nicht vor einem neuen unlöslichen Räthsel ständen. Was könnte dieser alberne Mylord wollen." „Um Vergebung, mein Gnädige!" fiel Reimann etwas ungestüm ein, „die Bezeichnung „albern" paßt nicht auf jenen Mann. Ich kann unmöglich glauben, daß Sie mit Ihrem notorischen Scharfblick nichts Anderes in ihm sehen sollten, als einen spleenigen Engländer." Natalie lächelte zerstreut, — dann nahm ihr Blick, welcher sich mechanisch auf's Meer gerichtet, einen erregten Ausdruck an. „Mein bester Reimann", versetzte sie nach einer Weile, sich langsam zu ihm wendend, sich habe mich in der That bemüht, nichts Anderes in ihm zu sehen, um nicht eine thörichte Gespenster-Vision zu haben. Sehen Sie", fuhr sie leiser fort, „als ich jenen Menschen zuerst erblickte, durchfuhr es mich mit einem plötzlichen Schreck, da ich den Eindruck empfing, als nahe sich mir etwas Unheimliches und doch Bekanntes. Ich schämte mich solcher überspannter oder wie man's nennen will, überreizter Empfindung, weil dieselbe mir so fremd und deshalb unverständlich war, und verlachte mich selber ob der albernen Einbildung, welche mir vorspiegelte, diesen Mann schon früher einmal in ganz anderen Verhält- nisten gesehen zu haben." „Merkwürdig, daß der Hutmacher Henning aus Altona, — ein braver Mann, nur ein wenig zudringlich, — ganz dasselbe behauptet. Auch er will ihn früher schon gesehen haben, besonders als er ihn jüngst ohne Brille beobachtete, und nun grübelt der arme Kerl Tag und Nacht über die Aehnlichkeit — ah", unterbrach er sich lachend, „wenn man vom Wolf spricht, ist er nicht weit. Dort kommt unser Herr Henning und wie es scheint, sehr echauffirt." Der Hutmacher eilte in der That in fürchterlicher Aufregung auf Reimann zu, grüßte dann erfreut, als er Natalie erkannte und mußte sich erst ein wenig verschnaufen, bevor er zu Worte kommen konnte. „Sie sündigen aber unverantwortlich auf Ihre Gesundheit los", schalt Reimann gutmüthig, „wie kann bei solchem Wettrennen eine Kur wohl helfen?" „Ach — ich wollte, daß ich dieses infame Nest nie gesehen hätte", rief Henning endlich, „diese ehrlichen Fischer plündern einen wie Schinderhannes, man braucht da ein Heidengeld. — Aber deswegen rannte ich nun gerade nicht, ich wollte nur sagen, daß ich den Kerl, den Mylord, jetzt heraus habe —" „Still", gebot Reimann, „man schreit dergleichen nicht in die Welt hinaus. Sprechen Sie leise." „Na ja, soll geschehen", nickte Henning, seine Stimme zum Flüsterton herabstimmend, „ich hab' mir dieser Tage den Kopf ganz heillos zerbrochen und wußte immer nicht, wo ich die stechenden Augen von diesem Mylord hinihun sollte, bis mir eben ein Licht aufging, das mich in eine fürchterliche Rage brachte. Fräulein", wandte er sich an Natalie, wobei seine Stimme noch «m einen halben Ton tiefe; 598 sank, „Sie erinnern sich doch, daß ich den Menschen damals verfolgte, — wissen wohl, von wegen —" Er machte eine bezeichnende Kopfbewegung zu Vera hin, welche noch immer von dem alten, galanten Herrn festgehalten wurde. „Ach so, vor vierzehn Jahren, als Sie das Medaillon erbeuteten, Herr Henning I" flüsterte Natalie nun ebenfalls erregt. „Ganz recht, — ich brachte es nach der „goldenen Traube", wo Sie just mit dem seligen Herrn Notar waren. Also, der feine Herr, welcher sich wahrscheinlich aus der Arbeiterraups entpuppte, und dann so frech war, nach der „Traube" zu kommen, um nach der Kleinen zu fragen, der scheint, was die Augen anbelangt, mit diesem Mylord verwandt zu sein, derselbe böse Blick, wissen Sie, Fräulein, als wenn die Augen spitzige Dolche wären. Na, der Musje foppte uns dazumals, — ich paßte auf wie ein Luchs und er entwischte uns doch, — wer weiß, wer weiß! — Wollte nur eins, daß der.Staatsanwalt hier wäre —" „Er wird wahrscheinlich morgen kommen", raunte ihm Reimann zu. „Hurrah, das wird eine Kur werden", rief Henning, seinen Hut vor Freude schwenkend. „Um Gottes willen, still!" flüsterte Reimann zornig, „wenn Sie nicht schweigen und reinen Mund halten, können wir Sie hier nicht gebrauchen, lieber Freund!" „Na, ich bin schon ganz still, Herr Reimann! aber freuen darf man sich doch und ich werde diesmal bester aufpassen, daß er uns nicht entwischt." „Sie scheinen Ihrer Sache sehr sicher zu sein, Herr Henning!" bemerkte Natalie, welche auffällig bleich geworden war, „wenn Sie sich nur nicht auf falscher Fährte befinden und mit Ihrem Eifer in's eigene Netz gerathen. Wir sind nicht in Hamburg, lieber Freund, jener Mann ist Engländer und genießt hier doppelten Schutz." „So ist's, lieber Henning!" nahm Reimann rasch das Wort, „eine zufällige Aehnlichkeit im Blick berechtigt nicht zu einer solchen Annahme, da es sich, wie ich voraussetze, in Ihrer Einbildung jedenfalls um einen schweren Verbrecher handelt. — Nehmen Sie sich in Acht mit den Engländern, zumal auf diesem Boden, wo ihre Flagge weht, ist nicht zu scherzen; ich warne Sie aufrichtig —" „Ist schon gut, sollen Dank haben, Herr Reimann!" unterbrach ihn Henning etwas brüsk und empfindlich. „Werde mich in Acht nehmen und den Spitzbuben in Ruh lassen, bis der Herr Staatsanwalt kommt. Empfehle mich Ihnen, meine Herrschaften!" Er ging nach diesen Worten mit raschen Schritten fort. „Wir haben ihn erzürnt", bemerkte Reimann achselzuckend, „aber der gute Mann ist auch ein wenig täppisch und zudringlich und kann sich und Andere leicht compromittiren, ja, sogar in ernstliche Gefahr bringen." Natalie erwiderte nichts, starr blickte sie in die weite Ferne, ohne doch etwas wahr zu nehmen, da ihr inneres Auge in der Vergangenheit weilte und hier die Möglichkeit erwog, ob jener schreckliche Mensch, welcher aller Wahrscheinlichkeit nach Vera's Mutter ermordet hatte, wiederkehren und seine Rechte an dem Kinde geltend machen oder auf sonstige unheimliche Art ihre Zukunft bedrohen könne. Das zur schönsten Jungfrau erblühte Mädchen war ihr theuer wie eine Schwester geworden, sie liebte und bewachte es mit eifersüchtigem Herzen und füllte dadurch die Leere des eigenen Lebens aus. Mit wachsender Angst sah sie in der seltsamen Annäherung und hartnäckigen Begleitung des Engländers eins Bestätigung jener furchtbaren Behauptung, da sie sich sehr wohl erinnerte, daß der alte Notar Willing den Hutmacher aus Altona für ein kleines criminalistisches Talent erklärt und sogar der Staatsanwalt ihm beigestimmt hatte. Ein unerklärliches Entsetzen packte sie mit unheimlicher Gewalt und drängte sie zu dem Entschluß, mit der ersten Gelegenheit Helgoland zu verlassen und Vrra in Sicherheit zu bringen. „Hat der Hutmacher Sie mit seinen Visionen angesteckt, meine Gnädige?" tönte plötzlich Nei- mann's Stimme wie aus einer anderen Welt an ihr Ohr. Sie schrak fast zusammen. „Man wird wahrhaft nervös von solchen Geschichten", lachte sie etwas gezwungen. „Zuerst das Vehmgericht und sodann die Gespenster der Vergangenheit, Material genug zu einem Schauerroman. Gehen Sie, bitte, jetzt Ihren Weg, Herr Reimann! Ich will mit Vera noch ein wenig promeniren und Ihnen nicht zumuthen, unsere Acht, also unser Geschick zu theilen." „Bitte, Fräulein Natalie, „schicken Sie mich nicht fort", sagte Reimann sehr ernst, „meine Begleitung dürfte ihnen doch von Nöthen sein." „Ich kann mir kaum denken, daß dergleichen unter gebildeten Menschen vorkommen darf", meinte Natalie, die schön geschwungenen Brauen zusammenziehend. „Ich fürchte mich nicht und werde jetzt gerade dieser rohen Meute trotzen." „Um schließlich einzusehen, daß ich recht gehabt und man Sie und Fräulein Vera in einer Weise beleidigt hat, welche Sie zum Rückzüge zwingen muß. Bedenken Sie, meine Gnädige, daß Ihre eigenen Landsleute Partei wider Sie ergriffen haben. Die Herren, welche sich zumeist um Hartung's Fahne geschaart, tragen noch schwer an den Körben, welche Sie ausgetheilt." „Es ist schmachvoll!" unterbrach Natalie ihn, sich stolz aufrichtend, „und ich wiederhole es, daß Hartung für seine erbärmliche Handlung nach Gebühr bestraft worden ist. — Komm, liebe Vera!" wandte sie sich zu dem jungen Mädchen, welches, verwundert näher tretend, ihre letzten Worte gehört hatte, „wir wollen noch ein wenig promeniren." Sie verneigte sich anmuthig, ergriff Vera's Arm 599 Und wandte sich der oberen Stadt zu, wo sie 8 Wohnung genommen. Die sogenannte Promenade | des Oberlandes besteht aus einem zwischen Kartoffel« I feldern sich hinwindenden ebenen Pfade mit Ruhe- I platzen, welche auch Kartoffel-Allee genannt wird. I Hierher wandten die beiden Damen den Schritt. Reimann stand, ihnen nachschanend, einige | Augenblicke unentschlossen da, als der alte vornehme I Badegast, — ein Oesterreicher — zu ihm trat. I „Wollen wir den Damen nicht lieber unsere Be- I gleitung anbieten, ja, wenn es sein muß, aufzwingen, junger Herr?" fragte er leise. „Fräulein Gotthard hat die meinige entschieden abgelehnt", versetzte Reimann, „aber Sie haben Recht, mein Herri — man muß ihnen den Schutz aufzwingen." „Run, dann kommen Sie", nickte der Herr, „mein Name ist von Wülfing, und Sie sind ein Hamburger, nicht wahr? — ein Landsmann jener beiden Damen?" „Namens Reimann, zu dienen, Herr von Wülfing! Sie wiffen also von dem abscheulichen Complot, welches der Ehre, dem guten Ruf der Damen gilt." „Ich weiß davon, die Herren gehen mit einer staunenswerthen Offenheit zu Werke; es find eben Engländer, welche noch immer zu wenig Respect vor deutscher Ehre haben. Daß aber die Hamburger selber ihre Mitbürger einer fremden Nation gegenüber verunglimpfen, hat mich im Grunde am meisten empört." „So ist es", nickte Reimann, „ich schäme mich solcher niedrigen Gesinnung, zumal die Betreffenden es am besten wiffen, wie hoch Fräulein Gotthard in der allgemeinen Achtung sieht und wie brav die Pflege-Eltern ihres Schützlings find." „Die schöne junge Dame ist also wirklich ein Findelkind?" fragte der alte Herr mit Jntereffe. „Ja, die braven Eheleute Möller haben sie adoptirt und Alles für sie gethan, was die rechten Eltern nur hätten thun können. Die Geschichte ist in Hamburg durchaus nicht als Geheimniß behandelt worden und ich will Ihnen, wenn Sie es wünschen, gern die Thatsachen mittheilen." „Sie würden mich dadurch sehr verbinden, da mir die Damen ein zu hohes Jntereffe einflößen, um nicht durch eine Klarlegung der Verhältnisse in- sosern orientirt zu sein, um jener Clique, welche ich so wie so verachte, fester entgegen treten zu können." Reimann erzählte nun das damalige Ereigniß, wie er es von mithandelnden Personen vernommen, wobei sie den beiden Damen stets in einiger Entfernung folgten. „Schauerlich, in der That", sagte der alte Herr, als Reimann geendet, „und die Sache ist niemals aufgeklärt worden?" „Nein, ein Verdächtiger, den man umstellt zu haben glaubte, entkam auf räthfelhafte Weise." „Jener Gastwirth Möller, welcher sich des ver« laffenen Kindes erbarmte, war also kein anrüchiger Schenkwirth niedriger Classe, wie man behauptet?" „Nein", versetzte Reimann, „würden denn meme Eltern, würde ich oder gar Fräulein Gotthard nut ihm und seiner wackeren Frau umgehen? Es ist schändliche Verleumdung! In dem Gasthof „Zur goldenen Traube" verkehren allerdings noch heute nur kleine Handwerker, Fuhrleute, auch kleme Beamte, Landleute und dergleichen, doch kein zwerdeutiger Hauch ruht auf dem Hause, in welchem der alle Möller sich ein hübsches Vermögen durch redlrche Arbeit erworben hat." „ , e „ „Gut, mein lieber, junger Herr! ich danke Ihnen , sagte Herr v. Wülfing sichtlich befriedigt, „daß Fräulein Vera für jene Verhältnisse nicht geboren worden, steht nun einmal fest und erklärt mir auch die Vorliebe ihrer Beschützerin; man sollte daraus schwören, daß sie aus sürstltchem Hause ,ein müße. — Ah, mein Lieber!" unterbrach er sich plötzlich erregt, „die Damen sollten doch lieber nach Hause gehen, anstatt die finsteren Mächte herauszusordern und die unerquickliche Kartoffel-Allee zu betreten. Da — wie ich's mir gedacht habe, — da haben ! wir ja halt den ganzen Scandal beisammen. Er, das ist aber a Bissel stark, - tue Sohne Albrons scheinen von der Tarantel gestochen zu sern. Der alte Herr gebrauchte in seiner ^itrüstung den gemütlichen österreichischen Dialect, der selbst im höchsten Affect harmlos klingt. „Ja, das ist in der That stark, wenn n cht flegelhaft", rief Reimann empört, „haben diese Enqlishmen allen Tact und alle Sitte vergeßen? Die Kartoffel-Allee schien plötzlich zum Rendezvous der englischen Gesellschaft geworden zu se-.n. Die Ladv's stolzirten in den auffälligsten Toiletten umher, während John Bull sich in seiner ganzen Weltver- achtung und britischen Selbstbewunderung zu der be- vorstehenden Execution gerüstet hielt. (Fortsetzung folgt ) Literarisches. Bei der Maffenhaftigkeit der literarischen Produc. tion unserer Tage und bei der Fülle neuer Er- scheinungen, die der Büchermarkt jedes Jahr aufzu« weisen hat, wird es trotz der prächtig ausgestatteten, mit kurzen Kritiken und Illustrationen versehenen Kataloge der Buchhändler, die um die Weihnachtszeit zu erscheinen pflegen, einem Bücherkäufer oft nicht leicht, für ein Festgeschenk eine gute Wahl zu treffen, und nicht selten wird auch über dem Streben, vorzugsweise das gepriesene Neue zu berücksichtigen, die Aufmerksamkeit von wirklich Trefflichem und Gediegenem einer früheren Zeit abgelenkt. Ist dies nun auch bezüglich des Werkes, von dem nachfolgende Zeilen handeln, nicht zu erwarten, so sind uns doch vielleicht manche Leser dieser Blätter dafür dankbar, daß wir sie in der bevorstehenden Festzeit speziell auf dasselbe Hinweisen und eine Entscheidung ihnen 600 zu erleichtern suchen. Wir meinen die „Deutsche Literaturgeschichte von Robert Königs, Leipzig und Bielefeld bei Velhagen und Klasing, 840 S. gr. 8, die jetzt in der 18. Auflage, die übrigens mit der 16. und 17. übereinstimmt, vorliegt. Denn dieses Buch hat einen der größten Erfolge errungen, den der deutsche Buchhandel der Neuzeit zu verzeichnen hat. Im Jahre 1879 erschien es zum ersten Male und hat also im Lauf von 7 Jahren die angegebene große Zahl von Auflagen erlebt, was für ein Werk von solchem Umfang wohl beispiellos und auch um deswillen bemerkens- werth ist, weil es neben sehr anerkennenden Urtheilen auch an übelwollender Kritik über dasselbe nicht gefehlt hat. Nicht an gelehrte Fachkreise, sondern an das deutsche Haus, die deutsche gebildete Familie wendete sich der Verfasser mit seiner Arbeit in erster Linie, um sie für die genauere Kenntniß unserer vaterländischen Literatur zu erwärmen und ihr zugleich eine anregende, im besten Sinne des Worts erfreuende und geistig fördernde Unterhaltung zu gewähren. Diesem Zweck gemäß gestaltete er den darlegenden und erzählenden Text, und um das Interesse und das Verständniß desselben zu beleben und zu fördern fügte er ein Jllustrationsmaterial hinzu, das in dieser Weise noch in keinem ähnlichen Werke so vereint aufgetreten war. Der Verfasser hatte damit einen höchst glücklichen Griff gethan, und die alle Erwartung übersteigende günstige Aufnahme, die sein Buch trotz rmncher Konkurrenz, die es hervorrief, bis jetzt in den Kreisen, für die es berechnet war, gefunden hat, läßt gewiß den Schluß berechtigt erscheinen, daß es einem tief empfundenen Bedürfniß entgegen gekommen und daß die darin eingeschlagene Weise, in ein Gebiet einzuführen, deffen nähere Kenntniß für ein dringendes Erforderniß allgemeiner Bildung gilt, eine wohlgelungene ist und des Beifalls der überwiegenden Menge der Gebildeten unseres Volks sich erfreut. Und so ist denn „Königs Literaturgeschichte", wenn ja auch Manches darin eine etwas andere Auffassung und Darstellung zulassen und von anderem Standpunkte aus manches Urtheil auch anders ausfallen mag, jetzt schon ein sehr werthvoller lehrreicher, Kenntniß, Urtheil und Geschmack bildender Schatz in der Hausbibliothek unzählicher deutscher Familien gewordW und verdient noch auf lange Zeit hinaus, ein Lieblingsbuch in denselben zu bleiben. Denn der seit der 9. Auflage schon beträchtlich erweiterte und vrrmehrte Text, der die Entwicklung des deutschen Schristthums von den ältesten Epochen an bis auf die neueste Zeit hin, in ansprechender, allgemein verständlicher Sprache mit steter Berücksichtigung der neueren wissenschaftlichen Forschung trefflich darlegt, ist in der vorliegenden Ausgabe nicht nur auf der früheren Höhe geblieben, sondern hat an wissenschaftlicher Vertiefung und hie und da an zweckmäßigerer Fassung noch gewonnen, indem dabei bie Winke einer berechtigten Kritik nicht bildliche Schmuck, der eine Eigenart des Buchs ausmacht, einen entsprechenden Zuwachs erfahren. Denn die 18. Auflage enthält nicht weniger als 263 Abbildungen und 43 zum Theil farbige Beilagen. Es sind dies nicht willkürlich von einem Zeichner zur Erläuterung des Textes Phantasiegebilde oder , hier und da zusammen gesuchte Clichös, sondern eines» theilS authentische, kunstvoll in der ganzen Pracht ihrer Farben nach den Originalen gefertigte Nach- bildungen alter Handschriften und Miniaturen aus der Zeit von Gutenberg (es sei hier allein nur an die prachtvolle Textprobe aus Ulfilas codex argenteus erinnert), anderntheils getreue Imitationen alter Drucke mit Titelkupfern und Titelblättern der ersten Ausgaben sowie von Faesimiles erhaltener berühmter Manuscripte und Schriftproben aus neuerer Zeit (z. B. von Lessing, Göthe, Schiller, Uhland, Chamisso, Lenau, Reuter, Scheffel u. v. a>), denen sich endlich eine große Menge interessanter, meist wohlgelungener Portraits von deutschen Dichtern und Schriftstellern aus alter und neuer Zeit nach den seltensten Stichen anreihen, die das Interesse an den Geisteswerken dieser Persönlichkeiten nur noch mehr fesseln und erhöhen können. Auf diese Weise gewährt Königs Arbeit nicht nur ein farbenreiches und umfassendes Bild von dem, was unsere Altvordern in den verschiedenen Zeiträumen unserer literarischen Vergangenheit, gedacht, gefühlt, gesagt und gesungen, sondern zeigt auch aufs anschaulichste und fesselnste, wie sie ihre Geistesproducte vervielfältigt, wie sie Bücher geschrieben, gedruckt und geschmückt und der Nachwelt überliefert haben. Bei solcher Reichhaltigkeit und Gediegenheit vermag dir Beschäftigung mit diesem typographisch glänzend ausgestatteten Buch, das in Halbiaffian gebunden zu dem mäßigen Preis von 18 JL. zu haben ist, den edelsten Genuß zu ge- währen und darum können wir nur wünschen, daß es an dem bevorstehenden Feste, das ja meist auch der Familienbibliothek irgendwelche Bereicherung zu bringen pflegt, auch bei uns unter recht vielen Weibnachtsbäumen gefunden werden möge. Wer es wählt, trifft, des sind wir gewiß, eine gute Wahl, die ihn schwerlich gereuen wird. Schließlich bemerken wir noch, daß von Herrn Dr. König ganz neuerdings mit Anlehnung an das vorliegende, umfangreichere Werk noch ein kurzer „Abriß der deutschen Literaturgeschichte" als Hilfsbuch für Schule und Haus, mit 13 Beilagen und 67 Abbildungen im Text eigens bearbeitet worden und in demselben Verlag und derselben Ausstattung (202 S. stark, gr. 8, zu dem Preis von 2 M. 50 H) erschienen ist, der sowohl im Hinblick auf die sehr geschickte Auswahl, Behandlung und Gruppirung des Stoffs wie des illustrativen Beiwerks als recht brauchbare Vorschule für die größere Literaturgeschichte Schülern und Schülerinnen reiferen Alters wie auch andern jüngern Familienangehörigen aufs Wärmste empfohlen werden darf. unbeachtet geblieben sind. Und ebenso hat auch der Reduktion: A. Schetzda. — Druck und Verleg der Brühl'schm Druckerei Gr. Shr. Pietsch) in Gießen.