Hießener Jamilienblälter BeüMßifchZs KeibLM Mm Gießens? ......-ULJ-UTfi___..,,,.....«WH MH I ............................................................................................................. Ur. 111 Dienstag den 21. September. 1886. HMtMMWmilMIIL........................................ Saat und KrnLe. Roman von Ewald August König. (Fortsetzung.) Das Antlitz des Hauptmanns war todesbleich geworden; sein fieberglühender Blick ruhte starr auf den Freunden, und das krampfhafte Zucken seiner Lippen verrieth den gewaltigen Sturm, der in seinem Innern tobte. „Sie werden mir glauben, meine Herren, wenn ich Ihnen erkläre, daß ich persönlich niemals von diesem Würfel Gebrauch gemacht habe", sagte er mit heiserer Stimme. „Ich kann Ihnen freilich nicht sagen, wann und wo ich ihn gefunden hab?, und weshalb ich es der Mühe werth hielt, ihn aufzubewahren; ich hoffe, Sie werden auch ohne Erklärung meinem Wort Glauben schenken." „An einem Kaiserwort soll man nicht dreh'n und deuteln", erwiderte Maiwind rasch. „Wir glauben Ihnen", sagte der Referendar, der jetzt auch sichtbar erregt war. „Ich vermuthe, daß hier abermals ein dunkles Geheimniß —" „Wenn Sie mir einen Gefallen erzeigen wollen, dann äußern Sie keine Vermuthungen I" fiel ihm Herr von Görlitz mit einer abwehrenden Bewegung in die Rede. „Mir selbst ist die Sache noch nicht ganz klar." „Aber wollen wir uns nicht überzeugen, ob der Würfel wirklich und absichtlich gefälscht ist?" fragte der Referendar; „hier ist die Platte aufgekittet, mit einem starken Schlag kann sie vielleicht gelöst werden." Der Hauptmann holte, ohne ein Wort zu erwidern, ein starkes Jagdmesser und das Schüreisen; einige Minuten später war der Würfel zertrümmert, und es zeigte sich jetzt, daß die der Sechs entgegengesetzte Seite mit Blei ausgegoffen war; der Würfel mußte also, wenn er gerollt wurde, stets auf diese Seite fallen. „Ach, wenn diese Infamie nur früher entdeckt worden wäre!" sagte er, während er mit dem Taschentuch seine nasse Stirn trocknete. „Jetzt kommt die Entdeckung zu spät." Der forschende Blick Rommel's ruhte unverwandt auf ihm. „Wenn mit diesem Würfel ein Verbrechen verübt worden ist, dann muß es enthüllt und der Thäter zur Rechenschaft gezogen werden", erwiderte er in ernstem, eindringlichem Ton. Herr von Görlitz durchmaß das Zimmer mit großen Schritten, er schüttelte abwehrend das Haupt. „Trotz dieses Würfels könnte das Verbrechen selbst nicht bewiesen werden", sagte er, „wenigsten» nicht in der Form, die das Gericht verlangt. Ich kann die Person bezeichnen, die dieses Würfels sich bediente, ich kann das Verbrechen enthüllen, aber beweisen kann ich Nichts." „Hängt auch diese Geschichte —" „Fragen Sie nicht, forschen Sie nicht weiter, ich sage Ihnen noch einmal, ich selbst stehe hier vor einer Thatsache, die mir das Blut in den Adern erstarren macht! Ich vertraue darauf, daß Sie schweigen werden, meine Herren, vielleicht kann ich später einmal Ihnen Ausschlüsse geben; in dieser Stunde vermag ich es nicht." „Ich verstehe davon Nichts", sagte Maiwind, ,ich habe auch nie Vergnügen daran gefunden, die Geheimnisse Anderer zu ergründen; auf meine Verschwiegenheit dürfen Sie sich verlassen. Wie aber sicht's mit unserm Souper aus?" „Wir wollen es einstweilen verschieben", erwiderte der Hauptmann, „es eilt damit ja nicht, und in den nächsten Tagen werde ich schwerlich in der Stimmung sein, mich an einer weiteren MUer- haltung betheiligen zu können." Rommel hatte sich erhoben; er gab dem Freunds einen bedeutsamen Wink. „Wir können nach einigen Tagen ja darauf zurückkommen", sagte er, „jetzt, denke ich, wollen wir uns trennen." Herr von Görlitz reichte ihm mit dankbarem Blick die Hand, und als die Freunde ihn verlassen hatten, sank er, tief aufathmend in einen Sessel. Die Entdeckung, die er gemacht hatte, mußte ihn gewaltig erschüttert haben. Nach kurzer Ruhe wanderte er wieder mit großen Schritten auf und nieder, dann setzte er sich an den Schreibtisch, und mehrere Stunden lang glitt seine Feder rastlos über das Papier. Auch der Referendar konnte an diesem Abend lange den Schlaf nicht finden, der falsche Würfel und die furchtbare Erregung der Hauptmanns weckten in seiner Seele Ahnungen und Vermuthungen, die sein Denken vollauf beschäftigten und ihm keine Ruhe gönnten. Er nahm sich vor, unter vier Augen mit dem Hauptmann noch einmal darüber zu reden. Es mußte diesem ja angenehm sein, wenn er sich einem Manne anvertrauen konnte, auf dessen Verschwiegenheit er sich verlassen durfte. 442 Aber als er am nächsten Morgen erwachte, ließ er seinen Vorsatz wieder sollen; er sah wohl ein, daß er sich gedulden mußte, bis Herr von Görlitz aus eigenem Antriebe auf diese Angelegenheit zurückkam und ihm erklärende Mittheilungen machte. Der Untersuchungsrichter wollte an diesem Morgen den rothen Fritz wieder verhören; führte auch dieses Verhör zu keinem Resultat, dann sollte der Vagabund in seine Heimath zurücktransportirt werden. Keller trat heute nicht so trotzig auf. Er schien mit sich zu Rathe gegangen zu sein und einen andern Entschluß gefaßt zu haben. „Wir müssen endlich einmal die Akten schließen, Keller", sagte der Untersuchungsrichter; „Eure Hei- mathsbehörde hat Euch reklamirt, Ihr scheint bei ihr noch Manches auf dem Kerbholz zu haben, was jetzt mit dem Uebrigen zum Austrag gebracht werden soll. Und daß Euer hartnäckiges Leugnen Euch nicht retten kann, das müßtet Ihr nun doch längst eingesehen haben. Die Beweise zeugen gegen Euch, sie genügen den Geschworenen, Euch zu verurtheilen." „Beweise?" erwiderte der rothe Fritz achselzuckend. „Man kann Beweise machen, wenn man einen armen Teufel verderben will. Ich war's nicht, der auf den Herrn Referendar geschossen hat; aber ob ich das hundertmal betheuere, man glaubt es mir ja doch nicht." „Eure Büchse —" „Wer hat sie gesunden, Herr Richter? Der Förster Hellmuth; er war's auch, der den Verdacht auf mich lenkte. Ich bleibe dabei, die Kugel galt dem Wirth Fahne, und der Förster hat sie abgeschossen. Sie kennen den Jähzorn und den rachsüchtigen Charakter dieses Mannes nicht, und daß er Ursache hatte, den Wirth zu hassen, das steht fest. Nachher konnte es ihm nicht schwer fallen, mich in Verdacht zu bringen und zu behaupten, ich habe d-n Referendar erschießen wollen." „Ihr habt damit gedroht!" „Nein, damit nicht! Ich habe nur gesagt, diese Hetzjagd müsse ein Ende nehmen; aber ich wäre ja reif für das Tollhaus gewesen, wenn ich das durch einen Mord hätte erreichen wollen. Es war ja klar, daß auf mich der erste Verdacht fallen mußte, und daß mir keine Zeit gelassen wurde, mich aus dem Staube zu machen. Und wenn ich wirklich vorgehabt hätte, den Herrn zu erschießen, dann würde ich ihn auch getroffen haben. Ich fand Gelegenheit genug dazu, denn er war oft im Walde, und ich konnte ihm in aller Ruhe auflau rn und ihn sicher arff's Korn nehmen; aber daran dachte ich nicht." „Mit dieser Vertheidigung kommt Ihr nicht durch", sagte der Richter. „Wir müssen uns auf die Beweise stützen, die gegen Euch vorliegen, und diese Beweise sind überzeugend. Die Uhr und den Ring des Herrn v. Salberg wollt Ihr auch gefunden haben, und doch wagtet Ihr nicht einmal, sie mit nach Amerika zu nehmen!' „Wenn sie bei mir gefunden wurden —" „Dann konnte man Euch ein Verbrechen Be# weisen, das war's, was Ihr gefürchtet habt. Ich gehe noch weiter, man klagt Euch nicht nur des Raubes, sondern auch des Mordes an, und Ihr dürft Euch darauf verlassen, daß man Beweise genug für diese Anklage finden wird. Ihr versteckt Euch stets hinter geheimnißvollen Andeutungen, Ihr sucht Andere zu verdächtigen und dadurch den Richter irre zu führen, aber wir kennen diese nichtsnutzigen Manöver und legen gar keinen Werth darauf. Der Oberförster von Reizenstein ist ein unbescholtener, pflichttreuer Beamter, ein Ehrenmann im vollsten Sinne des Wortes; wer ihn verdächtigen will, stellt dadurch nur sich selbst ein schlimmes Zeugniß aus." „Bah, wenn ich reden wollte —" „Redet, dann werden wir bald wissen, woran wir sind! Der Oberförster hat Euch die Mittel zur Rückreise nach Amerika angeboten, aber in den ersten Jahren kann von dieser Reise keine Rede fein, und wird Euch der Mord bewiesen, dann werdet Ihr bis an's Ende Eures Lebens int Zuchthause bleiben. Ihr habt von dem Verschwinden einer Leiche gefabelt, und doch ist die Leiche im Walde gefunden worden. Was bezweckt Ihr mit diesen räthselhaftm Andeutungen? Ich behaupte, Ihr habt den Herrn ermordet und beraubt und den Revolver neben die Leiche gelegt, um das Gericht glauben zu machen, daß Euer Opfer sich erschossen habe. Dieser Behauptung könnt Ihr nun mit Ausflüchten und Verdächtigungen entgegentreten, aber dadurch entkräftet Ihr sie nicht." Der rothe Fritz strich mit der breiten Hand langsam über sein hageres Gesicht und wiegte, wie in Sinnen versunken, das struppige Haupt. „Wenn ich Ihnen auch die volle Wahrheit sagen wollte, so würden Sie mir doch nicht glauben", erwiderte er; „der Oberförster steht ja so hoch über mir —" „Vor dem Gesetz nicht! Sagt', was Ihr wißt — nur sorgt, daß Ihr bei der Wahrheit bleibt." Der Vagabund schüttelte abermals das Haupt, | sein forschender Blick ruhte jetzt auf dem Referendar, es schien ihm schwer zu fallen, einen Entschluß zu fassen. „In Gottes Namen!" sagte et endlich. „Dte Uhr und der Ring haben mich nun einmal in die Klemme gebracht, da ist es denn besser, wenn ich die volle Wahrheit bekenne. Ich bin immer ein ehrlicher Kerl gewesen, Herr Richter, Sie können mir's glauben, was auch die Behörde in meiner "Heimath über mich berichtet haben mag. Einmal habe ich dürres Holz aus dem Forst geholt, nicht für mich, sondern für eine arme todtkranke Frau, die von der Gemeinde im Stich gelassen wurde; darüber hat man mich erwischt, und ich hab' einige Tage brummen müssen. Und daß ich immer ein leidenschaftlicher Jäger gewesen bin und dann und wann einmal einen Hasen geschossen habe, das will { ich auch nicht leugnen. Wer hat denn das Wild i geschaffen? Wer ernährt's? Und wer giebt allein ‘ den großen Herren das Recht, es zu schießen?" 443 „Kommt zur Sache I" warf der Richter ein. „Ich bin ja dabei, und ich mutz von vorne anfangen, damit Sie mich auch recht und ganz verstehen. Ein paar Mal hatte man mich erwischt, und ich hab' meine Strafe immer richtig abgesessen, und jetzt erfuhr ich, daß ich wieder einmal angeklagt worden war. Es war eine unangenehme Geschichte, denn diesmal hatte ich harte Strafe zu erwarten, und deshalb dachte ich, es fei wohl besser, wenn ich mich aus dem Staube machte und drüben einmal mein Glück versuchte. Und gerade wie ich darüber nachdachte, fand ich im Gebüsch abseits vom Wege, ein Notizbuch, das einen Paß und einige Briefe enthielt. Sie können's mir glauben; ich habe diese Papiere gefunden und behielt von ihnen nur den Paß, weil ich hoffte, daß er mir gute Dienste leisten werde." „Und was enthielten die anderen Papiere?" „Es waren Briefe; sie waren an dieselbe Person adressirt, deren Namen der Paß trug." „Franz Krüger?" „Jawohl." „Und ihr Inhalt?" „Hm, soviel ich mich erinnern kann, waren es Mahnbriefe; der Mann mußte wohl viele Schulden haben. Im Notizbuch fand ich auch nur Zahlen. Ich verstand davon Nichts, und wenn's nicht inzwischen verfault ist, muß das Notizbuch sammt den Papieren noch in dem hohlen Baume liegen." „In dem Baume, in dem der Förster Hellmuth Eure Büchse fand?" Der rothe Fritz nickte bejahend. (Fortsetzung folgt.) Mutter ßarey's Küchelchen. Die englische Brigg „John Douglas" war auf der Fahrt von Plymouth nach Westindien bis in die jedem Jndienfahrer wohlbekannte Region der unbeständigen Winde gelangt und befand sich nach der Rechnung des Capitains Dumnore noch fünf Tagereisen von dem Hafen St. John auf Antiqua entfernt. Der „John Douglas" führte außer seiner Ladung, die hauptsächlich in Stahl- nnd Eisenwaaren, Ackergeräthen u. s. w. bestand, auch noch eine kleine Gesellschaft von Passagieren mit sich, die inrgesammt von Plymouth aus an Bord gegangen waren und sich sehr gut mit einander vertrugen. Den Kern der Gesellschaft bildete Mr. Hendricks, ein reicher englischer Handelsherr, der in dringenden Geschäften nach den Antillen reiste, dessen liebenswürdige junge Gattin und deren gleichfalls sehr gebildete, schöne und die feinsten gesellschaftlichen Umgangsformen offenbarende Schwester, Miß Jenkinson. Weiter gehörten noch zu den Passagieren des „John Douglas" Mr. Webster, ein junger Doktor der Oxforder Hochschule, welcher verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen in der westindischen Inselwelt vornehmen wollte, ein Freund von ihm, ein Deutscher, Namens Reichardt, welcher einer früheren Abredung gemäß jetzt Mr. Webster begleitetete und endlich Ken O'Moorley, ein lustiger Sohn der „grünen Insel." Moorley, einer reichen Dubliner Advokatenfamilie entsprossen, hatte zu Hause verschiedene dumme Streiche begangen und war von seinem „Alten" in die Welt geschickt worden, um sich ein wenig die Hörner abzulaufen. In Plymouth lag gerade der „Douglas" segelfertig da und der junge Irländer, welcher zu dieser Zeit nach dem genannten Hafenorte gekommen war, hatte sich keinen Augenblick besonnen, Passage nach d n westindischen Inseln zu nehmen. Es war demnach nur eine kleine Gesellschaft die sich in der Cajüte des „John Douglas" zusammenfand, aber vielleicht gerade deshalb vertrugen sich die Leutchen desto besser und sie hatten sich auf der ganzen Reise bisher wirklich prächtig amüsirt. Besonders O'Moorley, lebendig, feurig, voller Geist und von jenem fröhlich-sorglosen Wesen, das im Allgemeinen den Söhnen Erin's so eigen ist, trug viel zu der heiteren Stimmung bei, welche bis jetzt bei den Passagieren des „John Douglas" vorgewaltet hatte. Hauptsächlich den Damen Mr. Hend- rick's war der Irländer ein unermüdlicher Gesellschafter, ihnen schoß er Seevögel zum Abzeichnen und Malen, für sie fing er allerhand Fische und wunderbares Seegewürm, kurz, für sie suchte sich der junge Mann nach jeder Beziehung hin nützlich zu machen. Mit den männlichen Passagieren spielte er Whist oder Schach oder führte mit ihnen allerhand burleske Gespräche und auch bei der Schiffsmannschaft war Ken O'Moorley wegen seines fröhlichen Wesens allgemein beliebt — und dennoch sollte er gar bald sich die ganze Schiffsmannschaft zu erbitterten Feinden machen, ja, sogar das Leben darüber einbüßen I Die Damen wünschten für ihr Album gern noch einen Sturmvogel ober vielmehr Sturmschwalbe*) zu besitzen, von jener kleinen Gattung, welche die Matrosen „Mutter Carey's Küchelchen" (mother Carey’s kilchen) zu nennen pflegen und welche bei dem Schiffsvolk aller Zonen als Unglücksvög l gelten, die man nicht erlegen dürfe, wenn das Schiff nicht vom schwersten Unheil verfolgt werden solle. Der Irländer hatte den Damen schon längst versprochen, ihnen ein paar Exemplare als Modelle zu schießen, ohne daß er aber sein Versprechen bis jetzt hätte einlösen können. Gerade an dem Tage, an welchem Capitain Dumnore seine Berechnung gemacht hatte, nach welcher der „John Douglas" noch 5 Tagereisen vom St. John entfernt fein sollte, war es nun St. Moorley gelungen, zwei der kleinen Sturmvögel, von denen sich an diesem Tage eine ganze Schaar *) Thalassidroma pelagica L., wird etwa 14 Centi- meter lang, mit sehr langen schwalbenartigen Flügeln. 444 im Kielwasser des Schiffes tummelte, zu schießen- Als er aber den Capitain bat, ein Boot bemannen zu lassen, um die Beute aufzufischen, fuhr ihn der sonst so höfliche und gefällige Mann wüthcnd an, er solle sich zum Teufel scheeren und mehrere Matrosen, welche in der Nähe standen, drohten dem Schützen grimmig mit den Fäusten. Achselzuckend wandte fleh der Irländer um und schritt seiner Sabine zu, während Mr. Hendrick, welcher ein erstaunter Zeuge des ganzen Vorganges gewesen war, fragend zum Capitain herantrat. Doch dieser machte eine abwehrende Bewegung und sagte schließlich in höchst mürrischem Tone: „Well, Sir, wir Seeleute halten es für eine sehr übele Vorbedeutung, unter Mutter Carey's Küchelchen zu schießen oder ihnen überhaupt sonst ein Leids anzuthun, und Sie können sich darauf verlassen, Mr. Hendricks, daß uns irgend ein Unheil schon im Nacken sitzt und wer weiß, was uns schon in dieser Nacht bevorsteht." Letztere ging indessen vorüber, ohne daß sich etwas Besonderes ereignet hätte und der nächste Morgen stieg, wie schon auf der ganzen Reise, heiter und strahlend empor. Bald hatte sich die kleine Reisegesellschaft auf dem Verdeck wiederum zusammen- gefunden; man scherzte und plauderte mit einander, bis die allgemeine Aufmerksamkeit durch eine Menge herrlich schimmernder Fische, die aber Allen unbekannt waren, erregt wurde. Die Fische tummelten sich in den jenen Gegenden eigenen klaren Gewässern scheinbar zum Greifen nahe umher und rasch hatte O'Moorley mehrere Angeln ausgeworfen, an denen sich eine ganze Anzahl der allseitig wegen ihrer Farbenpracht bewunderten Bewohner der Tiefe fingen. Die Fische gaben, vom Schiffskoch pikant zubereitet, ein köstliches Gericht für die Passagiere wie für die Mannschaften ab. Aber nach der Mahlzeit stellten sich bei Allen mehr oder weniger krankhafte Erscheinungen ein, ja, ein Matrose starb sogar nach einigen Stunden unter Symptomen einer starken Vergiftung. „Das kommt davon", sagte der Steuermann Tom Manners, der sich vor Schmerzen den Leib hielt, giftig, „wenn so eine verdammte Landratte, wie dieser irische Bengel, glaubt, auf Mutter Carey's Küchelchen schießen zu können, als wär's 'ne Heerde Enten. Möge der Irländer zu seinem Sanct Patrik in die Hölle fahren." Ken O'Moorley, welcher am meisten von den Fischen gegessen hatte und darum auch die meisten Schmerzen empfand, wälzte sich ohnweit Tom Manners auf dem Verdecke umher und mußte die Verwünschungen des Steuermannes gehört haben, denn bei den letzten Worten desselben stürzte O'Moorley auf Tom los und indem er mit verzerrter Miene ausrief: „Nun, wenn ich zur Hölle fahren soll, so mußt Du wenigstens die Reise mit, machen", packte er seinen Gegner wie mit Niesen- kräften an der Kehle, schleppte ihn über's Deck und schwang sich, ehe nur Jemand zur Hsise herbeispringen konnte, mit dem unglücklichen Steuermann über Bord. An eine Rettung der Beiden war ja nicht zu denken; schon der Umstand, daß Passagiere wie Mannschaften alle von der seltsamen und furchtbaren Krankheit befallen worden waren, verhinderte die Aussetzung eines Bootes. Bald erhob sich aber auch ein Sturm, der das führerlose Schiff durch die Wellen dahinjagte und dasselbe wie spielend in den aufgeregten Wassermassen hin- und herschleuderte; da ermannte sich Dr. Webster, welcher noch am meisten seine Besonnenheit zusammen hatte, kletterte mühsam aus der Cajüte an Deck empor und traf hier mit seinem deutschen Freunde zusammen, welcher gleichfalls von der Krankheit weniger berührt worden war. Den vereinten Anstrengungen Beider gelang es nach unsäglicher Mühe, das Steuerrad festzubinden — während die Matrosen stöhnend überall umher lagen -, so daß das Fahrzeug nicht mehr so furchtbar hin« und hergeworfen werden konnte. Die Nacht kam heran, immer weiter flog der „John Douglas" durch die schäumenden Wogen — da tauchte plötzlich in Lee ein Licht auf und Webster sowie Reichardt, die sich beim Steuerrad niedergekauert hatten, jubelten auf — mußten sie doch an- nehmen, daß sich ihnen nun ein Retter nahte! Da brauste es heran — mit Entsetzen erkannten die zwei Freunde, daß ein mächtiger Schiffskörper seinen Lauf gerade auf den verhältnißmäßig kleinen „John Douglas" zunahm und nach ein paar schreckenvollen Secunden erschütterte ein Stoß den „John Douglas", daß es in den Planken und Masten krachte, als ob das Schiff in den nächsten Minuten auseinander bersten sollte. Glücklicherweise erwies sich der „John Douglas" als eine äußerst solid gebaute Brigg; zwar wurden die Bulwarks auf der Leeseite eingedrückt und der zweite Mast schmetterte mit einer Menge Segelstangen und Tauwerk herab, ohne jedoch weiteres Unheil anzurichten — sonst aber schien dem „John Douglas" nichts Bedenkliches widerfahren zu sein. Ueberdies verschwand das fremde Schiff gar bald wieder in Nacht und Sturm und die Brigg raste durch die schäumende See weiter dahin — mit den kranken Passagieren und Schiffsmannschaften an Bord. Der Morgen rückte herauf — vier Matrosen waren gestorben, die übrigen aber — wohl, weil sie nicht so viel von den verdächtigen Fischen gegess n — sowie die Passagiere, befanden sich auf dem Wege der Besserung und schlichen nach und nach mühselig hervor. Auch Capitain Dumnore kam jetzt aus seiner Cabine hervorgekrochen und nachdem er sich von dem Zustande des Schiffes überzeugt, befahl er, die Anker fallen zu lassen und das letztere kehrte sich nun dem Winde entgegen; die Segel wurden zusammen gebunden und endlich trat, da auch der Sturm nachließ, für die an Bord des „John Douglas" Befindlichen eine gewisse Erholungs- und Ruhepause ein. (Fortsetzung folgt). Redactton: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.