Hichmer Ziamilienblälter. Belletristisches Beiblatt zum Gießener Anzeiger. , " ......... Donnerstag den 21. Januar. ’ 1886. Gin Spiet des Zufalls. Roman in drei Bänden von Ewald August König. (Fortsetzung). „Ich kann diese Frechheit nicht begreifen", sagte sie; „sie müssen doch voraussehen, daß der erste Verdacht auf sie fallen wird." „Deshalb sorgen sie ja, daß ihnen nichts bewiesen werden kann! Sonnenberg will morgen abreisen, Madame Hennig soll ihm nach einigen Tagen folgen, in Paris wollen sie herrlich und in Freuden leben." „Dieser schöne Vorsatz dürste ihnen nun doch in die Brüche gehen", spottete Dora, „aber wie fange ich's nur an? Wenn ich Ernestine in'S Gesicht sagte, was Du mir mitgetheilt hast —" „Daun würde sie antworten, es sei Alles gelogen, gnädige Frau. Ich sage Ihnen, so schlau, wie die ist, giebt's keine Frau mehr, sie würde Alles leugnen und mich eine boshafte Verleumderin nennen. Und beweisen könnten wir nichts." „Aber beweisen müssen wir!" sagte Dora in entschlossenem Tone, und ein Zornesblitz zuckte dabei aus ihren Augen. „Beriethen sie nur über den Einbruch? Sprachen sie nicht von Herrn Dornberg?" „Doch — auch von der grauen Dame." „Und was sagte Sonnenberg?" fragte Dora voll ungeduldiger Erwartung. „Die graue Dame will er nicht gekannt haben." „Und Gustav?" „Wenn er reden wollte, würde Herr Dörnberg sogleich aus dem Gefängniß entlassen werden." „Das sagte er?" rief Dora in leidenschaftlicher Erregung. „Er oder Madame Hennig, es waren dieselben Worte. Er sagte auch, er wünschte, daß er selbst das Geld gestohlen hätte, dann wäre jetzt seine Casse nicht leer." „Oh, das genügt", sagte Dora tief ausathmend. „Das Gericht wird ihn wohl zwingen können, den Namen des Diebes zu nennen. Nur ist vor allen Dingen nothwendig, daß wir ihm das Verbrechen beweisen, um uns seiner Person zu versichern. Du wirst schweigen, hörst Du? Wenn Ernestine vor mir Heimkommen sollte, wirst Du ihr sagen, ich mache bei Fräulein Dornberg einen Besuch, verrathe Dein Geheimniß weder durch ein Wort noch durch einen Blick." „Ich spreche ja überhaupt nicht mehr mit ihr." „Sei auch nicht allzu unfreundlich, das könnte ebenfalls ihren Argwohn wecken. In der eigenen Schlinge müssen wir sie fangen, ich weiß jetzt noch nicht, wie es geschehen soll, aber bei meiner Heimkehr werde ich es wissen, und dann finde ich wohl einen Augenblick, um mich mit Dir zu verständigen." Die alte Magd nickte zustimmend, ein Lächeln glitt über ihr sonst so verdrossenes Gesicht. „Ich thue Alles", sagte sie, „ich stürze mich ins Feuer hinein, wenn wir den armen, braven Herrn Dornberg befreien können. Ich hab's ja immer gesagt, daß diese Frau Hennig eine falsche Schlange sei. —" „Ist sie die Frau Sonnenberg's?" „Vermuthen Sie das?" „Wie soll ich mir anders dieses intime Verhält- niß eöklären? „Ja, freilich, man follie es glauben", sagte Katharine, „aber ich bin noch nicht klug daraus geworden. Und ich konn's mir doch auch nicht denken, ich meine, seine Frau würde doch nicht gelitten haben, daß er sie heirathen wollte!" „Wer weiß, ober es wirklich wollte!" erwiderte Dora nachdenklich. „Vielleicht glaubte er als mein Verlobter mich ohne Mühe um mein Vermögen betrügen zu können, damit wäre dann der Zweck der Verlobung erreicht gewesen. Aber das Alles werden wir wohl auch im Lause der Untersuchung erfahren, ich muß nun gehen, die Minuten sind kostbar. Also sei klug und verschwiegen, Katharine, der Lohn für Deine Treue soll Dir nicht fehlen." Sie ging nach diesen Worten in ihr Schl«f- zimmer, um sich zum Ausgang zu rüsten, und mit dem Entschluß, zuerst dm Criminalbeamtcn zu besuchen und dessen Rath zu hören, verließ sie bald darauf das Haus. Fünftes Kapitel. Gute Nachrichten. Umwogt von Rauchwolken faß der Oberst von Reizenfels au demselben Morgen in feinem Cabinet und las ein Schreiben, das ihm fein Sohn zur Begutachtung überreicht hatte. Es war das Abschiedsgesuch Kurt's, der voll ruhiger Erwartung in Gala-Ünisorm vor ihm stand. „Na, gegen die Fassung dieses Gesuchs ist nichts einzuwenden", sagte er, indem er den großen Brief zufammenfaltete, „ich zweifle auch nicht, daß Seine | Majestät Deinen Wunsch bewilligen und Dich zur . Reserve übertreten lassen wird. Aber bist Du auch 34 sicher, daß Du diesen Entschluß später nicht bereuen wirst?" _ „An der Seite Vera's? Als Besitzer des Ulmen- Hofs?" scherzte Kurt. „Wie wäre das möglich?" „Schockmillionen, das Leben eines Husarenofficiers hat doch auch seine Reize! Ich meine, es wäre besser gewesen, Du hättest mit dem Abschied noch einige Jahre gewartet, vielleicht so lange, bis die Majorsecke vor Dir lag, der Charakter eines Majors würde Dir beim Abschied nicht verweigert worden sein." „Und graue Haare hätte ich dann auch schon", erwiderte Kurt lachend. „Nein, Papa, was man thnn will, das muß man auch ganz thun; Baron von Busse wünscht nun einmal, daß ich mich fortan der Oekonomie widme, und ich hab's ihm versprochen, da kann ich denn nun auch nicht früh genug mit Lernen beginnen. Wenn ich später einmal das große Gut übernehmen soll, dann muß ich doch auch die nöthigen Kenntnisse haben, und Niemand weiß, wie bald das schon geschehen kann." „Na, na, der Baron ist ja noch ein sehr rüstiger Mann." „Und Gott wolle verhüten, daß der schauderhafte Fall schon bald eintritt, aber es ist ja Alles möglich, und dann liegt es mir ob, das Erbe Vera's treu und gewissenhaft zu verwalten. Vera und ihr Vater sind ganz mit mir einverstanden, sie meinen zwar, ich bringe ihnen ein Opfer, für das sie mir danken müßten, aber die größere Pflicht des Dankes liegt doch auf meiner Seite." Der Oberst hatte eine Kerze angezündet, mit gedankenvoller Miene ließ er den Siegellack auf den Brief tropfen, um ihn mit seinem Wappen zu verschließen, und nachdem dies geschehen war, blies er eine lang gezogene Rauchwolke über ihn hinweg. „Na, ja, das ist ja Alles richtig", sagte er, „tadeln wird Dich Niemand deshalb, im Gegentheil, Du handelst, wie ein Mann von Ehre handln soll. Und was Diejenigen sagen werden, welche vor Neid über Dein Glück bersten möchten, das kann Dich wenig kümmern!" „Schauderhaft wenig", nickte Kurt, während er den Brief sorgsam in die Tasche steckte, „ich lache sie Alle aus, sie sollen mir die Freude nicht verkümmern. Meinetwegen mögen sie dann später auch lachen, wenn ich hinter Pflug und Egge hergche, um Alles praktisch und gründlich zu lernen, ich stehe dann auf meinem eigenen Grund und Boden und brauche mir meiner Manichäer wegen keine Sorge mehr zu machen." „Ja, diese Schwefelbande!" feufzte der Oberst. „Wenn ich sie erst los wäre!" „Das wird ja nun auch kommen, Papa, sobald die Hochzeit hinter mir liegt. Sie lassen Dich ja nun schon in Ruhe." „Natürlich, dir Bande weiß ja, daß Du mit Vera verlobt bist, und Dich verpflichtest hast, nach Deiner Hochzeit den Beutel zu ziehen. Aber kannst Du glauben, daß Einige von dieser Schwefelbande schon so unverschämt gewesen sind, mich zu fragen, wie bald denn nun die Hochzeit gefeiert werde? Schockmillionendonnerwetter, denen aber habe ich ein Licht angezündet, daß ihnen Hören und Sehen verging I" „Sapristi, sag' ihnen doch die Wahrheit! Sag' ihnen, sie brauchten nicht länger, als bis zum Frühjahr zu warten." „Hm, das ist auch noch nicht sicher." „Doch, Baron v. Busse hat es mir gestern noch einmal gesagt, er ist ja schon damit beschäftigt, das Nest für uns einzurichten." „Und Vera ist auch damit einverstanden?" „Nun, natürlich, die Wünsche des Vaters sind für sie maßgebend, und ihr ist es ja auch lieb, daß nicht mehr die ganze Arbeitslast auf den Schultern ihres Papa's allein ruht. Du wirst dann im Sommer auch schon auf dem Ulmenhose wohnen." „Dann und wann einige Tage!" „Ich denke für immer, es wird eine Wohnung für Dich dort eingerichtet." „Na, na, was soll ich denn auf dem Ulmenhofe?" fragte der Oberst zu dem S,lM aufblickend. „Fliegen fangen. Dazu bin ich noch nicht alt genug. Und wenn die Schwefelbande mich nicht mehr belästigt, dann komme ich mit meiner Pension vortrefflich aus, Fränzchen weiß das einzurichten." „Ja, aber wenn Fränzchen Dich nun auch verläßt?" „Schockmillion, rede kein Blech! Fränzchen sollte mich verlassen? Weshnlb? Weil ihr Bruder das Unglück gehabt hat? Ich habe ihr doch keinen Vorwurf gemacht, im Gegentheil —" „Nein, nein, deshalb nicht. Willst Du mir Verschwiegenheit versprechen?" Der Oberst blickte ihn starr an und ließ den langen Schnurrbart langsam durch seine Finger gleiten. „Sie wird doch nicht heirathen wollen?" fragte er. „Wenn ein ehrenhafter Mann sie heimführen will, soll sie dann nicht mit beiden Händen zugreisen ?" „Na, na, und wer ist dieser ehrenhafte Mann?" „Verschwiegenheit, Papa?" „Parole d’honneur." „Der Doktor Kirchner." „Schockmillionen, der?" fragte der Oberst, die buschigen Brauen hoch emporziehend. „Und das geschieht hinter meinem Rücken?" „In der Sache selbst ist noch nichts geschehen, Papa", beruhigte Kurt ihn, „ich glaube sogar, daß Fränzchen noch keine Ahnung von dem ihr bevorstehenden Glück hat. Mit mir hat der Doktor allerdings darüber geredet, und ich konnte nicht lügen, um Dir eine gute Haushälterin zu erhalten." „Nein, nein, ich würde Dir dafür auch keinen Dank gewußt haben," sagte der alte Herr. „Für Fränzchen wäre diese Heirath ja ein Glück und ein Segen, eine brillante Partie, und ich will hoffen, 8 6 daß sie den Antrag annnnmt, wenn er ihr gemacht wird." „Der Doctor will nur noch so lange warten, bis er ihren Bruder aus der Haft befreit hat." „Dann könnte er wohl noch lange warten müssen!" „Ist denn noch immer keine Aussicht vorhanden?" fragte Kurt, indem er die Handschuhe anzog. „So viel ich weiß, nein. Von Madamc Winkler habe ich lange nichts vernommen, und der Doctor schweigt auch. Sieh, sieh, also deshalb kommt er so oft hierher?" - „Jawohl. Deshalb ritt ich auch so oft nach dem Ulmenhofe", scherzte Kurt. „Die Liebe ist ein schauderhafter Magnet. Adieu, Papa! Ich gehe jetzt zum Oberst und bringe ihm den Scheidebrief." In Sinnen versunken blickte der Oberst auf die Thür, hinter der sein Sohn verschwunden war. „Wie das noch sprudelt und braust!" sagte er. „Na, na, wenn er einmal die Uniform ausgezogen hat, dann wird die Neue kommen, ich prophezeie es ihm. Aber er wird es überwinden, er ist eine kernige Natur, und auf dem Ulmenhofe ist er unter tüchtigen, lieben Menschen, die ihm das Dasein angenehm gestalten." Die Pfeife war ausgebrannt, er nahm eine andere von der Wand und zündete sie an; dann wanderte er eine Zeit lang auf und ab. „Fränzchen und der Doktor Kirchner!" brummte er. „Ei, ei, wer hätte das gedacht! Na, ich gönne es ihr von ganzem Herzen — der Doktor ist ein ehrenwerther Mann, er verdient viel Geld . . . Schwerenoth, sie könnte keine bessere Partie machen! Aber ob sie das auch einsehen wird? Wenn sie nun Nein sagte?' Er blieb stehen und schüttelte ärgerlich das graue Haupt; und während er diesem Gedanken nachging, schien die Möglichkeit, daß sie cs thun könne, ihn mehr und mehr zu beunruhigen. ,,Na, das muß ich wissen", sagte er endlich. „Ich will ihr auf den Zahn fühlen. Schockmillionen, es wäre eine Dummheit, die sie niemals sich verzeihen könnte!" Er verließ ohne Zögern das Cabinet und ging in das Wohnzimmer. Fränzchen saß am Fenster vor dem Nähtisch, die Nadel ruhte. Die hastige Bewegung, die ihre Hand nach dem Auge machte, ließ den Oberst er- rathen, daß sie geweint hatte. „Na, na, doch keine unglückliche Liebe?" fragte er in seiner jovialen Weise. „Wie kommen Sie ^darauf, lieber Onkel?" erwiderte Fränzchen mit einem gezwungenen Lächeln, während sie in sichtbarer Verwirrung ihre Arbeit wieder aufnahm. „Schwerenoth, man wird doch fragen dürfen?" „Und wem könnte diese unglückliche Liebe gelten?