Hießener Jamilienblätter Beüekistischrr BeibiM Mw Gießener WWu 1886. Samstag den 20. November. fii\ 137 die kleine Vera in solche untergeordnete Verhältniffe gerathen ist." ,31«, ste hätte in schlimmere Hände gerathen können, Fräulein Natalie I" bemerkte der Notar, „mag Frau Möller auch ungebildet sein, roh ist ste nicht, und Sie hörten ja selber, was sie für dis mutterlose Waise thun will. Echte Liebe, wie ste dem verlassenen Kinde hier geboten wird, wiegt allen äußeren Schliff, alle vornehme Bildung auf." „Wohl wahr", nickte die junge Dame, „nur daß gerade in diesem zarten Alter alle Eindrücke der Umgebung sich dem ganzen Menschen zu fest auf- prägen, ihm gleichsam den Stempel seines äußeren und inneren Wesens verleihen. Dieser Gedanke ist mir beinahe unerträglich, da die spätere Erziehung dergleichen selten ganz verwischen und ausmerzm kann. Aber die Frau ist in ihrer Liebe auch förmlich despotisch und eifersüchtig auf ihre Mutterrechte; ich möchte nicht mit ihr in Conflici gerathen." „Gewiß nicht", lachte der Notar, „Herr Möller weiß ein Liedlein davon zu singen. Doch, wie gesagt, die Frau ist brav und hat ein Herz in der Brust, — die Kleine wird bei ihr schon gedeihen." „Ich werde mit darüber wachen", nickte Natalie energisch, „es ist mir gerade, als wäre die arme Mutier heute Abend gekommen, um für ihr Kind zu bitten; ich werde schon dafür sorgen, daß sie nicht zu ihrer niedrigen Umgebung herabgezogen wird." Sie standen vor dem Hause der Banquiers und s mit einem herzlichen Händedruck schlüpfte Natalie hinein. „, Der Notar schritt langsam werter; ferne Gedanken beschäftigten sich mit der Erzählung des Hutmachers und ließen die Einzelheiten noch einmal vor seinem Geiste vorübergleiten. Der Abend war kalt und klar. Hoch oben im Aether schwamm der Mond und spiegelte sich in der dunklen Fluth der Alster. Der alte Herr achtete nicht auf den Weg, er schritt durch den Jungfernstieg; seine Gedanken verweilten in diesem Augenblick bei dem vornehmen Herrn, welcher den neugierigen Hutmacher das zweite Mal von seiner Nachforschung vertrieben hatte und so plötzlich vor dem Ueberraschten aufgetaucht war. Grübelnd schritt er weiter, sich fortwährend nut dieser unheimlichen Gestalt beschäftigend, als er plötzlich seinen Namen rufen hörte, und erschreckt stehen blieb. „Sie schreiten ja so automatisch einher wie ein Nachtwandler, mein alter Willing! — Was in aller Welt kann Sie so kopfhängerisch machen?" ! „Ah, Sie sind's, Helmuth!" rief der Notar, dem „Die neue Mama!" , „So ist's recht, Herzchen! darüber wird sich die ’ tobte Mama freuen; komm', gieb ihr ein Küßchen." Vera schaute sie mit den träumerisch fragenden Augen des Bildes an und drückte dann die rothen schwellenden Lippen auf das süße Antlitz, besten verjüngtes Ebenbild sie zu sein schien. Dann steckte der Notar das Medaillon zu sich und - verließ mit Natalie das Hau«, während die Kleine ! in der glücklichen Vergeßlichkeit ihres Alters wieder s vergnügt zu ihrer Puppe zurückkehrte. „Da hätten wir also die Spur des polntschen Arbeiters, besten Gattin ihrem Paß zufolge diese junge vornehm aussehende Frau sein müßte", bemerkte der Notar, als ste rasch auf der Straße dahinschritten. u „Nun, daß jenes Kinb einem anderen Kreise entstammt, muß der Unbefangenste auf den ersten Blick erkennen", versetzte Natalie, „mich schaudert vor dem Drama, und bedaure ich vor Allem, daß Bis zur letzten Klippe. Original-Roman von E. Heinrichs. (Fortsetzung). „Sorgen Sie nun auch dafür, daß Herr Möller nichts ausplaudert", setzte der Notar hinzu, „auf Geheimhaltung kommt sehr viel an." „Der sagt nichts, werde es ihm aber auch ein- schärfen, daß er seiner Frau nichts davon erzählt." „Bei Leibe nicht — es wisten jetzt schon genug davon." Der Hutmacher verbeugte sich vor Natalte und ging. Letztere nahm das Medaillon aus der Hand des Notars, um es der ungeduldig trippelnden Vera zu zeigen. Diese betrachtete es aufmerksam, wobei die Augen des Kindes immer größer wurden. „O, Mama!" sagte es plötzlich leise, „Vera hat Dich doch lieb." Natalie und der Notar blickten sich erregt an. „Erkennst Du Deine tobte Mama, liebe Vera?" fragte bte junge Dame leise unb tiefbewegt. Die Kleine nickte. „Mama bei Vera bleiben!" sagte sie entschieben, „immer — immer!" „Dann weint die neue Mama", sprach Natalre, „zwei Mama darf man nicht haben. Nun, sprich, Vera! willst Du die tobte ober bte neue Mama behalten?" , , Das Kinb warf noch einen sehnsüchttgen Bltck euf bas Bild, reichte es bann zögernb hin unb sagte: 846 vor ihm stehenden Herrn die Hand schüttelnd, „haben mich wahrhaft erschreckt." „Seit wann sind wir denn nervös geworden, alter Freund?" scherzte der Staatsanwalt Helmuth, ihn mit seinen klugen durchdringenden Augen aufmerksam anblickend. „Was ist Ihnen passirt, he?" Er nahm seinen Arm und führte ihn langsam weiter. „Na, mir ist persönlich nichts passirt", versetzte der Notar lächelnd, „man ist in der Welt noch immer nicht Egoist genug, und peinigt sich sogar mit Criminalgedanken. Im Uebrigen, lupus m fabula — Sie kommen mir wie gerufen." „Criminalgedanken? — Das erregt meine Wiß- begierde. Legen Sie los, alter Freund I" Der Staatsanwalt Helmuth war der Schrecken aller Verbrecher, welche in der alten Hansestadt ihr lichtscheues Wesen trieben. Vor seiner haarscharfen Logik mußten in der Regel die spitzfindigsten Ver- theidiger die Waffen strecken, da er seinen Wahlspruch: „Jedem das Seine!" unerbittlich auf die Verbrecher und das Zuchthaus anzuwenden verstand. Als der Notar feine Mittheilungen, welche er von dem Hutmacher vorhin empfangen, beendet, schritt der Staatsanwalt eine Weile schweigend weiter. „Sie haben das Medaillon?" „Hier ist es, ich möchte es wohl für die Kleine, deren Mutter das Porträt unzweifelhaft darstellt, aufbewahren." „Kann auch geschehen, wenn er seine Dienste gethan. Aber diesen Hutmacher möchte ich mit eigener Hand durchprügeln, daß er erst heute mit einer solchen wichtigen Entdeckung hervortritt. Wo ist der Stockfisch?" Der Notar berichtigte die scheinbare Nachlässigkeit des jungen Mannes und nahm ihn so kräftig jn Schutz, daß Helmuth besänftigt wurde. „Wir haben die kostbarste Zeit dadurch verloren" grollte Letzterer, „der Vogel wäre jedenfalls in's Garn gelaufen. Was aber in aller Welt sollte die Metamorphose auf sich haben? Und wo ist dieses Arbeitszeug hingekommen?" „Na, jedenfalls von einem Andern annectirt", meinte der Notar. „Darüber muß die Polizei Aufschluß geben, da dieser Punkt nicht unwichtig erscheint." „Der Kuckuck auch, der Punkt ist äußerst wichtig. Wir müffen wiffen, wo jener Mensch das Zeug gekauft und wie er ausgesehen hat. O, über diesen Dummkopf »on Hutmacher!" „Nach dem Porträt zu urtheilen, muß unser Mann ganz anderen Kreisen angehören", sprach der Notar mit Nachdruck, „auch da» Kind, — Sie werden sich desselben doch erinnern, — ist zu elfen» haft und schön, um dem niederen Stande entsproffen zu sein. Ich sagte Ihnen von dem vornehmen Herrn, welcher so plötzlich bei unserem Hutmacher aufgetaucht, — was halten Sie von demselben?" Der Staatsanwalt blieb stehen und schaute den Notar überrascht an. „Hat unser Gewährsmann den Burschen angesehen, sich sein Aeußeres wohl gemerkt?" fragte er hastig. „Ich glaube, daß er es gethan, weiß es aber nicht gewiß, weil er denselben fürchtete. Sie können das Nähere von ihm selber erforschen, bitte jedoch nicht zu vergessen, daß ich ihm mein Wort hinsichtlich irgendwelcher Ungelegenheit gegeben habe." „Na, man wird ihn ja deshalb nicht einsperren", lachte Helmuth, „er hat uns immerhin einen großen Dienst geleistet und durch sein Nachforschen einen ungewöhnlichen Grad von Muth bewiesen. Wenn er sich den vornehmen Herrn nur recht angesehen hätte, — ich begreife diese Furcht, worin ein wunderlicher Widerspruch liegt, nicht recht." „Ach, lieber Freund! — die Furcht vor der Polizei besitzen diese Art Menschen fast insgesammt, sie lassen sich lieber vor die Mündung einer Flinte stellen." „Unsinn!" brummte der Staatsanwalt, „darnach müßten unsere Verbrecher wohl keine Furcht vor der Polizei haben." „Weil sie auf zu vertrautem Fuß mit derselben stehen", lachte der Notar. „Sie selber, zum Exempel, interessiren sich doch weit lebhafter für den geheim« nißvollen Mörder als für den neugierigen Hut- macher, den harmlosesten Staatsbürger von der Welt." „Na, das ist doch begreiflich", rief Helmuth erstaunt, „jener Bursche, — der Mörder nämlich — nimmt momentan alle meine Gedanken in Anspruch und je geriebener ein solcher Bursche ist, desto interessanter wird er mir." „Da haben wir's!" lachte der Notar äußerst belustigt, „was hat ein ehrlicher Mensch nun davon, wenn er zeitlebens darnach strebt, diese Tugend zu üben, feine Steuern richtig zu zahlen und ein braver | Unterthan zu bleiben." „Bah, dafür sind wir Criminalisten, welche mit Interesse die Höhen und Tiefen einer verlorenen Seele studiren, während die ehrliche Marktwaare nur den oft sehr fragwürdigen Zeugenwerth für uns besitzen kann. — Also, bester Freund! vergessen Sie mir den furchtsamen Hutmacher mit dem eriminalistischen Spürsinn nicht, — werde morgen Abend zwischen 7 und 8 Uhr für ihn zu Hause sein." „Ich werde ihn her citiren —" „Gut, gehen Sie noch ein wenig mit mir ober kommen Sie nachher in den Club?" „Will sehen, ob ich'» möglich mache. — Apropos, eine zweite Neuigkeit, die junge Gräfin Altors — Sie wissen, die frühere Wittwe unseres alten Roden- bürg —" „Weiß, weiß, — was ist's mit der?" „Sie ist tobt — ertrunken im Wetternsee." Der Staatsanwalt blickte ihn erschreckt an, (Fortsetzung folgt). 547 Die Worfaßren der Kmierwäldler. (Schluß.) Die ersten Ansiedler in jenen Gegenden waren fast durchgängig Viehzüchter und das herrliche Klima sowie die mit dem schönsten Grase bestandenen Prairien konnten der Viehzucht in hohem Grade förderlich sein. Sehr wichtig für das Gedeihen der ersten Grenzcolonien im Westen war der Mais, das indianische Korn; ja, ohne diese Frucht hätten, wie Berichts aus jener Zeit behaupten, die Grenzcolonien gar nicht gehalten werden können. Die Leichtigkeit, mit welchter der Mais auch in geringerem Boden fortkommt, die geringen Vorbereitungen, deren der Boden bedarf, die Schnelligkeit des Reifens, sein Körnerreichthum — alles vereinigte sich, um den Mais als eines der Hauptnahrungsmittel in so unruhigen Grenzländern erscheinen zu lassen. Außerdem erwies sich diese Getreideart als den Witterungs- einflüssen nur sehr schwer zugänglich. Die ganze Einwohnerschaft einer Ansiedelung konnte die Ernte, arbeiten liegen lassen, wenn sich vielleicht ein Streifzug gegen die Indianer nothwendig machte; das reife Korn blieb wohlbehalten auf dem Halme, man konnte es unter Umständen sogar den Winter hindurch darauf stehen lassen. E« wuchs nicht aus und selbst Schneestürme vermochten diesem wetterfesten Getreide keinen Schaden zu thun. Die reifen Maiskörner ließen sich hierbei in sehr verschiedener Gestalt zur Nahrung zubereiten; sie schmeckten gekocht und geröstet, gerieben, eingequollen, gemahlen — kurz in jeder Form. Etwas ganz besonders ausgezeichnetes war der „Musch" oder „Pone", der Maiskuchen, der mit Milch ebenso gut schmeckte, als mit Syrup, Honig oder Butter — nun der Maiskuchen nimmt ja auch heute noch einen Ehrenplatz rn der Hinterwäldlerischen Kochkunst ein. Natürlich hat der Mais all' diese seine vortrefflichen Eigenschaften bis heutigen Tages behalten, aber den damaligen Hinterwäldlern kamen dieselben eben in besonderem Maße zu Gute. Die Belustigungen der Urgrenz Colonisten ent- sprachen durchaus der ganzen rauhen Lebensweise. Büchsenschießen nach Scheiben, Tomahawkwerfen — wenn man eben die Hinterwäldler-Axt mit dem indianischen Kriegsbeil vergleichen kann — das Ein- fangen der wilden Pferde und die Jagd bildeten die Hauptvergnügungen der Ansiedler. Ungeachtet ihres rauhen Sinnes liebten aber diese wild-trotzigen Gesellen die Musik außerordentlich; viele von ihnen verstanden das Waldhorn oder die Flöte zu blasen und wenn sich einmal ein Geiger oder ein Ziehharmonika-Künstler unter dies Völklein verirrte, so mußte er oft wochenlang in den Ansiedlungen bleiben und er konnte sicher sein, immer einen Kreis dank- barer Zuhörer um sich zu haben. Die wilden Sitten der Männer spiegelten sich auch schon in der Knabenwelt wieder; namentlich gab es amüsante Scenen, wenn ein Schullehrer aus den östlichen Staaten nach den Wildnissen des Westens verschlagen wurde. Im allgemeinen waren die hinterwäldlerischen Jungm, unter denen es oft Burschen von 16 und noch mehr Jahren gab, gute und willige Schüler; kamen doch manchs von ihnen stundenweit nach dem Blockhause, das gewöhnlich als Schulgebäude diente, geritten, um noch etwas von der edlen Kunst des A-B-C zu profitiren. Aber die Leutchen wollten dafür auch einmal eine Ab- wechslung haben und dieselbe brachte regelmäßig die Weihnachtszeit. Es gab da immer eine Woche lang Ferien, aber die Knaben verfuhren hierbei nach echter Hinterwäldler-Manier. Die Ferien durften nicht freiwillig gegeben, sondern sie mußten genommen werden, die Knaben durften sie nicht als etwas erhalten, was sich von selbst versteht, sondern sie mußten sich die Ferien erkämpfen. Dies geschah meist in folgender Weise. Die Knaben gingen an dem Tage, an welchem die Ferien beginnen sollten, ganz zeitig in das Schulgebäude, zündeten darin große Feuer an und trieben den Schullehrer, dem das Schulblockhaus natürlich gleich auch als Wohnung diente, hinaus. Ec verlangte nun von außen in drohendem Tone, wieder Hineingelaffen zu werden, aber die jugendlichen Insurgenten weigerten sich, dies anders als auf ihre Bedingungen hin — ein Schulfest und eine Woche Ferien — zu thun. Schließlich bekam der Lehrer und Herr der Hauses eine Partei auf seiner Seite und von jeder Partei wurden Gesandte mit Vollmachten zum Unterhandeln abgesendet. — Wenn der Lehrer sich zu keinen Bedingungen herbeilaffen wollte und sich weigerte, den Friedens- vsrtrag zu unterzeichnen, so ward er von den wilden Jungen ergriffen und nach irgend einer in der Nähe befindlichen Quelle geschleppt, wo man den hartnäckigen Schulwonarchen richtig taufte; weiter trieb die hinterwäldlerische Schuljugend ihren Uebernuuh nie- Sobald der Lehrer nachgab, ward ein Eilbote abge- sendet, um allerhand Lebensmittel und besonders auch Getränke herbeizuschaffen und die kurze Friedenszeit weihten Lehrer und Schüler mit einem gemeinsamen Versöhnungsfeste ein. Nach der Weihnachtspause fanden sich die Knaben pünktlich wieder im Schulhause ein und wie sehr sie auch dann und wann von ihren Büchern durch andere Dinge abgezogen werden mochten, so hatten sie doch, soweit die Schul: selbst in Frage kam, außer der auf die Weise „er- oberten" Woche keine Ferien. Daß jeder neue Ankömmling, namentlich wenn er Büchse und Axt gut zu führen verstand, in den westlichen Ansiedlungen hochwillkommen war, mußte bei den Zuständen wie sie damals, also in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts, jenseits de» Mississippi herrschten, nur begreiflich erscheinen. Der Ansiedelungen, in denen sich eine größere Anzahl von Familien zusammen niedergelaffen hatte, gab e» nur wenige; war es doch ein eigenthümlicher Zug der Hinterwäldler sich beim Gründen einer Farm nicht allzunahe bei den schon in der Gegend Wohnenden niederzulaffen. Meist war der Ansiedler auf sich selbst und seine Familie angewiesen und die 548 nächsten „Nachbarn" wohnten oft meilenweit; er konnte daher jede „neue Hand" wohl brauchen, sei es zum Bestellen der sich jedes Jahr mehr aus- dehnenden Felder, zum „Klären" des Urwaldes, sei es als Begleiter auf Jagdzügen oder zur Unterstützung geg-n die Indianer. Hatte aber der An- kömmling Weib und Kind bei sich und wollte er sich auf eigenem Grund und Boden niederlaffen, da konnnte es keine getreueren, hilfsbereiteren Nachbarn geben, als die Hinterwäldler. Sie versammelten sich aus der ganzen Runde an einem Tage an den schon vorher zum Bau des Blockhauses für die neue Familie bestimmten Platze und in ein paar Stunden stand dasselbe durch vereintes Jneinandergreifen aller Kräfte fix und fertig da. Nachdem dies geschehen, brachte jeder irgend eine Gabe für die junge Wirth- schüft dar, der eine spendete ein paar Schweine, der andere eine Anzahl Federvieh, der dritte Maiskorn zur Aussaat und so ging es fort. Es war überhaupt der Stolz der Hinterwäldler, nachbarlich und gefällig zu fein, ohne daß sie es doch liebten, einander auf dem Halse zu hocken. Familien, welche durch die Wildniß reisten, bedeckten, wenn sie ihre Nachtlager abbrachen, den glimmenden Rest ihres Feuers so, daß es durch die nach ihnen Kommenden mit leichter Mühe wieder angezündet werden konnte. Verlor von zwei Jägern im Walde der eine sein Mesier oder seine Munition, so zerbrach sein Kamrad die Klinge des eigenen Mesiers, oder durchfchnitt seine Bleistange, oder theilte sein Pulver, um dem Kameraden die Hälfte der Klinge, seines Bleivor- raches, feines Pulvers zu geben. Ward ein Ansiedler krank und konnte er deshalb feine Felder nicht bestellen, so wurden Tage bestimmt, an welchen die nächstwohnenden Farmer zusammenkamen, die Arbeit des kranken Nachbars unter sich theilten, für ihn pflügten und eggten oder feine Ernte einbrachten, sein Holz holten, seinen Haushalt mit Fleisch u. s. w. versorgten und darauf sahen, daß er ordentlich Pflege und Aufwartung hatte. Gewiß wird man noch heute in manchen Gegenden des amerikanischen Westens Züge freundnachbarlichen Zusammenwirkens finden, aber schwerlich mehr in einem so weitgehenden Maße, wie bei den ersten Hinterwäldlern und das ist schon dadurch erklärlich, daß damals die Ansiedler eben viel weiter auseinander wohnten und einander in Nothfällen geradezu gegenseitig Hilfe leisten mußten. In der Jetztzeit haben sich die Ansiedelungen im Westen verdoppelt, verdreifacht, verzehnfacht, aus einer einzigen Blockhütte mit ihren wenigen Bewohnern ist oft ein kleines Städtchen mit entsprechender Bevölkerungszahl geworden und da haben es dann die Ansiedler freilich nicht mehr nöthig, in Allem und Jedem zusammenzuhalten. Einem alten Squatter vom Anfänge dieses Jahrhunderts würde die Situation auch sehr seltsam vorkommen, wenn er heute die Gebiete von Arkansas und Missouri, von Mississippi oder gar von Tenneffen und Kentucki — wurden ja letztere beiden Staaten vor etwa fünfzig Jahren noch mit zum Westen gerechnet — durchstreifen könnte. Während er damals oft viele Meilen wandern konnte, ehe er an eine Halbwegs größere Ansiedelung kam und während auch die einzelnen Blockhütten oft meilenweit auseinander lagen, würde er jetzt — um uns seiner vermuthlichen Ausdrucksweise zu bedienen, — in jedem Augenblick mit der Nase an ein Fenz gestoben und ein so dichtes Nebeneinanderwohnen der Menschen wäre den Hinterwäldlern von anno dazumal ein Gräuel gewesen. Und der biedere Squatter würde jedenfalls noch so manches Andere unangenehm verändert finden, besonders aber die Jagd. Brauchte man doch vor fünfzig, fechszig Jahren in Arkansas oder Misiouri früh blos ein wenig vor seine Hütte zu gehen, wenn man zum Frühstück noch einen feisten Truthahn schießen wollte. Hirsche gab es in Hülle und Fülle und was die Bären anbelangt, so brauchte man nach ihnen gerade auch nicht tagelang zu rennen und auch an Panthern und ähnlichem Raubzeug war kein Mangel. Heute ist in dm Staaten unmittelbar links und rechts vom Mississippi das höhere Jagd- und Raubgtthier so ziemlich ausgerottet und wer sich etwa das Vergnügen machen wollte, in den Dickichten von Arkansas auf Bären pirschen zu gehen, der könnte lange Herumlaufen, ehe er eines der schwarzen Burschen überhaupt ansichtig werden würde. Der Unterschied zwischen Sonst und Jetzt in den Verhältnisien des Westens macht sich aber schließlich auch nach einer Seite bemerkbar, bei der die Gegenwart unläugbar im Vortheil ist. Noch zu Anfang dieses Jahrhunderts dehnten die Männer der rothen Raffe ihre Raub- und Streifzüge bis weit nach Virginien hinein und in den damaligen Grenzdistricten mußten sowohl die Bewohner der in den Urwäldern einzeln zerstreuten Blockhäuser, als auch der größeren Niederlaffungen stets auf dem „Qui vive?“ gegen- über dem Indianer fein und wirklich erschütternde Scenen wiffen die Berichte aus dem damaligen Erenzkriege mit den Indianern zu berichten. Das ist heute auch wesentlich anders geworden; je weiter der rothe Mann von der unaufhaltsam. vorwärts stürmenden Civilisation nach Westen zurückgedrängt wurde, desto geringer wurde auch die Offensivkraft des ersteren und Gefahren räuberischer Ueberfälle seitens der Indianer bestehen heutzutage eigentlich nur noch für die Ansiedelungen in den entlegenen Grenzgebieten von Neu-Mcxico und Arizona. Der Farmer von Arkansas aber kann sich ruhig zu Bett legen, ohne befürchten zu müssen, daß er, wie seine Vorfahren, durch das Kriegsgeschrei der Rothhäute aus dem Schlafe geschreckt wird und wenn sich einmal ein Indianer in den dortigen Niederlassung blicken läßt, so ist es höchsten» ein verkommenes nach Feuerwaffe lüsternes Individuum der rothen Raffe. Redaktion: N, Echeyda. — Druck und Verlag der Brühl'sche« Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.