Kieken er Jamilienbläüer Nr. 8. «8M0SSSSS Belletristisches Beiblatt zum Gießener Anzeiger. Dienstag den 19. Januar. 18'6. «M7N! Il'iIIWIH IIII88581 Gin Spiet des Zufalls. Roman in drei Bänden von Ewald August König. (Fortsetzung). „Nun, ich muß es Dir überlaffen, so zu handeln, wie Du es den Verhältnissen angemessen findest", sagte er nach einigem Nachdenken. „Habe ich später den Schlüssel nicht, so muß ich die Caffette mit Gewalt zertrümmern, es könnten mir nur aus dem Fehlen des Schlüssels bei der Zollrevision in Paris Unannehmlichkeiten erwachsen." „Wenn ich Dir den Abdruck verschaffen kann, soll es geschehen. Wie aber ist es mit dem Briefe, den Du an Dora schreibst? Fürchtest Du nicht, daß Deine Handschrift erkannt werden könnte? Wenn Dora morgen den anonymen Schreiber an dem bezeichneten Orte nicht findet und dann später den Einbruch entdeckt, so wird sie sogleich errathen, daß der Schreiber dieses Briefes sie aus ihrer Wohnung fortgelockt hat, um den Einbruch zu verüben." „Nein, sie wird meine Handschrift nicht erkennen", erwiderte Sonnenberg zuversichtlich. „Sie mag darüber denken, wie sie will, beweisen kann man mir nichts, und das ist die Hauptsache." „Du bist Deiner Sache sehr sicher!" „Weil ich es weiß, daß ich es sein darf." „Und wenn Du in Paris angekommen bist, wirst Du mir schreiben?" „In den ersten Tagen", nickte er. „Nicht unter Deiner Adresse, denn es ist ja besser, daß Dora nichts davon erfährt; ich schicke den Brief Post restante, Du kannst ihn dann abholen." „Ja, es ist besser so", erwiderte sie. „Ich werde Dora nicht sagen dürfen, daß ich Dir nach Paris folge.' „So brich einen Streit mit ihr vom Zaune und reise ab, das Ziel Deiner Reise brauchst Du ihr unter keinen Umständen zu nennen." „Ich will das schon besorgen, wenn wir glücklich so weit gekommen sind", sagte Ernestine, starr vor sich hinblickend, während Sonnenberg vornehm nachlässig mit seinem Lorgnon spielte. „Ich fürchte nur, daß wir nicht so weit kommen werden!" „Und worauf willst Du Deine Befürchtungen gründen?" „Ich weiß es selbst nicht. Dein Plan flößt mir immerhin Vertrauen ein, aber gefährlich bleibt das Unternehmen darum doch. Und wenn's anders endete, wie Du erwartest, dann wäre für Dich Alles verloren, Theo. Nicht allein für jetzt, sondern auch für später." Er hatte sich erhoben, er ging in dem eleganten Gemach einmal auf und ab, dann blieb er vor dem Schreibtisch Dora's stehen. „Muth muß man haben", sagte er, „wenn man gewinnen will, muß man auch wagen können. Und wenn die Sache ein unglückliches Ende nähme, was ja kaum zu erwarten ist? Ich müßte dann freilich einige Jahre vom Schauplatze verschwinden, aber — na, Du wirst ja selber einsehen, daß dieses Hungerleider-Dasein nichts Verlockendes hat! Alle meine Bemühungen, ihm durch eine reiche Heirath ein Ende zu machen, sind gescheitert, ich muß es nun auf einem anderen Wege versuchen." „Wenn es nur ein minder gefährlicher Weg wäre!" erwiderte sie mit einem schweren Seufzer. „Freudiger wollte ich Dir meine Hülfe leisten und muthiger in die Zukunft blicken —" „Mache Dir keine unnützen Sorgen", unterbrach er sie; „Du hast ja mit diesem Unternehmen nichts zu schaffen, schlägt es fehl, so trage ich allein die Folgen. Und noch Eins: Kannst Du mir morgen Nachmittag durch irgend ein Zeichen zu verstehen geben, daß hier Alles ausgeflogen ist? Es müßte ein Zeichen sein, das ich von der Straße aus sehen kann." „Ich kann's. Das letzte Fenster dieser Etage an der Straßenseite gehört zu meinem Schlafzimmer, gieb Acht, ob morgen Nachmittag die Gardine niederhängt oder ob sie zurückgeschlagen ist. Wenn das Erstere der Fall ist, so findest Du hier Niemand." „Gut, das genügt, es ist ein Zeichen, das später keinen Verdacht wecken kann, weil Niemand es bemerken wird. Ich vertraue darauf, daß es Deiner Klugheit gelingen wird, die Magd unverdächtiger Weise zu entfernen, für den günstigen Erfolg bangt mir dann nicht. Und nun will ich gehen, wir haben Alles zur Genüge besprochen, sollten wir uns hier nicht wiedersehen, so hoffe ich auf ein baldiges, frohes Zusammentreffen in Paris. Sie hielt die Hand, die er ihr zum Abschied bot, fest in der ihrigen, ihr Blick, der fest auf seinem Antlitz ruhte, schien seine geheimsten Gedanken erforschen zu wollen. „Dora sprach wieder von der grauen Dame, die wir im Theater sahen", sagte sie mit gedämpfter Stimme; „ich kann mich der Vermuthung nicht erwehren, daß sie einen entsetzlichen Verdacht hegt, einen Verdacht, den ich nicht auszufprechen wage." ao „Unsinn!" erwiderte er achselzuckend, aber ihrem lcharf beobachtenden Blick konnte es nicht entgehen, daß trotz seiner scheinbaren Gleichgültigkeit sein . Antlitz bleicher geworden war. „Du kanntest jene Frau wirklich nicht ?" fragte sie. „Nein", antwortete er rauh, „wie oft soll ich es wiederholen?" „Kann nichts geschehen, um jenen Verdacht zu widerlegen?" 8 „Wozu? Wenn ich diesen Versuch machen wollte, wurde ich nicht gerade dadurch Verdacht' auf mich lenken! Und was geht denn mich diese Geschichte an? ^ch kann den Gedanken Anderer nicht gebieten und ich frage auch wenig darnach." „Vielleicht Hütte Dir Dora ihr Jawort gegeben, wenn jene Frau nicht so plötzlich gestorben wäre." „Pah, das weiß ich besser. Zwischen uns Beiden steyt Dornberg, Dora wird ihm ihre Liebe bewahren fo lange sie leN, ich habe das leider zu spät er- tannt." Sie waren auf den Corridor hinausgetreten, Ernesune schob den Riegel an der Glasthüre zurück „Ueberlege es Dir noch einmal", flüsterte sie,' „und wenn Du Deiner Sache nicht vollständig sicher oist, so rathe ich Dir dringend, auf das Unternehmen zu verzichten." „Wäre ich nicht sicher, so würde ich den Plan nicht entworfen haben", erwiderte er ebenso leise. „Nur Muth, und vor allen Dingen verliere morgen die Geistesgegenwart nicht, wenn die Geschichte entdeckt wird." ,, ging er hinaus, und Ernestine, die nun die Thure nicht verriegelte, kehrte in den Salon zuruck. Es war die höchste Zeit gewesen, daß Sonnen- berg sich entfernt hatte, schon sehr bald nachher yorte Ernestine Geräusch in der Küche, die alte Magd mußte bereits zurückgekehrt sein. Die Heimkehr Dora's ließ noch ziemlich lange auf sich warten; der Rolle getreu, die sie spielen wollte,^ fragte auch Ernestine jetzt nicht, sie vertraute darauf, daß Dora das Bedürfniß fühlen werde, l^’, Ersten beschäftigte, auszuplaudern. ... U"d in diesem Vertrauen sollte sie sich nicht getauscht sehen. — o während des Abendessens theilte Dora ihr den Inhalt des anonymen Briefes mit, Ernestine be- mv^r.e Je^r ^?hl, ^“6 ihr Mienenspiel bei dieser ^tittherlung sehr scharf beobachtet wurde; Dora zu tauschen und ihre Gedanken ihr zu verbergen, machte ihr keine Muhe. Sie äußerte Anfangs Zweifel, erst als sie ver- nahm, daß der Doktor Kirchner gerathen hatte, den Brief zu beantworten und eine angemessene Summe anzudieken, ging sie näher auf den Inhalt des Schreibens em, und ihre Zweifel und Bedenken schienen letzt allmälig zu schwinden. Die Antwort ward geschrieben und der Post übergeben, das Weitere mußte man nun abwarten. Bis in die Nacht hinein sprach Dora mit ihrer Eesellfchaflerin nur über die Vermuthungen, die sich für sie an jenen Brief knüpften, ohne indeß einen Namen zu nennen, Ernestine kam jetzt ihren Wünschen und Hoffnungen entgegen, und es schien fast, als ob das alte freundschaftliche Verhältniß zwischen den Beiden sich wieder anbahnen wolle. Für diese Vermuthungen sprach auch die Herzlichkeit, mit der sie einander gute Nacht wünschten, als sie endlich sich trennten, um sich zur Ruhe zu begeben und selbst am anderen Morgen beim Frühstück herrschte dieser warme Ton noch immer. Ernestine wollte gleich nach dem Frühstück ausgehen, sie mußte sich ja um eine andere Stelle bemühen und wenn auch Dora meinte, es habe damit keine Eile, so that sie doch nichts, um die Freundin zurückzuhalten und wieder an ihre Person zu fesseln. Der Bruch war einmal da und es schien Beiden einzuleuchten, daß nun auch die Trennung das Beste sei. Als Ernestine das Haus verlassen hatte, holte Dora den anonymen Brief noch einmal hervor, um ihn abermals zu lesen. Wenn der Schreiber wirklich die überzeugenden Beweise besaß, die er ihr anbot, dann durfte sie mit ziemlicher Sicherheit erwarten, daß sie dieselben noch im Laufe des Tages empfangen würde. Und dann mußte Gustav morgen schon aus der Haft entlassen werden. Welcher Triumph für sie, wenn sie am Arme des geliebten Mannes ihren Verwandten gegenüber» treten und ihnen beweisen konnte, daß all' ihr Jntriguiren vergeblich gewesen war! Und wie viel größer und glänzender war dieser Triumph, wenn es sich herausstellte, daß der Advokat Kirchner mit seinen Vermuthungen Recht gehabt und Reichert selbst den Diebstahl begangen hatte. Fränzchen und der Oberst wußten von diesem Brief noch nichts, der Doktor hatte sie gebeten, ihm öiefe Benachrichtigung zu überlassen, die Zeit war doch auch gestern Abend zu kurz gewesen. In Sinnen versunken, bemerkte Dora den Eintritt der alten Magd nicht eher, bis die rauhe, knarrende Stimme Katharine'S sie aus ihrem Brüten aufschreckte. „Jetzt haben wir Beide, gnädige Frau!" sagte die Alte in triumphirendem Tone, „Sie werden erstaunen, wenn Sie erfahren, was ich weiß." „Dann heraus mit der Sprache" antwortete Dora erwartungsvoll, die sehr wohl wußte, daß Katharine kein Wort unnölhig sprach und auch nur Das behauptete, was sie beweisen konnte. „Heute soll hier eingebrochen werden!" „Hier? Eingebrochen?" fragte Dora erschreckt. „Heute Nachmittag um drei Uhr", nickte die Magd mit einer Miene, die deutlich erkennen ließ, vie sehr sie sich in diesem Augenblicke ihres Werthes bewußt war. „Sie werden nach zwölf Uhr einen ^rief empfangen, in dem man Ihnen einen Ort bezeichnet, wo Sie präeise drei Uhr erwartet werden. Sie sollen dort die Beweise empfangen, die Sie erwarten, und Sie dürfen nur Ihre Gesellschafterin 31 dahin mitbringen. Madame Hennig wird noch vor Ankunft dieses Briefes heimkommen und Ihnen klar machen, daß ich um drei Uhr einen Ausgang zu besorgen habe. Dann ist also Niemand hier, wenn der Schuft kommt." „Aber woher weißt Du das Alles?" fragte Dora mit wachsender Bestürzung. „Na, ich habe gehorcht! Den Corridorschlüssel hat er schon und die Gardine am Schlafzimmer der Madame Hennig soll ihm als Zeichen dienen, daß hier die Luft rein ist." „Er — ihm — wer ist dieser Er?" „Herr Sonnenberg!" Dora war von ihrem Sitz aufgesprungen, sie mußte gewaltsam an sich halten, um den Ausdruck der Entrüstung zurückzudrängen, der ihr schon auf den Lippen schwebte. „Ernestine auch bei diesem Verbrechen die Verbündete des Elenden", sagte sie mit bebender Stimme. „Worauf haben sie es abgesehen?" „Auf die eiserne Cassette dort in dem Schränkchen. — Sonnenberg meinte, das Schloß an dem Schränkchen sei leicht zu erbrechen und die Caffelte werde schon auf dem Wege nach Paris sein, wenn Sie bei Ihrer Heimkehr den Diebstahl entdeckten. Er i)t überzeugt, daß auf ihn und Madame Hennig kein Verdacht fallen kann, wenn es aber dennoch geschähe, dann würde man bei ihm und in seiner Wohnung nichts finden. Und damit es so aussieht, als ob irgend ein Strolch die That verübt habe, will er eine alte Mütze und ein zerriflenes baumwollenes Taschentuch hier zurücklassen. Sie sehen, es ist Alles ganz vortrefflich überlegt." Dora hatte das Zimmer einigemal mit großen Schritten durchmessen; jetzt blieb sie stehen, Entrüstung sprach aus jedem Zuge ihres schönen, bleichen Gerichts. „Wie hast Du es nur fertig gebracht, das Alles so genau zu erfahren?" fragte sie, ohne den leisesten Zweifel an die Wahrheit dieser Miltheilungen zu setzen." „Es war gefährlich, gnädige Frau", erwiderte Katharine, während |ie die Bänder ihrer Küchenschürze auf- und wieder zuknöpfte. „Ich glaube, es wäre mir an's Leben gegangen, wenn sie mich in meinem Versteck enideckt hätten. Es war mir gleich sonderbar, als ich gestern Abend mit Ihnen zugleich ausgehen sollte; ich dachte sofort, Madame Hennig warte da wieder auf Sonnenberg, sie konnten dies ja gestern Morgen verabredet haben. Und mochten Sie auch noch so böse werden, weil ich Ihren Befehl nicht ausfühlte, ich wollte die Wohnung nicht verlassen. Madame Hennig mochte das meinetwegen entdecken, an ihrem Zorne lag mir nichts. Ich that also, als ob ich hinausginge, und schlich mich auf den Strümpfen in Ihr Schlafzimmer. Fand die Zusammenkunft im Boudoir statt, so war ich ganz in der Nähe, weil das Boudoir daneben liegt, geschah sie im Salon, so konnte ich mich in’5 Boudoir schleichen und dort hinter der Portwre horchen. Ich brauchte nicht lange zu warten, bis ich die Schelle hörte. Gleich darauf kamen die Beiden in's Boudoir und setzten sich mir so nahe, daß ich jedes Wort verstehen konnte." „Und Madame Hennig hat davon nichts bemerkt?" „Sie hat keine Ahnung, daß ich Alles weiß." Dora war an's Fenster getreten, sie blickte sinnend hinaus. Fortsetzung folgt. Mach yoßem Ziel. Novelle von Moritz Lilie. (Fortsetzung.) Auf der Veranda saß unter dem dunklen Laub- dache eine kleine Gesellschaft, aus zwei Herren und zwei Damen bestehend. Es war der Baron mit seiner Frau und Tochter und der Legationssekretär Alfred von Sohr, welcher einen kleinen Ausflug unternommen hatte, um — was in der letzten Zeit öfter vorgekommen war — die Familie Eschenheim zu besuchen. Die beiden Damen nippten von Zeit zu Zeit von der vor ihnen stehenden, kühlenden Limonade, während die Herren, und besonders der Baron dem goldenen Rheinweine fleißig zusprachen. Herr von Eschenheim war ein kleiner, ältlicher Mann mit einer mächtigen Glatze, röthlichem, stark ins Grau spielendem Backenbart und gleichfarbigem Haar, das sich freilich nur noch an den Schläfen und am Hinterkopfe vorfand. Das stark geröthete Gesicht und vor Allem die blauroth angehauchte Nase, ließen die Vorliebe des Barons für den edlen Rebensaft erkennen, und die im Verhältniß zu seiner Größe auffallende Wohlbeleibtheit deutete darauf hin, daß er auch den sonstigen culinarischen Genüssen nicht abhold sei. Seine Gattin dagegen überragte ihn fast um Kopfeslänge, und der kalte, strenge Ausdruck ihres Antlitzes contrastirte seltsam mit den behäbigen Zügen des Barons, die Genußsucht und eine gewiffe hausbackene Oberflächlichkeit verriethen. „Auf dauernde Freundschaft, Herr Legationssekretär!" rief der Baron launig aus, die beiden Gläser füllend und mit seinem Gaste anstoßend. „Es ist wirklich recht liebenswürdig von Ihnen, daß Sie uns zuweilen in unserer Einsiedelei aufsuchen und uns die Langeweile vertreiben helfen. Aber Sie haben auch lange genug auf sich warten lassen, ehe Sie uns die Ehre Ihres Besuches vergönnten, und erst seit kurzer Zeit gewähren Sie uns die Freude, Sie öfter hier zu sehen." „Meine Verufsgeschäste lassen mir nur sehr 32 wenig Zeit übrig, so wenig, daß ich sogar zuweilen gezwungen bin, die Pflichten der Höflichkeit zu verletzen", erwiderte Alfred, sich leicht verbeugend. Erst jetzt ist es in der Politik etwas still geworden, und man hat mir endlich meine Bitte um einen mehrwöchentlichen Urlaub gewährt." „Dann hoffe ich nur, daß Sie einen recht ansehnlichen Theil Ihrer Ferien bei uns zubringen, Sie und Herr von Brehmer sind ohnedies _ die Einzigen, die uns von den vielen in der Hauptstadt zurückgelaffenen Freunden treu geblieben sind", sagte der Hausherr, dem jungen Manne seine kleine, fette Hand reichend. „Herr von Brehmer besucht Sie auch zuweilen?" fragte der angehende Diplomat, und die Hast, mit welcher er dies that, verrieth, daß er ein mehr als gewöhnliches Jntereffe dabei habe. „Er behauptet, noch nirgends ein so gutes Glas Wein getrunken zu haben, als bei uns, vielleicht verdanken wir diesem Umstands das Vergnügen, den Herrn öfter in unserem Hause begrüßen zu können", mischte sich jetzt die Baronin ins Gespräch, und der spöttische Zug, welcher sich um die schmalen Lippen legte, bewies deutlich, daß der junge Mann, von welchem die Rede war, keineswegs ihre Sympathieen besaß. „Auf einen guten Trunk halte ich, und es kommt mir dabei auch nicht auf den Preis an", versicherte der alte Herr. „Brehmer ist ein Kenner guter Weine, er weiß meinen Keller zu schätzen, und das rechne ich ihm hoch an. Aber Du trinkst ja nicht, liebe Natalie, darf ich Dir nicht auch ein Gas einschenken?" Die Dame machte eine abwehrende Handbewegung. „Ich würde mich schon selbst bedient haben, wenn ich darnach Verlangen trüge," erwiderte sie kalt und ohne ihren Gatten anzublicken. „Seit jenem Unglückstage, wo wir durch die Ungeschicklichkeit unseres Kutschers fast das Leben eingebüßt hätten, haben sich meine Nerven noch nicht wieder beruhigt, und Dein schwerer Wein regt mich nur noch mehr auf. Selbst diese Limonade ist mir nicht einmal zuträglich, ich möchte mir bei meinem krankhaften Zustande Alles versagen — es ist wirklich recht traurig um meine Gesundheit bestellt." „Aber Du trinkst doch jeden Morgen zum Frühstück einige recht ansehnliche Glas Malaga —" Ein strafender Blick aus den Augen der Frau brachte den Baron zum Schweigen. „Mißgönnst Du mir auch noch diesen Genuß, den ich mir nur gewähre, um die erschlaffenden Lebensgeister einigermaßen anzuregen?" fragte sie heftig. „O, diese Gefühllosigkeit bringt mich vor der Zeit unter die Erde!" Sie lehnte sich seufzend in den Sessel zurück und bemühte sich ihrem Antlitz einen leidenden Ausdruck zu geben, während der Baron, ohne eine Spur von Theilnahme zu zeigen, abermals sein Glas füllte und auf einen Zug leerte. Dann drückte er auf den Knopf einer silbernen Glocke, die auf dem Tisch stand, und befahl dem herbeieilenden Diener die leeren Flaschen fortzu- - nehmen und gefüllte zu bringen. „Wie geht es dem Herrn von Rauschendorff, unserem heldenmüthigen Retter? fragte das junge Mädchen mit einer Stimme, so sanft und wohllautend, daß der üble Eindruck, welchen der kleine Zwist auf Alfred hervorgebracht hatte, sofort schwand. „Seit zwei Tagen sind wir nicht nach der Stadt gekommen, konnten uns also auch nicht nach seinem Befinden erkundigen." „Das Fieber hat nachgelaffen, aber er bedarf der größten Ruhe und Schonung", berichtete der Legationssekretär. „Aus diesem Grunde habe ich heute, bevor ich herausfuhr, auch nur wenige Minuten bei ihm zubringen können, denn der Arzt hat ihm das Sprechen auf's Strengste verboten." „Der arme, junge Mann!" rief Liesbeth im Tone wärmsten Mitgefühls, und in den herrlichen, tiefblauen Augen glänzten Thränenperlen, die reinen, unverfälschten Symbole inniger Menschenliebe. „Der Unfall ist auch für ihn noch ziemlich glücklich abgelaufen", beruhigte der junge Mann das Mädchen, „denn die Befürchtung eines Schädelbruches oder einer Gehirnerschütterung hat sich als unbegründet herausgestellt. Die freilich sehr schmerzhaften Fleischwunden an Kopf und Armen werden ihn zwar noch geraume Zeit ans Zimmer fesseln, aber keinen bleibenden Nachtheil zurücklassen." „Nie werde ich den furchtbaren Augenblick vergessen, als durch ein von einem vorüberfahrenden Wagen herabrollendes Faß scheu gemacht, unsere Pferde hoch emporbäumten und dann wie rasend davonjagten", erzählte Liesbeth leise, und die Erinnerung an jene schwere Gefahr machte sie noch jetzt erzittern. „Der Kutscher versuchte mit aller Anstrengung die Thiere zu bändigen, aber ein gewaltiger Anprall an einen Laternenpfahl schleuderte ihn von seinem Sitze und überlieferte uns ganz in die Gewalt des Verhängnisses." Da sandte uns die Vorsehung in Ihrem Freunds den Retter in dem Momente, als wir bereits uns verloren glaubten, aber der edle Mann mußte seine Aufopferung theuer bezahlen, und wenig fehlte, so büßte er seine Nächstenliebe mit dem Tode. Dank den Heiligen, die meine heißen Gebete erhört haben und den hochherzigen Mann nicht ein Opfer seines Muthes werden ließen!" Und wie ein frommes Kind faltete das junge Mädchen die Hände, der feuchte Blick richtete sich nach oben, und die frischen Lippen bewegten sich leise: ein stilles, inbrünstiges Dankesopfer stieg zum Himmel empor. (Fortsetzung folgt). Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.