Hießener Zsamilienblätter. Belletristisches Beiblatt M» Meßmer AxMer. Nr. 110. Samstag den 18. September.1886. Saat und Ernte. Roman von Ewald August König. (Fortsetzung.) „Möglich ist es allerdings, daß er absichtlich Ihnen ausweichen wollte", sagte Rommel. „Aber ich begreife nicht, was ihn dazu veranlaflen konnte. Er hat den letzten Abschiedsgruß Salberg'» em« pfangen; er kennt das dunkle Geheimniß; Sie kennen es ebenfalls —" „Raum, ihr Herren, dem Flügelschlag einer freien Seele!" rief Maiwind. „Da kommt Anton mit dem Trunk der Labe; trinkt ihn aus und vergeßt den großen Schmerz!" Herr von Görlitz mischte den Grog; der Buchhalter griff hastig nach seinem Glase und schlürfte mit sichtbarem Behagen den heißen Trank. „Ob sie wohl kommen wird am Allerseelentag ?" brummte er, mit sich selbst redend. „O, wer weiß, was in der Zeiten Hindergrund schlummert!" „Werden Sie nur nicht sentimental!" spottete Rommel. „Geduld, Geduld, wenn'- Herz auch bricht!" erwiderte Maiwind, tief aufseufzend. „Ich bitte, mich einige Minuten zu entschuldigen. „Hier vollend' ich's; es führt kein and'rer Weg nach Küßnacht!" 6t trank sein Glas und stürmte hinaus. „Da geht er hin und singt nicht mehr!" sagte der Referendar. „Wenn er nicht bald den Muth findet, das entscheidende Wort zu sprechen, dann werde ich mich wohl seiner erbarmen müssen!" „Ich glaube, Sie können ihm das ruhig über« lasten", erwiderte Herr von Görlitz. „Er ist ja sonst nicht blöde, und Hertha wird ihm keinen Korb geben. Aber kommen wir auf unser früheres Thema zurück! Oberst Johnson will also das Geheimniß kennen. Ist dies der Fall, dann kann es ihm nur brieflich mitgetheilt worden sein." „In dem Briefe, den Salberg vor seinem Ende an ihn geschrieben hat." „Nun wohl, stehst das fest, dann frage ich, welche Gründe zwingen den Oberst, da» Geheimniß zu wahren?" „Sein Ehrenwort!" „Wem will er es verpfändet haben? Dem Tobten, mit dem er seit Jahren nicht mehr zu« sammengekommen ist?" Der Referendar nahm seine Brille ab und reinigte ihre Gläser. „Das ist auch wieder ein dunkler Punkt, über den ich keinen Aufschluß erhalten kann", sagte er. „Er beruft sich auf sein Ehrenwort und weicht da« mit allen unangenehmen Fragen au». Noch seltsamer ist es, daß er die letzten Worte Salberg's kennt und ihnen eine schwerwiegende Bedeutung unterschiebt." „Und wie lauten diese Worte?" „Bor dem höchsten Richter wird Alle» klar!" Der Hauptmann blickte ihn starr an. „Das waren in der That die Worte, mit denen Hermann von Salberg von seinem Freunde Abschied nahm", sagte er erregt; „aber als er sie sprach, befanden nur zwei Personen sich in seiner Nähe, und der Oberst «ar nicht unter diesen." „Salberg kann mit ihnen seinen Brief an den Oberst geschloffen haben!" „Das wäre möglich." „Dann aber muß e» seltsam erscheinen, daß der Oberst sie in Wiesenthal auf den Grabstein schrieb und daß er sie dem Landrath Ackermann ins Haus schickte. Wissen Sie denn gar nicht, wo der Schlüssel gesucht werden könnte, der alle diese Räthsel löst?" „Sie werden wohl nie gelöst werden!" „Das ist mir schon oft gesagt worden,, daß ich e» endlich wohl glauben könnte, aber ich zweifle noch immer daran. Die Frucht fällt erst dann, wenn sie reif geworden ist, und so denke ich, auch diese Frucht wird zur Reife gelangen. Irre ich nicht, so habe ich gestern noch den Oberst gesehen —" „Wo?" „Im Theater; aber ehe ich Zeit und Gelegenheit fand, mich zu überzeugen, war er schon wieder verschwunden." „Ist das keine Täuschung gewesen, so haben wir hier abermals den Beweis gefunden, daß er absichtlich uns ausweicht. Frau Schirmer und Madame Ackermann erwarten schon seit Wochen seinen Besuch; er ist nicht gekommen „Aber er hat ihnen Aufschluß versprochen, sobald eine Aenderung in den gegenwärtigen Verhältnissen es ihm gestattet!" „Was heißt das? Es sind Redensarten, mit denen man peinlichen Fragen aus dem Wege geht, — Phrasen, bei denen man weiter Nicht» denkt. Was soll nun mit dem Gefangenen geschehen?" „Wir werden ihn morgen oder übermorgen noch einmal in» Verhör nehmen; die Behörden seiner Heimath haben ihn reklamirt, und wie e» scheint, ist ihm das sehr unangenehm. Der Oberförster wird 488 dann auch wohl hier sein, - na, was gemacht werden kann, wird gemacht!" Der Hauptmann trank langsam sein Glas aus und füllte die Gläser noch einmal. „Welchen Aufschluß sollte der Vagabund geben ' können?" sagte er, sinnend das Haupt wiegend. „Er weiß so wenig von jenem Geheimniß, wie der Oberförster, und ich kann nur wiederholen, daß Ihre Bemühungen fruchtlos bleiben werden. Und Alles in Allem genommen, kann ich nur wünschen, daß dieses dunkle Räthsel ungelöst bleiben möge, nicht in meinem Jnterefle, sondern im Interesse Derer, die mit dem Stabten verwandt oder befreundet waren. Ich sage Ihnen dasselbe, was in Wissenthal der Oberst Johnson Ihnen gesagt hat: Lassen Sie jenes Geheimniß ruhen und forschen Sie nach dieser Richtung nicht weiter." „Die Sache ist zu weit gediehen." „So glauben Sie, und diesem Glauben entspringt die Ueberzeugung, daß Sie Ihrem Ziel schon nahe seien; aber Sie werden sich getäuscht sehen. Nur zwei Personen können jenes Geheimniß kennen, und diese werden es niemals enthüllen. Sie waren gestern im Theater?" „So oft Signora Varlotti auftritt, werde ich —" „Ja, ja, sie hat einen treuen Verehrer an Ihnen!" sagte Herr von Görlitz lächelnd; „sie wird Ihnen auch in der Ferne noch ein recht freundliches Andenken bewahren." „Und Sie wollen uns diesen Stem wirklich entführen?" „Könnten Sie mir deshalb zürnen?" „Nicht doch! Das Unvermeidliche muß man mit Würde tragen; aber trauern werden wir doch, denn wir werden nimmer ihres Gleichen sehen. Und nur noch eine kurze Frist ist uns gegeben, dann muß sie fort, denn ihr Contrakt ist abgelaufen." „Und wie lange wird's dauern, daß man sie hier vergessen hat?" erwiderte der Hauptmann achselzuckend. „Ein Ersatz ist ja bereits gefunden, wie mir der Theaterdirektor heute Morgen sagte; er hatte sogar die Güte, hinzuzufügen, daß die neu engagirte Sängerin alle Herzen im Sturms erobern werde!" „Bah, was ist ihm Hekuba, was ist er ihr?" „Ebensowohl können Sie sagen: Was ist ein Name? Was uns Rose heißt; wie es auch hieße, würde lieblich duften. Ob die Sängerin nun Julia Barlotti oder anders heißt, was liegt daran, wenn sie nur die Hörer entzückt. Glauben Sie mir, gefällt die Nachfolgerin meiner Braut dem Publikum, dann wird Signora Barlotti rasch vergessen sein. Und meine Braut wünscht jetzt selbst, der Bühne Valet zu sagen; sie hat auch manchs bittere Erfahrungen machen müssen, für dis der Beifall der Menge sie nicht entschädigen kann!" „Ich kann das verstehen und begreifen", nickte der Referendar. „Das vielköpfige Ungeheuer, Publikum genannt, ist auch nicht immer mit meinen Theaterrecensionen zufrieden gewesen. Man kann's a nicht Allen recht machen!"-- „Ich hab's gewagt!" rief in diesem Augenblick der Buchhalter eintretend. „Geh' den Weibern zart entgegen, Du gewinnst sie auf mein Wort!" „Es ist die Möglichkeit!" sagte Rommel ihn er« wartungsvoll anblickend. „Sie haben wirklich den Muth gehabt?" „Muth? Bah, Muth zeiget auch der Mameluck!" „Und nun sind Sie verlobt?" „Ja, ich bin's, Du Unglückseliger, bin der Räuber Jaromir." „Daraus werde ich nicht klug", sagte Herr non Görlitz kopfschüttelnd. „Sie wollen doch nicht behaupten, daß Sie in dieser Stunde da unten Ihre Werbung angebracht haben?" „Gewiß!" nickte Maiwind. „Ich hab' gethan, was ich nicht lassen konnte. O, ich bin klug und weise und — allemal Derjenige, welcher 1", Mit leuchtendem Blicke empfing er die Glückwünsche seiner Freunde, und nachdem er auf bas Wohl seiner halben Braut ein volles Glas Grog getrunken hatte, schüttelte er im Uebermaß seines Glücks ihnen noch einmal die Hand. „Seid umschlungen, Millionen!" sagte er, aus tiefer Brust aufathmend. „Ich wollte endlich Gewißheit haben, und ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewußt. Ich ging hinunter unter dem Vorwande, meinen Paletot vergessen zu haben. , Hertha war allein im Speisezimmer, und da habe ich's gewagt." „Und Tante Lina?" fragte der Referendar. „Mama gab uns ihren Segen I Was hätte sie auch einwenden können? In einigen Wochen bin ich selbstständig; das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht aus den Ruinen! Mein Vater hat mir bereits das nöthige Kapital zur Verfügung gestellt und mein Associä ist schon eifrig mit den Vorbereitungen der Eröffnung unseres Hauses beschäftigt." „Fürchten Sie nicht, daß die Zeit zur Eröffnung eines neuen Geschäfts schlecht gewählt fein könne?" fragte Herr von Görlitz bedenklich. „Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß diese Schwindel- und Gründungsperiode ihrem Ende naht; Manches, was in dieser Zeit geschaffen würbe, wirb naturgemäß wieder zu Grunde gehen —" „Das eben ist der Fluch der bösen That!" unterbrach Maiwind ihn. „Ich aber fürchte diesen Fluch nicht. Wir, mein Associä und ich, gründen ein Colonialwaarengeschäft en gros; er wirb einkaufen, reifen und verkaufen, ich führe die Bücher und die Korrespondenz. Was man zum täglichen Leben bedarf, kann man immer und an jeder Thür verkaufen, denn aus Gemeinem ist der Mensch gemacht, und da mein Associä diesen Geschäftszweig von der Pike auf kennt, uns auch das nöthige ! Kapital in ausreichender Höhe zur Seite steht, so , dürfen wir wohl mit einigem Vertrauen in die i Zukunft blicken." 439 Maiwind nippte an seinem Glase und blickte sinnend vor sich hin, ein freudiges Lächeln umspielte seine Lippen und au« jedem Zug- seine« heiteren Gesicht« leuchtete da« Glück, da« seine Seele erfüllte. „Der Worte sind genug gewechselt, laßt mich auch endlich Thaten seh'n!" nahm er nach einer Weile den abgebrochenen Faden der Unterhaltung wieder auf. „Wenn sich Herz und Mund thut laben, muß der Magen auch 'was haben, ich schlage ein kleiner, opulente« Souper mit Sekt vor." „Kein übler Vorschlag!" erwiderte Rommel. „Wollen Sie da« Souper geben?" „Wir lassen da» Loos entscheiden, wer zahlen muß!" „Wie, wo und wann?" ,,Wa« Du thun willst, da« thue bald — morgen Abend im Russischen Hof; man speist dort ausgezeichnet." „Ohne Damen?" fragte Görlitz. „Wie Sie wollen! Ich denke, wir überlassen es den Damen, darüber zu entscheiden, ob sie sich be- theiligen wollen. Willst Du genau erfahren, wa» sich ziemt, so frage nur bei edlen Frauen an." „Einverstanden 1" nickte der Hauptmann und auch Rommel gab seine Zustimmung. „Gut, nun müssen wir noch feststellen, wer die Zeche zahlen soll", sagte Maiwind. „Haben Sie Spielkarten?" Herr von Görlitz erhob sich und trat mit der Lampe in der Hand an seinen Schreibtisch. „Besessen habe ich einmal ein Kartenspiel", erwiderte er, „aber ich weiß nicht, ob e« noch existirt." Der Buchhalter stand neben ihm, ein Schubfach nach dem andern wurde geöffnet, alte, vergilbte Papiere, getrocknete Blumen» Cotillonorden und andere Erinnerungen an vergangene Zeiten kamen zum Vorschein. „Halt, da ist ein Würfel", sagte Maiwind, „haben Sie noch einen zweiten?" „Nein", erwiderte der Hauptmann in einem so ernstem Tone, daß die Freunde ihn befremdet anblickten. „Ich wünsche auch nicht, daß dieser Würfel benutzt wird." „Nun, der eine genügt ja", sagte Maiwind nach einer kurzen Pause, während er den Würfel über den Tisch rollen ließ. „Jeder wirft zweimal, und wer die meisten Augen bekommt, muß da« Souper geben." „Topp!" nickte der Referendar. „Kommen Sie, Herr von Görlitz, dieser Würfel ist ja so gut, wie jeder andere —" „Und ich hätte jetzt schon verloren, denn ich habe zweimal nacheinander Sechs geworfen." Der Hauptmann hatte die Lampe wieder auf den Tisch gestellt, eine tiefe Furche zeigte sich zwischen seinen zusammengezogenen Brauen. „Ich gebe nicht gern Ihrem Willen nach", sagte er. „Wir können das Loos ja in anderer Weise entscheiden lassen." „Sieh' da, sieh' da, Timotheus, immer Sechs!" rief Maiwind überrascht. „Ich kann werfen, wie ich will, stets liegt die Sechs oben. Wer erklärt mir Oerindur, diesen Zwiespalt der Natur?" „Was sagen Sie da?" erwiderte der Hauptmann erregt, indem er hastig den Würfel aufhob. „Wenn's Wahrheit ist, dann muß der Würfel gefälscht sein", sagte der Referendar, das Resultat des Wurfs mit fieberhafter Spannung erwartend. „Wieder Sechs — und abermals Sechs!" „Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode!" brummte Maiwind. (Fortsetzung folgt.) Der Lootse. Eine Gtrandgeschichte. (Schluß). Er hatte Recht. Noch vergoldete zwar die untergehende Sonne die Fenster mit ihren röthlichen Strahlen, aber am südlichen Himmel zeigten sich bereit« die verhängnißvollen Federwolken, die sich mit Blitzschnelle verdichteten und wie ein wilde« Heer durch die Lüfte heranzogen. Da war für die Fischer, deren Äement die See, kein Bleiben« mehr; sie gingen nach dem Strande und Hansen instinktmäßig voran. Da« Meer ging bereits hoch. Die Wellen schlugen mit weißem Schaum prasselnd an die Dünen und verkündeten jenen furchtbaren Aufruhr, der sich im Canal so oft wiederholt. Kaum eine Viertelstunde später raste der Sturm in seiner vollen Kraft über die weite Wasserfläche hin und thürmte Wogenberge aufeinander. In der Ferne zeigte sich ein Schiff, dessen obere Segel bereit« gerefft, während die unteren in Bündel geknüpft waren. Der wilde Gesell der Lüfte, der in einer Secunde eine Strecke von hundert Fuß durcheilt, hatte die« Fahrzeug schon erreicht und warf e» wüthend hin und her. Der Steuermann hielt kräftig auf Nieuport, aber die Gewalt des Sturme« war zu groß, als daß fein Cour« unverändert hätte bleiben können. Das Schiff trieb gegen den Strand oberhalb Nieuport. „Da ist Gefahr im Anzuge", sprach Hansen ernst; „da« Fahrzeug ist eine Segelbarke vielleicht ein belgisches Marktschiff, da« von London kommt. E« muß etwas Besonderes damit passirt sein, denn ich sehe soeben, daß die Raaen heruntergenommen und die Masten gekappt werden. Die Barke schöpft Wasser; man wirft Packete aus. Menschen stehen am Steuerbord. Helf Gott! sie sind noch drei Viertelmeile vom Lande." Mit diesen Worten ging der Lootse, von einigen Männern gefolgt, an'S Ufer, um sein Boot loszumachen, obschon man ihn ermahnte, seiner zu schonen. „Halt!" rief plötzlich ein Fischer von der hohen Düne herab; „ich erkenne deutlich Veits Barke. Für den Hund rührt keinen Finger; mag er ersaufen und so den Lohn finden für seine Schändlichkeit. 44Ö Auch die Anderen stimmten in diese grollende — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) t« Gieße«. Redaktion; A. Scheyda. Abmahnung. , , t „Mit Nichten!" rief Hansen. „Gebietet mir das heilige Wort Gottes, daß ich soll Böser mit Bösem vergelten? Was habe ich für Verdienst, wenn dieser Unglückselige vor meinen Augen verdirbt? Und wenn ich ihn rette, so rette ich vielleicht seine Seele. Auch sind noch andere gute Leute an Bord, Väter vielleicht, deren Weiber und Kinder daheim ängstlich ihrer Wiederkehr harren. Ich muß hinüber!" „Willst Du Dein eigenes Leben auf'» Spiel setzen, Hansen? Die See wettert furchtbar I Niemand mag die Gefahr mit Dir theilen!" riefen die Fischer von allen Seiten. Der Lootse aber ließ sich nicht halten. „Ich will Gott dankbar sein, daß er mich errettet hat, indem ich Andere rette", sprach er und stieß allein vom Ufer, während einige von den Fischern ihm ängstlich nachschauten, andere nach Rettungs- seilen liefen, noch andere aber ihre Boote und Netze in Sicherheit brachten. Zum zweiten Male voll Angst, ihren väterlichen Beschützer zu verlieren, stand Röschen am Strande und verfolgte Hansens Boot mit den Augen. Dieser ruderte kräftig auf die Barke zu, sah aber mit Erstaunen, daß sie auf einer Seite lag und eine winzige Schaluppe mit nur zwei Menschen von rhr abftieß, während zehn bis zwölf Andere mit emporgestreckten Armen auf dem Schiffsrande standen und durch den heulenden Sturm um Hilfe schrieen. Jeden Augenblick drohten die empörten Wogen das Lootsenboot wie eine Nußschale zu begraben, aber Hansen fürchtete, obwohl ganz durchnäßt, dies Unglück weniger als die Wahrscheinlichkeit, daß alle Paffagiere sich auf sein Boot stürzen und e» durch ihre Schwere zum Sinken bringen würden. Halb ermattet erreichte er nach unsäglichen Anstrengungen da» Wrack und was er befürchtete geschah. Neun Paffagiere, wovon einer ein Kind auf dem Arme trug, warfen sich, aller Bitten und Drohungen ungeachtet, in sein Boot, und da er an Bord nur noch ein Weib und einen Knaben zaudernd und Hilfe flehend sah, so nahm er, voll Mitleid Alles aus's Spiel setzend, auch noch diese auf und wendete da» schwergefüllte Boot nach dem Strande. Der Kampf dieser Fahrt war entsetzlich. Zu der Angst vor dem jeden Augenblick drohenden Um- schlage des Bootes, gesellte sich die Kraftanstrengung, welche da» Fortbewegen der schweren Last, das Balanciren gegen Sturzwellen erforderte, die sein Vermögen fast überstieg. Ein einziges Wesen vom Ufer wagte sich, ange- sichts dieser Gefahr, hinein in den Kampf der Elemente: Röschen, welche, des Fischerhandwerks ge- wohnt, mit einem kleinen Kahne ihrem Pflegevater zu Hilfe eilte. Hansen die» sehend, erlitt doppelte Pein. Er erschrak zum Tode, als er eine riesige Welle über ihr Boot herfallen und es verschwinden sah. Aber Röschen arbeitete sich behend wieder empor und kam endlich dem Lootsen so nahe, daß sie vier von den Paffagieren aufnehmen konnte. Durch ein Seil mit einander verbunden, erreichten die Boote nach einer qualvollen Stunde den Strand. Die Geretteten fielen, als sie festen Boden erreicht hatten, nieder und umfaßten des Lootsen Knie. „Sind Alle gerettet?" frug dieser abwehrend. Ein Kaufmann aus Brügge bekundete, daß der Schiffseigner, Veit aus Nieuport, sich verrätherisch mit dem Steuermann gerettet, im letzten Augenblicke aber einen jungen Mann in die Kajüte gesperrt habe. Also ein unheimliches Verbrechen? Der Lootse warf sich trotz aller Abmahnungen und seiner Ermattung von Neuem in'» Boot und ruderte dem jetzt dem Strande näheren Wrack zu. Ec hatte dieses noch nicht erreicht, als ein Mensch hastig au» dem Schiffsraum heraufstieg und sich umschaute, in demselben Augenblicke wurde Hansen» Boot von einer Welle begraben; als e» wieder zum Vorschein kam, war es leer. Der Lootse, todesmatt tauchte langsam auf und ward auf den Wogen herumgeschleudert. Da stürzte sich der auf dem Wrack Befindliche in die Fluth, ergriff den Lootsen an den Haaren und schwamm mit ihm an'» User, da« er unter dem Jauchzen der geretteten Paffagiere und Fischer glücklich erreichte. Kaum ward Röschen des Retters ehre» Pflegevaters ansichtig, so stieß sie einen Schrei der Ueber- raschung aus. „Wilhelm!" schrieen die Fischer und umringten den jungen Mann, der den Lootsen in seinen Armen hielt. Dieser laute Ruf brachte den Alten wie mit einem Zauberschlage sein Bewußtsein zurück. Er schlug die Augen auf und richtete sich mit dem Kopfe mühsam empor. „Du bist mein Sohn!" stöhnte er und umfaßte seinen Retter mit beiden Armen. „Ich bin's", antwortete Wilhelm, „und komme aus Ostindien zurück, zeitig genug, um der Retter meines Vaters zu werden. Aber rasch, den Kranken ins Haus!" Ec hob mit einem Fischer seinen Vater sanft empor und trug ihn nach dem Dorfe. Röschen ging ihm zur Seite; die Paffagiere und Fischer felgten, von Rührung ergriffen. An dem bekränzten Erucifix fiel jene» Weib, das der Lootse mit dem Knaben zuletzt noch aufnahm, anbetend auf die Knie und der Lootse flüsterte mit Thränen: „Ich danke dir, daß du mich zum zweiten Male gerettet und glücklich gemacht hast!" Er genas bald, und als er von seinem wiedergekehrten Sohne vernahm, daß dieser nur ausgewandert, weil Röschen sich kalt gegen ihn gezeigt und er zu arm gewesen sei, um ihr etwa» bieten zu können, da wurde sein Glück vollkommen und er fügte die Hände der jungen Leute, die sich und bester verstanden, segnend in einander. , . m Von dem Schiffseigner Veit, der nach dem Vater auch den Sohn hatte zu Grunde richten wollen, indem er ihn halb erwürgt in die Kajüte warf, ward keine Spur mehr gefunden. Vermuthlich war er ertrunken.