Hießen» Zsamilienblättei. Sellekistischer Beiblatt ;um Gießener Anreiger. Samstag den 17. Juli. ‘ 1886. Saat und Ernte. Roman von Ewald Augnst König. (Fortsetzung.) ,,Nnd da Sie das Ende meines unglücklichen Neffen noch nicht kannten, so mußte diese Nachricht Sie begreiflicherweise überraschen", fuhr die alte Dame fort. „Daß ich darüber niemals gesprochen, auch meiner Nichte bisher die Wahrheit verheimlicht habe, werden Sie erklärlich finden, und wenn ich nun bitte, das Geheimniß einstweilen noch zu wahren —" „So dürfen Sie überzeugt sein, daß ich diese Bitte erfüllen werde, verehrte Frau. Ob aber auf die Dauer dieses Geheimniß gewahrt werden kann —" „Das ist freilich eine andere Frage, und ich glaube selbst, sie nicht bejahen zu dürfen. Meine Reise nach Wiesenthal, auf der Ludmilla mich begleiten wird, soll auch in der Hauptsache dazu dienen, meiner Nichte dieses Geheimniß zu offenbaren; am Grabe ihres Bruders werde ich ihr die Wahrheit enthüllen, und sie ist nun alt und verständig genug, um sie ertragen zu können. Nur Eins macht mir Sorge: der Umstand, daß ich die Gründe nicht kenne, die meinen Neffen zu dieser unseligen That getrieben haben; Ludmilla wird sie wissen wollen, und ich kann ihre Fragen nicht beworten." „Herr von Görlitz behauptet, diese Gründe zu kennen!" „So sagt er, aber er fügt auch hinzu, daß er sie nicht verrathcn dürfe. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll; aber da ich die Ueberzeugung gewonnen habe, daß Herr von Görlitz sein Schweigen nicht brechen will, so finde ich es nutzlos, weiter in ihn zu dringen." „Sie haben auch keine Bermuthung —" „Nein, nein; ich kann nur mit voller Bestimmtheit behaupten, daß man derzeit meinen Neffen Der# leumdete, als man das Gerücht verbreitete, er habe an der Spielbank in Wiesbaden sein Vermögen verspielt und in Folge deffen sich das Leben genommen." „Haben Sie nie an die Möglichkeit gedacht, daß hier ein Raubmord vorliegen könne?" „Nein." „Man hat damals bei der Leiche Nichts gefunden, weder eine Börse noch eine Uhr —" „Man fand das Portefeuille bei ihr; übrigens hatte mein Neffe Briefe hinterlassen, in denen er die Absicht, sich das Leben zu nehmen, mit dürren Worten aussprach." „Nichtsdestoweniger ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß er ermordet und beraubt wurde", sagte der Referendar mit leichtem Achselzucken. „Man hat die Leiche erst nach mehreren Tagen gefunden, und wie es scheint, gab man sich um Ermittelung und Feststellung der Sachlage keine sonderliche Mühe." „Die Sachlage war so klar, daß es keiner Nachforschungen bedurfte", erwiderte Tante Lina; „aus dem Inhalt des Portefeuilles ergab sich der Name des Todten —" „Dennoch hätte man nicht versäumen dürfen, dem Verbleib der Uhr und der übrigen Werthgegenstände ohne Verzug nachzuforfchen." „Sie sind Jurist, augenblicklich Criminalbeamter, da kann es nicht befremden, daß Sie hier ein Verbrechen wittern", sagte die alte Dame lächelnd; „und hätten Sie damals mir zur Seite gestanden, so würde ich vielleicht gerichtliche Nachforschungen beantragt haben." Der Referendar blickte einige Sekunden lang schweigend den Rauchwölkchen seiner Cigarre nach. „Wir haben den verhafteten Vagabund entlassen müssen, weil wir ihm Nichts beweisen konnten", erwiderte er nach einer Weile, „aber darum sind die Akten über ihn noch nicht geschloffen. Ich werde in einigen Tagen nach Wiesenthal reisen und keine Mühe scheuen, um mir Klarheit zu verschaffen; lieb wäre es mir, wenn Sie die Uhr und sonstige Ihrem Neffen geraubte Gegenstände mir beschreiben könnten." „Uhr und Siegelring", nickte Tante Lina, „sie waren beide Familienstücke; ihre Beschreibung liegt bei den Akten, die in Wiesenthal über diesen Fall ausgenommen wurden. Mein Vater hat beide getragen, nach seinem Tode gingen sie auf meinen Bruder über, und von diesem erhielt sie mein Neffe; ich kann sie ganz genau beschreiben." „Ich bitte darum." „Die Uhr war groß, mit doppelter Goldkapsel und blau emaillirtem Zifferblatt; auf dem äußern Deckel war unser Familienwappen eingravirt. Der Siegelring war ebenfalls breit und massiv, und wie die Uhr, so trug auch der bläulich weiße Stein des Ringes unser Wappen. Daß mein Neffe beide Gegenstände in seiner Todesstunde getragen hat, unterliegt für nach keinem Zweifel, und nur die Rücksichten auf den Forsthüter, der zuerst die Leiche fand, hielten mich ab, dem Verbleib derselben auf gerichtlichem Wege nachzuforschen." 330 Der Referendar hatte die Beschreibung der beiden, Gegenstände in sein Notizbuch eingeschrieben; er nickte befriedigt. „Es sind freilich zehn Jahre seitdem verstrichen" sagte er, „aber es wäre nicht das erste Mal, daß ein dunkles Verbrechen noch nach einer Reihe von Jahren an den Tag gekommen ist. Somit wäre es möglich, daß wir in Wiesenthal einander begegnen; ich reise schon in einigen Tagen." „Ich ebenfalls", erwiderte Tante Lina, sich erhebend, „und bis dahin rechne ich auf Ihre Verschwiegenheit. Ueberlaffen Sie es mir, Ludmilla die betrübende und aufregende Mittheilung zu machen, sie muß schonend darauf vorbereitet werden, ihr zartbesaitetes Gemüth hat den plötzlichen Tod des geliebten Bruders ohnedies noch nicht überwunden. Schlafen Sie wohl und entschuldigen Sie die Störung. Ich glaubte, mit meiner Warnung nicht bis morgen warten zu dürfen, da ein unbedachtes Wort rasch gesprochen ist, das dann nicht mehr zurückgenommen werden kann." Der Referendar begleitete sie bis zur Thür und schloß diese hastig zu, als er die Stimme Maiwinds auf der Treppe vernahm; einer Unterredung mit ihm wollte er ausweichen. 8. Kapitel. Das Duell. Der Gutsbesitzer Riesenthal war mit dem Frühzuge angekommen und sofort in die Wohnung seines Freundes geeilt; er traf den Landrath beim Frühstück. Ruhig und mit wenig Worten berichtete Ackermann ihm, welchen Dienst er von ihm verlangte; er theilte ihm den Grund der Herausforderung und die vereinbarten Bedingungen mit und löffelte dabei mit sichtbarem Behagen ein Ei aus. „Wir haben Zeit genug", sagte er; „wenn wir bald nach neun Uhr fortfahren, kommen wir früh genug, also zünde Dir eine Cigarre an und mache es Dir so bequem, wie die Umstände es erlauben." „Na, das geht mir denn doch über bett Spaß!" polterte Riesenthal in seiner derben, ehrlichen Weise. „Du bist ein verheiratheter Mann und willst Dich wegen einer Theaterprinzessin duelliren? Wenn der Hauptmann den Schmuck zurückschickte, so that er nur, was jeder andere Mann von Ehre auch gethan haben würde!" „Du billigst es also, daß er mich in den Augen meiner Frau verächtlich machen wollte?" erwiderte der Landrath, die Brauen zusammenziehend. „Das war nur eine gerechte Strafe für Dich, und der Hauptmann wollte Dir damit jede nochmalige Annäherung an seine Braut unmöglich machen. Wenn jene Sängerin, wie es in der That der Fall zu sein scheint, eine ehrbare und tugendhafte Dame ist, dann war es von Deiner Seite eine Unverschämtheit, sie mit solchen Gedanken zu belästigen." „Ferdinand!" „Nimm mir das nicht übel, Hugo! Du kennst mich, ich bin nicht gewohnt, hinter dem Berge zu halten. Mag es nun Lob oder Tadel sein, ich spreche es mit dürren Worten aus. Ich kann solche Geschichten einmal nicht billigen, sie machen Deinem Namen und Deiner Stellung keine Ehre, und wenn man die Gründe des Duells erfährt, dann wird man sehr scharf über Dich urtheilen!" Den Landrath versetzten diese Vorwürfe in eine gereizte Stimmung. Er hatte sich von seinem Sitz erhoben; mit großen Schritten durchmaß er das Zimmer. „Was bekümmert mich das Gerede der Splitterrichter!" erwiderte er höhnisch. „Möge Jeder vor seiner eigenen Thür kehren —" „Sehr wahr, aber Du solltest doch bedenken, daß Du Beamter bist und —" „Ich werde es nicht lange mehr sein!" „Du willst wirklich Deinen Abschied nehmen?" „Mein Abschiedsgesuch ist bereits gestern Abend an die Regierung abgegangen." Der Gutsbesitzer schüttelte mißbilligend das Haupt. „Daß Du diesen Schritt gethan hast, kann ich Dir nicht verdenken", sagte er. „Du hattest Dich in Deiner Stellung ziemlich unmöglich gemacht, sowohl bei der Regierung wie auch bei den Kreiseingesessenen. Die Regierung folgt gegenwärtig liberalen Strömungen —" „Und ich hasse alle diese Neuerungen", unterbrach Ackermann ihn; „ich hasse diese liberale Handhabung der Gesetze, diese laxen Gesetze und Verfügungen, von denen man nicht weiß, ob sie Fisch ober Fleisch finb." „Wir wollen darüber heute nicht streiten, es ist oft genug geschehen, und wir wissen ja Beide, daß unsere Anschauungen in diesem Punkte nicht übereinstimmen. Du hättest Dich beliebt machen können —" „Pah, was liegt mir an dem Beifall der Menge! Dieses heisere Hurrah-Gebrüll, diese ganze Comödie mit ihren Ehrenpforten, Fahnen und Festjungsrauen war mir immer zuwider; ich thue meine Pflicht und verzichte gern auf den Ruhm, es Allen recht machen zu können." „Aber es kann Dir doch auch nicht angenehm sein, wenn der neue Landrath ein anderes Regiment einführt. Gerade Du, als der größte Gutsbesitzer unseres Kreises —" „Auch das werde ich nicht lange mehr sein!" fiel Ackermann ihm geringschätzend in die Rede. „Ich habe Auftrag gegeben, meine Güter fju verkaufen." Mit wachsendem Befremden blickte Riesenthal ihn an. „Ist das dis Wahrheit?" fragte er. „Weshalb zweifelst Du daran?" „Weil ich mir nicht denken kann, daß Du das schöne Gut verkaufen willst!" „Und doch bin ich dazu entschlossen. Was bringt 331 denn das Gut ein? Nicht den zehnten Theil von dem, was ich mit dem baaren Gelde verdienen kann; ich wäre ein Thor, wenn ich auf den großem Gerann verzichten wollte. Selbst das Gut zu bewirth. schäften und mich mit den Knechten und Mägden herumzuschlagen, dazu fühle ich keine Neigung, also muß ich die Verwaltung fremden Personen übertragen, und da kann man die Augen nicht weit genug offen halten; betrogen wird man an allen Ecken und Enden." „Und denkst Du, Dein Banquier sei ein grundehrlicher Mann?" spottete Riesenthal. „Ich habe Dich längst warnen wollen vor diesem Börsenschwindel, der kein gutes Ende nehmen kann —" „Davon verstehst Du Nichts!" „Nein, Gott sei Dank; aber mein gesunder Verstand sagt mir, daß diese Hetzjagd nach dem Golde ein Ende mit Schrecken nehmen muß. Und dem Morgenstern traue ich erst recht nicht; er ist ein Prahlhans und wirft das Geld mit vollen Händen zum Fenster hinaus." „Deshalb traust Du ihm nicht?" spottete der Landrath. „Wenn er täglich enorme Summen gewinnt, warum soll er nicht leben und leben laffen?" „Es ist kein solider Gewinn!" „Pah — Redensarten! Wenn ich billig kaufe und theuer verkaufe, so ist das ein ehrlicher Gewinn; und kann ich dadurch mein Vermögen verdoppeln, weshalb sollte ich Bedenken hegen, es zu thun?" „Und ich warne Dich noch einmal!" „Vor diesen Unternehmungen oder vor dem Banquier persönlich?" „Vor Beiden", erwiderte Riesenthal ernst. „Es kann und wird nicht so bleiben, wie es ist, und das solide Kapital, der Grundbesitz, wird schließlich allein oben bleiben. Behalte Dein Gut, es wäre eine Sünde und Schande —" „Für wen soll ich es behalten? Kinder habe ich nicht —" „Du kannst es später immer noch verkaufen, warte es ab. Oder zwingen Dich Deine Verhält, niffe —" „Kein Gedanke daran! — Es ist Zeit, wir müssen ausbrechen." „Du willst das Duell unter allen Umständen?" „Denkst Du denn, ich könne jetzt noch zurücktreten?" fragte der Landrath sarkastisch. „Dazu ist die Sache zu weit gediehen, und könnte ich es, so würde ich es nicht thun." „Und wer ist der Sekundant Deines Gegners?" „Ein Referendar Rommel." „Alles ist bereits so weil geordnet?" „Ich habe Dir ja die vereinbarten Bedingungen berichtet!" erwiderte Ackermann ungeduldig, während er seinen Paletot anzog und die Handschuhe aus der Tasche holte. „Der Referendar hat mir versprochen, Alles vorzubereiten; wir können ohne Verzug auf die Mensur treten und die Geschichte zu Ende bringen." „Und wenn ste für Dich einen unglücklichen Ausgang nehmen sollte?" „Ja diesem Falle wirst Du in meinem Porte- feuille Briefe und andere Schriftstücke finden, die Dir zur Richtschnur dienen können. Ich habe Dich darin zum Vollstrecker meines letzten Willens er- nannt, und ich erwarte, daß Du ihn gewissenhaft ausführen wirst. Manche Bestimmung meines Testaments mag Dir nicht begreiflich erscheinen; ich aber habe Alles wohl erwogen und verlange aus- drücklich, daß meine Anordnungen pünktlich ausgeführt werden. Und nun komm', der Wagen wartet schon." Ferdinand Riesenthal folgte dem Freunde mit sichtbarem Widerstreben, aber er konnte sich jetzt auch der Einsicht nicht mehr verschließen, daß alle weiteren Proteste fruchtlos waren und die Sache zum Austrag gebracht werden mußte. Während sie dem Rodenbacher Wäldchen zufuhren, sprach der Landrath über gleichgiltige Dinge, über politische Tagesfragen und die Kämpfe des Reichstages mit dem Ministerium, und da Riesenthal in jener augenblicklichen Stimmung kein Inte- reffe hieran nahm, so verstummte das Gespräch bald. Der Wagen blieb in Rodenbach zurück, die beiden Herren gingen zu Fuß in das Wäldchen und fanden hier schon die Gegner, die kurz vor ihnen angekommen waren. Der Landrath zog seine Uhr aus der Tasche und zeigte sie dem Referndar. „Ich bitte Sie, sich zu überzeugen, daß noch zwer Minuten an der festgesetzten Stunde fehlen", sagte er, „es ist also nicht meine Schuld, wenn die Herren warten mußten." Der Referendar'trat zu Riesenthal. „Sie sind über alle Bedingungen unterrichtet?" fragte er. „Jawohl", nickte der Gutsbesitzer, „ich kenne auch die Ursachen und kann dieses Duell nicht billigen. Ich hoffe, Sie werden mir beistehen, wenn ich noch im letzten Augenblicke es zu verhüten suche." „Sie werden sich unnütze Mühe machen!" „Wenn Herr von Görlitz sein Bedauern darüber aussprechen wollte, daß er den Schmuck der Frau Landrath übersandt hat, so würde mein Freund vielleicht die beleidigenden Worte zurücknehmen." „Gieb Dir keine Mühe", sagte Ackermann in spöttischem Tone, „eine Ehrenerklärung und Aus- söhnung wünschen wir Beide nicht." „Auch Sie nicht, Herr von Görlitz?" wandte Riesenthal sich zu dem Hauptmann. „Eine Ehrenerklärung seitens dieses Herrn hat für mich zu wenig Werth", antwortete der Letzter« kalt; „der Herr Landrath hat mir schon in früheren Jahren bewiesen, daß ihm die Ehre mcht zur Richtschnur seines Handelns dient." „Genug!", fuhr Ackermann auf. „Thun Sie Ihre Pflicht, meine Herren! Sie sehen ja, daß Sie durch Ihre Vermittelungsversuche mich nur neuen Beleidigungen preisgeben." (Fortsetzung folgt). 332 Em Scheffelfest vor 25 Jahren. Ein literarhistorischer Beitrag von Albert Jaenich. (Schluß). Und im Feuilleton der „Heidelberger Zeitung" war zu lesen: Heidelberg, den 19. März 1861. Gestatten Sie mir, wenn auch etwas verspätet, in einigen Worten die Beschreibung eines heiteren Festes nachzuholen, welches nicht verdient, mit Stillschweigen übergangen zu werden: ich meine nämlich das Preissingen im hiesigen Museums- saale am 12. d. M. Es war ein Fest, so eigen- thümlich und liebenswürdig, daß Jeder, der es mitfeierte, die Erinnerung daran wohl noch lange als eine gar schöne bewahren wird. Bekanntlich hat vor einiger Zeit die Schauen- burg'sche Verlagsbuchhandlung in Lahr in aner- kennenswerthem Streben einen Preis von 30 Dukaten ausgeschrieben für die besten Compositionen der „neuen Lieder aus dem Engern." Aus der Zahl der zur Bewerbung eingereichten musikalischen Bearbeitungen wurden nun die hervorragendsten ausgewählt und gelangten am Dienstag Abend zum Vortrag durch das ausgezeichnete Mannheimer Theaterquartett der Herren Ditt, Rocke, Schlösser und Stepan. Schon längere Zeit vor dem auf 7 Uhr festgesetzten Anfang füllte sich der große Museumssaal mit einem ebenso gewählten als zahlreichen Publikum. An den vielen gastlichen Tafeln saßen buntgemischte Reihen, selbst die Damenwelt scheute den Tabaksrauch nicht, und verschönerte das Fest durch ihre Anwesenheit. In großer Anzahl war die akademische Jugend vertreten, sie hatte ja auch vor Allen ein Interesse daran, da die gekrönten Compositionen dem neuen Commersbuch einverleibt werden sollen. Mnsik- kenner und Freunde einer heiteren Laune waren von Rah und Fern herbeigekommen. Und hatte man sich einen genußreichen Abend schon von vornherein versprochen, so übertraf die Wirklichkeit noch die Erwartung. Wie konnte es auch anders sein, da schon der fröhliche Humor und sprudelnde Witz der Scheffel'schen Liedertexte hinreichte, um die Gesellschaft in die heiterste Laune zu versetzen. Dazu die zum großen Theil trefflichen Compositionen, vorgetragen durch so herrliche Stimmen, wie sie den Mannheimer Sängern zu. Gebote stehen. Und dies Alles in der fröhlichsten Geselligkeit, unter Umständen, wo man der melodischen Aufforderung zum Trinken sogleich in ausgezeichnetem Wein und Bier Folge leisten konnte. Abwechselnd trugen die Mitglieder des Mannheimer Quartetts die einzelnen Compositionen vor. Unter denselben wurden die Lachnerffchen besonders gut ausgenommen. Emen wahren Beifallssturm erregten aber die als Quartett componirten „Lüder eines fahrenden Schülers", unstreitig den Glanz punkt des Abends, und zum Schluß der von Hornfeck gedichtete, ebenso launig componirte Canon „Trinke nie ein Glas zu wenig." Nachdem das Preissingen vorüber, wechselten mit der Musik des hiesigen Orchesters weitere Quartettvorträge der Mannheimer Sänger ab, und damit endlich auch das Fest sich als ein wesentlich akademisches kennzeichne, wurden „Salamander gerieben" auf die trefflichen Sänger, auf den anwesenden Veranstalter des Festes, den um die Sammlung studentischer Lieder so eifrig berühmten Verleger Schauenburg. Den ebenfalls anwesenden Capellmeister Lachner feierte Professor Hausier in einem kräftigen Trinkspruche. So trennte sich erst spät und in der heitersten Stimmung die fröhliche Gesellschaft, wohl alle mit dem Wunsche, ein ähnliches Fest bald wieder feiern zu können. Dis Preisbestimmung wird in einigen Tagen, nachdem die Ausschußmitglieder des badischen Sängerbundes nochmals berathen haben und das Urtheil der studentischen Korporationen eingeholt ist, statt finden. Aus seinem oben cifirten Briefe geht hervor, daß Scheffel leider, wie schon am 9. Februar in Mannheim, so auch diesmal wieder durch Krankheit verhindert war, dem prächtigen Feste beizuwohnen. Wie sehr es ihn aber verlangte, feine Lieder in so schönem Vorträge zu hören, das geht aus einem Briefe an den Verleger vom 9. Januar 1862 hervor, in welchem es heißt: „Im Februar bin ich vielleicht wieder im Stande, mich ins gesellige Leben zu wagen, dann werde ich mich freuen, wenn sich Gelegenheit giebt, die Mannheimer Räuber und Herrn Lachner kennen zu lernen . . . ." Nun, diese Freude wurde ihm am nächsten Stiftungsfest der „Räuber", am 9. Februar desselben Jahres zu Theil, dem er zusammen mit feinem Verleger beiwohnte. Die Macht des Gesanges seiner Lieder übte da auf den Dichter eine solche Wirkung aus und versetzte ihn in eine so begeisterte Stimmung, daß er, der sonst so Schweigsame, sich zu einer zündenden Rede ausschmang. Das Heidelberger Preissingen am 12. März im Jahre 1861 aber war zu einem echten und rechten Scheffelfeste geworden, „zu einem", wie ein damaliger Theilnehmer des Festes, ein altes Mitglied des „Engem", jetzt, nach einem Vierteljahrhundert, schreibt, „für Scheffels RuhmundPopularität bedeutenden Fest", denn es war durchweg nach dem Geiste und Herzen des nunmehr verewigten Dichters, ein Fest des deutschen Liedes, das Ernst Moritz Arndt, dem das „Allgemeine Deutsche Commersbuch" gewidmet ist, in seinem Antwortschreiben auf die Widmung mit dem schönen Wunsche begleitet: „Möge das deutsche Lied in fröhlicher Jugendlust und ans edlem tapfcrn Sinn auf Jahrtausende unbekümmert erklingen!" Redaktion: «. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.