Hießener Jamilienblätter. Belletristisches Beiblatt jum Sießener Anskiger. NrT^Öl Dienstag den 16. Februar. 1886. Are Jakschmünzer. tzriminsl Roman »on Gustav Lössel. (Fortsetzung). Der entrüstete Chef wandte sich nach der inneren Ksmptoirthür, da Jener nicht gehen zu wollen schien. Aber Mathies vertrat ihm den Weg. „Sie kennen nur einen Grund, warum ich heute nicht entlassen sein will", zischelte er. „Ich sagte Ihnen aber schon, ich habe noch einen zweiten." „Ich will gar keinen kennen", rief nun wüthend der Kommerzienrath. „Packt Euch hinaus, oder ich rufe meine Leute, um Euch hinaus werfen zu lassen." „Oho!" entgegnete Mathies. „Liebt Ihr Euer eigen Fleisch und Blut so wenig?" Statt jeder Antwort streckte Etwold seine Hand nach dem Klingelzuge aus. „Ich meine Ihre Tochter", fügte Mathies rasch hinzu. Etwolds Arm blieb in der Schwebe. „Meine Tochter?" fragte er mit ungläubigem Staunen. „Ihr müßt wirklich Euren Verstand verloren haben. Was wollt Ihr denn nun wieder von meiner Tochter?" „Sie ist der zweite Grund, warum ich am Tage der Entdeckung des Mordes aus Ihrem Hause nicht gern scheiden möchte." „Meine Tochter?" „Jawohl, Ihre Tochter, Fräulein Klara. Denn Niemand weiß besser als sie, wer der Ermordete gewesen." Der Kommerzienrath war einen Augenblick sprachlos. Er konnte nur den Kopf schütteln und den Mann anstausten, der ihm so unerhörte Dinge sagte. „So so", sagte er endlich; als wenn er nun dahinter gekommen. „Wart Ihr nicht einer von denen, die vorhin mit draußen waren bei der Leiche?" Mathies nickte. „Und da hörtet Ihr", fuhr Etwold in höhnischem Tone fort, „daß meine Tochter verhört werden sollte — vielleicht weil sie mit einem Aufschrei, wie es so Mädchenart ist, bei dem Todten niederstürzte. Halt, dachtet Ihr, jene Menschen sehen überall Gespenster, und auf wen sie einmal ihren Verdacht geworfen, den lassen sie nicht mehr locker, bis sie irgend ein Geständniß von ihm erpreßt haben. Jetzt eine glaubhafte Lüge, um das rascherwachte Borurtheil ; gegen meine Tochter zu stärken, und Ihr hattet dar beste Zwangsmittel gegen mich in Händen. Aber wie wenig kanntet Ihr mich da! Ich bin nicht so leicht eingeschüchtert; auch unter so außerordentlichen Umständen. Geht Eurer Wege, sage ich, und erzählt Euer Märchen an den Kommiffar oder an den superklugen Herrn Affessor Soltmann, der ja ohnehin schon die Verwegenheit hatte, die Vernehmung meiner Tochter zu verlangen. Sir werden es Euch Dank wissen, von mir habt Ihre keinerlei Rücksicht zu gewärtigen." ,Es ist gut", sagte Mathies, „ich kann ja auch gehen, wenn Sie es denn durchaus wollen. Ich bemerke nur noch, daß ich nichts weiter berichten werde, als was ich mit meinem Eide erhärten kann, weil ich es mit meinen eigenen Augen gesehen habe." Die Worte waren zu ernst und eindringlich gesprochen, als daß sie auf Etwold nicht doch einen beunruhigenden Eindruck gemacht haben sollten. „Gesehen! Gesehen!" suhr er auf. „Was bildet Ihr Euch denn nun ein gesehen zu haben?" „Gar keine Einbildung", erwiderte Mathies. „Hören Sie endlich auf mit Ihrem Zeit raubenden Widersprechen. Es ist nur wenig, was ich gesehen habe, aber in diesem besonderen Falle genug, um Ihre Tochter — des Mordes verdächtig zu machen." Der Kommerzienrath erstickte nur mit Mühe einen lauten Aufschrei, in welchem Schmerz, Wuth und sittliche Empörung sich mischten. „Ihr seid bestochen, Kerl", rief er mit gedämpfter Stimme dem Anderen zu. „Niedrigste Rachsucht giebt Euch das ein, und die Habgier spornt Euch weiter. Von irgend einer Seite, denkt Ihr, muß doch Vortheil kommen." „Ich könnte Sie füglich Ihrem Schicksal überlassen, undankbarer Mann", grollte Mathies; „aber dennoch will ich es nicht ungewarnt thun. Wollen Sie mich tjun hören oder nicht?" Etwold nagte wüthend an seiner Unterlippe und schwieg. „Also hören Sie", begann Mathies mit einem triumphirenden Lächeln auf seinem häßlichen Gesicht. „Es war gestern Nacht — nach der Uhr habe ich nicht gesehen, aber es mochte kurz vor Mitternacht sein — als es mich antrieb, auch einmal einen Blick in das herrliche bunte Leben und Treiben zu werfen, den letzten vor meinem Fortgang aus Ihrem an glänzenden Festen so reichen Hause. Vielleicht, daß ich, einer ungewissen Zukunft entgegen gehend, so etwas nie wieder zu sehen bekam. Ich machte ‘ es aber nach meiner bescheidenen Stellung sehr be- scheiden und stieg unkostümirt über die Wendeltreppe hinauf, wo ich denn endlich vor die Glasthür des Wintergartens kam. Da wirst Du schon etwas zu sehen bekommen, dachte ich. Aber prosit die Mahlzeit! Dunkel war es darin, bis auf das bischen Licht, welches der Mond durch das Glasdach und die daranstoßenden Palmenkronen herabwarf. Und beim Scheine desselben sah ich ein einsames Menschen- paar, auch nicht in bester Stimmung, im Gegentheil sogar in der asterschlechtesten. Sie waren in einem heftigen Wortwechsel begriffen, wie sie es auf dem Theater machen, ehe sie einander tobt stechen. Und merkwürdig, daß ich gerade da an eine solche Scene denken mußte. Ich konnte lange nichts Verstehen. Aber auf einmal ruft er überlaut: „Und das sollen Ihnen die Gerichte beweisen!" Damit rennt er fort und auf die Thür zu, an der ich lausche. Sie stößt einen Schrei aus und folgt ihm. „Steh da", ruft sie, „ich folge Dir auf die Straße!" Ich habe keine Zeit mehr zum Lauschen und Schauen und renne nun selbst den Gang entlang nach der Treppe zurück. Ungesehen kann ich diese nicht hinabgelangen, denn Corridor und Treppe sind, wenn auch nur matt, erleuchtet. Ich finde zur Seite eine offene Thür, die zu dem Wartezimmer führt, wo sonst der Jonas hockt. Da hinein drücke ich mich. Aber kaum die Thür ins Schloß gedrückt, bücke ich mich zum Schlüsselloch und spähe hindurch. Hui! Kommt der Mann vorbeigestürmt — Treppe hinunter — weg ist er. Jetzt kommt ein leiserer Schritt, aber auch hastig und behende, nur etwas katzenartig. Ein Schalten huscht vorbei — ich sehe einen Dolch blitzen — dann wird's still. „Na ja, ein Maskenscherz", denke ich bei mir und verhalte mich noch längere Zeit ruhig, aus Furcht, daß Jene zurückkommen und mich da sehen könnten. Endlich wird mir die Zeit zu lang. Ich komme wieder heraus und lausche hinauf und hinab. Alles ist still und der Wintergarten öde und leer; nur von ferne höre ich Ballmusik. Na, ich traue mich denn auch nicht tiefer hinein und kehrte auf mein einsames Zimmer zurück. „Und wollen Sie nun wissen, Herr Kommerzien- rath", vollendete tief Athem schöpfend Mathies, „wer die Beiden im Wintergarten gewesen? Der Mann — er trug einen schwarzen Domino und hatte eine rothfeidene Maske in der Hand — war der Ermordete von der Schwedengasse; und die kostümirte Dame auch mit abgelegter Maske, war — Ihre Tochter! Und die Spur, Herr Kommerzien- rath, die nach der Mordstätte führt, rührt von einem Damenfuße her. So, und nun reden Sie! Ich sagte nur, was ich gesehen habe." Der Kommerzienrath hatte dem rothen Mathies schweigend, staunend zugehört, er hatte es kommen sehen, daß seine langathmige Erzählung so enden werde — und doch, als jener die letzten emphatischen Worte gesprochen, fuhr er jählings empor, wie Jemand, der eine Vision gesehen oder aus einem schweren Traume erwacht. Er starrte Mathies groß und fragend an, er griff nach seiner Stirn und versank noch einmal in Nachdenken. „Gesehen habe", wiederholte er dann mit einem abwesenden Ausdruck, „gesehen habe." „Jawohl, Herr Kommerzienrath", bestätigte Mathies, „das und nichts weiter habe ich gesehen; aber ich denke, es ist gerade genug, um verschwiegen, zu werden; denn wenn das zur Sprache kommt—" Der Kommerzienrath lachte laut auf. Es war ein unmelodischer Lachen, welches um so mehr und um so unangenehmer überraschte, als der alte Herr seit dem vor einigen Jahren erfolgten Tode seiner schönen jungen Gattin kaum mehr lächelte, im Geschäft aber notorisch niemals eine Miene verzog. Und jetzt auf einmal lachte er so laut, fast herzhaft, daß es selbst in dem Nebenzimmer vernommen wurde. Die Vüreaubeamten, sonst schweigsam und emsig schreibend — denn Etwold war selber rastlos thätig — blickten erstaunt empor und einander ungläubig fragend an. Sollte es wirklich ihr Chef sein, der da gelacht hatte? Ja, er war es. Aber gegen das Ende hin glich sein krampfhaftes Lachen mehr einem Schluchzen und seine Züge verzerrten sich dabei in einer Weise, welche es Mathies rathsam erscheinen ließ, nach der Corridorthür zu retiriren. Jener aber sprang mit einem wilden Satze ihm nach und packte ihn trotz seiner überlegenen Körperstärke voll vor der Brust. „Elender Bube!" rief er. „Die Lüge steht Dir auf der Stirn, mit der Du mich erniedrigen und Dich erhöhen wolltest, denn sicher dachtest Du beim Aussinnen derselben noch an Beförderung. Sie soll Dir werden, aber an den Galgen!" „Herr Kommerzienrath", stammelte Mathies leichenblaß, „wahr und wahrhaftig, was ich sagte, habe ich —" „Hinaus Elender!" rief kaum seiner Sinne mehr mächtig, der Kommerzienrath. „Fort, mir, aus den Augen, verruchter Bube Du I Bezichte mich, beschuld'ge wen Du willst; nur nach der Reinheit meiner Tochter strecke Deine schmutzige Hand nicht aus, sie taste mir nicht an, sonst giebt es einen zweiten Mord hier zu beklagen, und der Vernichtete bist Du!" Er gab dem Anderen damit einen Stoß vor die Brust, daß dieser rückwärts gegen die Thür taumelte. Sie sprang auf, und Mathies stand mit geballten Fäusten und zähneknirschend auf dem Corridor. In seiner Erregung fiel ihm das unvermuthete Oeffnen der Thür, die er vorhin fest zugezogen, nicht auf, so wenig wie er daran dachte, den Gang entlang zu blicken, ob Jemand da sei. Er würde sonst die auf den Zehen davonschleichende Gestalt des Büreaudienes Jonas gesehen und auffällig bemerkt haben, daß derselbe das Taschentuch an die 79 em- nur aus und thut, als wenn man sich in der Thür geirrt habe. Sein erneuertes Erschrecken oder seine Gleichgiltigkeit sprechen dann schon genug für oder gegen ihn, um ihn uns zu verrathen." Neubert, als der erste Entdecker der neuen Spur erhielt den Auftrag hierzu, und die unauffällige Weise, in der er sich derselben entledigte, machte ihm alle Ehre. Man hätte ihn überhaupt einen ebenbürtigen Rivalen Seltmanns nennen können, wenn nicht "schon ihr Altersunterschied einen solchen Vergleich unmöglich gemacht hätte. . Jener war ein junger Mann in den Zwanzigern, und Neubert zählte bereits fünfzig Jahre. Klein schmächtig, grauköpfig, mit einem spitzen Gesicht, erinnerte er in nichts an den schlanken, schön gewachsenen Soltmann mit dem vollen blühenden Gesicht, den lebhaften dunklen Augen und dem i wohlgepflegten Schnurrbart. Neubert war bartlos, | und statt der flotten Kravatte ä la Byron, welche I dem ausdrucksvollen Kopfe seines jüngeren Kollegen einen idealen Anstrich verlieh, trug er eine weiße Binde, war ihm bei seiner sonstigen Nnscheinbarkeit das Ansehen eines Kirchendieners gab. (Fortsetzung folgt). 3. Kapitel. Eine wichtige Entdeckung. Die Feststellung der Person des Ermordeten hatte auch mit Hülfe des gesammten Etwold'schen Hauspersonals nicht bewerkstelligt werden können. Man hatte sie Alle an Jenen herantreten lassen, aber Keiner gab ei» Erkennungszeichen. Jetzt war es Neubert, welcher darauf aufmerksam machte, daß unter Denjenigen, die dem Fräulein gefolgt waren, sich auch eine Persönlichkeit befunden hatte, von der man mit einigem Rechte sagen könne, daß sie von Gott gezeichnet sei. Dieser Fleisch und Blut gewordene Franz von Moor habe | bei seiner zufälligen Besichtigung des Leichnams ; durch eine zuckende Bewegung ein unzweideutiges Erkennungszeichen gegeben, diese Bewegung aber sogleich wieder unterdrückt und sich scheu umgesehen, ob man sie irgendwo bemerkt habe. „Schlauer Weise", vollendete Neubert seinen Bericht, „schlug ich sofort mein Auge zu Boden, sah aber unter dm verschleiernden Wimpern hervor, wie Jener von dem Ergebniß seines Umblicks sehr befriedigt schien. Er entfernte sich von dem That- ort und läßt sich hier nun nicht mehr blicken. Ich forschte so unter der Hand nach ihm und erfuhr, daß er allgemein unter dem Spitznamen „der rothe Mathies" bekannt sei und Herrn Etwold als Kutscher gedient habe. Wegen seinen anarchistischen Prinzipien von diesem entlassen, will er heute noch ins Ausland gehen." „Das wäre!" sagte der Kommissar. „Ich glaube, das sind Verdachtsmomente genug, um dem Burschen einen Besuch auf feinem Zimmer abzustatten. Er wird j tzt gerade mit dem Packtn feines Koffers beschäftigt fein. Was meinen Sie, Soltmann ?" „Ganz Ihrer Meinung, Herr Kommissar", erwiderte dieser. „Gehen wir aber nur Einer hinauf, um es recht unauffällig zu machen. Der Bursche darf durch Niemanden von unserem Kommen aeifirt werden. Man tritt ohne anzuklopfen herein und Stirn gedrückt hielt, als wenn er dort einen psindlichen Stoß bekommen hätte. Aber Mathies fah in diesem Augenblick feinen Gegner. Ein grünliches Funkeln brach seinem Blick, wie aus einem Schlangenauge, unter diesem Blick erbebte selbst der Mann, der ihn Jach hohem Iiek. Renette von Moritz Litis. (Fortsetzung.) Er schenkte die Gläser voll, und schien eben einen Trinkspruch ausbringen zu wollen, als abermals die Hausglocke ertönte. „Zwei Herren wünschen den gnädigen Herrn Baron zu sprechen, aber sie verweigern die Nennung ihrer Namen", meldete der Diener. „In guten Häusern ist es Sitte, feine Karte abzugeben; wenn die Herren das noch nicht wissen, sagen Sie es ihnen!" herrschte Brehmer dem Lakaien zu, welcher fragend auf feinen Herrn blickte. Aber noch ehe biefer Zeit hatte, Bescheid zu geben, traten die beiden Fremden um die Ecke des Hauses, und ohne Zögern an den Tisch heran, um welchen sich die kleine Gesellschaft gruppirt hatte. „Bitte um Verzeihung, wenn wir zu unpaß ender Zeit gekommen fein sollten", nahm der Aeltere der Beiden das Wort, den Hut abnehmend und in der Hand haltend und sich an den Baron wendend, fügte er hinzu: „Ohne Zweifel habe ich die Ehre, Herrn Baron von Eschenheim vor mir zu sehen i Der Gefragte nickte leicht mit dem Kopse. „Es ist so, aber was ist Ihr Begehr?" versetzte er gespannt. . (Wir müssen Ihnen leider die Unannehmlicykeit.einer amtlichen Befragung bereiten," berichtete der Andere in geschäftsmäßigem Tvne. „Ich bin der Criminal- hinaus gestoßen hatte. Seine Lippen bewegten sich, als wenn er eine Beleidigung, Drohung oder Verwünschung ausftoßen wollte — aber kein Wort kam daraus hervor. Er schüttelte nur die Faust gegen feinen ehemaligen Brotherrn, trat zurück, versetzte der Thür einen Tritt, daß sie schallend ins Schloß fiel und entfernte sich eiligst über Treppe und Hof nach den Ställen. Etwold aber sank jetzt kraftlos in einen Sessel. Er seufzte tief und schwer, indem er murmelte: „Um einen Todfeind reicher!" Kommissär Haltmann, und dieser Herr ist Assessor Reich, der in einem bereits anhängigen Criminal- prozeß als Untersuchungsrichter fungirt." Der Hausherr winkte dem entfernt stehenden Diener, zwei Stühle zu bringen. „Criminal-Commissär, Untersuchungsrichter, amtliche Befragung, und das Alles in meinem Hause?" rief Eschenheim im Tone aufrichtigen Erstaunens. „Sie sehen, meine Herren, ich erwarte Ihre näheren Erklärungen." Der Beamte hatte inzwischen einen nach dem anderen der am Tische Sitzenden gemustert, und seine Augen schienen mit besonderer Aufmerksamkeit auf Herrn von Brehmer haften zu bleiben. Dann zog er ein Notizbuch hervor, warf einen Blick hinein und schaute dann wieder aus den jungen Mann, als stelle er Vergleiche an. Ein leises Kopfnicken schien anzudeuten, daß das Resultat seiner Prüfung ein befriedigendes sei. „Es verkehren in Ihrem Hause verschiedene den höheren Ständen angehörige Herren, sämmtlich wohl nähere Bekannte von Ihnen?" begann der Com- missär wieder; „darf ich Sie bitten, mir die Namen derselben zu nennen?" Die Baronin, welche kaum im Stande war, ihre Unruhe zu bemeistern, als sie erfuhr, daß die Fremden Gerichtsbeamte seien, schöpfte erleichtert Athem, da es sich augenscheinlich doch nicht um ihre eigene, keineswegs makellose Vergangenheit handelte. „Der Kreis meiner Bekannten ist sehr groß, namentlich in der Stadt empfange ich viel Besuche" erklärte der Baron, „ich müßte mich in der That, erst auf alle die Namen der mich beehrenden Herren, besinnen. Hier dagegen ist unsere Tafelrunde nur klein und beschränkt'sich in der Hauptsache auf den Legationssekcetär Herrn von Sohr und auf die beiden hier anwesenden Herren von Rauschendorff und von Brehmer." „Das genügt mir einstweilen", entschied Jener, dem künftigen Schwiegersöhne des Barons einen seltsamen Blick zuwerfend. „Dieser Herr nennt sich von Brehmer — er ist's, dem unser Besuch gilt." „Mir? Ich wüßte in der That nicht, wie ich zu Leuten vom Criminalamte in Beziehung käme?" sagte der junge Mann in anscheinend gleichgültigem Tone, indem er mit dem Griff seiner Reitgerte aus die flache Hand schlug. Der Commiffär hatte sich erhoben und ein Papier ans der Tasche genommen, das er entfaltete. Dann trat er auf Brehmer zu. „Im Namen des Gesetzes, Sie sind mein Gefangener, hier ist der Haftbefehl", rief er mit er- hobener Stimme, Jenem das Papier vorhaltend. Wie von einem giftigen Reptil gestochen, sprang der Angeredete auf. Sein sonst schon bleiches Antlitz hatte eine aschgraue Färbung angenommen, die Lippen erschienen violett und die Augen schienen Nedactisn: A. Scheyda. — Drudk und Verlag der ! aus ihren Höhlen treten zu wollen. Starren Blickes, wie ein Wahnsinniger, schaute er auf den Mann des Gesetzes, der mit imponirender Ruhe vor ihm stand. „Mensch, was wollen Sie von mir? Hier waltet ein furchtbarer Jrrthum ob!" preßte er endlich mit Anstrengung hervor, als versagten ihm die Athmungswerkzeuge ihren Dienst. „Um was es sich handelt, werden Sie sehr bald erfahren, für jetzt haben Sie zu folgen", bemerkte der Beamte. „Der Wagen steht bereit, Sie werden also ohne jedes Aussehen in die Stadt gelangen." „Nimmermehr!" schrie Brehmer und hob die Hand mit der Reitpeitsche, als wolle er zum Schlage ausholen. Nasch faßte der Commiffär in die Tasche und langte eine kleine, silberne Pfeife hervor. Ein feiner, durchdringender Ton wurde hörbar, und sofort erschienen zwei handfeste Männer in Cwilklei- dung, in einiger Entfernung stehen bleibend und die Befehle ihres Vorgesetzten erwartenv. „Bei dem geringsten, ferneren Widerstande lasse ich Sie augenblicklich binden!" erklärte der Com- miffär. „Diese beiden Konstabler sind meines Winkes gewärtig, machen Sie also keine Umstände weiter!" Bei diesen Worten griff er nach der Gerte, entriß sie der Hand des Verhafteten und schleuderte sie weit hin in den Garten. Kraftlos sank der Arm Brehmers herab; er begriff daß hier mit Gewalt nichts auszurichten sei. „Ich werde Genugthuung fordern für diese schmachvolle Behandlung!" rief er, die Handschuhe anziehend und den Hnt aufsetzend, „und Sie, meine Damen und Herren, werden mir dabei als Zeugen dienen. Ich bin bereit, mein Herr, aber ich erkläre ausdrücklich, daß ich nur der Gewalt nachgebe. „Trösten Sie sich, Liesbeth, bald bin ich wieder bei Ihnen!" fügte er, die Hand ans die Schulter des Mädchens legend hinzu, während er den klebrigen einen Abschiedsgrnß zuwinkte. „Aber Herr Criminal-Commissär, was soll denn das Alles bedeuten?" fragte der Baron mit lauter Stimme, nachdem er bisher vor Erstaunen kein Wort hervorzubringen vermocht hatte. „Darf man denn nicht erfahren, um was es sich handelt? Der Gefangene hat mehr als hinreichende Bewachung, Sie selbst sind also entbehrlich. Leisten Sie uns noch eine Stunde Gesellschaft, mein Wagen wird Sie dann nach der Residenz zurückbringen." „Ich bin Ihnen einige Aufschlüsse schuldig und bereit, sie Ihnen zu geben, so weit sie mir bekannt sind, und ich, ohne meine Pflicht zu verletzen, sie Ihnen mittheilen'darf", versetzte der Beamte, auf dem bargebotenen Stuhle Platz nehmend, während der Assessor mit. dem Arrestanten und den beiden Constablern in den Wagen stiegen, und in der Richtung nach der Stadt davonfuhren. (Fortsetzung folgt). rü hl'schon Druckerei (Fr. Lhr. Pietsch) m Ließen.