Gießener Jamiüenblätter. Belletristisches Beiblatt fitm Gießener Anzeiger- .— Samstag den 16. Januar. *“”*” 1886. Gin Spiet des Zufalts. Roman in drei Bänden von Ewald August König. (Fortsetzung). Nur im Corridor brannte die Lampe, in der Küche war es dunkel, der Hausschlüssel und ebenso der Schlüssel zur Corridorthür hingen nicht mehr an ihrem gewohnten Ort, dies war der sicherste Beweis, daß die Magd das Haus verlassen hatte. Ernestine schob den inneren Riegel an der Corridorthür vor und kehrte in den Salon zurück; tief aufathmend stellte sie die Lampe auf ein kleines Tischchen in der Nähe des Fensters. Auf dieses Signal mußte Sonnenberg draußen bereits gewartet haben, denn schon nach wenigen Minuten ließ der Klang der Glocke sich leise vernehmen. Ernestine eilte hinaus und ließ den Erwarteten ein, hinter dem sie die Thür wieder verriegelte. „Alles ausgeflogen?" fragte er leise, während er ihr in den Salon folgte. „Würde ich das Signal gegeben haben, wenn es nicht der Fall wäre?" erwiderte sie. „In der ersten Stunde haben wir keine Störung zu befürchten . . ." „Laß uns in jenes Gemach gehen", unterbrach er sie, indem er die Portiöre zurückschlug, die den Salon mit dem Boudoir Dora's verband. Ernestine nahm die Lampe vom Tisch und folgte ihm schweigend. „Du hast wohl den Brief geschrieben, den Dora heute Abend empfangen hat ?" sagte sie, als sie sich niedergelassen hatten. „Ja, und wie ich sehe, hat er seinen Zweck erfüllt, Dora wird nun mit ihren Freunden berathen, wie dieser Brief beantwortet werden soll." „Erwartest Du eine Antwort?" „Natürlich, aber wie sie auch lauten mag, sie hat keinen Werth für mich. Wo ist die Magd?" „Dora hat sie ausgeschickt." „Kann sie nicht, wie damals, zurückkehren und plötzlich hier eintreten?" „Ich habe ja die Corridorthür verriegelt, das war damals leider nicht geschehen", antwortete Ernestine so zuversichtlich, daß Sonnenberg sichtbar erleichtert aufathmete. „Nun gut", sagte er, sich in seinen Sessel zu- rücklehnend, „so können wir also frei von der Leber ! reden. Ist cs wahr, daß Dora Dich entlassen hat?" ! „Wehr und auch nicht wahr. Wir hatten heute Mittag einen heftigen Auftritt; es fielen Worte, die mir nicht erlauben, länger in diesem Verhältniß zu bleiben. Wer von uns Beiden zuerst die Trennung gefordert hat, weiß ich jetzt nicht mehr." „Es ist auch gleichgültig", unterbrach er sie. „War gedenkst Du nun zu beginnen?" „Die Antwort auf diese Frage ist leicht zu finden, — ich werde eine andere Stelle suchen." „Und an Rache denkst Du nicht?" In den grauen Augen Ernestine's blitzte es auf, ein herber Zug umzuckte die fest aufeinander gepreßten Lippen. „Ich bin nicht gesonnen, auf die Rache zu verzichten", fuhr er mit zischender Stimme fort, „und ich meine, Du müßtest ebenso denken. Wenn sie meine Hoffnungen nicht erfüllen wollte, die ihr sehr wohl bekannt waren, dann hätte sie das mit leichter Mühe andeuten können und die schmachvolle Niederlage wäre mir erspart geblieben. Was habe ich denn so Schweres verbrochen, daß sie meine Hand in dieser beleidigenden Weise zurückstoben durste?" „Ich glaube es zu errathen", erwiderte Ernestine, und ihr Blick ruhte jetzt durchdringend auf ihm. „Du sagtest mir einmal, wenn Du reden wolltest, so würde Dornberg sofort aus dem Gefängniß entlassen werden; ich glaube, Dora weiß das, ich ver- muthe sogar, daß sie in Dir Denjenigen sieht, für dessen Schuld Dornberg büßen muß/ — Je länger ich über diese Vermuthung nachdenke, desto mehr leuchtet mir ihre Wahrscheinlichkeit ein; sie hat sich Deine Huldigungen nur deshalb gefallen lassen, um Dich beobachten zu können." „Da war sie auf einer falschen Fährte", spottete Sonnenberg mit einem verächtlichen Achselzucken. „Aufrichtig gesagt, ich wollte, daß ich jene That begangen hätte, ich wäre dann jetzt im Besitz einer Summ?, die meine Existenz für immer sicher stellte." „Du warst es also nicht?" „Hast Du es auch geglaubt?" „Anfangs nicht, erst später kam ich auf den Gedanken, daß es möglich sei." „Bah, wenn es nur möglich gewesen wäre! Der Schuft, für den Dornberg büßen muß, kam mir zuvor." „Wenn Du ihn kennst. . . . •" „Lassen wir das", schnitt er in rauhem Tone ihr das Wort ab. „Ich weiß noch nicht, ob es mir gelingen wird, ihm einen Theil des Raubes abzujagen. In jedem Falle muß ich darauf bedacht sein, meine leere Lasse wieder zu füllen; ich kann 26 in dieser Stadt nicht länger bleiben, und ich weiß nicht, wie bald ich an einem anderen Orte wieder festen Fuß fassen werde. Ich weiß auch nicht, wohin Du verschlagen wirst und ob sich uns jemals wieder eine günstige Gelegenheit zur gemeinsamen Operation bieten wird; da muß ich also sorgen, daß ich wenigstens der nächsten Zukunft ohne Sorge entgegen sehen kann." „Was die gemeinsamen Operationen betrifft, so hängen sie allerdings von Zufälligkeiten ab", sagte Ernestine gedankenvoll. „Indessen werde ich doch das Meinige thun, um sie möglich zu machen, ich werbe mich um ein Unterkommen in einer anderen Stadt bei einer reichen und möglichst jungen Dame bemühen —" „Und was dabei herauskommt, das haben wir ja nun gesehen", unterbrach er sie abermals. „Nein, auf solche Zufälligkeiten baue ich meine Hoffnungen nicht mehr, und ich möchte auch Dich hinfort vor den Demüthigungen bewahren, denen Du in solchen Stellungen täglich ausgesetzt bist. Ich gedenke übermorgen nach Paris zu reisen, vielleicht könntest Du binnen Kurzem Nachkommen. Wir würden dann beisammenbleiben." „Das wäre gewiß sehr schön, aber wovon wollen wir dann leben?" „Von dem, was wir mitnehmen." Sie blickte ihn einige Sekunden lang schweigend an; dann schüttelte sie mit bedenklicher Miene ihr blondes Haupt. „Ich glaube Dich zu verstehen", sagte sie leise, „aber ich glaube nicht, daß es geschehen kann, es ist zu gefährlich." „Weshalb?" fragte er ruhig. „Weil auf uns der erste Verdacht fallen würde." „So müssen wir dafür sorgen, daß von einem solchen Verdacht keine Rede sein kann." „Du magst Deine Vorbereitungen noch so gut treffen —" „Mein Plan ist fertig, er wird Deine Bedenken beseitigen. Vor allen Dingen eine Frage: Was ist hier zu holen?" „Ich weiß es selbst nicht, aber ich glaube, daß es sich der Mühe lohnen würde, wenn —" „Lassen wir alle Wenn und Aber jetzt einmal bei Seite' Verwaltet Dora ihr Vermögen selbst?" „Ja." „Und wie ist es angelegt?" „In Staatsschuldscheinen, Pfandbriefen und Prioritäts-Obligationen verschiedener Eisenbahnen." „Besitzt sie ein Verzeichniß der Nummern dieser Papiere?" „Dieses Verzeichniß liegt bei den Papieren." „Und die Papiere selbst?"- „Befinden sich in einer eisernen Cassette, die dort in dem Schränkchen steht." Ernestine deutete auf ein elegantes, zierlich gearbeitetes Schränkchen, das.neben dem Schreibtisch stand, Sonnenb.rg erhob sich, um es zu besichtigen. „Das Schloß wird ohne Mühe gesprengt werden können", sagte er. „Wie groß ist der Betrag?" „Auch das kann ich Dir nicht sagen", erwiderte Ernestine mit einem scheuen Blick nach der Portiöre, war es ihr doch, als ob sie im Nebenzimmer ein Geräusch vernommen habe, „jedenfalls ist es eine große Summe. Und jene Casette enthält nicht allein Werthpapiere, sondern auch Banknoten, Goldrollen und unter anderen Schmucksachen einen werthvollen Brillantschmuck. Ja, wenn wir das Alles unser Eigenthum nennen dürften, dann brauchten wir für die Zukunft nicht zu sorgen." Sonnenberg ging einige Male auf und nieder, dann nahm er wieder Platz. „Wir sichern uns dadurch eine sorgenlose Existenz und nehmen zugleich Rache", sagte er. „Und selbst wenn ein Verdacht auf mich fallen sollte, ich will schon dafür sorgen, daß mir nichts bewiesen werden kann. Ja, wenn ich jetzt die Cassette mitnähme, dann würden wir Beide wohl heute Abend schon verhaftet werden. Und in der Nacht kann e« auch nicht geschehen, wenn wir uns nicht der Gefahr aussetzen wollen, ein Menschenleben —" „Um keinen Preis der Welt!" rief Ernestine entsetzt. „Ich will das auch nicht. Am Hellen Tage muß es geschehen. Sagen wir morgen Nachmittag. Nur eins macht mir Sorge: die Entfernung der Magd. Dora wird morgen Vormittag wieder einen Brief erhalten, eine Erwiderung auf die Antwort, die ich morgen früh auf der Post zu sinden erwarte. Ich werde ihr schreiben, ich wolle sie morgen Nachmittag Punkt drei Uhr an einem bestimmten Orte erwarten, um ihr die versprochenen Beweise zu übergeben. Sie dürfe keinen ihrer Freunde mitbringen, wenn sie aber einen Zeugen wünsche, so wolle ich gestatten, daß ihre Gesellschafterin der Unterredung beiwohne; komme sie mit einer anderen Person, so würde unsere Zusammenkunft nicht statlfinden. Glaubst Du, daß sie sich dieser Bedingung fügen wird?" „Ja, ich glaube es", erwiderte Ernestine nach kurzem Nachdenken. „Sie wird in jede Bedingung sich fügen, jedes Opfer bringen, wenn ihr dafür die Möglichkeit geboten wird, die Schuldlosigkeit Dorn- berg's beweisen zu können." „Gut, so würden also Dora und Du morgen Nachmittag nicht hier sein. Die Hausthür ist offen, man kann unbemerkt aus- und eingehen, wenigstens habe ich unten noch keinen neugierigen Dienstboten gesehen." „Und doch könntest Du zufällig einem Hausbewohner begegnen." „Er würde mich nicht erkennen. Brille und Perrücke können ein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit entstellen. Das ist meine geringste Sorge. Die Hauptfrage bleibt für mich, ob und wie die Magd in unverdächtiger Weise entfernt werden kann." „Wann wird Dein Brief hier ankommen?" „Ich denke, nach zwölf Uhr; sie kann sich dann 27 nicht vorher mit ihren klugen Freunden berathen und muß ihren Entschluß sofort fassen." „Gut, ich werde morgen früh ausgehen und vor Mittag zurück sein; ich will es so einrichten, daß die Magd um drei Uhr sich an einem bestimmten Ort einfinden muß, um für ihre Herrin Etwas in Empfang zu nehmen. Das will ich schon besorgen." „Glaubst Du mit voller Sicherheit es zu können?" „Gewiß, ich werde heute Abend darüber nachdenken, Du darfst Dich darauf verlassen, daß die Magd morgen Nachmittag um drei Uhr nicht hier im Hause sein wird." „Dann ist alles Weitere Kinderspiel!" sagte er. „Die Corridorthür ist keinesfalls verriegelt —" „Nein, und ich will Dir meinen Schlüffel dazu geben. Du mußt aber diesen Schlüssel hier zurücklassen, damit ich nicht in Verlegenheit komme, wenn er von mir gefordert wird. Lege ihn nur unter den Divan im Parlor, ich werde ihn dort suchen und fortnehmen." „Wie ist'r mit dem Schlüssel zu diesem Schränkchen?" fragte er. „Den kann ich Dir nicht verschaffen, Dora trennt sich nie von ihm. Und es ist vielleicht auch bester für uns, wenn dieses Schloß gewaltsam erbrochen wird, das wird den Verdacht auf Verbrecher von Profession lenken. Er giebt deren ja so viele in dieser Stadt —" „Und ich werde Vorkehrungen treffen, die diesen Verdacht bestätigen. Ich werde eine alte, schmutzige Mütze und ein zerrissenes, baumwollenes Taschentuch hier zurücklassen, die nur das Eigenthum eines Vagabunden sein können. Wie sollte da ein Verdacht auf uns fallen? Du bist während der That in Dora's Gesellschaft gewesen und ich habe in derselben Stunde den Vanguier Reichert in meiner Wohnung empfangen." „Zu derselden Stunde?" „Nun, ob die Zusammenkunft einige Minuten früher oder später stattgefunden hat, daran liegt wenig. Reichert wird meine Aussage bestätigen, wenn man eine solche Bestätigung fordern sollte." „Und wenn nun dennoch Haussuchung bei Dir gehalten würde?" „So würde man weder die Castette noch etwas von ihrem Inhalt finden, auch dafür sind meine Vorkehrungen bereits getroffen. Ehe man an die Haussuchung bei mir denkt, ist die Eastette schon in einem Koffer wohlverpackt auf dem Wege nach Paris, dort nehme ich sie später in Empfang " „Und übermorgen willst Du abreisen?" „Jawohl. Kannst Du mir vorher von dem Schlüffel zur Castette einen scharfen Wachsabdruck verschaffen, so wird es mir lieb sein; ich laste dann in Brüssel einen Schlüssel darnach anfertigen." „Sehe ich Dich vor der Abreise noch?" „Natürlich, ich werde hierher kommen, um Abschied zu nehmen." „Das willst Du wagen?" fragte sie überrascht. „Ich sehe darin kein Wagniß, im Gegentheil, ich bekunde ja dadurch meine Schuldlosigkeit. Ich werde über den frechen Einbruch bestürzt sein." „Ich glaube nicht, daß Du vorgelassen wirst." „Ich glaube das doch." „Katharine hat gemeffenen Befehl, Dir zu sagen, die gnädige Frau sei verhindert." Ein spöttisches Lächeln umzuckte die Lippen Sonnenberg'-, in den Tiefen seiner unheimlichen Augen loderten die verzehrenden Gluthen des Hasses und der Rachsucht. „Schon aus Neugier wird sie mich empfangen, wenn ich nach diesem Einbruch komme", erwiderte er, „sie wird den Eindruck meines Geflchts studiren, das Bekenntniß der Schuld in meinen Mienen lesen wollen und sich natürlich getäuscht sehen. Aber wenn ich abgewiesen werden sollte und Du hast den Wachsabdruck, dann wirst Du wohl einen Vorwand finden —" „Verlasse Dich darauf nicht", unterbrach sie ihn mit einer abwehrenden Handbewegung. „Ich habe geloben müssen, kein Wort mehr mit Dir zu reden, und Du wirst begreifen, daß ein Bruch des Gelübdes sofort den Verdacht auf uns lenken müßte/« Fortsetzung folgt. Wach Hohem Ziel. Novelle een Moritz Lilie. (Fortsetzung.) „Konnten Sie nicht erfahren, ob der Baron viel correspondirt, und aus welchen Orten er Briefe empfängt?" fragte er hastig. „Der Postbote hat strenge Anweisung, alle für den Baron bestimmten Schriftstücke in einen Briefkasten zu befördern, welcher an der Eingangsthür nach dem Vorsaale angebracht ist, und zu welchem nur er selbst den Schlüssel besitzt", berichtete der Bedienstete. „Es ist also bei uns nicht wie in anderen vornehmen Häufern, wo der Hausmeister Vertrauensperson ist und die Postsachen für die Herrschaft in Empfang zu nehmen und au diese abzuliefern hat. Indessen finde ich oft, wenn ich das Arbeitszimmer des Barons betrete, um zu lüften und Ordnung zu schaffen, was stets geschieht, wenn der Herr ausgefahren ist, im Papierkorbe verschiedene Briefumschläge, die häufig mit russischen Freimarken versehen sind--" „Und dar sagen Sie mir erst jetzt, Rothe!" unterbrach der junge Mann den Gefährten, indem er diesen mit beiden Händen an den Schultern faßte und zum Stehenbleiben zwang. „Diese Entdeckung kann für uns von höchster Wichtigkeit werden, denn sie zeigt uns die Fährte, welche wir zu verfolgen haben." „In der That daran habe ich noch nicht gedacht!" versicherte mit etwas verblüfftem Gesichtsausdruck der Andere. „Der Inhalt des Papierkorbes wandert regelmäßig in den Kamin, und ich 28 habe mir bisher noch nicht einmal die Mühe genommen, die Schriftstücke genauer zu besichtigen." „Von jetzt an werden Sie jedes beschriebene Blatt sorgfältig aufheben und an mich abliefern", befahl Herr von Brehmer. „Selbst das scheinbar unbedeutendste Zettelchen kann von Wichtigkeit sein, ganz besonders sorgfältig müssen Sie fortan die Briefcouverts sammeln, die für uns unschätzbares Material für unsere Nachforschungen geben werden." Der Alte nickte zustimmend. „Verlassen Sie sich auf mich, gnädiger Herr, ich werde Alles pünktlich besorgen", betheuerte er. „Und noch eins, Rothe, haben Sie ein scharfes Auge auf Liesbeth, beobachten Sie deren Umgang, und ob von den zahlreichen Gästen des Barons irgend einer ihr Aufmerksamkeiten erzeigt, ob sie einen besonders auszeichnet. So oft ich selbst in der Eschen- heim'schen Familie weile, scheint sie vorsichtig zu fein, um keinen Verdacht zu erregen; aber ich finde diese Zurückhaltung bei einem jungen, lebenslustigen Mädchen seltsam, ich traue dieser zur Schau getragenen Schüchternheit nicht recht." „Darin thun Sie dem gnädigen Fräulein wohl Unrecht, gnädiger Herr, denn es dürfte selten in dem gleichen Stande ein so bescheidenes, anspruchslose» und natürliches Wesen geben, als Liesbeth es ist. Aber weiß sie, daß Sie sich für sie in- tereffiren ?" „Sie müßte blind sein, wenn sie das nicht hätte bemerken sollen, obgleich ich mich noch nicht gegen sie ausgesprochen habe. Aber daß die Kleine trotzdem gegen mich so unbefangen thut, als ob die Liebe für sie überhaupt nicht vorhanden wäre, da» bringt mich fast zur Verzweiflung." „Die Frau Baronin ist sehr stolz--" „Ja wohl, die Frau Baronin ist sehr stolz, Rothe, und freiwillig wird sie ihre Zustimmung zu einer Verbindung mit mir niemals geben. Aber deshalb will ich Material sammeln, das mir eine gewisse Macht, eine entschiedene Uebe^egeuhcit giebt, mit welcher ich die Erfüllung meines Wunsches durch- fefcen kann." „Ich begreifeI" sagte der Hausmeister, und die kleinen, grauen Augen in dem rochen, dicken Gesichte wandten sich mit verschmitztem Blinzeln dem jungen Manne zu. „Liesbeths Vater wird wenig Schwierigkeiten machen, er ist gewöhnt, sich in Familiensachen feiner Frau unterzuordnen. Deshalb thun Sie wohl, die Entscheidung der Mutter zu überlassen, von welcher allein es abhängen wird, den künftigen Schwiegersohn zu bestimmen." „Von ihr — und hoffentlich auch ein wenig von mir!" ergänzte Brehmer zuversichtlich. Sie waren wieder in die Nähe der Hauptallee gelangt, und auf dem Pfade, den sie eingeschlagen hatten, wurde cs lebhafter. Spaziergänger begegneten ihnen, und das Geräusch dec Wagen und Reiter, welche die breite Straße fr quentirten, drang jetzt deutlich bis zu ihnen. Herr von Brehmer schien es vermeiden zu wollen, in Gesellschaft des Hausmeisters gesehen zu werden, denn noch ehe sie in die Hauptallee einbogen, verabschiedete er sich. „Sie wissen jetzt, was Sie zu thun haben, Rothe, ich verlasse mich auf Sie", sagte er rasch und leise. Dann machte er eine flüchtige Handbewegung und eilte schnellen Schrittes davon, während der Andere den Hut zog und dann langsam in der Richtung der großen Allee davonging. „Das Mädchen ist jung, schön und, was die Hauptsache ist, reich — für mich die bedeutungsvollste Eigenschaft", sagte der junge Mann zu sich selbst, als er sich allein befand, „hier gilt es rasch zu handeln, ehe ein anderer Bewerber zuvorkommt. Darum vorwärts, gleichviel ob auf geraden ober verschlungenen Wegen — dem Kühnen war da» Glück noch immer hold!" III. In einer der vornehmsten, von der reichen Welt besonders bevorzugten, ländlichen Ortschaften in der Umgebung der Hauptstadt stand, von grünem Laubwerk fast ganz verdeckt, ein hübsches, idyllisches Landhaus, von welchem von der Straße au» wenig mehr als die Giebelspitze sichtbar war. Ein ziemlich ausgedehnter Garten umgab da» Gebäude, welche» nur aus dem Erdgeschoß und einem Stockwerke bestand. An der Rückseite des Hauses dehnte sich eine zierliche Terrasse au», deren Estrade mit laubenähn- lichem Ausbau versehen war, welcher dicht von Wein umrankt wurde und einen kühlen, schattigen Aufenthalt gewährte. Die Villa gehörte dem Baron Eschenheim, welcher hier einige Monate des Sommers zubrachte, wenn er nicht mit seiner Familie größere Reisen unternahm. Aber auch hier, wie in der Stadt, empfing er gern Gäste, in deren Umgang er die einzige Zerstreuung fand, die ihm das Landleben einigermaßen erträglich erscheinen ließ. Ein schwüler Abend war dem sengend heißen Tage gefolgt; kein Lüftchen regte sich und milderte die drückende Atmosphäre, die auf der fast verschmachtenden Natur lagerte. Dürstend senkten die Blumen ihre duftigen Häupter zur Erde herab, als wollten sie diese anflehen, einen Labung spendenden Quell zu senden; der muntere Gesang der Vögel war verstummt, und selbst die geflügelte Jnsekten- roelt schien ermattet sich in ihre verborgenen Wohnungen zurückgezogen zu haben. Nur hin und wieder schwebte ein Johanniskäfer durch die Büsche dahin, in deren Dunkel der leuchtende Schein, dir diesem Insekte eigen ist, auf Augenblicke sichtbar ward. Am Himmel aber stiegen langsam blauschwarze Wolken empor, deren Saum die im Westen hinab- gesnnkene Sonne mit vergoldeten Rändern schmückte. (Fortsetzung folgt). Mdaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brüht'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gieße».