1888. Nr. 134 Samstag dcn 13. Novcmber. SKSS3553 der da Wis zur letzten Klippe. Original-Roman von ®. Heinrichs. (Fortsetzung). Der alte Notar Willing sprach öfters in goldenen Traube vor, um die Kleine zu sehen, Criminalist, daß jener Arbeiter der Mörder und nach der That unterwegs aus dem Wagen gesprungen ist." „Die arme Frau!" rief die junge Dame, „was wollte ich darum geben, wenn der entsetzliche Mensch noch entdeckt würde. Es ist ein wahrhast grausiger Gedanke, daß ein solches Verbrechen ungestcajt bleiben und der Mörder sich vielleicht eines äußerlich ganz ehrenhaften Daseins erfreuen kann." „Ja, das ist die Folge unserer irdischen Unvollkommenheit, liebe Natalie I" bemerkte der Banquier trocken. „Wenn wir Menschen allwissend wären, dann hätte die Polizei leichter Spiel; so aber müssen wir uns selber ein wenig vorsehen, wem wir die Hand zum freundschaftlichen Gruße reichen und gegen neue Bekanntschaften besonders spröde sein." „Darin gebe ich Dir Recht, Papa!" nickte die Tochter, „ich würde selbst gegen schwedische Grafen mißtrauisch sein." „Und lieber einen alten Hamburger Notar vorziehen, nicht wahr, Fräulein Natalie?" lachte Willing, „doch apropos, schwedischer Graf", — setzte er ernst hinzu, „haben Sie noch keine Nachricht von unserer Frau Gräfin erhalten?" „Nein, ihre frühere Gesellschafterin, Madame Borner, war gestern bei mir und heulte mir ein Weniges vor. Die Dame war der festen Meinung gewesen, daß sie die Marzipan Villa fortan bewohnen und als Schloßkastellanin ihr Gehalt fortbeziehen werde, damit die gräfliche Herrschaft, wenn dieselbe Hamburg mit ihrer Gegenwart beehren wolle, ihr Haus in Ordnung finde. Da ist nun gestern Morgen ein Makler zu ihr gekommen, um ihr Schwarz aus Weiß vorzudemonstciren, daß die Villa mit dem ganzen Inventar, Pferde und Equipagen rc. verkauft sei und am 31. December d. I. geräumt werden , müsse. Man hat der guten Dame vor der Abreise ! kein Sterbenswörtchen von diesem Verkauf gesagt, • sondern sie in der festen Meinung gelassen, daß die ! Villa zu ihrem Aufenthalt bestimmt sei, hat auch ' von keiner Kündigung gesprochen, sondern nur die Ablohnung der überflüssigen Dienstboten anbefohlen. Wie finden Sie dies?" „Mehr als perfide", rief der Notar in halber Entrüstung, „es ist verbrecherisch und nicht stark ge- ! nug zu brandmarken. Und der will ein Aristokrat sich nennen!" „Vielleicht hat die Frau Gräfin den Handel geleitet", meinte der Banquier, der einen besonderen Zorn auf die junge Frau ha'te. „Nein, Papa!" rief Natalie im bestimmten Tone, „das ist von ihm ausgegangm und sieht nach mein« ihn die geheimnißvolle Geschichte derselben ganz außerordentlich interessirte. „Sie müssen sich dar Kind mal anfehen, lieber Gotthard!", sagte er zu dem Banquier „ich will ganz ohne Bedenkm darauf schwören, daß es bessere j Tage gesehen und aus höheren Kreisen stammt, j Schade im Grunde, daß es zu diesen freilich ganz | braven Leuten gerathcn ist, sie sieht, weiß Gott, wie ! eine bezauberte Prinzessin aus, welche in eine niedere i Sphäre hinab gestoßen worden ist." „Dann hätten Sie es selber adoptiren sollen", | meinte der Banquier achselzuckend, „soviel ich ver- ; nommen, soll es ein polnisches Arbeiterkind sein. \ Hat man keine Nachforschungen angestellt, um des \ Vaters habhaft zu werden?" „Freilich hat die Polizei nach allen Richtungen ' hin recherchirt", nickte der Notar, „doch ohne Resultat. - Wenn meine selige Frau noch gelebt, hätte ich es * jedenfalls nicht in der goldenen Traube gelassen." „Die Mutter des Kindes hat sich wohl ver- 1 giftet?' warf die Tochter des Banquier», welche s am Fenster mit einer Stickerei beschäftigt saß, da- '■ zwischen. „Man fand die Unglückliche, mit dem Kinde im Arm tobt in der Droschke", versetzte der Notar, „sie ; ist an Blausäure gestorben; ob sie es selber ge- - nommen oder ob eine dritte Hand es ihr gereicht, ] wird wohl als schauerliches Geheimniß für immer ; mit ihr begraben sein." „Das ist gräßlich", meinte die junge Dame, ? „ich glaubte doch gelesen zu haben, daß ein fremder - Mann dabei im Spiele gewesen." „Der Droschkenkutscher, welcher sie vom Bahnhof ab nach der „Goldenen Traube" gefahren, ist, wie er ausgesagt hat, von einem Manne in Arbeiter- kleidur.g für die Fahrt engagirt und im Voraus bezahle worden. Der Kutscher glaubte darauf schwören ■ zu können, daß dieser geheimnißvolle Arbeiter mit , eingestiegm sei; — am Ziel angelangt, fand er nur ! die tobte Frau mit bem Kinde im Wagen. Irgend (in Glas oder ein Fläschchen mit der verhängniß- vollen Blausäure ist nicht gefunden worden, woraus ich schUeßen muß, wie mit mir auch sicher jeder Hießener Aamilienblälter. VMtrMches KMM MG Gießener KnzeiZK- 834 Ansicht ihm ganz ähnlich. Antonie wollte ihrs Marzipan-Villa behalten, wie sie mir selber gesagt, es kitzelte ihren Hochmuth, ihre maßlose Eitelkeit, ihr eigenes Heim hier in Hamburg zu behalten, um zeitweise dahin zurückkehren zu können im Glanz der gräflichen Krone und auch der schwedischen Gesellschaft zu zeigen, daß sie mindestens zu unserer Geld- Aristokratie gehöre. Ich kenne ihren Character und bin überzeugt, daß dieser Verkauf, abgesehen von der perfiden Heimlichkeit, ihr heiße Thräuen erpreßt hat." „Das glaube auch ich", bemerkte der Notar, „unsere Gräfin hätte wohl die arme Borner, aber niemals aus eigenem Antrieb ihre Marzipan-Villa verkauft. Wer hat dieselbe erstanden?" „Das habe ich noch nicht erfahren, wußte die Madame Borner auch selber nicht; der Hausmakler Hansen ist's gewesen." „Hm, werde ihn noch heute darum befragen", sprach der Notar nachdenklich, „sonderbare Heimlichkeit, mir unerklärlich, — sie hat ja leider das volle Recht zum Verkauf." „Freilich, freilich, der Graf wird seine Gründe dazu gehabt haben, vielleicht gegen Baarzahlung weit unter'm Preise verschleudert. — wer kann's wissen. Die Sache fleht verdächtig aus, wie?" „Mir kommt's auch so vor, alter Freund!" nickte d-r Notar, „ich werde mich jedenfalls erkundigen, habe als langjähriger Anwalt der alten Firma immerhin ein Recht dazu. Hat wohl so ziemlich Alles mit, he?" „Na, es steht noch ein hübscher Rest im Geschäft; was ich auftreiben konnte, war beträchtlich genug. Dann ist das alte Haus noch vorhanden, woran die Kaufsumme vollständig haftet; wir werden vor Jahresfrist nicht völlig liquidiren können. Wollen's abwartcn, vielleicht ist's noch zum Besten der eitlen Närrin." Der Notar griff nach Hut und Stock. „Wiffen Sie" lieber Herr Notar! daß ich soeben ein Attentat auf Sie geplant habe?" rief Fräulein Natalie plötzlich, ihn lächelnd anblickend. „Mit Dynamit oder Blausäure?" fragte er lachend. „Keins von beiden, ich möchte Ihnen nur ein kleines Terzerol auf die Brust setzen. — Sehen Sie, lieber Notar 1 — Sie leben viel zu einsam —" „O weh — ich merke, wo es brennt —" „Unterbrechen Sie mich nicht — zu einsam, behaupte ich — zu nomadenhaft und unbehaglich seit dem Tode Ihrer guten Frau. Effen im Hotel —" „Sehr gut, Fräulein Natalie —" „Nein, das weiß ich besser — Sie essen unter aller Würde für vieles Geld. — Nehmen Sie eine Haushälterin —" „Bitte um Verzeihung, daß ich wieder unterbreche — ober die Sorte kenne ich — drei Schritte vom Leibe, jede glaubt, mich heirathen zu müssen." „Herr Notar Willing — Sie sind ein Grobian", sprach Natalie mit komischem Ernst, „ebenso eingebildet wie unsere heirathssähige junge Männerwelt welche einem weiblichen Wesen gegenüber stets als Opfer sich betrachtet und jedes Mädchen für eine Ehestandsjägerin hält. — Wir leben in der That in einer abscheulich materiellen Zeit und ich begreife und lode jedes Mädchen, welcher, vermögenslos, sich bei Zeiten selbstständig macht, um durch eigenes Wissen und Können ihr Schicksal selber zu bestimmen und dem zweifelhaften Glück einer Ehe zu entgehen, welche der reichen Frau die Enttäuschung einer Geldheirath, der armen di« der Noth und Ueber bürdung bietet." „Der Tausend, Fräutein Natalie! — da» war eine Standrede, die sich gewaschen hat", rief der Notar erstaunt, „hm, hm, liegt sicherlich ein Körnchen Wahrheit darin. Denn wahr ist's, daß unsere jungen Männer durchweg eine heillose Furcht vor der Ehe haben und in jedem Mädchen eine Netze werfende Kokette erblickten. Aber wissen Sie auch, woran es liegt —" „Papperlapapp!" unterbrach ihn der Banquier, halb ärgerlich, halb belustigt, „fangen Sie nun noch mit Gegengründen an, Notar! — Der Beweis ist in zwei Worten geführt. An der Erziehung liegt's, unsere Mädchen spielen, kaum aus den Windeln, schon die Modedame, die Jagd nach Geld hat unsere Industrie zu den tollsten Extravaganzen getrieben und die Kindheit in den Bann der raffinirtesten Eitelkeit gefesselt; das Kind wird im zartesten Alter schon in der Kunst der Koketterie unterrichtet; wird diese abscheuliche Kunst dann später durch Hunderttausende nicht ausgewogen, da ist's doch kein Wunder, daß ein jeder Mann sich scheut, in das Ntz einer solchen Kokette zu gerachen, um ihr seinen Namen und feine Existenz zu überliefern? Nun hast Du den Beweis, meine Tochter und damit Punktum." „Danke, Papa! — ich sprach von stolzen, selbstständigen Frauen, nicht von Koketten; — wollen Sie noch etwas sagen, Herr Notar?" „Ja, Fräulein Natalie! — ich wollte Sie um den Namen Ihrer Haushälterin bitten." „Ich dachte dabei an die arme Madame Borner, welche durch jene Hinterlist so urplötzlich brodlos geworden ist — doch will ich unter diesen Umständen kein weiteres Wort darüber verlieren." „O, seien Sie mir nicht böse", bat der Notar, „wenn alle Frauen Ihnen glichen, würde ich selber mit meinem grauen Kopf noch leichtfüßig in die Ehe springen. Aber ich will mich doch über Ihre Haushälterin besinnen, Fräulein Natalie! ich glaube, daß diese arme Borner ganz verträglich ist —" „Jawohl, bis auf ihr vermaledeites Clavierfpiel", fuhr der Banquier spöttisch dazwischen, „nehmen Sie sich in Acht, Notar I — diese Madame Borner ist eint Wagner-Enthusiastin und trommelt täglich ihren Lohengrin oder gar die Meistersinger unerbittlich durch." „Ich habe kein Clavier im Hause, dulde auch keins und würde da» als ersten Paragraphen auf« stellen", versetzte der Notar trocken. 585 „Ach, Papa, Du übertrügst einmal wieder entsetzlich", rief Natalie, „wenn die Arme in der Musik ihren einzigen Lebenrtrost findet —" „Um Verzeihung, meine Gnädigste I" fiel der Notar ängstlich ein/ „ein Jeder ist sich selbst der Nächste, und mir würde unter solchen Umständen mein Haus verhaßt werden, da die sogenannte häusliche Musik mein Entsetzen ist." „Ach, das ließe sich leicht mit Ihrer Ruhe vereinen", meinte Natalie, ihn freundlich anlächelnd, „da Ihr Beruf Sie nicht immer an's Haus feffelt. Ueberlaffeu Sie mir das Arrangement, Herr Notar!" „Nein, Fräulein, — bann würde ich mich doch lieber contractmäßig versichern. — Eine solche Musik- - wuth ist schrecklich, sie macht die Menschen grausam gegen die Ruhe ihres Nächsten." Natalie lachte fröhlich auf und versprach, sich nicht weiter einzumischen. „Aber zu ihrer kleinen Prinzessin in der goldenen Traube könnten Sie mich einmal mitnehmen, lieber Notar! Ich bin zu neugierig auf die geheimnißvolle „Weiß nicht, ob das angeht", meinte der Notar ! zögernd, „der Gasthof ist ein gewöhnliches Wirths- hau« niederen Ranges, wohin eine Dame in Ihrer Stellung —" „Geht nicht", entschied der Banquier, „willst Du das Kind so gern sehen, dann laß es hierher holen." „Oho, wenn Frau Möller solches litte", lachte Willing, „die Brave hat ihren Stolz wie Eine und ist zu demokratisch, um ihren Augapfel, ihr Kind zum „Besehen" herzuschicken; da kämen wir schön an. Sie ist auch zu ängstlich eifersüchtig auf die Kleine." Natalie zuckte lächelnd die Schultern und schwieg. Sie war eine zu energische Natur, um sich durch solche Rücksichten von einem Entschlüsse abbringen zu lasten. In diesem Augenblick meldete der Diener den schwedischen Consul, welchen er in den Salon geführt hatte. Der Banquier blickte seinen Freund betroffen an. „Vielleicht Nachrichten von dem gräflichen Paar", murmelte er, „bleiben Sie, Notar, bis ich bett Besuch empfangen habe, seine Mittheilungen könnten auch Sie interessiren." Er verließ bas Zimmer. „Ich komme heute Abend um fünf Uhr, wenn es hinreichend finster ist, zu Ihnen, Herr Notar!" sagte Natalie ruhig, „Sie begleiten mich dann zur goldenen Traube. Der Papa braucht rs nicht zu erfahren." „Aber —" „Kein aber, wenn ich Sie darum bitte, lieber alter Freund! Ist es ein Verbrechen, in Ihrer Begleitung einen solchen Besuch zu machen? Weshalb haben Sie meine Neugierde erregt?" „Ja, wer Ihnen etwas abschlagen könnte, meine kleine Freundin!" lachte der alte Herr, „machen Sie sich aber nicht zu schön, die Gäste sind dergleichen dort nicht gewohnt. — Also um fünf Uhr?" „Hole ich Sie ab, Notarchen!" „Gut. Was der Consul wohl für Neuigkeiten bringen mag?" fetzte er nachdenklich hinzu. „Hm, der Graf wird auf diesem Wege^ das ganze Vermögen herausholen wollen; — das Schicksal jener Närrin bekümmert mich weniger als das des verschollenen Felix. Wo der arme Junge wohl geblieben sein mag." „Das mag Golt wiffen, — er hätte die alten Freunde in der Heimath auf dem Laufenden erhalten muffen, da kein Conflict mit dem Strafgesetz ihn fortgetrieben. Daß er Ihren Vater nicht um weitere Zahlungen angegangen, macht mich bedenklich. Vielleicht ist, er nach Amerika ober sonst wohin über's Meer gegangen und modert irgendwo schon in fremder Erde." „Entsetzlicher Gedanke!" rief Natalie, „hoffen . mir, daß Ihr schwarzer Sehervlick sich gründlich ge- ; täuscht. Wäre er nur um einige Jahre älter ge- wesen, um Antonien's hohlen, eitlen Character beur- theilen zu können, ich glaube schwerlich, daß der arme Don Carlos um diese Königin sein Ein>e verscherzt haben würde." „Möglich, obwohl die Männer in dieser Hmsicht so ziemlich Alle den Staar besitzen." „Und sich selbst im Alter noch nicht davon operiren laffett wollen", lachte Natalie spöttisch, „o, diese weisen Männer, welche den Kern nie von der äußeren Schale unterscheiden. Doch still, da fo rmt der Vater, — die Conferenz hat nicht lange ge* | dauert." Seltsam aufgeregt und bleich trat der Banqaier in's Zimmer, einige Papiere in der Hand haltend. „Meine Ahnung war richtig", begann er, sich in einen Seffel niederlassend, „der Besuch betraf das junge Paar. Setzen Sie sich, Notar, die Geschichte ist wirklich tragisch, sehr tragisch!" Der Notar nahm Platz und sah ihn erwartungsvoll an. „Darf auch ich es anhören, Papa?" fragte Natalie, zu ihm tretend. „Ja, gewiß, es wird früh genug durch die Zeitungen laufen. Alsa, — die junge Frau Gräfin ist tobt — ertrunken." „Großer Gott! —" Wie aus einem Munde erscholl dieser Ruf von beiden Zuhörern. „Der Consul hat heute Morgen dieses Schreiben ans Jönköping erhalten", fuhr der Banquier mit einem tiefen Athernzuge fort — „es enthalt den amtlichen Todtenschein der jungen Frau und die Bescheinigung der Behörde, daß Graf Altorf wie durch ein Wunder gerettet worden und diese Lebensbeglaubigung sich ebenfalls amtlich habe ausstellen lassen. Hier schreibt er selber an mich mit dem 886 Ersuchen, den übrigen Nachlaß seiner Gemahlin, welcher laut Testament ihm zufalle, flüssig zu machen und an ein mir bekanntes Bankhaus in London zu senden. (Fortsetzung folgt). Aeue Kunde aus der Sammlung des Uapyrus Kainer. In der Oesterreichischen Monatsschrift für den Orient berichtet Dr. Karabaczek: „Unter den in der jüngsten Zeit durchforschten Documenten wurde ein vorzüglich erhaltenes hieratisch beschriebenes Blatt gefunden, welches in Briefform die poetische Beschreibung einer vom Ramses II., dem Sesostris der klassischen Autoren (um 1800 v. Chr.), im östlichen Nil-Delta gegründeten Stadt Pi-Ramses enthält. Dieser von Dr. Krall constatirte Text, der sich in wesentlichen Theilen mit dem im Anfänge unseres Jahrhunderts gefundenen, jetzt im Britischen Museum befindlichen Papyrus Anastast III. deckt, zeigt, daß uns in dera tigen Briefen nicht Privatcorrefpondenzen, sondern literarische Compositionen, welche sich im alten Aegypten großer Verbreitung erfreuen mußten, vorliegen. Wir erhalten sonach einen werthvollen Beitrag zur Charakteristik der altägyptischen Literatur. Das Blatt lag neben Papyrusrollen voll Notizen privater Natur in hieratischer Schrift und den Requisiten (Paletten und Rohre) des Schreibers, welche fammt dem Korbbehältniß und Leinwandfutteral der erzherzoglichen Sammlung einverlcibt sind. Unter den von Dr. Wessely gelesenen griechischen Rollen und Blättern fanden sich nunmehr auch solche aus ptolemäischer Zeit. Da viele derselben noch zu öffnen und lesbar zu machen sind, konnte nun erst ein Datum aufgefunden werden, nach welchem diese private Aufzeichnungen enthaltenden Schriftstücke noch in die erste Hälfte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts fallen und daher als die ältesten bisher bekannten griechischen Schristdenkmale des Faijumer Fundes zu bezeichnen sind. Ferner constatirte derselbe Gelehrte eine Reihe wichtiger literarischer Stücke. So die umfangreichen Reste eines Aeschines-Codex des 5. Jahrhunderts, der alle bisher bekannten Handschriften dieses Autors an Alter hinter sich zurückläßt, dessen acht, die Capitel 178 bis 186 (inclusive) der dritten Rede umfassenden Columnen jüngst von W. v. Hartl publizirt worden sind. Dann die aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert stammenden Bruchstücke einer die Reden des Jsokrates enthaltenden Papyrus- rolle mit den Capiteln 48 bis 49 der fünften Rede. Weiter interessante metrologische und rhetorische Aufzeichnungen, darunter Stücke eines Lexikons zu Demosthenes' Midiana; endlich ein in das 1 Jahrhundert nach Christo zurückreichendes Fragment eures unbekannten Grammatikers. Eins ansehnliche Zahl neu aufgesundener, vorzüglich schöner Privaturkunden der römischen Epoche tragen die Namen der Kaiser Hadrian, Antoninus, Pius, Marc Aurel, Comodus und der bisher noch nicht vertretenen Kaiser Aurelian, Fl. Severus, Maximinus Daza und Julianur Apostata. Desgleichen ergänzte sich die chronologische Folge in d er Kaiserreihe um einen schönen Papyrus aus dem Jahre 83 n. Chr., als den bisher ältesten des Faijumer Fundes aus der römischen Kaiserzeit. Alle diese Stücke bereichern nach vielen Richtungen unsere Kenntnisse von der Cultur jener Zeiten. Insbesondere zu erwähnen sind in dieser Beziehung Prozeß- actcn aus dem Jahre 118 n. Chr., welche in rechtsgeschichtlicher Hinsicht von Wichtigkeit sind; ferner damit in Zusammhang stehende Heirathscontracte aus derselben und einer späteren Zeit. Chronologisch wichtige Angaben fanden sich für das Jahr 238 n. Chr. in einem Papyrus, der aus dem zweiten (ägyptischen) Jahre der Kaiser Pupienus und Balbinus datirt ist, denen die Ueberlieferung eine Regierungsdauer von nur 99 Tagen zumeist. Er lassen sich daraus Schlüsse auf die noch unbekannte Zeit der Thronbesteigung dieser Herrscher ziehen. Ein anderer, chronologisch nicht minder werthvoller Papyrus bezieht sich auf die Decennalien- feier Konstantin's des Großen, deren Datirung cr mit dem Jahre 313 n. Chr. festsetzt. Die ansehnliche, überaus wichtige Reihe der lateinischen Papyrus erhielt unter Anderem einen schönen Zuwachs durch eine 3. Quittung des Aktuars Sergius vom Jahre 385, so daß die erzherzogliche Sammlung die drei ältesten lateinischen Papyrus- Urkunden überhaupt bewahrt. Aus den Uranfängen der islamitischen Epoche sind Funde von ungeahnter Größe zu verzeichnen. Referent hatte das Glück, das bisher und vielleicht für immer älteste Document des Islams, eine prachtvolle Urkunde aus dem 22. Jahre der Hidschra (ddo. 25. April 643 n. Chr.) zu finden, die, abgesehen von ihrer umwälzenden schristgeschichtlichen Bedeutung, Zeugniß giebt von jener großen weltgeschichtlichen Katastrophe, der zufolge die Weltlage eine ganz veränderte Gestaltung erhalten: ich meine den Anbruch des Islams in seinem Siegesläufe und die Gründung seines Staatswesens. Mit dieser und 20 anderer," vortrefflich erhaltener, zum Theile noch mit ihren Jnsiegeln versehener Ecoberungs-Urkunden feiern plötzlich die größten arabischen Helden, viele Gefährten und Jünger des Propheten Mahomed ihre Auferstehung. An ihrer Spitze steht, mit einem gesiegelten Befehle, der Oberseldherr Amru (’Amr ibn el- ’Asi) selbst, den die historische Fabel durch die ihm zugeschriebene Verbrennung der alexandrinischen Bibliothek in den Augen der civilistrten Welt ge- brandmarkt hat. Diese Documente lassen die moderne Geschichtsschreibung über jene Epoche in manchen der wichtigsten Daten als verfehlt erscheinen." Rrdaction: A. Scheyd«. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.