Hießener Jamilienblätter. Belretristisches Beiblatt fum Gießener Anreiger- »1/ ~ ————— — Dienstag den 13. Juli. ....... 1886. und Krnte. Roman von Ewald August König. (Fortsetzung.) „Man scheint diese Vermuthung als richtig angenommen, und sich damit beruhigt zu haben", fuhr der Richter fort; »später ist eine Tante des Verstorbenen, eine gewisse Frau Schirmer von hier in Wiesenthal gewesen; sie hat keine Nachforschungen beantragt, wahrscheinlich kannte sie die noblen Passionen ihres Herrn Neffen." „Nein, Herr Gerichtsrath, dieser Vermuthung kann ich nicht beipflichten", sagte Rommel, wie aus einem wüsten Traum erwachend. „Frau Schirmer spricht stets mit der größten Hochachtung von ihrem Neffen; ich kann nicht glauben, daß er sich am Spieltisch ruinirt haben soll." „Hochachtung! — Was will das heißen — Dem Todten verzeiht man Vieles, was man dem Lebenden nie vergeben würde! Aber das kümmert uns weiter nicht, dieser Herr von Salberg geht uns ja durchaus Nichts an." Der Referendar mußte seine Gedanken gewaltig zusammennehmen, um bei der Sache zu bleiben. „Darüber, wie der Vagabund in den Besitz des Paffes gekommen sein könnte, ist uns also gar kein Aufschluß geworden?" fragte er. „Nicht der geringste; bewiesen kann ihm Nichts werden. Krüger ist verschollen, und für seine Ermordung und Beraubung sind durchaus keine Anhaltspunkte vorhanden. Aus den Papieren, die ferner bei ihm gefunden wordm sind, geht hervor, daß er sich auf der Wanderschaft nach seiner Hei- math befindet, und ergeben sich in diesem letzten Verhör keine weiteren und befferen Verdachtsgründe gegen ihn, so werden wir ihn wieder auf freien Fuß setzen müffen." „Aber daß er wirklich den fremden Paß im Walde gefunden haben soll, ist doch wohl nicht denkbar !" „Beweisen Sie ihm das Gegentheil, wenn Sie er können!" sagte der Rath achselzuckend, während er seine Dose öffnete und eine Prise nahm. — Verdächtig klingt diese Aussage gewiß, und — daß der Mensch kein gutes Gewiffen hat, sieht man ihm an. — Aber was können wir machen, so lange uns alle Beweise fehlen! — Der Aktuar kann heute das Protokoll führen. Beobachten Sie den Gefangenen - vielleicht gelingt, es Ihnen, Etwas zu entdecken, was uns einen Haltpunkt bietet." Der Gerichtsdiener führte in diesem Augenblick den Gefangenen ins Bureau. Einen angenehmen Eindruck machte der Letztere nicht, trotzdem er auf seine äußere Erscheinung eine gewisse Sorgfalt zu verwenden schien, und der Ge- richisrath hatte Recht, wenn er behauptete, man sehe ihm das böse Gewissen an. Seine Gestalt war hager und schmächtig, sein kurzgeschorenes Haar brennend roth und sein blasses, eckiges Gesicht mit Sommersprossen übersäet. Tücke und Verschlagenheit lauerten aus den kleinen, halbgeschloffenen Augen, die jetzt fragend und erwartungsvoll auf dem Richter ruhten. „Wir haben Nachrichten aus Eurer Heimath empfangen, Keller", nahm der Letztere das Wort, „sie lauten nicht schmeichelhaft für Euch." „Kann's mir denken", nickte der Vagabund, , grün sind sie mir daheim nimmer gewesen." „Und Ihr habt's^ruch nicht danach gemacht; Ihr seid früher als Haufirer von Dorf zu Dorf gezogen?" „Jawohl." „Und dabei habt Ihr dunkle Nebengeschästs gemacht?" „Wer kann das behaupten?" fuhr Keller auf. — „Verdächtigen kann man Jeden, — aber ich will Den sehen, der mir beweist —" „Seid Ihr nicht wegen Wildfrevels und Holzdiebstahls bereits bestraft worden?" „Bah, Kleinigkeiten, Herr Rechter! — Es ist eine Schande, daß man wegen eines Hasen oder einiger dürrer Aeste ins Gesängniß gesteckt wird. — Lieber Himmel — der Hase lief mir im Weg, und — wenn der Förster nicht darüber gekommen wäre, dann hätte Niemand Etwas davon erfahren." „Weshalb seid Ihr ausgewandcrt?" „Weshalb? Weil ich in der Heimath nicht vorwärts kam." „Und jetzt wollt Ihr trotzdem wieder hin?" „Na, es ist drüben auch nicht beffer; und wenn ich einmal Steine klopfen will, so kann ich das daheim auch." „Ihr habt Euch damals ohne Abschied fortgemacht", sagte der Gerichtsrath, in den Akten blätternd; „es lag wieder eine Anklage wegen Wild« ' frevels gegen Euch vor." „Wegen dieser Anklage bin ich wahrhaftig nicht ausgekniffen", spottete der Vagaound; „man konnte 322 mir gar nichts beweisen. Ich hatte die ewigen Querelen satt; das war der einzige Grund." „Und woher nahmt Ihr die Mittel zur Reise?" „Ich hatte mir Etwas erspart und Unsereins schlägt sich immer durch." „Eine Reise nach Amerika kostet Geld, Keller", erwiderte der Richter scharf; „ich will wissen, woher Ihr dieses Geld genommen habt." Der Vagabund zuckte gleichgiltig mit den Achseln. „Beweisen kann ich es Ihnen jetzt nicht mehr, daß ich mir damals Etwas zurückgelegt hatte, und daß ich als Matrose mir freie Ueberfahrt verdiente", sagte er. „Sie mögen's nun glauben oder nicht, es war so." „Und Ihr bleibt auch jetzt noch dabei, den fremden Paß im Walde, gefunden zu haben?" „Ich muß dabei bleiben, denn es ist die Wahr' heit. Der Paß und einige andere Papiere waren in eine Zeitung eingewickelt; ich fand das Packetchen im Gestrüpp; die anderen Papiere habe ich fortgeworfen, aber den Paß nahm ich mit, weil ich glaubte, ihn gebrauchen zu können." Der Gerichtsrath schüttelte zweifelnd das ergraut^ Haupt und nahm geräuschvoll eine Prise. „Ihr müßtet doch selbst einsehen, daß wir das nicht glauben können", sagte er; „der Paß war damals noch gütig, und solche» Dokument wirft man nicht ins Gestrüpp." „Der Mann, dem der Paß gehörte, mag wohl seine Gründe dafür gehabt Men." „Seit Ihr mit diesem Manne zusammengc- troffen?" „Rein." „Aber mit einem Andern seid Ihr zusammengetroffen", erwiderte der Richter eindringlich, „mit einem Herrn von Salberg, der von Wiesbaden nach Wiesenthal kam." „Davon weiß ich Nichts; ich höre den Namen heute zum ersten Male." „Erinnert Ihr Euch noch, an welchem Tage Ihr die Heimath verlaffen habt?" „Warten Sie! — Es war ein sehr heißer Tag im Juni, wenn ich nicht irre, der sechszehnte." „Und sechs Tage später wurde im Walde bei Wiesenthal die Leiche Salberg's gefunden; sie hatte mindestens schon acht Tage dort gelegen. Uhr, Börse und Ringe fehlten —" „Und nun soll ich diesen Mann ermordet haben?" fragte der Vagabund rasch. „Kreiden Sie mir alles Andere an, Herr Richter, nur das nicht! Ich will zugeben, Wild und Holz gestohlen zu haben, wenn das einmal Diebstahl genannt werden soll, aber Menschenblut klebt nicht an meinen Händen, so wahr ich selig zu werden hoffe." „Mit derartigen Phrasen kommt Ihr nicht durch, Keller; ich habe diese Redensarten zu oft gehört, um nicht ihren Werth zu kennen. Was wollt Ihr jetzt in der Heimath?" „Mein MH Gewerbe wieder betreiben!" „Hausiren? Ihr habt kein Geld um Maaren zu kaufen, und borgen wird Euch Niemand." „Meine alte Tante wird wohl unterdeffen gestorben sein ; ste hatte noch Etwas; das Gericht muß mir die Erbschaft aurzahlen. Ich werde mich schon durchschlagen, und wenn ich gar Nichts verdienen kann, muß die Gemeinde mich ernähren. Drüben wäre ich verhungert, ohne daß sich ein Mensch um mich gekümmert hätte; in meinem Dorfe dürfen sie mich nicht auf der Straße liegen laffen. Und mit dem falschen Paß verhält es sich so, wie ich Ihnen gesagt habe; ich bin auf ehrlichem Wege dazu ge« kommen. Es mag Mancher mit einem falschen Paffe reisen, der trotz seiner Vornehmthuerei ein größerer Lump ist, als ich, und wäre ich bester gekleidet gewesen, dann hätte der Gensdarm mich auch nicht angehalten." Der Gerichtsrath blätterte wieder in den Akten und schüttelte ärgerlich den Kopf. „Sagt, was Ihr wollt: auf dem Gewissen habt Ihr doch Etwas", erwiderte er nach einer Pause. „Es ist nur schlimm, daß ich es Euch nicht beweisen kann. Solltet Ihr denn gar Nichts von der Leiche im Walde gewußt haben?" „Dann hätte ich doch wohl der Ortsbehörde Anzeige gemacht." „Dar ist kein Gegenbeweis; Ihr mochtet triftige Gründe haben, diese Anzeige zu unterlassen!" „Herr Richter, ich wiederhole Ihnen noch einmal, Sie hegen da einen Verdacht, der ganz grundlos ist." „Ihr wollt also Nichts bekennen?" „Soll ich denn eine That bekennen, die ich nicht begangen habe? Da» kann Niemand verlangen!" Weder Trotz noch verstockte Frechheit lag in dem Auftreten und den Worten de« Gefangenen. Er sprach ruhig und ohne Leidenschaft, wie ein Mann, der sich keiner Schuld bewußt ist; nur der tückische, lauernde Blick, der bald auf dem Richter, bald auf dem Referendar ruhte, wollte mit dieser leidenschaftslosen Ruhe nicht übereinstimmen. „Ich darf wohl fordern, daß Sie mich wieder auf freien Fuß setzen", nahm er nach einer Weile wieder das Wort. „Ich bin kein Landstreicher und auch kein Bettler, und für die Dummheit, daß ich einen fremden Paß bei mir geführt habe, mußte ich schwer genug büßen." „Zu fordern habt Ihr gar Nichts!" erwiderte der Richter ärgerlich. „Es liegen Verdachtsgründe genug gegen Euch vor, und ich könnte Euch so lange in Haft halten, bi« ich über Eure Person und Eure Vergangenheit vollständig aufgeklärt bin. Jedenfalls, wenn ich Euch entlasse, werde ich Euch mit einem Zwangepaß in Eure Heimath schicken. Versteht Ihr das?" „Meinetwegen!" sagte Keller achselzuckend. „Sie wissen dann daheim gleich, daß sie für mich sorgen müssen, das erspart mir viel Gerede. Und wenn Sie wollen, trete ich noch heute den Marsch an, der Staat hat dann einen Kostgänger weniger." b d l ki r< f< d l ( S r i r r g ii l c c * l i z T I 1 $ f r r i > s v s < j i 1 323 „Es hat Zeit bis morgen!", „Wie Sie wollen — ich bin zu jeher Stunde bereit V* Der Rath gab dem Gerichtsdiener einen Wink, der Vagabund wurde abgeführt. „Es ist ihm Nichts anzuhaben", sagte der Untersuchungsrichter; „er antwortet auf alle Fragen kurz und klar, und auf bloße Vermuthungen hin kann ich den Menschen nicht in Haft behalten." „Und doch liegen die Dinge anders, als er sie schildert!" erwiderte Rommel gedankenvoll;, „so oft die Rede auf die Leiche kam, konnte er seine Verlegenheit nicht ganz verbergen; er wich Ihrem Blick aus, und das böse Gewiffen spiegelte sich in jedem Zug seines Gesichts." „Hm, ich werde ihn trotzdem enllassen muffen." „Er muß in seiner Heimath beobachtet werden!" „Darin sind die ländlichen Behörden in der Regel sehr ungeschickt; sie glauben gleich zugreifen zu müssen, noch ehe sie überzeugende Beweise erhalten haben." „Geben Sie mir einige Tage Urlaub, dann reise ich selbst hin." „Hm, das wäre keine üble Idee!" „Und für mich eine praktische Hebung, die mir nur von Nutzen sein kann." „Ich fürchte nur, Sie werden Nichts erreichen." „Das lassen Sie meine Sorge sein. Ich werde mich jedenfalls an Ort und Stelle über die vergangenen Ereignisse eingehend informiren und auch über diesen Vagabund Manches erfahren, was uns bisher unbekannt geblieben ist." Der Untersuchungsrichter nahm rasch nach einander mehrere Prisen und blies die verstreuten Tabakskörnchen von den Akten fort. „Ich könnte Sie immerhin einige Tage entbehren", sagte er, „aber im Grunde genommen sehe ich keinen Zweck in Ihrer Reise. Die Sache ist ja ziemlich klar. Es steht fest, daß der Todte, der damals gefunden wurde, nicht der Banquier Krüger war, und möglich ist es immerhin, daß der Wilddieb und Hausirer den Paß gefunden hat." „Und wo ist der Banquier geblieben?" warf der Referendar ein." „Ausgewandert, verschollen!" „Hm, die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube! In heutiger Zeit schlägt man sich nicht mehr seitswärts in die Büsche, um spurlos zu verschwinden. Wie aus den Akten hervorgeht, hat das Gericht derzeit nicht einmal ermitteln können, ob und wo der geflüchtete Bankerotteur sich eingeschifft hat." „Darauf lege ich gar kein Gewicht. Er kann, und dies ist sehr wahrscheinlich, unter falschem Namen sich eingeschifft haben, und diese Nachforschungen selbst sind auch nicht energisch betrieben worden. Die betrogenen Gläubiger hatten keine Lust, die Kosten einer voraussichtlichen fruchtlosen Verfolgung zu bestreiten, und so mag er drüben als unbekannter, heimathloser Lump gestorben und verdorben sein." „Und den Paß sollte er wirklich fortgeworfen haben?" „Weshalb nicht? War es nicht ein Akt der Vorsicht und der Klugheit, alle Papiere zu beseitigen, die über seine Person Auskunft geben konnten?" „Wie aber kam dieser Mann in den Wiesenthaler Wald?" fragte der Referendar, der sich von den Gründen seines Collegen nicht überzeugen laffen wollte. (Fortsetzung folgt). Em Scheffelfest vor 25 Jahren. Ein literarhistorischer Beitrag von AlbcrtJaenich. (Fortsetzung). Das war der Mann, der aufgesucht werden mußte, denn Heidelberger Herren hatten ausgesagt, daß der wackere Pfarrer noch einen bedeutenden Vorrath neuer Scheffelscher Lieder besäße. , Wir finden daher eines schönen Sonntags Nachmittags den findigen Lahrer Verlagsbuchhändler in dem gastlichen Wirthshause in Ziegelhausen, wohin er, kurz entschloffen, auf einem Miethswägelein von Heidelberg sich hatte kutschiren laffen. Doch die Ungeduld mußte gezügelt werden, denn der Geistliche war in der Kirche beim Gottesdienst. Nach dessen Beendigung aber pochte der Verleger, das Commers« buch unter dem Arme, sofort an des Pfarrers Thür. „Das ist mein Begehr!" so lautete der Schlußsatz der Anrede, mit der er ihm den Zweck seines Besuchs auseinandergesetzt hatte. Und mit leuchtendem Blick stand der Pfarrherr, noch im Talar, vor ihm, dann erfaßte er das Commersbuch und schlug es auf. „Die Idee ist herrlich! Scheffel wird sich freuen! Schauen Sie her, diesen Vers hab' ich gemacht!" rief er vergnügt aus und mit mächtigen Schritten im Zimmer umherschreitend, daß der Luftzug die Enden des Talars hob, sang er mit kräftiger Stimme das betreffende Lied seinem Gast vor. „Leisten Sie, Verehrtester, meiner Frau einstweilen in der Laube im Garten bei einer Taffe Kaffee Gesellschaft, ich habe noch drei Kindtaufen zu vollziehen, bin aber gleich wieder da und wir fahren dann zusammen nach Heidelberg!" fügte er hinzu. So saß denn der Gast v ergnüglich in angenehmer Unterhaltung in der grünumrankten Laube, die den Blick auf den Neckar gestattete, neben der Frau Pastorin beim Kaffee, des Zeitpunkts harrend, in welchem die Verwandlung der drei kleinen Heiden in rechtschaffene Christenmenschen stattgefunden haben würde. Der Pfarrer ließ nicht allzulange auf sich warten und nachdem er dem neuen Freunde noch den Vorrath seiner Mappe an Scheffelliedern übergeben, fuhr er mit ihm zusammen gen Heidelberg und führte ihn Abends in den jovialen „Engem" ein, wo bei heiterm und anregendem Gespräch und einem guten Trunk die Stunden zu Minuten wurden. Scheffel selbst war über die Idee der Compo- sition undAnfnahme in das Commersbuch 324 hocherfreut und gab nicht nur mit größtem Vergnügen hierzu seine volle Zustimmung, sondern fügte auch zugleich noch eine Anzahl neuer Lieder hinzu. Später ertheilie er auch dem Verleger des Commers- buchs seine Genehmigung zur Veranstaltung einer Ausgabe der „Lieder aus dem Engern"' mit Clavier- begleitung. Und nun ging es sofort zu flotter That. Anfangs 1861 schrieb die Schauenburgsche Verlagsan- stalt eine Preisbewerbung für Compositionen „Neuer Lieder aus dem Engern in Heidelberg" aus. Die sechs besten Compositionen, unter denen die trefflichen „Rodensteinlieder"", „Perköo" 2c. waren, fanden später, nachdem sie von dem Preisrichterkollegium gekrönt worden waren, mit den meisten übrigen „Liedern aus dem Engern" Aufnahme in das mehrfach genannte Commersbuch, das dann in rascher Folge Auflage um Auflage in außerordentlich starker Höhe erlebte und den Schesfelschen Liedern in trefflichem Melodienschmuck den Flug durch ganz Deutschland und weit darüber hinaus, ja bis in das gelobte Land jenseits des atlantischen Oceans, nach Amerika, eröffnete. Hierbei zeigte sich eine erfreuliche Rückwirkung auf die and-rn Werke Scheffels, so den „Trompeter" und den „Ekkehard", mit deren Absatz es bislang nicht recht vorwärts gehen wollte. Die rapide und ausgedehnte Verbreitung seiner Trinklieder und Gesell- schasrslieder durch das Commersbuch gab auch diesen einen kräftigen Impuls, denn man sagte sich in immer weitern Kreisen, daß auch die andern Werke des Dichters von entsprechendem Werthe sein müßten. Daß man sich nicht getäuscht, das beweist die bedeutende Zahl der Auflagen, welche diese beiden Werke seitdem in rascher Folge gehabt haben. Um den Preisrichtern Kenntniß von der Aufnahme der besten eingesandten Compositionen bei: dem sangeskundigen Publikum zu ermöglichen und das Interesse überhaupt für das Unternehmen zu erhöhen, bereitete der eifrige Verleger in Heidelberg ein Preis sing en, gewiffermaßen einen modernen „Sängerkrieg", vor, auf welchem die betreffenden Lieder zum Vortrage kommen sollten. Selbstredend erhielten in erster Reihe Scheffel sowie dessen Vater dazu Einladungen. Beide waren leider verhindert — ersterer durch Krankheit — von der Einladung Gebrauch zu machen; mit welcher Freude und mit welcher Anerkennung dieselbe aber an betreffender Stelle ausgenommen wurde, das zeigen die beiden hochintereffanten Schreiben, die bisher noch nicht in die Oeffentlichkeit gedrungen sind. Das erstere ist von Scheffels Mutter, das zweite von Scheffel selbst. Dieselben lauten: Karlsruhe, den 2. März 1861. Verehrtester Herr! Mein Mann, der heute verhindert ist, Ihnen selbst zu schreiben, beauftragt mich, Ihre freundliche Zuschrift in seinem Namen zu beantworten, was ich anmit mit Vergnügen thue. Ihre erfreuende heitere Einladung an meinen Sohn werden wir demselben heute noch übersenden und sind überzeugt, daß er derselben gerne entsprechen wird, wenn seine Gesundheit es erlaubt. Ob eben dieß der Fall sein wird, können wir von hier aus zur Zeit noch nicht mit Bestimmtheit voraus- sagen. Joseph ist nämlich im November vorigen Jahres auf einer Fahrt nach Zürich erkrankt und obgleich gottlob bald wieder hergestellt, hat er doch bis jetzt noch immer der größten Ruhe und Schonung bedurft und deßhalb den ganzen Winter in einem schönen stillen Landaufenthalt am Hallwyler See zugebracht, wo er aber jetzt im Begriffe steht, heim- zukehren und es sich somit ermöglichen könnte, daß er dem fröhlichen Sängerstreit in Heidelberg beiwohnte, ob aber sein Befinden einen so stürmischen Abend gestattet, darüber können wir wie gesagt nicht urtheilen und er wird Ihnen selbst sagen, was geschehen kann und darf. An seinem Willen zu kommen wird es jedenfalls nicht fehlen. Wir wissen aus seinen Briefen, daß schon die Mittheilungen des Herrn Kapellmeisters Lachner ihm große Freude machten und er sich geehrt fühlt, diese leichten harmlosen Liedertexte von so vielen und zum Theil berühmten und ausgezeichneten Componisten beachtet zu sehn. Wir glauben sogar, daß dieser fröhliche Sängerkrieg noch viel zur Vervollständigung seiner Erholung und Erheiterung beitragen wird. Sie, verehrter Herr, haben dabei das Verdienst der Anregung und des ersten Gedankens und wir wünschen Ihnen von Herzen, daß Sie ungetrübte Freude daran erleben mögen. Was Ihre freundliche Einladung an meinen Mann betrifft, so ist er sehr gesonnen, davon Gebrauch zu machen, wenn die Beschwerden des Alters und sein vielfach wechselndes Befinden es ihm erlauben, es ist leider auch darüber im Augenblick noch nichts Bestimmes zu sagen, als daß die beste Lust dazu vorhanden ist. Mein Mann dankt Ihnen auch herzlich für die gütige llebersendung der Texte und läßt Sie bitten, verehrter Herr, bei uns einzukehren, wenn Sie hierher kommen, da er herzlich wünscht, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen, welchem Wunsche auch ich vollständig beistimme. Für den Fall, daß Sie unserm Sohne irgend etwas auf den Gesangkrieg Bezügliches noch selbst mittheilen wollten, setze ich Ihnen seine Adresse her: Dr. Jos. Viel. Scheffel bei Herrn Erismann in Breitenberg (Schweiz) am Hallwyler See, Eisenbahnstation Wildegg. Bis zum 4. wird er wohl noch dort fein, auch bis zum 5. März. Nocheiumal Ihrem Sängertag gute Sterne wünschend, zeichne ich mit Hochachtung Ihre ergebenste I. Scheffel-Krederer. (Fortsetzung folgt.) Red-Eon; A. Scheyda. — Druck und Verlag der Bsühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.