Hichener Zsamilienblcitter. BellEifches BeiblsK Mm Gießener KWiZer- x.-:--:--'- * ~—-t. —u- ]■ nii'- — 1 **~"~*~~——~~—-nirnwirurmiM um imi.iri«TnnnrrT«»iii । mn 11 ir -■ hht •- r~nrrmiirn.t tx—x.x - K?« 120. Dienstag den 12. October. 1886. Saat und Grnte. Roman von Ewald August König. (Fortsetzung.) Aber er war nicht der Mann, der so rasch seine Faffung verlor; schon nach wenigen Secunden warf er das Haupt trotzig zurück, und ein höhnischer Zug umzuckte seine Lippen. „Ich will nicht nach den Gründen fragen, die Dich zwangen, in der Wohnung eines andern Mannes ein Versteck zu suchen", sagte er in verächtlichem Tone; „es würde Dir schwer fallen, Dich zu rechtfertigen." „Mich trifft dieser Vorwurf nicht. Du weißt es selbst, nicht der leiseste Fleck kann auf meine Ehre fallen; Du spricht nur Zweifel aus, um mich zu beleidigen und die Anklage, die mit voller Wucht Dich treffen muß, abzuschwächen." „Eine Anklage?" erwiderte er spöttisch. „Ich kann ihr ruhig entgegensehen. Betrifft sie das amerikanische Duell, so gebe ich ohne Umschweife zu, daß dasselbe stattgefunden hat; eine Anklage gegen mich läßt sich hierauf nicht begründen. Salberg war mit dieser Art, unsere Angelegenheit zu erledigen, einverstanden, und offenherzig gestanden, wählten wir diesen Weg mit Rücksicht auf Deine Zukunft. Es waren Worte zwischen uns gefallen, die das Duell unvermeidlich machten. Wir liebten Beide Dich; keiner wollte freiwillig das Feld räumen, wir gelangten Beide zu der Ueberzeugung, daß Einer von uns aus dem Leben scheiden müßte — daß dieses Duell ein Kampf auf Leben und Tod sein würde. Welche Hoffnung aber blieb dem Sieger, wenn er, auch im ehrlichen Zweikampf, seinen Gegner niedergestreckt hatte? Würdest Du ihm seine Hand gereicht haben? Würde nicht der Schatten des Tobten zwischen ihm und Dir gestanden haben? Ueberdies hätte er entweder flüchten oder einige Jahre auf der Festung zubringen müssen, und so entschlossen wir uns, das Loos entscheiden zu lassen. Es konnte mich ebensowohl treffen wie ihn, und wäre Görlitz nicht zufällig dazu gekommen, so würde außer mir Niemand von diesem Geheimniß Kenntniß erhalten haben. Salberg zog das Toderloos, er hat sein Wort eingelöst, damit war die Sache abgemacht. Ich erzähle Dir die nackten Thatsachen und ver- schmähe es, sie mit hochtrabenden Phrasen auszuschmücken. Ich könnte Dir sagen, daß meine Liebe zu Dir mich zu jenem Kampf gezwungen habe; aber Du hast nie an diese Liebe geglaubt, niemals Werth auf sie gelegt." „Es wäre vergebliche Mühe, den Glauben an sie jetzt noch wecken zu wollen", sagte Vera, und ein Blick der Verachtung traf ihn aus ihren blitzenden Augen. „Ich will mich auch jedes Urcheils über jenes Duell enthalten; es war ein ehrliches Duell, der falsche Würfel stempelte es zum Mord." „Der falsche Würfel!" wiederholte Ackermann höhnisch. „Dir genügt also die haltlose Behauptung meines Feindes, um mich eines Verbrechens zu beschuldigen? Görlitz hatte diesen Vorwand ersonnen, um mir die Genugthuung zu verweigern, die ich für eine schwere Beleidigung zu fordern berechtigt bin." „Du wirst nicht erwarten, daß ich dieser Erklärung Glauben schenke!" „Zwingen kann ich Dich freilich nicht dazu", sagte er achselzuckend, „Du bist ja ohnedies nur zu sehr geneigt, gegen mich Partei zu nehmen. Hauptmann von Görlitz ist verlobt, er steht vor seiner Hochzeit, und er weiß, daß ich ihn nicht schoNLN würde, wenn er mir gegenüber träte. Die Feigheit greift oft zu seltsamen Mitteln —" „Herr von Görlitz hat Dir bewiesen, daß er kein Feigling ist, und niemals würde er zu solchen Mitteln greifen!" rief Vera entrüstet. „So soll er beweisen, daß jener Würfel derselbe ist, den er mir entwendet haben will!" „Vor dem Richter würde dieser Beweis schwer zu liefern sein, aber es giebt ein anderee Art der Beweisführung als die, welche das Gesetz verlangt, und Herr von Görlitz hat mich überzeugt, daß seine furchtbare Anklage begründet ist." Ackermann hatte die Lippen aufeinandergepreßt, sein Gesicht war fahl geworden, und die Adern auf seiner Stirn schwollen drohend an. „Wenn Du das glauben wirst, so werde ich Dich von der Haltlosigkeit dieser Anklage nicht überzeugen können", sagte er mit heiserer Stimme, und ein geringschätzendes Achselzucken begleitete diese Worte. „Rücksichten auf Deine eigene Ehre müßten Dir gebieten, dem Verleumder entgegenzutreten und Deinen Gatten zu vertheidigen; statt dessen verur- theilst Du ihn, ohne Beweise für seine Schuld zu ; verlangen I" „Einen Beweis, der mir genügen muß, finde ich ! in jenen Worten, mit denen Salberg Abschied von ! Dir nahm", erwiderte Vera mit gehobener Stimme. • „Drohte er Dir nicht mit dem Spruch de» höchsten Richters? Und was Anderes konnte ihn zu dieser - Drohung veranlassen, als die Ahnung, daß —" „Ich muß Dich nochmals ersuchen, mich mit diesen kindischen Vermuthungen zu verschonen!" fiel er ihr in's Wort. „Was nutzt es mir, diese Ver- muthung zu bekämpfen, wenn Du entschlossen bist, meinen Worten keinen Glauben zu schenken?" „Könntest Du nur Etwas zu Deiner Bertheidigung ansühren, was glaubwürdig wäre, so —" „Ich verzichte darauf. — Mir fehlt die Lust und auch die Zeit, das unnütze Wortgefecht weiter zu führen." „Ich werde Dein Haus noch in dieser Stunde verlaffen. — Versuche nicht, mich zmückzuhalten — eine Kluft ist zwischen uns entstanden, über die keine Brücke je wieder hinüberführen kann." Er zuckte wieder mit den Achseln und wandte das Antlitz ab. — Dieser Entschluß schien ihn nicht zu überraschen. „Bedenke das wohl", sagte er. „Die Folgen dieses Schrittes —" „Trage ich allein. Lieber ein Leben voll Sorge und Entsagung, als ein Wohlleben an Deiner Seite!" „Bah — dieser Heroismus hat ernste Schattenseiten — ich fürchte, Du wirst sie bitter empfinden. — Aber sei es, ich will Dir Nicht» in den Weg legen- Vielleicht ist es bester, daß wir uns trennen. So lange Du nicht diesen Verdacht aus Deiner Seele verbannst, kann der Friede nicht in unser Haus zurückkehren. — Wohin willst Du gehen?" „Ich werde bei einer Freundin so lauge eine Zuflucht suchen, bis ich mir eine bescheidene Existenz geschaffen habe." „Wozu das?" brauste er aus. „Die Existenzfrage bleibt mir überlassen. Ich werde Dir bei meinem Banquier eine Summe anweisen —" „Darauf verzichte ich!" „Was hindert Dich, mir diese Sorge zu überlasten? Bist Du zu stolz, aus meinen Händen anzunehmen was zu fordern das Gesetz Dich berechtigt ?" Vera hielt den Blick fest auf ihn gerichtet. Aus jedem Zuge ihres bleichen Gesichts sprachen Abscheu und Verachtung. „Die Gründe, die mir verbieten, eine Unterstützung von Dir anzunehmen, kannst Du errathm", erwiderte sie in einem Tone, der ihre unerschütterliche Entschlossenheit erkennen ließ. „Der Bruch zwischen uns muß ein vollständiger sein; nicht das kleinste Glied einer Kette darf mich noch an Dich fesseln. Mit leeren Händen bin ich in Dein Haus gekommen —■ so verlasse ich es auch wieder. Nur das, was im Laufe der Jahre mein Eigenthurn geworden ist, nehme ich mit." Ackermann hatte ihr den Rücken zugewandt; wüthend stampfte er mit dem Fuß auf den Boden. „Phrasen — Nichts als Phrasen!" sagte er höhnisch. „Die Noch wird Dich zwingen, den stolzen Nacken zu beugen und die Hand anzunehmen, die ich Dir biete!" . „Niemals!" „Wir werden sehen. Noth und Entbehrung hast Du noch nicht kennen gelernt." „Ich fürchte sie nicht. Sorge Du nur, daß nicht Schmach und Schande —" „Kein Wort weiter!" rief er zornig. „So lebe wohl. — Diese Minute scheidet uns für immer 1" Er schwieg. — Als er nach einigen Minuten sich umwandte, war er allein. Er legte die Hände auf den Rücken und durchmaß das "Zimmer mit großen Schritten. Nicht Vera traf fein Haß, sondern den Hauptmann von Görlitz, und die Frage, wie er diesen glühenden Haß befriedigen könne, beschäftigte jetzt allein feine Gedanken. Sie hatte ihn verlassen. Er kannte sie zu genau, um nicht zu wissen, daß weder Bitten noch Drohungen sie bewegen würden, ihren Entschluß zu ändern; jeder Versuch in diesem Sinne mußte zu einer neuen Niederlage führen, und er war zu stolz, diesen Weg zu betreten. Wenn er die Angelegenheit mit dem Hauptmann geordnet und seinem Haß gegen ihn Befriedigung verschafft hatte, wollte er in die Residenz zurückkehren und dort mit vollen Zügen dar Leben genießen. Ihn banden jetzt keine Rücksichten mehr; er konnte fortan leben, wie es ihm gefiel. Der Diener trat ein und überreichte ihm einen Bries. Unwillig über die Störung erbrach Ackermann das Siegel; aber kaum hatte er einen flüchtigen Blick auf die Zeilen geworfen, al« ein jäher Schrei seinen Lippen entfuhr. Der Banquier Morgeuroth plötzlich abgereist l — Das allein genügte, ihn da» Schlimmste befürchten zu lassen. „Wartet man auf Antwort?" fragte er den Diener, der an der Thür stehen geblieben war. „Nein, — aber heute Morgen war der Buchhalter des Bauquiers Morgeuroth schon zweimal hier —" „Weshalb ist mir das nicht sofort gemeldet worden?" — „Der gnädige Herr waren noch nicht aufgestanden." „Augenblicklich anspannen! Binnen zehn Minuten muß der Wagen bereit stehen." Der Diener verschwand. — Ackermann zog hastig seinen Paletot an und schob einige Papiere, die er aus dem Schreibtisch holte, in seine Rocktasche. Morgeuroth abgereist! — Vergessen war ja jetzt alles Andere vor dem Gespenst der Armuth, das so drohend vor ihn hintrat. So groß auch in den letzten Tagen sein Mißtrauen gegen den Banquier gewesen war — au diese Möglichkeit hatte er nicht gedacht. Ob es ihm gelang, noch einen Theil seines Vermögens zu retten? — Er bejahte diese Frage — es war die einzige und letzte Hoffnung, an die er sich klammerte. 478 Alles konnte Morgenroth ja nicht mitgenommen haben — es mußten Ausstände vorhanden sein, die wenigstens einen Theil seiner Forderungen deckten. Das Haus, da» Mobiliar, die Werthpapiere — da» Alle» zusammengenommen repräsentirte jedenfalls eine bedeutende Summe. Vielleicht war der Flüchtige bereit» ergriffen — dann floß auch das Geld, welches er mitgenommen hatte, in die Maffe zurück. Der Wagen stand endlich bereit. Ackermann warf einen Blick auf seine Uhr, — die Bureavx waren um diese Zeit geschloffen. Er nannte dem Kutscher die Adresse eines Rechtsanwalts — jeder Augenblick mußte jetzt benutzt werden. Der Advokat ließ ihn bitten, sich in seinem Cadinet einige Minuten zu gedulden; er saß noch bei Tisch und eine volle halbe Stunde verstrich, ehe er erschien. Ackermann trug ihm in fieberhafter Erregung die Sache vor und überreichte die Papiere, die der Rechtsanwalt sorgfältig prüfte. „Da« begreife ich nicht", sagte er kopfschüttelnd, indem er die Vollmacht gelesen hatte, von der Ackermann eine Abschrift besaß. „Damit haben Sie sich ganz in die Hände des Banquiers gegeben; er konnte Sie, wenn er es schlau anfing, um Ihr ganzes Vermögen betrügen —" „Ich weiß das Alles", unterbrach Ackermann ihn ungeduldig. „Leider war es schon zu spät, als mir die ganze Tragweite dieser Vollmacht klar wurde. — Hätte ich ahnen können, daß Morgenroth sich durch die Flucht seinen Verpflichtungen entziehen werde, dann würde ich einen Prozeß gegen ihn anhängig gemacht haben." „Und wa» hätzten Sie dadurch erreicht? < erwiderte der Advokat achselzuckend. „Sie konnten ihn nicht verhaften laffen — es stand ihm also trotz de« Prozeffes frei, abzureisen, wann es ihm beliebte." (Fortsetzung folgt.) Die Brandstifterin. Lriminol-Novelle von Andrt Hugo. (Fortsetzung). Ideal und Wirklichkeit- Sehr geehrter Herri „Umstände verschiedener Art zwingen uns, Ihnen für den Fleiß und die Ausdauer, mit denen Sie unseren Verein seit Jahren diriyirten, in Zukunft zu danken. Da nach unseren Statuten die Wahl des Dirigenten durch Stimmenmehrheit erfolgen muß, Sie aber bei der letzten Generalversammlung diese nicht erhielten, so haben Sie von diesem Posten zurückzutreten und Ihrem gewählten Rach« folger dar in Ihren Händen befindliche Vereins- eigenthum zu übergeben." In vorzüglicher Hochachtung Der Vorstand des Gesangvereins „Arion" Lehrer Kirchner drehte das sonderbar abgefaßte Schriftstück mehrmals in seinen Händen um, bevor er es zusammenballte und ärgerlich zu Boden warf. Aufgeregt durchmaß er mit großen Schritten das Zimmer. Was sollte das heißen? Hatte er nicht stet« seine Pflicht und noch mehr als diese gethan? Bei jeder Neuwahl war er nicht nur mit absoluter Stimmenmehrheit sondern sogar mit Stimmeneinhelligkeit gewählt worden und jetzt plötzlich war man mit ihm unzufrieden? — jetzt lehnte man in höflicher aber doch entschiedener Form seine weiteren Dienste ab. Er sah nach der Uhr. Ein schmerzliches convulsivisches Zucken um die Mundwinkel deutete auf den sich in seinem Innern entspinnenden Kampf. Hätte er nicht Klavierstunde für den bevorstehenden Stundenschlag angesctzt gehabt, er wäre sofort zu dem Vorstande gestürmt und hätte sich über die Beweggründe des von dem Vereine gethanen Schrittes vergewiffert, so mußte er aber warten, bis die angesetzte Unterrichtsstunde geendet. Die Uhr hob aus und verkündete die zweite Nachmittagsstunde. Eigenthümlich! Der sonst so pünktliche Schüler war noch nicht erschienen. Der Zeiger an der Uhr rückte weiter und weiter und eben hatte der große Zeiger den Ablauf der nächsten Viertelstunde markirt, als sich ein schüchterne« Klopfen an der Thür vernehmen ließ. „Herein!" rief Kirchner. Ein Dienstmädchen de» Kaufmanns Eckhausen erschien und zählte eine kleine Summe Geld auf den Tisch. „Herr Eckhausen läßt sich Ihnen bestens empfehlen und ersucht Sie gegen Rückgabe der in Ihren Händen befindlichen Marken über diese Summe zu quittiren. Unser Robert soll vorläufig keine Klavierstunden weiter erhalten, weil er zu sehr mit Schularbeiten überhäuft ist." Stillschweigend quittirte Kirchner und verabschiedete das Mädchen. „Sonderbar!" begann er, während er mit gesenktem Haupte durch die Stube schritt. „Erst vor Kurzem theilte mir Eckhausen mit, daß er sich über die Fortschritte im Klavierspiel seines Sohne» so außerordentlich freue und daß er eventuell gesonnen sei, demselben eine höhere technische Ausbildung auf einem Conservatorium angedechen zu laffen und jetzt? — plötzlich ist der Junge mit Schularbeiten zu sehr überhäuft — das verstehe wer will, ich nicht." „Bruno!" Frau Kirchner mußte ihren Ruf wiederholen, bevor ihr Gemahl die Anwesenheit seiner jungen Frau, die zur Seitenthür eingetreten war, bemerkte. „Ach Du bist e«?" sagte er verwirrt, sich die herabgefalleneu schwarzen Haare aus dem Gesichte streichend. „Entschuldige, ich hing meinen Gedanken nach und da habe ich Dein Kommen ganz und gar überhört. Die junge Frau sah ihren Mann fragend an. „Bruno, was hast Du? . . . Du bist aufgeregt; es ist etwas nicht nach Deinem Kopfe gegangen. 480 Sag mir'«, was es ist. Du weißt, daß ich der Mitwiffer aller Deiner kleinen Geheimnisse bin. Nicht wahr, mein Schatz, Du verbirgst mir nichts?" Dabei steckte sie ihren Arm in den feinigen und zog ihn nach dem Sopha. „O Volt, was sollte ich Dir zu verbergen gezwungen sein? Kaufmann Eckhausen hat die Klavier« stunden für seinen Sohn absagen lassen." „Eckhausen?" fragte erstaunt Frau Kirchner. „Ja, Eckhausen", wiederholte Kirchner. „Und der Grund?" „Der Junge sei zu sehr mit Schularbeiten überhäuft." „Das ist Dir nicht recht, mein guter Mann, aber ich freue mich eigentlich darüber, denn auf diese Weise kannst Du Dich wieder ein wenig mehr schonen. Du hast noch mehr als zu viel Stunden." „Es ist noch nicht alles. Der Gesangverein Arion hat einen neuen Dirigenten gewählt — ich bin durchgefallen." „Siehst Du, auch dies ist mir recht! Der Arion will nach dem „Goldenen Ring" übersiedeln. Die Wirthin ist Deine erste Liebe gewesen. Wie vielfach hätten da Mißhelligkeiten entstehen können." „Zwischen uni?" fragte Kirchner. „Aber, Mann, ich bitte Dich — zwischen uns? Du bist doch nicht klug! Ich weiß, was ich an Dir habe, ich weiß, daß Du mein treuer, braver Gatte bist . . . ." „Und Du, meine herzige Alice — nicht wahr, das bist Du?" „Wie kannst Du nur so fragen!" Der Blick Kirchners hatte bei seinen letzten Worten einen eigenthümlichen Ausdruck angenommen und seine Stimme war weich, auffallend weich geworden. Die Glocke des Vorraums unterbrach die kleine sich hier abspielende Scene. „Nun kann ich mich mit Dir trösten", ries Fran Kirchner, als sie wieder eingetreten war, auch mir ist eine gemachte Bestellung auf einen bestellten Sommerhut abgesagt worden. Er scheint heute ein Unglückstag für uns zu sein. Tröste Dich, — komm mein Bruno, laß uns ein wenig spazieren gehen. Im Freien, in Gottes schöner Natur, da zerstreuen sich alle Sorgen! Komm!" Kirchner willigte ein. „Das Lindenthal", ein von den Bewohnern der Stadt gern aufgesuchter, schattiger Vergnügungrort, wurde von dem jungen Ehepaar ausgesucht. Die Jahreszeit war noch rauh, und deswegen hatten sich die meisten Gäste in den Stuben vertheilt. Als die Beiden eintraten, blickten alle Anwesenden nach ihnen und die noch vor Augenblicken ziemlich laut geführte Unterhaltung wich einem vorsichtigen Flüstertöne. An einem der Tische saß eine befreundete Lehrersfamilie. Als sich Kirchner dem Tische näherte, machte der Mann zwar Platz, aber die Frau desselben schien absichtlich die Kinder neben den ver- muthlichen Platz der Kirchner zu setzen. Eine Unterhaltung zwischen den beiden Familien wollte nicht so recht in den Fluß kommen. Man brach deshalb zeitig wieder auf. Dir Ereigniffe der letzten Stunden waren von Beiden tief empfunden worden; nur getraute sich keins von Beiden darüber unverhohlen zu sprechen. „Da Du heute Abend nicht in den Arion zu gehen brauchst, so werde ich Dir einen guten Peccothee bereiten und mit Dir plaudern. Jst's Dir recht, Männchen?" sagte Frau Kirchner zu ihrem Gatten, als sie in die Nähe der Wohnung angekommen waren. Kirchner bejahte. „Dann gehe nach Hanse, ich will nur noch Thee beim Kaufmann holen." Kirchner begab sich gedankenvoll nach Hause. Hier angekommen entledigte er sich der überflüssigen Kleidungsstücke und trat dann an das nach der Straße führende Fenster. Die fämmtlichen heute erlebten Momente zogen noch einmal an ihm vorüber. Es konnte nicht anders sein! Die heutigen Vorkommniffe hatten eine gemeinschaftliche Ursache. Aber welche? Kirchner grübelte und grübelte. Ge- bankenreihe schloß sich an Gedankenreihe und eben wollte eine neue Kombination in feinem Hirn auftreten, als feine Frau laut weinend zur Thür hereingestürzt kam. „O du großer Gott! Wie bin ich unglücklich! Ich unglückliches Geschöpf!" Mit diesen Worten warf sich die schöne, junge Lehrersfrau auf das Sopha. Laut schluchzend barg sie das Antlitz in ihren Händen. Kirchner, dem der ganze Auftritt unverständlich war, eilte zu seiner Gattin und suchte sie zunächst zu beruhigen. Für die nächsten Augenblicke gelang ihm dies nicht. Erst al» der Thränenstrom der jungen Frau eine Zeit lang gedauert hatte, erzählte sie ihrem Gatten in kurzen, hastigen Sätzen das Vorkommniß. Sie war in den Kaufmannsladen getreten, um den gewünschten Thee zu holen, hatte diesen auch empfangen und war eben im Begriff gewesen, aus der Thür zu treten, als ihr die Wirthin des goldenen Ringes entgegen getreten war. Absichtlich war diese in die Thür getreten und hatte dort ihre Position behauptet. Auf die Bitte der Lehrersfrau, sie doch aus dem Laden treten zu lassen, ihr Mann warte auf den Thee, hatte diese nur die Arme in die Seite gestemmt und eine Fluth von Schmähreden über die Wehrlose ergossen. Eine solche „Berliner Putzmamsell", hatte sie gesagt, habe ehrlichen Bürgersleuten keine Vorschriften zu machen, wie lange sie in der Thür zu stehen hätten, von ihr habe noch Niemand im Zuchthause wegen Brandstiftung geseffen, sie habe keinen Einbrecher und Dieb zum Bruder und ähnliche Dinge mehr. (Fortsetzung folgt). Redaktion: A. Scheyda, — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.