Hichener Jamiüenblätter. Belletristisches Kriblatt pim Gießener Anzeiger. M. 94. Donnerstag den 12. August. 1886. Saal und Krnle. Roman von Ewald August König. (Fortsetzung.) „Gute Freunde?" spottete Keller. „Seid Ihr es mir jemals gewesen?" „Euer Feind war ich nie!" „Wem verdanke ich's denn, daß noch kurz vor meiner Auswanderung ein Strafantrag gegen mich erhoben wurde?" „Wollt Ihr das wissen, so braucht Ihr nur die Leute hier zu fragen", sagte Hellmuth achselzuckend. „Der junge Fahne war Euch schon damals nicht grün!" „Was? Der Wirth aus dem weißen Hirsch — " „Still, ich darf Euch ja nicht verrathen, wer Euch denuncirt hat; das wäre Verletzung meiner Amtspflicht. Euer Freund ist der junge Fahne nie gewesen, er ist es auch heute noch nicht, und hätte er hier allein zu gebieten, dann würdet Ihr mit Gensdarmen wieder über die Grenze gebracht." „Hat er das gesagt?" „Ich werde mich hüten, Euch Alles zu berichten, was er gesagt hat, aber ich rathe Euch, ihm drei Schritt vom Leibe zu bleiben; er könnte dem Referendar, der bei ihm wohnt, Mittheilungen über Euch machen." „Er?" fuhr der rothe Fritz auf. „War will er über mich sagen?" „Ich weiß nicht, was er damals entdeckt hat. Aus seinen Worten kann ich nicht klug werden. Seinen Schwager, den jungen Forst-Eleven muß er auch schon auf Euch aufmerksam gemacht haben —" „Der Lump soll sich um seine eigenen Angelegenheiten bekümmern und andere Leute ungeschoren lassen. Ich bin entschlossen, mein Brod ehrlich zu verdienen; aber wenn mir das unmöglich gemacht wird, dann —" Der Vagabund brach mitten im Satz ab, er bemerkte den tückischen Blick nicht, mit dem der Förster ihn beobachtete. „Versuchen kennt Ihr das immerhin", sagte der Letztere nach einer Pause, „aber ich fürchte, Ihr habt zu viele Feinde hier." „Ist der Wirth nicht auch Euer Feind?" unterbrach Keller ihn. „Wer hat Euch das gesagt?" „Nun, ich denke, Ihr hättet früher ein Auge auf des Oberförsters Marie geworfen. Wie kam's, daß der junge Fahne Euch den Rang ablief?" „Er war reicher als ich!" „Und Ihr habt ihm das nicht nachgetragen?' „Was sollte ich dagegen machen?" antwortete der Förster achselzuckend. „Zwingen konnte ich da«' Mädchen nicht; ich mußte mich in das Unabänderliche fügen." „Das hätte ich nicht gekonnt —" „Bah, Ihr müßt es jetzt auch! Hättet Ihr nicht den Wirth gegen Euch, dann ließe sich die Gemeinde vielleicht bewegen, Euch zu unterstützen; so aber dürft Ihr nicht darauf rechnen. Seht Ihr denn nicht, daß Euch Jeder aus dem Wege geht?" „Der Referendar hetzt die Leute gegen mich auf." „Unsinn, der wird selbst aufgehetzt. Es ist ein Unglück für Euch, daß er im „Weißen Hirsch" wohnt." „Oho! Wenn ich reden wollte, dann wäre dem Wirth bald das Maul gestopft!" rief der Vagabund erbost. „Fahne sagte, das seien leere Drohungen, über die er lache", erwiderte Hellmuth, scheinbar gleich- giltig. „Und ich glaube das auch, denn was könntet Ihr aursagen?" „Mehr, als Ihr ahnt." „Eure Drohungen waren gegen den Oberförster gerichtet!" „Und es ist möglich, daß ich schon heute oder morgen die Anklage gegen ihn erheben werde." „Hm, dann müßt Ihr Eurer Sache sehr sicher sein." „Das bin ich auch." „Und schließlich richtet Ihr doch Nichts aus, wenn Ihr nicht überzeugende Beweise beibringen könnt." „Wenn der Referendar mir nicht glauben will, dann gehe ich zu seinen Vorgesetzten." „Und bei denen gilt das Wort des Referendars mehr, als das Eurige", sagte der Förster in boshaftem Tone. „Mit den Herren vom Gericht ist nicht gut Kirschen essen; man muß es verstehen, mit ihnen umzugehen. Ihr kennt das nicht, Keller; sie würden nicht lange Umstände mit Euch machen, und sitzt Ihr wieder in Nummero Sicher, dann kann'« lange dauern, bis sie Euch entlassen. Wollt Ihr mir Eure Geheimnisse anvertrauen, dann kann ich Euch rathen —" „Hab' keinen Rath nöthig!" erwiderte der rothe Fritz, indem er wieder nach der Flasche griff. „Ich werde meine Sache schon allein ausfechten." „Also sind's, wie ich vermuthete, leere Drohungen!" $ „Sapperment, soll ich denn Jedem meine Ge« 874 Fr die in St< fass leie gär nor Au ©; Au „Hol' sie Alle der Teufel! und da» Alle» bat mrr der Wirth Fahne eingebrockt?" „Ich habe keinen Namen genannt. Wollt Ihr nicht offen sein, so bin ich es auch nicht. Ich kann Euch nur sagen, hütet Euch vor Euren Feinden und macht sie unschädlich, wenn Ihr es vermögt. Wollt Ihr mir noch immer nicht vertrauen?" „Heute noch nicht; in einigen Tagen vielleicht; geduldet Euch; ich werde sprechen, sobald ich e« darf." Der rothe Fritz schritt nach diesen Worten in den Wald zurück. Wüthend stampfte Hellmuth mit dem Fuß auf den Boden. Er hatte geglaubt, e» werde ihm nicht schwer fallen, die Geheimnisse diese» Manne» zu er« forschen, au» denen er alsdann eine Waffe gegen den Oberförster und dessen Schwiegersohn zu schmieden gedachte. Er wußte, daß er wegen d-» Attentats auf die junge Frau beim Forstamte angezeigt worden war, dafür wollte er Rache nehmen; und konnte er beweisen, daß sein Vorgesetzter selbst sich eine» Ver« brechens schuldig gemacht hatte, so verlor dadurch lene Anzeige ihre Bedeutung. Er hatte den Vagabund gegen den Wirth auf« gehetzt und dadurch wie durch Versprechungen seinen Zweck zu erreichen geglaubt; jetzt war er nicht weiter als vordem, und doch mußte, was geschehen sollte, rasch geschehen. Er blieb eine geraume Weile in Sinnen ver« funken,, dann folgte er langsam dem Wilddieb, der längst im Walde verschwunden war. Der Haß gegen den Gatten Marie'» wurzelte seit Jahren tief und fest in seinem Herzen, und nicht ihn allein sondern die ganze Familie der jungen r^rau traf dieser Haß, der jetzt jäh und wild auf« loderte. Hätte er sie Mr mit einem einzigen Schlage vernichten können, er würde keinen Augenblick ge« zögert haben, diesen Schlag zu führen. Ohne auf den Weg zu achten, war er weiter ge- schritten; jetzt schreckte plötzlich ein verdächtiges Geräusch ihn aus seinem Brüten auf. In kurzer Entfernung vor ihm raschelte et im welken Laub; dazwischen klang e», al» ob dürre Aeste gebrochen würden. „Holzdiebe!" dachte der Förster, während er behutsam, jedes Geräusch vermeidend, näher schlich. Wie aber erstaunte er, als sein Blick auf den rothen Fritz fiel, der mit Aufbietung aller Kräfte an einer alten Eiche emporkletterte. Rasch trat Hellmuth hinter einen mächtigen Baumstamm. Er konnte bei einiger Vorsicht von diesem Standpunkts aus den Vagabund beobachten, ohne selbst gesehen zu werden. Keller schwang sich auf den Ast hinauf und warf nach allen Richtungen hin scheue, spähende Blicke; den Lauscher entdeckte er nicht. An einer Schnur ziehend, die hier oben befestigt em und in den offenbar hohlen Stamm hineinhangen mußte, brachte er ein langes, schmales Packet zum - Bodei er vo s dann in de Theil 2 Tasch zuknö Pack« Schn 3 Tascs dabei 3 steh« entfei erst zurüi Gehe Mall auße Ohm wort schiel richt Gru ! de» g«fü Zwe blick Dro hob« miet an । tont sch» Heimnisse auf die Nase binden? Ich weiß ja nicht einmal, ob Ihr nicht mit dem Wirth unter einer Decke liegt —" „Das würde Euch wenig nützen. Wo das Geld ist, da ist die Macht; und Ihr seid eben auch ein armer Teufel, der heute nicht weiß, wovon er morgen leben soll. Nur dann, wenn es Euch gelingt, Euren Feind zu beseitigen, dürft Ihr auf bessere Zeiten m Euch von mir gesagt sein; ich kenne die Verhältnisse hier und weiß auch, was man gegen Euch int Schilde führt." r. »Gegen mich?" brauste Keller auf. „Ich habe hier noch Keinem ein Leid gethan —" "Ar habt durch Eure Rückkehr Allen ein Leid angethan, wie ein Gewisser noch gestern behauptete. Man spricht von einer Besserungsanstalt und vom Arbeitshaus , „"Das zu glauben, wäre Thorheit", erwiderte Hellmuth, und er sagte das in einem so drohenden, haßerfüllten Tone, daß der Vagabund die Wahrheit dieser Worte nicht bezweifeln konnte. „Im Gegen« theil, wenn Ihr an dem Manne Rache nehmen wollt, so dürft Ihr auf meinen Beistand rechnen. Aber dafür verlange ich Offenheit; ich muß klar sehen, sonst kann ich Euch nicht rathen und helfen." Keller schüttelte mit mißtrauischer Miene das rothe Haupt und fuhr mit der Hand langsam über das Gesicht. „Ihr wollt' mich ausforschsn", sagte er. „Aber ^rd Euch nicht gelingen. Ich verrathe jetzt noch Nichts, Ihr würdet mir doch nicht glauben." „Bah! Weshalb sollte ich Euch nicht Glauben schenken!" erwiderte der Förster ungeduldig. „Es kommt eben darauf an, was Ihr derzeit entdecke habt. Spracht Ihr nicht von dem Verschwinden einer Leiche?" "GebtssEuch keine Mühe", sagte der rothe Fritz, indem er sich erhob. „Habt Ihr mich nur deshalb hierher bestellt, um meine Geheimnisse zu erforschen, dann hättet Ihr Euch und mir den Gang ersparen können." „Wem nicht zu rathen ist, dem ist auch nicht zu helfen", spottete Hellmuth, ärgerlich die Brauen zusammenziehend. „Ich hab'» gut mit Euch gemeint, Ihr werdet das bald erfahren. Was Ihr auch thun mögt hofft nicht auf einen grünen Zweig zu kommen, Ihr habt zu viele Feinde hier. Wenn sie erlahmen wollen, so steht Einer hinter ihnen, der immer wieder Oel ins Feuer gießt. Derjenige, der Euch damals denuncirte, wartet auch jetzt wieder nur auf eine Gelegenheit, um Euch hinter Schloß und Riegel zu bringen." ö Der Vagabund preßte die Unterlippe zwischen die Zähne. Sein glühender Blick ruhte durchdringend auf dem gebräunten Antlitz des Försters. „Er soll sich in Acht nehmen vor mir!" sagte „Ich habe mir viel gefallen lassen; wenn meine Geduld zu Ende geht, dann trete ich nach allen Setten aus." 875 zum Vorschein, das er vorsichtig auf den lanbbedeckten Boden niederließ; sobald dies geschehen war, kam er von dem Baume herunter. Abermals blickte er sich nach allen Seiten um; dann öffnete er das Packet, und der Förster erkannte in dem ersten Gegenstand eine Büchse, die in mehrere Theile zerlegt werden konnte. Der rothe Fritz verbarg diese Theile in seinen Taschen und unter dem Rock, den er bis zum Kinn zuknöpste; dann öffnete er ein zweites, kleineres Packetcherr das, wie Hellmuth zu bemerken glaubte, Schmucksachen zu enthalten schien. Auch diese Sachen schob der Vagabund in die Taschen und ein triumphirendes Lächeln umspielte dabei seine Lippen. Der Förster blieb regungslos hinter dem Baum stehen, bi« der rothe Fritz, der sich gleich darauf entfernte, seinen Blicken entschwunden war; dann erst trat er, tief aufathmend, auf den Fußpfad zurück. Jetzt konnte er den Vagabund zwingen, ihm sein Geheimniß zu enthüllen; lag es doch nun in seiner Macht, ihn zu verderben. Was hatte dieser Bursche außer der Büchse aus dem Versteck hervorgeholt? Ohne Zweifel Gegenstände, die er nicht ehrlich erworben hatte. Auch die Waffe konnte gestohlen sein; schien es doch eine werthvolle Büchse zu sein. Hellmuth brauchte jetzt nur dem Referendar Bericht zu erstatten, so wurde der rothe Fritz auf Grund dieser Entdeckung sofort verhaftet. Aber das lag augenblicklich nicht im Jnterffe der Försters. Sein Haß war stärker al« sein Ehrgefühl; er wollte diese Entdeckung für seine eigenen Zwecke ausbeuten; er zweifelte jetzt keinen Augen- blick daran, daß der Vagabund sich durch seine Drohungen einschüchtern laffen werde. Darüber nachdenkend, nahm der Förster in ge- hobener Stimmung die unterbrochene Wanderung wieder auf; es galt jetzt nur, mit dem rothen Fritz an einem geeigneten Ort zusammen zu treffen, dann konnte die Waffe gegen die Familie Marie's geschmiedet werden. (Fortsetzung folgt). Französische Communen im Mittelalter (Nachdruck verboten.) In der Mitte des elften Jahrhunderts geben geschichtliche, aber leider höchst unvollständige Documente, die ersten Nachrichten von städtischen Verfaffungen in Frankreich. Das Verlangen der Bürger der Städte verschiedener Länder nach solchen Stadtver- fassungen trat gleichzeitig hervor und ist es nicht leicht festzustellen, woher jene die Gemeinwesen so gänzlich umgestaltende Bewegung ihren Ausgang genommen. Nur soviel ist erwiesen, daß dieselbe mit Ausnahme des damals durch die Mauren beherrschten Spaniens, alle Länder romanischer Zunge umfaßte. Augustin Thierry, einer der berühmtesten modernen französischen Geschichtsschreiber, hat die zweite Hälfte seiner „Fünfundzwanzig Briefe zur Geschichte Frankreichs", der Schilderung des Ursprunges der Communen, jener Stadtverfaffungen, gewidmet. Er beleuchtet die Verfaffungskämpfe der Städte Mans, Cambrai, Noysn, Beauvais, Saint.Quentin, Laon, Amiens, Soiffons, Sens, Reims, Vezelay u. a. m. eingehend. Bei der Aehnlichkeit der Bewegungen genügt die gedrängte Wiedergabe der Ereignisse, welche in den beiden ersten Städten, die Einführung einer städtischen Verfassung begleiteten, welche in dem Nachstehenden, unter Anlehnung an den vierzehnten der Thierry'schen Briefe versucht wird. Das Verlangen nach einer freieren Stadtver- faffung gab sich in Frankreich in allen jenen Gemeinwesen, welche zur Römerzeit Municipalstädte gewesen, frühzeitig mehr oder weniger kund. Obwohl zu Anfang des 11. Jahrhunderts alle ursprünglichen Abstammungsunterschiede längst erloschen waren, schien es doch, al« ob die Landesgeborenen, welche sich fünfhundert Jahre den Staatseinrichtungen fremder Eroberer gebeugt hatten, sich jetzt, nachdem dieselben vertrieben, auch von der Bevormundung durch Adel und Geistliche befreien wollten. Die Bewegung richtete sich zumeist gegen jene beiden Stände, welche von den Bürgern stets schwere Opfer und Abgaben verlangten. Oft standen sich Adel und Clerus in einer Stadt feindlich gegenüber, so daß dieselbe unter einer gemischten Oberherrschaft besonders litt, und richteten sich deshalb die Wünsche der Bürger, welche eines Standes waren, auch meist auf Ab- schüttelung jener verhaßten Bevormundung. Freilich lag auch ein Verlangen nach Freiheit den Verfassungskämpfen jener Zeit zu Grunde, und ließ die Städte Gefahren und Bedrängnissen aller Art Trotz bieten, jene Freiheit war aber vornehmlich eine materielle, und keine ideale. Man wollte in den Handels- und Verkehrsbeziehungen uneingeschränkt und Herr seiner selbst sein, und seine Güter seinen Kindern hinterlassen. Man verlangte nach Sicherheit de» Eigen- thums und des Erwerbs und suchte damals mit Opfern und Anstrengungen jenen persönlichen Rechtsschutz zu erwerben, welchen heute die staatliche und politische Verfassung fast aller europäischen Länder jedem Einwohner gewährleistet, ohne daß es dazu noch besonderer Verordnungen und Bestimmungen bedarf. Die modernen Revolutionen wurzeln meistens in den Meinungsverschiedenheiten zwischen den Völkern und den Regierungen, die Bewegungen oder Verfassungskämpfe des 12. Jahrhunderts hatten ganz anderen Ursprung. Es gab damals in Frankreich nur wenige Städte, welche unmittelbar dem König gehörten; die meisten Orte und Burgflecken waren Eigenthum der großen Barone und Kirchen, während die Städte mit Bischofssitzen ganz oder theilweise unter der Herrschaft ihrer Bischöfe standen. Oft stritt damals ein weltlicher Edelmann, wenn er Herr einer alten Burg und eines Viertels einer Stadt war, mit dem Prälaten um die Lehenshoheit und die Herrschaft über die übrigen Theile der Stadt. Manchmal besaß auch der König einen Thurm in derselben zu eigen, welchen dann sein Vogt mit Kriegern besetzte, und von den Bürgern durch diese Besatzung gewisse Abgaben einhob, die dann neben den Auflagen, welche die Bewohner der Stadt an den Bischof und an den weltlichen Lehnsherrn zu zahlen hatten, entrichtet werden mußten. Zum Glück für die Bürgerschaft waren aber meistens die verschiedenen Herren einer Stadt unter sich uneinig. Brach in einem Viertel eine Unzufriedenheit gegen den betreffenden Oberherrn aus, so fand dieselbe fast immer Unterstützung in dem Lehnsherrn des benachbarten Viertels. Verband sich aber die ganze Bevölkerung zu einer politischen Körperschaft, so fehlte es selten an der Bestätigung und Leitung der Empörung durch einen der Lehensherrn der Stadt, den die Bürger durch Geld ihren Wünschen geneigt gemacht hatten. So gab sich beispielsweise die Stadt Auxerre mit Einwilligung ihres einen Oberherrn, des Grafen von Auxerre, trotz dem Einsprüche des Bischofs, ihres zweiten Oberherrn, eine städtische Verfaffung. In Amiens stand hingegen bei ähnlichem Anlaß der Bischof auf Seiten der Bürger wieder dem weltlichen Lehnsherrn gegenüber. Im südlichen Frankreich, welches damals dem Königreich noch nicht einverleibt war, zeigten sich die Bischöfe im Allgemeinen den bürgerlichen Freiheiten so freundlich gesinnt, daß sie die Gründungen von städtischen Verfassungen (Communen) gerne förderten. Im eigentlichen Königreich Frankreich, sowie in Burgund und Flandern unterhielten dagegen die geistlichen Lehensherrn, theils mit, theils ohne den Beistand der Könige, einen blutigen Krieg gegen die freisinnige Verfassungen begehrenden Städte. Eine städtische Verfaffung ward übrigens, sobald die nach dem Vorbilde anderer Städte übernommene Bewegung einen glücklichen Ausgang erzielt, der anderen nachgebildet. Jene von Soiffons z. B. welche sich der größten Berühmtheit erfreute, ward wörtlich in die Urkunden von FiSme, Senlis, Compiegne und Sens' ausgenommen. Sie kam sogar bis nach Burgund und die Einwohner von Dijon entsagten, um die freisinnige Verfaffung von Soiffons in ihrer Stadt einzuführen, ihren alten städtischen Regierungseinrichtungen. Sie trasen die neue An- ordnung im Einverständniffe mit ihrem Lehnsherrn, bedangen aber, daß diese Verfaffung der größeren Sicherheit halber, vom König von Frankreich gewährleistet werden sollte. Philipp August entsprach diesem Begehren mit zwei Briefen, deren wesentlicher Inhalt folgender war: „Im Namen der heiligen und untheilbaren Dreifal'.igkeit, thun wir, Philipp von Gottes Gnaden König der Franzosen, Jedermann zu wissen, daß unser treuer Vetter Hugues, Herzog von Burgund, seinen Leuten von Dijon für ewige Zeiten eine Ver- fassung (Commune) nach dem Vorbilde jener von Soiffons, und unter Einschluß aller Freiheiten, die jene von Dijon zuvor besessen, gegeben. Der Herzog Hugues und sein Sohn Eudes haben jene Verfaffung unverbrüchlich zu halten und zu wahren beschworen. Darum gewähren wir auch nach ihrem Willen und auf ihr Verlangen die Aufrechterhaltung der Ver- fassung nach den folgenden Bestimmungen. Wenn der Herzog oder einer seiner Erben jene Verfassung auflösen, oder sich von ihren Verordnungen entfernen sollte, so fordern wir ihn mit aller Macht zur Be- folgung derselben auf. Weigert er sich, unserem Verlangen nachzukommen, so werden wir sowohl die Personen als die Habe der Bürger von Dijoumnter unseren eigenen Schutz nehmen. Wird eine Klage in dieser Beziehung zu unserer Kenntniß gebracht, so werden wir im Verlaufe von vierzig Tagen und nach dem Erkenntniß unseres Gerichtshofes den durch die Verletzung jener Verfassung entstandenen Schaden, von dem Schuldigen büßen lassen." Obwohl die Bewegung zur Erhaltung einer städtischen Verfassung in Frankreich im 11. Jahr- hundert, wie bereits angedeutet, eine allgemeine war, so erreichten doch zuerst zwei, wohl jetzt, aber nicht damals zu Frankreich gehörige Städte, Mans und Cambrai, zuerst das von vielen so heißerstrebte Ziel. Mans stand unter der Lehenshoheit der Herzöge der Normandie; sein Verfassungskampf ist eng mit der berühmten Eroberung Englands durch die Normannen verknüpft. Die Grafschaft Maine, welche zwischen zwei weit mächtigeren Staaten, der Normandie und Anjou eingekeilt lag, schien dazu bestimmt abwechselnd unter die Oberherrschaft des einen oder des anderen zu fallen. Aber trotz ihrer schwierigen Lage und der Schwäche ihrer Streitkräfte kämpften die Einwohner von Mans mit Opfer- muth für die Wiedergewinnung und Erhaltung ihrer nationalen Unabhängigkeit. Wilhelm der Eroberer ward einige Jahre vor seinem Zuge nach England als Oberlehnsherr von Maine durch den Grafen Herbert, den Herrn dieses Landes anerkannt. Herbert war ein großer Feind der Herrscher von Anjou und hatte, weil er oft zur Nachtzeit die Ortschaften jenes Landes überfiel, den drastischen aber bezeichnenden Namen „Hundewecker" (Eoeils-Chienr) empfangen. Als Lehensleute Wilhelm's von der Normandie, stellten die Bewohner von Mans ohne Säumen die nöthige Anzahl Ritter und Bogenschützen zum Zuge nach England. Als sie Wilhelm aber dort in Folge der Eroberung in Sorgen und viele Fährlichkeiten verwickelt sahen, dachten die Einwohner von Mans ernstlich daran, sich von der normännischen Oberherrschaft zu befreien. Den Adel, die Krieger, die Bürger, alle beseelte der gleiche Wunsch. Die von not. männischen Streitern besetzten Burgen des Landes wurden nacheinander erobert. Turgis von Tracy und Guillaume de la Ferte, die Befehlshaber des festen Schlosses von Mans, übergaben dasselbe und eilten mit allen ihren Landsleuten, welche der Rache der eingeborenen Bevölkerung entgangen waren, aus dem Lande. (Schluß folgt.) «edaetio»: 8L Schepda. — Druck imb »erlag der »rühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) ta Gießen.