Aießener Jamiüenblätter BLlleLristisches Beidlatt Mm KitHrner Knzriger. Gin Spiet des Zufasss. Roman in drei Bänden von Ewald August König. (Fortsetzung). „Ich fürchte, Sie spielen va banque", sagte er spöttisch. „Sie wissen ja, daß wir das Geld nicht haben und eine solche Summe auch nicht auftreiben können." „Und Sie wissen, daß ich das Alles besser weiß", erwiderte Sonnenberg kalt. „Sie könnten nun möglicherweise auf den Gedanken kommen, selbst va banque spielen zu wollen, daß heißt, den Versuch zu machen, ob Sie nicht durch schleunige Flucht sich der Erfüllung meiner Bedingung entziehen können. Sie werden wohl nicht so thöricht sein, diesen Gedanken auszuführen. Sie werden bei der Erwägung desselben nicht unberücksichtigt lassen, daß \ der Telegraph rascher ist als Eisenbahnen und Dampfboote und daß der Staatsanwalt in Ihrer Abreise unzweifelhaft einen Fluchtversuch finden würde. Sie sehen, wie sicher ich in jeder Weise meiner Sache bin, hoffen Sie also nicht, daß es Ihnen gelingen könne, mir eine Nase zu drehen." Der Banguier hatte sich nun auch erhoben, er zog seine Handschuhe an und knöpfte den Ueber- zieher zu, Spott und Hohn umzuckten noch immer seine Mundwinkel, er hatte diesem entschlofienen Gegner gegenüber keine andere Waffe mehr. „Wie gesagt, wenn Sie hundert Thaler haben wollen, so werde ich sie von meinem Schwiegersöhne borgen", versetzte er, „ich verkenne ja nicht, daß Sie sich in einer peinlichen Lage befinden und daß Sie meiner Frau den Vorwurf machen dürfen, Sie in diese Lage gebracht zu haben. Aber höher dürfen sich Ihre Wünsche nicht versteigen, Ver- ehrtester." „Ich könnte Ihnen darauf erwidern, daß ich sofort zum Staatsanwalt gehen würde, wenn Sie mir nicht das Versprechen geben, über meine Bedingungen nachdenken zu wollen", sagte Sonnenberg, der am Tische stehen geblieben war, um eine neue Cigarre anzuzünden. „Aber wozu? Ich weiß ja, daß Sie es auch ohne dies thun und morgen hierher kommen werden, um mir zu berichten, was Ihre Frau Gemahlin beschlosien hat. Von der Festigkeit meines Entschlusses sind Sie ja nun wohl überzeugt, Sie zweifeln gewiß nicht daran, daß ich ihn ausführen werde." „Sehr stark sogar!" höhnte Reichert. „Ihre Ruhe imponirt mir durchaus nicht, Sie haben zu viel für Ihre eigene Person zu fürchten, als daß Sie den Angriff noch wagen werden." „Ha, Sie wollen also nicht mit Ihrer Frau darüber reden?" Es war ein seltsamer Klang in dem Tone, in dem Sonnenberg diese Frage hingeworfen hatte, der Banguier, der schon an der Thür stand, wandte sich um und blickte ihn betroffen an, und in diesem Moment spiegelte sich wieder die geheime Angst in seinem fahlen Gesicht. „Gewiß will ich das", erwiderte er, „ich habe keine Geheimnisse vor meiner Frau." „So darf ich auch morgen Ihre Antwort erwarten ?" „Ja, aber ich glaube nicht, daß sie Ihnen gefallen wird. Adieu." Ohne eine Antwort abzuwarten, war Reichert hinausgegangen, das spöttische Lächeln umzuckte seine Lippen nicht mehr, als er das Haus verließ. Was nun? Er mochte über diese Frage, die sich ihm aufdrängte, nicht nachdenken, er wollte es seiner Frau überlassen, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ohne ihre Genehmigung durfte er ja doch keinen Entschluß fassen. Er wäre sofort nach Hause geeilt, aber er mußte vorher noch mit seinem Schwiegersöhne Menzel einige ernste Worte reden, seine Frau hatte ihn damit beauftragt. Als er die Straße, in der Sonnenberg wohnte, verlieb, ging er an einem kleinen, hageren Herrn vorbei, der hier vor einem Schaufenster stand und die ausgelegten Gegenstände betrachtete. Der Herr trug einen hohen Cylinderhut, der die schwarze, gekräuselte Pcrrücke nicht ganz bedeckte, eine blaßblaue Brille und trotz des Thauwetters einen langen, mit Pelz besetzten und gefütterten Rock. Er machte den Eindruck eines vornehmen Herrn aus der Provinz, der sich in der großen Stadt einige Tage zum Vergnügen aufhalten wollte. Reichert hatte nicht auf ihn geachtet, ihn kaum gesehen; er sah auch nicht, daß dieser Herr ihm langsam folgte, scheinbar absichtslos wie ein Müßiggänger, der die Zeit nicht todtzuschlagen weiß. Er würde keinen Argwohn geschöpft haben, wenn er es auch bemerkt hätte, die gelangweilte Miene des Fremden konnte ihm kein Mißtrauen einflößen. Viele begegneten ihm, mit denen er früher in geschäftlicher Verbindung und auf freundschaftlichem Fuße gestanden hatte; er bemerkte wohl, daß sie sich absichtlich abwandten, nm ihn nicht grüßen zu müssen und er konnte daraus erkennen, wie sehr die Behauptungen Sonnenbergs begründet waren, daß er nach seiner Verhaftung keine Freunde finden und Niemand an seiner Schuld zweifeln würde. Er knirschte mit den Zähnen vor Wuth, und mitunter entfuhr eine Verwünschung seinen Lippen, und in wachsender Aufregung über diese ihm widerfahrenen Beleidigungen erreichte er endlich das kleine Haus in der belebten Straße, in der Julius Menzel sein Geldwechsel-Geschäft betrieb. Menzel war allein; er stand hinter dem langen Zahltisch, der den engen Raum in zwei Hälften theilte. „SDu bist ja merkwürdig echauffirt", sagte er, als er in das stark geröthete Antlitz seines Schwiegervaters blickte, der, nach Athem ringend, Hut und Schirm auf den Zahltisch legte und sein Taschentuch hervorholte, um sein kahles, schweißbedecktes Haupt abzureiben. „Hab' auch Ursache dazu", brummte Reichert. „Was hab ich denn den Kaffem gethan, daß sie mich nicht mehr grüßen?" „Ach so, Deine Creditoren?" bemerkte Menzel sarkastisch. „Du bist wohl einigen von ihnen begegnet ?" „Wenn ich ihnen noch einmal begegne, sehe ich fie nicht an", fuhr Reichert entrüstet auf. „Ich glaube, das ist das Beste, was Du thun kannst." „Na, na, Du wirst dieses gemeine Benehmen doch nicht billigen wollen? Ist es denn meine Schuld, daß sie ihr Geld verlieren?" „Hm, Viele von ihnen behaupten es", antwortete Menzel, indem er einen Courszettel von seinem Pult nahm und ihn mit einem andern Zettel verglich. „Der Stadtrath hat leider die Dummheit begangen, einigen Creditoren Deine Bücher vorzulegen und ihnen dazu Erläuterungen zu geben, die er besser unterlassen hätte. Sie wissen nun, daß Du auch ohne den Diebstahl bankerott gewesen wärst, daß Du Dich an faulen Speculationen be- theiligt —" „Bitte, nicht weiter! Wenn das Alles Wahrheit wäre, so könnte ich Dir doch nicht das Recht einräumen, mir in dieser verletzenden Weise Vorwürfe zu machen." „Ja, dann darfst Du mich auch nicht fragen, woher es komme, daß die Leute Dich nicht mehr grüßen", sagte Menzel achselzuckend. „Wenn Du nicht die Wahrheit hören willst, dann frage auch nicht." „Ich muß eine andere Frage an Dich richten", erwiderte der Banquier unwirsch. „Leonie sagte mir heute Mittag, Du seiest fest entschloffen, die Villa meinen Creditoren zu übertragen. Ist das wahr?" „Jawohl", nickte Menzel. „Die Villa ist nicht Dein Eigenthum!" „Sehr richtig, aber Leonie hat sofort ihre Zustimmung gegeben, als ich ihr meine Beweggrund auseinandersetzte." „Diese Gründe sind einfach lächerlich!" sagte Reichert in gereiztem Tone. „Meine Kinder sind nicht verpflichtet, die Geschenke, die ich ihnen gemacht, wieder herauszugeben. Dann könnten meine übrigen Töchter auch die Aussteuer, die sie empfangen haben —" „Davon kann keine Rede sein. Diese Villa kann nicht zur Aussteuer Leonie's gerechnet werden, und überdies warst Du schon fallit, als Du sie kauftest. Wenn die Richtigkeit dieser Behauptung festgestellt sein wird, dann fordern die Gläubiger die Villa auf gerichtlichem Wege zurück, und auf diesen jedenfalls skandalösen Proceß will ich nicht warten." „Unsinn!" knurrte Reichert; „Niemand wird an diesen Proceß denken, und wenn man ihn dennoch gegen Dich anstrengt, so kannst Du ihn nicht verlieren. Das ist es auch nicht, was Du befürchtest, D« möchtest Dich nur als ein Ehrenmann aufspielen, bedenkst aber dabei nicht, daß Du mir selbst dadurch einen Tritt giebst. Wenn Deine Ehe, wie ich hoffe und wünsche, mit Kindern gesegnet sein wird, so werden diese Dir später einen herben Vorwurf daraus machen, daß Du ihren Großvater beschimpft hast." „Im Gegentheil, sie werden mir sagen, daß ich Recht gethan habe, und was das Aufspielen als Ehrenmann betrifft, so brauche ich mich wohl Dir gegenüber nicht zu vertheidigen. Ich möchte nicht gern bitter werden, und deshalb ist es wohl besser, wir verlieren über diese Angelegenheit kein Wort weiter." „Und ich sage Dir noch ein Mal: es ist Unsinn!" fuhr Reichert auf. „Was wird dann beim Verkaufe der Villa herauskommen? Einige Procente für die Gläubiger, und diesen kleinen Zuwachs werden sie wohl auch verschmerzen können." „Und wenn für sie nichts dabei herauskäme, so würde ich dennoch so handeln, wie die Gesetze der Ehre es mir gebieten", sagte Menzel in entschlossenem Tone. „Ich habe bereits eine Wohnung in der Stadt gemiethet, sie kann in den nächsten Tagen bezogen werden, ich will aber mit dem Umzuge warten, bis ihr abgereist seid." „Also so weit wären wir schon?" erwiderte Reichert mit wachsender Gereiztheit. „Du bist ja in der Ausführung Deiner Entschlüffe sehr rasch. An die Folgen hast Du wohl nicht gedacht?" „An welche Folgen, wenn ich fragen darf?" „Glaubst Du, daß meine Frau Dir das jemals verzeihen wird?" „Nein, das glaube ich nicht", antwortete Menzel gelassen, während er einen prüfenden Blick auf das vergitterte Schaufenster warf, vor dem der 'Herr im Pelzrock schon seit einer geraumen Weile stand. „Ihren Zorn muß ich freilich über mich ergehen lassen, aber wenn's mir zu bunt wird, dann nehme ich kein Blatt vor den Mund; es wäre auch viel- 19 leicht ganz gut, wenn sie darauf aufmerksam gemacht würde." Der Banquier hatte seinen Schirm vom Tisch genommen und stieß zornig damit auf den Boden. „Meine Frau läßt Dir sagen —" „Ich kann's errathen, es ist unnöthig, daß Du es mir berichtest. So anKenehm mir unter anderen Umständen die Villa als Geschenk gewesen wäre, so peinlich ist es mir jetzt, sie bewohnen zu sollen. Ich habe schon manche unliebsame Bemerkung darüber hören müssen. Und wenn man Geschäftsmann ist, muß man immerhin auf das Urtheil der öffentlichen Meinung einigen Werth legen." „Natürlich, der Nimbus des Ehrenmannes —" „Bitte, darauf reflektire ich nicht — womit kann ich dienen?" Die letzten Worte galten dem Herrn im Pelzrock, der eben eingetreten war. „Kaufen Sie englische Banknoten?" fragte der Fremde, indem er die Brille dichter vor die Augen schob und einen prüfenden Blick auf Reichert warf. „Gewiß", nickte Menzel; „das ist mein Geschäft." „Ich habe einen ziemlich bedeutenden Betrag." „Wieviel?" „Zweitausend Pfund Sterling." „Hm, in einer Stunde kann ich Ihnen den Gegenwerth in deutschem Gelde auszahlen, wenn Sie sich so lange gedulden wollen." „O, ich habe Zeit, ich werde einige Tage hier bleiben', erwiderte der Fremde lächelnd. „Man verliert hier so viel an den englischen Banknoten, wenn man sie im Hotel in Zahlung giebt, deshalb möchte ich sie verkaufen. Ich habe vor, mich längere Zeit in Deutschland aufzuhalten und in dem Lande, in dem man sich befindet, muß man mit der Landesmünze rechnen." Die letzten Worte waren an Reichert gerichtet, der zustimmend nickte. „Ich könnte ja morgen wiederkommen", fuhr der Fremde fort, aber vorher müßten wir doch feststellen, welchen Cours Sie mir zahlen wollen." „Sechs Thaler zweiundzwanzig", antwortete Menzel. „Nicht mehr?" fragte der Fremde erstaunt. „So ist heute der Cours für englische Banknoten." „Können Sie nicht sechs dreiundzwanzig geben?" „Unmöglich!" „Das thut mir leid, billiger möchte ich gerade nicht verkaufen." „Mehr giebt Ihnen heute und voraussichtlich auch in den nächsten Wochen Niemand", sagte Menzel achselzuckend. „Und doch ist in London das deutsche Geld werihloser." „Mag sein; aber Sie werden begreifen, daß ich mich beim Ankauf wie beim Verkauf nach unserem officiellen Courszettel richten muß. Hier ist er, lesen Sie selbst." „Ja, ja", nickte der Fremde mit einem prüfenden Blick auf den Zettel; „das begreife ich wohl, aber ich würde doch zu viel verlieren. Ich muß mir das vorher noch überlegen, vielleicht finde ich im Hotel einen Reisenden, der nach England will, der zahlt mir mit Freuden mehr." „Schwerlich!" sagte Menzel lebhaft, der auf das Geschäft nicht gern verzichten zu wollen schien; „Niemand wird Ihnen mehr zahlen als den Cours. Aber Sie können cs ja versuchen und sich dann die Sache noch einmal überlegen; ich werde das Geschäft gern mit Ihnen machen, wenn Sie morgen wiederkommen wollen." Fortsetzung folgt. Mach yofiem Ziel. Novelle von Moritz Lilie. (Fortsetzung.) „Gestehe es Dir nur getrost ein, Victor, Du bist verliebt bis über die Ohren, deshalb aber brauchst Du noch nicht zu verzweifeln", beruhigte den jungen Landwirth sein Begleiter. „Du mußt Gelegenheit finden, Dich der Auserwählten nahen, Dich ihr offenbaren zu können, und vielleicht ist es mir möglich, dies zu vermitteln." Victor faßte den Arm des Freundes und preßte ihn krampfhaft, so daß dieser sich lächelnd bemühte, die umspannende Hand abzustreifen. „Könntest, wolltest Du das, Alfred? O, wie glücklich würdest Du mich machen!" rief er aus und seine Augen leuchteten in heller Freude auf. „Du hörtest, daß der Baron die Tugend der Gastfreundschaft im weitesten Umfange übt, daß er gern Gäste bei sich sieht und für seine Freunde stets offene Tafel hält," sagte der Staatsbeamte nach kurzem Besinnen. Ich bin ihm einen Höflichkeitsbesuch schuldig und werde morgen, meiner ursprünglichen Absicht entgegen, das Versäumte nachholen. Bei dieser Gelegenheit werde ich ihn um die Er« laubniß bitten, Dich in seinem Hause einführen zu dürfen, ein Wunsch, den er zweifellos in zuvorkommendster Weise gewährt, denn der alte Herr ist etwas eitel und wird es sich zur Ehre schätzen, wenn der Herr von Rauschendorff, der Sohn des bekannten Großgrundbesitzers, ihm vorgestellt zu werden wünscht. Das Uebrige ist dann Deine Sache." „Alfred, Freund — laß Dich umarmen —" „Ich verzichte zu Gunsten Deiner künftigen Braut auf diesen Beweis Deiner Zuneigung", unterbrach ihn der Legationssekretär lachend, indem er einen Schritt zurücktrat, um dem Freunde, der allen Ernstes Miene machte, seinen Vorsatz aus offener Straße auszuführen, dies zu vereiteln. „Und Du willst schon morgen den Baron besuchen?" fragte Victor hastig. „Die Angelegenheit darf nicht verschoben werden", 20 entgegnete Jener. „Ich erfuhr zufällig, daß Eschenheim mit seiner Familie in nächster Zeit ein Landhaus beziehen wird, um einen Theil des Sommers dort zu verleben; wir dürfen also nicht zögern. Ist die Sache erst eingefädelt, dann wird es nicht schwer sein, sie fortzuspinnen; wie man sagt, überwindet die Liebe ja mit Leichtigkeit Raum und Zeit." „Wie soll ich Dir danken, Alfred?" rief der junge Gutsherr mit einem innigen Freundesblick auf feinen Begleiter. „Durch eine Einladung zur Hochzeit!" scherzte dieser, „nur muß dieselbe noch in diesem Jahre stattfinden, sonst möchte ich an der Theilnahme verhindert sein, da ich Aussicht habe, mit Beginn des Winters einer unserer auswärtigen Botschaften attachirt zu werden." Vom Dome verkündete die Glocke in tiefen, vollen Tönen die sechste Abendstunde, und die metallenen Schwestern ringsum riefen von den Thürmen die gleiche Kunde über das Häusermeer der Hauptstadt dahin. „Sechs Uhr — es ist Zeit, Toilette zu machen", sagte Alfred, einen Blick auf seine Uhr werfend. „Nach dem Theater noch auf ein Stündchen in unserem Cafe." Er reichte dem Freunde die Hand und eilte raschen Schrittes davon, während Victor seinen Weg langsam fortsetzte. In tiefes Nachdenken versunken, bemerkte er nicht, was um ihn vorging; in der Allee drängten sich die Spaziergänger, und auf der Fahrstraße begegneten sich Fuhrwerke aller Art, Equipagen, Tramways, Frachtgeschirre und Hundewagen ' in buntem Gemisch. Oben in den Wipfeln der mit frischgrünem Laube geschmückten Bäume aber sangen Finken und Meisen ihr fröhliches Abendliedchen, unbekümmert um das Wogen und Treiben des großstädtischen Lebens unter ihnen. Plötzlich drangen laute Angstrufe an das Ohr des jungen Landwirths und weckten ihn aus seinen Träumereien. Die Spaziergänger vor ihm sprangen entsetzt zur Seite, Kindermädchen flüchteten mit den ihnen anvertrauten Schützlingen hinter die Bäume, und die Wagen bogen weit aus, um dem drohenden Unheil; zu entgehen. Die Straße entlang kam ein elegantes Gespann in rasendem Laufe dahergejagt; der Kutscher fehlte, offenbar war er vom Bock herabgeschleudert worden, und die wüthenden, zügellosen Thiere waren nun sich selbst überlassen und rannten, kein Hinderniß achtend, auf der belebten Straße dahin. Zwei Damen saßen im Wagen in augenscheinlicher Lebensgefahr; jeden Augenblick konnte die Kutsche zerschellen und dann war ein schweres Unglück unausbleiblich. Die eine der beiden Frauen war bleich und mit geschloffenen Augen in die Kiffen zurückgesunken, eine wohlthätige Ohnmacht schien ihre Sinne gefeffelt zu haben; die andere aber saß aufrecht und preßte mit beiden Händen das Taschentuch vor das Gesicht, um die nahende Katastrophe wenigstens nicht sehen zu müssen. Mit banger Besorgniß schauten die Passanten auf die bedrohten Insassen des Wagens; Rufe des Mitleids und Aufforderungen zur Hilfe wurden laut, aber Niemand besaß den Math, die wild dahinstürmenden Rosse aufzuhalten. Unerwartet bogen die scheuen Thiere nach dem Promenadenwege ein, auf welchem sich eine Menge Menschen angesammelt hatten, um der Entwickelung des tragischen Schauspiels zu folgen. In höchster Angst stoben sie auseinander, als die Gefahr nahte und flohen in die benachbarten Häuser. Im nächsten Augenblicke mußte der Wagen an einen der Alleebäume geschleudert und zertrümmert werden, den bedauernswerthen Frauen aber stand in diesem Falle ein trauriges Loos bevor. Jetzt mußte der unheilvolle, Tod bringende Anprall erfolgen — — — bebend schauten die Männer dem kommenden Unglück entgegen, die Frauen aber wandten sich ab, um das Schreckliche nicht zu sehen. Da — im Momente der höchsten Gefahr, warf sich Victor den schäumenden Thieren entgegen, und mit kräftiger Faust riß er sie zur Seite, nach der Fahrstraße hinüber, der Wagen lenkte von den Bäumen ab — die darin sitzenden Frauen waren gerettet. Die Art, wie Victor die wüthenden Rosse zu bändigen versuchte, verrieth die kundige Hand des Landwirthes, der mit Pferden umzugehen versteht, aber der persönliche Muth, welchen der junge Mann bewies, fand die laute Anerkennung de» Publikums. Eine Sekunde lang stutzten die Thiere, dann aber bäumten sie sich hoch auf und versuchten auf'» Neue davon zu rasen. Victor hatte die Zügel gefaßt und mit aller Kraft angezogen, die Pferde aber waren stärker als er; er ward niedergeworfen und eine Strecke weit geschleift. Vergeblich versuchte der junge Mann sich von den Zügeln, die ihn umschlungen hatten, zu befreien, es gelang ihm nicht; wiederholt schlug sein Haupt auf den harten Boden auf, ein dumpfes Brausen durchbebte sein Gehirn, dann wurde es tiefe, schwarze Nacht vor seinen Augen. Ein leiser Angstschrei, der aus dem Wagen zu kommen schien, war der letzte Laut, den er vernahm: ihm war, als breite der Tod seine dunklen Fittiche über ihn aus — mit dem Bewußtsein schien ihm auch das Leben zu schwinden. Angeeifert durch das heroische Beispiel des jungen Landwirths sprangen einige Herren aus dem Publikum herzu, um die Pferde vollends zu besänftigen, was auch bald gelang. Den muthigen Retter aus der Lebensgefahr aber trug man jetzt selbst blutend und leblos fort in die nahe Wohnung eine» Arztes. (Fortsetzung folgt). Redaetion: 31. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gieße».