Gießener ZsamilienMtter. Bellettistischrs DeiblKÜ Mm Gießener Anzeiger. M. 55. Dienstag den 11. Mai. ____ 1886. Die Aalfchmürrzer. Criminal-Nvman von Gustav Lössel. (Fortsetzung). Ihre kluge Freundin wußte auch in diesem Falle Rath und tröstete sie, indem sie sagte: „Sei versichert, daß, wenn man Eduard gefangen hätte, Du schon Etwas davon gehört haben würdest. Man wird nun bereits in M. wissen, was ihn zur Flucht veranlaßt hat, nämlich das verhängnißvolle Telegramm aus der Residenz. Natürlich wird man nun bemüht sein, den unbekannten Warner zu ermitteln. Der nächste Verdacht fällt aber auf Dich, und darum steh' Dich vor. Laß Dich nicht überrumpeln und nicht durch falsche Vorspiegelungen zu einem Zuge- ständniß verleiten, auch dann nicht, wenn man Dir auf den Kopf zusagt, daß Du die heimliche War- nerin gewesen. Von Deiner Begegnung mit Eduard sagst Du ebenfalls nichts. Dagegen wirst Du bei einiger Aufmerksamkeit aus den Fragen des Herrn Assessors oder sonst westen merken, was man von Dir gerne wissen will, denn das eben weiß man nicht." Getröstet und mit neuer Hoffnung beseelt, verließ endlich Hedwig ihre Freundin, um sich nach dem Theater zu begeben. Sie hoffte, daß recht bald, heute noch, Jemand kommen werde, um sie nach Eduard zu befragen. Aber der Tag ging hin, und Niemand ließ sich blicken. Das war nun eine neue Quelle der Beunruhigung für Hedwig. Man mußte also doch Alles wissen, um keine Veranlassung zu einer Frage an sie zu haben. Und wie dieser, so vergingen die nächsten Tage. Niemand kam. In voller Verzweiflung rief Hedwig noch einmal den Rath ihrer Freundin. „Ich werde Wilhelm befragen", sagte diese. „Er hat Connexionen mit der Polizei und wird es alsbald erfahren, ob man Eduard schon ergriffen hat oder von seinem Verbleib Etwas weiß." Hedwig war zwar besorgt, daß man damit der Entdeckung eine neue Pforte öffne, aber Ida wußte ihr Bedenken zu beschwichtigen. „Ich habe ja doch kein Geheimniß vor Wilhelm", sagte sie, „und be- daure nur, ihn nicht schon früher befragt zu haben. Freilich, wenn man sich so selten sieht wie wir, hat man genug Eignes zu besprechen, um auch noch an Andere denken zu können." Hedwig mußte zugestehen, daß sie bei einer Begegnung mit Eduard ihrer Freundin und deren unglücklicher Liebe ebenfalls nicht gedacht haben würde. Ehe sich nun aber eine Gelegenheit sand, Wilhelm Ebers ins Vertrauen zu ziehen, kehrte Solt- mann aus M. zurück, und nach einer flüchtigen Verständigung mit Nacheis begab er sich alsbald zu Hedwig, um sie nach dem zu befragen, was er gern wissen wollte. Diesmal war ihre Mutter zugegen, die sehr zungenfertig und eine resolute Fran war. Kaum hatte diese sich von ihrem Staunen über das Gehörte erholt, so fiel sie über den kecken Frager her und belehrte ihn gründlich über das, was er von ihrer Tochter und ihr selbst zu halten habe. Soltmann war aber dieser schwierigen Situation gewachsen; er war nicht das erste Mal, daß er so scharf attaquirt wurde, und als besonnener Mann schwieg er, bis Frau König ihr erstes Pulver verpufft hatte. Inzwischen hatte aber Hedwig Zeit gefunden, sich zu sammeln, und durch ihrer Mutter Beispiel ermuthigt, beharrte sie auf ihrer Aussage, Nichts zu wissen. Der Assessor mußte unverrichteter Sache wieder abziehen, die beiden Frauen triumphlrten. In sehr verdrießlicher Stimmung verließ Soltmann das König'sche Haus. Hedwig war gleich nach der Rückkehr des Kommissars polizeilich beobachtet worden; man hatte aber nichts Auffälliges bemerkt, so daß er selbst nicht mehr daran zweifelte, daß Eduard nicht in der Residenz, sondern zugleich mit seinem Complicen, dem nicht zu ermittelnden Baron Dryden, nach auswärts entkommen sei. Von des Letzteren Aufenthalt wußte Hedwig ebenfalls nichts, als daß er in der Residenz lebte. Und nicht anders war es mit Duprat und dem Kommerzienrath. Auch diese waren beobachtet worden, ohne daß etwas"Verdächtiges zu Tage getreten wäre. Zwar war Duprat seinen Verfolgern eines Tages entkommen, als er ein Haus mit zwei Ausgängen betrat, in dem man dann vergebens nach ihm forschte, aber seitdem war er noch schärfer beobachtet worden, und doch war auch hier das Resultat gleich Null. „Ich habe keine Lust und keine Veranlassung, mich diesen Beiden jetzt gegenüber zu stellen", murmelte Soltmann. „Aber was kann ich nun noch thun?" Er stand einen Augenblick unschlüssig, an den Spitzen seines wohlgepflegten Schnurrbartes knabbernd; dann schlug er gedankenvoll die Richtung nach seines Freundes Neubert Wohnung ein. 218 Er fand Letzteren nicht zu Haus und das vermehrte seinen Verdruß. Man hat eben Tage, wo einem Nichts nach Wunsch geht. Nach dem Kommissariat zurückgekehrt, ward ihm von Racheis eine sehr erstaunliche Mittheilung. „Wir befinden uns auf einer falschen Fährte", sagte er, „und was ich gleich anfangs sagte, als wir die Mordstätte in der Schwedengasse besichtigten, findet durch das Bestätigung, was Neubert seit dem Ueberfall im „Fuchsbau" ermittelt und mir soeben mitgetheilt hat." Des Assessors Züge verlängerten sich mit jedem Wort, das der Kommissar sprach. „Neubert hätte —" sagte er, und weiter brachte er es nicht. Der Gedanke, daß er in der Irre gegangen und sein kleiner Kollege Alles entdeckt hatte, erweckte denn doch seine lebhaftesten Bedenken und nicht zum mindesten seinen Neid. Der Kommisiar lächelte selbstzufrieden, nicht sowohl wegen Soltmann's Enttäuschung als vielmehr deswegen, daß seine Ansicht von dem Mord in dec Schwedengasse nach so langem Suchen Bestätigung gefunden. „Ich wußte gleich", nahm er wieder das Wort, „daß es sich da in erster Linie um einen Raubmord handelte, und äußerte meine Meinung gegen den Kommerzienrath dahin, daß hier ein neues, frevelhaftes Attentat der Anarchisten vorliege." „Ich entsinne mich deflen", erwiderte Soltmann, „denn ich war es, der dieser Ansicht entgegentrat; und das thue ich auch jetzt noch, bis ich es erwiesen sehe, daß Sie damals Recht gehabt." „Und den Beweis dafür hat Neubert erbracht", sagte, noch immer lächelnd, der Kommissar, „ad.’ 1: das Kostüm, welches der so schwer verdächtigte Eduard Etwold in jener unglückseligen Ballnacht getragen, ist von Neubert rekognoscirt worden." „Von Neubert selbst doch nicht?" wandte Soltmann ungläubig ein, „da er es früher ja nie gesehen hat." „Aber von dem Personal des Hotels", entgegnete Racheis, „in welchem Herr Eduard während seines kurzen und geheimen Aufenthalts hier logirte." „Er hätte seinen Namen in das Fremdenbuch eingetragen?" „Nein, das hat er zu. umgehen gewußt und war auch nicht erforderlich, da er an einem Tage kam und am anderen Morgens schon wieder abreiste. Aber in der Maskengarderobe, aus der er das Kostüm entlehnte, ist er weniger vorsichtig gewesen; da hat er seinen Namen und den des Hotels einge- i kragen, in dem er logirte. Er bat aber den vorsichtigen Garderobier, daß er das Kostüm nur nach dem Zimmer Nummer 16 senden möge, wo er es denn auch von den Händen des Boten selbst in Empfang nahm. Hier wurde es am nächsten Morgen auch von diesem wieder abgeholt. Herr Eduard hat Verschiedenen vom Personal das Kostüm gezeigt und sie nach ihrer Meinung gefragt, so daß ein Zweifel gar nicht obwalten kann. Es war eine sehr glückliche Idee unserers Neubert, statt nach den ungezählten Maskengarderoben unserer Stadt umherzulaufen, einfach in den weniger zahlreichen Hotels Nachfrage zu halten." „Wieso aber wußte man hier die Adresse der betreffenden Maskengarderobe?" „Sehr einfach. Das Kostüm hatte einer schönen Hausfee so sehr gefallen, daß sie beim Abholen desselben dem Boten auflauerte und ihn nach dem Darleiher desselben befragte. In der Maskengarderobe haben wir den Namen Herrn Eduardas und im Hotel seine Personalbeschreibung. Jedenfalls ist erwiesen, daß es sein Kostüm nicht gewesen, welches mit einem Anderen aus dem Fluß gezogen wurde." ® „Und das spräche für ein Attentat der Anarchisten?" Soltmanns Lippen kräuselten sich in leisem Spott. „Geduld! Sie entsinnen sich, daß wir die Uhr des Ermordeten in der Matratze des rothen Matthies versteckt fanden?" „Es war aber nicht seine Fußspur, die zu der Mordstätte führte." „Nein, sondern diejenige einer Frau. Und auch diese ist ermittelt." Soltmann trat erstaunt einen Schritt zurück. „Das klingt ja wunderbar", sagte er. „Was hat denn der kluge Neubert noch alles gefunden?" „Zunächst den rothen Matthies", sagte dieser selbst. Er war soeben aus einem angrenzenden Zimmer eingetreten und hatte Soltmann's letzte Frage gehört. Der Assessor wandte sich, keineswegs angenehm überrascht, zu ihm herum. „Neubert, so wahr ich lebe!" rief er, zwischen Verwunderung und Aerger schwankend. „Warum sind Sie nicht gleich am ersten Tage so gescheidt gewesen, alle diese Wunder geschehen zu lassen; man hätte sich viel Arbeit und Verdruß ersparen können." „Ach, reden Sie mir nicht von Verdruß, Kollege!" sagte jener, dem Assessor kordial die Hand hinstreckend. „Auch ich habe den meinen." „Doch nicht über die Prämie und erhoffte Beförderung?" spöttelte Soltman. „Ja, gerade deswegen", erwiderte Neubert, „und der Herr Kommissar hier versteht meinen Schmerz zu würdigen." „Ah bah!" sagte Nacheis. „Sie sind doch nahe am Ziel, Neubert; und schließlich läuft Ihnen der Kerl doch noch einmal in die Hände." „Na, und daß ich dann lieber mein Leben als ihn lasse", befeuerte der Letztere, „das wird wohl jeder glauben, der erfährt, was ich nach dem entdeckte." „Was? noch Etwas entdeckt?" staunte Soltmann. Neubert's Antlitz strahlte; er wurde um mehrere Zoll großer. 219 „Ja, Assessor", sagte er, „noch Etwas, und Etwas, um das Sie mich wirklich beneiden werden." „Ich neide Niemandem Etwas", entgegnete Soltmann pikirt. „So war es auch nicht gemeint", begütigte Neubert. „Aber sagen Sie's ihm, Herr Kommissar, was ich noch entdeckt habe." „Nichts Geringeres, als die Geheimmünzerei der Anarchisten", erwiderte dieser mit gehobener Stimme. Soltmann war für den Augenblick sprachlos. Als er dann die beiden lächelnden Gesichter sah, rief er ärgerlich: „Ach so! Sie wollen mich etwas zum Besten haben? Sie haben Ihre Stunde leider sehr unglücklich gewählt. Ich bin wahrhaftig nicht aufgelegt, zu scherzen." Es bedurfte der ernstesten Ueberredung der anderen beiden Herren, um dem erregten Assessor begreiflich zu machen, daß alles Gehörte Thatsache sei, und daß bei Neubert's Nachforschungen eine Entdeckung die andere herbeigeführt habe. Dies schien trotzdem Soltmann unglaubhaft. „Kommen Sie mit", sagte Neubert „und ich werde Ihnen die Instrumente zeigen, mit denen die falschen Hundertmarkscheine fabricirt wurden." Noch immer zweifelnd, folgte Soltmann nach dem Nebenzimmer, aus welchem Neubert soeben gekommen. Der Kommissar, welcher an seinem Schreibtisch saß, nahm vergnügt seine Arbeit wieder auf. (Fortsetzung folgt.) Zames Wompson's WmuLfaL-rt. (Humoreske aus dem amerikanischen Westen.) (Fortsetzung.) Daß ich Euch, dem Sohne meines alten, braven Thompson, meine Nichte, die Lucy, lieber gönnte als jedem Andern, werdet Ihr mir hoffentlich Stuben; aber, um es gerade heraus zu sagen: das Madel paßt mcht zu Euch, James. Es ist das einzrge Kind meines ältesten Bruders, der sich schon seit langem in Louis als Advokat niedergelassen hat und ist in 'nem feinen Pensionat in New-Bork erzogen worden sie kann auch ’ne ganze Menge Sachen, von denen unsereiner hier in den Wäldern kaum eine Ahnung besitzt. Vor ein paar Jahren stng sie an zu kränkeln und da brachte sie mein Bruder hierher, damit das Mädel in der frischen Waldluft wieder gesund werden sollte — na, und wie frisch ist Lucy hier draußen wieder geworden! Sie ist nun ziemlich drei Jahre hier und hat mir rn der Zeit meinen Haushalt ganz tüchtig geführt, aber ste will jetzt wieder zurück nach St. Louis, sie sagt, sie könne es in unfern Wäldern nicht mehr langer aushalten und so will denn in einigen Wochen mein Bruder kommen und sie wieder heimholen Also, James, schlagt Euch das Mädel nur aus dem Sinn, Lucy taugt nun einmal nicht zu 'ner richtigen Farmersfrau oder wollt Ihr etwa dem Mädel zu lieb Krämer oder sonst was Städtisches werden und Euch dann in jene schrecklichen Steinmassen, die sie 'ne Stadt nennen, freiwillig einsperren kaffen? Ihr schüttelt den Kopf? Well, meine, die Sache ist nun abgemacht und s'ist am besten, Ihr denkt gar nicht mehr d'ran." Der alte Thornton hatte offenbar Recht, das mußte sich James selber sagen und als später bei der Abendmahlzeit neben Lucy Thornton saß und diese gegen den jungen Mann ffortgesetzt kühl — ohne jedoch irgendwie gegen die Höflichkeit zu verstoßen — blieb, war er mit sich darüber im Reinen, daß die schöne Lucy keine Frau für ihn sei. James war daher am andern Morgen auch bereit, Thornton zu der Büffeljagd, von der dieser gesprochen, zu begleiten, zu Hause versäumte er ja nichts und was die fernere Brautschau anbelangte — na, die Mädels von Arkansas konnten James jetzt fammt und sonders gestohlen bleiben, jetzt lag eine lustige Jagdpartie vor ihm und da mochte er natürlich mit all' den Ellens und Graces und so weiter nichts zu thun haben. So ging es am nächsten Morgen fort; Thornton hatte gesagt, daß sich noch mehrere andere Jäger aus der Umgegend an der Jagd betheiligen wollten und daß ihr Vereinigungspunkt eine Farm in öen sogenannten Blue Hills oder blauen Hügeln sei, die sie nach einigen Stunden bequemen Rittes erreichen würden. James war dieser Name zuerst nicht ausgefallen, als er aber nun neben Thornton dahin- galoppirte, erinnerte sich der junge Mann plötzlich, daß der von seinem „Alten" gehört hatte, Ben Reader wohne in der Gegend der Blue Hills und er frug daher seinen Begleiter, als die Pferde wieder in eine langsamere Gangart verfallen waren, ob ihm vielleicht ein gewisser Reader bekannt sei. „Ob ich Mr. Reader kenne?" lautete die erstaunte Gegenfrage Thornton's, „well, rechne, daß dies so ist, wir reiten ja gerade zu ihm. S'ist ein Schulkamerad von mir und Eurem Alten und der hat Euch wohl von ihm und seiner Grace gesprochen, he, James?" „Ja, Mr. Thornton", versetzte der junge Thompson verlegen, „Vater meinte, ich könne ja auch einmal bei Ben Reader Einkehr halten und .. und die Grace Reader wäre 'ne ganz stattliche Person und . . . und da ich nun einmal hier bin . . ." „So will ich auch gleich nach der Grace Umschau halten, nicht wahr, James?" ergänzte der Farmer neckend und fügte hinzu: „Ja, ja, Euer Alter hat chon Recht, s'ist ein ansehnliches Ding, so groß wie Ihr selber und breit und starkknochig; die Grace hat freilich 'n bischen rothe Harre, glaub auch, sie ist ein paar Jahre älter wie Ihr, aber 220 wenn Ihr Euch daraus nichts macht, so würde sie wohl gerade für Euch paffen." „Rothe Haare?" meinte aber James kopfschüttelnd, er hatte gegen Personen mit rothem „Scalp" eine ausgesprochene Antipathie, wie so viele andere Leute, „weiß nicht, na, will mir die Geschichte erst überlegen, wenn ich das Mädel erst gesehen habe ... die Geschichte wird mir überhaupt jetzt zuwider!" „Das will ich Euch gern glauben", lachte Thornton, „habt bis jetzt mit Eurer Brautschau gerade nicht besonders Glück gehabt, indessen, Ihr seid nun 'mal d'rin und müßt es ausbaden; s'wird sich schon noch was Rechtes finden! Doch aber go on,' damit wir nicht die letzten bei Ben Reader sind." Die Pferde griffen wieder aus und gegen Mittag langten die beiden Reiter auf Reader's Farm an, wo jedoch die ganze Jagdgesellschaft schon ziemlich vollständig versammelt war. Der alte Thornton, den Alle kannten, wurde nebst seinem Begleiter mit einem jubelnden Hurrah empfangen. James machte mit den Jägern, meist ebenfalls Farmerssöhne vom Green Creek, rasch Bekanntschaft und als Ben Reader" hörte, wen Thornton mitgebracht, ging er auf den jungen Hinterwäldler zu und schüttelte ihm kräftig die Hand, wobei er die lästerlichsten Schwüre ausstieß, wie sehr es ihn freue, endlich mal einen von den Jungens seines guten Thompson kennen zu lernen. Auch Grace bekam der junge Mann alsbald zu sehen — sie war allerdings eine ganz „ansehnliche Person", wie Thompson sen. gemeint hatte, aber freilich er mußte Thornton Recht geben, Grace Reader besaß nicht nur „'n bischen", sondern ordentlich brennendrothe Haare, außerdem stand ihr die Nase ein ganz klein wenig schief im Gesicht und dieselbe gehörte nicht zu den kleinsten ihrer Gattung, auch ein merkwürdig breiter Mund zog sich unter der Nase hin. James war daher rasch mit sich im- Klaren, daß er Grace Reader nicht zu nahe kommen werde und wenn der alte Reader auch noch so sehr in der Molle säße, jetzt wollte er sich überhaupt einmal austummeln draußen auf der weiten Prairie — Thompson sen. würde noch immer zeitig genug eine Schwiegertochter bekommen. Noch am Nachmittag ritt die ganze Jagdgesellschaft ab, da man die Jagd auf die schon seit einigen Tagen erwarteten Büffel gleich am nächsten Morgen beginnen wollte und die grasreichen Ebenen, welche diese Thiere durchziehen, erst vier bis fünf deutsche Meilen von Readers Farm entfernt begannen. Abends lagerten die Reiter am Rande der Prairie, den sie nach einem scharfen Ritt erreicht und sprengten am andern Morgen lustig über die wellenförmige, mit kurzem, aber sehr saftigem Grase bedeckte Fläche dahin. Bald tauchten am Horizonte einzelne dunkle Punkte auf, die sich rasch vermehrten und beim Näherkommen der Jagdgesellschaft als die ersehnten Büffel erwiesen. Mit hellem Jagdrufe ging es auf die recht ansehnliche Heerde los, aber die Büffel waren auf ihrer Hut und sobald sie die langaufgelöste Litlie der Reitergestalten nur von weitem auf sich zukommen sahen, senkten sie die dicken, mähnenumflatterten Köpfe auf den Boden und fort stoben die Thiere mit einer Schnelligkeit, die man den anscheinend so unbeholfenen Gestalten gar nicht zugetraui hätte. Obgleich die Pferde, vom Jagdeifer ihrer Herren angesteckt, alles Mögliche thaten, um den Büffeln näher zu kommen, so wollte sich die Entfernung zwischen der Gesellschaft und den Büffeln doch nicht bis auf Schußweite verringern, ja, als die Reiter gegen Mittag sich und ihren Thieren eine nothwendige Rast gönnen mußten, war die Heerde beim Wiederaufbruch der Gesellschaft ganz verschwunden und wenn man auch am Nachmittage den Büffelspuren noch mehrere Stunden folgte, so wurden doch selbst die Nachzügler der Heerde nicht mehr erreicht. Mißmuthig campirten die unglücklichen Jäger Abends am Saume eines Gehölzes, unweit einer kleinen Quelle, während die Pferde — jedes mit leicht gefeffelten Vorderfüßen, um ein etwaiges Davonlaufen zu verhüten — sich in dem fetten Grase nebenan gütlich thaten. Eben waren die beiden ersten Wachen bestimmt, als sich im Schein des Vollmondes, der am östlichen Himmel stand, eine lange dunkele Linie auf einer entfernteren leichten Voden-. erhöhung seitlich von dem Lager zeigte — es waren Büffel. Rasch war man entschlossen, dieselben zu beschleichen und behutsam krochen die Jäger, die Büchsen schußfertig in den Händen, auf die Büffel, deren Conturen sich jetzt scharf im Mondenschein abzeichneten, zu. Bald hatten sich die Männer so weit genähert, daß flch jeder sein Stück auslesen konnte und schon wollte der alte Thornton, welcher gewissermaßen die Leitung des Ganzen in der Hand hatte den Befehl zum Feuern geben, als aller Blicke durch einen wundersamen Vorgang auf eine Stelle gelenkt wurden. Ein alter Büffel, der zunächst den Jägern graste, fing plötzlich an, in tollster Weise umherzuspingen und brüllte dabei, als ob er Leibschneiden hätte, wie Ben Reader zu seinem Nachbar zur Rechten, dem jungen Thompson, bemerkte. Zuletzt kam der Büffel, fortwährend die seltsamsten Capriolen ausführend, gerade auf die Kette der Jäger zu, brüllte womöglich noch furchtbarer wie vorhin, warf wüthend mit seinen Hörnern die Erde in die Luft, begann dann zu taumeln und fiel endlich, schrecklich röchelnd zu Boden nieder und verendete. Vier weitere Büffel führten nacheinander dasselbe seltsame Schauspiel auf, so daß zuletzt fünf lobte Büffel vor den Jägern lagen, ohne daß diese einen einzigen Schuß gethan hätten. (Schluß folgt.) Redaetiorn A, Scheyda, — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr.^Pietsch) in Gießen.