Gießener Jamilienblälier. Belletristisches KeiblM MW Gießener A^sigLL. -»-in»»» - — "II ■» — wntn»iii'ii iwiluminur mmir-n-i-rrr-nwin ■ i 1 ------ ■■--rr—nurirrrv-inrrrr- -i nur um ■_ir.-iirirmin-nnr-i--nr-r-* if-t it—jri nn.— -r~ MMMWawswmi M, 18. Donnerstag den 11. Februar. 1886. Die Jakfchmrmzer. Criminal-Roinan von Gustav Lössel. (Nachdruck verbeten.) 1. Kapitel. Fußspuren. Die Nebel theilten sich. Das bleifarbene Gewölk, welches den Himmel nach allen Richtungen hin bedeckt-, wurde durch die dahinter heraufdämmernde Sonne nur wenig gelichtet, und der Schnee, welcher auf der Erde lag und die Nacht mit der ihm eigenen Leuchtkraft erhellt hatte, zeigte sich jetzt als schmutzig graue Decke, von den Rauch- und Rußniederschlägen der ringsum emporragenden Fabrikschlote überschüttet. Das Keuchen und Klappern der früh thätigen Dampfmaschinen und ein dumpfes Getöse wie von entferntem Donner erweckten sofort den Gedanken an eine sich belebende Riesenstadt, deren industrielle Anlagen sich hier, in dem nörd- lichsten Theile derselben, zusammendrängten. Durch eine wenig begangene, nur von Mauern und Zäunen umhegte schmale Gasse dieses Stadt- theils bewegte sich eben jetzt ein Trupp jugendlicher Fabrikarbeiter. Die Mädchen schritten munter plaudernd und lachend voran; die Burschen folgten mit neckischen Zurufen, auch hin und wieder heimlich einen Schneeball jenen nachsendend, was jedesmal einen leichten Aufschrei der Getroffenen zur Folge hatte. Jetzt bogen die verfolgten Schönen um eine vorspringende Mauerecke, und gleich darauf durch- tönte ein jäher Aufschrei derselben die stille Gasse. Mit allen Zeichen des Entsetzens flohen sie zu den Burschen zurück, welche selbst bestürzt stehen blieben. „Was ist denn los? Was habt Ihr denn? Warum kreischt Ihr denn so?" fragten diese; aber die Mädchen vermochten nicht sogleich Antwort zu geben. Statt dessen wurde eine andere Stimme laut, welche grollend nach der Ursache des frühen Lärmens fragte. „Guten Morgen, Herr König! Guten Morgen, Majestät!" riefen munter die Burschen, als sie den Nachzügler erkannten, von dessen dicht verhülltem Antlitz momentan nur ein paar wässerige Augen und eine weinrothe Nase zu sehen waren. Und rasch versöhnt erwiderte der Andere mit einer gewissen Herablassung: „Guten Morgen, Kinder!" Der Nachtwächter König war eine populäre Persönlichkeit bei den Fabrikarbeitern, mit denen er allnächtlich in Berühung kam. Er war selbst ein fideles Haus, und nur seiner Urgemüthlichkeit und weisen Zurückhaltung hatte man es zu verdanken, daß es in dieser bewegten Zeit — man stand kurz vor den Wahlen — hier im Arbeiterviertel serhält- nißmäßig ruhig herging. „Was haben denn die Mädchen?" fragte er nochmals. „Ja, wir wissen's nicht, König", erwiderte einer der Burschen, „kommen daher gerannt, sehen aus wie der leibhaftige Tod und geben keine Antwort." „Wird ihnen wohl eine Katze über den Weg gelaufen sein", meinte der Wächter. Und sich zu den Mädchen wendend, rief er streng: „Na — wird»!" „Ach Gott, Herr König", sagte jetzt eines derselben, „da weiter hinauf, gleich hinter der Mauerecke liegt einer im Schnee —" „Betrunken?" „Nein — ermordet!" „Ermordet!" riefen alle Männer zugleich, und jähes Erschrecken malte sich auf Aller Mienen. „Das glaub' ich nun und nimmermehr," brummte König. „Ein Mord in meinem bestverwalteten Revier, und ich nichts davon wissen? Bah! Unsinn — — ein schwer Betrunkener — “ „Ja wohl, hat sich was, Betrunkener!" fiel ein i anderes Mädchen schluchzend ein. „Der Schnee ist ! ringsum mit Blut gefärbt." „Na, nu man stille!" rief König besänftigend. ! „Vielleicht ift's auch blos Rothspohn." Trotzdem aber eilte er im Laufschritt nach der Ecke; und die Anderen folgten, jetzt die kühneren Burfchen voran und die Mädchen scheu zurückbleibend. Es war wie diese es gesehen hatten; der Todte i lag verblutet im Schnee. Er war ein noch junger Mann mit angenehmen Zügen und von kräftiger Gestalt. Etwas auffallend ’ Fremdartiges in seiner Kleidung ließ sofort den Ausländer erkennen, und sein Gesicht war offenbar von einer heißeren Sonne gebräunt, als sie selbst an den wärmsten Sommertagen auf Straßen und Plätze der Weltstadt herniederschien. „Jetzt bleibt mal allesammt da stehen!" gebot i König. Und nun blickte er eine ganze Weile hin- ! über und herüber, als wenn er über der Schnee- i fläche etwas suche. „Es ist gut", sagte er dann. ! „Unb nun hört mal, Kinder, und thut, was ich Euch \ sage, aber ohne Murren! Geht auf dem Wege zu- rück, den Ihr gekommen, und am Kanal entlang nach der Fabrik." „I, wo werden wir denn", sprach trotzig ein Bursche, „das ist ja ein Umweg von einer Viertelstunde, und diese Gasse führt gerade vor das Haus des Commerzienrath Etwold." „Ja, und seine Papiermühle liegt dahinter am Wasser," fügte ein anderer erklärend hinzu. „Durch eine Seitenpforte gelangen wir _ „Mir ganz egal", rief König jetzt schon energischer, „ob Seitenpforte oder Hauptportal. Hier fonimt jetzt Keiner mehr durch." „Aber warum denn nicht, Herr König?" fragte ein Mädchen. „Herr Du meine Güte!" rief gutmüthig polternd der Alte. „Seid Ihr denn alle so dumm? Seht Ihr denn die Fußspuren da nicht, die zum That- orte heranführen? Und die soll ich mir verwischen lassen? Denke nicht dran! Also sucht Euch einen anderen Weg nach berz Fabrik; und Du Koch's Wilhelm lauf' mal nach der Wache — Du hast die längsten Beine — und melde: „Nachtwächter König — Mord, Schwedengaffe — bittet um Succurs, und nicht zu wenig." Man konnte ihm nicht ernstlich böse werden dem urgemüthlichen Alten, und so entfernten sich die Arbeiter nach noch einigem unnützen Hin- und Herreden in der gewünschten Richtung. Die in athemloser Hast erstattete Meldung brachte die Polizei nicht minder schnell zur Stelle. Unisormirte Beamte besetzten sofort die beiderseitigen Zugänge zu der Gasse, und ein Polizeikommissar mit einem kleinen Stab von Kriminalbeamten nahm den Thatbestand auf. Unter letzteren befand sich auch der wegen seiner großen Schlauheit und Zähigkeit in Verbrecher- kreisen sehr gefürchtete Assessor Soltmann, ein noch junger Mann aus guter, aber verarmter Familie, welcher zuerst aus Mangel an Beförderung auf diese Bahn gedrängt worden war und dann aus innerster Neigung darauf beharrte. Er war der Erste, welcher bei der Besichtigung der Fußspuren auf die überraschende Thatsache aufmerksam machte, daß neben denen des Ermordeten nur noch die einer — Dame sichtbar waren. Diese Spuren waren wegen ihrer Schmalheit und des hohen Absatzes in den hart gefrorenen Schnee besonders scharf markirt. „Vielleicht eine Eifersuchtsscene und ein Selbstmord des jungen Mannes", sagte der Kommissar. Er nahm zusammen mit Soltmann die Körpervisitation des Ermordeten vor, während andere Beamte die Fußspuren genau ausmaßen und auf Papier skizzirten, sowie auch jenen in der Richtung folgten, ans welcher sie gekommen waren. Wegen der frühen Stunde und der Entlegenheit des Orts konnte man die Untersuchung mit aller Ruhe und Umsicht zu Ende führen. Ein Selbstmord konnte nicht vorliegen, da keine Waffe gefunden wurde, die Dolchstöße in der Brust, deren einer das Herz durchbohrt hatte, waren «ost einem Anderen geführt worden. Der Ermordete war ohne Papiere. Die Taschenuhr und ein breiter Siegelring waren ihm entwendet worden. Letzteres bekundete ein durch langes Tragen entstandener leichter Fleischeindruck am Ringfinger der rechten Hand, und von der Uhrkette war noch der Haken an der Weflenöffnung befestigt; sie war nicht vorsichtig abgenommen, sondern hastig abgerissen worden. In der Westentasche wurde nur einige kleine Münze gefunden; es war also anzunehmen, daß auch das Portemonnaie des Ermordeten gestohlen worden war. „Also doch ein Raubmord", sagte der Kommissar, „und noch dazu von einem Frauenzimmer verübt. Auch ein seltener Fall." Soltmann schüttelte bedenklich den Kopf. „Das thut kein Raubmörder, Herr Kommissar", sagte er, auf die unter der Weste verborgen gewesenen Brillant-Chemisettenknöpfe deutend. „Doch doch, lieber Soltmann", antwortete jener leichthin. „Die Mörderin, noch ein ganzer Neuling im Handwerk, hat nur schlecht gearbeitet und diese Dinge in der Hast vergessen. Von banger Furcht gescheucht — denn gestört konnte sie hier Niemand haben — ist sie geflohen. „Hat aber doch nichts vergessen, was uns über die Persönlichkeit des Ermordeten einen Anhaltspunkt hätte geben können", entgegnete Soltmann. „Sehen Sie da, Herr Kommissar, selbst die gezeichnet gewesenen Ecken der Wäsche sind herausgerissen." „Wie? was?" rief staunend der Andere. „Wahrhaftig ! Und was meinen Sie dazu, Soltmann?" „Hier liegt ein Geheimniß vor", entgegnete der Assessor, „dessen Begründung uns trotz aller äußeren Merkmale so bald nicht gelingen wird." „Oder nur zu bald und in einer Weise, welche einen unerhört sensationellen Gerichtsfall im Gefolge haben dürste." Der diese Worte -sprach, war der Detektiv Neubert, welcher mit noch einem Kollegen den Fußspuren gefolgt war. „Wie meinen Sie das, Neubert?" fragte der Kommissar, während Soltmann mit ungläubigem Staunen emporblickte. „Erwägen Sie die Thatsache," sprach triumphi- rend der Detektive, „daß die Fußspuren unweit von hier beginnen und auch enden." „Vor einem Hause doch nicht?" „Vor einem Hause." „Vielleicht vor einer unbewohnten alten Barracke, womit nichts gewonnen wäre." „Nein, aber vor dem Hause des Kommerzien- raths Etwold." „An dessen Thür?" „An einer zum Hofe führenden kleinen Seitenpforte ; und das ist ein Glück, denn vor dem Hauptportal ist alles zerstampft. Es müssen gestern Abend sehr viele Wagen dort vorgefahren sein." 71 4 Barracke, rmerzien» triumphi- weit 8on i Seiten« n Haupt- rn Abend ?, welche t Gefolge Detektiv den Fuß« agte der gläubigem Kommerzienrath Etwold saß zur Zeit mit seiner Tochter beim Kaffee. Er war Wittwer und hatte außer dieser Tochter nur noch einen Sohn, der nicht in der Residenz wohnte. Beide Kinder waren erwachsen. (Fortsetzung folgt). „Wenn Sie sich nur nicht irren", sagte der i Kommissar. „Wir müssen sogleich Einlaß durch die ' kleine Pforte suchen." Er, Soltmann und Neubert begaben, sich eiligst 1 nach dem Hause. Die näher bezeichnete Seitenpforte war, wie zu erwarten, von einem Portier bewacht, der aber den „im Namen des Gesetzes" Einlaß begehrenden Leamten sofort, wenn auch mit sehr verdutzter Miene öffnete. „Sollte mich wundern", murmelte er, jenen nachblickend, „wenn das nicht dem Anarchisten Matthies gilt." I Trotzdem schon mehrfach heute hier hindurch gegangen worden war, waren die verfolgten Spuren | doch noch zu erkennen. Sie mündeten an einer I Seitenthür des Hauses. Diese Thür war nicht verschlossen und unbewacht. Nach kurzer Berathung und ohne von Jemand I bemerkt worden zu sein, traten die drei Männer i hier ein. lieber eine steile Wendeltreppe gelangten sie zu I einem Corridor in der ersten Etage. Diesen hinauf I gehend hatten sie zur Rechten die Hoffenster, zur I Linken eine Reihe von Thüren, deren Aufschriften I die Geschäftsräume oder Büreaux des Kommerzien- raths erkennen ließen. Zuletzt kamen sie an eine Glasthür und durch diese in den prachtvoll dekorirten Wintergarten des Etwoldschen Hauses; derselbe war verödet. Während sich nun die Anderen der inneren Thür des Gartens zuwandten, blieb Soltman zurück. Sein Falkenauge irrte gierig suchend über die Kieswege hin; aber hier war so viel gegangen worden, daß an ein Auffinden der verfolgten Spur an dieser \ Stelle nicht zu denken war. Endlich blieb sein Blick auf einem Stückchen | ausgezackter rother Seid? haften, welches dicht bei der Thür und fast unter feinen Füßen lag. Mechanisch bückte er sich darnach. „Ein Fetzen rother Seide", murmelte er; „aber in einem so außerordentlichen Falle darf man nichts unbeachtet lassen." Er steckte das Stückchen Zeug ein und folgte dem Kommissar. / Dieser und Neubert waren in einem der angrenzenden Salons — man befand sich hier in den Prachträumen des palastartigen Hauses — auf Diener gestoßen, welche dort mit Ausräuinungs- arbeiten beschäftigt waren. Von ihnen erfuhren sie, nachdem sie sich legitimirt hatten, daß es am Abend zuvor einen großen Maskenball gegeben. Die Diener sprachen von niedreren hundert Gästen. Dieser einzige Umstand, das erkannte Jeder sofort, erschwerte die Untersuchung ungemein. Die Herren ließen sich nun in das^ Parterre hinabführen und dem Kommerzienrath melden. Indessen tauschten sie ihre Meinungen mit, einander aus. An das beigesteckte Stückchen Seide dachte Soltmarm momentan nicht. Jach Ment Ziel. Novelle von Moritz Lilie. (Fortsetzung.) Sie nahm neben ihrem Begleiter Platz und zog den Sonnenschirm zu, da sie hier vollständig un Schatten saßen. , , „Für eine junge, lebenslustige Dame, wre Sie, Fräulein von Eschenheim, muß das Landleben sehr bald langweilig werden", entgegnete Victor nut einem prüfenden Biick auf seine Nachbarin. ,,Jm . Sommer, wenn Alles grünt und blüht, läßt es stch ertragen, aber im Winter, wo Schnee und Eis die Natur bedeckt, und die Menschen ans Zimmer gefesselt sind, würde es Ihnen nicht lange gefallen. Alle jene rauschenden Vergnügungen: Concerte, Theater, Bälle, 'der Carneval mit seinen tollen Scherzen, das Alles müßten Sie missen und dafür im günstigen Falle den Verkehr mit einigen gleichgesinnten Freunden und Nachbarn eintauschen." „O wie gerne wollte ich alle jene Zerstreuungen der Saison missen, wenn mir dafür, die stillen Freuden einer traulichen Häuslichkeit geboten würden!" rief Liesbeth lebhaft aus. „Wie glückücy würde ich fein, könnte ich die langen Winterabende im warmen, gemüthlichen Heim verbringen, einige liebe Bekannte bei mir sehen, und mit ihnen plaudern und singen! Für mich hat diese Stille einen besonderen Reiz; wie ein klarer, ruhig dahinziepender Strom, ohne merklichen Wellenschlag stießt die Zeit vorüber, nicht brausend und hastig wie ,das Leben der Großstadt, nicht hoch ausschäumend wie während der Saison, aber auch nicht versumpfend wie in der heißen Sommerzeit, sondern sanft und gemeßen, friedlich und glücklich." , „Ich danke Ihnen für diese Worte, mein Fräulein", erwiderte der junge Lcmdwirth, „ich nehme sie als Ermuthigung mit hinaus auf meine einsamen Gitter, und werde mich ihrer erinnern, wenn mich die Sehnsucht nach den Genüssen der Residenz beschleichen sollte. Ja, Sie haben Recht, auch das Landleben im Winter hat seine Freuden; uns sind nicht die engen beängstigenden Schranken der Etiguette gezogen; wir haben nicht sorgfältig darüber zu I wachen, daß nicht der leiseste Verstoß gegen die hergebrachten Regeln des geselligen Verkehrs uns überrascht. Frei und ungezwungen bewegen wir uns in | dem uns angewiesenen Kreise, natürlich und unge« . „Das sagte er, ewesenen ete jener Neuling mb diese r Furcht Niemand ins über Anhalts- oltmann. die ge- herausge- „Wahr- tmann?" ;nete der äußeren reit voll .'mordete i breiter Letzteres iandeuer rechten r Haken icht vor- bgerisfen r einige nehmen, eten ge- mmissar, verübt. schraubt, aber darum keineswegs ertödtend sind die geselligen Beziehungen unter uns." , „Wie herrlich muß es im Tannenwalde sein, wenn jeder Zweig mit dem weißen, flockigen Flaum des Winters belegt ist!" fuhr Liesbeth eifrig fort und legte unwillkürlich ihre kleine, weiche Hand auf die Rechte des jungen Mannes. „Gewiß glaubt man sich da in einen großen Weihnachtsgarten versetzt, die Tannenzapfen sind die vergoldeten und versilberten Nüsse und die Eiskrpstalle die blinkenden Perlenketten, die sich von Zweig zu Zweig schlingen. Als ich noch Sin kleines Kind war ta) erinnere mich deffen nur noch dunkel! — da brannte bei uns auch ein Christbaum und er war nur das liebste Geschenk auf dem Gabentische; jetzt werden am Weihnachtsabend die großen Kronleuchter angezünder, und eine Menge Wachskerzen auf den Tisch gestellt, aber der alte, liebe Tannenbaum fehlt, denn Mama behauptet, es sei nicht vornehm!" Ein glückliches Lächeln umspielte die Lippen des herrlichen Mädchens, als sie ihrer Kindheit gedachte; mit stillem Entzücken lauschte Victor dem harmlosen Geplauder, und sein Auge ruhte mit dem Ausdrucke innigster Bewunderung auf ihrem Antlitze. „O, wie beneidenswerth ist Der, welchem es be- schieden ist, an der Seite eines so herzigen, anspruchslosen Wesen durch's Leben zu gehen", flüsterte der junge Mann zu sich selbst; „er hat den Himmel auf Erden!" . Liesbeth fchaute ihm fragend ms Gesicht, |te hatte die letzten Worte vernommen. „Ja, Fräulein von Eschenheim", sagte Rauschne- dorff, „lassen Sie mich es wiederholen,. glücklich, dreimal glücklich i|t der, welcher eine Gattin findet, die ihm als liebende Gefährtin, als sorgende Hausfrau zur Seite steht, die ihm die Stunden der Arbeit versüßt, Freude und Leid opferwillig, mit ihm trägt, die nicht im prunkenden Leben der Groß- ' stadt ihre Befriedigung findet, sondern den rennten, edelsten Genuß im eigenen Hause im Umgänge mit dem gleichgesinnten Gatten sucht. Und, Liesbeth, nickt länger will ich es verschweigen, daß ich ein solches Wesen in Ihnen erblicke, nicht länger vermag ich das Geständniß zu unterdrücken, daß ich Sie liebe, daß ich vom ersten Augenblicke an, wo ich Sie im Opernhause sah, unwiderstehlich zu Ihnen hingezogen ward, und nicht eher zu ruhen und zu rasten beschloß, als bis ich Ihnen gesagt, was ich für Sie fühle, bis ich aus Ihrem Munde gehört, ob auch Sie mir ein wenig Zuneigung entgegen zu bringen vermöchten." Er hatte Liesbeths Hand erfaßt und hielt sie in der feurigen fest, während er mit dem Ausdruck von Furcht und Hoffnung in den Zügen sein Ur- theil erwartete. Eine Pnrpurröthe überzog das Antlitz des jungen Mädchens, als Jener ihr von Liebe sprach, zugleich aber lagerte fick auch ein tiefer Ernst auf das fonst so kindlich heitere Wesen, und sie schien Mühe zu )aben, die aufsteigenden Thränen zu bekämpfen. „Sprechen Sie nicht so mit mir, Herr von Rauschendorff, ich kann, ich darf Sie nicht au» hören", stieß sie hastig hervor, indem ne sich bemühte, ihre Hand zu befreien. In höchster Bestürzung ließ Victor sie frei; eine unsagbare Angst kam über ihn, es war ihm, als werde in diesem Augenblicke über Leben und Tod entschieden. „Und warum darf ich nicht so mit Ihnen sprechen, warum dürfen Sie mich nicht anhören?" fragte er, und seine Stimme zitterte vor innerer Aufregung. Das Mädchen schlug beide Hände vor das Gesicht und zwischen den seinen zarten Fingern drangen die hellen, bitteren Tropfen hindurch, die ihren Augen entströmteii. Es war, als senke sich erst jetzt in diesem Augenblicke, die ganze Saft .eines schweren Geschickes auf sie herab, als werde sie sich erft jetzt der ganzen, traurigen Lage bewußt, in die ein unerbittliches Verhängniß sie gebracht. „O, warum sprachen Sie sich nicht früher aus, ehe'es zu spät mar?" rief sie jammernd aus, „warum konnten Sie nicht Jenem zuvorkommend" Victor starrte entsetzt auf sie. „So ist ihr Herz nicht mehr frei? Sie haben bereits Ihre Wahl getroffen?" hauchte er tonlos hervor. Liesbeth schüttelte heftig das Haupt, daß das hellblaue Band, welches die blonden Locken hielt, sich löste, und zur Erde flatterte. „Das Herz hat nichts damit zu thun, Herr von Rauschendorff, und doch muß es sich in Fesseln schlagen!" sagte sie, und ihre Thränen begannen reichlicher zu fließen und ihrem geängstigten Gemüthe Erleichterung zu gewähren. „Ich bin versprochen, Herr von Brehmer hat um meine Hand angehalten und meine Eltern haben sie ihm zugesagt. Morgen wird die Verlobung gefeiert werden." Victor erbleichte; er hatte nicht erwartet, daß Alles für ihn verloren sei, daß bereits die Eltern ihre Zustimmung ertheilt haben könnten. „Und Ihr Herz weiß nichts von dieser Verbindung, Liesbeth?" fragte er mit leisem Vorwurf im Tone. „Kann es noch Eltern geben, die über das Wohl und Wehe ihres einzigen Kindes verfügen, wie über ein willenloses Hausthier, die ein solches Kleinod zu verschleudern vermögen, unbekümmert darum, ob der Werth desselben gewürdigt wird oder nicht?" „Ein grausames Geschick, dem meine armen Eltern sich zu fügen gezwungen waren, sch eint hier obzuwalten", erzählte das junge Mädchen mit leise zitternder Stimme. (Fortsetzung folgt). Siebaction: A. Scheyba. — Druck unb Verlag der Brühl scheu Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.