Kiehener Jamiüenbläüer. Belletristisches Beiblatt MM Gießener Anzeiger- Dienstag den 10. August. Nr. 93. 1886. SSSWLLKS Saal und Ernte. Roman von Ewald August König. (Fortsetzung.) „Aber wie sind diese Worte zu Ihrer Kenntniß gekommen?" „Sagte ich Ihnen nicht früher schon, mein Freund habe mir kurz vor seinem Ende geschrieben!" „Und diesen Brief dürfen Sie mir nicht vor* legen?" , „Wie oft wollen Sie mich noch nöthigen, diese Frage zu verneinen?" erwiderte der Oberst unwillig. „Könnte ich reden und handeln, wie ich es gern möchte, so wäre längst Etwas geschehen, was alle Fragen überflüssig machte." Er schritt nach diesen Worten langsam von dannen. Der Referendar folgte ihm. „Sie waren es wohl auch, der dem Landrath diese Worte in einem Briefe übersandte?" sagte der Letztere. „Ackermann ist dadurch in furchtbare Aufregung versetzt worden — also muß dieser Spruch eine tiefere und dem Landrath höchst fatale Bedeutung haben 1" „Das mag wohl sein", erwiderte der Oberst, „nicht ohne Gründe bat ich Sie damals, ihm diese Worte ins Ohr zu flüstern, wenn das Duell einen unglücklichen Ausgang für ihn nehmen sollte. Sie haben mir Verschwiegenheit versprochen, ich baue darauf, daß Sie dieses Versprechen nicht vergessen werden; seien Sie vorsichtig, junger Freund, ein unbedachtes Wort könnte Sie den Damen gegenüber leicht in die Verlegenheit bringen, mehr verrathen zu müflen, als Sie dürfen. Ein solches Wort, wenn es einmal gesprochen ist, läßt sich nicht mehr zurücknehmen; es wird aufgegriffen und —" „Seien Sie unbesorgt! Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei auch Etwas denken lassen; ich aber werde meine Worte fortan auf die Goldwage legen. Sie kehren wohl jetzt in den „Eber" zurück? Wie befinden Sie sich dort?" „Schlecht, hoffentlich werde ich dieses Haus bald wieder verlassen können! Haben Sie noch nicht gehört, wann die Damen wieder abreisen wollen?" „Vor übermorgen nicht. Es ist möglich, daß sie noch einen Tag länger bleiben. Unter uns gesagt, Herr Oberst, mir wäre das sehr angenehm." „Aus welchem Grunde?" „Weil ich hier vielleicht Gelegenheit finde, mit Ludmilla von Salberg ein vertrauliches Wörtchen zu plaudern. O, wer weiß, was in der Zeiten Hintergründe schlummert!" Ueberrascht war der Oberst stehen geblieben. Sein Blick ruhte fest und durchdringend auf dem jungen Manne. „Sie wollten — " „Ja, hier vollend' ich's, die Gelegenheit ist günstig!" fuhr Rommel in scherzendem Tone fort; „Meine Ruh' ist hin, mein Herz ist schwer, es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu." „Und was können Sie der jungen Dame bieten?" fragte der Oberst ernst. „Ein treues Herz und den besten Willen, sie glücklich zu machen." „Sie sind noch Referendar —" „Du sprichst ein großes Wort gelassen aus! Aus dieser unscheinbaren Puppe wird sich ein glänzender Schmetterling entwickeln. — Ich stehe vor dem Staatsexamen, und mir bangt nicht, daß ich mit Ehren daraus hervorgehen werde, dann kann mir ein Amt nicht fehlen. Aber ich habe auch noch eigenes Vermögen, so brauche ich Nahrungssorgen nicht zu fürchten." „Und Sie sind wirklich entschlossen —" „Ja, Herr Oberst, die ist es oder sonst keine auf Erden!" Der Oberst wiegte gedankenvoll das Haupt; ein dunkler Schatten glitt flüchtig über sein Antlitz. „Das Geschick der einzigen Schwester meines unglücklichen Freundes kann mir nicht gleichgültig sein", sagte er, „aber ich habe auch keine Berechtigung, sie in der Wahl ihres künftigen Gatten zu beein- flussen. Ich halte Sie für einen ehrenfesten Mann; Sie werden halten, was Sie versprechen und Ihr Glück darin suchen, die geliebte Gattin glücklich zu machen. Wenn ich nicht mit fester Zuversicht diesen Glauben hegen dürfte, dann würde ich Ihren Wünschen und Hoffnungen mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln entgegentreten, denn ich betrachte es gewissermaßen als eine Pflicht, die ich dem Tobten schulde, das Wohl und Wehe seiner Schwester zu überwachen." „Herr, dunkel war der Rede Sinn, denn wenn Sie so großes Interesse an der jungen Dame nehmen, dann läge es doch nahe, ihre Bitte zu erfüllen und ihr über das Ende ihres Bruders Aufschluß zu geben", erwiderte der Referendar. „Später vielleicht, der Augenblick dazu ist noch nicht gekommen! Und nun — adieu, mein junger Freund, wie die Dinge sich auch gestalten mögen, vergessen Sie nicht, daß Sie auf meine Freundschaft 870 Men dürfen, so lange Sie Ihres Versprechens eingedenk bleiben und die Forderungen der Ehre zur Richtschnur Ihres Handelns machen." Er winkte noch einmal grüßend mit der Hand, dann schlug er den Weg zum Walde ein. Er hatte die Mitte des Waldes schon erreicht, als er plötzlich durch eine heisere Stimme aus seinem Sinnen aufgeschreckt wurde. Aufblickend sah er sich dem rothen Fritz gegenüber. „Was wollt Ihr von mir?" fragte er barsch. „Nichts, Herr", erwiderte Keller spöttisch. „Sehe ich denn aus, wie ein Wegelagerer? Ich wünsche nur eine Frage an Sie zu richten." „So fragt und macht es kurz!" „Was will der Herr hier, mit dem Sie vorhin auf dem Kirchhof waren?" „Regt sich das böse Gewiffen? Ihr kennt diesen Herrn, fürchtet Ihr, er sei Euretwegen hier?" --.Daß er meinetwegen hier ist, weiß ich", erwiderte der Vagabund achselzuckend, „aber ich fürchte ihn darum nicht. Ich möchte nur wissen, was er hier zu entdecken hofft; vielleicht könnte ich ihm einen guten Rath geben." „Und worauf soll dieser Rath sich beziehen?" rr!,3IlV^ Geschichten, die vor zehn Jahren hier pasftrt sind. Auf mich wird Verdacht geworfen, weil ich ein armer Teufel bin. Ich könnte diesen Verdacht auf einen Andern lenken, den man wahrscheinlich gar nicht verfolgen würde." „Auf wen?" „Das sage ich Ihnen nicht!" spottete der rothe Fritz, während er mit seinem Knotenstock einen dürren Zweig abhieb. „Man behauptet, ich habe entweder einen Raubmord begangen, oder eine Leiche bestohlen; wenn ich nun sagte, ich kenne Jemand, der vamals eine Leiche spurlos verschwinden — ließ, was würde daraufhin geschehen?" „Man würde Euch auffordern, diese Behauptung zu beweisen", erwiderte der Oberst mit scharfer Be- tonung. „Beweisen? Jawohl! Da hapert's! Wenn auf einen armen Teufel, wie ich es bin, Verdacht geworfen wird, dann ist man gleich mit der Verhaftung bei der Hand." „Vor dem Gesetz sind Alle gleich", unterbrach der Oberst ihn. „Wer Euch anklagen will, muß ebenfalls Beweise vorlegen können. Ich frage noch einmal: Wen wollt Ihr verdächtigen?" „Ich kann das nur dem Richter sagen!" „Und beweisen könnt Ihr die Sache nicht?" „Ich weiß eben nur dar, was ich gesehen habe." „Und das war?" „Nicht viel, Herr, aber immerhin Etwas! Und wenn man diese Fährte verfolgen wollte, dann käme sicher mehr heraus, als —" „Seht Euch vor!" fiel der Oberst ibm warnend in die Rede. „Ein Verdacht ist schnell ausgesprochen, und Eurer eigenen Sache könnte es nur schaden, wenn Ihr der Verleumdung beschuldigt würdet. Seid Ihr frei von jeder Schuld, dann habt Ihr ja für Eure Person Nichts zu fürchten, seid Ihr eS nicht, nun, dann werdet Ihr auch nicht durch die Verleumdung Anderer den Richter irre führen." Der rothe Fritz zuckte abermals die Achseln. Ein spöttisches Grinsen verzerrte sein magerer, mit Sommersprossen übersäetes Antlitz. „Sie sprechen wie ein Buch", sagte er, „aber Sie denken nicht daran, wie unangenehm mir diese Hetzjagd sein muß. Will man um jeden Preis hier ein Verbrechen wittern, dann soll man unparteiisch die Sache untersuchen und nicht an dem Glauben festhalten, ich sei der Einzige, der es verübt haben könne. „Wenn Sie das dem Herrn sagen wollten —" „Ich kümmere mich um solche Dinge nicht!" „Sie würden ihm selbst einen Gefallen damit thun." „Inwiefern?" „Na, ein Ende muß es nehmen, so oder so", erwiderte der Vagabund, und der Oberst erschrack vor dem tückischen Blick, der diese Worte begleitete; „ich will Ruhe hier haben. So lange die Spürnase hier ist, kann ich mein Geschäft nicht beginnen. Der Ortsvorsteher hat mir auch schon Worte gesagt, die mich ärgern, Niemand will mich unterstützen, ich werde gemieden wie die Pest und daran trägt allein dieser Referendar Schuld! ' „Oder der fremde Paß —" „Ach war, den hab' ich hier im Walde gefunden; und wenn man mir das nicht glauben will, so kann man's bleiben lassen. Wenn's der Oberförster sagte, dann würde man's natürlich glauben." Der Oberst war stehen geblieben — die Gläser der blauen Brille hefteten sich auf den Wilddieb. „Was habt Ihr gegen den Oberförster?" fragte er. „Persönlich Nichts!" b „Ihr wollt ihn verdächtigen?" „Das sage ich nicht." „Weicht mir jetzt nicht länger aus. Ihr spracht von dem Verschwinden einer Leiche; einen Namen wollt Ihr mir nicht nennen, und nun —" „Und wenn ich nun den Oberförster anklagen wollte — ich sage, wenn ich es wollte, wer könnte es mir wehren?" fragte der rothe Fritz trotzig. „Was ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe, das werde ich wohl behaupten dürfen —" „Behaupten darf man nur das, was man be- weisen kann", fiel der Oberst ihm ins Wort, „bedenkt das wohl. Ueberdies ist er eine unsinnige Anklage! Der Oberförster soll eine Leiche geraubt haben! Zu welchem Zweck? Man sollte fast glauben, Ihr kämt geradeswegs aus dem Jrrenhause! Glaubt Ihr denn mit einer solchen hirnverbrannten Verdächtigung Euch selbst von jedem Vlrdacht befreien zu können? Ihr würdet dadurch die Sache nur noch schlimmer machen und die ganze Gemeinde gegen Euch aufbringen." „Hm, es könnte anders kommen", spottete der Vagabund, „und wenn man mich nicht in Ruhe läßt, dann weiß ich nicht, was geschieht. So, wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben, und noch einmal sh aurzuwandern, dazu habe ich kein Geld und auch keine Lust." „Wenn Ihr arbeiten wollt, so kann ich Euch beschäftigen", sagte der Oberst nach einigem Nach« denken. „Wo?" „Drüben, in meinem Geschäft. Ihr würdet so viel verdienen, daß Ihr anständig leben könntet; aber arbeiten müßt Ihr, Faullenzer kann man drüben nicht gebrauchen. „Steine klopfen, wie?" höhnte Keller. „Dar kann ich hier auch, ich verdiene hier auch soviel, wie ich gebrauche, man soll mich nur in Ruhe lassen." „Sagt'« doch offen heraus, das Vagabundenleben behagt Euch besser, als ehrliche Arbeit", erwiderte der Oberst achselzuckend, „da muß man Euch freilich Eurem Schicksal überlassen. Aber ich warne Euch noch einmal vor Verleumdungen und haltlosen Ver» dächtigungen, damit erreicht Ihr nur da» Gegentheil von dem, was Ihr bezweckt. Folgt mir nicht weiter; ich will mit Euch Nichts mehr zu schaffen haben." Der Vagabund lachte heiser. „Sagen Sie nur dem Herrn, wa« ich Ihnen gesagt habe!" rief er ihm nach. „Ich lasse mich nicht länger Hetzen." Der Oberst gab keine Antwort. Nach kurzer Wanderung blieb er vor einem Seitenwege, der zum Forsthause führt, stehen. Eine alte Frau kam ihm entgegen. Er redete sie an, indem er sie fragte, ob er auf diesem Wege zur Försterei komme. „Gehen Sie nur immer zu", erwiderte sie, „das Haus ist nicht weit mehr entfernt. Sie werden die Thür offen finden." „Und ist der alte Herr in der Verfassung, einen Besuch empfangen zu können?" „Heute geht'» besser mit ihm", nickte sie, „wenn er nur wieder marschtren könnte I Na, das Frühjahr wird wohl Besserung bringen, man muß Geduld haben." „Treffe ich ihn allein?" „Ganz allein. In einer halben Stunde bin ich wieder da, — die erste Thür rechts, Herr, er sitzt da im Sorgenstuhl und raucht seine Pfeife." Der Oberst nickte dankend und setzte seinen Weg fort. Er hatte da» kleine hübsche Haus, das mitten im Waldesdickicht lag, bald erreicht. Unentschlossen blieb er einige Secunden lang vor ihm stehen, dann trat er tief aufathmend hinein. 12. Capitel. Verborgene Schätze. Der rothe Fritz hatte ebenfalls einen Seitenweg eingeschlagen. Nach kurzer Wanderung blieb er auf einer kleinen Lichtung stehen und gleich darauf schallte der heisere Schrei eine» Raben dreimal durch den Wald. Einige Minuten später trat von der entgegenge< setzten Seite der Förster Hellmuth auf die Lichtung; die Beiden nahmen auf einem umgehauenen Baumstamm Platz. „Ihr habt mich hierher bestellt", sagte der Vagabund in mürrischem Tone, „was wollt Ihr von mir?" Hellmuth hatte eine Flasche aus der Tasche geholt, er entkorkte sie und hielt sie einige Sekunden lang an die Lippen, dann überreichte er sie dem Wilddieb. „Was vor Jahren geschehen ist, da» wollen wir vergessen", erwiderte er, „Ihr werdet hoffentlich so klug sein, mich nicht wieder in Verlegenheit zu bringen. Daß ich meine Amtspflicht erfüllen muß, wißt Ihr, laßt Ihr das Wild hier in Ruhe, so bleiben wir gute Freunde." (Fortsetzung folgt.) Süßfischerei und Jagd. (Nachdruck verboten.) Zu den ältesten Erwerbsthätigkeiten des Menschen gehören unstreitig die Fischerei und die Jagd. Längst ehe die Bebauung des Bodens geübt wurde, beschäftigten sich die Menschen, einestheils dem Bedürf- niß nach Nahrung, anderntheils dem Triebe der Selbsterhaltung folgend, mit diesen beiden Nahrund Erwerbszweigen. Den ersten Beweis für das hohe Alter der Fischerei liefern die noch erhaltenen ägyptischen Wandmalereien, die aufgefundenen lieber» reste von Fischereigeräthen in den Pfahlbauten, sowie die großen Fischzüge der fischeffenden Indianer des tropischen Amerika. Auch Homer gedenkt in seiner Odyssee (IV. 368 fgl. und XII. 329 fgl.), des Fischfanges, der nur mit größter Noth betrieben wurde und ganz ähnliche Verhältnisse finden wir im älteren Rom. (Ovid. Fast. VI. Varro b. Nonius p. 216.) Gegenwärtig ist die Süßfischerei, auch Binnenfischerei genannt, in China, Sibirien, Rußland, Schweden, Großbritannien und Frankreich von enorm hoher nationalöconomischer Bedeutung; in Deutschland steht Ostpreußen in erster Linie. Die wichtigsten Gegenstände der Binnenfischerei bilden die verschiedenen Störarten und die lachsartigen Fische, von welchen ersteren in Rußland jährlich über zwei Millionen Kilo mit einem Erträg- niß von ca. fünf Millionen Rubel, von den anderen namentlich in den sibirischen Strömen, in Nordamerika und in Großbritannien, wo der Ertrag der Lachsfischerei jährlich allein über zwölf Millionen Mark beträgt, gefangen werden. Leider sind in den volkreichen Ländern Europas die Erträge der Süßfischerei in den letzten Decennien sehr herunter gegangen, eine natürliche Folge der enormen Steigerung des Consums und dadurch herbeigeführten Ueberfischung, verbunden mit einer Vernichtung der Laichplätze und Störung de» Laichge- 872 schäftes durch Flußregulirungen, Eisenbahnbauten und Industrieanlagen, sowie einer durch Entwaldung hervorgerufenen Verminderung der Pflanzennahrung. Ferner ist die Binnenfischerei durch das Anwenden von Betäubungsmitteln und Schüssen, sowie durch den Fang mit engmaschigen Netzen in manchen Gegenden vollständig lahm gelegt worden. Die Fischerei im Peipussee, die vormals 17 000 Menschen ernährte, ist durch den Gebrauch solcher Netze vollständig verödet und der Ruin der Fischerei in Morvan ist lediglich der Anwendung von Kalk zuzuschreiben. Ferner weit großer Schaden ist der Binnenfischerei zugefügt worden durch das Wegfangen der Lachse beim Aufsteigen in die Flüsie, bevor sie gelaicht haben. So wird schon in den Jahren 1570 und 1576 von Klagen über das Wegfischen dieses Fisches durch die Holländer in der Rheinmündung berichtet. Welchen ungeheuren Werch übrigens dort noch heute die Lachsfischerei hat, beweist am besten der jährliche Fang von über 400 000 Fischen in einem Werthe von 500 000 Pf. Sterling. Um die allgemein darniederliegende Binnenfischerei wieder zu heben, sind nun in fast allen europäischen Ländern Fffchereigesetze erlassen worden, die den Schutz der Gewässer gegen eine sinnlose Ausbeutung bezwecken. Schon nach dem Sachsenspiegel wird das unberechtigte Fischen in einem gegraven dik mit dreißig, und das in water an wilder wage mit drei Schilling gebüßt. Das seit 1874 bestehende preußische Fischereigesetz gipselt wesentlich in einer staatlichen Beaufsichtigung der Fischerei durch Fischereimeister und in der Feststellung von Schonzeiten. Diese ist für die im Frühjahr laichenden Fische vom 10. April bis 14. Juni und für die im Winter laichenden lachsartigen Fische vom 15. October bis 14. December. Aeußerst wichtig für die Hebung und den rationellen Betrieb der Binnenfischerei ist die Bildung von Genossen- schaften und Vereinen unter den Jntereffenten, wie solche in Deutschland bereits in großer Zahl bestehen, gewesen; unter ihnen hat sich der deutsche Fischereiverein zu Berlin große Verdienste erworben. In umfangreicherer Weise nun, wie die Fischerei, hat sich die Jagd ausgebildet, dient sie doch auch zwei menschlichen Bedürfnissen, dem der Nahrung und dem der Kleidung. Schon von den heroischen Persern und Griechen (vergl. Herodot VII., 126 und Plutarch. Sol. 23) wird berichtet, daß sie Meister^ in der Ausübung der Jagd gewesen sind. Es darf jedoch nicht verkannt werden, daß mit dem Steigen der volkswirthschaftlichen Cultur und mit dem Wachsen der Bevölkerung die verhältnißmäßige Bedeutung der Jagd kleiner zu werden pflegt und in Folge der stärkeren Nachfrage nach Wild, sowie durch die Beschränkung des Waldbodens fich der Wildstand vermindern muß. Absolut freilich wird die Jagdernte in hochcultivirten Ländern besonders werthvoll sein, da hier alle Theile des Wildes sowohl nahen als reichlichen Absatz finden. Genaue und zuverlässige Statistiken über dar Erträgniß der Jagd sind in den europäischen Ländern bislang wenig aufgemacht worden und dürfen deshalb die nachstehenden Zahlen immerhin mit Reserve aufzunehmen sein. Im Königreich Sachsen schätzte v. Berg (die Jagdfrage im Jahre 1848) bei mäßigem Wildstande und pfleglicher Behandlung auf mindestens 1 366 570 Pfund Fletsch und überhaupt 138 000 Thaler; die Regierung bei ihrem ersten Entschädigungsplane den Reinertrag auf V2 - 6, durchschnittlich also 3J/4 Pfennig jährlich. In Preußen berechnete 1846 Schubert (II. 1. S. 189) den Fleischertrag der Jagden auf jährlich V[2 Millionen Thaler. Nach Engel, preuß. statist. Jahrbuch III., 158 enthalten die Waldungen aller 8 Provinzen 34 324 Stück Rothwild, 12 864 Stück Dammwild, 106 664 Stück Rehe, 5896 Stück Schwarzwild, 2867 Stück Auerwild und 884 Stück Elchwild. Für Oesterreich giebt Czörnig (Oest. Ethnographie I. 1, Seite 544) den jährlichen Ertrag der Jagd auf 50 Millionen Hasen, 50 Millionen Hühner, 5 Millionen Wasservögel, 60 000 Rehe, 3000 Hirsche, 10 000 Schweine, zusammen l^/2 Millionen Centner Fleisch zum Werthe von 25 Millionen Gulden an. In den Ländern, wie das polare Nordamerika und Rußland, sind Jagd und Pslzhandel noch immer die bedeutendsten Zweige der Volkswirthschaft. Das Clima fördert nicht allein die Güte des Pelzwerkes, sondern auch den Sinn des Menschen dafür. Ueber den Handel mit Pelzwerk bringt Lomer (der Rauch- waarenhandel 1864) folgende Zahlen: Der jährliche Pelzertrag im russischen Asien und Amerika ist ca. 4 652 500 Thaler werth, in Mitteleuropa 3 817 800 Thaler, in Nordamerika 5 354 250 Thaler, im europäischen Rußland, Skandinavien, Island und Grönland 2 378 100 Thaler. Um nun dem gründlichen Aus rotten des jagdbaren und zu Genuß- und Bekleidungszwecken dienenden Wildes vorzubeugen, sind bei den aufblühenden Culturvölkern schon frühzeitig Jagdgesetze erlaffen worden. Leider ist nicht zu verkennen, daß sich bei allen Völkern und zu allen Zeiten der juristischen Behandlung des Jagdwesens viel blinde Leidenschaft zugemischt hat und in den meisten Ländern die Jagdgerechtigkeit bei ihrer Abschaffung ebensowenig g bührenden Ersatz gefunden hat, wie sie beim Wildschaden ihrerseits chn früher gewährte. Im Allgemeinen jedoch haben die neueren Jagdgesetze mit ihren streng einzuhaltenen Schonzeiten viel dazu beigetragen, daß das genießbare Wild wenigstens vieler europäischen Staaten nicht der völligen Ausrottung anheimfällt, sodaß also die Wildfleischnahrung, deren Nährwerth bekanntlich über dem aller anderen Fleischarten steht, dem Volke, wenn auch in beschränkterer Weise als früher, erhalten bleibt. Egon W. Mdaction; K. Schoyda. — Druck und Verlag der Brüht'schrn Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.