s Eichener Jamilienbtätter Belletristischer Beiblatt MW Gießener Anzeiger. D Nr. 80. Samstag den 10. Juli. 1886. Saat und Ernte. Roman von Ewald August König. (Fortsetzung.) „Und wer anklagt, ohne beweisen zu könne», der stellt dadurch sich selbst das Zeugniß aus, daß er kein Ehrgefühl besitzt!" brauste Ackermann auf. „Genug!" sagt? Herr von Görlitz verächtlich. „Ich könnte Ihnen darauf erwidern, daß Sie echte Mannesehre niemals gekannt haben — aber Sie haben den Zweck Ihres Besuches erreicht, und je eher Sie dieses Zimmer verlassen, desto lieber wird es mir sein. — Was nun noch zu besprechen ist, das können Sie mit dem Herrn berathen, der Sie in meinem Auftrage besuchen wird." Er wandte ihm den Rücken und trat ans Fenster. Der Landrath schien im ersten Augenblick eine heftige Erwiderung geben zu wollen, aber er besann sich eines Andern und ging, ohne ein Wort weiter zu verlieren, hinaus. Eine Viertelstunde später trat Herr von Görlitz in das Zimmer des Referendar, der auf dem Sopha lag und die Zeitung las. „Ich muß Sie um einen Freundesdienst bitten", sagte er. „Sie sind in dieser Stadt der Einzige, an den ich mich deshalb wenden kann." „Ich errathe schon", erwiderte Rommel, der sich rasch erhoben hatte. „Der Landrath war bei Ihnen?" „Jawohl." „Und das arme Menschenherz muß stückweis brechen! Wollen Sie denn wirklich —" „Lassen wir das, Herr Referendar! Der Mann > hat mich ehrlos genannt, weil ich seiner Frau den ! Brillantschmuck zurückschickte — Sie werden, da Sie selbst Offerier sind, wissen, daß ich dafür Genug- thuung verlangen muß. — Darf ich auf Ihren Beistand zählen?" „Gewiß, Herr Hauptmann!" „Wohlan, so bitte ich Sie, die Angelegenheit zu ordnen. Ich verlange eine ehrlichen Zweikampf mit Pistolen; die Waffen liefere ich. Alle weiteren Bestimmungen mögen sie mit dem Sekundanten des Landraths berathen und feststellen. Es wäre möglich, daß mein Gegner Winkelzüge machen und eine andere Form des Duells vorschlagen wollte — lassen Sie sich auf Nichts ein — Auge in Auge, mit einer sicheren Waffe in der Hand muß dieser Kampf ausgefochten werden." „Und wenn nun eine Versöhnung angebahnt werden könnte?" fragte der Referendar. „Geben Sie sich keine Mühe — sie wäre nutzlos; der Landrath wird die Beleidigung nicht zurücknehmen und ich weiß auch nicht, ob ich das wünschen möchte. Kommt die Sache jetzt nicht zum Austrag, so ist sie nur aufgeschoben und nicht aufgehoben. Wann können Sie Ihren Besuch machen?" „Sofort, wenn Sie es wünschen." „Haben Sie den ganzen Nachmittag zur Verfügung?" „Leider nein. Der Vagabund, von dem ich Ihnen bereits erzählte, soll heute Nachmittag zum letztenmal verhört werden; die Nachrichten aus Wiesenthal sind heute Vormittag eingetroffen. Ich kenne ihren Inhalt noch nicht, aber ich vermuthe, daß es ein langes Verhör werden wird." „Dann werden Sie am Besten sofort hingehen; ich denke, der Landrath hat sich schon vorgesehen und seinem Sekundanten die nöthigen Weisungen gegeben. Sie können mir dann heute Abend Bericht erstatten." Der Referendar athmete schwer auf, als Herr von Görlitz ihn verlaffen hatte. „Jedoch das Schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn!" seufzte er, während er vor den Spiegel trat, um seine Toilette zu mustern und die Frisur in Ordnung zu bringen. „Da macht wieder Jemand einmal einen dummen Streich! würde unser Mailüftchen säuseln, aber ich kann's nicht ändern. Die ich rief, die Geister werd' ich nun nicht los!" Er zog seinen Paletot an und nahm seinen Hut; auf den Fußspitzen schlich er an der Thür des Buchhalters vorbei, und es gelang ihm, unbemerkt das Haus zu verlassen. Aber kaum war er draußen auf der Straße, als plötzlich der Oberst Johnson vor ihm auftauchte. „Ich wollte Sie besuchen", sagte der Oberst ruhig; „bitte, lassen Sie sich nicht abhalten, ich begleite Sie eine kleine Strecke." Sehr angenehm war dem Referendar die Begleitung nicht; sie hinderte ihn, seinen Gedanken ungestört nachzuhängen. „Meinen Freund, den Sausewind, werden Sie zu Hause treffen", erwiderte er. Aber der Oberst schüttelte ablehnend das Haupt und schritt an seiner Seite weiter. „Wann reisen Sie nach Wiesenthal?" fragte er. „Es wird sich heute Nachmittag entscheiden, oh ich überhaupt die Reise mache." 818 Zügen sprach nur ruhige Entschlossenheit. Zehn Schritte? Ich muß fünfzehn Vorschlägen." Commando. Werden Sie einen Arzt mitbringen? II. Drr Landrath empfing den Sekundanten seines Gegners mit kühler Höflichkeit. Der Sturm in seinem Innern schien ausgetobt zu haben; aus seinen Ich bestehe auf meiner Bedingung I" ,Dann fordere ich Schießen ä, tempo!“ .Sei es!" erwiderte Ackermann unwillig. „Also „Kann ich heute Abend bas Vergnügen haben, Näheres darüber zu erfahren?" „Wenn es mir möglich ist, werde ich in den Englischen Hof kommen; aber mit Sicherheit kann ich es Ihnen nicht versprechen", antwortete der Referendar, während er seine Schritte beschleunigte. „Sie erfahren es ja auch morgen noch frühzeitig genug, keinesfalls reise ich schon so bald." „Ich glaube, wir können etwas langsamer aus- schrciten", • sagte der Oberst, in seiner gewohnten, ruhigen Weise; „ob die Sache eine halbe Stunde früher oder später geordnet wird, kann Ihnen ja gleichgiltig sein." Der Referendar blieb stehen und blickte seinen Begleiter befremdet an. '„Von welcher Sache reden Sie?" fragte er. „Von dem Auftrage, den Herr von Görlitz Ihnen gegeben hat", erwiderte der Oberst, bedeutungsvoll lächelnd. „Fürchten Sie nicht, daß ich den beiden Herren irgend etwas in den Weg legen werde; ich wußte schon gestern, daß es so kommen würde —" „Sind Sie vielleicht der Freund des Landraths, mit dem ich berathen soll?" „Sein Freund? Ich würde keine Ehre darin finden, es zu sein." „Dann hat Herr von Görlitz —" „Rein, Niemand! Werden Sie versuchen, zwischen den Beiden zu vermitteln?" „Ich muß es schon deshalb, weil es gesetzlich vorgeschrieben ist; aber ich glaube, daß meine Bemühungen nutzlos sein werden." „Darf ich Sie bitten, mir sofort nach dem Duell den Ausgang desselben zu berichten?" fragte der Oberst, indem er stehen blieb. „Sie könnten ihm vielleicht als Unparteiischer beiwohnen!" „Nein, das wünsche ich nicht." „Wohlan, dann werde ich Sie nach dem Duell in Ihrem Hotel aufsuchen", erwiderte Rommel. „Ueber Ort und Zeit kann ich Ihnen, wie Sie wohl wiffen werden, vorher keine Mittheilungen machen." „Ich verlange das auch nicht", sagte der Oberst ruhig, während er ihm die Hand reichte. „Mich interessirt nur das Resultat und ich habe Ihr Versprechen, daß Sie es mir so rasch wie möglich berichten werden." Kopfschüttelnd blickte der Referendar ihm nach. „Herrlich! Etwas dunkel zwar — aber's klingt recht wunderbar!" brummte er. „Und nun auf nach Valencia!" „Auch mit ihm habe ich nicht geredet." „Das verstehe ich nicht; mir wird von Alledem so dumm —" | „Sie werden die Angelegenheit mit mir persön- „Zerbrechen Sie sich den Kopf nicht," sagte der I lich ordnen müssen", sagte er. „Mein Sekundant, Oberst achselzuckend. „Denken Sie, ich interessire I der Herr Gutsbesitzer Riesenthal, kann erst morgen mich für den einen oder den andern dieser beiden I früh hier eintreffen." Herren und erfreue mich dabei einer scharfen Beob- „Bevor wir dazu übergehen", erwiderte der achtungsgabe." , I Referendar, „möchte ich mir die Frage erlauben, ob „Dieses Interesse muß ein lebhaftes fein." I etne versöhnende Vermittlung Ihnen wünschenSwerth „Auch darin liegt weiter nichts Befremdendes, I würde." uud da mein Rang Ihnen für meine Discretion I muß diese Frage mit aller Entschiedenheit bürgt, so haben Sie keine Veranlassung, sich zu b - I öerneinen- $err von Görlitz wird in diesem Punkte unruhigen. Sie werden als Sekundant des H rrn I { groe^et mit mir übereinstimmen." von Görlitz dem Duell beiwohnen sollte der Land- y " 1 . , rath fallen, so flüstern Sie ihm die Worte: „Vor „Dann wollen wir auch mit fruchtlosen Be- dem höchsten Richter wird Alles klar!" ins Ohr. ^Hungen keine Zett verlieren. Bitte machen Sie Wollen Sie das?" Vorschläge." Mit wachsendem Staunen wiegte der Referendar I Waste zu bestimmen. ^„Daraus ^oll^ ein Anderer klug werden!" sagte ! „Angenommen! Soll ich die Waffen besorgen ?" -r. „Vor dem höchsten Richter wird Alles klar! . von Gorütz wird seine eigenen Pistolen Ich weiß nicht, roaä. soll es bedeuten —" mttbringen." „Grübeln Sie nicht so lange nach; prägen Sie Der Landrath klemmte die Unterlippe zwischen diese Worte Ihrem Gedächtnisse ein, und wenn der die Zähne; zornig blitzte es in seinen Augen auf, angedeutete Fall eintritt, machen Sie Gebrauch von aber er bezwang sich. ihnen. Aber auch nur in diesem Falle; im Uebrigen „Zehn Schritte Distance", sagte er. „Als der erwarte ich zuversichtlich, daß Sie den Inhalt dieser | Geforderte ^abe ich den ersten Schuß." „ Unterredung keinem Andern verrathen werden." „In Gottes Namen; ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode! Also: Vor dem höchsten Richter wird Alles klar! Naja, es lebt ein Gott, zu strafen > ,,^vi i- und zu rächen! Darf auch Herr von Görlitz Nichts zehn Schritte und gleichzeitiges Schießen auf davon erfahren?" I Commando. Werden Sie einen Arzt mitbringen?' 3ls „Wenn Sie imir diese Sorge übertragen wollen, so werde ich m ch ihr unterziehen. Somit bleiben nur noch Zeit und Ort zu bestimmen." „Sie kennen wohl das kleine Tannenwäldchen, das eine Stunde von hier entfernt liegt?" „Das Rodenbacher Wälchen?" „Dasselbe. Wenn Sie von Rodenbach aus hineingehen, so gelangen Sie nach einigen hundert Schritten an ein steinernes Kreuz; dort will ich morgen früh Punkt zehn Uhr Sie erwarten. Ich würde eine frühere Stunde ansetzen, wenn ich nicht zuvor die Ankunft meines Freundes erwarten müßte; sie kann nicht vor neun Uhr erfolgen." „Eine frühere Stunde wäre auch mir lieber", sagte der Referendar. „Aber den Gründen, die Sie angeben, muß ich mich fügen. Wir werden morgen pünktlich zur Stelle sein. Auf Wiedersehen!" Er verneigte sich kühl und ging hinaus, um sich in das Gerichtsgebäude zum Verhör zu verfügen. 7. Kapitel. Das Verhör. Im Bureau des Untersuchungsrichters erwarteten den Referendar überraschende Nachrichten. „Ich fürchte, wir haben uns da wieder einmal auf einer falschen Fährte befunden", sagte der Richter, während sein junger Kollege damit beschäftigt war, Hut und Paletot abzulegen. „Es sind Nachrichten aus Wiesenthal eingetroffen, die in der Haupffache alle Aussagen unseres Vagabunden bestätigen." Der Referendar nahm schweigend die Papiere, die der Richter ihm überreichte, und ließ sich an dem mit Akten und Gesetzbüchern bedeckten Tisch nieder. „Sie werben sich erinnern, daß wir in der Leiche, die vor zehn Jahren im Walde bei Wiesenthal gefunden wurde, den verschollenen Banquier Krüger vermutheten", fuhr der Untersuchungsrichter fort; „daß wir ferner annahmen, unser Gefangener habe damals den Banquier ermordet und beraubt; nun aber stellt es sich heraus, daß die Leiche schon derzeit recognoscirt und ihre Identität mit der Person eines Osficiers festgestellt worden ist." „Hermann von Salberg!" rief der Referendar erschreckt, deffen Blick in diesem Moment auf den Namen fiel. „Ec soll sich selbst durch einen Schuß entleibt haben —" „Und in Wiesenthal beerdigt sein", nickte sein Kollege. „Uhr, Ring und Börse hat man bei der Leiche nicht gefunden, nur ein Portefeuille mit Briefen und Visitenkarten und einige Groschen an baarem Gelde. — Na, man kann darin gerade nichts Verdächtiges erblicken. Der junge Herr wird an der Spielbank in Wiesbaden Alles verloren und zuguterletzt seine Schmucksachen verkauft haben, um die nöhtigen Mittel zur Beschaffung einer Waffe zu erhalten." Der Blick des Referendars ruhte starr auf dem Schriftstück; er hatte bisher nur gewußt, daß der Bruder Ludmilla's auf einer Dienstreise verunglückt war; selbst Ludmilla schien von diesem Ende ihres Bruders keine Ahnung zu haben. (Fortsetzung folgt). Em Scheffelfest vor 25 Jahren. Ein literarhistorischer Beitrag von Albert Jaenich. Daß die deutsche Nation ihre großen Dichter erst dann voll und ganz würdigt und feiert, wenn des Grabes Stein sie deckt, davon giebt der Heimgang Joseph Viktor v. Scheffels wieder einen deutlichen Beweis. Nimmer war bei seinen Lebzeiten sein Name so im Munde, seine Worte so in den Händen der gebildeten Welt als jetzt, nachdem bereits zwei Monate seit seinem Tode verflossen sind. Ueberall regt sich's, um dem Sänger des „Trompeters von Säkkingen" und des „Gaudeamus“, dem unsterblichen Dichter des „Ekkehard" eine letzte Ehre anzuthun, wehmüthige, sein Andenken feiernde Feste sind schon und werden noch an vielen Orten des deutschen Vaterlandes und darüber hinaus veranstaltet, und allenthalben sammelt man zu Denkmälern, die man dem Heimgegangenen Liebling der deutschen Jugend in seiner Vaterstadt Karlsruhe, in seiner zweiten Heimathsstadt Heidelberg, dessen Schöne er ja in seinem herrlichen Liede „Altheidelberg, du feine" so begeistert besungen hat, und an andern Orten zu errichten gedenkt. Da ist es wohl am Platze, eines echten und rechten Scheffelfestes zu gedenken, das vor nunmehr 25 Jahren in Heidelberg gefeiert und das gewissermaßen der Grundstein für den sich rasch entwickelnden Bau des Scheffelschen Ruhmestempels wurde. Um dieses Fest und seinen Anlaß in das richtige Licht zu stellen, müssen wir auf den Entwickelungsgang der Scheffelschen Muse kurz zurück- greifen. Als Scheffel nach der Beendigung seines Epos „Der Trompeter von Säkkingen" auf dem lieblich-stillen Felseneilande Capri wieder in seine Heimath zurückgekehrt war, da nahm er seinen Aufenthalt auf mehrere Jahre in seinem geliebten Heidelberg, denn er wollte nun, nach dieser Zeit der Ruhe und Muse, sich praktischer Berufsthätigkeit, und zwar der Vorbereitung für das akademische Lehramt, hingeben. Aber ihm ging'«, wie es so Manchem schon vor ihm gegangen ist und Manchem nach ihm gehen wird: Wen die Muse der Dichtkunst, die himmlische Göttin, einmal erfaßt hat, den läßt sie nimmer wieder los. „Weg corpus juris, weg Pandekten!" Dieser Ruf ertönte oft in seinem Ohre, und ihm willig folgend, schrieb er statt gelehrter Abhandlungen über das trockene jus frische, fröhliche Trinklieder, dis „im Kreise froher, kluger Zecher" mit Enthusiasmus 820 ausgenommen und gesungen wurden. Em Kreis namentlich, der sich den „Engern" nannte und durchweg aus gebildeten, lebenslustigen Männern bestand, fesselte ihn. Derselbe, besten Gründer und Präsident der geistvolle Historiker Ludwig Häusser war, pflegte sich alle Mittwoch-Abende zu „löblichem Thun" zu versammeln. Wie vergnügt es da zuging, das verräth uns Scheffel selbst. In seiner präcktigen „Widmung", die er seiner Liedersammlung „Gaudeamus“ vorausschickt, sagt er nämlich bezüglich des ihn er- stillenden Genius: WaZ er mich lehrte, bracht' ich in den Engern, Wo eine treubewährte Freundesschar Den Mittwoch in den Donnerstag zu längern Bei goldnem Rheinwein oft beflissen war. Da siel's nicht schwer, die Saiten hell zu schlagen, Selbst würdige Pfarrherrn wurden singend laut, Wenn uns ein Meister, dessen Tod wir klagen, Mit kundiger Hand den Maientrank gebraut. Zwei Kesselpauken dienten als Orchester, Und eines Ofenschirms gewalztes Blech, Das dröhnte oft zum Rundgesange fester Denn Meeressturm und wilden Heers Gezech. Für diesen fidelen Kreis bestieg er namentlich seinen Pegasus und schuf jene bekannten, durch ebenso originellen wie drastischen Humor ausgezeichneten Gesellschasts- und Trinklieder, welche unter dem Namen „Lieder aus dem Engern in Heidelberg" zusammengefaßt, damals in jenen Privatkreisen und Cirkeln, über die sie freilich wenig hin- auskamen, mit immer steigendem Vergnügen nach Melodien gesungen wurden, die von einem Mit- gliede des „Engern", dem Pfarrer Schmezer, zum Theil mit Benutzung anderer Liedermelodien componirt waren. Selbstverständlich wanderten, als Scheffel im Jahre 1857 nach Donaueschingen als Bibliothekar des Fürsten von Fürstenberg übersiedelte, mit ihm auch seine frohen Lieder dorthin. Daselbst wurden sie mit gleichem Jubel im engern Kreise seiner neuen Freunde gesungen. Daß sie auch bei irgend einer Festlichkeit zum Vortrage gekommen sind, geht daraus hervor, daß eine Anzahl von Exemplaren im Wege der Lithographie hergestellt worden ist. Man munkelt auch, daß dieselben damals mit Vorliebe nach der bekannten elegischen Melodie: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten", vom Chorus gesungen worden sein sollen. Man hatte aber dabei doch gemerkt, daß diese Lieder ein befferes Loos verdienten, als nur in kleinen Privatcirkeln begraben zu sein, und darum sandte man sie später an den Verleger des von SilcherundErkherausgegebenen „Allgemeinen Deutschen Commersbuchs" in Lahr zur Aufnahme in dasselbe. Dieser erkannte sofort, daß ihm in diesen Liedern wahre Perlen vorgelegt worden seien, und da er wußte, daß Scheffel mit dem „Paukdoktor" Im mis ch in Heidelberg in Verbindung stand, so suchte er zunächst diesen auf, um mit demselben über die weiter zu ergreifenden Schritte sich zu besprechen. Der Doktor, deffen Interesse für das beabsichtigte Unternehmen sogleich rege wurde, rieth ihm, sich an den Verlagsbuchhändler Meder in Heidelberg zu wenden, der bereits ein Heft „Lieder aus dem Engern in Heidelberg" herausgegeben hatte. Wie gesagt, so gethan. Mit dem festen Vorsatze, diese Lieder in seinen Besitz zu bringen, begab sich Herr Schauenburg an die genannte Stelle, und das Geschick war ihm günstig. Vis dahin hatten nämlich die betreffenden Lieder im Mederschen Verlage wie eine bleierne Last auf Lager gelegen; sie waren wohl in kleinen Kreisen gesungen worden, zu allgemeiner Ausnahme aber waren sie nicht gelangt. Mit Leichtigkeit gelang es ihm daher, das Verlagsrecht der Lieder mit sämmtlichen Vorräthen von Meder zu erwerben. Aber noch mußte mehr gethan werden. Unweit Heidelberg, in dem freundlichen Dorfe Ziegelhausen am Neckar, lebte damals als würdiger Seelsorger seiner Gemeinde, der vorgenannte Pfarrer Schmezer. Er war kein einseitiger Theologe, sondern ein allseitig gebildeter Herr und namentlich ein tüchtiger Naturforscher, dabei ein trinkbarer Mann, kernig, jovial, witzig und geistreich. Kein Wunder daher, daß Scheffel an der ihm verwandten Natur Gefallen fand, als er ihn im „Engern" kennen lernte" und namentlich ein eifriger Hörer seiner naturwiffenschaftlichen Vorträge wurde, die derselbe öfters in Heidelberg hielt. Haben doch diese Vorträge ihm ebenfalls Anregung gegeben zu der Reihe jener köstlichen, „natur-gefchicht- lichen" Lieder, von denen namentlich das „vom letzten Ichthyosaurus" genannt zu werden verdient, das z. B. in dem heitern Abendcirkel der geologischen Sektion der im Sommer 1861 in Karlsruhe tagenden deutschen Naturforschergesellschaft von Schmezer mit sonorer Stimme vorgetragen wurde und wahrhaft Furore machte. „Allabendlich", so heißt es darüber in einem Bericht der „Karlsruher Ztg.", „gesungen und wieder gesungen, hat es (gleich einigen andern) jeweils einen lawinen- haften Beifall hervorgerufen." Bei Schmezer fand Scheffel das tiefinnerlichste Verständniß seiner Lieder und deshalb war es ihm Herzensbedürfniß, dem Freunde, der überdies in der hohen Kunst der edlen Musica Meister war, jedes neue Produkt seiner Muse zuzusenden. Ja er hat auch in später» Liedern, die in seiner bereits erwähnten Liedersammlung „Gaudeamus“ sich finden, auf Schmezer Bezug genommen, dabei aber mit taktvoller Rücksicht seinen Wohnort bald „Aßmanshausen", bald „Tieftrunk- Hausen" genannt. So lautet z. B. die erste Strophe des Liedes „Heimkehr": Der Pfarrer von Aßmannshausen sprach: „Die Welt steckt tief in Sünden, Doch wo der Meister Josephus steckt, Weiß keiner mir zu künden." (Fortsetzung folgt.) Kedsction: N. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühk'schen Druckerei (Fr. Ehr, Pietsch) in Gießen.