MsirWsches Beiblatt Mm Eießener Anzeiger- «u.7 ■■uj-.'i.-»m>oan6sam!'*iTWWTwrTwiiii it »ii.iiir»n.n -i ja>M^CMi»«-gP«»c^.y-^K-' Ux. 17. Dienstag den 9. Februar. 1886. Km Spiet des ZufaTs. Mman in >rei Bänden von Ewald August König. (Schluß.) „Gut, machen Sie den Versuch", nickte der alte Herr, „ich werde Sie begleiten, ich muß ohnehin ins Bureau des Untersuchungsrichters, um über die Verhaftung Sonnenbergs zu berichten." „Was? Der auch?" rief der Stadtrath überrascht, dem Beamten nacheilend, der mit dem Engländer bereits das Zimmer verließ. „Gütiger Gott, Dir danke ich!" flüsterte Dora, tief aufathmend und beide Hande auf das fieberhaft pochende Herz pressend. „Nun wird Alles, Alles wieder gut, und der Lebensfrühling treibt neue, duftende Blüthen!" Wieder fuhr unten ein Wagen vor. Kam der Geliebte schon? Athemlos lauschte Dora, eilige Schritte kamen die Treppe herauf, an der Glocke der Corridorthür wurde ungestüm gezogen, Dora wollte dem Kommenden entgegeneilen, aber in diesem Moment durchzuckte sie der Gedanke, daß die Entlassung ihres Verlobten so rasch nicht, erfolgen könne. Die Thür wurde hastig geöffnet, aber nur Fränzchen und der Doktor Kirchner traten ein. „Weißt Du es schon?" rief Fränzchen jubelnd, und nun eilte Dora mit einem Freudenruf ihr entgegen und lange hielten die beiden schönen Gestalten sich umschlungen. Thranen schimmerten in ihren Augen und benetzten ihre Wangen, es waren Thränen der Freude. Endlich entwand Främchen sich den Armen der Freundin, eine leichte Röthe übergoß ihr liebreizendes Antlitz und das Lächeln des Glückes lag um ihre Lippen. „Mein Verlobter, Dora!" sagte sie in einem Tone, in dem nur Glück und Freude sich bekundeten, „ich kann Dir nicht beschreiben, wie unsagbar glücklich ich bin." Der Doctor umschlang seine Braut und zog sie voll inniger Zärtlichkeit an sich, und auch aus seinen treuherzigen Augen strahlte eine Fülle von Glück. „Sie werden sich erinnern, gnädige Frau", fügte er heiter hinzu, „Sie hatten schon längst das Ge- heimniß meines Herzens errathen, als dieses harmlose Kind noch nichts davon ahnen wollte. Ich brauche Ihnen wohl nicht die Versicherung zu geben, daß auch ich sehr glücklich bin?" „Nein, wahrlich nicht", erwiderte Dora, ihm beide Hände reichend und dann die Freundin wieder an ihr Herz ziehend, „möge des Himmels reichster Segen auf diesem Bunde ruhen!" „Und nun zum eigentlichen Zweck unseres Kommens!" sagte der'Doctor nachdem er seinen Dank für den Glückwunsch abgestattet hatte. „Ich habe die Entlassung Gustav's aus der Haft bereits beantragt, und ich glaube zuversichtlich erwarten zu dürfen, daß diesem Anträge heute noch Folge gegeben wird, und dies um so mehr, weil unser Freund, der Criminalbeamte, meinen Antrag mit dem Hinweis auf das Geständniß Reicheres unterstützt hat." „Nun", meinte Fränzchen, „wir durften Ihnen die Freude nicht rauben, dem Gefangenen die frohe Botschaft zu bringen; wenn Sie damit einverstanden sind -" „Wie können Sie daran zweifeln?" rief Dorä erregt. „Nun wohl, der Wagen, mit dem wir gekommen sind, wartet, wir können unverzüglich abfahren." Dora mußte die Freundin noch einmal umarmen. „Du denkst doch immer daran, wie Du Anderen eine Freude machen kannst, Du gutes, liebes Herz, tausend Dank", sagte sie bewegt; dann eilte sie hinaus, um sich für die Fahrt zu rüsten und schon nach wenigen Minuten rollte auch dieser Wagen dem Gefängnisse zu. Der Doctor sah sich in seinen Erwartungen nicht getäuscht, der Befehl zur Entlassung Gustav Dorn- berg's war bereits ausgefertigt, es sollte eben vollzogen werden, als der Advocat mit den beiden Damen in das Bureau des Gefängnißdirectors trat. Sie fanden hier das freundliche Entgegenkommen, ein Schließer wurde unverzüglich beauftragt, den Herrn und die Damen in die Zelle Tornberg's zu fühen. Dora zitterte vor freudiger Aufregung, sie war die Erste, die in die Zelle hineiutrat. Ueberrascht hatte Gustav sich von seinem Sitz erhoben, es bedurfte für ihn nur eines Blickes in die leuchtenden Augen Dora's, um ihn Alles errathen zu lassen. „Frei!" jubelte sie. „Frei und schuldlos! Kannst Du mir verzeihen, daß ich an Dir zweifelte, Geliebter!" Er lag schon in ihren Armen, er drückte ne an sein Herz und bedeckte ihr Antlitz, das rosig erglühte, mit heißen leidenschaftlichen Küssen. „Ist dieses Glück Wahrheit?" fragte er mit 66 ebender Stimme. „Ich habe Dich wieder, Dich, meine Welt und mein Leben?" „Und mit mir Deine Ehre und Deine Freiheit", erwiderte sie. „Uns soll nun nichts mehr trennen, Geliebter, kein Schatten soll noch einmal auf das süße Glück unserer Liebe fallen." „Ich kann es noch immer nicht fassen", sagte er, und seine thränenumflorten Augen hefteten sich mit einem fragenden Blick auf Fränzchen und den Doctor, die nun auch eintraten. „Sie dürfen sich getrost Ihrer Freude hingeben", erwiderte der Rechtsanwalt, ihm die Hand reichend, während nun auch Fränzchen den Bruder umschlang. „Reichert ist der Schuldige, er hat bereits bekannt und auch das Geld ist bereits gefunden. Aber wir reden darüber wohl besser an einem anderen Orte. Kommen Sie, ich begleite Sie in's Bureau, es sind noch einige Formalitäten zu erledigen, die Damen mögen draußen im Wagen unsere Rückkehr erwarten." Gegen diesen Vorschlag fand Niemand etwas einzuwenden, war es doch der Wunsch Aller, das Gefängniß so rasch als möglich zu verlassen; trotzdem währte es noch eine Stunde, bis dieser Wunsch erfüllt wurde. Und nun folgten Tage ungetrübten Glückes für die liebenden Paare. Mit den Angehörigen ihres Bruders war Dora für immer verfallen, sie vergaben ihr es nicht, daß sie in dem Bestreben, den schuldlosen Geliebten zu befreien, Reichert ins Gefängniß gebracht hatte. Dafür fand sie auf dem Ulmenhofe neue Freunde, die sie und den Doktor Kirchner mit Vergnügen in ihren Kreis aufnahmen. Gleichwohl waren die Beziehungen zum Bruder so peinlicher Natur, daß Dora sehnlichst wünschte, die Stadt bald für längere Zeit verlassen zu können, und in diesem Wunsche stimnlte Gustav mit ihr überein, der mit dem großen Vermögen seiner Braut in einer Provinzialstadt ein Bankgeschäft zu gründen gedachte. Indessen mußte mit der Erfüllung dieses Wunsches gewartet werden, bis Reichert verurtheilt und Gustav in einer neuen Schwurgerichtssitzung freigesprochen war, wie das Gesetz es verlangte. Alle Bemühungen des Stadtraths, den Schwiegervater aus der Untersuchungshaft zu befreien, waren vergeblich geblieben; das Anerbieten einer Caution wurde vom Gericht mit Entschiedenheit zurückgewiesen, es war ja vorauszusehen, daß die Familie diese Caution opfern würde, um den Schuldbeladenen vor entehrender Strafe zu schützen. War doch Madame Reichert bereits am Tage nach der Verhaftung ihres Gatten nach London abgereist, offenbar deshalb so rasch, um sich dem Verdacht der Mitschuld zu entziehen, die ihr, da Reichert selbst sie leugnete, nicht bewiesen werden konnte. Und wenn auch die Gläubiger nun den größten Theil ihrer Forderungen erhielten, wenn auch der Freiherr von Busse die ganze Summe unverkürzt zurück empfing, so war die Erbitterung gegen Reichert so groß, daß die Geschworenen ihm keine mildernden Umstände bewilligen wollten. Oscar Reichert wurde zu mehrjähriger Zuchthausstrafe verurtheilt, Gustav Dornberg in ehrender Weise von jeder Schuld freigesprochen. Bald nach diesem Ehrentage Gustav's wurde im Hause Dora's ihre und Fränzchen's Hochzeit gefeiert, der nach wenigen Wochen die Hochzeit auf dem Ulmenhofe folgte, und bei keinem dieser Feste durfte Peter Michel fehlen. Der heitere alte Herr war und blieb der treue, immer gern gesehene Gast in den Kreisen dieser Familien. Leider aber sollte er die Hoffnungen nicht erfüllt sehen, die er auf die Verhaftung Sonnenbergs gesetzt hatte. Anfangs hatte Sonnenberg Alles geleugnet, aber schon im zweiten Verhöre, gab er mit Ausnahme des Mordes Alles zu. Er bestätigte, daß Mrs. Mary Brighton seine Gattin gewesen sei, bestätigte, daß er diese Gattin verlassen und sie ihn aufgesucht hatte; er gab zu, sie am Abend vor ihrem Tode in seine Wohnung geführt zu haben, um mit ihr über die Scheidung zu sprechen. Er wollte sie auch auf dem Rückwege zum Hotel begleitet haben. Auf diesem Wege hätte sie nach einem leidenschaftlichen Zornesausbruche ihn verlassen und er war nun, wüthend üher ihren Eigensinn und ihre ihn tiesbeleidigenden Schmähungen, nach Hause gegangen. Was dann weiter mit ihr geschehen war, wußte er nicht; er hatte am anderen Tage ihren Tod erfahren und natürlich keine Veranlassung gefunden, feine Beziehungen zu ihr in die Oeffentlichkeit zu bringen. Bei dieser Erklärung blieb er; die geschicktesten Fragen des Untersuchungsrichters konnten ihn nicht in Widersprüche verwickeln. Da nun auch der Mord selbst nicht mehr festzustellen war, so mußte man endlich die Anklage fallen lassen, das dunkle Räthsel sollte ungelöst bleiben. Ernestine hätte schon früher aus der Haft entlassen werden müssen; gegen sie lag nichts weiter vor als die Verabredung mit dem Bruder, Dora ihre» Vermögens zu berauben. Dieser Raub aber war gar nicht zur Ausführung gekommen und Dora wollte auch keine Bestrafung beantragen. Das edle Geschwisterpaar verschwand aus der Stadt; Ernestine begleitete ihren Bruder nach Newyork; sie war bereits verschollen, als Peter Michel eines Tages aufgefordert wurde, über Theo Sonnenberg einen schriftlichen Bericht zu erstatten. Die Behörde einer amerikanischen Stadt hatte um diesen Bericht gebeten. Sonnenberg saß dort, des falschen Spiels beschuldigt, im Gefängniß, und es mußten noch andere Anklagen gegen ihn vorgelegen haben, denn nicht lange darauf berichtete jene Behörde zurück, daß er sein Leben am Galgen beendet habe. 67 Für den alten Herrn war das eine Genugthuung; er konnte nun endlich den noch immer zweifelnden Oberkellner im „Schwarzen Adler" überzeugen, daß sein Scharfblick damals bei der Verhaftung «Sonnen» berg's doch die richtige Fährte gefunden und verfolgt hatte. Wach Hohem Ziek. Novelle von Moritz Lilie. (Fortsetzung.) Sie führte damals den Namen Natalie Coswig und war keineswegs die stolze, vornehme Dame, welche sie jetzt ist, denn sie hatte im Geschäfte ihres Vaters tüchtig mit zuzugreifen und verkehrte fast ausnahmslos mit armen Leuten; nur solche kauften gebrauchte Gegenstände. Der spätere Gatte des Mädchens wurde von benv Vater desselben als Geschäftsgehilfe engagirt und nach der Verheirathung der jungen Leute zum Theilhaber gemacht. Als der alte Herr Coswig das Zeitliche segnete, gab Herr Berthold den Handel auf, da fein Sohn nach Höherem strebte; er half zunächst armen Bedrängten mit kleinen Vorschüffen aus, aber einige Conflicte mit dem Wuchergesetze machten es für ihn sehr wünschenswerth, seinen bisherigen Wohnsitz Krakau mit einem andern zu vertauschen. Jetzt freilich ist er ein angesehener Mann, führt einen Wappen an seinem Kutschenschlage und die Freiherrnkrone über dem Monogramm an den Pferdedecken, seine Bediensteten tragen die Livree des Hauses, erbsenfarbig mit Silber, und sein Haus gehört zu den elegantesten der modernen Residenz. Sie sehen, Madame, ich bin recht gut unterrichtet; jetzt rufen Sie Ihre Lakaien und lasten Sie mich hinauswerfen!" Er stellte die Klingel wieder auf den Tisch, dicht vor die Baronin, die regungslos, als sei alles Leben von ihr gewichen, dasaß. „Nun, gnädige Frau, waruin klingeln Sie nicht?" spottete Brehmer, und die dunklen Augen ruhten mit dem Ausdrucke befriedigter Rache auf der gebrochenen Frau. „Es wird freilich einiges Aufsehen unter Ihren Bekannten geben, und die aristokratischen Herren und Damen, welche bisher mit Ihnen verkehrten, werden sich mit kölnischem Wasser besprengen, wenn die kleine Geschichte, die ich Ihnen eben erzählte, bekannt wird; aber was thut das? Ihre Millionen haben Sie doch und in Paris oder London kennt kein Mensch Ihre Vergangenheit." Er weidete stch an den Qualen der Frau, deren Stalz den empfindlichsten Schlag erhalten hatte, der fie überhaupt treffen konnte. Mit verschränkten Armen stand er vor ihr und schaute triumphirend auf sie herab. Da schlug sie die Augen zu ihm empor und ein Blick tödtlichen Hasses streifte den Mann, der mit unerklärlicher Genauigkeit Alles wußte, was sie im innersten Schrein ihres Herzens begraben wähnte. Daß ihr Gatte nichts «errathen haben konnte, selbst nicht in der Weinlaune, wußte sie, denn er hatte noch niel mehr Ursache als sie selbst, den Schleier der Vergangenheit ungelüftet zu lasten. Um so unheimlicher erschien ihr Brehmer, dem es gelungen war, das unter steter Angst gehütete Geheimniß zu erforschen. Plötzlich erhob sich die Frau in ihrer ganzen Länge; sie schien mit sich gekämpft und überlegt zu haben und nunmehr zu einem bestimmten Entschluß gelangt zu fein. Die Maske des Krankseins, der Nervosität, in welcher sie sich besonders gefiel, hatte sie von sich geworfen, mit Recht hielt sie eine Verstellung diesem Menschen gegenüber für überflüssig; vor dem brauchte sie feine Geheimniste zu haben. ,Jch will nicht fragen, auf welchem Wege Sie das Alles erfahren haben, Herr von Brehmer", nahm sie endlich mit fester Stimme das Wort, indem sie ihm gegenüber trat, „ich will auch nicht den Versuch machen, zu leugnen, daß sich Alles so verhält, denn Ihre Quellen scheinen sehr sichere zu sein. Aber ich will hören, unter welchen Bedingungen Sie schweigen würden, denn da» ist das einzige Mittel, einem Eklat der abscheulichsten Art vorzubeugen." „Sehen Sie, gnädige Fran, daß Sie mir jetzt die Thür nicht mehr zeigen!" versetzte Jener, und die Baronin fühlte die Ironie, die in diesen Worten lag, deutlich heraus. „Sie wollen mit mir paktiren — gut, ich bin es zufrieden. Die einzige, aber unabänderliche Bedingung, unter welcher ich so verschwiegen bleiben werde, wie Sie selbst, ist die Ihnen bekannte: die Hand Ihrer Tochter." Die Baronin nickte kaum bemerkbar mit dem Kopfe. „Es war nicht anders zu erwarten!" flüsterte sie vor sich hin. „Ihr Herr Gemahl erhebt sicherlich keine Einwendungen. und Fräulein Liesbeth werden Sie unschwer zu bestimmen vermögen, ihre Einwilligung zu geben", fuhr Brehmer fort. „Was sollte Sie auch an mir auszusetzen haben? Aber, gnädige Frau, vergessen Sie den Kardinalpunkt nicht: die Mitgift, ohne welche selbst die Hand eines so ■ reizenden Wesens, wie Ihre Tochter ist, für mich nur geringen Werth haben würde." Der junge Manu gab sich nicht die geringste Mühe, das Cynische, welches in dieser Aenßerung lag, zu verbergen. Das Uebergewicht, welches er über diese sonst so hoHmüthige Frau erlangt hatte, ließ ihn jede Rücksichtnahme verschmähen. „Nun wohl, Herr von Brehmer, ich werde mit meiner Tochter sprechen, und ich hoffe, nicht vergebens", erwiderte dir Baronin in bestimmtem Tone. „An Ihnen wird es nunmehr liegen, ihr den Schritt so viel als möglich zu erleichtern." „Tragen Sie keine Sorge, gnädige Frau, ich kann zwar boshaft, aber auch sehr liebenswürdig sein!" lachte Jener. „Aber noch Eins: Die Sache muß so schnell als möglich gefördert werden, ein langer Brautstand ist nicht nach meinem Sinn, in einigen Wochen muß die Hochzeit stattfinden." „In einigen Wochen? Unmöglich!" rief die Dame, „bedenken Sie die Vorbereitungen, die Toiletten, die Einladungen--" „Das Alles kann wegfallen, der überflüssige Prunk verursacht nur unnütze Ausgaben", unterbrach sie der Brautwerber. „Aber auch noch em anderer Grund veranlaßt mich, auf diesem Wunsche zu beharren, Frau Baronin. Es ist mir nicht entgangen, daß Herr von Sohr ein mehr als oberflächliches Interesse für Liesbeth zeigt, und daß ec meinen Plänen recht wohl hindernd in den Weg treten könnte. Wie ich heute erfahre, ist ihm, die Nacht auf der Rückkehr nach der Stadt ein kleiner Unfall zugestoßen, der ihn voraussichtlich längere Zeit ans Zimmer fesseln wird. Ich möchte ihm daher durch eine rasche Heirath die Lust benehmen, als Mitbewerber aufzutreten." „Herr von Sohr ist verunglückt?" fragte die Frau vom Hause rasch, aber mit unverhohlener Theilnahme. Jener zuckte gleichgiltig die Achseln. „Es ist wohl kaum von großer Bedeutung, wahr- scheinlich ein Fall vom Bocke seines Labs, denn er mag wohl mit dem Herrn Baron ein wenig gezecht haben", versetzte er leichthin. „Also Sie finden meine Gründe gerechtfertigt, gnädige Frau, und billigen sie?" „Und welche Garantieen geben Sie mir für Ihre Verschwiegenheit?" fragte die Dame zurück. „Die Ehre, Ihr Schwiegersohn zu sein!" entgegnete Brehmer mit einer Verbeugung. „Sie begreifen, Frau Baronin, daß mir durchaus nichts daran gelegen sein kann, den Stammbaum meiner Gemahlin vor Mer Augen auszustellen, die Folgen davon würden mich härter treffen als Sie. ,, „Gut, Herr von Brehmer, wir sind sonach im Reinen", erklärte die Frau nach kurzer Pause; „noch heute spreche ich mit Liesbeth, und morgen können Sie Ihre Bewerbung persönlich wiederholen. Jetzt aber bitte ich Sie, mich allein zu lassen; ich bin in der That recht angegriffen und abgespannt, und bedarf der Ruhe." Brehmer faßte seinen Hut, den er aus der Hand gelegt hatte, küßte der Baronin die Hand und verbeugte sich zum Abschiede. . „Morgen auf Wiedersehen, gnädige Frau, und hoffentlich aus ein für beide Theile erfreuliches!" rief er im Gehen, dann verschwand er geräuschlos hinter der Thür. VI. Es war etwa zehn Tage später, als ein junger Mann in Begleitung eines schönen, in ein Helles, leichtes Sommerkleid gehüllten Mädchens langsam sie sauberen Kieswege dahinschritt, welche den Garten )er Villa Eschenheim durchzogen. Die Morgensonne strahlte mild und freundlich vom östlichen Himmel hernieder und küßte die Thauperlen, welche an Gräsern und Blumen funkelten, hinweg; Bienen und Käfer, deren Panzer metallisch schimmerten, wie eine kostbare Rüstung, summten vergnügt in den frischen Morgen hinein; bunte Schmetterlinge wiegten sich über dem grünen Rasen, dann und wann sich zu einer Blume herabsenkend, als wollten sie derselben eine süße Schmeichelei ins Ohr flüstern, und in den Zweigen sang und zwitscherte es aus den Kehlen von hundert gefiederten Sängern, als könne die Herrlichkeit des glitzernden, goldenen Sommermorgens kein Ende nehmen. „Lasten Sie mich ein wenig ruhen, das lange Stubensitzen hat mich doch recht schwach gemacht!" sagte der junge Mann, sich nicht ohne einige Anstrengung auf eine elegante Gartenbank, die am Wege stand, niederlastend. „Die Landluft wird Ihnen die verlorenen Kräfte bald wieder ersetzen, Herr von Rauschendorff", tröstete das junge Mädchen. „Es kann nichts Stärkenderes und Erquickenderes geben, als den Aufenthalt in der Natur, und wenn ich darüber zu bestimmen hätte, würden wir nie mehr dauernd in die große, staubige Stadt zurückkehren." (Fortsetzung folgt). Literarisches- Der vierzehnte Jahrgang der „Deutschen Aomanbiblio- thek" (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt, vormals Eduard Hallberger) hat jüngst zu erscheinen begonnen und stellt bereits einen sehr erfreulichen Verlauf in Aussicht. Gleich zu Anfang führt uns A. von Suttner durch seinen Roman „Der Lattono" (so viel als „Herr" oder „Gebieter") in das mingrelische Hochland. Wenn aber Freiherr von Suttner eine seiner warmblütigen Erzählungen in diesen Gebieten spielen läßt, so darf man sich immer auf eine überaus packende, von leidenschaftlichem Leben übersprudelnde Schilderung gefaßt machen/ Nicht minder verspricht der zweite Roman, „Ein Feenschloß" von Detlev von Geyern, ein gestaltenreiches Gemälde anregendster Art zu entrollen. Von einer Reihe nahmhafter Autoren wird die „Deutsche Roman- bibliothek" im weiteren Verlauf des soeben begonnen Jahrgangs größere Werke veröffentlichen. In erster Linie steht da Fanny Lewald. Wir sind in der Lage, unseren Lesern verrathen zu dürfen, daß der hier zu erwartende jüngste Roman der gefeierten Verfasstrin zu Anfang dieses Jahrhunderts in Königsberg spielt. Was davon in vertrauten Kreisen bis jetzt bekannt worden ist, wird als überaus frisch und ansprechend geschildert. Auch das Feuilleton der „Deutschen Romanbibliothek" bietet wieder sehr anziehende Gaben und trägt zur angenehmen Unterhaltung der Leser das ©einige rede!ich bei; der Preis ist der bekannte, ungemein niedere, nämlich nur 9Ji. 2. — pro Quartal oder 35 Pfennig für das Heft. Kiedaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. CH r. Pietsch) in Gießen.