Hietzener Jamilienblätter Belletristischer Beiblatt zum Gießener Anzeiger. Nk. 67. Dienstag den 8. Juni." ""iW Saat und Krnte. Roman von Ewald August König. (Fortsetzung.) „Die Müh' ist klein, der Spaß ist groß", brummte der Buchhalter, seinem Freunde einen vorwurfsvollen Blick zuwerfend. „Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen und das Erhabene in den Staub zu zieh'n. Lieber Himmel, es ist einmal mein Steckenpferd, verehrter Herr, und zwar ein sehr billiges Steckenpferd, das nicht nur mir, sondern auch Anderen Spaß macht. Wenn Sie es ebenfalls lieben, so bin ich bereit, es Ihnen jeden Mittag vorzureiten; mein guter Freund hier begleitet mich dabei auf seinem Maullhier." „Jeden Mittag?" erwiderte der Fremde. „Jawohl, wenn Sie in dem Hause, aus welchem wir soeben kommen, speisen wollen." „Es ist also ein Speisehaus?" „Wir wohnen auch dort." „Ah, ah, und der Name des Hausherrn?" fragte der Fremde in seltsam erregtem Tone. „Frau Lina Schirmer", sagte der Referendar. „Geborene von Salberg", fügte Maiwind hinzu; „ihre Nichte, ein Fräulein Ludmilla von Salberg, und die schöne Tochter der Madame Schirmer machen bei Tisch die Honneurs." Der Fremde war stehen geblieben, er nahm seinen Hut ab und strich da» lange, blonde Haar zurück. „Und Sie fühlen sich wohl in dem Hause?" fragte er tief und schwer ausathmend. „Ganz kannibalisch wohl", nickte der Buchhalter. „Wenn Jhr's nicht fühlt, Ihr werdet's nicht erjagen." „Madame Schirmer ist wohl schon eine alte Dame?" „Ja, sie ist schon bei Jahren", sagte der Referendar, „aber sie hat sich ihre Geistesfrische bewahrt, und uns jüngeren Leuten ist sie eine mütterliche Freundin. Und die Heiterkeit der jungen Damen würzt uns das Mahl. In Wahrheit, jenes Hau» ist empfehlens- werth." „Aber wie kommt diese adelige Dame dazu, ein \ Speisehaus zu etabliren? Ich erinnere mich aus I früherer Zeit dunkel, daß die Familie von Salberg begütert war." „Sie ist vor mehreren Jahren um einen großen Theil ihres Vermögens betrogen worden, und als praktische Frau hat sie auf diesem Wege ihre Existenz | sicher gestellt." „So ist auch das Fräulein von Salberg unbemittelt?" „Nicht doch, sie soll ein nicht unbedeutendes Vermögen besitzen, das ihre Tante verwaltet." Wieder war der Fremde stehen geblieben, er drückte den breitkrämpigen Hut tiefer in die Stirne und deutele mit seinem Bambusrohr auf ein großes, palastartiges Haus. „Wissen Sie, wer hier wohnt?" fragte er. „Landrath Ackermann", erwiderte der Referendar. „Hugo Ackermann?" „Jawohl." „Nach ihm sollte ich mich erkundigen. Ich habe drüben einen Vetter von ihm kennen gelernt; • aber die Herren erlauben wohl, daß ich mich ihnen vorstelle, Oberst Johnson." Der Referendar stellte sich und seinen Freund ebenfalls vor, dann setzten sie ihren Weg fort. „Nichts halb zu thun, ist edler Geister Art!" nahm Maiwind nach einer Pause wieder das Wort. „Wenn ich mir erlauben dürfte, den Herren einen Vorschlag zu machen —" „Ich errathe schon, welchen Vorschlag Sie machen wollen", unterbrach ihn der Oberst lächelnd; „ich erlaube mir, Ihnen zuvorzukommcn, indem ich die Herren zu einer Flasche Wein einlade. Nein, nein, keine ablehnende Antwort, wenn ich bitten darf! Sie waren so sehr freundlich gegen mich, und ich möchte Ihre Freundlichkeit noch ein halbes Stündchen in Anspruch nehmen; dort sehe ich schon den „Englischen Hos", also keine Umstände, meine Herren!" Die beiden Freunde nahmen nach einigem Zögern die Einladung an; es lag in der äußeren Erscheinung, dem Auftreten und dem ganzen Wesen des Fremden etwas Räthselhaftes, das sie zu ergründen wünschten. Der Oberst führte sie in ein kleines Restaura- tionszimmer, das neben dem Speisesaal lag und befahl dem Kellner, Hochheimer zu bringen. , Und nun gestalten Sie mir, meine Herren, auf den Landrath Äckermann zurückzukommen", sagte er, nachdem er die Gläser gefüllt hatte. „Dadurch, daß ich drüben mit seinem Vetter befreundet war, bin ich über seine Vergangenheit unterrichtet, und ich verhehle Ihnen nicht, daß ich mich für ihn in- teressire." Karl Maiwind hatte sein Glas erhoben und betrachtete mit dem prüfenden Blick des Kenners die goldgelbe Farbe des Weins. „Sprich mir von allen Schrecken des Gewissens, von diesem Landrath sprich mir nicht!" brummte er. 266 Die blauen Brillengläser hefteten sich fest auf sein Antlitz. „Weshalb nicht?" fragte der Oberst. „Mein Freund übertreibt gerne", sagte der Referendar; „io schlimm, wie er ihn schildern möchte, ist der Landrath doch nicht." „Seit wann ist er Landrath?" „Seit fünf oder sechs Jahren. Man hat derzeit viel von krummen Wegen gesprochen, die er eingeschlagen haben soll, um sein Ziel zu erreichen; unglaublich ist das allerdings nicht —" „Und wie verwaltet er sein Amt?" „Darüber ließe sich Manches sagen", erwiderte der Referendar achselzuckend; „hätte er nicht einen tüchtigen, im Verwaltungssache erfahrenen Sekretär, so würden die Klagen über ihn wohl noch zahlreicher sein. Im Sommer reist er mit seiner schönen Frau ins Bad, und im Winter wohnt er hier in der Stadt, er genießt das Leben und er kann es, denn seine Mittel erlauben es ihm." „Die schönen Tage von Aranjuez könnten bald zu Ende sein", sagte der Buchhalter. „Der Mensch erfährt, er sei auch, wer er mag, ein letztes Glück und einen letzten Tag." „Das sind am Ende auch nur Vermuthungen", fuhr sein Freund in geringschätzendem Tone fort, „der Landrath besitzt ein fürstliches Vermögen; damit darf man an der Börse schon einige Unternehmungen wagen." „Er spckulirt?" fragte der Oberst. „So sagt man, und mein Freund könnte Ihnen darüber ganz genaue Mittheilungen machen, da sein Prinzipal das Vermögen des Landraths verwaltet. Herr Maiwind liebt es, sich in Schweigen zu hüllen und nur halbe Andeutungen zu geben, die Nichts beweisen." „Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei auch etwas denken lassen", spottete der Buchhalter. „Geschäftsgeheimnisse darf ich nicht verrathen, und wenn ich den Landrath warnen wollte, so könnte ich mir die Finger garstig verbrennen. Was geht es mich auch an! Macht's anderen Lernen Spaß, große Summen zu wagen, so fühle ich mich nicht verpflichtet, sie zu warnen." „So schlimm wird es nicht sein", erwiderte der Referendar, während er mit einer leichten Verneigung die Cigarre nahm, die der Oberst ihm anbot; „einen Verlust, der Andere ruiniren würde, kann der Landrath verschmerzen." „Hm, ich sag' es Dir: ein Kerl, der spekulirt, ist wie ein Thier, auf dürrer Haide von einem bösen Geist im Kreis herumgeführt!" „Darf ich fragen, in welchem Hause Sie beschäftigt sind?" unterbrach der Oberst ihn. „Johann Heinrich Morgenroth und Compagnie", antwortete der Buchhalter. „Ackermann soll der Compagnon sein", fügte Rommel hinzu. „Das habe ich nicht behauptet", fuhr sein Freund fort; „indessen wenn er es wäre, fo läge darin nichts Befremdendes: nach Golde drängt, am Golde hängt doch Alles! Ich werde wohl nicht lange mehr in dem Hause bleiben; ein einziger Augenblick kann Alles umgestalten." Der Oberst blickte sinnend den blauen Rauch- wölkchcn nach, die in phantastischen Verschlingungen zur Zimmerdecke emporschwebten. „Sie erwähnten vorhin, der Landrath sei ver« heirachet", sagte er nach einer Pause; „ist sein Familienleben ein glückliches?" „Nein", erwiderte der Referendar mit solcher Sicherheit, daß der Oberst ihn betroffen anblickte. „Darüber, wie er zu dieser schönen Frau gekommen ist, kann ich Ihnen zufällig genaue Auskunft geben. Unsere Hauswirthin, Madame Schirmer kennt diese ganze Geschichte; sie hat sie uns Beiden vor einiger Zeit erzählt. Die Landräthin ist eine geborene Vera von Löwenfels; wenn Sie die Dame sehen, so werden Sie begreifen, daß sie vor zehn Jahren eine blendende Schönheit war." „Sie ist es noch!" schaltete Maiwind ein. „Dies Bildniß ist bezaubernd schön!" „Niemand kann das bestreiten! Damals war sie umschwärmt von jungen und reichen Herren, die um ihre Liebe warben. Unser diesen befanden sich auch der Gutsbesitzer Hugo Ackermann und ein Neffe unserer Hauswirthin, der Premierlieutenant Hermann von Salberg. Diese beiden Herren, die sehr intim mit einander befreundet waren, wurden von allen Anderen ausgezeichnet; indeffen soll Fräulein von Löwenfels, wie Madame Schirmer behauptet, nur den Lieutenant von Salberg geliebt haben. Ob es darüber zwischen den Freunden zu einer Scene ge. kommen ist, oder ob nur ein glücklicher Zufall den Gutsbesitzer von seinem gefährlichen Nebenbuhler befreit hat, darüber scheint ein Dunkel zu schweben, das wohl niemals gelichtet wird. Eines Tages reiste der Lieutenant aus der Residenz ab, und bald darauf traf die Nachricht ein, daß er auf dieser Reise plötzlich gestorben sei." „Plötzlich?" fragte der Oberst, der den Redenden unverwandt anblickte. „Erregte das nicht Aufsehen?" „Ich weiß es nicht. Man wird wohl in der Residenz Manches geredet haben und mit Vermuthungen nicht sparsam gewesen sein; Tante Schirmer scheint nicht gern davon zu sprechen, und ich glaube, daß auch der Schwester des Lieutenants das Ende des Bruders dunkel geblieben ist." „Ein vollkommener Widerspruch bleibt gleich ge- heimnißvoll für Kluge wie für Thoren", schaltete Maiwind ein. Der Referendar warf ihm einen spöttischen Blick zu. „Herrlich! Etwas dunkel zwar, aber 's klingt recht wunderbar!" erwiderte er. „Ich finde hier keinen Widerspruch. Tante Schirmer wird wohl für ihr Schweigen triftige Gründe haben. Der Gutsbesitzer Ackermann mag nun wohl geglaubt haben, 267 er sei Hahn im Korbe; keinesfalls ist er auf den Korb gefaßt gewesen, den er bald darauf von der schönen Dame empfing. Er verließ plötzlich die Residenz, zog sich auf seine Güter hier in der Provinz zurück und trat später eine Reise an, von der er erst nach einem Jahr zurückkehrte. Fräulein von Löwenfels war gänzlich unbemittelt. Sie wohnte bei einer Tante, die von einer kleinen Pension lebte, und als diese starb, sah die junge Dame sich gezwungen, eine Stelle als Gesellschafterin anzunehmen Wie Tante Schirmer behauptet, soll sie ihrem Geliebten nachgetrauert haben, aber auf der andern Seite mag auch ihre Stellung in der reichen hoch- aristokratischen Familie wenig angenehm gewesen sein — kurz, als der Gutsbesitzer Ackermann ihr jetzt, nach zwei Jahren, wieder begegnete und seine Werbung erneuerte, gab sie ihm das Jawort." Der Oberst hatte das Haupt auf den Arm gestützt und mit sichtbsrer Spannung zugehört; jetzt, als der Referendar eine Pause machte, athmete er tief aus; dann fuhr er mit der Hand, an der ein kostbarer Brillant funkelte, langsam durch den langen blonden Bart. „Und die Ehe ist trotz dieser Beständigkeit des Landraths keine glückliche geworden?" fragte er. „Nein, die Charaktere sind zu verschiedenartig. Ackermann liebt es, mit seinem Reichthum zu prunken; er ist rücksichtslos, ein Tyrann im Hause und draußen der leichtfertige Lebemann, der das Geld mit vollen Händen auf die Straße wirft, daneben ein unangenehmer, hochfahrender Mensch, mit dem Niemand sich befreunden kann. „Wie sein Vetter behauptete, soll er früher sehr liebenswürdig gewesen sein —" (Fortsetzung folgt.) Km Iagdaöenteuer in Kanada. In den 60er Jahren war ich als Beamter der Hudsonbaicompagnie in Stony Creek, einem der vielen kleinen Forts, welche die Compagnie zur Unterhaltung des Pelzhandels mit den Indianern und Trappern angelegt hatte, installirt, wo ich ein paar Irländer und auch einen halbcivilisirten Indianer aus dem Stamme der Tschippeways unter mir hatte. Unser Leben trug den Charakter großer Einförmigkeit, denn unser kleines Blockhaus lag ein paar Tagemärsche von dec nächsten Ansiedelung entfernt und wir waren von der civilisirten Welt so gut wie abgeschlosien. Mit den rauhen Trappern und noch weniger mit den Indianern, die uns ihre erbeuteten Biber-, Bären-, Fuchs-, Marder-, Dachs- feste u. s. w. zum Umtausch gegen wollene Decken, Schießgewehre, Munition, Thee, Branntwein u. s. w. brachten, konnte ich wenigstens keinen besonderen Verkehr pflegen, wenn meine Gefährten in dieser Beziehung minder sciupulös waren. Reben den wenigen Büchern, die ich in diese Wildniß mitgenommen satte, bildete daher die Jagd meine einzige Erholung und da es in der Gegend Wild in Ueberfluß, aber auch eine Menge Wölfe und Bären gab, so konnte ich mich dieser Erholung in ausgedehnter Weise widmen; davon dürfte nachstehendes Abenteuer, das mir während des zweiten Winters, den ich in Stony Creek zubrachte, passirte, ein Pröbchen ablegen. Schon seit einigen Tagen hatte sich in der Umgegend ein riesiger schwarzer Bär gezeigt, von jener Art, welche die Indianer so sehr fürchten, daß sie nur in großen Trupps Jagd auf Exemplare derselben (Ursus niger americanus) machen. In der That sind diese Bären sehr gefährlich für den einzelnen Jäger, denn wenn letzterer die Bestie mit der Kugel nicht unfehlbar tödtlich trifft, so kann er darauf rechnen, sich in den nächsten Minuten unter den Tatzen des Thieres zu befinden. Da ich indeffen meines Schuffes immer sicher zu sein pflegte, so hegte ich gerade keine besondere Furcht, dem in Rede stehenden Burschen, der unsere kleinen Anpflanzungen arg zurichtete, selbst im Einzelkampf zu begegnen. Doch nahm ich mir, als ich an einem bitterkalten Februarmorgen zur Jagd auf die Bestie auszog, zur Vorsicht den Tschippeway, der mir auf meinen Jagdausflügen schon mehrere Male nicht unwesentliche Dienste geleistet hatte, sowie Mac. _ Curris, einen meiner irischen Untergebenen, mit. Wir waren alle drei gut bewaffnet und wegen des tiefen, auf seiner Oberfläche mit einer Kruste versehenen Schnees, mit den bootähnlichen Schneeschuhen versehen, außerdem auch in dicke Pelze gehüllt. Die Kälte hatte einen so hohen Grad erreicht, daß die an mildere Klimate gewöhnten Jagdthiere, wie der amerikanische Hirsch, das flüchtige aschgraue und gestreifte Eichhörnchen, der blutgierige Cuguar und selbst der Waschbär unsere Gegend längst verlaffen und sich mehr nach Süden gezogen hatten. Der Bär sollte, wie der Tschippeway versicherte, in einer felsigen Partie, inmitten eines wilden Dickichts von Fichten, Dornsträuchern u. s. w., welches sich zwei oder drei Büchsenschüsse westlich von unserem Blockhause befand, sein Lager aufgeschlagen haben und nach dieser Richtung zogen wir uns denn hin. Da bemerkten wir plötzlich nach noch nicht allzulangem Marsche auf einer kleinen Bodenerhöhung ein prächtiges Musethier mit zwei Jungen, alle drei eifrigst bemüht, am Rande des Waldes das Moos aus dem Schnee zu scharren. Diese unverhoffte Beute durften wir uns nicht entgehen lassen, umsoweniger, als sich unser Fleischvorrath bedenklich zu Ende neigte. Rasch instruirte ich meine beiden Begleiter, auf einem Umwege den Thieren in die Flanke zu fallen, während ich mich selbst vorsichtig an das alte Thier heranzupirschen suchte,. Der Irländer und der Indianer eilten so rasch, als cs ihnen die Schneeschuhe gestatteten, quer durch den Wald und waren bald aus meinem Gesichtskreise entschwunden. Die kleine Hirschhornpfeife, welche 268 jeder von un» drei mit sich führte und deren Ton ein eigenthümlich schriller, w.ithin dringender ist, sowie im Nothfall ein Büchsenschuß sicherten nach meiner Meinung vollständig das gegenseitige Wieder- finden. So geräuschlos wie möglich glitt ich am Saume des Waldes entlang. Trotzdem bekam aber das alte Muselhier meine Witterung bald weg und zog sich mit den beiden Jungen zurück. Anfangs langsam, so daß ich mich trotz der weiten Entfernung bewogen fühlte, einen Schuß abzugeben, um das Wild nicht ganz aus den Augen zu verlieren. Kaum knallte jedoch das Gewehr, so sprang das kräftige Thier hoch empor und sauste unaufhaltsam durch das prasselnde Gebüsch davon. Die beiden Jungen liefen erschreckt, und durch das dichte Gestrüpp aufgehalten, nach einer anderen Richtung. Ich folgte der Alten, so schnell ich nur konnte und drang in den Wald ein. In jähem Sprunge stürzte sich aber das verfolgte Thier nach wenigen Minuten wieder aus dem Walde heraus und eilte, eine Blöße kreuzend, in das auf der andern Seite befindliche Dickicht hinein. Ich folgte, Alles um mich her vergesiend, der Richtung eines knisternden Geräusches, welches zu meiner Linken ertönte, durchbrach wüthend das Dickicht und sah, aus demselben heraustretend, das Elenthier gerade in einem andern Dickicht verschwinden. Blind vor Jagdeifer, wollte ich nacheilen, vergaß aber ganz den Boden unter meinen Füßen, glitt aus und rutschte mit großer Schnelligkeit über eine hier schroff abfallende Schneefläche dahin. Erst jetzt bemerkte ich zu meinem Schrecken, daß das Geräusch zu meiner Linken, dem ich nachgegangen war, nicht von dem verfolgten Musethier herrührte, sondern von einem kolosialen schwarzen Bären, — jedenfalls dem Burschen, den wir heute suchten — und welcher plötzlich meinen Augen entschwand, als hätte ihn der Boden verschlungen. Und so war es eigentlich auch, denn aus dem Schlunde einer tiefen Eisschlucht, welche hier die Abdachung der Schneefläche unterbrach, glühten mir zwei Augen entgegen: Die des Bären, der in die Eisgrube gestürzt war. Dieser Anblick gab mir meine volle Geistesgegenwart wieder und mit einer wülhenden Kraft, die man oft in solchen verzweifelten Momenten besitzt, krallte ich mich mit meinen Nägeln an der harten Schneekruste an und dies war in der That die höchste Zeit; eine Secunde später wäre ich in die Schlucht gestürzt, wo mich der Bär natürlich sofort zerrissen hätte. Jndesien vermochte ich mich nur mit größter Anstrengung am Rande der Eisschlucht zu halten; jeden Augenblick erschreckte mich das Wuthaebrüll des in der Schlucht gefangenen Bären, dessen kleine Augen fortwährend zornig zu mir herauf funkelten und vielleicht würde ich meinen Halt losgelaflen haben, wenn ich nicht gerade immer in diese wahrhaft dämonisch funkelnden Augen hätte schauen müssen, deren Anblick mich zu den furchtbarsten Anstrengungen veranlaßte, um mich am Rande der Schlucht zu erhalten. So hing oder schwebte ich vielmehr über der Schlucht — denn meine Beine hingen gerade hinein — und da ich mich mit beiden, schon krampfhaft zitternden Händen an der Schneekruste festklammerte, so war es mir unmöglich, nach meinem Gewehr zu greifen, um meine Begleiter durch einen Nothschuß herbeizurufen. Auch die Versuche, die an einer Schnur über meinem Jagdpelz hängende Signalpfeife mit den Lippen zu ergreifen, mußte ich wieder aufgeben, denn die Bewegungen, die ich zu diesem Zwecke gezwungen war, mit dem Oberkörper zu machen, drohten die Schneekruste, an der sich meine Hände festklammerien und von welcher schon einige Theile losbröckelten, bedenklich zu erschüttern. Furchtbare Minuten brachte ich in dieser Situation zu und was noch meine Seelenqual vermehrte, war die entsetzliche Stille und Oede rings um mich her, die nur durch das dumpfe Schnauben der Bestie unter meinen Füßen unterbrochen wurde. Ich sah meinen gewissen Tod vor Augen, schon fühlte ich, wie mich die Kräfte verließen, wie ein Schleier begann es sich um meine Sinne zu legen und vielleicht wäre ich im nächsten Moment in die Schlucht gestürzt, wenn nicht in der Nähe ein Schuß gefallen wäre und dieser Ton gab mir noch einmal meine ganze Spannkraft zurück. Ich wollte laut rufen, aber — ein neuer Schrecken' — infolge der großen Kälte und unerhörten körperlichen Anstrengungen versagte mir die Stimme saft gänzlich und nur einen Heisern Laut vermochte meine Kehle hervorzustoßen und diesen konnten die Reiter unmöglich hören. Aber die Vorsehung wollte, daß ich gerettet werden sollte. Mac Curris und der Indianer erschienen am Rande der Schnecfläche und mich erblickend, eilten sie, sicher in ihren Schneeschuhen dahingleitend, auf mich zu und ich hatte gerade noch so viel Kraft und Besinnung, die nach mir ausgestreckte Hand des Tschippewap zu ergreifen, die sich energisch um die meine schloß, als mich die Sinne verließen. Nach Wochen erst kam ich wieder zu mir; ich sah mich mit einer Sorgfalt, die ich den rauhen, einfachen Gefährten meiner Einsamkeit nicht zugetraut hätte, auf ein weiche« Lager von Fellen und Decken in einer Ecke unseres Blockhauses gebettet und von Mac Curris, der gerade an meinem Lager wachte, erfuhr ich, daß mich unmittelbar nach meiner Rettung ein hitziges Fieber überfallen und ich mehr als einmal am Rande des Todes geschwebt habe. Indessen siegte meine kräftige Constitution in Verbindung mit ein paar einfachen indianischen Heilmitteln schließlich und bald konnte ich den Fuß auf das an meinem Lager hingestreckte und ungeheuere und prächtige Fell des Bären setzen, den der Tschippewap in der Eisschlucht mit einigen Schüssen getöotet und dann mit Hilfe der Irländer und unter großen Mühen heraufgezogen hatte. Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.