Hiehener Jamiüenblätler DeLetrißifches Seidtatt MW Meßmer AKzeigM- Ux, 118 Donnerstag den 7. October. 1886. Saat und Ernte. Roman von Ewald August König. (Fortsetzung.) „Es kommt darauf an, von welcher Seite man's betrachten will' , fuhr der Refermdar achselzuckend fort. „Der rothe Fritz behauptet, Sie hätten die Person, die er beraubte, fortgeschafft, und seitdem sei sie spurlos verschwunden. Ich nehme an, daß diese Person keineswegs tobt, sondern nur schwer verwundet war — daß Sie ihr das Leben retteten —" „Das sind Vermuihungen, bester Herr —" „Verzeihen Sie, cs sind Vermuihungen, die eben auf Thatsachen sich stützen. War jene Person Hermann, so dürfen wir heute dem Himmel danken, daß ihm das Leben erhalten blieb. Kennen Sie den Hauptmann von Görlitz?" „Nur dem Namen nach." „Er wohnt in diesem Hause. Ec und auch Oberst Johnson wünschen vor Ihrem Verhör mit Ihnen zu reden. Ich darf wohl annehmen, daß Sie die Gründe kennen, die damals Hermann von Salberg zum Selbstmord trieben; Sie werden also auch wissen, welche Bedeutung der Entdeckung, die wir vor einigen Tagen zufällig machten, beizulegen ist." „Welche Entdeckung?" Rommel berichtete ihm die Würfelgeschichte; der alte Herr blickte ihn starr an, Bestürzung und Entsetzen spiegelten sich in seinem ehrlichen Gesicht. „Was wissen Sie noch weiter?" fragte er, als der Referendar schwieg. „Noch nichts, aber ich hoffe nun Alles zu erfahren. Und wenn ich aus dem, was ich bereits weiß, meine Schlußfolgerung ziehe, so werden Sie nicht bestreiten können, daß —" „Thun Sie das nicht!" fiel der Oberförster ihm hastig in die Rede. „Sie könnten zu falschen Schlüssen kommen! Und ob Sie wirklich Alles erfahren werden, das ist auch noch fraglich. Ich muß darüber zuvor mit den beiden Herren berathen." „Und werden Sie mir erlauben, dieser Berathung beizuwohnen?" Nein!" '.Aber Herr von Görlitz hat es mir zugesagt." „Dann werde ich, so lange Sie zugegen sind, schweigen müssen. Mich bindet mein Ehrenwort, und ich bin entschlossen, es zu halten, so lange nicht die Verhältnisse selbst mich davon entbinden." „Wollen Sie in diesem Sinne auch die Fragen des Richters beantworten?" „Ich bin dazu gezwungen!" „Die Behauptungen Keller's —" „Mein lieber Herr, was Sie mir auch sagen mögen, weder Bitten noch Drohungen werden mich bewegen können, mein Schweigen zu brechen. Lassen Sie mich ungestört und ohne Zeugen mit den beiden Herren reden; von dieser Berathung wird es abhängen, ob Sie in jenes Geheimniß eingeweiht werden dürfen. Und nun bitte ich Sie, führen Sie mich zu Herrn von Görlitz; ich wünsche jetzt so rasch wie möglich Klarheit zu erhalten." Die ruhige Entschlossenheit, mit der der, alte Herr das gesagt hatte, verfehlte den beabsichtigten Eindruck nicht. Rommel verlor kein Wort weiter; einige Minuten später traten sie in das Zimmer des Hauptmanns. Herr von Görlitz pflichtete den Gründen des Oberförsters bei, auch er verlangte eine geheime Be- rathung und ließ sich dadurch, daß dec Referendar ihn an sein Versprechen erinnerte, nicht beirren. „Gestatten Sie mir, daß ich vorab mit dem Herrn allein rede", sagte er. „Ihrer Untersuchungssache wird dadurch kein Abbruch gethan, und wie die Dinge sich bereits gestaltet haben, glaube ich Ihnen die Versicherung geben zu dürfen, daß Sie vielleicht morgen schon Alles erfahren werden, was Sie zu wissen wünschen." Der Referendar mußte sich damit begnügen. Er wollte sich in's Speisezimmer hinunterbegeben, aber auf der Treppe begegnete ihm Maiwind, der sichtbar verstört ihn um eine Unterredung bat. Nach Äthern ringend, sank der Buchhalter im Zimmer seines Freundes auf einen Stuhl nieder. „Hin ist hin, verloren ist verloren!" seufzte er; „Johann Heinrich Morgenroth, bester Freund, denkt fern von Madrid über seine Sünden nach. Fahre wohl, Doria, schöner Stern!" „Was ist geschehen?" fragte Rommel überrascht. „Was geschehen ist? Den Bösen sind sie los, die Bösen sind geblieben I Ich bin auch nicht der Mann, den Teufel festzuhalten'. Morgenroth hat gestern mit dem Nachtzuge eine Reise angetreten, und Roß und Reiter sehen wir niemals wieder!" „Durchgebrannt?" „In des Wortes verwegenster Bedeutung!" nickte Maiwind, mit beiden Händen durch das blonde Haar fahrend. „Vielleicht ist es nur eine Geschäftsreise —" - > „O, heilige Einfalt! Ehe er diese Reise - 470 hat er seine Taschen gefüllt, — es war freilich nicht viel mehr in unseren Kaffen, nun aber sind sie ganz leer» Fort, stürzt das Scheusal in die Wolfs- schluchtl" Der Referendar mußte trotz seiner eigenen Verstimmung unwillkürlich lächeln. „Das hätten Sie wohl voraursehen können", sagte er; „ein Ende mit Schrecken mußte diese» Hazardspiel an der Börse nehmen." „Du sprichst ein großes Wort gelassen aus", erwiderte der Buchhalter kopfschüttelnd. „Zwar sprach man in der jüngsten Zeit viel davon, daß unser Haus bedroht fei, aber wir hielten das für unnützes Geschwätz. Die schlechtesten Früchte sind es nicht, woran die Wespen nagen, und unser Chef verstand es, uns Alle zu täuschen. Gewagte Unternehmungen sind gar nicht gebucht werden; heute schon wurden Wechsel präsentirt, von denen wir keine Ahnung hatten. Das Ende mit Schrecken ist da und jetzt folgt ein Schrecken ohne Ende." „Das läßt sich freilich denken. Aber was haben Sie damit zu schaffen? Sie kann Niemand dafür verantwortlich machen; Sie treten aus und eröffnen Ihr eigenes Geschäft. Die Leichtgläubigen, die diesem vertraut haben —" „Diese Leichtgläubigen werden nun die Schale ihres Zorns über uns ausgteßen! Man wird uns den Vorwurf machen, wir hätten uns an diesen Räubereien betheiligt; wie der Herr, so der Knecht, und wo ein Aa» ist, da sammeln sich die Adler. Kann ich jetzt aurtreten? Wird man mich nicht zwingen, die Bücher in Ordnung zu bringen und diesen Augiasstall zu reinigen? Das wäre eine Penelope-Arbeit, die mich Monate lang in Äthern halten könnte." „Dazu kann Niemand Sie zwingen, wenn Sie nicht freiwillig diese Arbeit übernehmen wollen. Sie werden über Dies oder Jene» Auskunft geben müffen, das ist Alles, was man gesetzlich von Ihnen verlangen darf." „Aber kann ich die Lästermäuler stopfen? Werben sie nicht behaupten, ich habe die Gelegenheit wahrgenommen und im Trüben gefischt, um mich selbst zu bereichern?" „Aus den Büchern muß ja hervorgehen, daß diese Behauptung jeder Begründung entbehrt." „Pah, was ich mir dafür kaufe! Das Papier sei geduldig, werden die Leute sagen, und ich kann'» nicht Jedem auf die Nase binden, daß mein Vater ein vermögender Mann ist, und daß ich von ihm das Kapital zur Gründung meiner Selbstständigkeit erhalten habe." „Wer Sie kennt —" „Na, was die Schickung schickt, ertrage. Wer sich in Gefahr begiebt, kommt darin um. Ich hätte früher ein Ende machen sollen; nun muß ich dem Sturme, dem ich nicht mehr ausweichen kann, die Stirne bieten." iu „Aber hat Ihr Chef denn gar Nicht» hinter- "'?" fragte der Referendar. „Das Wenige verschwindet leicht dem Blick", erwiderte Maiwind achselzuckend. „Wir hatten keine Ahnung von dieser plötzlichen Abreise; gestern noch sprach Morgenroth von neuen Unternehmungen, auf die er große Hoffnungen baute. Und heute Morgen fand ich auf meinem Pulte ein Billet, in dem er mir kurz anzeigt, er habe plötzlich eine Geschäftsreise antreten müssen und wisse nicht, wann er zurückkehren werde. Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Ich ging zum Kassier; wir öffneten die eisernen Schränke und fanden weder goldene Aepfel, noch silberne Thaler. E» war Alle» fort, einige Pöste werthloser Aktien ausgenommen. Was thun? sprach Zeus. Aus Nichts hat Gott die Welt geschaffen, aber Wechsel kann man damit nicht bezahlen. Und schon eine Stunde später kamen die Wechsel, von denen wir Nichts wußten." „Sie haben die Zahlungen eingestellt?" „Eine Erklärung haben wir noch nicht gegeben; aber wir werden Sie morgen geben müssen!" „Der Schuft hätte schon heute verfolgt werden müssen!" „Lieber Freund und Kupferstecher, war wird bei dieser Verfolgung herauskommen? Nichts! Im besten Falle hat Morgenroth nur zwanzigtausend Thaler baares Geld mitgenommen; was von dieser verhält- nißmäßig kleinen Summe gerettet würde, wäre nur ein Wassertropfen." „Das kann mau nicht wissen", erwiderte der Referendar. „Er kann schon früher große Summen bei Seite geschafft haben. Verfolgt muß er jedenfalls werden." „Na, wenn die Gläubiger das wollen, so mögen sie ee thun", sagte Maiwind; ,sie müssen heidenmäßig viel Geld haben, um die Kosten decken zu können. Aber was die großen Summen betrifft, die Sie dadurch retten wollen, so existiren dieselben nur in Ihrer Phantasie! Morgenroth hat nie daran gedacht, daß da« Glück ihm einmal den Rücken wenden könne. Er hat in der ersten Zeit immer glücklich spekulirt und später unsinnig darauf los gewirthschaftet. Das eben ist der Fluch der bösen That, daß sie fortzeugend Böses muß gebären. Er hat Aktien gekauft, für die heute Niemand mehr einen Groschen gießt; er hat feine Verluste baar gedeckt, so lange seine Mittel ihm das erlaubten. Nun war'» aber plötzlich Matthäi am Letzten; da hat er zusammengerafft, was noch da war, und mit diesen Letzten der Mohikaner ist er in jene» Land hinübergegangen, wo nach seiner Ansicht Milch und Honig fleußt." „Und die Gläubiger haben da» Nachsehen?" fragte Rommel. „Werden sie Alles verlieren?" „Ich glaube nicht, daß eine irgend nenuenswerthe Summe zur Vertheilung kommen wird." „Das wäre stark! In diesem Falle muß man wirklich annehmen, daß große Summen bei Seite geschafft worden sind; er kann doch nicht Alle» an der Börse verloren haben!" „Alles!" erwiderte Maiwind mit scharfer Be- 471 tonung. „Der Landrath Ackermann sitzt auch mit seinem ganzen Vermögen in der Masse." „Gütiger Himmel I" rief der Referendar erschreckt. „Ach, war! — Es ist seine eigens Schuld I Weshalb verkaufte er sein Gut, und wer zwang ihn, das ganze Vermögen diesem Manne anzuvertrauen? Er war ein reicher Mann; aber je mehr ec hat, je mehr er will, nie schweigen seine Klagen still; er wollte im Handumdrehen sein Vermögen verdoppeln." „Und nun bleibt ihm Nichts mehr?" „Es wird nicht der Rede werth sein." „Das wäre ein furchtbarer Sturz von der Höhe, und seiner Frau wegen thut mir'- leid. Haben Sie ihn schon davon benachrichtigt?" „Ich hatte heute keine Zeit, daran zu denken", sagte der Buchhalter; „er wird's morgen erfahren. Noch vor wenig Tagen war er bei uns, um sein Kapital zurückzufordern; aber die Vollmacht, die er dem Banquier gegeben hatte, ließ sich so rasch nicht wieder umstoßen und jetzt darf er sich auf das Hohngelächter der Hölle gefaßt machen." „Theilnahme wird er schwerlich finden", erwiderte Rommel gedankenvoll; „er ist nicht beliebt. Wer Wind säet, wird Sturm ernten; nun kommt die Reue zu spät!" „Nicht für ihn allein, sondern für Manchen. Ihrer sind Viele, die diesem dunklen Ehrenmann volles Vertrauen geschenkt haben." „Ich würde an Ihrer Stelle dem Gericht heute schon Anzeige gemacht haben. Er liegt doch in Ihrem eigenen Interesse, daß sobald wie möglich die Siegel angelegt werden." „Hm, da» ist wahr! Aber kann ich beweisen, daß er durchgebrannt ist? Wenn er nun wirklich morgen oder übermorgen zurückkehrte?" „Vorhin bestritten Sie diese Möglichkeit!" (Fortsetzung folgt.) Die Brandstifterin. Criminal-Novelle von Andrt Hug». (Fortsetzung), in. Amtstehrimnisse. „Wie gesagt, ich begreife Sie nicht, Herr Nachbar, diese Menschen in Ihr Haus aufzunehmen", sagte Frau Bester, die Wirthin zum „Goldenen Ring", zu einem ihrer Gäste am Tage nach dem Verhör der Kirchner'schen Eheleute. „Und ich begreife Sie nicht, Frau Bester, daß Sie sich darüber so ereifern können", entgegnete dieser. „Kirchner« bezahlen Ihre Miethe prompt, sind überhaupt ruhige Leute, war will ich als Ver- miether mehr?" Der Böltchermeister Eichhart sah, nachdem er diese Worte entgegnet hatte, seinem Gegenüber fragend in's Antlitz, „Dann wissen Sie wohl gar nicht, was sich gestern auf dem Gericht abgespielt hat?" „Nein — Sie machen mich neugierig." „Nun, der Herr Amtsrichter mag der Berliner Putzmamsell wahrscheinlich etwa« derb in» Gewissen von wegen des Feuers geredet haben und stehe da — da ist die „Frau Schulmeisterin" zusammenge- brachen und .... und .. . ." Frau Bester stockte. „Sie machen mich noch neugieriger, bitte erzählen Sie doch!" „Ja, man munkelt da viele», was eine rechtschaffene Wirthin wohl hören, aber nicht weiter sprechen darf. Hoffentlich wird sich das Räthsel sehr bald lösen. Er sollte mir leid thun, wenn es dann hieße: Die und Die wohnen beim Böttchermeister Eichhart. Doch lassen wir das! Ich selbst hatte auf die Wohnung speculirt. Eine Freundin von mir, deren Mann nach hier versetzt wird, schrieb erst vorgestern an mich, wegen Besorgung einer Wohnung und ich hatte schon an diesem Tage die Absicht zu Ihnen zu kommen und Ihnen das leerstehende Logis abzunehmen, allein mein Mann war nicht da, die ganzen Wirthschaftsforgen lagen auf meiner Achsel und verschob ich meinen Ausgang bi» auf gestern. Das leidige Feuer kam dazwischen und so ist nichts daraus geworden. Was zahlen Ihnen die Kirchners?" „Achtzig Thaker haben wir ausgemacht. Es ist eigentlich mehr werth, indessen Kirchner ist ein hübscher Mann, er dirigirt unseren Gesangverein und da habe ich es nicht so genau genommen." „Ich würde Ihnen neunzig Thaler gut und gern geben, wenn Sie die Einmiethung rückgängig machen wollten. Es wäre mir zu lieb, wenn ich meine Freundin so in unmittelbarer Nähe hätte." Böttchermeister Eichhart zauderte nur einen Augenblick mit seiner Antwort, dann sagte er in ruhigem, festem Tone: „Nein, Frau Bester, mein gegebenes Wort breche ich nicht, der Kirchner bleibt wohnen." Frau Bester biß sich ärgerlich auf die Lippen. Sie stand auf, wischte den Tisch etwa» ab und sagte dann nur: Wie Sie wollen, Herr Eichhart; ich habe es gut gemeint. Mögen Sie es nie bereuen!" Meister Eichhart sah der hastig Davoneilenden kopfschüttelnd nach und spülte den auskeimenden Un- muth mit einem kräftigen Schluck hinab; ,/sist besser so", murmelte er vor sich hin. „Wegen zehn Thalern bricht Meister Eichhart sein Wort nicht und überhaupt thut er so etwas nicht." Aergerlich über das ihm gestellte Ansinnen von Seiten der Wirthin, stülpte er seins Arbeitsmütze auf, ließ sogar einen kleinen Rest Bier im Glase stehen und ging fort. Kirchner wich nicht von dem Krankenbette seiner Frau. Auf diesel be hatten die verschiedenen Momente der letzten Tage einen nachhaltigen Eindruck hinter- lassen. Der rasch herbeigerufene Arzt konstatirte die Symptome ei ner beginnenden Nervenkrankheit. Kirchner hatte seine Frau nie schöner gesehen, als in diesem Zustande. Das aufgelöste starke schwarze Haar bildete zu dem von dem Fieber gerötheien Gestcht einen paffenden Hintergrund. Der dankbare Blick aus ihren Augen, wenn ste sah, wie er sich willig jeder Verrichtung und Arbeit, die der Arzt angeordnet, unterzog, sowie die besänftigenden Worte, die ab und zu über ihre Lippen glitten, wenn er mit theilnehmenden Blicken an ihr hing, löste in dem Manne jene weiche Stimme los, die gewöhnlich dann entsteht, wenn man sich mit dem Gedanken vertraut macht, daß einem ein Liebes durch den Tod entriffen werden könnte. Er beugte sich über sie, wenn sie zu schlafen schien und lauschte mit gespanntester Aufmerksamkeit den Athemzügen der Kranken — ein schönes Bild jenes innigen Bandes, welches die gegenseitige Achtung aus den Ueberresten der ersten feurigen Liebe gewoben. Wohlthuend war es für Kirchner ferner, wenn er sah, wie sich die Handwerker und Kaufleute beeilten, ihm die nothwendigsten Existenzbedürfniffe so schnell als es nur anging, zu liefern, um ihm ein neues Heim an Stelle des verlorenen zu setzen. Kirchner war allgemein geachtet und hieraus entsprang die Bereitwilligkeit der Lieferanten dem Manne zu dienen. Seine Hauswirthsleute suchten sich geradezu zu überbieten und kamen ihm ebenfalls in jeder Weise entgegen. Die erschienene Feuerver- sicherungrcommission hatte auf das gute Lob der Familie hin keinerlei Anstand genommen, die Versicherungssumme anzuweisen. Die gesunde Constitution der Frau Kirchner, die aufopfernde, ihr zu Theil werdende Pflege seitens ihres Gatten und das energische Einschreiten des Arztes hatten zu Folge, daß die Frau sich rasch erholte und der Anfall keinerlei nachtheilige Folgen zeigte. Die Anklagekammer des Herzogthums hatte auf die Einreichung der Acten hin sich nicht für competent erachtet, auf die etwas gesuchten Judicien die Kirchner'schen Eheleute in Untersuchung zu nehmen. Für den Amtsrichter Schäfer lag der Fall freilich anders. Er wußte, daß man ihm persönlich nicht wohl wolle und auf Rechnung dieses UebelwollenS setzte er die Ablehnung einer Untersuchung. Mürrisch und empfindlich schloß er an dem Tage, an dem das Antwortschreiben der Anklagekammer eingelaufen war, sein Bureau. Für derartige Stimmungen besitzen Aerzte und Apotheker keinerlei Mittel. Das schien der Herr Amtsrichter auch zu wiffen, denn nach der am Markte gelegenen Apotheke warf er nur einen flüchtigen Blick, dann suchten seine Augen das Gasthaus zum „Goldenen Ring", dessen Wirthin — von einem Wirthe sprach man nicht — bekanntlich ein so vorzügliches Bayrisch schenkte, wie nirgends. Bei dem fünften oder sechsten Glase waren gewöhnlich alle Bedenken, Skrupel und Mißstimmungen verschwunden. Wenn dann der Herr Amtsrichter irgend eine kleine Angelegenheit in der Küche zu besorgen hatte, so war die kleine stämmige Wirthin auch stets so freundlich und aufmerksam, daß sie ihn jedesmal durch den dunklen Küchengang bis nach dem Hausflur geleitete. Manchmal faßte ste ihn sogar bei der Hand an, damit er sich nicht etwa an etwas stoße. Warum sollte man denn einer hübschen Wirthin nicht einmal die Hand drücken dürfen? Was konnte er dafür, wenn sie stolperte und dem Herrn Amtsrichter in den schützenden Arm fiel? Solche kleine Cavalierdienste hatte er der Frau Bester schon öfters geleistet. Ueberlegte er sich nach solchen Augenblicken, daß er bereis das sechsundvierzigste Lebensjahr hinter sich habe und noch nicht verheirathet sei, so überkam ihn jedesmal eine weiche Stimmung und er würde in solchen Momenten sicherlich einer präsentirten Braut keinen Korb gegeben haben. Das war es aber eben: es wurde ihm keine präsentirt und er? — er war zu eckig, zu unbeholfen, um bei Gelegenheit um die Hand irgend einer begehrenswerthen Schönen anzuhalten. Amtsrichter Schäfer befaß ein schönes Gehalt, hatte eine stattliche Figur, einen hübschen Vollbart und — eine fuchsrothe Perrücke. Ursprünglich mochte dieselbe in den tieferen Tinten des Braun gefärbt worden sein, mit der Zeit aber waren die Farbstoffe entwichen und das tobte Haar, das irgend einem Zuchthäusler vielleicht vor feiner Ueberführung abgeschnitten worden war, prangte jetzt in natürlichen Farben auf seinem, einem frisch- polirten Billardball gleichendem Schädel. Die Anfänge der „Platte" hatte er bereits beim Verlassen der Universität als juristisch unanfechtbare Quitttung über „Jugendsorgen" empfangen und sie mit in Amt und Würden genommen, um sie bei seiner Beförderung nach seinem jetzigen Domicil mit einer kunstgerecht gearbeiteten Perrücke — „Toups" sagte er — zu bedecken. Heute saß sie etwas schief, als er in das reser- üirte Zimmer, in dem die Honorationen der Provinzialstadt verkehrten, trat und fein Haupt entblößte. Lugte auch etwas weiße Kopfhaut hindurch, man sah es nicht; wenigstens thaten die bereits Anwesenden so. Wußten Sie doch, daß der Herr Amtsrichter in diesem Punkte sehr empfindlich und etwas — eitel war. Er bildete sich nämlich ein, daß die Wenigsten der mit ihm Verkehrenden Kenntniß von dem Dasein dieser Haarknüpferei haben. Die ersten Gläser waren schnell in den Tiefen seines Innern verschwunden. Wohlthuende Wärme muß ein echtes, gutes, bairisches Bier verbreiten, wenn es auf seine Güte stolz sein will. Das heute von dem Herrn Amtsrichter genoffene mußte diese E.iaen- schaft in erhöhtem Maße besitzen, denn seine War.A.n färbten sich während der Unterhaltung immer röther und er bedauerte es daher lebhaft, daß man heute nach seiner Ansicht ungewöhnlich bald aufbrach. (Fortsetzung folgt). Redaktion: A. Schcyda. — Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Ehr, Pietsch) in Gießen.