Hiehener Jamilienblätter. AeLetristisches Aeidlatt Dm Gießener Kkjeiger. LI L ,, - ■ x.1, — rrmri mr rm tmhii» imm» „> m i i nui i. i.ui~riw i r~iuMwj.ri tun ,iirrr iMnim »iminiuMnini.n «■Timnniiw-jirr _inrm*tfr~~T*ti‘i'nrrff~*Trrr'i-,'--t~~'~*,*T'' M. 105. Dienstag den 7. September. 1886, Saal und Ernte. Roman von Ewald August König. (Fortsetzung.) „Die Beweise sind allerdings überzeugend", sagte er; „ich wüßte nicht, wo und in welcher Weise sie angegriffen werden könnten. Hat denn dieser Oberst Aehnlichkeit mit Hermann von Salberg?" „Ja und nein!" erwiderte Vera zögernd. „Manchmal möchte ich ihm zurufen, er müsse es sein, aber im nächsten Moment erscheint er mir wieder fremd. Gestern Abend erinnerte dann und wann der Klang seiner Stimme mich an den Tobten; aber es wäre ja Wahnsinn gewesen, aus solchen immerhin möglichen Aehnlichkeiten Trugschlüsse ziehen zu wollen." „Gewiß", nickte Rommel. „Oberst Johnson ist schon vor fünfzehn Jahren nach Amerika aurge- wandert —" „Das könnte eine Behauptung sein, die uns irre führen sollte", unterbrach Ludmilla ihn; „wären nicht die anderen Beweise so überzeugend, so würde ich nicht so leicht über die Vermuthung Vera's hin- ! weggehen." „Ich sehe ja selbst ein, daß diese Vermuthungen j unbegründet sind", erwiderte Vera. „Und zu den früheren Beweisen sind nun noch neue hinzugekommen", sagte der Referendar. „Uhr und Ring des Todten sind bei dem verhafteten Vagabunden gefunden worden. Würde er in den Besitz dieser Gegenstände gekommen sein, wenn Hermann von Salberg noch lebte?" „Sicher nicht!" erwiderte Vera. „Auch dieser Beweis ist überzeugend, und es wäre in der Thal nutzlose Mühe, solche Beweise umfloßen zu wollen. Sie werden also so freundschaftlich sein, meinen Wunsch zu erfüllen?" „Mit dem größten Vergnügen." ,Vor allen Dingen bitte ich Sie, sich darüber Gewißheit zu verschaffen, wo wir den Oberst finden können, wenn er diese Gegend verlassen hat." „Es soll geschehen." „Und wenn Sie das erfahren haben, dann folgen Sie uns, so rasch Sie es können; ich werde inzwischen Sorge tragen, daß Tante Lina Sie mit offenen Armen empfängt. Ludmilla, wir müssen uns beeilen, wenn wir den Zug nicht versäumen wollen." Die beiden Damen verließen das Zimmer; der Referendar sandte seiner Braut, die an der Thür stch noch einmal umwandte, einen leuchtenden Blick nach; dann wanderte er langsam auf und nieder. Oberst Johnson saß hinter der verschlossenen Thür in seinem Zimmer und horchte auf jedes Geräusch, das draußen laut wurde. Endlich hörte er, wie die Damen und der Referendar die Treppe hinunterstiegen; rasch trat er an's Fenster, um einen verstohlenen Blick auf die Landstraße zu werfen. Der Hausknecht trat zuerst heraus, mit einer Reisetasche und anderm kleinen Handgepäck beladen; dann folgten die Damen und draußen bot der Referendar dem Fräulein von Salberg den Arm. Der Oberst athmete erleichtert auf; aber noch lange folgte sein Blick der kleinen Gesellschaft, die mit raschen Schritten dem Bahnhofe zuwanderte. „Sie versuchte es nicht, weil sie wissen mußte, daß es nutzlos war", sagte er leise ; „was hätte ich ihr auch noch sagen können und dürfen!" Er zog seinen Paletot an und setzte den Hut auf, dann öffnete er die Thür, um das Zimmer zu verlassen. „Sie wollen auch abreisen?" fragte der Wirth, dem er am Fuße der Treppe begegnete. „Der Referendar bleibt noch bis heute Nachmittag." „Er begleitet die Damen nicht?" erwiderte der Oberst überrascht. „Nur bis zum Bahnhof." „Und was hält ihn hier noch zurück?" „Ich weiß es nicht, und es geht mich auch Nichts an. Wollen Sie ausgehen?" „Zu Ihrem Schwiegervater", nickte der Oberst. „Sie wissen ja, welchen Vorschlag ich Ihrem Schwager gemacht habe." „Gott segne Sie dafür", sagte die Wirthin, die aus ihrem Schenkzimmer gekommen war und die letzten Worte gehört hatte; „Hans nimmt das gütige Anerbieten an, und ich hoffe, daß er Ihr Vertrauen rechtfertigen wird." „Ich erwarte das ebenfalls", erwiderte der ’ Oberst ruhig, „und so weit ich ihn kenne, wird er gewiß Alles aufbieten, der Stellung, die ich ihm anweise, Ehre zu machen. Sie entschuldigen mich wohl, ich gedenke ebenfalls heute Nachmittag abzureifen, und ich habe noch Manches mit dem alten Herrn zu besprechen." Damit ging er hinaus. Auf den einsamen ‘ Waldwegen begegnete ihm Niemand, und als er in j die Stube des Oberförsters trat, saß der alte Herr, i rauchend in seinem Lehnstuhl. i „Ich komme, um Abschied zu nehmen", sagte er 418 Nachdem er dem Oberförster die Hand gedrückt und ihm gegenüber Platz genommen hatte. „Abschied für immer?" fragte der alte Herr betroffen. ' r ,, „Vielleicht! Ich bin wohl schon zu lange hier geblieben. Immer dringender werden die Fragen, die ich nicht beantworten kann und darf, und immer mißlicher gestalten sich die Verhältnisse, deren Druck ich nicht lange mehr ertragen kann. Gestern Abend kehrte Vera von Löwenfels unvermuthet von Wies, baden zurück; sie erzwang eine Unterredung, und mir war es unsagbar peinlich, ihren Fragen nur die einzige Antwort entgegensetzen zu können, daß ich nicht reden dürfe." Bestürzung spiegelte sich in dem ehrlichen Antlitz des Oberförsters. „Ahnte sie die Wahrheit?" fragte er. „Nein, wie könnte sie es! Und darf sie ihr enthüllt werden? Wohl habe ich erfahren, daß sie noch heute den Todten glühend liebt, daß sie ihren Gatten verachtet —" „Darauf Hoffnungen zu bauen, wäre thöricht", unterbrach der alte Herr ihn, bedenklich das silber. graue Haupt wiegend; „sie darf nie erfahren, was damals sich ereignet hat." „Es sei denn, daß die jetzigen Verhältnisse sich änderten!" „In welcher Weise sollte das geschehen?" „Ackermann könnte sterben." „Auch in diesem Falle würde ich immer noch ernstes Bedenken tragen, ihr die Wahrheit zu ent- hüllen. Es ßiebt Vorurtheile, die sich nicht besiegen taffen, und es fänden sich sicherlich Personen genug, die, auf diese Vorurtheile gestützt, die Ehre Hermann von Salberg'S in den Staub treten würden." „Glauben Sie, daß auch Vera von Löwenfels zu diesen Personen zählen würde?" „Wer kann es wissen? Wäre es nicht möglich, daß in ihrer Serie Zweifel an dem Muthe Sal- berg's erwachen würden? Könnte sie in dem, was geschehen ist, nicht eine Absicht entdecken, die den Vorwurf der Feigheit auf ihn laden würde? Nein, mein Freund, sie darf die Wahrheit nie erfahren." „Sie hat mir erklärt, daß sie nicht ruhen werde, bis sie das Geheimniß enthüllt habe!" „Bleiben wir fest, so kann diese Enthüllung nur von Seiten ihres Mannes erfolgen." „Und möglich wäre es, daß Ackermann aus unlauteren Gründen sich dazu bewegen ließe", sagte der Oberst, tief und schwer aufathmend. „Der Bruch zwischen den beiden Gatten hat sich bereits vollzogen, und diesem gesinnungslosen Manne darf man Alles zutrauen —" „Er muß Rücksicht nehmen auf feine Stellung —" Bah, diese Stellung hat er bereits quittirt; er hat seine Güter verkauft, um das Kapital zu Börsenspekulationen zu verwenden." „Und wenn auch nach außen hin keine Ruck- sichten ihn binden, so muß er dennoch schweigen", erwiderte der Oberförster. „Mögen auch Viele in dem, was damals geschehen ist, nichts Unehrenhaftes inden, so zwingen doch triftige Gründe den Be- treffenden, darüber zu schweigen, und deshalb kann ch nicht glauben, daß Ackermann das dunkle Ge« heimniß enthüllen wird." „Auch von anderer Seite droht Gefahr! „Von welcher?" . ,, „Der rothe Fritz ist gestern verhaftet worden. „Seine Aussagen sind nicht zu fürchten!" „Uhr und Ring Salberg'S sind bei ihm gefunden worden." , _ , , Der alte Herr zog die buschigen Brauen hoch hinauf. Starr blickte er den Oberst an; er schien das so rasch nicht' fassen zu können. „Jetzt noch, nach so langer Zeit?" fragte er zweifelnd. „Er soll sie damals in einen hohlen Baum versteckt haben." _ , „Nun denn, er hat sie dem Todten geraubt; ich wüßte nicht, wie dadurch das Geheimniß gefährdet werden könnte." „Der Vagabund ergeht sich in räthselhaften Andeutungen." „Die sich auf mich beziehen, ich weiß es, denn er war gestern kurz vor seiner Verhaftung bei mir, um mir durch feine Drohungen zu imponiren. Aber er w-iß gar Nichts, er greift nur Vermuthungen aus der Luft, für die ihm alle Beweise fehlen. Und was er auch sagen mag, ein Wort von mir wiegt jedenfalls schwerer als —" „Sagen Sie das nicht!" unterbrach der Oberst ihn. „Ich kenne den jungen Herrn, der in dieser Angelegenheit die Untersuchung führt; 'er ist darauf erpicht, das Geheimniß zu erforschen, und schon aus diesem Grunde wird er auf die Aussagen des Gefangenen großes Gewicht legen." „Und was nützen diese Aussagen ihm, wenn ich ihnen mit der Erklärung entgegentre:e, daß sie er» funden und unwahr seien?" „Sie fürchten also für sich keine Unannehmlich, leiten?" , , „ , „Das will ich nicht behaupten; einige Unannehmlichkeiten mögen mir daraus immerhin erwachsen, aber ich sage Ihnen noch einmal, das Geheimniß selbst wird dadurch nicht gefährdet. Indessen, wenn ich mir Alles ernst überlege, dann kann ich Ihren Ent- schluß, nach Amerika zurückzukehren, nur billigen; es könnten ja von Seiten der Gerichts auch an Sie Fragen gerichtet werden, die Ihnen unangenehm fein müßten." „Solche Fragen fürchte ich nichts, sagte der Oberst ruhig; man kann mich nicht zwingen, sie zu beantworten; ich bin amerikanischer Bürger und möchte Niemandem rathen —" „Sie dürfen Ihr Zeugniß nicht verweigern, wenn es gefordert wird!" , „Und wenn ich erkläre, daß ich eine an mich gerichtete Frage nicht beantworten werde, so mutz 419 der Richter sich damit begnügen. Nicht für mich fürchte ich, sondern für Sie, zumal Sie noch königlicher Beamter sind. Der Gefangene glaubt dadurch, daß er auf Sie die Aufmerksamkeit des Richters lenkt, sich selbst aus der Klemme ziehen zu können und darin unterstützt ihn der Förster Hellmuth, der Ihrer Tochter wegen Sie haßt." In den Augen des Oberförsters blitzte es zornig auf; immer dichter wurden die Rauchwolken, die er vor sich hinblies. (Fortsetzung folgt.) Das Huessenfinden. Schon der alte Aristoteles erklärte bekanntlich das Wasier als eines der vier Hauptelemente. Thales, der Milesier, hielt es sogar als das Urelement, aus welchem alle übrigen Körper entstünden und der berühmte Dichter Pindar pries es höher als alles Andere. In der That, man kann das Wasier die Mutter alles organischen Lebens nennen, wohl keine Substanz tritt in so vielerlei Berührung nut dem menschlichen Leben, als das Wasier und schon die Geschichte erzählt uns, daß die meisten alten Volker in ihren heiligen Quellen den großen Geist verehrten, der ihnen dieses köstliche Labsal schenkte. Auch diese Sage beschäftigt sich vielfach mL dieser Lebenskraft und weiß schon aus den ältesten Reiten allerhand wunderbare Begebenheiten, in drnen Wasier eine Hauptrolle spielt, zu berichten. Wer erinnerte sich nicht der biblischen Erzählung von dem Stabe Mosi», mit welchem der Prophet dem starren Felsgestein Wasierstrahlen zur @rqmctung unb Rettung des fast verschmachtenden Volkes entlockte, oder der Legende von jenem christlichen Heiligen, der Wasier auf dürren Boden goß, aus welchem nun das belebende Element hervorquoll? Noch heute zeigt man in bett Ruinen ber Mamertinrschen Kerker in Rom bie Quelle, welche nach ber Legenbe aus das Gebet des gefangenen Apostels Petrus entsprang, damit er Wasier habe, seine neubekehrten Mckge- fangenen und Kerkerknechte zu taufen, und von Kan dem Großen erzählen alte Chronisten, daß, als sein Heer nach einer heißen Schlacht nut ben Sachsen Durst litt unb kein Brunnen aufzutreiben war bas Roß bes Kaisers mit bem Hufe in ben Erbboben schlug, aus welchem sofort eine mächtige Quelle aus- sprubelte. Uralt ist auch die Kunst des Quellrnfinbens. In Griechenland soll dieselbe zuerst Danaos, der aus Egypten eingewanderte mythische König von Argos, ausgeübt haben, der in dem wasserarmen Araos zahl-eiche Quellen auffand. Im alten Italien galten die Etrusker als berühmte Quellen- sinder und scheint es sogar, als ob sich ihre Kunst auf ein gewisies Studium der Gesteinsschichten und Unebenheiten des Bodens gestützt habe. In einigen älteren römischen Schriftstellern finden sich An- leitungen und Rathschläge zur Aufspürung von Wasier, denen man zuweilen noch bei unseren Landleuten begegnen kann. Hierher gehört namentlich die Angabe, daß Plätze, wo Binsen, Werden, Dchllf, Epheu und andere einen feuchten Boden siebenden Pflanzen wachsen, auf Wasser in der Tiefe deuteten, was freilich nur auf einer ganz willkürlichen Annahme beruht. Dennoch ist es richtig, daß einzelne Pflanzen mit einer gewissen Bestimmtheit auf das Vorhandensein von Waffer in ihrer Rahe deuten, so z. B. die Bachmontie (Montia rivulans). Ebenso sind erwiesener Maßen verschiedenen wilden Volker- stämmen gewisse Pflanzenarten bekannt, aus deren Existenz sie mit untrüglicher Sicherheit darauf schließen, daß sich Wasier in einem bestimmten Um- kreise befindet und neuere wie ältere Reisende wissen ^^Auch^der ^Aberglaube spielt beim Wasiersuchen seit undenklicher Zeit seine Rolle, man braucht hierbei nur an die Wünschelmthe zu denken. Wie man mit der Wünschelmthe vergrabene Schätze, Metall- adern u. s. w. aufzufinden vermeinte, so glaubte man auch durch dieses Zaubermittel Quellen und unterirdische Wasierbehälter ausspüren zu können und in der Erzählung von dem Wunderstabe Mofis> kann man leicht die uralte Sage von der Kraft ber Wünschelmthe wiedererkennen. Den Glauben des Volkes an diese Wunderkraft benutzend, durchzogen im Mittelalter sogenannte Ruthengänger das Land, um mit einem gabelförmigen Zweig, gewöhnlich vom Haselnußstrauch, den sie derartig trugen, daß der Stiel der Gabel in die Höhe stand, nach verborgenen Quellen zu spähen, deren Ort sich dadurch anzergen sollte, daß sich der Stiel nach demselben bewegen sollte. Der Glaube an die Kraft der Wunfchel- rnthe war so groß und allgemein verbreitet, daß sogar bis in unser Jahrhundert hinem ine Physiker die verschiedensten Versuche anstellten, um die Bewegungen der Wünschelruthe auf natürliche Ursachen zurückzusühren. — Daß verschiedene -rchiere die Gabe, in wasierarmen Gegenden die Orte, an denen sich Quellen oder überhaupt Ansammlungen von Wasier befinden, schon auf weite Entfernungen zu „wittern", ist bekannt. Der Mustang der amerikanischen Prairien wie das Kameel der ungeheueren Sandwüsten Afrikas erheben schon auf Mellen den Kopf, wenn sie irgendwo Wasier spüren und schrecken freudig auf diesen Platz zu. In den durch ihre Wasierarmuth bekannten Ebenen des südlichen Afrikas befreien in Zeiten, wo die Gefahr des Verschmachtens nahe liegt, die Reisenden die Zugthiere von den Wagen und mit sicherem Jnssinete schlagen die Thiere alsbald die Richtung ein, in welcher Waffer zu finden ist. Auch Menschen giebt es, bereit erhöhte Sensibilität sie befähigt, Wasier zu ftnben, jobalb fte bett Hoben überschreiten, bet das Element birgt, doch durch der. artige Ausnahmen mird der Kunst des Wasier- 420 spürens oder Hydroskopie gerade kein besonderer Dienst geleistet, dieselbe muß vielmehr auf wissen- schaftliche Grundlagen gestellt werden. Wohl der berühmteste Jünger dieser so unendlich segensreichen Kunst ist der französische Abbo Paramelle. Letzterer wurde 1818 in dem Dörfchen Saint-Jean l'Espinaffe im Departement du Lot zum Vicar ernannt und hatte bei seinen häufigen ausgedehnten Wanderungen Gelegenheit, sich von dem außerordentlichen Wassermangel namentlich des südöstlichen Theiles deffelben zu überzeugen. Den Abbö ergriff das traurige Loos der Bewohner — in vielen Dörfern war man bezüglich des Wafferholens nur auf Tümpel und Teiche beschränkt — ungemein und sein thätiger, energischer Geist sann auf Mittel, der Roth an frischem, gutem Waffer abzuhelfen. Paramelle begann die Bodenverhältnisse seiner Heimath auf's Eifrigste zu studiren und nachdem er sich nach neunjährigen unermüdlichen Studien über die Bedingungen der Quellenbildung, über die Ursache des seltenen Auftretens in gewiffen Gegenden, über die Eigenschaften des Laufs der Quellen u. s. w. hinreichend orientirt, war er dahin gelangt, mit einiger Sicher- heit über Lauf, Tiefe und Stärke fast jeder unterirdischen Quelle Auskunft geben zu können. Es war im Jahre 1827, als der Abbs begann, für einige wasserarmen Gemeinden nach Quellen zu suchen und schon diese ersten Versuche erwiesen sich als derartig erfolgreich, daß Paramelle sich entschloß, dem geistlichen Stande zu entsagen und sich fortan nur dem Berufe eines Quellenfinders zu widmen. Vom Jahre 1832 bis zum Jahre 1835 reiste nun dieser Mann im Lande umher, überall in bisher wasserarmen Gegenoen — einem modernen Moses gleichend — dem Boden neue Quellen entlockend. Während dieser seiner langen und segensvollen Thätrgkeit hat Paramelle im südlichen Frankreich gegen 10,000 Quellenbestimmungen aus geführt, von denen sich weit über 9000 als zutreffend erwiesen; der ehemalige Abbs erlangte zuletzt in seiner eigen« thümlichen Kunst eine derartige Geschicklichkeit und Sicherheit, daß er, als man ihn einige Male auf Stellen führte, auf denen versteckt hergeleitete Quellen entsprungen, sofort erklärte, dieselben entsprängen nicht am Platze. Paramelle hat seine Erfahrungen in einem Merkchen niedergelegt, das, betitelt: „L’art de de- couvrir les sources“, deutsch auch bei Cotta in Leipzig erschienen ist. Eine erschöpfende Erörterung der hierin niedergelegten Theorien, die sich praktisch so glänzend bewährt haben, würde uns an dieser Stelle viel zu weit führen und wollen wir nur einige der zugleich auch wiffenschaftlich begründeten Hauptgrundsätzs Paramelle's wiedergeben. Quellen entstehen nur da, wo eine durchlässige Erd- oder Gesteinsschicht auf einer geneigten undurchlässigen ruht, an der Berührungsfläche beider Schichten sprudeln die Quellen empor. Zu ersteren Erdschichten gehören die porösen Gesteine, wie Glimmer, Thonschiefer, Serpentin, verschiedene Kreidearten, Gypsj einige Sandsteinarten, alle Kalkssteinarten und vor Allem die obere Decke des Bodens, die sogenannte Trümmerformation. Zu den undurchlässigen Terrains gehören alle massiven plutonischen ober metamorpho- tischen Gesteine, sofern sie nicht durch Witterungseinfluß zerklüftet sind, also Granit, Gneiß, Porphyr, Quarz, die Thonlager u. s. w. An den Abhängen der Berge brechen gewöhnlich Quellen hervor; an steilen Abhängen wird man dagegen seltener Quellen finden, denn die Erd- und Gesteinsschichten neigen sich gewöhnlich nach der Seite, auf welcher der Berg allmählicher abfällt. Zeigen sich am Abhänge eine oder mehrere von oben nach unten ziehende Faltungen, so birgt jede unter sich einen Quellenlauf. Die günstigsten Orte für Quellengrabungen sind indeffen die Thäler, denn jedes Thal birgt einen seinem Umfange entsprechenden Wafferlauf, entweder sichtbar als Quelle oder Bach, ober unsichtbar als unterirdische Wasserader; der unterirdische Bach folgt stets derselben Linie, welche ein oberirdischer Bach daselbst beschreiben würde. Diese Linie ist der auch in unbewohnten Thälern deutlich markirte Thalsteig, welcher der Längsrichtung folgend, auf ihrem Boden mit mehr oder weniger Biegungen die tiefste Senkung des Thalgrundes an- giebt. Dieser Thalweg läuft in der Mitte der Aushöhlung, wenn die einschließendeu Abhänge mit gleicher Neigung sich hineinsenken; er liegt stets dem steileren Abhänge näher, und wo derselbe beinahe senkrecht sich erhebt, da führt der Thalweg un« mittelbar an seinem Fuße. Dieselben Einzelheiten beobachtet ein zwischen Bergen sich hinschlängelndcr Bach. Nachdem man nun aus den Faltungen der Abhänge in den Thalwegen der Gründe die Linien erkannt hat, welche die Wasseradern in der Erde beschreiben, kommt es darauf an, die günstigsten Punkte für das Aufgraben anzugeben, also diejenigen, wo die Quellen in der geringsten Tiefe anzutreffen sind. Dahin gehö.en: Der oberste Anfang des Thal- weges; der Ort, an dem sich mehrere Terrainfalten vereinigen; das Innere eines einspringenden Winkels am Abhange, der Mittelpunkt der kreisförmigen Ausbuchtungen am Bergfuße; die Stellen, an denen die Terrainfalten mit üppiger Vegetation, besonders mit Wasserpflanzen, bekleidet sind; der Punkt, wo die Faltung des Abhanges den Boden des Thales erreicht. Um die Tiefe der zu bestimmenden Quellen vorher anzugeben, darf man nur die Tiefe bestimmen, in welcher sich die Ebenen der einschließenden Bergseiten kreuzen werden, denn dies ist beinahe genau die gesuchte T'efe der Quelle. — Dies sind etwa die Hauptgrundsätze der Paramelle'schen Theorie und deren Quintessenz ist wiederum der von der Erfahrung bestätigte Satz, daß sich unter jeder, wenn auch schwachen, natürlichen Falteneinsenkung des Bodens ein Quellenlauf befindet. Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.