Hießener Jamilienblätter. Aelletristischer Keldlatt ;«m Siebener Anzeiger. Nr. 78. "Dienstag^>en 6. Juli. " 1886. Saal und Ernte. Roman von Ewald August König. (Fortsetzung.) „Ich will mich dieser Sitte gerne fügen", lachte der Hauptmann, „nimm Dir eine Flasche Wein aus meinem Schrank und leere sie auf unser Wohl. Nur hübsch nüchtern bleiben, Anton, verstanden?" „Zu Befehl, Herr Hauptmann!" „Der ist nicht so dumm, wie er aursieht!" sagte der Buchhalter, als der Bursche sich entfernt hatte. „Und ein treuer, ehrlicher Mensch!" „Eine schöne Menschenseele finden, ist Gewinn!" „Vorzüglich unter dem Dienstpersonal. Treue Diener findet man heutzutage selten. Sie sprechen von Schwierigkeiten, welche Sie noch überwinden müffen? Täuschen mich meine Beobachtungen nicht, so sind diese Schwierigkeiten nicht so sehr groß. Fräulein Hertha wird Ihnen keinen Korb geben, und ich glaube, die Frau Mama hat auch Nichts einzuwenden." Der Buchhalter blickte ihn betroffen an. „Herr, dunkel war der Rede Sinn", erwiderte er, „aber alle Achtung vor Ihrem Scharfblick! Also das haben Sie schon herausgefunden?" „Es war kein Heldenstück, Oktavio!" scherzte der Hauptmann. „Meß' das Herz voll ist, deß' gehet der Mund über. Lieber Himmel, wenn ich noch lange mit Ihnen und Ihrem verehrten Freunde verkehre, werde ich mir wohl auch Büchmann's Citatenschatz anschaffen müssen; die Citatenkrankheit scheint in diesem Hause epidemisch zu sein." „Wär' der Gedank' nicht so verwünscht gescheidt, man wär' versucht, ihn herzlich dumm zu nennen", spottete Maiwind. „Um aber auf besagten Hammel zurückzukommen, so leugne ich nicht, daß ich von dieser Seite keine Schwierigkeiten erwarte; die Liebe ist ja der Liebe Preis. In diesem Punkte wäre ich also meiner Sache sicher; aber — es prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich das nöthige Geld auch findet; der Wahn ist kurz, die Reu' lang. Sehen Sie, da liegt der Hase im Pfeffer, mit leeren Händen darf ich nicht werben, und eine sichere Existenz kann ich der Dame, deren Farben ich mir erkoren habe, noch nicht bieten." „Sie sind Buchhalter in einem großen Bankhause — " „Sprich mir von allen Schrecken des Gewissens, von diesem Bankhaus sprich mir nichts" „Ist es kein solides Haus?" „Na, ich will ihm nichts Uebles nachsagen, aber auf diese Buchhalterstelle kann ich meine Existenz nicht gründen. Mein Vater ist vermögend, er wird mir gerne ein Kapital geben; aber was er geben kann, reicht nicht, und so bleibt mir Nichts übrig, als einen Associa zu suchen. Ein Königreich für einen Associs!" „Madame Schirmer hat ja auch Vermögen!" „Du sprichst von Zeiten, di" vergangen sind; sie ist um ihr Vermögen betrogen worden. Ich lasse mir einstweilen noch kein graues Haar d'rum wachsen — hol' die Pest Kummer und Seufzen! Da kommt Anton mit dem Trank der Labe; ich will ihn austrinken und den großen Schmerz vergessen." „Mit einiger Ausdauer werden Sie ja auch das Ziel erreichen", nickte der Hauptmann, während er den Grog bereitete; „ich hab's ja auch erfahren, daß jeder Nacht ein Morgen folgt." „Und Nacht muß es sein, wenn Friedlands Sterne strahlen!" erwiderte Maiwind, sein Glas ergreifend. „Auf Ihr Wohl und das Wohl Ihrer holden Braut!" „Wo nur unser Referendar bleiben mag!" sagte der Hauptmann, nachdem er sein Glas wieder hingestellt hatte. „Der kommt vor Mitternacht nicht heim! Nach dem Theater muß er noch in 'einigen Restaurationen die großen Ereignisse dieses Tages erzählen." „Ich wollte ihn um eine Gefälligkeit bitten; — vielleicht haben Sie die Güte —" „Nur heraus mit der Sprache; einer langen Einladung bedarf es nicht. Leicht bei einander wohnen die Gedanken — " „Führt Ihr Weg zum Bureau Sie am Hause des Landraths Ackermann vorbei?" „Nicht direkt, aber ich kann den geringen Umweg machen; die Müh' ist klein, der Spaß ist groß." „Ich wollte Sie in diesem Falle nur bitten, der Zofe der Frau Landrath ein kleines Packetchen zu übergeben. Sie werden denken, ich könne damit auch einen Dienstmann beauftragen; aber es ist ein sehr werthvolles Packetchen, und mir liegt daran, es sicher in die Hände der Dame gelangen zu lassen." „Es soll geschehen", nickle Maiwind. „Wo ist das Packet?" „Ich werde es Ihnen morgen früh bringen. Wann frühstücken Sie?" äiö „In dieser Jahreszeit um acht Uhr." „So werde ich mich rechtzeitig einfinden." „Und weiter habe ich Nichts zu thun, als das Packetchen abzugeben?" „Nein, weiter Nichts." Der Buchhalter legte die erloschene Cigarre in den Aschbecher und trank sein Glas aus. „Sie sind ein wunderlicher Heiliger", scherzte er, „an demselben Tage, an dem Sie sich mit einer schönen Dame verloben, schicken Sie einer andern schönen Dame werthvolle Geschenke!" „Glauben Sie das nicht!" erwiderte der Hauptmann, die Brauen leicht zusammenziehend; „die Sendung hat einen ganz anderen Zweck." „Was kümmert's mich! Ich habe hier nur ein Amt und keine Meinung, und was Deines Amtes nicht ist, da lass' Deinen Vorwitz! Und nun gute Nacht, Herr Hauptmann; ich denke einen langen Schlaf zu thun, denn dieser letzten Tage Qual war groß." Ein kräftiger Handdruck begleitete diese Worte. Lächelnd blickte Herr von Görlitz seinem heiteren Freunde nach, der mit leichtem Kopfschütteln sich entfernte. 6. Kapitel. Der Brillantschmuck. Der Landrath hätte voraussehen können, daß Julia Barlotti ihn nach ihrer Verlobung nicht mehr empfangen würde; somit war die zweite Niederlage, die er erlitt, seine eigene Schuld. Carlotta war beauftragt, ihm mit dürren Worten zu erklären, Signora Barlotti empfange fortan nur noch ihren Verlobten und dessen intime Freunde; aber die schlaue Zofe hielt es int Hinblick auf die stets offene Börse des Landraths für rathsam, ihm die bittere Pille zu versüßen. „Sie müssen sich einige Tage gedulden", sagte sie geheimnißvoll lächelnd, „der Herr Hauptmann v. Görlitz reist vielleicht demnächst auf seine Güter, dann wird meine schöne Herrin die Einsamkeit bald sehr langweilig finden." Der Landrath drückte jetzt wirklich ein Goldstück in die Hand Carlotta's. „Ob diese Hoffnung nun sich erfüllt oder nicht, ich muß um jeden Preis mit der Signora reden", erwiderte er erregt. „Denken Sie darüber nach, wie dies am besten zu ermöglichen ist, und benachrichtigen Sie mich, sobald Sie den Weg gefunden haben. Sie haben ihr gestern den Schmuck übergeben?" „Ja." „Und was sagte sie?" „Sie war überrascht", erwiderte die Zofe ausweichend. „Sie werden begreifen, daß der Augenblick nicht schlechter gewühlt sein konnte; das Geschenk würde einen ganz anderen Eindruck gemacht haben, wenn es einige Tage früher oder auch später überreicht worden wäre." Der Landrath zog die Unterlippe zwischen die Zähne; sein glühender Blick ruhte einige Sekunden lang starr auf der Thür des Boudoirs; dann wandte er sich hastig um. „Erfüllen Sie mein Verlangen und Sie werden auf meine Dankbarkeit rechnen dürfen", sagte er mit häserer Stimme; „ich erwarte sie spätestens bis morgen." Er war kaum in seine Wohnung zurüägekehrt, als Vera eintrat. Betroffen blickte er auf das elegante Etui, das sie in der Hand trug; er hatte es sofort erkannt. „Man hat mir diesen Schmuck zugeschickt mit dem Bemerken,, daß er wohl für mich bestimmt und irrthümlich an eine falsche Adresse gelangt sei", sagte sie in einem Tone, der ihn ihre ganze Verachtung empfinden ließ; „Signora Barlotti sei nicht reich genug, solche Brillanten zu tragen, ohne dabei ihren guten Ruf zu gefährden." Ackermann stampfte wüthend mit dem Fuß auf den Teppich; an die Möglichkeit diefer Demüthigung hatte er noch nicht gedacht. „So behalte die Steine, wenn sie Dir gefallen!" erwiderte er mit mühsam erzwungener Ruhe. In den dunklen Augen Vera's blitzte es zornig auf. • „Du fühlst wohl die Beleidigung nichts die in dieser Aufforderung liegt?" fragte sie. „Du nennst es eine Beleidigung, wenn ich Dir einen Brillantschmuck schenke, um den eine Fürstin Dich beneiden würde?" „Nachdem eine Signora Barlokli sich geweigert hat, diesen Schmuck aus Deiner Hand anzunehmen, wagst Du es, ihn Deiner Gattin anzubieten?" „Diese Eifersucht ist kindisch!" „Eifersucht?" spottete Vera. „Nichts liegt mir in diesem Augenblick ferner, als dieses Gefühl! Ob Du Deine Ehre wahren und Deine Selbstachtung Dir erhalten, oder ob Du Beide in den Staub treten willst — mir liegt Nichts daran; Du magst Deinen Weg gehen; ich werde niemals ihn durchkreuzen." „Halt, wir sind noch nicht fertig mit einander!" rief der Landrath zornig, als die schöne Frau nach diesen Worten das Zimmer verlassen wollte. „Wer hat Dir den Schmuck geschickt?" Vera schlug vor seinem zornlodernden Blick die Augen nicht nieder; ernst und ruhig stand sie ihm gegenüber. „Ich werde Dir das so wenig verrathen, wie Du mir gestern über den bewußten Brief Aufschluß geben wolltest", erwiderte sie in entschlossenem Tone. „Und welche Gründe veranlassen Dich, daraus ein Geheimniß zu machen?" fragte er höhnisch. „Nach dem, was gestern zwischen uns vorgefallen ist, glaube ich, nicht mehr verpflichtet zu sein, Dir über mein Thun und Lassen Rechenschaft geben zu müssen!" „Deinem Gatten gegenüber bist Du dazu immer und unter allen Umständen verpflichtet!" „So ist es der Gatte mir gegenüber auch, und äil nachdem Du Dich von dieser Verpflichtung losge- sagt hast, erkenne ich sie für mich allein ebenfalls nicht mehr an." „Hat die Sängerin selbst —" „Ich wiederhole, daß ich keinen Ausschluß geben werde; überdies läge es wohl in Deinem eigenen Interesse, diese Angelegenheit nicht weiter zu verfolgen." Ehe der Landrath eine Antwort geben konnte, hatte Vera sich entfernt. Wüthend warf er das Etui in eine Schublade seines Schreibtisches, dann wanderte er eine geraume Weile rastlos auf und nieder. Endlich zog er hastig an der Glocke; dem eintretenden Diener befahl er, die Zofe der gnädigen Frau zu rufen. (Fortsetzung folgt. ) Deutsche Köfe und Hauptstädte zu Anfang des 18. Jahrhunderts. (Fortsetzung). Von dem Hasse des Königs gegen bunte Kleiderpracht erzählt unser Gewährsmann eine ergötzliche Anekdote. Einer der Beamten erschien bei Hofe in neumodischen Pariser Kleidern; das Mißfallen des Königs und das Gespötte der Höflinge veranlaßte ihn, dieselben sofort wieder einzupacken und einfach gekleidet zu Hofe zu gehen. Loön nennt die auserlesene Kriegsmannschaft den schönsten Schmuck des preußischen Hofs, und das große Grenadier-Regiment zu Potsdain dessen hervorragendste Zier. Die Waffenübungen dieses Heeres seien das schönste und kriegerischste Schauspiel der Welt. Die Präciston und Raschheit der Bewegungen lasse ein qanzes Regiment gleich einem durch eine einzige Triebfeder geleiteten Körper erscheinen. Schon damals hatte Friedrich Wilhelm I. bereits so viele Schätze ange- häust, daß er leicht seine Armeen hätte verdreifachen können; wies er doch die meisten seiner Einkünfte, von welchen die Taxen und Sporteln für erkaufte Titel einen erheblichen Theil bildeten, der Schatzkammer zu. Einst ging der kleine Kronprinz mit seinem Gefolge unb den Officieren mit dem Könige im Schloßhofe spazieren. Ersterer spielte, mit seinem Stöckchen klopfend, an jenen Pallisaden, hinter denen die Schatzkammer liegt und rief dabei aus: „Wie froh werden diese Gefangenen einmal sein, wenn man sie erlösen wird." Die Ossiciere belachten die Worte des Kronprinzen, der König nahm aber dieselben sehr mißvergnügt auf, er erkannte in dem Ausspruch des Kindes den Einfluß anderer Leute. Daß sich Friedrich Wilhelm I. nicht getäuscht halte, geht aus der späteren Geschichte der Jugend seines Sohnes hervor. Von allen Ständen war dem Soldatenkönig jener der Advokaten am Verhaßtesten. Seinem strengen, säst patriarchalischen Gerechtigkeitssinns waren die „durch ihre Zungendrescherei in den Gerichtshöfen alles verwirrenden und weit hinaus spielenden Advokaten ein Greuel." Auf königlichen Befehl mußten sie schwarze Mäntel tragen; sie ließen dieselben aber von so dünnem Seidenzeuge anfertigen, daß sie Ordensbändern glichen und sich leicht in die Tasche stecken lieben. Freilich hätte der König, nach Loöns zutreffender Ansicht, statt dieser vexatorischen Vorschrift besser durch ein leicht verständliches „einfältiges" Landrecht, eine „Landesordnung", für die Vereinfachung der Rechtspflege gesorgt. Auch war Friedrich Wilhelm der Erste ein abgesagter Feind der königlichen Einmischung in den Strafvollzug; sein Ausspruch lautete: „Ein jeder weiß, was verboten ist; und wo man das Böse nicht straft, da ist keine Ordnung und Sicherheit im Lande zu hoffen!" Gleich streng und unnachsichtig wurden Zölle und Accisen eingetrieben; die Aufseher durchwühlten die Gepäckstücke der zu Berlin ankommenden Fremden so scharf und stramm, daß letztere von der Leutseligkeit und Gastfreiheit in der Hauptstadt kaum einen freundlichen Begriff empfingen. Der König forderte eben von allen seinen Beamten, hohen und niedrigen, treueste Pflichterfüllung, leuchtete er selbst doch allen in derselben voran. Kein König und kein Fürst nahm sich nach Loön, damals mehr der Geschäfte an, als der König von Preußen. Seine beiden Staatsminister, die Herren von Ilgen und Prinz waren von gleicher Unermüdlichkeit beseelt; der Letztere war auch Oberhofmarschall, doch nahm ihn dieses Amt nur wenig in Anspruch. Von Prinz heißt es: „Er arbeitete als Staatsminister für sechse." Oft mußte Prinz, dem bei vorgefaßten Meinungen gerne beharrenden König widersprechen; er that dies ft> freimüthig, daß er manchesmal den Abschied von seinem Herrn empfing, doch sobald Ilgen die Stelle von Prinz einnehmen sollte, ließ der König den letzteren, den er weder entlassen konnte noch mochte, wieder berufen und betraute seinen treuen Rath nach wie vor mit den wichtigsten Staatsgeschäften. Die Vergnügungen des Berliner Hofes waren durchaus nicht mit jenen der Hofhaltungen zu Wien und zu Dresden zu vergleichen. Schauspielvorstellungen fanden damals ' in Berlin fast niemals statt; das Beispiel des Königs wirkte auf die Bevölkerung, deren Lebensart übrigens Loön wohlge- fiel. Bei den Hofleuten vermischten sich französische und deutsche Manieren in ihren besten Eigenschaften. Auch war, entgegen einer vielfach verbreiteten Anschauung, noch die französische Sprache im Jahre 1718 in Berlin am Hofe vorherrschend, obgleich sich bereits die deutsche Sprache zu „reinstem Geschmacke" emporgeschwungen hatte. Roch erwähnt der Verfasser der „Moralischen Schilderten" bei verschiedenen Anlässen eines eigen« thümlichen Hofbeamten, des Hofnarren von Gundling, welcher zur Kurzweil und zum Stichblatte der oft nicht besonders gewählten Späße des Königs und 312 seiner Umgebung dienen mußte. Man setzte ihn z. B. in eine Sänfte, deren Sitz und Fußboden derart eingerichtet waren, daß beide sofort durchbrachen und Gundlin gleichwie in einem engen Kasten mit den Trägern um die Wette laufen mußte. Der König nannte Gundling oft bei Tafel in Gegenwart seiner Räthe „Excellenz" und entgegnete auf der Minister Vorstellungen, daß er den lustigen Rath als „Närrische Excellenz" angesehen wissen wolle. Übrigens soll der König Gundling im Cabinet mit ernsthaften Arbeiten beschäftigt haben und ersterer durchaus nicht ganz einflußlos gewesen sein, wie er unter der Maske des Lustigmachers gar Manchem ungestraft bittere und derbe Wahrheiten zu sagen verstand. Von Berlin's landschaftlichen Reizen war Loen nicht besonders entzückt, obwohl er der hübschen Anlage der Stadt alle Gerechtigkeit widerfahren ließ. „Der schönste Prospekt", so schreibt er, „ist Berlin selbst", welche übrigens für die Residenz eines so mächtigen Königs, eine ziemlich stille Stadt sei, die wenig von „demjenigen ihr auswärts nachgerühmten Glantz und Pracht" wahrnehmen ließ. 3. Dresden und der sächsisch-polnische Königshof. Vom einfachen, durch seine Sittenstrenge und sein militärisches Wesen zumeist ausgezeichneten Berliner Königshofe, kam der Frankfurter Patricier So en fast unmittelbar nach dem deutschen Versailles, nach dem glänzenden Dresden, der zeitweiligen Residenz August's des Zweiten (des Starken), welcher neben seinen sächsischen Erblonden, damals zum zweiten Male das Königreich Polen regierte. Loen faßte seine Meinung über den sächsischen Hof in folgenden Eingangsworten zusammen: „Ich beschreibe hier den prächtigsten und galantesten Hof von der Welt." Das letzte Wort sei das erschöpfendste, es fände sich in keiner Sprache eines, welches das Dresdener Hofleben schärfer charakterisire. Von der Bildung der Sachsen ist der Reisende entzückt, namentlich hebt er ihre Verdienste um die Literatur hervor, sie seien z. B. die ersten, „die sich erkühnt haben, deutsche Schauspiele nach dem Geschmacks der Franzosen zu verfertigen". Sachsen's zahlreiche hohe Schulen, Leipzig, Wittenberg, Jena (?) und Halle nahmen einen außerordentlichen Rang unter Deutschlands Universitäten ein. Weniger imponiren Loen die kriegerischen Eigenschaften der verweichlichten „gemächlichen" Sachsen. Die Armee bestand die Feuerproben sowohl gegen Bayern'- „wildbärtige rauhe Kürassiere", als gegen Schweden'« bewährte Kriegsmacht (in den polnischen Feldzügen) nur schlecht. Hingegen läßt er ihrer Artigkeit, welche selbst die Krieger bei Hofe am richtigen Platze erscheinen läßt, alle Gerechtigkeit angedeihen. Die Damen, deren Schönheit im Volksmunde bekanntlich sprichwörtlich geworden, ernten für ihre körperlichen Vorzüge mehr Lob, als für ihren Charakter; sie pflegten durch „geheuchelte SittsaM- Mt", nach Loen, nur noch gefährlicher zu werden. Das Bild des Königs August des Starken tritt uns in dieser zeitgenössischen Schilderung etwas zu geschmeichelt entgegen. Er scheint, dem Verfasser, dazu geboren den Menschen Lust und Freude zu machen. Er nimmt, trotz aller Lustbarkeiten, darauf Rücksicht, daß weder sein Volk unter denselben leidet, noch daß seine Schatzkammern sich erschöpfen. Auf Dresden angewandt, mag dies Urtheil berechtigt fein, das Land büßte August's Prunksucht schon zu des Königs Lebzeiten und noch mehr unter dessen Nachfolgern empfindlich genug. August's Beförderung der Künste und Wissenschaften findet ebenso hohe Anerkennung, als dessen alchymistische Liebhabereien, denen das Volk die Quelle von des König« Reich - thum zuschrieb, gerechten Zweifeln begegnen. Nebngens war Loen nicht für des Königs Fehler blind, wie seine an anderer Stelle der „Moralischen Schilderepen" abgedruckte Abbildungen desselben ge- nügend darthun. Hier wird des Königs Glaubenswechsel, durch den die „Herren Katholiken eben keinen gar eifrigen Proselyten an Sr. König!. Majestät gemacht haben", trotz aller Beschönigung, scharf getadelt, und auch seine Maitressenwirthschaft nicht gerechtfertigt. Sehr eingehend schildert Loen das Leben einer in Ungnade gefallenen königlichen Favorite, der Gräfin Cosel, welche zu Halle in der Verbannung lebte, woselbst sie Loen, der dort studirte, oftmals sah. Die Dönhof, die Dieskau, die Osterhausen nehmen in der „Abbildung" (Biographie) der Polnischen Majestät, so vielen Raum in Anspruch, daß darüber die Schilderung der guten Eigenschaften des Königs-Kurfürsten auffällig zu kurz kommt. Die Schilderung der Minister, namentlich jene des Feldmarschalls Grafen von Flemming, enthüllen uns keine bedeutenden Charaktere. Flemming kann nach Loenü Ansicht, wohl hunderterlei Personen, unter diesen Hunderten aber kaum einen Feldmarschall abgeben. Seine Kriegsführung war eine ebenso unglückliche, als für Sachsen kostspielige; denn Flemming war weniger Soldat und Feldherr, als „Homme poli und Ein courtisan", wie sich ein solcher als oberster Beamter für den galanten Dresdener Hof auch gewiß besser eignete. Die Stadt Dresden zeichnete sich im Jahre 1718 durch außerordentliche Pracht der Gebäude vor allen deutschen Residenzen au». Zu flüchtiger Betrachtung aller ihrer Sehenswürdigkeiten bedurfte es damals einiger Monate. Neben dem Zeughaus, einem der berühmtesten der ganzen Welt, nennt Loen den von Flemming erbauten und seinem Gebieter geschenkten holländischen Palast in Alt-Dresden, dessen reiche Porzellan-Vorräthe, der neuen königlichen Fabrik zu Meißen entstammend, die „indianischen Porzellanarbeiten an Schönheit und Kostbarkeit übertreffen. (Schluß folgt.) Uxhachm; B> Scheda, Dmck und L-klqg der Brüh!'schm Druckerei (Ar. Ehr. Pietsch) l» Gietzen,