Hießener Jamiüenblätter. Belletristisches Beiblatt MM Gießener Anreißer» :-^sziixsaKau-^vD । ■ ir«rnrrr■ i,BWKJWeBMHtlmBnaitatMBBiaaj e»u ■ । ■■ imimi i-idim ■ r ri- >MHi>iKEMu«Mpa3xg- jcae^.’eseKSsKSTrKeewrKvr-Mix-se^ M. 41 Dienstag den 6. April. 1886- Die Jatschrmmzer. Crimin«l-Roman von Gustav Lössel. (Fortsetzung). Hier wandte sich Riston plötzlich herum. „Wovon ist die Rede?" fragte er scharf. „Wir besprachen eben die Vortheile einer neuen Emission", beeilte sich Dryden zu erwidern. „Wenn Sie ein neues Blatt haben und es ist gut,. können wir trotz der Einbuße der Hundertmarkscheine ein glänzendes Geschäft machen." „Aber nicht hier", entgegnete Riston. „Ach so!" sagte Dryden gedehnt. „Sie sind wohl wieder zu Ihren ersten Versuchen zurückzekehrt? Dann sage ich Ihnen schon gleich — ich nehme keine englische Banknote mehr in die Hand." „Muß es denn gerade England sein?" entgegnte Riston. „Es giebt auch noch andere Länder, deren Baarmittel des Papiergeldes nicht entbehren können, und mein Talent nutzt sich an einer Erfindung nicht ab." Sie standen jetzt vor der großen eisernen Pforte, welche in die Katakomben führte und mit dem Betreten des stillen Todtenreichs schien jedes laute Wort gebannt. Ihre Schritte erweckten ein unheimliches Echo in den gewölbten Gängen, durch die es sich auch noch fortpflanzte, wenn sie plötzlich vor einer neuen Wendung zum Stillstand kamen. „Da kommen die Todten", raunte Riston eistmal seinen erschreckten Begleitern zu. „Wollen Sie sie auch einmal lachen hören?" Und ohne ihre Antwort abzuwarten, verhüllte er plötzlich die kleine Blendlaterne, während er ein wahnsinniges Lachen anstimmte, welches tausendstimmig aus den langen Gängen wiederhallte, erst ganz allmälig leiser werdend und verklingend. Duprat und Dryden vermochten sich eines heimlichen Schauders nicht zu erwehren. Endlich war der letzte Ton verklungen, endlich wagten sie sich wieder zu regen und die Stimmung abzuschütteln, mit welcher das eben Gehörte sie überkommen hatte. Dryden sagte Riston, er möge die Laterne wieder hervornehmen. Der antwortete aber nicht und rührte sich nicht; es blieb Rächt um sie her. Beide riefen nach Riston, und um so lauter und furchtsamer, je länger nur das Echo ihnen antwortete. Zuletzt raunte Dryden seinem Freunde zu: „Er ist fort. Er hat verstanden, was wir flüsterten» und cs vorgezogen, uns hier dem Ende mit Schrecken zu überlaßen, welches wir ihm bereiten wollten. Wir sind verloren." „Nicht möglich, nein, nein, sag' Das nicht", überredete ihn Duprat. „Er macht sicher nur einen Scherz; er hat zu viel getrunken, und bei seiner rohen Natur findet er ein grausames Behagen daran, uns zu ängstigen." „O, Das ängstigt mich — nicht", sprach Dryden prahlerisch. Aber er verstummte, als plötzlich von allen Seiten zugleich ein erst leises und dann immer lauter werdendes Geräusch wie von laufenden Menschen um sie her ertönte. Duprat packte ihn krampfhaft an, indem er angstvoll fragte: „Was ist Das?" „Das ist Das", entgegnete Riston lachend aus nächster Nähe. Er enthüllte feine Laterne und ließ deren Schein auf die furchtgebleichten Gesichter feiner Begleiter fallen. „Seht Ihr, fo seid Ihr", sagte er dann ernster, „hinterlistig, tückisch und feige. Ich konnte vorhin nicht hören, was Ihr zusammen flüstertet, aber eine Ahnung sagte mir, daß es nichts Gutes sei. Darum wandte ich diese List an. Ihr wollt mich aus einem Grunde beseitigen. Nun, ich kann Such nur sagen, es wird Euch nicht gelingen. Und der beste Beweis dafür ist der, daß ich Euch jetzt nicht Eurem Schicksal überließ. Ich lache jeder Drohung gegen mein Leben, die von Euch kommt; und Herrn Duprat brauchte ich nur ein Wort zu sagen, um ihn zu einer anderen Meinung zu zwingen. Aber ich hoffe, Euch noch mit Gründen der Vernunft zur Erkenntniß zu bringen, daß Euer Vortheil bei dem meinen liegt. Nun aber fort!" Dryden und Duprat folgten kleinlaut und schweigend. Sie fühlten ihre eivilisirte Nichtigkeit gegen die erhabene Größe dieses Halbwilden. Sie sagten sich, daß sie im umgekehrten Falle entgegengesetzt gehandelt und Riston geopfert haben würden. Tiefer schlug indeffen schon wieder seinen früheren heiteren Ton an. „Hat Euch wohl sehr erschreckt, das Geräusch der laufenden Füße", sagte er lachend. „Nun, es war auch nur das Echo meiner eigenen Bewegungen, das Euch äffte. Ich habe mich, seitdem ich die Laterne verhüllte, nicht von der Stelle gerührt." Dryden und Duprat schauten einander verlegen an und schossen dann einen wüthenden Blick auf i den voran schreit enden Riston. Sie fühlten, daß fitz 162 hier in seiner Gewalt waren und keinen Widerspruch wagen dursten. Den Rest des Weges zu dieser seltsamen Ge- Heimmünze legten sie schweigend zurück; erst mit dem Betreten der letzteren kam wieder etwas Leben in sie. 8s war das eine kleine Gradkammer, wie viele andere hier. Auffallend allein war das Zusammen- thürmen mehrerer Skeletttheile zu kleinen Gebein- Pyramiden. Der Nichts ahnende Beschauer würde achtlos daran vorübergegangen sein; aber die Begleiter Riston's ahnten schon, was unter diesen Knochen verborge« ruhte, der Münzfälschungsapparat oder vielmehr die dazu benöthigten verschiedenen Apparate. Riston legte diese jetzt bloß. Es waren mehrere Handdruckmaschienen, wie man sie zum Herstellen eines Buntdruckes benöthigt. „Das Alles kennen wir", nahm jetzt Dryden wieder das Wort. „Aber die neue Note —!" „Geduld! sie befindet sich noch unter der Presse", sagte Riston mit verschmitztem Lächeln. Unter großer Spannung der Anderen nahm er mehrere Banknoten unter der Preffe hervor, und Jenen den Rücken wendend, fügte er hinzu: „Ich lege zu diesen eine echte Note und fordere Sie heraus, mir zu sagen, welches die falschen sind." „Russische Hundertrubelnoten!" riefen Duprat und der Baron zugleich, der letztere mit einem leisen Klang der Enttäuschung. Sie untersuchten lange und eingehend; Keiner vermochte jedoch zu sagen, welches die echte Note sei. Riston triumphirte. „Das ist mein zweiter Sieg über Sie" sagte er. „Sehen Sie nun ein, wie thöricht es von Ihnen ist, nach meinem Leben zu trachten? Macht uns jetzt die Polizei einen Strich durch die Rechnung, so beginnen wir in einem neuen Staat das gleiche Spiel mit demselben günstigen Erfolg. Also Hand darauf, daß von Berrath und Mord, — es wäre denn gegen die außer unserem Bunde Stehenden, — zwischen uns nicht mehr die Rede sein soll. Noch ein solch geflüstertes Wort, und meine Geduld ist erschöpft. Ihr lerntet bisher nur meine Kreund- schaft schätzen, meine Feindschaft könnte Euch furchtbar werden. - Duprat und Dryden hatten ihre eigenen Ge danken hierüber, die sie aber wohl bewahrten. Sie sagten noch Dies und Das über die neue Fälschung, welche als gelungen anzusehen war und vermieden ängstlich den Punkt, den Riston jetzt noch einmal berührt hatte. Duprat war besonders schweigsam. Was ihn beunruhigte, war, daß er sich überhaupt in Riston's Hand gegeben, indem er seine Theilnahme an den Münzfälschungen Jenem aus eigenem Antriebe Der» rieth. Er war nun vor allen Dingen darauf bedacht, ihm keinen tiefer greifenden Einfluß auf seine Schicksale einzuräumen. Riston durfte also weder Jonas noch Etwold kennen lernen, ober überhaupt Etwas von ihren besonderen Plänen mit Letzterem erfahren. Er war nicht so leicht abzuschütteln, wie Duprat anfänglich geglaubt hatte. Man mußte also Zeit vergehen lassen, um seinen einmal geweckten Verdacht wieder einzuschläsern und ihn dann zu überlisten. Schweigend kehrten alle Drei von der Falsch- münzerwerkstatt in den Katakomben nach dem von Riston bewohnten Zimmer des öden Hauses zurück. Der Tag graute, als sie dieses betraten. „Nun zu Ihrem Brief, Duprat!" sagte Riston. „Das Schreiben wird Ihnen nicht leicht werden." „Ich danke", entgegnete Dieser kalt ablehnend, „ich habe mir die Sache anders überlegt." Und zu Dryden sich wendend, sagte er: „Ich werde einfach in meine Wohnung gehen und nachsehen, ob das Couvert, das ich ganz sicher nicht mit verbrannte, noch da ist oder nicht. Das ist ganz ungefährlich." „Und wenn es wirklich im Portefeuille sich befand?" fragte Riston. „So bin ich da so gut geborgen, wie hier." „Als Viton — ja, ja." Duprat biß^sich auf die Lippen. Er hatte gehofft, daß Jener den Namen, den Dryden nur einmal genannt, vergessen habe. „Ganz recht", gab er zögernd zu. „Man wird mich dort nicht suchen. Wie sollte man auch darauf kommen, daß der Prokurist Duprat und der Privatier Viton ein und dieselbe Person sein könnten. — Und Du?" wandte er sich, um das Gespräch abzubrechen, an Dryden. „Ich bin selbst zu neugierig", entgegnete Dieser, „zu erfahren, ob meine Gedankenlosigkeit das befürchtete Unheil herbeigeführt hat oder nicht. Ich begleite Dich." Riston legte sein Gesicht in finstere Falten. „Ich könnte Euch hier behalten", sagte er, „denn Euer Gehen erweckt mir keinen guten Gedanken; aber ich lasse es darauf ankommen. Verrathet Ihr mich, so bin ich durch Das gerächt, was ich vor Gericht gestehen werde; wollt Ihr mir zu Leibe, so könntet Ihr schlimmer dabei fahren als ich. Im Uebrigen erwarte ich Euch bald wieder zu sehen, sonst komme ich zu Euch. Und nun folgt mir aus einem anderen Wege hinaus." Er führte sie durch den ganz verwilderten Garten des öden Hauses zu einer kleinen Seitenpforte, welche in der unverhältnißmäßig hohen Mauer eingelaffen war. Diese Pforte war von innen verschloffen, und konnte Riston selbst nur mit Aufbietung aller Kräfte den Schlüssel in dem ganz verrosteten Schloß herumdrehen. Es gab einen kreischenden, unheimlichen Laut; knarrend öffnete sich die lang verschlossen gewesene Thür, und nach einem letzten flüchtigen Gruß auf den finster blickenden Riston eilten die tief in ihre Mäntel gehüllten Freunde hinaus. 4Ö8 Leben abgesehen?" „Wohl aus demselben Grunde, aus dem er mich hinderte, Dich zu tödten, als die Wuth über Deinen uns angedrohien Verrath mich blendete und für den Augenblick vergessen ließ, welche guten Freunde wir so lange waren. Er kennt Deine Vergangenheit, und in dieser ist Etwas, was Dich ihm werth macht." „Anders kann ich es mir auch nicht erklären, obgleich ich keine entfernteste Ahnung habe, was dieses Etwas sein könnte." „Ist es denn wirklich Dein mütterlicher Name, welchen Du führst?" forschte Dryden. Duprat lachte gezwungen. „Wie kannst Du wohl glauben!" sagte er. „Er wollte damit nur einmal auf den Busch klopfen, und ich ließ ihn bei seiner Einbildung, nur, um ihn irre zu führen. Es ist ja ganz gut, wenn er mich für Jemand hält, der ich nicht bin. Ich habe einmal von einem solchen Fall in Australien gelesen, wo die Wilden von einer schiffbrüchigen Mannschaft nur einen am Leben ließen, weil Jemand ans dem 10. Kapitel. Das Portefeuille des Barons. Nachdem die Gartenpforte sich hinter ihnen geschlossen hatte, eilten Dryden und Duprat ohne weiteren Umblick zwischen hohen Mauern und baufälligen Häusern dahin. Im Augenblick hatten sie nur einen Gedanken, sortzukommen von Riston, den Beide heute zum ersten Mal achten und fürchten gelernt hatten. „Nun, was sagte ich!" nahm endlich Duprat das Wort. „Ist Riston nun der Mann, der sich beseitigen läßt? Denke an meine Worte von gestern Abend. Ein Mensch mit einer solchen Vergangenheit kann nie ein ganz unbedeutender Mensch sein. Ich war ein Narr, mich in seine Gewalt zu begeben." , , „Du hättest Deine Zunge mehr im Zaum halten sollen", bemerkte spöttisch Dryden. „Einmal habe ich die Gefahr der Entdeckung von Dir abgewehrt — Das war auf dem Dachboden als die Angst vor den verfolgenden Polizisten Dir ein halbes Ge- ständniß abnöthigte. Das zweite Mal konnte ich Dich nicht hindern, Dich Riston zu verrathen —" „Nein, denn Du hattest selbst den Kopf ver- loren", entgegnete Duprat ärgerlich. „Der Gedanke des verlorenen Portefeuilles war geeignet, uns alle Vorsicht vergessen zu lassen. Jetzt allerdings denke ich schon ruhiger über die Sache. Als Viton kann ich dem Ereigniß die Stirne bieten." „Und ich bin hier nicht angemeldet", sagte der Baron. „Jedenfalls ist es uns Beiden zuträglicher, wir schließen uns bei Dir ein, bis der erste Sturm vorüber gebraust ist, als daß wir dem Alten da Gesellschaft leisten. Ich ärgere mich jetzt auch, daß wir uns so intim mit ihm machten." „Warum er uns nur schonte", sprach sinnend Duprat, „als er erkannte, daß wir es auf sein 5)ietSlimm, Franz", sagte Duprat, ihm seine verwundete Hand darreichend, welche er so lange unte dem Mantel verborgen gehalten. „Wenigsts für mich" fügte er mit einem Blick auf Dryden hmz^ Der Baron hat seine Schäferstunde gehabt, aber ich „bin darin gestört worden." „Wohl gar ein Duell?" fragte Franz. „So etwas Aehnliches", entgegnete Duprat leicht. „Nun kocht uns nur rasch einen starken Kaffee; ein Nothverband ist schon angelegt. Von der Wunde sprechen wir später weiter." Er eilte, von Dryden gefolgt, nach dem Lalo.r, in dem fie gestern Abend zusammen gewesen, wahrend Franz sich nach der Küche begab. Beider Augen gingen zuerst nach dem ^rsch, auf welchem Brief und Couvert gelegen. Kernes von Beiden war mehr dort. Die Freunde blickten einander rathlos an. „Was nun?" hauchte Dryden. . Duprat zuckte die Achseln. Er vermochte kern Wort hervorzubringen. Er blickte sich mit einem Ausdruck stumpfer Verzweiflung im Zimmer um, und Dryden suchte noch eingehender nach dem verschwundenen Briefumschlag; dann begegneten stch ihre Blicke wieder, und in Beiden spiegelte sich dieselbe Trostlosigkeit. (Fortsetzung folgt.) Stamme sich fest einbildete, diefer fei sein ans dem Lande des Lichts zurückgekehrter todter Bruder. Der Mann hatte es fortan gut bei den Kannibalen, welche seinem geweihten Körper alle Pflege ange- ^^,Wohl Dir" sagte der Baron, „wenn Riston Dich in gleich hoher Achtung hält." „Aber warum erschlug er mich Nicht, der ich auch die Hand wider ihn erhoben?" „ , „Vielleicht aus einem eigennützigen Grunde Wozu uns aber noch Gedanken darüber machen. In5 dem öden Hause kehren wir sobald nrcyt wieber „Noch weniger in den Katakomben. Der Keu scheint sich in den Eingeweiden der Erde so wohl zu fühlen wie auf dem Dache. Wenn wir jetzt nur jen gleichen Schutz genössen wie er!" Dryden sagte es mit einem Seufzer. „Nehmen wir einen Wagen", entgegnete Duprat. „Dort halten welche. Wir fallen schon auf, und für ein Verhör ohne vorherige Verständigung wäre der Augenblick sehr ungünstig gewählt." Die Fahrt ging rasch von Statten. Sie suhren nur bis in die Nähe der Promenadenstraße, dann eilten sie zu Fuß nach der Waldmstrane und durch den Garten nach dem Hause. Duprat hatte een Schlüssel zur Hinterthür bei sich. Sie fanden Franz ihrer harrend. _ Nun, wie ist es abgelaufen?" fragte dieser mit der Vertraulichkeit eines Alles wissenden 164 Won der Weise Sr. Waz. Schiff | „Wrinz AdakßerL." (Nach privaten Briefen.) (Schluß.) Das Weiter war schön, nur ließ ber^ etwas niedrige Barometerstand einen baldigen Umschlag der Witterung befürchten. Wir fanden eins frische Brise mit etwas Seegang, doch änderte sich bald die Gunst der Witterung, und so mußten denn, da die Fahrt nach Capstadt beschleunigt werden sollte, die Feuer angezündet und unsere Kessel geheizt werden. Unter Dampf setzten wir sodann in grobem Cours die Reise fort. Hätte unsere Sehnsucht nach dem geliebten Vaterlands in Triebkraft umgesetzt werden können, so hätten wir statt unserer 12 Knoten das Doppelte der Fahrt gehabt, so aber blieb sie nur ein Motor im Herzen und ließ uns diese Tage aus dem Ocean nur noch länger werden. Im Ganzen verlief die Reise ganz angenehm. Wir hatten häufig Gelegenheit, den Cours von Schiffen aller Nationen und auch voll deutschen Schiffen zu kreuzen. Es war das immer ein Ereigniß, welches die allgemeine Aufmerksamkeit wachrief. Auf See, wo den Menschen das ewige Einerlei von Wasser und Himmel umgiebt, ist das Geringste ein Gegenstand der Beachtung, und oft richtet schon eine besondere, ungewöhnliche Wolkenbildung die Augen nach dem Himmel. Entgegenkommende deutsche Schiffe grüßten immer nach Landsmannart mit Flagge und Signalen. Es waren gewöhnlich die Fragen: „Wie heißt das Schiff?" „Wo zu Hause?" und „Welches Ziel?", welche ausgetauscht und dann mit einem gegenseitigen „Glückliche Reise" abgebrochen wurden. Deutschs Dampfer von Bremen und Hamburg befuhren am häufigsten die Straße, und zwei Mal kreuzten wir auch mit gegenseitigem „Hurrah!" die Postflagge des Bremer Lloyd. Die Nächte waren meistens schön. Frischte die Brise auch manchmal zu einem kleinen Winde auf, so hatten wir doch im Allgemeinen nicht unter der Ungunst der Witterung zu leiden, und auch die eigentliche Urheberin des ganzen Zaubers, den man im Atlantic bei gutem Wetter immer genießen kann, die Sonne, blieb tagelang in unvergleichlicher Pracht bei uns. Zur Nachtzeit ergoß an den schönen Tagen das Mondlicht sein Silber über die zitterige Oberfläche der See und erzeugte dann jenes wahrhaft magische Geflimmer von Lichtschuppen, Silberringen und flüssigen Funken, wie dies ein einzigartiger Schmuck des Atlantic ist. Unsere Reise nach Capstadt wurde mit Exercitien an den Segeln und Geschützen fleißig ausgefüllt. An jedem Vormittag und Nachmittag, wenn es das Wetter irgend zuließ, wurden die Geschütze losgemacht und die Wache in die Takelage commandirt, wo Segel los und Segel fest in allen Variationen exercirt wurde. Das großartige, landschaftliche Bild, welches Capstadt mit dem Tafelberg bildet, bekamen wir nach einer 20tägigen Reise in Sicht. Das weiße Häusermeer der Stadt mit seinem üppig grünen Baumschmuck hob sich aus der brandenden See, die sich an den „Loivenkopf und die Molen" schlägt, als wir in dis weitschauende Bai vnsern Cours nahmen und an schnaubenden Dampfschiffen vorbei majestätisch die Einfahrt passirten. Wir blieben draußen auf der Rhede und gingen hier vor Anker, nachdem wir der englischen Flagge auf dem Fort zuvor unser Salut gegeben hatten. Mit der Post, die wir einige Stunden nach unserer Ankunft an Bord bekamen, war die Ordre eingetroffen, sofort, nachdem wir unsere Kohlen- und Proviantvorräthe ergänzt hatten, unter Dampf nach Sansibar aufzubrechen, wo wir uns noch auf eine Station einzurichtcn hatten, ehe uns die endliche Heimreise beschieden sein sollte. Von Besuchen an Land war hier also nicht viel die Rede. Nnsere kurz besessene Zeit wurde zu der Einrichtung auf diese letzte Mission vollauf gebraucht. Kohlen wurden „getrimmt", Provianteinkäufe besorgt und dann die Ausrüstung für ein Landungscorps complet gemacht, weck wir in Sansibar Mannschaften auszuschiffen und sonst allerlei gcheimnißvolle Dinge auszurichten haben sollten, wozu erst an Ort und Stelle die Befehle erlassen werden sollten. Die Temperatur war in Capstadt eine kannibalisch heiße, und da wir auf eine nördlichere Gestaltung derselben sicher nicht zu rechnen hatten, so waren die hervorgeholten und hier vervollständigten „Tropenanzüge" Jedem sehr angenehm. Während die Uniformen für Officiere und Mannschaften, sofern nicht für letztere die aus einer Art Drillich gefertigen „Arbeitsanzüge" befohlen sind, aus blauem Tuch und Wollenzeug bestehen, sind diese Tropsnanzüze aus leichter Baumwolle und aus Leinwand gefertigt. Officieren und Mannschaften ist der „Tropenhelm" nach Art der englischen Helme gemeinsam. Die Officiere trugen an Stelle des blauen Uniformrockes einen weißen Rock mit den Uniformknöpfen im Schnitt des ersteren. An Stelle der Stiefel durften zum weißen Rock Schuhe aus ungewichstem gelben Leder getragen werden. Säbel und Schärpe gehörten aber selbstverständlich auch zu dieser Equipirung. Für die Ausrüstung der Mannschaften, welche zu dem Land- ungscorps bestimmt werden sollten, war Folgendes sorgeschrieben: Strohhut mit Stunnband und Nackenschleier, welch' letzterer mit einer Schnur um den Hut befestigt war; Taschentücher aus weißer Leinwand, welche die Mannschaften sonst nie erhalten, und zwar zwei Stück für jeden Mann; Handtücher in der gleichen Anzahl; eine Leibbinde aus wollenem Stoff gefertigt; eine wasserdichte Unterlage, als Feldbett oder Feldmatratze dienend, die aus gummirtem Stoff gefertigt ist; eine Netzhängematte aus Hanf in einer mit Traggurt zum Umhängen eingerichteten Tasche aus Ledertuch; ein Taschenfilter und Kochgeschirre. Mit solchen Feldausrüstungen complet versehen, bereiteten wir den Ausbruch von Capstadt nach Ostafrika vor. ßtedMoni A. Hcheyda, Druck und Verlag der Briihl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Metzen.